Samstag, 29. September 2018
Sechs Seeleute
Geschrieben 2016


Sofern sie überhaupt berücksichtigt werden, beläuft sich ihre Erwähnung zumeist auf die Formel „Dabei kamen auch sechs Seeleute um“. Wikipedia führt bemerkens-werterweise immerhin ihre Namen an.* Danach handelte es sich um den Ersten Ingenieur Caspar Borbely, dessen Verlobte Beatrix van der Hoeven und die Matrosen Carlos Medina, Vito Marcos Fortes, Andrew Davis und Silvester Roberts. Da sich nähere Angaben nicht finden, ist es vielleicht gestattet, wenn ich mich notgedrungen an den Täter halte. Er hatte noch einen Spießgesellen, Hans Peter Daimler, den ich hier vernachlässigen möchte.

Die genannten sechs Seeleute waren 1977 im Indischen Ozean die Opfer einer Explosion ihres Frachters Lucona geworden. Das Schiff ging unter. Angeblich versank dabei auch eine komplette Wasch- und Aufbereitungsanlage für Uranerz in den Fluten. Der Wiener Schlawiner Udo Proksch hatte dieses Phantom für sehr geeignet gehalten, knapp 30 Millionen DM Versicherungsgelder auszuspuk-ken. Deshalb hatte er eine Attrappe verladen lassen und für die Explosion gesorgt. Dabei hatte er die Möglichkeit von doppelt sovielen Toten in Kauf genommen, bestand die Schiffsbesatzung doch im ganzen aus 12 Personen. Im Zuge argwöhnischer Enthüllungen, die geradezu das Ausmaß einer österreichischen Staatsaffäre annahmen und zu mehreren Rücktritten hoher Politiker und einem toten Verteidigungsminister führten, sah sich der kleinwüchsige Tausendsassa allerdings selber gezwungen unterzutau-chen. Er floh durch die halbe Welt. Schließlich wurde Proksch trotz einer Gesichtsoperation, die in Manila vorgenommen worden war, Ende 1989 aufgespürt und 1991 vom Wiener Landgericht zu 20 Jahren Haft verurteilt. Damit war er endlich berühmt. Der Fall brachte bereits mehrere Bücher hervor.

Mit Prokschs „Stehsärgen“ hatte es nicht so recht geklappt, obwohl sie eigentlich einen bemerkenswerten Beitrag zur Geschichte des Neuigkeits- und des Größenwahnes darstellten. Gewiß hatten wir schon immer Denkmale, die die Vertikale betonen, man denke nur an die Pyramiden und die gallischen Hinkelsteine, all die Tempelsäulen, Kirchtürme und Wolkenkratzer, Michelangelos David, Constantin Brancusis Endlose Säule und die in die Länge gezerrten, gleichsam ins Verschwinden gedehnten Menschenbildnisse Alberto Giacomettis. Doch unsere Leichname selber waren bestenfalls aufgebahrt; sonst hockten, saßen oder lagen sie. Der 1934 geborene Proksch, ursprünglich Designer, später Chef der Wiener Hofzucker-bäckerei Demel und mit aller Wiener Prominenz per Du, löste das Problem nachhaltiger Standhaftigkeit um 1975 durch Plastikröhren, die er im Rahmen seines Vereins zur Förderung der Senkrechtbestattung als „Stehsärge“ ausgab. Allerdings scheint der Absatz nicht floriert zu haben. Der Nebeneffekt der „Stehsärge“, analog New Yorker Wolkenkratzer auf dem Friedhof Grundstückspreis zu sparen, wurde nicht honoriert. Dem Wiener Journa-listen Michael Frank zufolge, damals Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, diente das „schmähführende merk-würdige Konstrukt“, das sich nirgends näher beschrieben geschweige denn vorgestellt finde, vordringlich dazu, Proksch mit dem österreichischen Bundesheer in Verbindung zu bringen. Der Zuckerbäcker liebäugelte nämlich mit 100 Kilogramm Sprengstoff, die er auch bekam. Angeblich verpulverte er sie restlos auf einem tiroler Truppenübungsplatz um Werbefilme herzustellen, mit denen er seine „Stehsarg“-Plastikröhren als Feldunter-stände für Soldaten zu verkaufen gedachte – ohne Zweifel eine köstliche Umwidmung. In Wirklichkeit war aber nur ein Bruchteil des Sprengstoffs gezündet worden, wie später die Sichtung des Filmmaterials ergab. Mit dem Rest beförderte Proksch die Lucona in die Luft.

1996 besuchte ihn Zeit-Autor Helmut Schödel im Grazer Gefängnis Karlau.** Nach dem Zustand seines Gewissens befragte Schödel den Häftling offenbar nicht. Dafür gab Proksch, der in jungen Jahren mit der Burgschauspielerin Erika Pluhar verheiratet war, Erstaunliches zum Krieg zu Protokoll. Er entspringe den Männern, weil sich diese nicht ins Blut schauen könnten. „Die Frau sieht das jeden Monat; wir Männer müssen uns erst den Bauch aufreißen.“ Proksch starb im Juni 2001.

Man könnte sich bei dieser Gelegenheit fragen, warum eigentlich Armand Hammer nie im Knast saß? Der stein- und einflußreiche US-Industrielle war bis zu seinem Tod (1990) seit Jahrzehnten Eigentümer und oberster Chef der Occidental Petroleum, die u.a. in der Nordsee die mit rund 225 Männern besetzte Öl- und Gas-Bohrinsel Piper Alpha betrieb. Am 6. Juli 1988 flog sie in die Luft beziehungs-weise rann sie, zerschmolzen, ins Meer. Ein Feuer war ausgebrochen. Das schwere Unglück, für das bis heute niemand strafrechtlich belangt worden ist, forderte 167 Todesopfer, von den Verletzten und den gewaltigen ökologischen Schäden einmal abgesehen. Die meisten Quellen betonen die groben Fahrlässigkeiten, die sich verschiedene Verantwortliche geleistet hatten. Winfried Dolderer zitiert*** sogar den Boß selber, Hammer, der den leitenden Angestellten bei einem vorausgehenden Besuch auf der Plattform eingeschärft haben soll: „Das ganze Geld, das zur Küste gepumpt wird, geht verloren, wenn ihr diese Plattform abschaltet. Das lassen wir nicht geschehen.“ Dagegen zeigt sich kaum einer vom Grundsätzlichen erschrocken, nämlich dem Erfinden, Bauen und Betreiben von Öl- und Gas-Bohrinseln, Flugzeugträgern, Kernkraft-werken und dergleichen mehr. Dieses wird nicht als fahrlässig und kriminell erachtet, vielmehr als fortschrittlich.

1995 wurde die bislang größte Bohrinsel der Welt in Betrieb genommen – ebenfalls in der Nordsee. Nachdem sie vorort geschleppt und dann, vier Betonbeine voran, auf den Grund (Meerestiefe 300 Meter) abgesenkt worden war, sackte sie erst einmal neun Meter ein. Sie wiegt, ohne Ballast und je nach Quelle, um 670.000 Tonnen. Das entspricht ungefähr dem Gewicht von 10.000 Diesel-lokomotiven. Man taufte die künstliche Insel auf einen ähnlich lustigen Namen wie schon Hammer ihn trug: Sea Troll.

* WP Lucona
** Zeit 26. April 1996
*** Deutschlandfunk 6. Juli 2013

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