Donnerstag, 27. September 2018
Flotte Prominente
Geschrieben 2015/16


Ludwig Gandorfer + Hilde Adolf + Uwe Leichsenring + Barbara Henneberger + Camilo Cienfuegos + Helric Fredou

Der bayerische Landwirt Ludwig Gandorfer (1880–1918) vom ansehnlichen Zollhof in Pfaffenberg, Landkreis Straubing, versuchte sich auch als Politiker, zunächst der SPD, dann ab 1917, als Kriegsgegner, der USPD. Seit 1912/13 war er vollständig erblindet. Das verdankte er aber wider Erwarten nicht seiner bekannten Streitlust und Hitzköpfigkeit. Nach Richard Dill* soll ihm ein Ochse schon in jungen Jahren ein Auge ausgestochen haben. Den Verlust des zweiten Augenlichts habe seiner Familie zufolge eine Netzhautablösung aufgrund einer aus „Deutsch-Ostafrika“ mitgebrachten Malaria bewirkt. Dort hatte sich Gandorfer kurzzeitig (1904/05) als Farmer versucht. So galt er später überall als „der blinde Bauern-führer“, und zumindest die erste Hälfte dieser Bezeichnung stimmte.

Für sein Gut, wie man wohl schon sagen kann, hatte Gan-dorfer einen Verwalter. Ab ungefähr 1915 war das Xaver Seitz, der drei Jahre darauf auch in dem (angeblichen) Unfallauto neben seinem Dienstherren sitzen sollte. Gandorfer hatte zudem eine Gattin, seit 1908. Diese Ehe mit Katharina Lang blieb jedoch kinderlos und womöglich nie vollzogen. Manche munkelten, wenn (der blinde) Gandorfer mit Eisner, dem Chef des jungen bayerischen „Freistaats“ (der bald darauf in der „Räterepublik“ mün-den oder besser stranden sollte) Arm in Arm durch das „befreite“ München gezogen sei, habe sich darin nicht nur Gandorfers Nähe zur Revolution ausgedrückt. In dieser Sicht drückte sich vermutlich Schwulenhaß aus. Vielleicht war Gandorfer zu Katharina einfach zu ruppig gewesen. Als ihm sein Erzfeind Karl Pracher, seines Zeichens Bezirksamtmann, 1905 einen Jagdschein verweigert, tut er es mit Verweis auf Gandorfers beachtliches Vorstrafen-register: „wegen Körperverletzung, also Rauferei, und Sachbeschädigung“, wie Dill schreibt. Durch den kleinen Zusammenstoß, der sich aus Prachers Weigerung in dessen Mallersdorfer Bezirksamt ergibt, kommen gleich noch einmal zwei Monate Gefängnis hinzu, wegen „Störung des öffentlichen Friedens“.

Für Johann Kirchinger** wurzelt die Wandlung des Großbauern Ludwig Gandorfer zum „Linken“ just in solchen, von Gandorfer so empfundenen „Willkürakten“ der Obrigkeit, und nicht etwa in seinem Glauben an den Sozialismus. Zudem sei er gegen 1918 hochverschuldet gewesen. Im Gegensatz zu seinem gleichfalls bekannten und begüterten, erheblich behutsamer taktierenden Bruder Carl habe der in Trennung von seinem Weib lebende, kinderlose Gandorfer also durch „die Revolution“ nicht viel zu verlieren gehabt. Was die Brüder teilten, war wohl die Wut auf die kriegsbedingten Abgaben und Einschränkungen, die selbst Agrarkapitalisten ins Fleisch schnitten. Allerdings hatte Ludwig Gandorfer „der Revolution“ auch nicht viel zu bieten, findet Kirchinger. Sein Einfluß unter der Landbevölkerung sei sehr gering gewesen. Die Sicherung der Versorgungslage (Land ernährt Stadt), die sich die Revolutionäre von ihm versprachen, hätte Gandorfer wahrscheinlich niemals gewährleisten können. Eisner habe vornehmlich auf den „symbolischen“ Wert Gandorfers und auf die Zugkraft des brüderlichen Namens gebaut. Konsequent sei er nach seinem, für viele „verdächtigen“ Unfalltod von Eisner & Genossen zum Ideengeber, ja zum „blinden Seher“ und selbstverständlich zum Märtyer der Revolution ausgerufen worden.

