Donnerstag, 27. September 2018
Die Spule

Erstveröffentlichung 2007 in Die Brücke

Sie schlugen die steile Querstraße zu den Schloßterrassen ein. In den Einfahrten blinkten teure Limousinen. Zur Bergseite hin war ein schmaler Graben ausgehoben worden für ein neues, armdickes Telekom-Kabel. Die Arbeiter hatten schon Feierabend gemacht. Ein paar erste gelbe Lindenblätter lagen in dem lehmigen Graben. Sie verkündeten das nahe Ende der Briefpost.

Maria geriet bald ins Keuchen. Jost verblüffte das wenig, denn von dem Berg einmal abgesehen, hörte sie nicht auf wie ein Wasserfall zu reden. Zu Hause hatte sie niemanden, der ihre Verbitterung hätte nachvollziehen können. Sie sahen sich ungefähr jährlich. Jost war sofort aufgefallen, daß sie weiter abgemagert war. Ihre dunkel geränderten Augen zeigten kaum noch Glanz. Marias Feuer, von ohnmächtiger Wut gespeist, schien die Form eines häuslichen Schwelbrandes zu bevorzugen. Sie wußte kein Mittel, es zu löschen. Ihre Stelle als Streetworkerin war von ihrer angeblich rotroten Landesregierung gestrichen worden. Inzwischen lebte sie von Hartz IV, was sie immer noch „beinahe üppig“ fand im Vergleich zu all dem Elend ringsum – von den Obdachlosen am Spreeufer bis zum Niger-Delta.

„Die Luft ist verpestet“, keuchte Maria, „und auf den Feldern wächst kaum noch was! Entschuldige bitte, ich muß einen Moment verschnaufen.“

Sie ging zu einer mächtigen, leeren Kabelspule, die auf der Stadtseite neben einer noch vollen auf einem Rasenstück abgestellt worden war, und lehnte sich mit ihrem Hinterteil gegen das trommelförmige Mittelstück. Zum Ausruhen lag die Trommelwölbung aber viel zu hoch. Die beiden Räder der aus rohem Holz gezimmerten Spule reichten fast einen halben Meter über Josts Baskenmütze.

„Sie fackeln da unten seit Jahren das Erdgas ab“, empörte sich Maria weiter. „Shell meine ich. Das lodert und qualmt da Tag und Nacht, obwohl es schon einheimische Gerichtsurteile dagegen gibt. Shell ignoriert sie einfach.“

Jost nickte. Die Spulen waren natürlich rechtwinklig zum Bürgersteig und damit zum Gefälle geparkt. Trotzdem lagen beidseitig Kanthölzer als Bremsklötze vor den Rädern. Andernfalls wäre die Spule bei Marias Anlehnen womöglich unvermutet eine Ellbogenlänge zurück in die Ziersträucher gerollt. Beule am Hinterkopf – maximal Genickbruch, dachte Jost mit Erschrecken. Sein Erschrecken galt seiner eigenen Phantasie.

Maria putzte sich die Nase. Jost stand vor ihr und knetete seine Finger in den schrägen, tiefen Taschen seiner gefütterten Lederjacke. Maria hatte ihm erzählt, um zu sparen, habe sie sogar ihre Zeitung abbestellt. Zum Zeitunglesen gehe sie jetzt zwei- oder dreimal in der Woche in die nahe Stadtbücherei. Jost zwinkerte ihr zu und sagte:

„Vielleicht solltest du dankbar sein, wenn in Kürze auch eure Stadtbücherei dem Rotstift eures roten Senats zum Opfer fällt. Oder wenn die Leiterin wenigstens die Zeitungsabonnements kündigen muß ...“

Maria schlug mit ihrem Taschentuch nach ihm. „Du glaubst doch selber nicht, daß solche Enthaltsamkeit was hülfe! Diese Dinge kriegst du zwangsläufig überall mit. In jedem Kiosk läuft ein Fernsehgerät. Diese offenbar unausrottbaren brutalen Strukturen, die mich manchmal rasend machen, ziehen sich durch unseren Alltag. Hier, bitte!“

Sie nickte verächtlich zu dem frischausgehobenen Graben für das Telefonkabel. Dann fuhr sie mit einer Hand über die Vorgärten und Fassaden der umliegenden Villen.

„Und hier! Was meinst du denn, wer hier wohnt? Eine unschuldige Kleinanzeigensachbearbeiterin eures Lokalblatts?“

„Ein Chef von Shell wohl kaum ...“ kratzte sich Jost unterm Mützenrand. Die Vorstellung einer Zapfsäule ließ ihn an Gesine denken. „Immerhin“, nickte er die Straße hinab, „drüben am Hang wohnt unser Bürgermeister. Ich weiß es von seiner Tochter, die öfter Thekendienst im Schwarz-specht macht.“

Maria schien sich nicht für die Tochter des Bürgermeisters zu interessieren. Offenbar hatte sie eine Idee gefaßt. Sie musterte abwechselnd die abschüssige Straßenflucht und die neben ihnen geparkte volle Kabelspule. Schließlich nickte sie ins Tal:

„Siehst du den Neubau unten am Abzweig? Genau der Einmündung gegenüber?“

„Ja, sicher. Warum?“

Sie waren ja eben erst an dem Grundstück vorbeige-kommen. Es war noch nicht eingezäunt. Einer Stelltafel zufolge entstanden in dem Rohbau vier komfortable Eigentumswohnungen. Die linke untere Wohnung hatte neben der Terrasse einen sehr großzügigen verglasten Wintergarten. Seit wenigen Minuten war er sogar durch Baustrahler hell erleuchtet; offenbar wurde trotz der beginnenden Dämmerung noch gearbeitet. Dieser Wintergarten lag genau auf der Achse der Straße, die sie im Moment hinabblickten.

