Dienstag, 25. September 2018
Drei Hundeopfer
Geschrieben 2014/15


Otto von Hessen-Kassel. Zwar wird der älteste Sohn des Kasseler Landgrafen Moritz bereits als 12jähriger Knabe „Administrator“ der Hersfelder Abtei, aber es eilt auch, da er nicht alt werden sollte. Nebenher studiert er in Marburg, besucht Den Haag, London, Paris. 1613, als 19jähriger, geht er seine erste Ehe ein: mit Katharina Ursula, Tochter eines badischen Markgrafen, die freilich zwei Jahre später, mit 21 oder 22, schon wieder stirbt. In dieser Zeit zeugt der Erbprinz ein Kind, das totgeboren wird, und ein uneheliches Kind. Der Landgraf bezieht ihn zunehmend in die Regierungsgeschäfte ein. 1617 nimmt sich Otto Agnes Magdalene, Prinzessin von Anhalt-Dessau, als nächste Ehefrau. Wenige Wochen nach der prunkvollen Hochzeit wird der 22jährige in seiner Abtei von Röteln befallen und durch heftiges Fieber aufs Krankenlager geworfen. Zu allem Unglück belästigt ihn an einem womöglich heißen Augusttag vom Hof her ein anhaltend bellender Hund. Um ihn zum Schweigen zu bringen, greift Otto trotz seiner Schwäche zur Flinte. Doch der geplante Schuß auf die Töle löst sich beim Hantieren vorzeitig und zerreißt Otto selber die linke Brust, sodaß ihn die herbeieilenden Diener in seinem Blute liegend finden.* Noch am selben Tag verlöscht der Erbprinz. Das dritte Opfer dieser im großen und ganzen kostspieligen Adelsposse ist Agnes Magdalene, die ihren Witwensitz, das Schloß im nahen Eschwege, auch nicht lange genießen kann, da sie keine 10 Jahre später, warum auch immer, gleichfalls jung stirbt: 1626 mit 36.

* Christian Röth: Geschichte von Hessen, Kassel 1856, S. 256

Peter Pompetzki. Als der 21jährige Betriebswirtschafts-student am 31. Juli 1991 in der im Keller gelegenen Schwimmhalle seines Goddelsheimer Elternhauses nachsieht, liegen zwei nackte Leichen am Beckenrand. Es sind seine Eltern Annemarie (54) und Walter (55). Angeblich hatte er seit Tagen vergeblich versucht, sie von seinem Studienort Marburg aus telefonisch zu erreichen. Der Vater war ein wohlhabender Architekt und Bau-unternehmer, zudem leidenschaftlicher Jäger. Allerdings war er im Begriff gewesen, seine Baufirma aufzugeben. Beide Opfer wurden – wahrscheinlich mit der 635er-Handfeuerwaffe des Vaters – von hinten erschossen. Da in der Villa einige wertvolle Dinge fehlten, darunter Schmuck und Teppiche, sah die Sache zunächst nach Raubmord aus.

Goddelsheim liegt unweit der nordhessischen Kreisstadt Korbach. In dieser hatte Peter Pompetzki sein Abitur als Jahrgangsbester der angesehenen Alten Landesschule gemacht. Er galt als sehr intelligenter Musterschüler und in sich gekehrter, wenn auch ehrgeiziger Einzelgänger. Offenbar hielt er in der Freien Marktwirtschaft schon als Student mit hohen Einsätzen mit, hatte er doch, wie die Kripo feststellte, kurz vor der Bluttat beim Handel mit Optionsscheinen rund 26.000 DM verloren. Zudem gab der Kripo die unterkühlte Art zu denken, mit der Pompetzki das grausige Geschehen um seine Eltern aufnahm. So verwundert es nicht, wenn sie auf die Theorie verfiel, er habe den angeblichen Einbruchsdiebstahl lediglich vorgetäuscht, um von seiner eigenen Täterschaft abzulenken. Das Motiv vermutete sie in der winkenden Erbschaft, allgemeiner ausgedrückt in Habgier also, einem klassischen Mordmotiv.