Sei es nun mit Gandorfers Motiven und Potenzen wie auch immer bestellt gewesen, jedenfalls stieg er im Laufe der Weltkriegsjahre auf. Sein Gutshof mauserte sich zum beliebten Treffpunkt der Revolutionäre; er selber zum engen Mitstreiter Kurt Eisners, den man nach den Münchener Aufständen am 8. November 1918 zum bayerischen Ministerpräsidenten erkor. Anders wie Eisner, der vier Monate darauf durch Anschlag ermordet wurde, kam Gandorfer aber bereits zwei Tage nach dem Umsturz, am 10. November, durch einen (angeblichen) Autounfall um. Andernfalls wäre der breitschultrige 38jährige „Bauernführer“ und vermeintliche Garant für die Lebens-mittelversorgung des roten Münchens sehr wahrscheinlich Vorsitzender des „Zentralen Bauernrats“ geworden. Diesen Posten übernahm dann sein Bruder Carl. Genau aus diesem Grund, Sicherung der Ernährung, hatten sich, Dill zufolge, am Unfalltag sieben Personen in den vom Münchener Soldatenrat beschlagnahmten geräumigen, dreibänkigen Fiat des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen gezwängt. Man sicherte diesem die Rückerstat-tung nach dem Ende der Überlandfahrt zu. Beide Vorhaben zerschlugen sich jedoch.

Hauptaugenzeuge der gewaltsamen Fahrtunterbrechung war Gandorfers schon erwähnter Gutsverwalter Seitz, der zu den immerhin sechs Überlebenden des Unfalls zählte. Nach Dill hat es sogar, wegen verschiedener Klagen auf Entschädigung, ein Gerichtsverfahren gegeben, doch seien die vorhandenen Unterlagen „durchaus lückenhaft“ – wobei nicht die geringste Lücke darin bestehen dürfte, daß der erlauchte Fiat nach dem Unfall, so Dill, verschwand und nie mehr auftauchte. Am frühen Vormittag des besagten Sonntags kam der Wagen kaum über Schleißheim hinaus, das im Norden nahe bei München liegt. Nach Seitz' Aussage ging Sebastian Scharrer, ein erfahrener Kraftfahrer, die Landstraße in „gehörigem Tempo“ an. Vor einer Kurve habe der Wagen plötzlich „einen Ruck bekommen“, worauf er hinten ins Schleudern geraten und gegen einen Alleebaum gestoßen sei. Dadurch seien die drei Männer auf der hintersten Sitzbank aus dem Wagen gestürzt. Der Wagen selber landete im Graben. Von den Gestürzten kam lediglich Gandorfer um – Schädelbruch. Er starb auf der Stelle. Zufällig war er die Hauptperson des Unternehmens gewesen.

Sogar Dill räumt ein, wenn auch mit anderen Worten, jeder kritische Kopf werde sich angesichts solcher Unfallmeldung fragen, ob die Revolution „nur“ zu schnell gefahren sei, oder ob ihr jemand ein weißbestrumpfes Bein gestellt habe. Kirchinger behauptet jedoch, eben Dill habe die „vor allem von dem Straubinger Heimatforscher Rupert Sigl kolportierten Gerüchte“, Gandorfer sei ermordet worden, „eindeutig widerlegt“. Offenbar baute Sigl*** auf Aussagen oder Gerüchte, wonach eine Leichenfrau von Anzeichen einer Schußwunde auf der Stirn des toten Gandorfers gesprochen hatte. Allerdings kommt mir Kirchingers Behauptung über Dills Eindeutigkeit mehr als kühn vor. Zur Stützung führt er einen Satz von Dill an, den man glatt für krank oder verunglückt halten könnte: „Alle Mordtheorien kranken daran, daß es zu viele Beteiligte gab, die nicht in eine Täter- oder Mitwissergruppe eingeordnet werden können.“ Ja nun – und wenn schon? Warum sollen sich unter den „vielen“ Beteiligten, ob innerhalb oder außerhalb des fürstlichen Fiats, nicht jede Menge Uneingeweihte befunden haben, deren Leben möglichen Attentätern scheißegal gewesen wären?

