Mittwoch, 26. September 2018
Vier Frühverstorbene
Geschrieben um 2015


Luis Felipe Arias (1876–1908), guatemaltekischer Pianist und Komponist „klassischer“, wenn auch stark „folkloristisch“ gefärbter musikalischer Werke. Bei einem Künstler aus Mittelamerika verwundert es natürlich kaum, wenn er im Internet als weitgehend unbeschriebenes Blatt erscheint. Aufgrund seines Musikstudiums in Italien (Stipendium) machte Arias sein Heimatland mit zeitge-nössischer europäischer Musik bekannt und wurde schon als 25jähriger Professor und Direktor des Konservatoriums in Guatemala-Stadt. Für etliche eigene Arbeiten bekam er Preise. Warum er als 31jähriger eines nachts auf der Straße ermordet wurde, ist angeblich nie geklärt worden. Laut spanischer Wikipedia beschuldigte die Regierung einen italienischen Agenten. Nach Jamie Bisher* sprachen Oppositionelle einige Jahre später jedoch davon, „Diktator“ Cabrera höchstselber habe den (kritischen?) Musiker von einem italienischen Agenten beseitigen lassen. Möglicherweise handelt es sich also bei der Wikipedia-Angabe um einen Irrtum meines Übersetzungs-Roboters. Michael F. Fry** macht den „gedungenen Mörder“ des Musikers sogar namhaft: Nicolás Cardillo. Der Mann sei dafür bekannt gewesen, für Cabrera zu arbeiten.

Um Auskünfte oder Ratschläge gebeten, zeigt sich selbst der Komponist und Musikwissenschaftler Dieter Lehnhoff überfragt. Ich hatte Bishers Hinweis sowie den Mangel an Angaben zur Persönlichkeit Arias‘ erwähnt. Lehnhoff schreibt mir (am 10. August 2018) aus 01016, Guatamala, C.A., wo er an der Universität Rafael Landívar lehrt, leider gebe es in der Tat lediglich spärliche Informationen aus sekundären Quellen. Er könne mir bedauerlicherweise nicht weiterhelfen. Mit Erfolgswünschen und herzlichen Grüßen ...

* The Intelligence War in Latin America 1914–1922, USA 2016, S. 230
** Historical Dictionary of Guatemala, Lanham, Maryland (USA) 2018, S. 52. Laut Verlagsangabe lehrt Fry lateinamerikanische Geschichte am Fort Lewis College, Durango, Colorado.


Alejandro García Caturla (1906–40), kubanischer Jurist, Geiger und Komponist aus wohlhabendem (kreolischem?) Hause. Zu seiner Wirkungszeit war Kuba schon seit Jahren eine kaum verbrämte, mehr oder weniger korrupte US-Kolonie. Caturla gilt zum einen, mit Amadeo Roldán, als Pionier der nationalen sympho-nischen Musik, zum anderen als unbestechlicher Richter – wohl deshalb wurde er ermordet. Um 1926 hatte Geiger Caturla bei Nadia Boulanger in Paris Komposition studiert. Anschließend gründete/leitete er in seiner Heimatstadt Remedios oder in der benachbarten Küstenstadt Caibarién verschiedene Orchester beziehungsweise Jazzbands. In Remedios hat er inzwischen ein Museum.* Nach mehreren Wikipedia-Artikeln wurde Caturla 1940 Opfer eines Angeklagten – wohl Glücksspieler, Zuhälter oder ähnliches – der kurz vor der Gerichtsverhandlung und der zu erwartenden Bestrafung zuschlug. Wie es aussieht, erschoß der Mann den 34 Jahre alten Richter auf der Straße. Möglicherweise hatte Caturla Bestechungsgeld ausge-schlagen. In der spanischen Wikipedia ist zu lesen, Caturla habe Liebschaften/Ehen mit zwei schwarzen Frauen gehabt, woraus 11 Kinder entsprangen, die er auch unterhalten habe. Vermutlich war er auch deshalb auf sein Anwalt-, später Richtergehalt angewiesen. Näheres dürfte sich bei Charles W. White finden: Alejandro García Caturla. A Cuban Composer in the Twentieth Century, Scarecrow Press, Lanham (Maryland) 2003.** Vergleichs-weise bekannt sollen Caturlas Tres danzas cubanas für Orchester von 1927 sein. Nebenbei wurde der erwähnte Geiger und Komponist Amadeo Roldán ebenfalls keine 40; er starb 1939 in Havanna als 38jähriger an Krebs.

* 2016 heißt es allerdings, das Museum werde vernachlässigt.
** Beschreibung hier


Der aus Bayern stammende Organist und Komponist Hugo Distler (1908–42) wird zumeist als wichtiger Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik seiner Zeit (um 1930), zudem rastlos tätiger und mitreißender Mann gerühmt. Nun ja. 1940 schuf er für das Chorliederbuch der Wehrmacht unter anderem das Werk für Männerchor Morgen marschieren wir in Feindesland. Im selben Jahr wurde Distler, schon seit 1933 Mitglied der NSDAP, Professor an der Berliner Staatlichen Musikhochschule. Im April 1942 übernahm er außerdem die Leitung des Berliner Staats- und Domchors und bezog, da er mit seiner Familie (drei kleine Kinder) ein Haus in Strausberg bewohnte, eine Dienstwohnung in der Nähe des Doms. Allerdings muß er im Apparat nicht nur Gönner gehabt haben. Fünfmal hatte er den Gestellungsbefehl der Wehrmacht abwenden können, doch am 14. Oktober 1942 kam die sechste Aufforderung. Am 1. November 1942 begab sich der 34jährige Professor nach dem Gottesdienst im Dom zu seiner Dienstwohnung in der Bauhofstraße und brachte sich um.

