Mittwoch, 26. September 2018
16 Unfälle
Geschrieben 2015/16. Umfang 14 Druckseiten.


Alexandra + Pascha Christowa + Anna Jantar + Anton Webern + Jean-Baptiste Lully + Taylor Mitchell + Heinz Prüfer + Henry Pacholski + Gerhard Zachar + Frank-Volker Eichhorn + Dennis Brain + Johann Schobert + Julian Skrjabin + Mike Edwards + Sevim Tanürek + Louis Vierne

Alexandra (1942–69). Im Ergebnis führte die kurze künstlerische Karriere der Verkehrssünderin zu einem nach ihr benannten Steig (in Hamburg) und einem nach ihr benannten Platz (in Kiel). Was hatte sie geleistet? Sie hatte sich im ostpreußischen „Memelland“ großziehen und in Hamburg alsbald heiraten lassen, weshalb sie zunächst Doris Nefedov hieß. Inzwischen Modezeichnerin und Schauspielerin, geht die dunkelhaarige Hübsche mit der gleichfalls dunklen, dazu rauchigen Stimme Mitte der 1960er Jahre mit Titeln wie Sehnsucht und Zigeunerjunge plötzlich als slawisch angehauchtes westdeutsches Schlagersternchen namens Alexandra auf. 1968 wechselt sie mit Mein Freund, der Baum ins damals noch im Schatten liegende Öko-Fach. Sie verdient gut; als Preis zahlt sie den üblichen „Streß“. Alexandra war einmal verheiratet und einmal verlobt, daneben mit Kollegen wie Salvatore Adamo und Udo Jürgens befreundet. Ihr Verhängnis – und leider auch das ihrer Mutter Wally Treitz, die neben Alexandras sechsjährigem Sohn Alexander mit im Wagen saß – war eine Autofahrt in den Urlaub auf Sylt Ende Juli 1969 von Hamburg aus. Bei Dithmarschen auf der Landstraße unterwegs, mißachtete die 27jährige an einer Kreuzung mit der Bundesstraße 203 das Stoppschild und damit die Vorfahrt eines mit Betonplatten beladenen Lastwagens, der ihren elfenbein-farbenen Mercedes 220 SE Coupé über mehr als 20 Meter hinweg in den Straßengraben schob. Die beiden Frauen wurden getötet, der Sohn nur leicht verletzt. Das Alter der Mutter taucht in meinen Quellen nicht auf. „Sehnsucht heißt ein altes Lied der Taiga / das schon damals meine Mutter sang ...“

Der Polizei war die betreffende Kreuzung, die bereits für mehrere Tote gesorgt hatte, als „Unfallschwerpunkt“ bekannt; sie wurde später beseitigt. Der Journalist und Musikverleger Hans R. Beierlein, Alexandras Manager und zeitweilig auch Liebhaber, versicherte rückblickend, die Sängerin sei „eine wirklich schlechte Autofahrerin“ gewesen. Noch kurz vor dem Unfall habe er bei einer Probefahrt mit ihrem neuerworbenen Wagen durch Schwabing, als ihr Beifahrer, um sein Leben gefürchtet. Selbstmord schloß der Manager aus, da Alexandra vor ihrer Abreise „so beglückt“ gewesen sei.* Einen unge-sunden industriell befeuerten allgemeinen Mobilitätswahn scheint er nicht zu kennen. Dafür zieht sich die Rede vom „rätselhaften“, besser noch „mysteriösen“ Ende des Stars durchs Internet und sogar durch etliche Theaterpro-grammhefte. Das macht sich besser.

* Dirk Steinbach, Bild München, 16. April 2009

Pascha Christowa (1946–71), auch Pasha Hristova geschrieben, bulgarische Sängerin aus Sofia. Mit ihrer mal strahlenden, mal glutvollen Stimme hatte sie ihren „Durchbruch“ als 21jährige auf dem Internationalen Schlagerfestival von 1967 in der russischen Stadt Sotschi am Schwarzen Meer erzielt. Das paßte zu ihren dunklen Haaren, die sie meistens kurz und eher züchtig engan-liegend trug. Wie sich versteht, sah sie auch im übrigen hinreißend aus. Nichts mehr von den Reißbrettern, zwischen denen sie, als gelernte technische Zeichnerin, womöglich versauert wäre. Man hatte ihr, angeblich nur aufgrund ihrer stimmlichen Begabung, den Besuch einer Schule für Unterhaltungsmusik gestattet. Jetzt erobert sie als Gesangsolistin des Orchesters Sofia die ihr erreichbare Welt. Mit unverfänglichen Stücken wie Eine bulgarische Rose oder Wehe, Wind, wehe bringt sie alle verhärteten Herzen des „Ostblocks“ zum Schmelzen. Und haben Mann und Frau jemals eine derart versunken lächelnde Rose gesehen? Ihre Kollegin Mimi Ivanova sagte später, auf der Bühne sei Pasha Herrscherin gewesen, im Privatleben dagegen scheu und zartfühlend. Aus zerbrochener Familie kommend, war Pasha bei ihrer Großmutter aufgewachsen, mit der sie, der englischen Wikipedia zufolge, auch das Bett geteilt hatte. Die Großmutter ermöglichte ihr Geigenunterricht, und Pasha hing sehr an ihr. Aber eines morgens erwachte die halbwüchsige Enkelin an der Seite eines kalten, steifen Leichnams und lernte das Gruseln.