Selbstverständlich hätte ein Anschlag bei diesem (Un)Fall nichts Verblüffendes. Dill selber stellt sogar fest, Gandorfer habe ohne Zweifel zu den Personen gehört, die die abgesetzten Machthaber in Regierung und Militär am meisten fürchteten und haßten. Deshalb sei ihnen der bedauerliche Unfall sicher sehr gelegen gekommen. Das nun weist Kirchinger, übrigens Kirchengeschichtler an der Universität Regensburg, wiederum zurück. Gandorfers Tod habe der völkischen Rechten so gut wie keinen Nutzen gebracht: weil er ja ohnehin, wie schon gesagt, kaum Einfluß besessen habe und sofort durch seinen Bruder Carl ersetzt worden sei. In dieser Rechnung hat Haß keinen Platz. Oder die kaltblütige Erwägung: je mehr potentielle Staatsfeinde wir kaltmachen, um so besser. Sie bekundet nebenbei auch wenig Ahnung von dem rachedurstigen blutigen Wüten, das die „Weißen“ nach der Niederlage der Räterepublik an den Tag legten.

Gewiß scheidet ein Verdacht auf einen Saboteur unter den sieben Wageninsassen aus. Die Hochzeit des unbedenk-lichen Selbstmordattentates war noch nicht gekommen. Ähnlich skeptisch sollte man sicherlich auch Erzählungen über „weiße“ Heckenschützen oder Bombenverstecker-Innen aufnehmen, ist es doch recht unwahrscheinlich, daß es für einen Schuß oder eine Explosion, ja selbst für ein Reifenplatzen, nicht mehrere Ohrenzeugen gegeben hätte. Was aber nach einer Erklärung dürstet, sind mindestens zwei (angebliche) Tatbestände: Welchen rätselhaften „Ruck“ (so Seitz) erlitt der Wagen – und wie, warum und wohin verschwand er denn nur, dieser Wagen? Wobei wir noch nicht einmal wissen, in welchem Zustand er sich befand. Man kann lediglich darauf wetten, der gute Fürst hätte ihn am liebsten nicht als Wrack zurückerstattet bekommen. Es sei denn, sein Fiat war gut versichert.

* Richard Dill: „Ein Unfall, der gelegen kam“, in: Friedrich Weckerlein (Hrsg.): Freistaat!, München 1994, S. 146–56
** Johann Kirchinger: „Symbolische Politik in den Revolutionstagen. Die Stilisierung Ludwig Gandorfers zum Helden des Umsturzes von 1918/19“, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte (ZBLG), Band 75, München 2012, S. 843–66
*** 1984; wo, wird nicht gesagt, falls ich es nicht übersehen habe


Hilde Adolf (1953–2002), Bremer Rechtsanwältin und SPD-Politikerin, Mitglied der Landesregierung. Als solches versuchte sie am Abend des 16. Januar 2002, per Auto-bahn von Bremen nach ihrem Wohnort Bremerhaven unterwegs, einen Lastwagen zu überholen. Wikipedia meint, dabei habe die 48jährige „aus ungeklärter Ursache bei einer Geschwindigkeit von etwa 160 km/h die Kontrolle über ihren Dienstwagen verloren“. Der von Adolf gelenkte, nun schleudernde Wagen flog aus der Bahn und prallte gegen mehrere Bäume. Sie starb noch am Unfallort. Spätere Untersuchungen sowohl des Fahrzeugwracks wie des Leichnams ergaben, laut Pressemeldungen, keine Anhaltspunkte für technische Defekte oder „Vorerkran-kungen“. Adolf war zuletzt Bremer Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales gewesen. „Hilde bleibt der Maßstab“, überschrieb die Bremerhavener Nordsee-Zeitung am 9. Dezember 2010 einen Artikel, der eine soeben erschienene Biografie über die flotte Senatorin vorstellte. Im Raum Bremen sind ein Preis und mehrere Örtlichkeiten nach ihr benannt.

Ein besonders leckeres „Kavaliersdelikt“ leistete sich bald darauf der 39 Jahre alte Geschäftsführer der sächsischen NPD-Landtagsfraktion Uwe Leichsenring (1967–2006). Zwischen Pirna und seiner Heimatgemeinde Königstein auf der Bundesstraße unterwegs, setzte der massige, gedrungene Volksvertreter mit seiner Mercedes-Limousine zum Überholen einer Autokolonne an, prallte jedoch auf einen ihm entgegen kommenden Lastwagen. Leichsenrings Fahrzeug wurde in zwei Teile gerissen; der Lastwagen geriet in Brand. Während Leichsenring noch an der Unfallstelle starb, wurde der Lastwagenfahrer mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus geflogen. Vielleicht wußte es der Verletzte bereits: Im Hauptberuf war Leichsenring, seit 2000, selbstständiger Fahrlehrer gewesen.

