Samstag, 29. September 2018
Drei Jugendliche
Geschrieben 2014 und 18


Adolf Grillparzer (1800–17), „kleptomanischer“ Bruder des Franz G., ertränkt sich mit 17 in der Donau. Zwei Jahre darauf erhängte sich die Mutter der Brüder. Über den lieben Franz sind wir „natürlich“ gut im Bilde. Folgt man der Berliner Germanistin Dagmar Fischer*, hatte der künftige Wortkünstler ein fast eheliches Verhältnis zu seiner schwermütigen Mutter, die mit Sorgen, dann Krankheit und Geistesverwirrung geschlagen wurde. Der Vater, ein der Aufklärung verpflichteter und angeblich hochverschuldeter Wiener Advokat, war bereits 1809 gestorben. Franz bringt es bis zum Hofkammerarchiv-Direktor und schon zu Lebzeiten berühmtem Dramatiker. Trotz Neigung zu Neurasthenie und Melancholie wird er 81.

Über Adolf ist im Internet so gut wie nichts zu finden, Fischer eingeschlossen.** Zum Beispiel habe ich keine Ahnung, ob er bereits im Erwerbsleben stand. Die Webseite der Grillparzer-Gesellschaft wird gerade überarbeitet (Aug. 2018). In Gerhard Scheits Rowohlt-Monografie*** über Franz G. wird dessen jüngster Bruder mit drei Zeilen gestreift. Er war eben vergleichsweise unwichtig. Aber er dürfte denselben gefühlskalten, abweisenden Vater (von insgesamt vier Söhnen) gehabt haben, und es wäre doch interessant zu wissen, warum er dann nicht auch einen ähnlich erfolgreichen Weg wie Franz einschlagen konnte. Ein knappes Jahr vor Adolfs Gang in die Donau war Franz, 26, durch die Uraufführung seines Stücks Die Ahnfrau schlagartig berühmt geworden. Wer weiß, ob das für den „Taugenichts“ nicht ein zusätzlicher Stachel gewesen war. Diese Vermutung legt auch der Wiener Musikwissenschaftler Max Graf nahe, wenn er (1910) behauptet, Adolf habe sich ebenfalls als Stückeschreiber versucht, sei damit jedoch, „weniger dichterisch begabt als sein Bruder“, gescheitert.****

Meine briefliche Frage an Scheit, ob er vielleicht und freundlicherweise nähere Angaben über Adolf machen oder entsprechende Quellenhinweise geben könnte, blieb ohne Echo. Möglicherweise war der Anfrager ebenfalls „vergleichsweise unwichtig“.

* Franz Kafka, der tyrannische Sohn, Ffm 2010, S. 123–26
** Immerhin zitiert sie die auf einen Zettel gekritzelten „ergreifenden“ Abschiedsworte des jüngeren, 17jährigen Bruders. Lieber Franz oder Mama wer mich findet, da ich immer mehr in das Stehlen hineingekommen wäre, so habe ich den Entschluß gefaßt, mir selbst das Leben zu nehmen. Viel belogen habe ich die Mama und den Franz, doch ich bitte um Verzeihung, und mir nicht zu fluchen [...].
*** Reinbek 1989, in der 2. Auflage von 1994 auf S. 48
**** „Die innere Werkstatt des Musikers“, in: Bernd Oberhoff (Hrsg): Psychoanalyse und Musik, Gießen 2002, S. 31