Der in Untersuchungshaft sitzende Sohn beteuerte seine Unschuld. In Briefen an Bekannte verwies er auf das stets enge und gute Verhältnis zu seinen Eltern. Die in der Villa verschwundenen Wertsachen einschließlich der mutmaßlichen Tatwaffe tauchten nicht auf. Der Prozeß vorm Kasseler Landgericht (Vorsitz Wolfgang Löffler) begann im Herbst 1992. Die Verteidigung nannte das angebliche Motiv dünn und pochte darauf, am Tatort hätten sich nicht die geringsten Spuren gefunden, die auf ihren Klienten gedeutet hätten. Dagegen sprach die Staatsanwaltschaft von den plump gelegten, offensicht-lichen „Trugspuren“ im Haus und hielt dem Angeklagten widersprüchliche Aussagen vor. So habe er nach eigener Aussage nur für fünf Sekunden durch die Kellertür ins Schwimmbad geblickt, den Unfall jedoch der Polizei gegenüber mit den Worten gemeldet, seine Eltern lägen „erschossen“ im Keller. Das hätte er, bei den lediglich erbsengroßen Einschußstellen im Rücken des Vaters, in der geringen Zeit unmöglich von der Tür aus erkennen können. Auch sein Alibi fand die Staatsanwaltschaft wenig überzeugend, zumal eine Goddelsheimer Einwohnerin beschworen hatte, ihn am 29. Juli und damit einen Tag nach der Bluttat in Ortsnähe am Steuer seines Wagens gesehen zu haben – während er nach eigener Darstellung in Marburg gewesen sein wollte.

Am 17. Mai 1993, nach 38 Verhandlungstagen, wurde Peter Pompetzki ausschließlich aufgrund von Indizien schuldig gesprochen und zu Lebenslänglich verurteilt. Seine Verteidiger kündigten sofort Revision an. Aber das hatte sich zwei Tage später erübrigt, als man den inzwischen 23jährigen Untersuchungshäftling am Gitter seiner Zelle erhängt vorfand. Er hatte zu seinem Selbstmord eine Spiegelscherbe zum Aufschneiden der Unterarme und das Kabel seines Fernsehgerätes benutzt. In einem Abschiedsbrief beteuerte er erneut seine Unschuld.

Sein Testament hatte er bereits zwei Tage vor der Urteilsverkündung niedergelegt. Danach war das Sozialempfinden des Unternehmersohnes vorherrschend auf bestimmte Vierbeiner gerichtet. Zwecks Versorgung seines Chow-Chows Askan vermachte er dem Korbacher Tierheim zunächst ein monatliches Unterhaltsgeld von 5.000 DM – über den Rest seines (elterlichen) Vermögens, etwa 4,8 Millionen DM brutto, könne das Tierheim nach Gutdünken verfügen. Askan starb 1996. Außerdem hatte Pompetzki sein Testament benutzt, um Schwarzgeldkonten seines Vaters zu verraten, die in der Schweiz und in Österreich lagen. Nebenbei waren die FahnderInnen bald nach dem Tod der Eltern in einem blinden Lüftungs-schacht der Villa auf einen Tresor gestoßen, der Wert-papiere und Bargeld im Wert von 800.000 DM enthielt.

Ein im Auftrag des HR gedrehter Dokumentarfilm des Kasseler Regisseurs Klaus Stern von 2000 legt den Verdacht nahe, die Polizei habe dilettantisch gearbeit und das Gericht habe sich ein Fehlurteil erlaubt. Doch gehe es Stern keineswegs um eine „lärmende Justizschelte“, so der Spiegel am 19. Februar 2001, „sondern um den präzisen Blick in die Abgründe eines äußerlich harmonisch erscheinenden Familienlebens“. Der Waldeckischen Landeszeitung zufolge* hatte Pompetzkis Mutter Annemarie unter einer Abtreibung und häufigen Depressionen gelitten. Eben deshalb habe sich Walter Pompetzki zur Aufgabe seines Baugeschäftes entschlossen, um seine Zeit „ganz und gar“ seiner Frau widmen zu können. Das glaube, wer Baulöwen liebt. Den Sohn hatte der Unternehmer womöglich noch nie auf der Rechnung. Wie Richter Löffler in seiner Urteilsbegründung behauptet hatte, war es schon in der Schulzeit Peter Pompetzkis „ganzes Bestreben, möglichst schnell zu möglichst viel Geld zu kommen“. Andere Lebensfreuden habe er nicht gekannt. Ein Freund der Familie hatte vor Gericht ausgesagt, in den Auseinandersetzungen um die Zukunft der Baufirma habe Pompetzki seinen Eltern schon einmal versichert, wenn sie das Geschäft aufgäben, brächte er sie um. Ob diesem in diesem Detail einzigem Zeugen zu trauen ist, weiß natürlich keiner.

