Donnerstag, 27. September 2018
Locke
Dieses Stück stand erstmals im Januar 2016 online, in meiner damaligen „Jahresschlößchen“-Rubrik


Rundfunksportreporter Markus vom Leder: Schön, daß Sie zu Hause sind und uns etwas Zeit widmen, Herr Möllrich. Um es für unsere HörerInnen zu wiederholen: Bei den erschütternden Berliner Anschlägen ist leider auch ein sehr guter Freund und ehemaliger Schützling von Ihnen umgekommen, Herr Möllrich. Er war noch keine 60.

Siegfried Möllrich, Fußballtrainer i.R.: Ja, das kommt vor.

Äh – wie meinen Sie das?

Da sind über 2.000 Leute hopsgegangen, Herr Vom Leder, unter denen kann sich schon leicht einmal ein Bekannter von Ihnen befinden.

Ach so … Allerdings, Herr Möllrich, Jost Kraushaar, genannt „Locke“, war ja nicht irgendwer. Er war der genialste Mittelfeldstratege, den der deutsche Profifußball bis heute hervorgebracht hat, und keinen geringen Verdienst daran haben Sie!

Na, ich weiß nicht, Herr Vom Leder … Es kommt mir eher einfältig vor, wenn sich ein so kluger Kopf wie Locke als ungefähr 50jähriger dazu entschließt, sein alternatives Landleben am Wiehengebirge mit einem Dasein in einer Riesenstadt zu vertauschen, zumal wenn sie auch noch Regierungssitz geworden ist. Damals war doch schon abzusehen, daß Großstädte ein gefundenes Fressen für von diversen Geheimdiensten inszenierte blutige Anschläge sind, von all den anderen Albträumen, die einem solche Zusammenballungen zumuten, einmal ganz abgesehen. Aber was wollen Sie machen? Locke hatte sich in diese junge Französin verguckt, die in Berlin eine eigene Ballettschule betrieb, und da dackelte er eben zu ihr. Jetzt war sie die Regisseurin, nicht er …

Ich fürchte, so mancher jüngere Mensch ist sich gar nicht darüber im klaren, welche Ausnahmeerscheinung der schlacksige Kraushaar mit seiner langen, blonden Lockenpracht als Mittelfeldspieler, aber auch in etlichen anderen Belangen war.

Ja, das stimmt schon. Seinen blauen Adleraugen entging nicht die geringste Chance, der gegnerischen Abwehr ein Schnippchen zu schlagen, und wenn er beispielsweise seinem Busenfreund Erwin Tröger, dem wieselflinken Linksaußen von Concordia Osnabrück, einen 50 Meter langen Steilpaß butterweich geradezu aufs Hühnerauge legte, konnten wir auf der Spieler- und Trainerbank am Spielfeldrand nur verzückt unsere eigenen trüben Augen verdrehen.

Erwin Tröger soll nach wie vor auf Gut Stockhausen leben. Trifft das zu?

