Donnerstag, 27. September 2018
William Colby
Geschrieben 2015


Kommt einem zu Ohren, ein hochrangiger Geheim-dienstler habe einen tödlichen Unfall erlitten oder Selbst-mord begangen, dürfte es grundsätzlich kaum verfehlt sein, mit geschlossenen Augen darauf zu tippen, er sei entweder von der Konkurrenz oder aber von den eigenen Leuten umgebracht worden. Schließlich kennt so ein Typ naturgemäß viele unschöne Geheimnisse und hat sich in seinem langen, erfüllten Berufsleben vielleicht bei zwei Präsidenten beliebt, aber bei Tausenden, die weder Präsident der USA noch Direktor der CIA waren, unbeliebt gemacht. Eben hier liegt in Colbys Fall das Problem: in der Länge. Der alte Haudegen war nämlich schon 1976 als oberster US-Schlapphut abgesetzt worden und inzwischen 76 Jahre alt, als er Ende April 1996 unweit seines Marylander Wochenendhäuschens das Zeitliche segnete. Mit anderen Worten, GegnerInnen von Mordtheorien wird es in diesem Fall leicht gemacht auszurufen, der gute Greis habe doch sowieso schon mit einem Bein in der Kiste gestanden!

Angeblich hatte ihn am frühen Abend des 27. April die Lust überkommen, vorm Schlafengehen noch eine kleine Nachtwanderung mit seinem Kanu zu unternehmen. Colbys eher bescheidenes Häuschen lag rund 50 Meilen südlich von Washington D.C. am Zusammenfluß von Wicomico- und Potomac-River in Rock Point, und zwar unmittelbar am Wasser. Es ist ein Freizeit-, Segler- und Jäger-Paradies. Gleich gegenüber hatte Colby Cobb Island vor der Nase, wo sein Segelboot im Yachthafen lag. Er fuhr diese kleine Insel stets mit seinem Kanu an. Eben dieses Kanu fand sich am 28. April nur ein paar Hundert Meter von Colbys Häuschen entfernt am Ufer der Bucht – während Colby selber einstweilen fehlte.

Nimmt man alle per Internet erreichbaren Quellen zusammen, steht man vor einem Muschelgericht, das aus ungefähr 50 Arten von Insekten, Fischen und Säugetieren besteht. Ich werde mich deshalb im folgenden an eine Darstellung der Tatbestände oder der angeblichen Tatbe-stände halten, die Zalin Grant 2011 aufgrund einer eige-nen, und wie mir scheint, recht sorgfältigen Untersuchung vorgelegt hat.* Das ist nicht ohne Wagnis, weil es sich bei Grant um einen durchaus CIA-freundlichen Autor handelt. Er war Agent dieses Clubs zu Vietnamzeiten und mit Colby persönlich bekannt. Er schildert diesen als freundlichen, ordnungsliebenden, etwas farb- und humorlosen und eher scheuen, wenn auch willensstarken Mann. Colby habe jede Menge Feinde gehabt, auf allen Seiten, doch er habe es immer abgelehnt, sich zu verbarrikadieren. Sogar die beiden Türen seines Landhäuschens seien an jenem Samstag, da er verschwand, unverschlossen gewesen. Der 76jährige hatte auf Cobb Island sechs Stunden an seinem Segelboot Eagle Wing II gearbeitet und konnte eigentlich nur müde sein. Aber er ging nicht ins Bett; er lag neun Tage später unweit der Stelle, wo man sein Kanu entdeckt hatte, mausetot im Uferkraut. Der Autopsiebericht sprach von einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, der den alten Mann ins Wasser kippen ließ, wo er ertrunken sei. Es sei ein Unfall gewesen. Grant dagegen sagt, als das im Radio kam, habe er es schon 1996 nicht geglaubt.