In einem deutlich jüngeren Artikel** kommt die erwähnte Waldeckische Landeszeitung anläßlich der Pensionierung der Leiterin des Korbacher Tierheims auf den Fall Pompetzki zurück. Im Nachhinein bewerte Hella Klem-pert-Wilke die Erbschaft „als Fluch und Segen zugleich“. Zwar sei es dadurch möglich gewesen, „das Heim auf hohem Standard zu erweitern“, doch gleichzeitig sei auch die Spendenbereitschaft der Bevölkerung zurückgegangen. „Dabei hatten wir durch das vergrößerte Heim auch mehr laufende Kosten“, stellte die Tierschützerin klar. Mora-lische Fragen werden in dem Artikel nicht gestreift. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir TierschützerInnen damals den Korbacher Conti-Gummiwerken ihr am Hauptbahnhof gelegenes säulenbewehrtes, traditions-reiches und geräumiges Verwaltungsgebäude abgekauft, um es in ein ganz neues, geradezu fürstliches Tierhotel zu verwandeln, während das schäbige kleine alte Tierheim im Korbacher Industriegebiet sicherlich noch für eine Flüchtlingsherberge gut gewesen wäre.

* „Peter Pompetzki zu lebenslanger Haft verurteilt“, WLZ 18. Mai 1993
** 28. Januar 2010


Coleen. Sie starb mit drei. Ihre Berufswünsche sind nicht bekannt. Vielleicht wäre sie Gärtnerin, Hartz-IV-Empfängerin oder Diät(en)planerin eines Erfurter Landtagsabgeordneten geworden. Sie stammte aus dem nordthüringischen Oldisleben, einem Nachbardorf von Sachsenburg, wo sie an einem Freitagnachmittag Ende Mai 2010 ihre 44jährige Tante besuchte, die ihr Haus nicht mit Kindern, dafür mit vier American Staffordshire Terriern teilte. Zum Tatzeitpunkt hielt sich das Kind im Haus, die Tante im Garten auf. Aus ungeklärten Gründen jäh von den Kampfhunden angefallen, flüchtet sich Coleen in die Arme ihrer ebenfalls im Haus anwesenden Urgroßmutter, die das kleine Mädchen zu schützen sucht, aber zu Fall kommt. Die 72jährige Frau wird von den Hunden schwer verletzt, das Mädchen buchstäblich zerfleischt. Es stirbt an Ort und Stelle, noch ehe der alarmierte Rettungswagen eintrifft.

Die Hunde, die keinen Zwinger besaßen, wurden noch am selben Tag von einem Amtsarzt eingeschläfert. Wie sich herausstellte, waren sie nicht angemeldet gewesen.* Einige entsetzte DorfbewohnerInnen bekannten, sie hätten schon seit langem vor den kurzhaarigen bulligen Tieren Angst gehabt. Eine Gutachterin bezeichnete die vier Kampfhunde als „tickende Zeitbomben“. Trotzdem kam die illegale Hundehalterin ein Jahr darauf vorm Amtsgericht Nordhausen wegen „fahrlässiger Tötung“ mit einem Jahr Haft auf Bewährung und 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit davon. Ihr Verteidiger hatte sogar auf Freispruch plädiert.**

Nach Pressemeldungen registrierten die Ordnungsämter Thüringens für das folgende Jahr 2011 genau 482 „Beißangriffe“ von Hunden unterschiedlichster Rassen. Dabei seien in 281 Fällen Menschen verletzt worden, 73 von ihnen schwer. Daneben wurde ein 62jähriger Hofbewohner, im November desselben Jahres, in Wülfingerode, Kreis Nordhausen, von seinem eigenen Dobermann getötet. Er hatte ihn am späten Abend noch einmal aus dem Zwinger auf den Hof gelassen, wohl aus Gefälligkeit, zwecks Auslauf. Da fiel ihn der kurzhaarige schwarzbraune Wächter an. Das hatte schließlich den gleichen therapeutischen Effekt, für den Hund.

* Thüringer Allgemeine, 25. Mai 2010
** Spiegel Online, 31. März 2011

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