Donnerstag, 27. September 2018
Eduard Fortunat
Geschrieben 2015


Wie vielleicht nicht jeder weiß, glich Deutschland im spä-ten Mittelalter einem mehr oder weniger zerschlissenen, handgeknüpften Teppich aus knapp 1.800 Zwergstaaten. Viele von ihnen waren kaum einen Fingerhut groß. Aller-dings änderte sich das Teppichmuster ständig, weil Erb- oder andere Streitigkeiten zu Besitz- und Thronwechseln oder Neuaufteilungen führten. In der Regel wechselten dann auch Religion, Gesetze, Währung, Gewichte, Steuern und so weiter. Das waren natürlich Hochzeiten für blaublütige Kämpfernaturen und Schlawiner aller Art.

Was den badischen Markgrafen Eduard Fortunat betrifft (abgeleitet von Fortunatus), malen ihn die gängigen Quellen, voran die deutsche Wikipedia, als Oberschurken und einzigartigen Lasterlumpen, obwohl es schwerlich stichhaltige Beweise dafür geben dürfte, daß er verderbter als das übrige Adelspack war. Aber auf was, Wahrheit eingeschlossen, verzichtet man nicht alles um einer schönen, kräftig kolorierten Geschichte willen! Der „liederliche“ Eduard, geboren 1565, war zunächst als Knabe von 10 Jahren durch den Tod seines Vaters Christoph II. lediglich in den Genuß der kleinen Mark-grafschaft Baden-Rodenmachern gekommen. Residenz war ein trutzig befestigtes Schloß im Städtchen Rodemack, das südlich von Luxemburg unweit der Mosel und heute in Frankreich liegt. Eduard galt schon früh als umtriebiger, im Grunde gottloser Schürzenjäger, der Ausschweifungen über alles stellte und zu deren Finanzierung weder vor Steuererhöhungen noch anderen kriminellen Maßnahmen zurückschreckte. Das ging angeblich bis zum Geldfälschen und bis zur Wegelagerei.

Die Markgrafschaft Baden-Baden übernahm Eduard „erst“ mit 23, nach dem Tod eines Cousins. Nun saß er im „Neuen Schloß“ der gleichnamigen Stadt am Schwarzwald – sofern er nicht unterwegs war, etwa zu den Höfen in Brüssel oder Stockholm. Sechs Jahre darauf, 1594, mußte er seine schwarzwäldische Warte allerdings schon wieder preisgeben: Ernst Friedrich von Baden-Durlach (Karls-ruhe) nutzte eine Abwesenheit seines reiselustigen Vetters Eduard dazu, die benachbarte Grafschaft Baden-Baden entgegen kaiserlicher Gebote kurzerhand zu besetzen und dadurch, wie er nach noch heute geschätztem Muster behauptete, vorm Verderben zu retten. Dem lieben ehrgeizigen Verwandten hatte schon Eduards „standes-ungemäße“ Vermählung mit der Kaufmannstochter Maria von Eicken mißfallen. Ein von Ernst Friedrich eigenhändig verfaßter umfangreicher „Bericht“ und verschiedene „Prozeßprotokolle“ sprechen von zahlreichen anderen angeblichen Schandtaten des Vetters, Zauberei und mehrere fehlgeschlagene Mordanschläge auf Ernst Friedrich selber eingeschlossen. Zwei „geständige“ Spießgesellen des Vetters, Francesco Muskatelli und Paul Pestalozzi, läßt der neue Markgraf öffentlich hinrichten, wobei er in seiner Gnade darauf verzichtet, sie urteils-gemäß bei lebendigem Leibe zu vierteilen – dies geschah, nach der Enthauptung mittels Schwert, erst mit den Leichen. Die Einzelteile wurden in mehreren Durlacher Straßen ausgehängt.

Urte Schulz füllte kürzlich ein ganzes Buch über Das schwarze Schaf des Hauses Baden* nicht unbeträchtlich, indem sie bedenkenlos und seitenlang aus den genannten, für mein Empfinden durchaus fragwürdigen „Dokumen-ten“ zitiert, die sich womöglich der Folter (als wahrlich „peinliche außag“, Seite 131) der Beschuldigten ver-dankten, mindestens aber der Befangenheit des siegrei-chen Markgrafen, der Erpreßbarkeit der ihm hörigen Amtspersonen und ganz allgemein der blühenden Gerüchteküche der damaligen abergläubischen Zeiten. Immerhin führt sie später, ab Seite 168, selber einige Beispiele anderer zeitgenössischer Herrscher an, die Eduard in der angeblichen Lasterhaftigkeit kaum nachstanden. Nur Ernst Friedrich nimmt sie von diesem Generalverdacht merkwürdigerweise aus. Zu den Strolchen zählt Schulz auch den beleibten sächsischen Kurfürsten Christian II. (1583–1611), der sich Ende Juni 1611, erst 27 Jahre alt, nach einer sportlichen Betätigung in seiner Dresdener Residenz nicht ausreichend zügeln konnte und in seinem erhitzten Zustand einige Liter kalten Bieres in sich hineingoß. Daraufhin habe ihn der Schlag getroffen.

