Freitag, 28. September 2018
Zwei Sterngucker
Johannes Fabricius (1587–1617) und dessen Vater David, eigentlich namhafte ostfriesische Astronomen, doch der Laie kennt sie kaum. Der Sohn gilt meist als Entdecker der „Flecken“ auf der Sonne. Bis dahin hielt man unsere Erleuchterin für makellos. Da sich die Lage der Sonnen-flecken im Lauf der Beobachtungen veränderte, konnte man nun auf die bereits von Kepler vermutete Eigen-rotation des Sternes schließen und die Dauer einer Umdrehung berechnen. Johannes hatte erst kurz zuvor aus Leiden das neuartige Fernrohr mitgebracht, „die hollän-dische Brill“. Sein Vater, lutheranisch gestimmter Pastor in einem Dorf bei Emden, bestätigte zwar die Beobachtung, tadelte sie jedoch sozusagen, weil sie sein frommes (geo-zentrisches) Weltbild durchkreuzte. Noch im selben Jahr, 1611, legte der Sohn eine Schrift über die Entdeckung vor.

Viel mehr ist über den Filius leider nicht bekannt. Gerade 30 geworden, will Johannes, unter anderem studierter Mathematiker, seinen medizinischen Dr. in Basel machen. Im Januar 1617 aus Wittenberg kommend, erreicht er aber die Schweiz nicht. Er stirbt vorher in Dresden. Woran, verrät kein Mensch. 1598 war Johannes, als Knabe, einer heimischen Pestepidemie entgangen. Kepler schätzte die schmale Schrift des jungen Fabricius über Sonnenflecken und sprach dem Vater auch sein Beileid zum Tod des Sohnes aus. Diese briefliche Beileidsbekundung verpaßte der Pastor jedoch aus Gründen „höherer Gewalt“. Er wurde, wie immerhin aus seinem Grabstein hervorgeht, wenige Monate nach Johannes‘ Ableben von einem gewissen Frerik Hoyer ermordet. Über die Umstände gibt es etliche Legenden – und keinen Beleg. Der Soziologe und Erzähler Hermann Korte* hält die Version für am wahrscheinlichsten, der genannte Bauer sei von der Kanzel herab des Diebstahls bezichtigt worden, weshalb er dem Pastor David Fabricius am Abend auflauerte, um ihm hinterrücks mit einem Torfspaten den Schädel zu spalten. Ob die Anschuldigung vielleicht ein Rufmord gewesen war, weiß erneut kein Mensch. Verbürgt sei dafür die Strafe: Hoyer kam unters Rad.

Für mich ist der Umstand am traurigsten, daß beide Tode so sehr im Dunkel liegen. Vom Junior weiß noch nicht einmal jemand zu sagen, ob er zum Beispiel einer Krankheit erlag, versehentlich unter eine Kutsche kam oder gar Selbstmord beging. Korte weist beiläufig auf die Zerstörung vieler Akten und Kirchenbücher durch den soeben entfachten Dreißigjährigen Krieg hin, das schon. Aber man sollte doch meinen, es hätten zumindest ein paar private Briefe oder Aufzeichnungen mit entspre-chenden Erwähnungen überdauert – beispielsweise bereits die Botschaft, durch die der Senior vom Ableben des Juniors erfuhr. Falls sie nicht in mündlicher Form eintraf, durch Boten. Heute hätte man die Aufzeichnung eines entsprechenden Telefonats; schließlich wird der Mobilfunk längst „flächendeckend“ abgehört, also auch zwischen Emden und Dresden. Mit den Speicherkapazitäten, die man für die Archivierung allen irdischen Spionage-Materials benötigt, ließe sich wahrscheinlich, sobald sie einmal erlischt, die Sonne neu aufladen.

* David und Johannes Fabricius und der Roman meines Vaters. Eine biographische Erzählung, Münster 2011, bes. S. 101–4
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