Donnerstag, 27. September 2018
Alexander Aljechin
Geschrieben 2015


Von einem oft reproduzierten Foto her könnte man glauben, der 53 Jahre alte untersetzte, derb gestaltete Russe mit der hohen Stirn (fast wie Lenin) sei in seinem Armlehnstuhl beim einsamen Speisen in einem Zimmer des Hotel do Parque in Estoril, Portugal, lediglich eingenickt. Er ist aber tot. Ein Kellner hat Alexander Aljechin vormittags als Leiche vorgefunden. Man schrieb das Jahr 1946. Verletzungen oder gar Verwüstungen sind nicht zu sehen. Im Gegenteil, ein säuberlich aufgebautes Schachbrett auf dem Beistelltisch deutet an, welcher Sport hier wieder einmal ein „Genie“ verloren hat. Um 1930 hatte Aljechin das weltweite professionelle Schachge-schehen fast nach Belieben beherrscht. Selbst bei seinem Tod war er noch amtierender Weltmeister, obwohl er sich seit einer empfindlichen Niederlage gegen den Holländer Max Euwe im Jahr 1935 auf dem absteigenden Ast befand. Und der britische Schachverband hatte ihm soeben, im März 1946, seine Bereitschaft mitgeteilt, ihm in London einen Titelkampf gegen seinen Landsmann Michail Botwinnik zu ermöglichen. Angesichts einer solchen Chance legt man wohl kaum Hand an sich selbst, es sei denn, man schlottert vor Angst, das ersehnte Match am Ende zu verlieren.

Wäre Aljechin ein Hasenfuß gewesen, hätte es ihm wohl eher zur Zierde gereicht. In meinen Quellen kommt er nämlich, was den Charakter angeht, ziemlich schlecht weg. Der Sohn eines adeligen, sehr wohlhabenden russischen Offiziers neigte zu Geltungssucht, Jähzorn und Unaufrich-tigkeit. Zu seinem angeblich um 1925 an der Pariser Sorbonne erworbenen juristischen Doktorhut fand sich nie die passende Doktorarbeit. Selbst in seinen veröffentlich-ten Schachanalysen nahm er gern kleine Fälschungen vor, um sein Genie in noch besseres Licht zu rücken.* Aljechin haßte sowohl Juden im allgemeinen wie bestimmte Schachrivalen im besonderen. In politischer Hinsicht war er Opportunist, was bedeutete, er schlug sich jeweils auf die Seite des Stärkeren. Nach der siegreichen Revolution versuchte er es zunächst mit den Sowjets, zog es dann aber 1921 wie so viele, in der Regel enteignete Personen aus seinen Kreisen vor zu emigrieren. Auf die Seite der Nazis schlägt er sich 1941, nachdem sie begonnen haben, den „Bolschewismus“ vor Ort, in Rußland also, aufzurollen. Er absolviert zahlreiche Turniere im jeweiligen faschistischen Machtbereich und läßt sich mit Nazi-Größen sehen. Seinen Wohnort verlegt er freilich schon bald, von Prag aus, gen Westen, um nicht etwa seinerseits mitaufgerollt zu werden. Er läßt sich zunächst im francistischen Spanien, dann im benachbarten, mit diesem verbündeten Portugal nieder.

Wie sich versteht, kamen nach der Verbreitung jener Fotografie aus dem portugiesischen Park-Hotel auch Mordtheorien auf (die nie verstummten). Estoril, ein Seebad für Betuchte nahe Lissabon, war damals zugleich ein Tummelplatz für Geheimagenten aller Lager – Lager, zwischen denen Diktator Salazar trotz seiner engen Beziehungen zu Franco und den Briten eifrig lavierte. Offiziell war Portugal „neutral“. Vielleicht hatten die Alliierten Aljechin zur Strafe für seine faschistischen Umtriebe Gift ins Abendessen gemischt? Oder hatten antifaschistische Rächer aus der französischen Resistance zugeschlagen, die ihm zum Beispiel Grace geb. Wishaar übelnahmen? Aljechin war mehrmals verheiratet, angeblich durchweg mit Frauen, die ihn im Alter deutlich übertrafen. Die letzte Gattin (1934) war 16 Jahre älter als der berühmte Schachweltmeister. Grace Wishaar, verwitwet, stammte aus den USA, verstand sich als Bildende Künstlerin, spielte daneben selber ausgezeichnet Schach, doch ihr größter Zugvorteil dürfte ihr beträchtliches Vermögen gewesen sein. So besaß sie in Frankreich einen Landsitz in der Normandie und ein Atelier in Paris.