Das Ende Eduards, inzwischen 34, war genau 11 Jahre früher gekommen. Es soll ähnlich lustig gewesen sein. Bewiesen ist dieser Zug keineswegs, denn der einzige angebliche Augenzeuge war ein gleichfalls befangener Mann, Eduards Mitregent in der ihm noch verbliebenen sponheimischen Herrschaft, der Graf Karl von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld. Eduard hatte ihn in die Burg des Hunsrück-Städtchens Kastellaun eingeladen, wo er nun notgedrungen residierte. Am fraglichen Juniabend hatten sich die beiden Grafen erneut bei einem Fäßchen Mosel-wein zusammengesetzt, um einige „Unstimmigkeiten“ zu bereden, die zwischen ihnen entstanden und der Hauptgrund des Besuches waren. Als sich Eduard übermüdet, vielleicht auch überfüllt in sein Schlafgemach zurückziehen wollte, sei er, so der Pfalzgraf in seinem Bericht, auf einer steilen, steinernen Treppe ausgeglitten und abgestürzt. Schwer verletzt, habe Eduard „Fortuna-tus“, der Glückliche Burgherr also, wenige Stunden später sein Leben ausgehaucht. So ein Pech – oder sollte es eher das Glück des Überlebenden gewesen sein, der womöglich im richtigen Augenblick ein wenig nachgeholfen hatte?

Wenn wir schon einmal in der Gegend sind: Von Kaspar von Pfalz-Zweibrücken (1458–1527), gestorben mit 68 oder 69, ist oft zu lesen, er sei gleichsam von seinem Bruder Alexander der Hinkende (Fürst von Pfalz-Zwei-brücken) durch rund 36 Jahre währende Einkerkerung „ermordet“ worden. Etwas zurückhaltender E. L. Seibert, der sich in seiner Darstellung** auf „Untersuchungen des pfalz-zweibrückischen Wirklichen Geheimen Rats und Archivars Johann Henrich Bachmann von 1784“ stützt. Danach war Ende 1489, nach dem Tod Herzog Ludwigs, in Kreuznach eine Schlichtungsvereinbarung getroffen worden, wonach dessen Söhne Kaspar (erstgeboren) und Alexander die Herrschaft gemeinsam ausüben sollten. Angeblich hatte der Erstgeborene „schon in seiner Jugend allerlei schlechte Eigenschaften“ gezeigt. Er sei unruhig, eigensinnig, seinem Vater ungehorsam und dazu von be-schränktem Verstand gewesen. Jedoch, so Seibert/Bach-mann weiter: „Die Regierungsgemeinschaft Kaspar–Alexander dauerte nicht länger als ein Jahr. Innerhalb dieser Zeit erscheinen fast alle Urkunden bei der Zweibrücker Kanzlei in Kaspars und Alexanders Namen, einige auch unter Kaspars Namen allein. Er setzte sich also über die getroffenen Vereinbarungen hinweg und dekretierte, wie schon vorher, eigenmächtig. Die Folge davon war, daß Kaspar zu Anfang des Jahres [von Schergen seines lieben Bruderherzen Alexanders] 1491 ausgehoben und auf das Schloß Nohfelden in Sicherheit gebracht wurde. Herzog Kaspar starb im Jahre 1527, nachdem er 36 Jahre im Turm des Schlosses Nohfelden inhaftiert war. Die Akten über diesen Sterbefall sind noch vorhanden, der eigentliche Sterbetag ist aber nicht vermerkt. Kaspar wurde in der Kirche zu Wolfersweiler beigesetzt.“

Ironischerweise wanderte Alexander (1462–1514) schon vor seinem (mutmaßlichen) Opfer unter die Erde. Laut Charlotte Glück-Christmann*** sind die genauen Umstände von Alexanders Tod nicht bekannt. Bei Molitor, Geschichte einer Fürstenstadt, könne man nur lesen, der 51jährige Herzog habe fünf Tage vor seinem Tod sein Testament gemacht. „Er war also vermutlich krank und wollte auf einen möglichen oder wahrscheinlichen Tod vorbereitet sein ..(..).. Die Geschichte der beiden Brüder Alexander und Kaspar regt natürlich die Phantasie an. Es lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob Kaspar wirklich verrückt war oder ob ihn sein Bruder aus machtpoli-tischem Kalkül ausschaltete. Ich tendiere eher zum ersten, da es ungewöhnlich war, dass beiden Brüdern gemeinsam die Regierung übertragen wurde. Aber die zweite Möglichkeit gibt natürlich für einen Essay mehr her.“

Halten wir uns nicht mit Erwägungen darüber auf, wer damals wie heute wem „Regierung überträgt“ … Jenen wenig erhebenden Beinamen (der Hinkende), mit dem sich der Fürst abzuschleppen hatte, soll er den „Blattern“ (=Pocken) verdanken, die ihn bereits in der Kindheit befielen. Dadurch sei er an einem Fuß lahm geblieben. Das Selbstbewußtsein des Fürsten kann man sich ausmalen. Dafür wurde er, in Zweibrücken, in einem prächtigen Gebäude beigesetzt, das selbstverständlich Alexander(s)-kirche heißt. Es war gerade noch rechtzeitig vor seinem Ableben fertig geworden, 1510. Die jüngste Bestattung, nämlich von einem Prinz Alexander von Bayern, fand dort, laut Wikipedia, 2001 statt.

* Gernsbach (Casimir Katz Verlag) 2012
** auf der Webseite des Ortsrates Wolfersweiler, Nohfelden, 2012
*** Leiterin des Zweibrückener Stadtmuseums, Auskunft im Januar 2015

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