Am 21. Dezember 1971 ist sie selber daran. An diesem Tag soll die Hristova nach Algier fliegen, um an Bulgarischen Kulturtagen mitzuwirken. Doch die Maschine kommt in Sofia kaum in die Luft, berührt nach einer heftigen seitlichen Windböe mit einer Tragfläche die Piste, zerschellt und geht in Flammen auf. Von den 73 Insassen sterben 32*, darunter die 25jährige Schlager- und Chansonsängerin und ihr zweites, noch ungeborenes Kind. Dieses Ungeborene stammte von ihrem Orchesterleiter Nikolay „Fucho“ Arabadzhiev, mit dem Pasha, nach einer ersten gescheiterten Ehe, zusammengelebt hatte. Er starb an ihrer Seite. Die Untersuchungsberichte geben Wartungsfehler als Unglücksursache an, die möglicher-weise nicht aus Fahrlässigkeit, sondern mit Bedacht erfolgt seien, um die Aufdeckung krimineller Machenschaften zu verhindern. Die Angelegenheit bleibt undurchsichtig. Der Schlager Eine bulgarische Rose wurde 2000 in Hristovas Heimatland zum „Lied des Jahrhunderts“ erkoren. Es heißt, es gebe wahrscheinlich keinen Bulgaren, der das Lied nicht kenne. Entgegen einer vom westdeutschen Nachkriegsschlager geprägten Erwartung wird die bulgarische Rose nicht der bezaubernden Sängerin oder deren Liebstem, vielmehr dem Besucher Bulgariens überreicht. Er möge sie als schöne Erinnerung mitnehmen, an die Berge und Seen des Landes, und „an jeden von uns“. Das Lied hält die Gemeinschaft hoch.

* laut Joan Kolev, Radio Bulgarien 14. Februar 2015, während die englische Wikipedia 30 Tote angibt

Die in Posen aufgewachsene Polin Anna Jantar (1950–80), ursprünglich Szmeterling mit Nachnamen, entpuppte sich im Laufe der 1970er Jahre als publikums-wirksame sozialistische Schlagersängerin. Sie gewann auch auf Festivals im Ausland etliche Preise. Als sie im März 1980 aus den USA zurückkehrte, wurde der Szmeterling zerquetscht. Das Flugzeug „Mikołaj Kopernik“, in dem Jantar saß, ging mittags kurz vor der Landung in Warschau zu Bruch. Wahrscheinlich war an der russischen Maschine ein Turbinenschaden aufgetreten. Dem Piloten Pawel Lipowczan wurde der erfolgreiche Versuch gutgeschrieben, seine Maschine an bewohnten Häusern vorbei zu bugsieren. Er kam ebenfalls um. Mit Lipowczan und der 29jährigen dunkelhaarigen Künstlerin Jantar, die eine Tochter, die spätere Sängerin Natalia Kukulska, zurückließ, starben 85 weitere Menschen. Sollte an der Himmelspforte zufällig ein stets zu Scherzen aufgelegter Engel Wache geschoben haben, begrüßte er Jantar vielleicht mit dem Titel ihres Liedes Najtrudniejszy pierwszy krok von 1973: „Der erste Schritt ist der schwerste“. Oder er spielte aus dem Internet ein offensichtlich zeitgenössisches Musikvideo ein, in dem Jantar ihr Lied Za wszystkie noce („Für all die Nächte“) zwischen nagelneuen Autos und Flugzeugen, ja sogar als Pilotin in einer Flugzeugkanzel vorträgt.

Um das verblüffende, in Mittersill herbeigeführte Ende des Wiener Schönberg-Schülers Anton Webern (1883–1945), der bei Kriegsende bereits 61 war, ranken sich die Legenden wieder einmal in allerlei Varianten, für jeden Geschmack etwas, sogar für unbelehrbare RaucherInnen. Mittersill ist ein Städtchen im Tal der Salzach, bei Zell am See. Hier hatte der Komponist mit seiner Frau Minna im März 1945 „vor den Sowjets“ Zuflucht gesucht, die ihm kurz zuvor, in Rußland, den dort als Hitlersoldat dienenden Sohn ermordet und inzwischen Wien aufs Korn genommen hatten. Am Abend des 15. September 1945 hielt er sich in der Wohnung seiner Tochter Christine auf, die mit Mann und Kindern eine Bleibe im Hause der Familie Fritzenwanger gefunden hatte. Die offizielle Webseite Mittersills* bevorzugt die Variante mit der Zigarre, weil sie recht zu Herzen geht. Wahrscheinlich fußt sie hauptsächlich auf Minna Weberns Erzählung. Danach war ihr Gatte gegen 22 Uhr rücksichtsvollerweise vor die Tür getreten, ehe er sich eine Zigarre ansteckte, die ihm übrigens just Benno Mattel, der Schwiegersohn, geschenkt haben soll. Im Haus schliefen in einem Zimmer die Enkel, deren Träume der Komponist nicht verräuchern wollte, während im anderen Zimmer Verhandlungen über etwas anrüchige „Geschäfte“ zwischen Mattel und zwei Yankees stattfanden, bei denen Webern ebenfalls nur gestört hätte. Also trat er vors Haus. Dieses war aber offenbar bereits von Soldaten der neulich eingerückten U. S. Army umstellt. Und als Webern, ob ahnungslos oder tollkühn, die Zigarre entzündete – da fielen in der Dunkelheit drei Schüsse, und Webern war tot.

