Dienstag, 25. September 2018
Most
Geschrieben um 2007


Nachdem er sich wieder leidlich fortbewegen konnte, suchte Most die Straße auf, in der er vor rund drei Wochen zusammengeschlagen worden war. Natürlich sah er sich vor. Heggenbroich wohnte in einem Neubau mit vier Eigentumswohnungen und einem überdachten Stellplatz für die Autos der BewohnerInnen. Die Luft war rein, denn Heggenbroichs silberner Porsche fehlte. Most hatte seinen Namen beiläufig an der großen Shell-Tankstelle erfragt. Offenbar bildeten sich etliche Leute etwas darauf ein, das funkelnde Cabriolett mit dem Klappverdeck aus schwarzem Segeltuch und seinen kahlköpfigen, nahezu halslosen Fahrer zu kennen. Heggenbroich mochte um 40 sein. Er steckte stets in piekfeinen, schwarzen Kleidern, die nur mit Mühe seinen Muskelpaketen standhielten. Er trug auch Schmuck. Die Ringe hatten Mosts Wange zerfetzt. Zuletzt, als Most rücklings auf dem Asphalt lag, hatte Heggenbroich genüßlich mit seinem linken schwarzen, spitzen Schuh zugetreten – wie sich versteht, genau zwischen Mosts Beine. Most konnte sich leider nicht mit den Händen zu schützen versuchen, stand doch Heggen-broichs rechter Schuh auf Mosts einem Handgelenk, während sich das andere im Gebiß des hechelnden und triefenden Dobermannmauls befand. Der schöne, kompakte Hund mit dem dunkelbraunen Kurzhaarfell war hervorragend abgerichtet. Er hatte Most kein Härchen gekrümmt. Ein kurzer Pfiff, und der Dobermann hatte Most verlassen, um sich von seinem lächelnden Herrchen die Haustür aufhalten zu lassen.

Most betrat den Vorgarten eines schon älteren Häuschens, das schräg gegenüber lag. Auf der Klingel stand Familie Schüller. Most schätzte die braungelockte Frau, die ihm öffnete, auf Mitte 30. Da zu seinen Vorsichtsmaßnahmen seine Bekleidung zählte, erkannte ihn Frau Schüller nicht auf Anhieb. Most hatte seine einzige „gute“ Hose und sein einziges Jackett angezogen. Er lüftete einen hellgrauen Filzhut, mit dem er gelegentlich bei Betriebsausflügen geglänzt hatte. Der Betrieb ging vor Jahren konkurs. Most nickte zur Straße und erinnerte die zierliche Frau an einen eher schäbig gekleideten Kerl ohne Kopfbedeckung, der kürzlich von Heggenbroich mit Unterstützung seines Kampfhundes ziemlich übel zugerichtet worden war, wie sie seines Wissens vom Komposthaufen her zufällig hatte verfolgen können. Sie sah seine genähte Wange und nahm erschrocken ihre Hand vor den Mund. Jetzt wußte sie auch, warum der Mann humpelte. Und sie hatte nicht eingegriffen! Ihr erschrockener Blick ging auch zu dem Neubau schräg gegenüber. Sie hatte jetzt doppelt Angst: vor Heggenbroich, dem Zuhältertypen, und vor dem Besucher, der sie womöglich bestrafen wollte. Sowohl ihr Mann – ein Lehrer – wie auch ihre beiden Kinder waren noch in der Schule. Allerdings wirkte Most, der sie fragend und fast ein wenig um Entschuldigung bittend ansah, nicht gerade furchteinflößend auf sie. Conny Schüller bat ihn kurzentschlossen herein.

Sie saßen am Couchtisch. Nein, bis zu dem Zwischenfall sei ihm Heggenbroich völlig unbekannt gewesen, erklärte Most. Schuld sei sein Fehler gewesen, einen Machthaber zu reizen. Ob sie den Wortwechsel mitbekommen habe?

Conny Schüller schüttelte ihre Locken. „Ich wurde erst bei dem Handgemenge aufmerksam. Dann hatte ich solche Angst! Heggenbroich gehört das große Fitneßcenter neben der Hauptpost, falls Sie es nicht wissen. Außerdem hört man von allerlei zwielichtigen Geschäften, in die er verwickelt sein soll. Meine Kinder ...“

Sie ließ diesen Satz in der Luft hängen und schloß: „Als ich dann beobachten konnte, wie Sie sich aufrappelten und wie Sie auf die Zäune gestützt Richtung Tankstelle verschwanden, sagte ich mir: sicherlich wird ihn ein Taxi aufnehmen und gleich ins Krankenhaus bringen.“

Most nickte. So war es auch gewesen. Um das Geld tat es ihm heute noch leid.