Maria lehnte noch immer an der Trommel. Inzwischen hatte sie ihre Arme verschränkt. Jetzt lachte sie schnaubend.

„Das da unten ist die neue Stadtwohnung eures Landrats. Wie du wissen wirst, ist er vor allem von einem weltweit engagierten Energiekonzern gewählt worden, weil er diesem die regionale Wasserversorgung zuzuschanzen gedenkt. Während dieser Wahlperiode wirst du das zunächst nur an enormen Preissteigerungen und vermehrten Schadensfällen merken. Das verseuchte, rationierte oder pulverisierte Wasser ist bislang dem Pöbel in jenen Schurkenstaaten vorbehalten, in denen der Konzern agiert. Obwohl im Wintergarten noch die Freihanddekorationen fehlen, hat der Landrat heute abend einen hiesigen Direktor des Konzerns zu Gast. Wir wissen es von der Bürgermeisterstochter. Die beiden Gattinnen lassen wir aus dem Spiel. Jetzt heben die beiden Herren ihre Weingläser, um auf weitere gute Zusammenarbeit anzustoßen. Sie ahnen nicht, wie sehr es gleich klirren wird. Zu aufgeräumt die Stimmung und zu dunkel draußen, um die auf sie zurollende volle Kabelspule zu bemerken. Was meinst du, was sie wiegt? Eine Tonne doch wohl sicher. Und sie hat Fahrt!“

Jost pfiff durch die Zähne, während er auf den erleuch-teten Wintergarten starrte. Obwohl er jetzt vorbereitet war, zuckte er zusammen, als er sich den Einschlag der Spule und die Schmerzensschreie ausmalte. Nach einer Weile des Nachdenkens blickte er zu Maria, die ihn trotzig anfun-kelte. Er zog seine Hände aus den Jackentaschen und sagte:

„Angenommen, die Spule rollt schon. Was ist denn, wenn plötzlich die kleinen Kinder des Landrats in den Winter-garten platzen, um dem Onkel Direktor ihre neuen Sattelschlepper oder ihre neuen Wasserwerfer vorzuführen?“

„Na und? Soll'n sie doch!“ zischte Maria. „Weißt du nicht, wie viele tausend dunkelhäutige Kinder so ein Spitzen-manager auf dem Gewissen hat? Zählen die weniger, nur weil diese Morde nicht so leicht nachzuweisen sind wie eine Messerstecherei? Weißt du nicht, wie viele irakische Kinder US-Außenministerin Albright auf dem Gewissen hat wegen des jahrelangen Boykotts, von den Bomben ganz zu schweigen? Und diese Sau hat das sogar zugegeben und gerechtfertigt! Nein, ich nehme nichts zurück. Soll die Landratsbrut nur kommen! Woher nimmt so ein Schwein das Recht, Kinder in die Welt zu setzen?!“

Maria stand schon kurz vorm Schreien. Jost machte beschwichtigende Handbewegungen, zumal sich von den Schloßterrassen her ein Fußgänger mit einem Hündchen an der Leine näherte. Jost sah wieder die Straße hinab. Inzwischen waren die Laternen angegangen. Er schüttelte seinen Kopf und sagte über die Schulter:

„Und was machst du, wenn unten gerade ein Auto kommt? Da sitzen doch wahrscheinlich völlig unbeteiligte Menschen drin, vielleicht sogar Bekannte von mir!“

Da Maria nichts erwiderte, wandte sich Jost ihr wieder zu. Sie biß ihre Lippe und sah dem Mann mit Hündchen entgegen. Er mochte um 40 sein. Er trug eine lederne Schlackenkappe; sie schimmerte. Außerdem schien ihm ein Glühwürmchen vorauszufliegen, denn zwischen seinen Lippen wippte eine brennende Zigarette. Bevor er bei ihnen eintraf, machte Jost den Bürgersteig frei, indem er sich neben Maria an die Kabeltrommel lehnte. Maria aber sprach den Mann plötzlich an.

„Entschuldigen Sie! Könnten Sie uns vielleicht einen kleinen Gefallen tun?“

Der Mann hielt inne, zuckte mit den Achseln und sah Maria gelangweilt an, während sein weißer, fransiger Scotchterrier an einem der Spulenräder sein Hinterbein hob.

Maria kicherte. „Wenn Sie unten angekommen sind, halten Sie bitte mit der Autorität Ihres gefährlichen Hundes für einen Moment den Abzweig von möglicherweise nahenden Autos frei. Wir benötigen für höchstens zwei Minuten freie Bahn. Springen Sie aber selber rechtzeitig beiseite!“

Der Mann hatte zunehmend seine Stirn gerunzelt. Nun nahm er seine Kippe aus dem Mund, um sie mit dem Schuhabsatz vor ihnen ins spärliche Gras zu bohren. Dann zupfte er an der Leine und knurrte seinem Hündchen im Weggehen vertraulich zu:

„Ich glaube, die beiden haben 'n Rad ab, Fridolin.“

Jost grinste und hielt die kichernde Maria fest, die sich jäh an ihn geworfen hatte. Die Ziersträucher zitterten, obwohl ein Kantholz hinter der Spule lag.
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