Nach anderen Darstellungen, die sich vor allem den Forschungen Hans Moldenhauers verdanken dürften**, war die liebe Christine mit einem gestandenen Nazi verheiratet, der sich am besagten Abend, die Zeichen der Zeit erkennend, mit eingefallenen Yankees über Schwarzmarktgeschäfte zu verständigen suchte. Er hatte sich freilich zwei Lockspitzel ins Haus geholt. Diese waren bewaffnet, nahmen Mattel fest – und im Zuge dieser Verhaftung gab der eine Lockspitzel jene drei Schüsse ab, weil er sich, in der Dunkelheit, von Mattels Schwiegervater bedroht oder gar angegriffen fühlte. Dieser Mann hieß Raymond Norwood Bell, wie auch Zeit-Autor Heinz-Klaus Metzger bestätigt.*** Lockspitzel Bell, aus North Carolina stammend, war im „Hauptberuf“ Koch der Stabskompanie des 242. Infanterieregiments der 42. Division (der berühmten „Rainbow-Division“) der US-Armee. Angeblich erhielt er als Strafe für sein nervöses, übereiltes Handeln vor dem Haus der Fritzenwangers drei Tage Stubenarrest. Er soll später nachhaltig unter Gewissensbissen gelitten und sich bereits mit 41 Jahren (1955) im Alkohol ersäuft haben.

Was aus dem umtriebigen Benno Mattel wurde, scheint noch ziemlich im Dunkeln zu liegen. Metzger erwähnt, der braune Schwarzhändler habe später, wie so viele, eine neue Wirkungsstätte in Argentinien gefunden. Dem Fragesteller „Monteavaro“ aus dem Axis History Forum zufolge**** hatte Mattel vorher, wie auch seine Gattin Christine, ein Jahr im Gefängnis gesessen. Dieser offenbar recht beschlagene Diskutant behauptet weiter, der 1917 geborene Mattel sei bereits mit 14 Jahren Mitglied der NSDAP geworden. 1938 soll er sich zum Kreisleiter der SS (wohl eine Verwechslung M.s mit der Partei) in der Stadt Perchtoldsdorf, vielleicht auch Mödling (beide bei Wien) aufgeschwungen haben. Im selben Jahr habe er sich mit der jüngsten, 1919 geborenen Tochter des Komponisten Webern verheiratet. Man darf wohl annehmen, daß die politische Rolle Mattels sowohl der Tochter wie dem Schwiegervater im Kern bekannt war. Mehr noch, hatte Webern, trotz der Attacken gegen seine „entarteten“ Werke, wiederholt seine Sympathien für die auf Österreich übergegriffenen Bestrebungen des „Dritten Reiches“ bekundet. Andererseits war er mit vielen Juden befreun-det. Möglicherweise wußte er mit dem Zusammenbruch dieses Reiches nicht mehr ein noch aus. Der kosmopoli-tische Autor Michael Stein***** hält es deshalb für keineswegs abwegig zu vermuten, an jenem verhängnis-vollen Abend in Mittersill habe Webern Bell, wenn auch vielleicht nur „instinktiv“, in der Tat angegriffen – nämlich von dem Wunsch geleitet, sich ein für allemal seiner heillos verhedderten Lage zu entledigen: indem er sich töten ließ.

* Stadtgemeinde Mittersill, Artikel Anton Webern, abgerufen Juli 2015
** Hans Moldenhauer: The Death of Anton Webern: A Drama in Documents, New York 1961
*** Zeit 15. September 1995
**** Monteavaro 2007. Möglicherweise hat M. unter anderem in den Erinnerungen des 1923 geborenen Schönberg-Enkels Arnold Greissle-Schönberg geblättert, wo sich ähnliche Angaben über Mattel finden: Arnold Schönberg's European Family, Kapitel 4, Abschnitt Bombed Out (im letzten Drittel der Webseite)
***** bodyliterature 15. Januar 2013


Jean-Baptiste Lully (1632–87), französischer Tänzer, Hofkomponist und Dirigent. In vielen Nachschlagewerken wird Mendelssohn als Erfinder des Taktstockes oder jedenfalls der Rolle des Dirigenten im heutigen Verständnis ausgegeben. Damit befördern sie eben den Geniekult, dem auch das Dirigieren dient. In Wahrheit bahnte sich das uns geläufige Dirigieren über Jahrzehnte hinweg schon vor Mendelssohn an, wie der Berner Musikwissenschaftler Anselm Gerhard 2005 in einem Aufsatz* erläutert hat. Traditionell „dirigierten“ der Erste Geiger (mit dem Bogen) oder der Cembalist (mit der Notenrolle) von ihrem Platz am Instrument aus. Mit dem Aufkommen großer Opern – Chöre und TänzerInnen eingeschlossen – verfiel man darauf, dem Komponisten einen „Knüppel“ zu geben, mit dem dieser auf den Boden stampfte oder auf einen Kasten schlug. Jean-Baptiste Lully, dem Begründer der französischen Oper, fiel dabei 1686 das Pech zu, sich bei der legendären Aufführung seines Te Deums den Knüppel versehentlich in den Fuß zu rammen. Das führte, nach Gerhard, zu einer schleichenden Blutvergiftung, an der Lully, 54, drei Monate später starb.

In Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit (um 1930) ist der Knüppel ein Rohrstock gewesen. Andere Quellen bescheiden sich mit Lullys „Spazierstock“, zu dem der Jugendfreund und dann Günstling des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. erbost gegriffen habe, um seinen Unmut ins Parkett zu stampfen. Vielleicht war dieser Spazierstock mit einer rostigen Eisenspitze versehen, durch die sich Lullys zunächst unbedeutende Fußwunde später entzündete; vielleicht waren aber auch schnöde Krankenhauskeime oder Kurpfuscherei im tödlichen Spiel. Jedenfalls lehnte der Stardirigent eine Amputation des Fußes ab, da er ja schließlich auch Tänzer sei. Ich halte es allerdings auch nicht für ausgeschlossen, schlitzohrige Biografen verlegten die Geschichte dieser tödlichen Verwundung flugs von der Straße oder dem Reitweg auf die Bühne, auf daß sie mehr Wirkung entfalte.

Damit zurück zum Dirigieren. Auch der Taktstock in Gestalt eines dünnen, womöglich noch weißlackierten Stäbchens ist keineswegs auf Mendelssohns Mist gewachsen. Der hervorragende Geiger Louis Spohr etwa pflegte ihn schon um 1820 zu benutzen, wenn auch meist nur für Proben. Selbst Mendelssohn dirigierte bei Konzerten oft vom Klavier aus. Aber er kam auf den Geschmack, bewährte sich das Insigne doch nicht nur in der Aktion. 1843 wechselte er in Leipzig mit dem Kollegen Hector Berlioz seinen Taktstock nach vollbrachter Tat – „wie die alten Krieger ihre Rüstungen getauscht hatten“, wobei der furiose Franzose sogar ausdrücklich von seinem „Tomahawk“ sprach. Sie hatten das Publikum erlegt.

Die Musik begann in den Hintergrund zu treten. Noch 1779 hatte, wie Gerhard mitteilt, „ein anonymer teutscher Biedermann“ lapidar festgestellt, soweit der Komponist vor der öffentlichen Aufführung „sattsame Proben gehalten“ habe, bedürfe es „weiter keiner Direktion“; das Orchester dirigiere sich „alsdann von selbst, wie die Uhr, wenn sie aufgezogen worden ist.“ Doch ab ungefähr 1870 trat das Buhlen um die Gunst des Publikums rasant in den Vordergrund. Und das Publikum fand offensichtlich Gefallen daran, Dompteure von Gesamtkunstwerken zu feiern, man denke nur an Wagners Riesenschinken. Laut Anselm Gerhard klagte der selbst vom Bratscher und Geiger zum Dirigenten „aufgestiegene“ Paul Hindemith 1952, „die Kaste der Dirigenten“ spiele im Musikleben „eine Rolle, die gänzlich außer Proportion zu Leistung und Stellung der übrigen Musiker“ geraten sei. Aber sie geriet auch außer Proportion zum aufgeführten Werk. Die gleiche Entwicklung fand bekanntlich im Theater mit seinen Starregisseuren statt: die AufbereiterInnen wurden wichtiger und mächtiger als die UrheberInnen.

Elias Canetti führt gegen Ende seines dickleibigen, um nicht zu sagen: aufgeblasenen Werkes Masse und Macht von 1960 auf zweieinhalb empfehlenswerten Seiten aus, warum es „keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Tätigkeit des Dirigenten“ gebe. Das beginnt mit der herausgehobenen Position des Dirigenten und endet in dessen Kopf – ja sogar in den Köpfen seiner Unter-gebenen. „Er ist allwissend, denn während die Musiker nur ihre Stimmen vor sich liegen haben, hat er die vollständige Partitur im Kopf oder auf dem Pult. Es ist ihm genau bekannt, was jedem in jedem Augenblick erlaubt ist. Daß er auf alle zusammen achtet, gibt ihm das Ansehen der Allgegenwärtigkeit. Er ist sozusagen in jedermanns Kopf. Er weiß, was jeder machen soll, und er weiß auch, was jeder macht.“

Inzwischen bedarf es der Taktstäbchen nicht mehr. Einige ausgefuchste und kapitalkräftige DrahtzieherInnen der sogenannten Freien Märkte bringen heutzutage ganze Volkswirtschaften nur durch ein paar Mausklicks zum Einsturz. Sie profitieren von der ungeheuerlichen Unübersichtlichkeit der opferreichen Oper namens Die Welt von heute.

* im Magazin für klassische Musik Partituren, Berlin, Heft 1 (Sommer 2005), S. 26–32

Taylor Mitchell (1990–2009), kanadische Folksängerin aus Toronto. Als die 19jährige Ende Oktober 2009 eine Pause in ihrer Tournee durch die Seeprovinzen (am Atlantik) dazu nutzte, allein durch den Cape Breton Highlands Nationalpark von Nova Scotia zu wandern, hatte sie, nach Auffassung einiger Fans, eine verheißungs-volle künstlerische Laufbahn vor sich. Was Wunder, wenn sie als Folksängerin die Natur liebte, wobei offen bleiben muß, ob sich die Natur mit Mitchells etwas leierhaften Sopran- und Saitenstücken hätte anfreunden können. Ein Foto, das sie auf Spiegel Online* als dunkelhaarige kleine Frau mit Gitarre rechts und Reisekoffer links zeigt, wurde ebenfalls im Wald aufgenommen. Doch ich will nicht spotten, der Vorfall ist ausnahmsweise tragisch. Bei ihrer Wanderung im Nationalpark sah sich Mitchell nämlich unversehens zwei ungewöhnlich angriffslustigen Kojoten gegenüber. Sie fielen das hübsche, offenbar unbewaffnete, jedenfalls überraschte Mädchen an. Mitchell rief um Hilfe, was immerhin andere Wanderer mitbekamen. Sie wurde schwerverletzt in ein Krankenhaus der Provinzhauptstadt Halifax geflogen. Dort starb sie noch in der Nacht.