Barbara Henneberger (1940–64), Skirennläuferin aus Bayern, mehrmalige deutsche Meisterin. Im April 1964 ist sie bei St. Moritz mit rund einem Dutzend anderen Assen an Dreharbeiten zu Willy Bogners Film Ski-Faszination beteiligt. Die Gruppe löst zwei Lawinen aus, der Henne-berger (23) und der US-Sportler Wallace Werner (28) zum Opfer fallen. Bogner, damals selbst ein erfolgreicher Skirennläufer, zudem Filmemacher, später Chef des väterlichen Münchener Modehauses und offizieller Ausrüster der deutschen Ski-Nationalmannschaften, scheint noch zu leben. Er ist Jahrgang 1942. Henneberger war damals seine Braut. Da ihm Warnungen vor der akuten Lawinengefahr bekannt waren, wurde er ein Jahr darauf von einem Graubündener Gericht mit zwei Monaten Gefängnis auf Bewährung „bestraft“ – für zwei Fahrlässige Tötungen. 2005, anläßlich des wohl am 1. oder 2. Oktober begangenen Selbstmordes eines 17jährigen Adoptivsohnes von Bogner, machte ein „Leitmedium“* vor, wie man in knappen biografischen Abrissen alles Unwesentliche wegläßt. „Am 12. April 1964 erlebte Willy Bogner einen schweren Schicksalsschlag: Seine Freundin, die Olympia-Skiläuferin Barbara Henneberg, wurde in der Schweiz von einer Lawine verschüttet.“ Mehr wird dazu nicht gesagt. Schicksal!

* Süddeutsche Zeitung, „Bogner-Sohn beging Selbstmord“, online, angeblich am 11. Mai 2010. Dieses Datum ist ebenfalls irreführend. Wahrscheinlich erschien der Artikel am 4. Oktober 2005.

Ende Oktober 1959 befand sich der 27jährige kubanische Revolutionär Camilo Cienfuegos auf einem Nachtflug von Camagüey nach Havanna – jedenfalls angeblich. Dabei verschwand er mitsamt seiner Cessna 310 spurlos über dem Ozean. Er wurde weder bei einer schnell eingeleiteten Rettungsaktion noch später jemals gefunden. Die offizielle Darstellung nimmt einen Unfall an.

Nun war aber Cienfuegos nicht irgendwer. Erst im Januar des Jahres war der blendend aussehende Sohn eines Schneiders als erster kubanischer Guerillaführer an der Spitze von 500 Kämpfern in Havanna einmarschiert. Er galt als beliebt. In der Revolutions-Hierarchie (für empfindliche Gemüter ein schwarzer Schimmel) kam er gleich hinter den Castro-Brüdern und Che Guevara. Allerdings glauben einige BeobachterInnen, er habe, auch von seiner Herkunft her, zu anarchistischen Positionen geneigt und in den Monaten vor seinem Verschwinden auch schon Unmut am streng kommunistischen Castro-Kurs geäußert. Gleichwohl hatte Cienfuegos kurz vor seinem Nachtflug getreulich Fidel Castros Auftrag erfüllt, seinen eigenen Freund Huber Matos zu verhaften, der gerade aus Protest gegen die offizielle, kommunistische Linie von seinem Amt als Militärbefehlshaber der Provinz Camagüey zurückgetreten war. Manche halten deshalb Matos – der geschlagene 20 Jahre im Gefängnis zu verbringen hatte – für den Drahtzieher jenes „Unfalls“, der vielleicht ein Abschuß, aber vielleicht auch ein Untertauchen war. Andere tippen wahlweise auf CIA oder KGB. Die meisten BeobachterInnen vermuten allerdings, die Regierungsspitze selber habe ihre Hände im Spiel gehabt. Immerhin kamen innerhalb kurzer Zeit nach dem Vorfall nachweislich etliche enge Vertraute Cienfuegos' sowie Zeugen und Beteiligte der Aufklärungskommission auf unnatürliche Weise zu Tode, darunter Cienfuegos' persönlicher Adjutant Hauptmann Cristino Naranjo. Es ist freilich auch möglich, daß falsche Spuren gelegt wurden, um ein schlechtes Licht auf die erfolgreiche Revolution zu werfen. Als Historiker sieht man sich wieder einmal mit einem Küchenmesser bewaffnet dem üblichen Dschungel aus Interessen, Intrigen und Lügen gegenüber. Nebenbei äußert sich nicht eine Quelle zu der naheliegenden Frage, ob der Verschwundene allein in der Cessna saß oder nicht, ob er überhaupt einen Pilotenschein besaß und so weiter. Da möchte man fast die Eindeutigkeit loben, mit der die Fassade des „Informationsministeriums“ in Havanna ein Porträt zeigt, das höher als das achtstöckige Gebäude selber ist. Es zeigt den verschwundenen Genossen Cienfuegos.

