Samstag, 29. September 2018
Egon Friedell
Geschrieben 2016


Geboren 1878 in Wien, wird Schauspieler und Schrift-steller und bleibt offiziell zeitlebens Junggeselle. Nach Auskunft* des Dramatikers Carl Zuckmayer, der mit ihm befreundet war, lebte Friedell in seiner Wiener Wohnung „allein mit einer Haushälterin [Hermine Schimann] und einem kleinen Hund unbestimmbarer Rasse, von ihm mit 'Herr Schnack' und immer per Sie angeredet, der darauf dressiert war, Zeitungen mit törichten Artikeln oder gar ärgerlichen Kritiken in kleine Fetzen zu zerreißen.“ Das Herrchen schrieb selber Unmengen bissig-eleganter Theaterkritiken und anderer Betrachtungen, daneben Großessays, voran seine so eigenwillige wie unterhaltsame Kulturgeschichte der Neuzeit, erstmals 1927–31 in drei Bänden erschienen. Sie stand ihm selber im Umfang kaum nach. In meiner einbändigen Dünndruckausgabe (München 1974) hat sie noch immer rund 1.500 Seiten. Zuckmayer zufolge hatte der kurzhälsige und breitschul-trige, mitunter bis zum Platzen saufende Dicke einen mächtigen Kopf, bei dem Stirn und Nase ineinander übergingen „wie auf Cäsaren- oder Feldherrnporträts antiker Münzen, seine Lippen über dem starken Kinn wirkten weich, wenn auch sarkastisch, und um Augen und Mund lag immer ein Zug von Verspieltheit.“

Friedell schätzte auch und gerade beim Arbeiten Pfeife, Diwan und Schlafrock. Überraschende Störungen machten ihn kränker als seine ungesunde Lebensweise. Als Sohn eines jüdischen Seidentuchfabrikanten war er nicht unbedingt auf Honorare angewiesen, also wohlversorgt, hatte dafür allerdings eine Rabenmutter in Kauf zu nehmen, die mit einem anderem Mann durchbrannte, als ihr Jüngster noch kaum laufen konnte. Vielleicht wirkte das nicht nur in allgemeiner Verletztlichkeit, sondern auch in seiner berüchtigten „Freßgier“ nach. Sie schloß sogar Bücher ein … Jedenfalls brachte sich dieser kluge und belesene Witzbold wenige Tage nach dem „Anschluß“ Österreichs an das faschistische Deutschland (11./12. März 1938) auf eine Weise um, die sich mit seiner Vorliebe für die Bühne und fürs Anekdotische deckte. Günstigerweise lag seine Wohnung (Gentzgasse 7) im 3. Stock. Als sich am späten Abend zwei SA-Leute bei seiner Haushälterin erkundigten, ob hier „der Jud Friedell“ wohne, warf sich der 60jährige durch ein Fenster aufs Straßenpflaster. Er war sofort tot. Augenzeugen versicherten angeblich, vor Absprung habe er umsichtig „Obacht!“ oder „Treten Sie zur Seite!“ gerufen. Ob wahr oder nicht, die Umsicht hatte er schon vorher bewiesen. Wenn etliche Quellen von einem Sprung „im Affekt“ erzählen, ist es genauso irreführend wie Zuckmayers Behauptung, die beiden SA-Leute hätten gar nicht zu Friedell gewollt, womit er ja sozusagen, durch eine klassisch-komödienhafte Verwechslung, zu früh gesprungen wäre. Zum Selbstmord war er in jedem Fall entschlossen, das bestätigten später etliche Freunde, darunter auch Zuckmayer. Friedell wollte nicht emigrieren, er hing an Wien und seinem Schreibtisch, hatte sich deshalb schon, vergeblich, um Gift und Pistole bemüht. Offen ist lediglich, ob ihn die Nazis an jenem Abend bereits zu verhaften oder nur einzuschüchtern gedachten.** Trifft das letztere zu, hatten sie durchschlagenden Erfolg.