Ja, das ist richtig. Voriges Jahr habe ich ihn noch dort besucht, im April. Das Gut, früher Burg oder Schloß genannt, liegt am Rand des gleichnamigen Dörfchens bei Lübbecke. Es war wunderbar. In der alten Kastanienallee, die im Norden des Anwesens im spitzen Winkel vom Wassergraben abgeht und die jäh, wie ein auf halbem Wege explodierter Steilpaß, in den Feldern abbricht, platzten gerade die klebrigen Knospen. Erwin hauste wie eh und je im seitlichen, viereckigen Turm des Herrenhauses unmittelbar unter dem Dach. Dort war einmal die Räucherkammer, müssen Sie wissen. Nicht für Feinde, sondern für Würste und Schinken. Aber wenn Sie so wollen, zählen die „Haustiere“ ja auch zu den Feinden, selbst in anarchistischen Kommunen, fürchte ich, sofern sich diese nicht dem Vegetarismus verschrieben haben. Das Erstaunlichste aber war: die Kommune auf Gut Stockhausen läuft noch – im Gegensatz zu Concordia Osnabrück, das inzwischen am Schwanz der Dritten Liga herumzappelt, aber in den Taschen mit Goldstücken klimpert, als hätten sie auf den Trainingsplätzen am Stadion eine Ölquelle aufgetan. Die Kommune, die ja keine 40 Kilometer östlich von Osnabrück am Fuß des Wiehengebirges lag und liegt, hat nach wie vor rund 30 Leute, die sich gut vertragen und die sogar noch die schwarzrote Fahne hochhalten, die ja die meisten um 1998 mit einer „rotgrünen“ vertauschten, weil sie so gleichsam auf biologisch-dynamischem Pfade auch noch zu den Fleischtöpfen des Kapitalismus und Militarismus schnüren konnten. Dabei mangelt es der Kommune auf Stockhausen noch nicht einmal an Vermögen, so gut wußte man die fetten Gehälter und Prämien anzulegen, die damals vor allem Locke und Tröger in den gemeinsamen Topf warfen. Übrigens räuchern sie jetzt im ehemaligen „Taubenturm“, das ist so ein kleiner Phallus, der fast mitten auf dem Hof steht. Tauchen Sie durch den Wassergraben und das hübsche, betürmte Torhäuschen, sticht er Ihnen gleich ins Auge.

Sie sagten, Tröger wohne unmittelbar unter dem Dach des Herrenhaus-Turmes. Ist das nicht reichlich unbequem, so hoch zu wohnen?

Es ist vor allem gesund, Herr Vom Leder. Erstens hat Erwin durch die runden Fenster die erfrischendste Rundsicht auf den Übergang des Deutschen Mittelgebirges in die Deutsche Tiefebene, die sich einer wünschen kann. Zweitens wird er da oben trotzdem nicht verzärtelt, weil die Fensterleibungen wegen der dicken Turmmauern nicht sonderlich viel Licht und schon gar keine Wärme hereinlassen. Also heißt es von September bis April schön heizen und zu diesem Zwecke die Holzkloben spalten und im Korb des Flaschenzuges hinaufhieven. Und das ist drittens das Wichtigste an dieser Wohnlage, jedenfalls für Sportler: die anstrengende Höhe. Was meinen Sie, wo Erwin damals seine Schnelligkeit, seine Ausdauer und seine Wendigkeit her hatte? Richtig, von der Wendeltreppe seines Turmes. Er sagte mir einmal, es handele sich um genau 93 Stufen, er habe sie gezählt. Und wie oft am Tage und vielleicht sogar in der Nacht hatte und hat er nun diese 93 Stufen zu bewältigen! Da muß er doch fit bleiben. Als ich ihn besuchte, war er 57, wirkte aber wie 37.

In dem legendären Spiel im Stadion von Bayern Mün-chen, das Osnabrück als Meister der Ersten Bundesliga verließ, servierte Tröger dem gerade erst in die Sturm-spitze beorderten Wolfgang Seibt einen Lupfer auf den Schädel, den dieser zum wahrscheinlich wichtigsten Tor der Vereinsgeschichte ins rechte obere Dreieck drückte, dem Tor zum 4:4-Gleichstand in der 78. Spielminute.

