Mittwoch, 26. September 2018
Tuba Skinny
Geschrieben 2018


ist eine ungefähr 8–12köpfige Ragtimeband aus New Orleans, Louisiana, gegründet 2009. Sie spielt regelmäßig in der Altstadt von New Orleans auf der Straße, ansonsten auf Festivals und in separaten Konzerten und wartet jährlich mit einer neuen Platte auf. Agitprop, für dies oder das, macht sie nicht. In den letzten Jahren gab sie auch Gastspiele in Übersee, darunter in Mitteleuropa. In der Regel bietet sie, auf ihre Weise, traditionelle Stücke aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ihr Repertoire ist enorm, ihre Improvisationsfähigkeit erlahmt selten. Im Alter gemischt, treten die MusikerInnen (lediglich zwei weibliche, keine farbigen) erfrischend unaufgeregt und bescheiden auf, obwohl sie durchweg beachtliche KönnerInnen sind. Angeblich kommen sie bis heute ohne Manager und Label aus.* Das Internet machts möglich. Offenbar sind die MusikerInnen gleichwohl imstande, sich von ihren Darbietungen zu ernähren. Bislang bleiben sie dabei auch ihrer Wiege: der Straßenmusik und dem Spendentopf treu, was sie in den Augen vieler Anhänger-Innen (und sie hat viele) besonders schätzenswert macht.

Todd Burdick an der Tuba, wohl noch keine 40, ist tatsächlich schlank. Der hübsche Name der Band leitet sich sowohl von Todds Spitznamen wie von dem beliebten einheimischen Spieler Anthony Lacen her, gestorben 2004, der überall als Tuba Fats bekannt war. Unbestrit-tene, wenn auch unaufdringliche Chefin der Band ist eine kleine knuffige, heute (2018) ungefähr 30 oder 35 Jahre alte Schwarzhaarige, die Shaye Cohn heißt, eine Enkelin des bekannten Saxophonisten Al Cohn und Tochter des Jazzgitarristen Joe Cohn. Sie spielt meistens Kornett (= Trompete), und zwar vorzüglich. Weiter beherrscht sie das Piano und noch ein paar Instrumente. Ihre Mitstreiter-Innen pflegt sie mit Augenaufschlägen oder durch Winke des kleinen Fingers oder jenes Propfens zu dirigieren, mit dem sie häufig ihr Kornett dämpft. Gesangliche Glanzstücke der Band sind Erika Lewis, Sopran, und Gregory Sherman, Bariton, wobei der letzte auch Gitarre spielt. Beide sind gleichfalls erst um 30. Das älteste Bandmitglied dürfte der hagere, ausgefuchste Klarinettist Craig Flory sein. Sein Geburtsdatum finde ich nicht, aber man darf ihn wohl auf 55 oder 60 schätzen. Videos von Tuba Skinny haben wir ja genug.**

Als der sechsmalige Weltmeister im professionellen Snooker Steve Davis 2010 mit gut 52 Jahren noch einmal das Viertelfinale des Weltmeisterschaftsturniers in Sheffield, GB, erreichte, kam es einer Sensation gleich. Der hochgewachsene und rotschopfige, zuletzt glatzköpfige Brite war der erste Snookerspieler über 50, dem dies gelang. In der Regel gelten Snookerspieler bereits ab 40 als „Senioren“ und spielen separate Turniere. In die Finalrunden „normaler“ Weltranglistenturnieren dringen sie nicht mehr vor. Zur Erklärung ist zu hören, Spannkraft und Spritzigkeit hätten eben nachgelassen; dazu, nach all den Jahren der rädernden „Main Tour“ und des erbitterten Trainings, auch die „Motivation“. Das winkende große Geld tuts dann nicht mehr. Die große Erfahrung ist sicherlich noch willig, aber das allmählich einschrump-fende Fleisch, die Nervenbahnen und das Skelett eingeschlossen, nicht mehr.

In der Musikbranche scheint die Sache weniger gesetzmä-ßig zu liegen, obwohl es sicherlich nicht schweißtreibender ist, anstelle eines Billardstocks einen Geigenbogen zu führen. Ich erinnere mich an einen Auftritt des berühmten (weißen) US-Pianisten Dave Brubeck, der kurz vor der Jahrtausendwende in einem Bensheimer Theater (bei Darmstadt) stattfand. Da war der hagere Greis knapp 80. Seine langen Finger tanzten jedoch über die Tasten, daß man glaubte, sie würden einem im nächsten Augenblick um die Ohren fliegen – dabei saß ich ganz hinten, wo es nicht so teuer war. Ähnliches ist von vielen Rockgitarristen oder etwa von dem ehemaligen Cream-Schlagzeuger Ginger Baker, geb. 1939, bekannt, der bis heute durch die Gegend tourt und dabei keineswegs, wegen Alters-schwäche, ausgepfiffen wird.

Nach dem 2008 veröffentlichten Aufsatz Musikalische Entwicklung im Erwachsenenalter aus der Feder des Paderborner Musikpädagogen und -forschers Heiner Gembris hat zwar jeder alternde Mensch grundsätzlich mit Leistungseinbußen zu rechnen, die selbst durch intensives Training und hohe Motivation nicht vermieden werden könnten, doch gebe es auch unter MusikerInnen zahlreiche Gegenbeispiele, darunter den Komponisten Giuseppe Verdi, den Dirigenten Sergiu Celibidache und den (schwarzen) Pianisten Oscar Peterson. Diese Altersspann-kraft kann selbst die Aufrechterhaltung der jugendlichen rasanten Fingerfertigkeit eines Pianisten oder Gitarristen einschließen – muß aber nicht. Hier spielen, wie so oft, derart viele biografische und zeitbedingte Faktoren zusammen, daß sich Verallgemeinerungen verbieten. Als Faustregel haben es allerdings StreicherInnen und BlechbläserInnen schwerer als etwa KlavierspielerInnen. SängerInnen ebenfalls; die Stimme neigt um 60 dazu „brüchig“ zu klingen. Das fällt bei Greis Sir Mick Jagger, geb. 1943, wahrscheinlich nicht weiter auf; auch bei der frühverstorbenen Blueskreischerin Janis Joplin hätte es noch heute keiner gemerkt. Gegen diesen Sperling ist Erika Lewis von Tuba Skinny eine Lerche.*** Hoffen wir für sie und ihren gelegentlichen Duettpartner Greg Sherman das Beste.

* Nick Fox, 2016?
** Auftritt 2017
*** Lewis in den Anfängen der Band, 2012. Da sie seit 2016 in Tennessee lebt, tritt sie neuerdings nur noch unregelmäßig mit der Band auf.

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