Der griechische Schüler Alexandros Grigoropoulos zählt zu den wenigen Todesopfern staatlicher Gewalt, deren unmittelbare Mörder nicht mit einem blauen Auge davongekommen sind. Er starb mit 15. Er war im Dezember 2008 mit einigen Tausend anderen Gegnern der sogenannten „Globalisierung“ und deren verheerenden Folgen für die griechische Volkswirtschaft im Athener Stadtteil Exarcheia auf die Straße gegangen – bei diesem Protest wurde er erschossen. Damit konnte das übliche Abwiegeln und Verleumden seitens der staatstragenden Kräfte beginnen. Was die beteiligten Polizeibeamten betrifft, beteuerten sie noch vor Gericht, sie seien mit Steinen und Flaschen beworfen worden und hätten nur Warnschüsse abgegeben. Den 15jährigen hätte es dummerweise durch einen Querschläger erwischt. Jedoch, das Wunder geschah: Im Oktober 2010 wurde der Polizist Epameinondas Korkoneas wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, was bedeudet, das Gericht billigte ihm noch nicht einmal mildernden Umstände zu. Er habe „mit unmittelbarem Vorsatz“ gehandelt, nämlich, entgegen eines Rückzugsbefehles aus der Einsatzzentrale, „in ruhiger Verfassung“ seine Pistole gezogen und zwei Schüsse auf Grigoropoulos abgegeben. Ein zweiter Polizist, Vassilis Saraliotis, bekam wegen Mittäterschaft 10 Jahre. Das Klima der Aufhetzung durch Vorgesetzte, Politiker-Innen, Medien stand freilich nicht zur Debatte. Wie zu erwarten, hatten die tödlichen Schüsse in jenem Winter zu einer erheblichen Ausweitung der „Unruhen“ geführt. Es kam aber leider nicht zur Abschaffung der Polizei oder wenigstens dem Landesverweis aller Agenten der Weltbank und der Europäischen Zentralbank. Deshalb ist Griechenland eine heiße Gegend geblieben.

Michael Brown, 18jähriger US-Afroamerikaner, im August 2014 in Ferguson, Missouri, von weißem Polizisten erschossen, worauf es zu beträchtlichen Unruhen kam. Diese wiederholten sich im November, nachdem verkündet worden war, der Schütze werde nicht belangt.

Während zwei Drittel der rund 20.000 EinwohnerInnen dieses Vorortes von St. Louis schwarz seien, gebe es in Ferguson fast ausschließlich weiße Polizisten, versicherten Nachrichtenagenturen.* Der schwarze Oberschüler, offen-bar bis dahin nie „straffällig“, war um Mittag mit einem Freund in der Stadt unterwegs gewesen. Wahrscheinlich hatten die beiden kurz vor dem tödlichen Vorfall versucht, in einem Laden Zigarillos zu stehlen. Die Zeugenaussagen ergeben kein klares Bild. Als sich Brown, 1,93 groß, womöglich bedrohlich einem Streifenwagen näherte, gab der Polizist Darren Wilson im ganzen 12 Schüsse auf den allerdings unbewaffneten jungen Schwarzen ab. Da sich große Teile der „Öffentlichkeit“ an eine Hinrichtung erinnert fühlten, strengten sich die Behörden umso emsiger an, das Bedrohungsszenario glaubwürdig erscheinen zu lassen. Nach vielen Quellen waren die örtlichen uniformierten „Ordnungskräfte“ freilich schon länger für ihren Rassismus bekannt. Unter anderem belegten sie die meist armen (und schwarzen) Sünder der Stadt mit einem Hagel aus Strafmandaten, der Geld in die Stadtkasse schwemmte. Im Rahmen der jüngsten Unruhen gingen sie auch „robust“ gegen Journalisten vor, von denen unliebsame Dokumente zu befürchten waren. Einige US-Senatoren beklagten aus Anlaß der Erschießung Browns die unaufhaltsame, bundesweite Militarisierung der Polizei.

Anderthalb Jahre später sieht sich die US-Regierung zu der possenhaften Augenwischerei genötigt, die Stadt Ferguson zu verklagen, weil sie die vereinbarten Polizei-reformen noch immer nicht umgesetzt habe.** Ich wäre nicht verblüfft, wenn das US-Imperium, der Weltpolizist, noch in diesem Jahrhundert im Blute heimischer Banden- und Bürgerkriege ertränke.

Zur selben Zeit behauptet Die Zeit in grammatisch bedenklicher Weise: „Junge schwarze Männer werden in den USA fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie junge weiße Männer.“ 2015 sei diesbezüglich ein Rekord-jahr gewesen. Somit hatte Browns Todesjahr noch eine Steigerung erfahren. Im ganzen hätten US-Polizisten im Rekordjahr 1.134 Menschen erschossen.***

* Zeit Online am 25. November 2014
** n-tv.de am 11. Februar 2016
*** Zeit Online am 1. Januar 2016

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