Sie sagen es. Wir auf der Spieler- und Trainerbank konnten uns vor Verblüffung kaum noch um den Hals fallen. Die Lage war ja die, daß Osnabrück für den Titelgewinn ein Unentschieden benötigte, während es aber bis zur 71. Minute noch 3:4 zurücklag. Und dann kam die skandalöse, uns alle niederschmetternde Rote Karte für unseren Mittelstürmer Tom Schneidewindt. Die 50.000 Bayern-Fans im Stadion jubelten selbstverständlich. Ich glaube, unsere anderen Spieler hätten den Schiedsrichter auf der Stelle erdrosselt, hätte sich nicht Lockes gewohnt besonnenes Einschreiten und überhaupt der heilsame Einfluß geltend gemacht, den Locke und Tröger in den letzten zwei, drei Jahren auf die gesamte Mannschaft und das Klima in ihr ausgeübt hatten. Unsere Spieler trotteten also zähneknirschend an ihre Plätze zurück, während Locke in einem Schlenker zu unserer Bank trabte und mir sagte: „Hör zu, Siggi, wir setzen alles auf eine Karte. Entweder machen wir noch ein Tor, oder wir verlieren sowieso. Wir schicken also den Wolfgang in die Spitze, dafür geht Uli ins Tor.“ Dieser Vorschlag rief natürlich, für Sekunden, gleichfalls Verblüffung hervor. Wolfgang Seibt, unser Stammtorwart, war früher ein guter Stürmer gewesen, und er trainierte auch diese Position so oft es ihm die Arbeits- und Spielpläne gestatteten. Uli Maus dagegen, linker Verteidiger, war „nur“ der übliche Ersatztorwart für den Notfall. Aber Locke hatte ja nicht unrecht: der Notfall war eingetreten, sein Plan war genial, und Uli hielt ja den Kasten dann auch wirklich sauber.

Obwohl Osnabrück nur noch 10 Spieler auf dem Platz hatte!

Sie sagen es. Aber bei unserer, maßgeblich von Locke geprägten Spielkultur war das im Grunde keine wirkliche Katastrophe. Locke hatte uns immer wieder eingeschärft, nicht wir hätten zu laufen, vielmehr müsse der Ball laufen. Wir verausgabten uns so wenig wie möglich. Wir ließen den Ball ständig laufen und traten nur in geschickt herausgespielten Situationen zu überraschenden Spurts an. So kamen wir dann ja auch zu dem 4:4. Und ausge-rechnet Wolfgang erzielte dieses Kopfballtor!

Das war freilich noch nicht das Tüpfelchen auf dem i, wenn ich so sagen darf. Mit dem Schlußpfiff hieß es ja sogar 5:4 für Osnabrück.

Sie sagen es. Und wer schoß das fünfte Tor?

Der überragende Mann auf dem Platz, Locke.

Ich dachte, ich sehe nicht recht. Die Bayern traten sich ja nahezu vollzählig in unserer Hälfte auf die Füße, um dieses fünfte Tor ihrerseits zu machen. Da nutzte Locke – es war in der 88. Minute – einen Abspielfehler Paul Breitners aus, holte sich das Leder, ging ab wie die gelbe Post, spielte erst einen Verteidiger, dann Torwart Junghans aus und schob den Ball genüßlich ins Tor, als handele es sich bei diesem um eine verzuckerte Kartoffel. Ich kann noch förmlich hören, wie sie 50.000 Bayern-Fans im Hals steckenblieb. Man hörte nur noch ein würgendes Gurgeln, dann herrschte Totenstille.

Und dieser Mann muß mit 58 Jahren ausgerechnet deshalb ins Gras beißen, weil er zur falschen Zeit an der falschen Stelle stand!

Vielleicht liegt eine gewisse tragische Ironie darin, daß er schon im Ausklang seiner Zeit bei Concordia Osnabrück den Eindruck hatte, sich auf dem falschen Dampfer zu befinden. Damals wandelte sich der deutsche Fußball unwiderruflich zu einem widerlichen Showgeschäft, in dem der Ball in der Tat eine matschige Kartoffel sein könnte, weil es sowieso keiner merken würde. 20jährige sogenannte Stars, die nur Stroh im Kopf haben, werden in drei Jahren reicher als ein Ölscheich, und dann fahren sie mit ihrem BMW oder ihrem bulligen, allradgetriebenen VW-Tuareg vor eine Mauer – eine Umfassungsmauer, auf der zum Beispiel gerade ein nicht mehr ganz blutjunger Locke sitzt, um seine Beine baumeln zu lassen. Es ist derselbe Krieg, Herr Vom Leder, überall.

Dann schließe ich mit der Aufforderung, aller Opfer zu gedenken … Herr Möllrich, ich danke Ihnen für dieses Telefongespräch.
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