Samstag, 29. September 2018
Clara Immerwahr
Geschrieben 2016


Mit 30 erster weiblicher Doktor der Universität Breslau (ihr Fach: Physikalische Chemie), unterlief Immerwahr bereits ein Jahr darauf, 1901, der verhängnisvolle Fehler, die Gattin Fritz Habers zu werden, den sie in einer Tanzschule kennengelernt hatte. Damals war er Professor in Karlsruhe. Ab 1911 stand er sogar, als „Geheimrat“, dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie in Berlin-Dahlem vor. Damit war die Forschungstätigkeit der Professoren- und Geheimratsgattin, die 1902 unter Mühen einen kränklichen Sohn geboren hatte, endgültig beendet. Als solche hatte sie freilich nicht mehr lange zu leben. Dem Witwer schanzte man 1918/19 den Nobelpreis zu: offiziell für die Erfindung des Kunstdüngers. Das hätte Clara vielleicht noch geschluckt, weil ihr Erzeuger, ein schlesischer Gutsherr, ebenfalls schon erfolgreich mit Kunstdünger experimentiert hatte. Aber zum einen kam Habers Herstellung künstlichen Ammoniaks nicht nur landwirtschaftlichen sondern auch militärischen Gelüsten entgegen (Sprengstoff); zum anderen war er daneben federführend an der Entwicklung des Giftgases beteiligt gewesen, das die Deutschen mit der erwünschten verheerenden Wirkung im zurückliegenden Weltkrieg eingesetzt hatten, dabei oft mit Wissenschaftler, Beobachter und Einsatzleiter Fritz Haber an vorderster Front. Seiner Gattin kommt das (1915) bereits bei Probevorführungen mit Haustieren als „Perversion der Wissenschaft“ vor. Von ihren Einsprüchen läßt sich Haber jedoch nicht beirren. Dagegen ist die Chemieindustrie begeistert, sind doch die Exportmärkte für Chlorgas über Nacht „weggebrochen“, weil sie nun in Feindesland liegen. Am 22. April 1915 findet der erste große tödliche Giftgaseinsatz statt: mit 150 Tonnen Chlorgas nach dem Haberschen Blasverfahren an der Westfront bei Ypern. Nach dem Gelingen dieses Einsatzes endlich zum „Hauptmann der Reserve“ befördert, lädt Haber für den 1. Mai in seine Dahlemer Villa zum Festgelage ein. Am nächsten Morgen, während Haber noch seinen Triumph ausschläft, entwendet Immerwahr seine Dienstpistole und versetzt sich unter den Parkbäumen der Villa, nach einem Probeschuß in die Luft, einen Schuß ins Herz. Nach spätestens zwei Stunden ist die 44jährige tot.

Ein antimilitaristisch-moralischer Untergrund ihrer Selbsttötung ist wahrscheinlich, nur leider nicht belegbar, weil verschiedene entsprechende Dokumente, darunter vom Hauspersonal bezeugte Abschiedsbriefe, teils durch den Krieg, vor allem jedoch durch vorsorgliche Eingriffe familiärer Hände verloren gingen. Die Weste des Giftgasfürsten sollte kein Fleckchen Blut aufweisen. Zudem läßt sich aber denken, daß es Immerdar angesichts ihres kahlköpfigen, dafür schnurrbärtigen Gatten, sofern er einmal zu Hause war, inzwischen vor Enttäuschung und Ekel schüttelte. Autoritär, ehrgeizig, leicht reizbar, dürfte er für die sanftmütige Clara geradezu erdrückend gewesen sein. Wie sich versteht, war er, obwohl oder weil Jude (wie sie), ein glühender Vaterlandsverehrer. Nach ihren Einwänden gegen seine militärische Dienstbarkeit verpaßt er ihr jede Wette einen Maulkorb für öffentliche Äußerungen. Viel auf Reisen oder eben im Felde, gestattete er sich natürlich auch einige sexuelle Seitensprünge. Schon 1909 hatte Clara in einem Brief geklagt, Habers „mensch-liche Qualitäten“ seien „nahe am Einschrumpfen“.* Noch am Selbstmordtag rückt Haber plangemäß und vermutlich erleichtert an die Ostfront aus, neuen Giftgaseinsätzen entgegen. Den meisten Lesern dürfte die in Berlin und München residierende Max-Planck-Gesellschaft ein guter Begriff sein. Die Villa, in deren Garten sich Immerwahr erschoß, gehört heute zum Fritz-Haber-Institut dieser ehrenwerten Gesellschaft.

Als Haber ausrückte, blieb, neben der Leiche, der 12- oder 13jährige Hermann Haber (1902–46) zurück. Er hatte den Probeschuß seiner Mutter gehört und soll sie zuerst aufgefunden haben. Vermutlich ähnelte seine damalige Gemütsverfassung der eines alliierten Soldaten nach einem deutschen Giftgasangriff. Über sein Schicksal ist so gut wie nichts zu erfahren. Offenbar floh er, als Jude und Chemiker, in Begleitung seiner Ehefrau vor den Nazis in die USA. Dort habe er sich, wie seine Mutter und ungefähr gleichalt, ein Jahr nach Kriegsende ebenfalls umgebracht. Wie und warum, wird nicht gesagt. Diese Habers hatten drei Töchter. Prompt habe auch die 21jährige Tochter Claire Haber, die nächste Chemikerin, 1949 (in Chicago) Selbstmord begangen, ist hier und dort zu lesen. Angeblich war sie an Forschungen zu einem Gegenmittel für Gasangriffe beteiligt und nahm sich dann „überraschend“ in einer öffentlichen Toilette das Leben. Man könnte hier leicht auf das Walten genetisch gesteuerter oder moralisch-schuldbeladener Kräfte und Verstrickungen schließen, doch das wäre grob fahrlässig, solange keine Einzelheiten mitgeteilt werden.

* Nach Jörn Heher 1992
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