Nach einem erst kürzlich erschienen Artikel im Monats-blatt Graswurzelrevolution, Ausgabe Januar 2017, hatte sich der Berufsrevolutionär fliegen lassen. Im übrigen behauptet Autor „Coastliner“, laut den Aussagen verschiedener Zeugen, darunter ein ortsansässiger Fischer, seien Cienfuegos und sein Pilot Luciano Farinas in der Bucht von Masio durch einen Sea Fury 530-Abfangjäger der kubanischen Armee abgeschossen worden. Als Insassen des Jägers nennt er Osvaldo Sánchez und Kapitän Torres, „ein Vertrauter Raúl Castros“. Raúls Bruder Fidel habe von einem Sturm gesprochen, während andere Beteiligte heute versicherten, es habe damals klares Wetter geherrscht. Coastliner stützt sich bei diesen Angaben auf eine französische Fidel-Castro-Biografie, nämlich: Serge Raffy, Castro, L'Infidèle, Paris 2003, S. 337 ff.

Helric Fredou († 2015), französischer Polizeichef. An den Ermittlungen zum berüchtigten Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris beteiligt, griff der pausbäckige, bieder wirkende 45jährige, laut Focus, „nur Stunden“ nach dem „Terrorakt“ zu seiner Dienstpistole, um sich selber umzubringen. Das begab sich am 8. Januar 2015 frühmorgens in seinem Büro in der Polizeidirektion von Limoges, von der er Vizechef war. Die Großstadt liegt in Mittelfrankreich. Fredou hatte am späten Abend Bereitschaftsdienst, Besprechungen mit Kollegen aus Paris und „wichtige“ Telefongespräche gehabt. Er stand im Begriff, einen Bericht zu verfassen, wozu es dann nicht mehr kam. Für einen Selbstmord aus Liebeskummer, Melancholie oder aus dem Gefühl des Verkanntseins heraus hätte er sich wirklich keinen günstigeren Ort und Zeitpunkt aussuchen können. Schließlich war gerade das Auge der Welt auf Frankreich gerichtet. Nur auf ihn nicht.

Nach Marco Maier* wurde den Angehörigen Einblick in den Autopsiebericht verweigert. Zudem finden diese es merkwürdig, daß der Schuß angeblich ungehört blieb, obwohl kein Schalldämpfer benutzt worden war. Laut Polizei schoß sich Fredou „frontal“ in die Stirn, was bei Selbstmorden, der Verrenkungen wegen, ebenfalls als seltsam gilt. Kein Abschiedsbrief. Während Focus schrieb, der Vizepolizeichef sei alleinstehend, kinderlos und überarbeitet gewesen und habe an Depressionen gelitten, behauptet Maier, Fredous Mutter habe vom Hausarzt ihres Sohnes keine Bestätigung für die Unterstellung bekommen, er sei „ausgebrannt“ oder „depressiv“ gewesen. Bemerkenswerterweise hatte im November 2013 schon Fredous Vorgänger Christophe Rivieccio Selbstmord begangen. Warum, müßte man untersuchen. Damals habe Fredou seiner Mutter im Gegenteil versichert: „So etwas würde ich dir nie antun.“ Als er aber tot war, beschlag-nahmten Kollegen in seinem Hause Computer und Smartphone. Mit Maier darf man also getrost argwöhnen, Fredou sei wieder einmal einer gewesen, der zuviel oder das Falsche wußte.

Was den Pariser Anschlag angeht, hatten Fredous Leute in der Stadt Châteauroux die Eltern der Rechtsanwältin und UMP-Politikerin Jeannette Bougrab vernommen, von der noch umstritten ist, ob sie einmal Geliebte des ermordeten Charlie-Hebdo-Chefredakteurs war. Die Dame hatte es unter Sarkozy (bis 2012) zur Staatssekretärin gebracht. Soweit ich sehe, tun die Mainstream-Medien alles, um den Fall Fredou den Weg von 99,9 Prozent aller „Ereignisse“ gehen zu lassen: ins Nichts.**

* Contra Magazin, 30. Januar 2015
** Romanisten weise ich auf eine etwas jüngere Darstellung des Falles hin: Panamza, 16. November 2015

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