* 29. Oktober 2009

DDR-Rockmusiker Heinz Prüfer (1948–2007), zuletzt Gitarrist in der wiederbelebten Klaus Renft Combo, wohnte offenbar in Berlin. Nach einem Auftritt in der Lausitz (am Samstagabend, vermutlich bis gegen Mitter-nacht) schlug dem 58jährigen die letzte Stunde am frühen Sonntagmorgen des 18. März 2007 (um drei Uhr) unweit der Hauptstadt auf beziehungsweise neben der A 13. Der von ihm gelenkte VW kam aus überall pietätvoll verschwiegenen Gründen bei Baruth/Mark von der Fahrbahn ab, durchschlug eine Leitplanke, flog rund 150 Meter eine Böschung hinunter und rammte schließlich mehrere Bäume, wo Schluß war. Prüfer starb auf der Stelle. Drei BegleiterInnen, darunter Bandkollege Marcus Schloussen (Baß), kamen mit mehr oder weniger schweren Verletzungen davon.

Im „Gästebuch“ der Renft-Webseite* war schon am Sonntagmittag vor lauter Trauer der Teufel los. Sollte es unter den arbeitslosen Soziologen Deutschlands noch gesellschaftskritisch gestimmte Personen geben, empfehle ich ihnen die Durchmusterung dieser Fluten von Beileidsbekundungen und Ruhmesoden auf den Verblichenen; sehr wahrscheinlich ergeben sie den von rechts bis links gezogenen Durchschnitt, sozusagen das „Profil“ der zeitgenössischen deutschen Dumpfbackigkeit, die schon seit längerem diesseits wie jenseits der Werra, neuerdings freilich in aller Welt, wo es gerade brennt, zu Hause ist. Selbst ein Rechtschreibexperte fände hier reiches Material. Ich aber muß mir dies alles auf Geheiß meiner Hausärztin versagen. Mag wenigstens ein Hauptbetroffener namens R. angeführt werden, der um 13 Uhr 17 des Unfalltages versichert, seine Eltern hätten ihm „wirklich ein Kindgerechtes Groß werden ermöglicht“. Er ist Prüfers Sohn. Auch er streicht die Vorzüge seines Vaters heraus, wobei er, wie anscheinend alle, den Bereich des Autofahrens souverän übergeht, und schüttelt seinen Kopf angesichts der Rätselhaftigkeit dieses vorzeitigen Todes, der zu allem Unglück, ob Zufall oder nicht, mit seinem eigenen 36. Geburtstag zusammenfiel. „Man kann das Leben eben nicht immer verstehen, schon gar nicht den Tod. / Ich möchte Euch um eines bitten, behaltet ihn als guten und gerechten Mann in Eurer Erinnerung. Und ganz wichtig als verdammt guten Gitarristen, er war vielleicht einer der besten.“ Eine Woche darauf, am 25. März um 15 Uhr, legt R. noch einmal nach: „Ich bin unsagbar stolz auf meinen Vater, die Anerkennung die er hier von Euch allen bekommen hat, hatte er sich verdient.“

* Renft-Gästebuch, Archiv 2003–o7

Auch in dieser Prüfung – wieviel Straßenverkehrstote schaffen wir? – hatte der real existierende Sozialismus, nebenbei bemerkt, eifrig mitgehalten. Im November 1978 waren die DDR-Rocker von Lift mit ihrem Wartburg in Polen unterwegs – Unfall bei Kalisz. Man stieß in einer flott genommenen Linkskurve mit einem entgegen-kommenden Lastwagen zusammen. Henry Pacholski (1949–78) und Gerhard Zachar (1945–78), 29 und 33 Jahre alt, starben; Keyborder Michael Heubach wurde schwer verletzt. Man habe das Ereignis einige Monate später im Titel Am Abend mancher Tage „verarbeitet“, heißt es im Wikipedia-Artikel über die Band. Trifft diese Darstellung zu, besteht eine Verarbeitung eines bestimmten Vorfalls darin, sich mit Hilfe einer in die nebelverhangene Ostsee geworfenen Kette aus zahnfleischlösenden Gemeinplätzen so weit wie möglich von diesem Vorfall (und dem Straßennetz) zu entfernen.* Der Ostberliner „klassische“ Komponist Frank-Volker Eichhorn (1947–78), trotz seiner Jugend mehrmals preisgekrönt, soll mit 30 Jahren gleichfalls bei einem Autounfall umgekommen sein. Mit Einzelheiten geizte man, wie so oft in der DDR.

* Lift in Erfurt 2012Songtext von Joachim Krause

Für den britischen Hornisten Dennis Brain (1921–57) hatten bereits prominente Komponisten wie Britten, Hindemith oder Malcolm Arnold Stücke geschrieben. Auch war er 1956 in der Londoner Royal Festival Hall am ersten Spezial-Auftritt des Spaßvogels und Tubaspielers Gerard Hoffnung beteiligt. In dessen dort präsentiertem Orchester soll Brain unter anderem eine Gummi-Schlauch-Pipe gespielt haben, die er sorgfältig stimmte, indem er sie mit einer Gartenschere beschnitt. Francis Poulenc schuf seine Elegie für Horn und Klavier in memoriam Dennis Brain naturgemäß erst 1958, nachdem der humorvolle Hornist, der auch leidenschaftlicher Sportwagenfahrer war, am 1. September 1957 nach einem auswärtigen Konzert (Symphonie Pathétique von Tschaikowski) versucht hatte, die 600 Kilometer von Edinburgh nach London mit seinem Triumph TR2 in weniger als vier Stunden zurückzulegen, wie ich einmal vermute. Der 36jährige kam kurz vor London von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. Hätte Poulenc die Elegie auch dann geschrieben, wenn Brain in einen Pfadfinder-Trupp gerast wäre?