Es gab von Colbys Verschwinden weder Augenzeugen noch Menschen, die von der Absicht eines abendlichen Paddelausfluges gewußt hätten. Colbys zweite Gattin Sally Shelton, erheblich jünger als er, hielt sich gerade zu einem Besuch in Houston, Texas, auf. Mit ihr hatte er ungefähr um 19 Uhr telefoniert. Auch seinem Gärtner Caroll Wise, mit dem er wenig später kurz plauderte, erzählte Colby nichts dergleichen. Für 20 Uhr 30 war die Dunkelheit zu erwarten. Als der einheimische Handwerker und Seemann Kevin Akers am Sonntagmittag das Kanu fand, lag es auf der Seite und war halb mit Sand gefüllt. Paddel und Schwimmweste fehlten. Dafür war am Bug erstaunlicher-weise ein Abschleppseil befestigt. Akers schleppte das Kanu in den nächsten Yachthafen. Unabhängig davon verständigte eine argwöhnische Nachbarin, die Colbys Gewohnheiten kannte, am Nachmittag die Polizei. Wie schon erwähnt, war das Haus nicht verschlossen. Radio und Computer liefen. In der Küche lag Colbys Brieftasche mit Geld und zahlreichen Ausweisen. Dafür fehlte das Kanu. Von Colbys Vergangenheit wußte die Polizei nichts. Sie tippte auf den üblichen betagten Selbstmörder. Entsprechend lässig fielen die ersten Untersuchungen aus. Der Eßtisch in der verglasten Veranda, mit geöffneter Flasche Wein, sah nach Unterbrechung einer Abendmahl-zeit aus – das erweckte zunächst keinen Verdacht. Die systematische Suche nach Colby begann erst am Montagmorgen. Über Tage hinweg erblickte man weder den Ex-Agentenchef noch dessen Schwimmweste, die er stets im Kanu mitzuführen pflegte. Verblüffenderweise wurde Colbys Leiche am darauffolgenden Montag kaum 4o Meter entfernt von der Fundstelle des Kanus entdeckt. Dieser Uferstreifen war per Auto erreichbar. Taucher hatten ihn längst abgesucht, und die Hubschrauber hatten ihn in der verstrichenen Woche x-mal überflogen. Zudem wurde Grant von Akers auf einen ortsbekannten Strudel aufmerksam gemacht, der Colbys Kanu unweigerlich mit an Land gespült hätte, wenn er wirklich auf der Höhe ins Wasser gekippt wäre, wo nun seine Leiche lag. Akers hielt die Sache für faul.

Nach Grants Berechnung hatte sich Colby am verhängnis-vollen Samstagabend ungefähr um 20 Uhr 30 zum Abendmahl niedergelassen. Eben da war es gerade Nacht geworden. Nach dem Autopsiebericht war er ein bis zwei Stunden nach seiner Mahlzeit von dem Herzanfall ereilt worden und ertrunken. Grant zufolge hat aber niemand von der angeblichen Gefährdung der Gesundheit Colbys gewußt, auch seine Frau nicht. Im Gegenteil, der alte Mann sei erstaunlich rüstig gewesen. Zudem hält Grant viele Aussagen und Formulierungen des Autopsieberichtes, nach Rücksprache mit diversen Fachleuten, für fragwür-dig. Selbst ein Beteiligter, John Smialek, habe ihm bestätigt, aufgrund der Untersuchung der (neun Tage alten) Leiche könne weder mit Sicherheit gesagt werden, er habe einen Herzanfall erlitten, noch er sei ertrunken. Dafür hätten Grant mehrere Befragte versichert, eine neun Tage alte Wasserleiche sähe weitaus schlimmer aus als die von Colby, wie sie auf Fotos zu sehen war. Sie tippten auf höchstens zwei Tage Aufenthalt im Wasser. Das deckte sich mit Akers Überzeugung, aufgrund der bekannten Gezeiten- oder Strömungsverhältnisse wäre hier ein Ertrunkener schon in kurzer Zeit an Land gespült worden, nicht erst nach neun Tagen.

Nach Grants Theorie wurde Colby an jenem Abend per Auto entführt, andernorts möglichst spurenlos ermordet und erst nach einer guten Woche zum Strand geschafft. Das Kanu brachten die geschätzt vier bis fünf Mörder-Innen mit eigenem Boot zum vermeintlichen Unfallort. Das Tau vergaßen sie. Hätten sie Colby an der Bucht getötet, hätten sie kaum den Befund des Autopsieberichts vortäuschen können, der nach Bootsunfall (oder Selbst-mord) ausssah. So ließen sie die Leiche erst einmal eine Woche verwesen, was ja die Untersuchung erschwerte und sozusagen einen verwässerten Befund versprach.