Wie, läßt sich der sogenannten Offiziellen Hompage Hugo Distler (Stand September 2016) nicht entnehmen. Einige andere Quellen sprechen davon, Distler habe, vermutlich in seiner Küche, „den Gashahn aufgedreht“. Gottseidank ist nirgends zu lesen, das ganze Wohnhaus oder der ganze Dom seien in die Luft geflogen. Es mißlang mir übrigens festzustellen, ob die Offizielle Homepage von Distler persönlich oder dem Berliner Senator für Kultur und Erbauung genehmigt worden ist. Was die Motive für Distlers Selbstmord angeht, vermutet Nick Strimple (2002) laut englischer Wikipedia, mehr als staatliche Repression habe dem Komponisten der eigene Gewissens-druck zugesetzt – und die Befürchtung, auf Dauer sei es nicht möglich, zugleich den Nazis und Gott zu dienen. Vielleicht ist dem kalifornischen Dirigenten und Autor nicht bekannt, daß es anderen durchaus möglich war, beispielsweise den Bischöfen Theophil Wurm und Otto Dibelius. Andere, offiziellere Quellen verweisen dagegen stets auf Distlers starke Lebens- und Versagensängste, die dem „unehelich“ Geborenen von Kind auf zugesetzt hätten. Nach Jürgen Buch* leistete sogar das Übliche, nämlich eine Liebschaft, einen nicht unmaßgeblichen Beitrag zu Distlers Verzweiflung. Er war diese Liebschaft in Stuttgart parallel zu seiner Ehe eingegangen, hatte dann aber mit der Berufung nach Berlin dem (Strausberger) Haussegen zuliebe auf sie verzichtet. Distlers Tochter und Biografin Barbara Distler-Harth sei der Ansicht, mit diesem Verzicht habe ihr Vater „den Todeskern in sich gelegt“. Oder sollte es Gott gewesen sein? Wenn schon nicht der Faschismus? Aus dieser Klemme hilft nur ein Glaube, der mir persönlich abgeht: an „Willensfreiheit“.

* Festschrift des Berliner Hugo-Distler-Chors 2003

Emily Remler (1957–90), weiße US-Jazzgitarristin, aufgewachsen im Staat New York. Rund ein Dutzend Platten, auch mit eigenen Kompositionen, darunter 1985 Catwalk.* Sechs Jahre später, erst 32, erlag sie bei einem Gastspiel in Australien offiziell einem „Herzversagen“, nach vielen Vermutungen von ihrem bekannten gepfefferten Drogenkonsum angestoßen, voran Heroin und Dilaudid.**

Gewiß gibt es wahre Massen von U-Musikern, die ihre Bewußstseins- oder Fingererweiterung mit Hilfe von Drogen mit einem frühen Tod bezahlten, aber sicherlich nur wenige oder gar keine Frauen, die Remler als Gitarristin das Wasser reichen könnten. Mit 18 Jahren hatte das dunkelhaarige und günstigerweise langfingrige Girl vom Lande (Englewood Cliffs, N.J.) bereits das Berklee College of Music in Boston, Massachusetts, abgeschlossen. Nach vorübergehendem Aufenthalt in New Orleans, wo sich Altmeister Herb Ellis*** von ihr beeindruckt zeigte, kämpfte sie sich durch die (oft frauenfeindliche) riesige Konkurrenz in New York City. Sie spielte mit etlichen namhaften Musikern und bekam Lehraufträge. Als sie starb (oder sich umgebracht hatte), war sie bereits auf dem Weg zum Weltruhm. Neben dem üblichen Branchenstreß setzten ihr sicherlich auch verschiedene Liebschaften/Zerwürfnisse mit Männern zu. 1982 hatte sie in einem Interview mit dem Magazin People gesagt: „I may look like a nice Jewish girl from New Jersey, but inside I'm a 50-year-old, heavy-set black man with a big thumb, like Wes Montgomery.“

Eine selten gewürdigte Wiederholung liegt natürlich bereits darin, daß sich nun schon seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten Legionen von begabten jungen Leuten getrieben sehen, die Gitarre oder die Geige auch so gut zu spielen wie X. oder Y., vielleicht sogar besser. Sie verrenken sich ihre Finger und ihre Seelen; sie schuften wie Sklaven in Tretmühlen; sie können die Wahngebilde an ihren Zimmerwänden schon nicht mehr zählen – aber sie schaffen es. Jedenfalls ein paar von ihnen. Sie schaffen es, im Grunde nicht anders dazustehen wie X. oder Y., und sei es liegend, im Sarg. Wäre es nicht viel einfacher und gesünder, auf ein paar Notenbücher oder einen Stapel mit CDs von besonders begabten Vorgängern zu verweisen und zu sagen: „Prima – das reicht!“ Und so mit allem.

* mit Eddie Gomez (Baß), Bob Moses (Drums) und John D'Earth (Trompete)
** Michael J. West 2018
*** Blues for Herb

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