Johann Schobert (um 1730–65), Cembalist und Komponist am Hofe Ludwig XV. in Paris. Die Alters-angaben schwanken erheblich. Ob und wie stark er den jungen Mozart beeinflußte, ist ebenfalls umstritten. Fürs Empfinden des Brockhaus (Band 19 von 1992) schuf Schobert jedenfalls „eine Reihe von stilgeschichtlich bedeutsamen Werken“ – und erlag im besten Mannesalter einem ähnlich witzigen Tod, wie ich ihn weiter oben schon vom Pariser Dirigenten Lully zu berichten wußte. Sowohl in dieser Angabe über die Todesursache wie in der Entschlossenheit, dafür keine Quelle zu nennen, stimmen Brockhaus und verschiedene Internet-Nachschlagewerke überein. Da muß erst miguel54* kommen, der einen Brief vom 15. September 1767 aus der bekannten Correspon-dance littéraire des Fréderic Melchior Grimm angibt und die besagte Stelle auch gleich zitiert:

„Der Tag des Hl. Ludwig war dieses Jahr durch ein äußerst betrübliches Ereignis gekennzeichnet. M. Schobert, unter den Musikliebhabern als einer der besten Cembalisten von Paris bekannt, unternahm mit seiner Frau, einem seiner Kinder im Alter von vier oder fünf Jahren, und einigen Freunden, darunter auch ein Arzt, einen Ausflug. Es waren sieben an der Zahl, die im Wald von St. Germain-en-Laye spazieren gingen. Schobert liebte Pilze über alle Maßen; er sammelte also tagsüber, während der Wanderung, einige im Wald. Gegen Abend erreichte die Gesellschaft Marly; man betrat ein Wirtshaus und bat um die Zubereitung der mitgebrachten Pilze. Der Koch des Wirtshauses prüfte die Pilze, erklärte, daß sie von der schlechten Sorte seien und weigerte sich, sie zu kochen. Über diese Weigerung verärgert, verließen sie das Wirtshaus und suchten ein anderes im Bois de Boulogne auf, wo ihnen der Wirt dasselbe sagte und ebenso die Zubereitung der Pilze verweigerte. Ein grausamer Eigensinn, hervorgerufen von den ständigen Versicherungen des Arztes, der bei der Gesellschaft war, daß die Pilze gut seien, ließ sie abermals das Wirtshaus verlassen, um sie ihrem Verderben zuzuführen. Sie begaben sich alle nach Paris, in Schoberts Wohnung, wo dieser ihnen ein Abendessen mit den Pilzen vorsetzte. Und alle, sieben an der Zahl, einschließlich der Bediensteten von Schobert, die das Essen zubereitet hatte, und des Arztes, der angeblich so gut Bescheid wußte, starben an Pilzvergiftung.“

Woher nun Grimm wiederum seine genauen Kenntnisse von dem Ereignis bezogen hatte, weiß womöglich keiner.

* im Tamino Klassikforum am 9. Oktober 2007

Julian Skrjabin (1908–19), russischer Musikschüler. Sein Vater war immerhin 43 geworden. Alexander Skrjabin erlag 1915 einer Blutvergiftung, angeblich wegen eines Lippenabzesses. Erfreulicherweise hatte er da bereits seine 2. Klaviersonate gis-Moll op. 19 (von 1897) geschaffen, ein farbenprächtiges, sprühendes Werk, an dem sich der Nachwuchs vielleicht nicht den Hals, aber in rund 11 Minuten alle 10 Finger brechen kann. Julian war als zweites Kind des berühmten russischen Pianisten und Komponisten und dessen Geliebten Tatiana Fyodorovna Schloezer zur Welt gekommen. Selbstverständlich lernte der Sprößling sofort Klavierspielen, wahrscheinlich noch vor der Beherrschung sämtlicher Schließmuskeln und dem Spielen mit Bauklötzen. Ob er als Knabe vier bestimmte, gekonnte Préludes, die den Tonfall seines Vaters zeigen, selber schuf oder ob dieser sie lediglich aufgrund seines Schmerzes später als Werke seines Sohnes ausgab, ist unter Forschern umstritten.

