Freitag, 28. September 2018
Heinrich Scheffer
Als der liberale hessische Schriftsteller, ein Dr.phil. mit Familie*, 1838 Kirchhainer Bürgermeister wird, ist er um 30. Schon 1843 sieht er sich freilich, „im Rahmen des Hochverratsprozesses gegen Sylvester Jordan“, abgeurteilt (10 Jahre Festung) und ins Gefängnis gesteckt, wo er 1846, inzwischen 37, Selbstmord begeht.

Das Städtchen Kirchhain (bei Marburg) hatte zu Scheffers Zeit lediglich ungefähr 1.800 EinwohnerInnen. Heute sind es immerhin 16.000. Der Kirchhainer Webseite zufolge war das einstige Stadtoberhaupt vor Amtsantritt Griechenland-Freiheitskämpfer und „Abenteurer“ gewesen. Über sein Wanderleben verfaßte Scheffer auch Berichte; außerdem trat er mit Artikeln, Erzählungen, Gedichten hervor. Eine Bewertung dieser literarischen Arbeiten habe ich nirgends gefunden. Im bekannten Rebellenkreis Büchner/Weidig war Scheffer offenbar umstritten. Näheres dazu teilt mir, auf Anfrage, freundlicherweise Harald Pausch vom Kirchhainer Heimat- und Geschichtsverein im Dezember 2017 mit. Danach hatte sich Scheffer die drakonische Strafe durch seine Beteiligung am „Frankfurter Wachensturm“ (1833) zugezogen. Mit dieser Unternehmung wollten rund 100 Aufständische, vorwiegend Studenten, einen demokra-tischen Umsturz in Deutschland entfachen. Sie scheiterte jedoch, nicht zuletzt durch Verrat. Scheffer, 1832 am legendären Hambacher Fest beteiligt, hatte sich schon seit etwa 1830 bemüht, in den liberalen Kreisen um Sylvester Jordan und den revolutionären um Büchner/Weidig Fuß zu fassen, „jedoch ohne großen Erfolg“, schreibt Pausch. Wegen Scheffers unbedachten, gefährlichen Äußerungen hätten die Revolutionäre vielmehr einen kurhessischen Spitzel in ihm geargwöhnt. Nach dem Scheitern jenes „Wachensturms“ sahen etliche Kämpfer (die sich nun in den Untergrund zurückzogen) in Scheffer sogar den entscheidenden Verräter des Umsturzplans. Er habe auch prompt zu einem neuen Schlag ermuntert, jedoch kein Gehör gefunden. Dann erhob der verknöcherte Staat den Vorwurf des Hochverrats. Um „seine aufrichtige, revolutionäre Haltung unter Beweis zu stellen“ und so seinen Verruf bei den Revolutionären zu tilgen, habe Scheffer nun alles, was ihm seine Ankläger zur Last legten, bereitwillig gestanden. Mit der ungewöhnlich harten Bestrafung habe er wohl nicht gerechnet.

Im ganzen wurden damals gegen fast 40 Rebellen Todesurteile oder hohe Haftstrafen verhängt. Der Jurist, Politiker und maßgebliche Entwerfer der kurhessischen Verfassung von 1831 Jordan, ein eher zahmer Demokrat, kam aufgrund seiner großen Anhängerschaft mit einem blauen Augen davon. Sich entsprechenden Protesten und eingelegten Rechtsmitteln beugend, ließ ihn die Regierung (1845) nach kurzer Haft im Marburger Schloß wieder frei. „Scheffer hingegen geriet in Vergessenheit“, schreibt Pausch. Der Häftling habe die Grausamkeiten im Kassler Kastell nicht ausgehalten und sich (1846) umgebracht. Laut lagis-hessen „verfiel er“ im Kastell „dem Wahnsinn“ und wurde ins Casseler Landeskrankenhaus geschafft, wo er sich erhängt habe.

Pausch ist der Meinung, eine „umfassende Biographie Scheffers“ warte noch darauf, geschrieben zu werden. Ich warte mit, ist mir doch keineswegs klar geworden, ob Scheffer nun ein rechtschaffener Mann oder ein Spion war. Vielleicht weder noch, vielmehr ein Tölpel? Oder vielmehr, einer der frühen „Ankömmlinge“ im Hier und Jetzt der Pfründe? Ein zeitgenössisches Frankfurter Blatt behauptet anläßlich der Todesnachricht, von allen Verurteilten des Marburger Prozesses von 1843 habe niemandes Schicksal „so wenig Theilnahme im Publikum erweckt“ wie das von Scheffer – wohl deshalb, weil sich der einstige „exaltirte Demagog und Revolutionär“, „gegen alle Erwartung“, seit seinem Aufstieg zum Abgeordneten der kurhessischen Ständeversammlung (1839) eifrig bemüht habe, „reactio-näre Gesinnung“ an den Tag zu legen.** Man möchte dazu seufzen, heute hätte die gegenteilige Erwartung keiner mehr, doch in Wahrheit gefallen sich die Massen und die Medien dieses Planeten bis zur Stunde darin, immer neue „HoffnungsträgerInnen“ zu feiern.

* Gattin Julie Georgine und ein Kind. Es wäre hochinteressant zu wissen, was aus dem Kind geworden ist.
** Frankfurter Oberpostamts-Zeitung, Nr. 104 vom 15. April 1846

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