Samstag, 29. September 2018
Ein paar Robin Hoods
Geschrieben 2014


Fast jede Gegend hat ihren „Robin Hood“. Streifen wir zunächst die Rhön. Der ehemalige Weilarer Schäfers-knecht Johann Heinrich Valentin Paul, geboren 1736, auch Rhönpaulus genannt, setzte sich mit knapp 30 als verwundeter Soldat von der Truppe ab und verbarg sich in einer am Neuberg bei Glattbach gelegenen Höhle seines Heimatgebirges, wo er sich nun mit Beraubung Wohlha-bender, Wilderei und Schmuggel (vornehmlich von Salz) über Wasser hielt, dabei jede Körperverletzung vermied, wie behauptet wird*, und Teile der Beute notleidenden Einheimischen zusteckte – bis er verraten und 1780, wohl mit 44 Jahren, aufgeknüpft wurde.

* Webseite rhoenline

Der „Robin Hood“ des Hunsrücks hieß Schinderhannes. Er kam 1803 in Mainz mit ungefähr 23 unters Fallbeil, wobei rund 30.000 Schaulustige ihre Unterhaltung gehabt haben sollen. Wie sich versteht, hat die Legende des volks-freundlichen Schinderhannes wenig mit dem Bärenbacher Schinder-Lehrling Johannes Bückler zu tun, der seine Gangsterlaufbahn damit eröffnete, seinem Meister, woanders auch „Abdecker“ genannt, einen Stapel Kalbsfelle zu entwenden. Vielleicht standen sie ihm ja wirklich zu, wie er später behauptete, aber was er in der Folge mit wechselnden Spießgesellen bei zahlreichen, vornehmlich jüdischen Krämern und Viehhändlern der Gegend zusammenstiehlt, um sich nicht mehr „schinden“ zu müssen, geht in moralischer Hinsicht kaum auf eine Kuhhaut. Von „Wohltaten“ keine Spur. Das ficht natürlich Carl Zuckmayers Drama Schinderhannes von 1927 nicht an, mit dem sich der Rheinhesse einen guten Teil seines Weltruhms erschrieb. Vermutlich wäre er der historischen Wahrheit auch mit Andreas Balzar nicht näher gekommen, ging doch Zuckmayers Trachten dahin, ein Gegengewicht zu Piscators politischem Theater zu setzen, wozu es eben eines uns ans Herz greifenden Räubers bedurfte. In Wirklichkeit dürften auch einige Tote aufs Konto der Bückler-Bande gehen, nur nicht aus den Reihen der Fuggers oder Fürsten.

Wie es aussieht, hätte der 1769 in Höchstenbach geborene Pfarrerssohn Andreas Balzar schon eher das Zeug zu einem „Robin Hood des Westerwalds“ gehabt. Während er in Herborn die Hohe Schule besuchte, schulte er sich in krimineller Hinsicht im fürstlichen Park in Wilderei. Als ihn sein Erzeuger verstieß, ging er nach Rußland, wo er Geschmack am Soldatenberuf fand und bis zum Kapitän einer zaristischen Leibgarde aufstieg, was ihm wahrschein-lich einige Jahre später, 1797 in Westerburg, die Schmach des Enthauptens oder Erhängens ersparte. Er wurde nur erschossen. Aus unbekannten Gründen in den Westerwald zurückgekehrt (der damals Zankapfel französischer und österreichischer Truppen war), hatte Balzar seinen eigenen Verein aufgemacht, eine Räuberbande. Auch mit ihr blieb er vorwiegend der Wilderei treu. Als sich angeblich ein französischer Offizier an Balzars Flammersfelder Braut verging, blies er seine Mannen wie auch alle einheimischen mutigen Burschen erst recht gegen die Franzosen, was ihm in manchen Nachschlagewerken den Ruf eines „Freischär-lers“ eingebracht hat. Zu einer allgemeinen Volkserhe-bung reichte es jedenfalls nicht. Balzar wilderte weiter, verbündete sich gelegentlich mit österreichischen („kaiserlichen“) Einheiten, wurde von den Franzosen als Le capitain noir (Der schwarze Hauptmann) gejagt. Der übliche Verrat brachte ihm mit 28 die Verhaftung und das Todesurteil ein.

Im Gegensatz zu Bückler wurde Balzar Genugtuung durch Legendenbildung nur gering zuteil. Vom Weilburger Schulmeister Christian Spielmann, später Direktor des Stadtarchivs Wiesbaden, gestorben 1917, wird zuweilen das 1906 in Leipzig erschienene Werk Balzar von Flammers-feld. Roman vom Westerwalde erwähnt, das möglicher-weise 1926 noch einmal in Westerburg aufgelegt wurde, inzwischen aber so gut wie verschollen ist.

Bernhard Matter wirkte vornehmlich im Kanton Aarau, Schweiz. Normalerweise hätte man ihn als Berufsdieb bezeichnet, von denen es bekanntlich viele gibt. Da sich die Einbrüche, Schmuggeltouren und Überfälle des gelernten Maurers, die er teils allein, teils mit Bande vornahm, ausschließlich gegen wohlhabende MitbürgerInnen richteten und er zudem einen guten Teil der Beute zu Spottpreisen unter die armen Leute gebracht haben soll, erwarb sich Matter jedoch, neben dem Ruhm als Meisterdieb, Herzensbrecher und Ausbrecherkönig, im Laufe der Legendenbildung den Titel des Schweizer Robin Hoods. 1854, ein Jahr nach seinem jüngsten Ausbruch, wurde der „von allen Maitli“ begehrte Gastwirtssohn, wohl durch Verrat, in einer Teufenthaler Herberge aufgespürt und noch im selben Jahr in Lenzburg von Staats wegen, mit dem Schwert, enthauptet. Wieviele Morde der erst 33jährige auf dem Gewissen hatte? Keinen. Es heißt, er habe nicht einem Opfer oder Ordnungshüter auch nur die Haut geritzt. Aber er hatte hartnäckig das heiligste Menschenrecht des Kapitalismus verletzt, das Eigentum.

Der Wiener Robin Hood Johann „Schani“ Breitwieser endete 1919 mit 27 Jahren. Sein letzter Coup galt der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik der Sippe Mandl, die sich auch noch um den Zweiten Weltkrieg verdient machte. Breitwieser erntet bei diesem „Bruch“ eine halbe Million Goldkronen, wird allerdings kurz darauf in St. Andrä bei Wien von der Polizei in seinem damaligem Unterschlupf erspäht und im Eifer der Fahndung erschossen. Seinem Begräbnis sollen 20.000 bis 40.000 Menschen beigewohnt haben.
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