Mit 10 wurde Julian Schüler von Reinhold Glière, dem wir ein interessantes, vielleicht etwas zu schwülstiges Konzert für Koleratursopran verdanken. Aber mit 11 war Glières Schüler tot wie eine Wasserratte. Der Komponist leitete damals das Konservatorium in Kiew. Ebendort soll sein prominenter Schüler im Juni 1919 „unter mysteriösen, nie geklärten Umständen“, wie es überall formelhaft heißt, im Fluß Dnepr ertrunken sein. Einzelheiten werden so gut wie nirgends erwähnt. Wohltuende Ausnahme stellt die russische Wikipedia dar, die ich freilich ähnlich souverän beherrsche wie das Piano: gar nicht. Vertue ich mich nicht, hatte Julian am verhängnisvollen Tag mit Lehrer und Mitschülern ein Pickinick- und Badevergnügen auf einer Flußinsel. Dabei soll er sich, möglicherweise aus Scham-haftigkeit, abgesetzt haben. Später suchte man ihn, aber mit der Dunkelheit brach man die Suche wieder ab. Er wurde erst anderntags tot in Ufernähe im seichten Wasser gefunden, vermutlich ertrunken und angeschwemmt. Eine amtliche Untersuchung habe nie stattgefunden. Zwar lägen einige Berichte vor, doch seien sie durchweg auf Hörensagen gegründet. Nimmt man nun hinzu, daß der verunglückte Knabe zu Jähzorn und Dickköpfigkeit neigte und naturgemäß manche NeiderInnen besaß, sind weder Selbstmord noch ein Gewaltverbrechen ausgeschlossen.

Soweit ich sehe, hielt sich der Vater damals im Ausland, die Mutter aber im Raum Kiew auf. Julians Tod soll Schloezer-Skrjabina schwer und nachhaltig getroffen haben. In der Tat starb sie drei Jahre darauf ebenfalls, in Moskau. Der Rheinhesse Carl Zuckmayer, um 1900 aufgewachsen in der Gegend von Mainz, bemerkt in seinen Erinnerungen*: „Daß Kinder überhaupt am Leben bleiben, läßt sich höchstens durch eine Kette von Glücksfällen oder durch Schutzengel erklären, und nur ihre Vergeßlichkeit bewahrt die Erwachsenen davor, in ewiger Angst um ihren Nachwuchs zu zittern.“ Das ist in grammatischer Hinsicht nicht ganz lupenrein gesagt, da der Bezug des ersten „ihre“ unklar bleibt, sonst aber wahr.

* Als wär's ein Stück von mir, Sonderausgabe Frankfurt/Main 2006, S. 155

Dem englischen Musiker und Hippie Mike Edwards (1948–2010) wurde getrocknetes Gras zum Verhängnis, als er erst 62 und eigentlich noch nicht reif für die Kiste war. Edwards hatte Piano und Cello studiert und wurde vor allem am zweiten Instrument bekannt. In den 70er Jahren spielte er es für mehrere Jahre in der damals auch im Ausland vielverehrten Birminghamer Rockband Electric Light Orchestra (ELO), bis ihn fernöstliches Gedankengut erreichte und erleuchtete. Er wurde also frommer Hippie, blieb aber immer auch der unterschied-lichsten Musik treu, so in seinen letzten Lebensjahren im Devon Baroque orchestra. Er lebte südlich von Exeter im Städtchen Totnes unweit des Ärmelkanals, das für seine Kunst- und New-Age-Szene bekannt ist. Am 3. September 2010 auf einer Landstraße südlich von Totnes solo per Auto unterwegs, wurde Edwards' Wagen unvermittelt von einem Ding aus der Bahn geworfen, das sich im Nachhinein, allerdings nicht mehr für Edwards, als rund 600 Kilogramm schwere Walze aus Heu entpuppte. Sie war von einem Hügel auf die Straße gerollt – und Edwards kostete dieser Angriff das Leben. Der Ballen hatte zunächst Ewards' „Van“ gerammt; dann rammte dieser einen weiteren Pkw, der gerade die Unfallstelle passierte. Dessen Fahrer blieb unverletzt. Edwards dagegen soll auf der Stelle tot gewesen sein.

Die Polizei vermutete zunächst, der Ballen sei einem Anhänger oder dem Frontlader eines Schleppers entfallen, doch das stellte sich offenbar als Trugschluß heraus. Zwei Jahre später gab es nämlich ein Gerichtsverfahren gegen die beiden für die am Hang gelagerten Rundballen verantwortlichen Landbewohner Brian Burden, 46, und Russell Williams, 23. Verstehe ich richtig, machten die Angeklagten geltend, sie hätten die Ballen eigens quer zum Hang oder auf einer Hangstufe abgestellt, um so die Gefahr ihres Fortrollens zu bannen.* Sie verließen das Gericht als freie und unbescholtene Männer. Die Tötung Edwards' wurde als Unfall gewertet, was letztlich bedeutet, das Gericht sah sich außerstande, jemand der willentlichen Manipulation an dem todbringenden Rundballen zu überführen. Vielleicht steckte ein Devoner Riesenmaul-wurf hinter der Sache, wenn nicht der britische Geheim-dienst, der wieder einmal einem Islamisten, Hinduisten oder Buddhisten auf den Fersen war.