Über die mutmaßlichen Motive der TäterInnen, Zeitpunkt eingeschlossen, verliert Grant kein Wort. Er beläßt es bei der erwähnten allgemeinen Versicherung, Colby habe es wahrlich nicht an Feinden gemangelt. Man fragt sich allerdings, warum RächerInnen oder Zeugenbeseitiger-Innen den guten Colby erst 76 Jahre alt werden lassen und erst auf sein arbeitssames Vorbereitungswochende der Segelsaison 1996 warten, ehe sie ihn um die Ecke bringen. Einige Quellen werfen einen anderen UnFall ins Spiel, den ich hier lediglich streifen will. 1953 soll der 43jährige Biochemiker und Mitarbeiter von US-Army und CIA Frank Olson durch die Scheibe eines geschlossenen Fensters des New Yorker Wolkenkratzers Hotel Statler freiwillig in den Tod gesprungen sein. Auch dieser Mann, Tage vor seinem Tod seinerseits heimlich unter LSD gesetzt, hatte viel und vielleicht zuviel gewußt, vorzüglich über Folter und den Einsatz von „Wahrheitsseren“ in diversen „Kalte-Kriegs“-Aktionen oder jedenfalls Programmen der CIA. 1994 ergaben sich bei einer von einem Sohn Olsons erzwungenen Exhumierung der Leiche Anhaltspunkte für ein Gewaltverbrechen. Die erwähnten Quellen behaupten nun, daraufhin habe der New Yorker Staats- oder Rechtsanwalt Stephen Saracco die Einberufung einer „Grand Jury“ für 1996 durchgesetzt, vor der auch Colby erscheinen sollte – weshalb er schleunigst beseitigt worden sei. Die englische Wikipedia behauptet freilich im Gegenteil, Saracco habe erklärt, die Argumente oder Beweismittel seien zu schwach, um eine solche Jury zu beantragen. Diesem Wirrwarr gehe ich einstweilen nicht auch noch nach.

Selbstverständlich glaube ich gern, Colby sei auch im Fall Olson ein gewichtiger Mitwisser gewesen. Damals, nach dem Zweiten Weltkrieg also, hatte Colby von Stockholm und Rom aus tüchtige Agentenarbeit geleistet, dabei auch für die berüchtigte geheime Nato-Mörderbande Gladio, die er mitaufbaute. Er war ein führender „Kalter Krieger“, dem sogar Kollege Grant ein eher geringes Maß an mensch-licher „Wärme“ bescheinigt. Später war Colby, wie Grant, in Saigon stationiert (Vietnamkrieg), und schließlich, von 1973 bis 1976, Direktor der CIA. Anschließend machte er ein eigenes Rechtsanwaltsbüro auf und gab sich seiner 24 Jahre jüngeren zweiten Ehefrau oder seiner Segelyacht hin. Über Colbys Gemütsverfassung „im Ruhestand“ macht sich Grant verständlicherweise so wenig Gedanken wie über Mordmotive: gar keine. Nebenbei versäumt er es mitzuteilen, ob der alte Segler am Ende Nichtschwimmer war. Es mag ja sein, der Pensionär legte Hand an sich selbst, weil diese doch gar zu blutbefleckt war und zu sehr auf sein Gewissen drückte. Dafür ließ er sogar gut die Hälfte seines Lieblingsgerichtes Venusmuscheln und ein kaum angerührtes Glas Wein auf dem Eßtisch in der Veranda stehen. Dann begab er sich mit einem Röhrchen Tabletten, dafür ohne Schwimmweste, zu seinem Kanu. So ähnlich sollen es in der Tat ein paar BeobachterInnen sehen, darunter, wen könnte es verwundern, Colbys Sohn Carl. Bringen wir Nachsicht auf, er ist eben ein guter Sohn. Zalin Grant dagegen muß als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden – er hält es allen Ernstes für wahr-scheinlich, Oberverschwörer Colby sei ermordet worden!

* „Who murdered the CIA chief?“, pythiapress.com 2011
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