Von Friedells Landsmännin Hilde Spiel gibt es einen 1960 veröffentlichten Essay über ihn, der zu unrecht viel zitiert wird.*** Da sie eine Erzbürgertante ist, kann ich ihr lediglich anrechnen, Friedells penetrante „Geniegläu-bigkeit“ zu erkennen und sogar zu rügen. Mir selber fällt an Friedell, genauer seiner erwähnten Kulturgeschichte, voran die verblüffende Paarung von Engstirnigkeit (Voreingenommenheit) und Toleranz auf. Er achtet den Mensch und seine Liebesmüh auch dann, wenn ihm deren Richtung oder Ergebnis mißfällt. Er findet an allem etwas Gutes und verachtet eigentlich nichts. Das hindert ihn freilich nicht, unablässig auf den „Antichrist“ oder auf den „Sozialismus“ einzuhacken. Friedell ist im Kern Idealist, Frömmler und Antidemokrat. Dagegen ist er weder Melancholiker noch Misanthrop. Hielte er den Menschen grundsätzlich für eine mißratene Erfindung, könnte er sich nicht an so vielen Menschen und Menschenwerken der unterschiedlichsten Art ergötzen. Wie sich versteht, geht das für meinen Geschmack oft zu weit. Lobt er wiederholt seinen zwielichtigen und peinlich in sich selbst verliebten**** Zeitgenossen Carl Ludwig Schleich, Arzt und Schriftsteller in Berlin, mag man es, eben wegen des fehlenden Abstands, noch hinnehmen. Bei Wagner und Nietzsche hört es aber für mich auf. Nebenbei bringt es Friedell fertig, nicht nur Rudolf Steiner nicht zu erwähnen, im Grunde zwar kein Verlust, sondern auch Anton Tschechow nicht. War der Russe vor 1930 in Deutschland nur Eingeweihten bekannt? Am meisten hebt Friedell auf der geistigen Seite Emerson und auf der politischen Bismarck in den Himmel. Der zweite Umstand ist natürlich eine Katastrophe – er unterstreicht aber meinen Hinweis auf den antidemokratischen und vernagelten Zug des Friedellschen Denkens.

Freilich gönnt einem Friedell selbst hierin keine Widerspruchslosigkeit. So zeigt er sich immer wieder sowohl als Hasser des Staates wie der Arbeit. Man glaubt dann jedesmal, in einer anarchistischen Gemeinde wie Konräteslust wäre eine Mann wie Friedell – bei seiner Bildung, Buchstabenungläubigkeit, Beobachtungsgabe, Anschaulichkeit, Zungenfertigkeit sowie Humor- und Leibesfülle – der ideale BG-Leiter oder Nessepost-Redakteur gewesen, aber Pustekuchen. Ein paar Seiten weiter erbaut er sich wieder an ellenlangen Schlachten-beschreibungen oder am Vermögen „des Italieners“ (der Renaissance), gesellschaftlichen Reichtum auf möglichst feinsinnige oder jedenfalls unterhaltsame Weise aus dem Fenster zu schmeißen. Gemeint ist natürlich der adelige oder der betuchte Italiener. Ein Seitenstück zu Friedells elitärem Zug ist seine Vorliebe für Fremdworte, bei denen wahrscheinlich sogar Hilde Spiel zum Griff nach dem Wörterbuch gezwungen war. Eine neue Sicht auf die Welt hat Friedell nicht zu bieten – aber eine ungewöhnlich reichhaltige Fundgrube für Zimmerer und Maler am eigenen Weltbild, falls dazu noch jemand die Muße und die Geduld haben sollte.

Eine andere Frage wäre, warum sich Friedell diese wahr-hafte Herkulesarbeit auflud. Ich kann sie einstweilen nicht beantworten. Vielleicht hülfen hier die drei oder mehr Biografien weiter, die es inzwischen schon über ihn gibt.

* Als wär's ein Stück von mir, 1966, hier Sonderausgabe Ffm 2006, S. 79–82
** ORF-Gespräch mit Christian Goeschel, 12. Januar 2012
*** „Egon Friedell“ in Welt im Widerschein. Essays, München 1960, S. 255–63
**** Besonnte Vergangenheit. Lebenserinnerungen eines Arztes, Berlin 1920

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