* BBC News, 19. November 2012

Sevim Tanürek (1934–98), Sängerin aus Istanbul. Täusche ich mich nicht, hatte sie sich der (traditionellen) „türkischen Kunstmusik“ gewidmet. Um 1960 war sie oft im Radio zu hören, spielte auch in einigen Kinofilmen mit. In ihren letzten Jahren arbeitete sie offenbar für Istanbuler Bühnen, Sparte Musical. Sie war verheiratet – Kinder werden nirgends erwähnt. Die weitläufige Familie ihres damaligen Bürgermeisters Erdoğan, vierfacher Vater und inzwischen „Präsident“ seines Polizeistaates, verteilt sich im Istanbuler Stadtteil Üsküdar auf fünf Villen, die sich durchweg im Besitz der beiden Söhne Ahmet und Bilal befinden sollen. Der Chef hält sich naturgemäß öfter in seinem, laut Elke Dangeleit* „illegal gebauten“ Präsiden-tenpalast in Ankara auf. Dieser hat 1.000 Zimmer zu bieten und ist sechsmal so groß wie das Weiße Haus, wie ja auch Erdoğan selber sechsmal größer als beispielsweise Obama oder Hillary Clinton ist. Sein Ältester Ahmet, vollständig Ahmet Burak Erdoğan, war am 11. Mai 1998 gegen 12 Uhr mittags knapp 19 Jahre alt. Er fuhr gerade Auto in Istanbul, angeblich sogar ohne gültige Fahrerlaub-nis. Beides war aber der 64jährigen Sängerin Tanürek nicht bekannt, als sie, bei Grün, einen Zebrastreifen betrat. Ahmet fuhr sie um und machte sich wohlweislich dünne: Fahrerflucht.

Tanürek starb fünf Tage später im Krankenhaus. Ahmet wurde ausfindig gemacht, angeklagt und sogar zu zwei bis fünf Jahren Gefängnis verurteilt, aber dann geschah das Wunder Göttlicher Gerechtigkeit: bei der Revision wurde er zumindest von dem Tötungsvorwurf freigesprochen**, weil inzwischen ein Verkehrsgutachter vom Himmel gefallen war, der nachwies, die Sängerin sei selber schuld gewesen. Dafür wurde der Mann von Vater Erdoğan „mit dem Posten des Vizechefs der staatlichen Schifffahrts-gesellschaft betraut“, behauptet Dangeleit. In türkischen Blättern ist außerdem zu lesen, Tanüreks Ehemann habe den Freispruch verdammt und auch das Ansinnen zurückgewiesen, sich mit einem ihm (laut Gerüchten) angebotenem „Blutgeld“ von 20.000 TL (ungefähr 6.000 Euro) zu beruhigen. „There cannot be forgiveness with money.“ Sohn Ahmet Burak Erdoğan, heute 36, soll inzwischen massiv im See-Großfrachtgeschäft tätig sein, wobei ihm vermutlich Regierungsaufträge zugute kämen, die sich womöglich auch so manchem Umtrunk mit dem sympathischen Ex-Gutachter verdanken. Ahmets Vermögen werde auf 80 Millionen Dollar geschätzt. Allerdings habe er sich wegen der dummen Zebrastreifen-Geschichte weitgehend unsichtbar gemacht und tauche selbst bei Familienfeiern nicht mehr auf.

* „Erdoğan und sein Clan“, in: Telepolis, 15. Mai 2016
** Juni 2000, laut Artikel „Burak'ın kazasında 'Kusursuz raporu' veren TDİ Genel Müdürü oldu“, Cumhuriyet, 21. Februar 2014. Das links-liberale Blatt, gegründet 1924, erscheint in Istanbul.


Louis Vierne (1870–1937), Pariser Organist, Komponist, Pechvogel. Von Geburt an stark sehbehindert, unterzog sich Vierne häufigen, teils qualvollen Behandlungen und sah doch spätestens mit 50 Jahren gar nichts mehr. Gleichwohl war der Schüler von César Franck und Charles-Marie Widor ein herausragender Orgelspieler und Hochschullehrer geworden. Eine Ehe mit der Sängerin Arlette Taskin scheiterte, brachte jedoch drei Kinder hervor. Sohn André starb mit 10 an Tuberkulose; Sohn Jacques blieb mit 17 „im Felde“. Nach einigen Quellen wurde er im November 1917 nicht vom Feind, vielmehr „standrechtlich“ erschossen, wegen „Wehrkraftzersetzung“ oder dergleichen. Dies dürfte Vierne wie ein Hammer getroffen haben. 1906 zieht er sich zu allem Unglück bei einem Sturz auf der Straße einen komplizierten Beinbruch zu und muß sich eine neue Pedaltechnik beibringen. Trotzdem reist er viel, um Gastspiele zu geben und Geld für Orgel-Instandsetzungen zu sammeln, so 1927 in den USA – wo ihn der erste Herzinfarkt ereilt. Vierne ist starker Raucher, nimmt zunehmend Medikamente, auch Schlaf- oder Aufputschmittel – seine Einsamkeit heilen sie nicht.

Das einzige Glück, das er hat, ereilt ihn im Alter von 66 am 2. Juni 1937 während seines angeblich 1.750. Orgel-konzerts vor 3.000 Leuten an „seiner“ Orgel in der Pariser Kathedrale Notre-Dame, wie wir unter anderem von seinem ebendort anwesenden Assistenten Maurice Duruflé wissen.* Im letzten Satz seines Werkes Triptyque sei Vierne plötzlich blaß geworden. „Seine Finger hingen förmlich an den Tasten und als er seine Hände nach dem Schlußakkord abhob, brach er auf der Orgelbank zusammen: Ein Gehirnschlag hatte ihn getroffen. An dieser Stelle des Programms sollte er über das gregoria-nische Thema 'Salve Regina' improvisieren. Aber anstelle dieser Hommage der Patronin Notre-Dames hörte man nur eine einzige lange Pedalnote: Sein Fuß fiel auf diesen Ton und erhob sich nicht mehr.“ Soweit Duruflé. Der junge US-Organist Christopher Houlihan wußte es 2012 (in der Huffington Post) noch genauer: es war das große E gewesen. Also Ende. Der Pechsträhne.

* laut Matthias Paulus Kleine auf Musik und Theologie, o. J.
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