Die meisten Quellen habe ich, befremdlicherweise, vergeblich danach befragt, wo sich die Dame denn im Winter 1945/46 befunden habe, während ihr Gatte in seinem vornehmen, wenn auch schlecht geheizten Hotelzimmer (das Foto zeigt den Speisenden im Mantel) über Vereinsamung und sogar über Armut klagt. Schließlich erfahre ich im Wilhaar-Artikel der englischen Wikipedia, im Gegensatz zu ihrem aus Frankreich verbannten Gatten habe sie vom dortigen Vichy- und Besatzerregime keine Ausreisepapiere bekommen und deshalb, von ihrem Pariser Studio aus, notgedrungen versucht, ihre Besitztümer einigermaßen zusammenzu-halten. Ihr Schloß bei Dieppe hatten sich die Nazis bereits unter den Nagel gerissen. Nach dem Krieg soll es ihr unter US-Schutz gelungen sein, es zu verkaufen. Davon hatte freilich ihr im Armlehnstuhl frierender Gatte nichts mehr. Wilhaar starb 1956 in Paris mit knapp 80.

Die meisten Quellen halten einen Mordfall für unwahr-scheinlich und betonen, es seien dafür auch nie Belege beigebracht worden. Was natürlich in humanen Zusammenhängen nahezu immer im Spiel ist, nicht nur bei Aljechin, das ist der Wille zur Verschönerung, sprich zum Betrug.** So weist der Schachhistoriker Edward Winter*** auch im Hinblick auf das berühmte Foto, das offenbar in vier Varianten um die Welt ging und noch geht, auf gewisse Ungereimtheiten hin. Da zeigen sich kleine, möglicherweise in der Tat unerhebliche Unterschiede, etwa eine Zeitung neben Blumenvasen betreffend, die mal dort liegt, mal nicht. Und zu jenem günstig im Vorder-grund plazierten Schachbrett versichert der damalige portugiesische Schachmeister und Freund des Toten Francisco Lupi, es sei erst zum Zwecke der Aufnahme in die Szene geschoben worden. Lupi war damals kurz nach der Entdeckung der Leiche ins Hotel gerufen worden. Der Fotograf, Luís C. Lupi, war zufällig sein Stiefvater, Leiter des portugiesischen AP-Büros und Mitarbeiter der PIDE, Salazars Gegenstück zu GPU, Gestapo und so weiter.

In der Regel traut man dem offiziellen Befund. Unter Leitung des renommierten Pathologen Dr. Asdrúbal d’Aguiar war damals nämlich eine Autopsie der Leiche vorgenommen worden. Danach war Aljechin bei dem betreffenden Mahl an einem Bissen Fleisch erstickt, der sich in seinem Kehlkopf fand. Also wohl ein Mißgeschick? Einige Quellen nehmen eher einen Herzanfall als Todesursache an, der dann das Stück Fleisch an der Fortbewegung hinderte. Immerhin war der überaus trink- und rauchfreudige und vielfach angefeindete alternde Champion seit Jahren mindestens leber- und magenkrank. Aber das dürfte Jacke wie Hose sein, kommt es doch so oder so dem eingangs zurückgewiesenen Selbstmord ziemlich nahe.

* Laut dem Leipziger Schachspieler und Journalisten Johannes Fischer, siehe Karl-Kolumne
** Für Egon Friedell (Kulturgeschichte der Neuzeit, 1927–31, einbändige Sonderausgabe 1974, S. 796) feierte die „endemische“, nebenbei auch ausgesprochen geschwätzige „Verlogenheit“ bereits vor rund 2.500 Jahren bei den Hellenen Triumphe, womit er Winckel-manns „klassizistischem“ Ideal der „edeln Einfalt und stillen Größe“ eine kräftige Ohrfeige versetzt.
*** „Alekhine's Death“, online 2003/2014

°
°