Samstag, 29. September 2018
Carl August Schmitz
Geschrieben 2016


Mit dem Wort „Betriebsunfall“ bezieht sich Justin Stagl in einem Vortrag* von 2000 auf die gesamte anderthalb-jährige Amtszeit des 1920 geborenen Ethnologen Schmitz als Direktor des Frobenius-Insituts der Universität zu Frankfurt/Main. Viele Eingeweihte scheinen dies ähnlich empfunden zu haben. Die Amtszeit begann im Mai 1965 und endete im November 1966 mit dem jähen Tod des hochrangigen Wissenschaftlers. Den Unfalltatbestand im engeren Sinne, den nur ich sehe, umreißt Stagl, aufgrund von Hörensagen, ungefähr wie folgt. Schmitz hatte, wohl am 17. November, gerade eine Prüfung abgenommen und in der Institutsbibliothek mit dem Prüfling auf dessen bestandenes Examen ein Glas Sekt geleert. Dann eilte er zu einer Fakultätssitzung, zu der er allerdings gar nicht geladen war. Man verwehrte ihm auch prompt den Zugang. Dadurch ergab sich vor der geschlossenen Tür des Konferenzzimmers ein heftiges Wortgefecht zwischen Institutsleiter Schmitz und einem „Vertreter der Frank-furter Schule“, wie Stagl schreibt, also einem Vertreter der materialistisch gestimmten Linken, während Schmitz von Hause aus vielleicht kein Reaktionär, aber bestimmt Idealist war. Dieser Streit nahm den 46 Jahre alten Schmitz so stark mit, daß er plötzlich einen Schlaganfall erlitt und auf dem Korridor tot zusammenbrach.

Schmitz hatte eine steile Karriere hinter sich und zählte zu den führenden deutschsprachigen Völkerkundlern. Er hatte seine Untersuchungen auf Melanesien zugeschnitten, dabei auch ein gutes Jahr „Feldforschung“ in Nordost-Neuguinea betrieben, im übrigen die Bedeutung der Religion herausgestellt – des „Überbaus“, wie die Materialisten es abtaten. Bücher und Lehrstühle folgten. Die Krönung war die „Spitzenposition“, so Stagl, in Frankfurt/Main als Nachfolger des verstorbenen „Kultur-morphologen“ Adolf Ellegard Jensen. Aber sie war nicht einmütig besetzt worden, und als sich ausgerechnet der eher konservative Schmitz als schonungsloser „Moderni-sierer“, vor allem aber als „Machtmensch“ hervortat, quoll zusätzlich zu den üblichen ideologischen und Fraktions-Kämpfen breiter Unmut auf. In „menschlicher“ Hinsicht zugeknöpft und ohne rechtes Fingerspitzengefühl, stattdessen jederzeit intrigenbereit, geriet der verheiratete Chef, dessen Gattin niemand kannte, zunehmend in die Isolation. „Sein Autokratismus stieß auch jene Instituts-mitglieder ab, die zunächst bereit gewesen waren, es mit ihm zu versuchen“, urteilt Stagl. Auf Schmitz' Seite schlug sich das in Grimmigkeit, Bluthochdruck, Süßwarensucht nieder. „Der tödliche Schlaganfall im November 1966 kam wohl nur für Außenstehende ganz unerwartet.“

Wer sich für die fachlichen Differenzen in der damaligen Völkerkunde interessiert, wird bei Stagl – von Schmitz als Assistent erwogen, was sich durch den Schlaganfall erübrigt hatte – fündig. Ich übergehe sie nicht nur aus „Platzgründen“. Ich habe schon seit langem grundsätzlich den Verdacht, im Löwenanteil solcher Streitfälle in der bürgerlich oder auch kapitalistisch betriebenen Wissen-schaft (Konkurrenz!) gehe es den meisten Beteiligten eben in erster Linie darum, Ruhm zu ernten und mit Hilfe dieses Hebels Macht ausüben zu können, sprich zu herrschen. Um dieses fragwürdige Bedürfnis zu legiti-mieren, ist es aber unumgänglich, sogenannte Wahrheiten oder Neuheiten ins Feld zu führen beziehungsweise Haarspaltereien zu betreiben und dann „recht zu behalten“. Machthaber sind immer Rechthaber.

* „C. A. Schmitz – Ein Betriebsunfall am Frobenius-Institut?“, in: Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde, Band 47 (2001), S. 25–42
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