Most überlegte. Ursprünglich hatte er gehofft, in Conny Schüller vielleicht eine gute Zeugin zu gewinnen, um mit Hilfe des Armenrechts, das er beantragen konnte, einen Prozeß gegen Heggenbroich anzustrengen. Das kam schon nicht mehr in Frage. Erstens würde sie es niemals wagen, gegen ihren skrupellosen Nachbarn aufzutreten; zweitens hatte sie den Beginn des Streites zwischen ihm und Heggenbroich gar nicht verfolgt.

Wie zur Bestätigung, erkundigte sie sich danach. „Sie sagten, Sie hätten Heggenbroich gereizt? Er war ja wohl gerade nach Hause gekommen. Seinen röhrenden Porsche hört man bei geschlossenen Küchenfenstern.“

Most kicherte. „Ich hatte das Pech, den Bürgersteig benutzen zu wollen. Dieser wurde leider von einem Dobermann blockiert, der am Umfassungsmäuerchen schnüffelte. Heggenbroich stand bereits auf dem Platten-weg zur Haustür. Arme verschränkt, Hundeleine um den Nacken, verfolgte er mit feinem Lächeln, wie ich aus Angst vor seinem Köter einen Bogen beschrieb. Sein Lächeln war gerade fein genug, um dem ärmlich wirkenden Fußgänger Heggenbroichs Verachtung anzudeuten – von seinem sadistischen Vergnügen einmal abgesehen. Da knurrte ich zu ihm: 'Sie scheinen sich sehr stark zu fühlen.' – 'Was heißt hier scheinen?' erwiderte er in aller Gemütsruhe. 'Ich bin stark, mein Freundchen. Möchtest du es etwa bezwei-feln?' – 'Ach woher!' schnaubte ich. 'Was andere im Kopf haben, wird bei dir vermutlich in den Eiern sitzen.'“

Conny Schüller wandte ihren Blick von Most, um ein paar Dinge auf dem Couchtisch zurecht zu rücken, die Pro-grammzeitschrift, Malstifte und Schere, die Fernbedienung des TV-Gerätes ... Am liebsten hätte sie auch noch weiße Kreide zur Korrektur ihrer Gesichtsfarbe gehabt, die zu sehr ins Rot ging. Zum Glück fiel ihr die längst fällige Frage ein, ob ihr Gast vielleicht etwas trinken möge, eine Tasse Kaffee oder ein Glas Saft ..?

Most lehnte dankend ab. Er werde wohl gleich wieder verschwinden. Er stemmte sich aus dem Sessel, humpelte zum Fenster und starrte zu dem gepflegten Neubau hinüber. Conny Schüller, die auf der Couch sitzen blieb, musterte verstohlen Mosts Rückenpartie.

Auch Most war leicht verstört. Bei Conny Schüllers Blick hatte ihn nämlich die Vorstellung angefallen, mit ihr gemeinsam auf die Couch zu sinken und den ekeler-regenden Zustand der Welt ein für allemal zu vergessen. Pustekuchen! Erst klingelten die Kinder, dann der Gatte. Es kam überhaupt nicht in Frage, in ein Spießbürgerglück einzubrechen und die liebe Conny dann womöglich wie eine Klette am Hals zu haben.

Most verabschiedete sich. Er versicherte Frau Schüller, die Angelegenheit sei erledigt, jedenfalls für sie.

Noch am selben Tag machte er sich ein Bild von der Lage am Fitneßcenter. Das mehrstöckige Gebäude mit Durchfahrt verfügte über einen großen Hinterhof. An die rückwärtige Mauer schloß sich ein Obstgarten an. Längs der Mauer reihten sich die gekennzeichneten Parkbuchten der MieterInnen. Heggenbroichs Bucht wurde zum Teil von einem alten Birnbaum beschirmt, der hart jenseits der Mauer stand.

Das Klappverdeck des silbernen Porsches ließ plötzlich Mosts Gehirnkasten aufspringen. Seine Rache würde in diesem Fall eher sauer sein. Wie Most in den folgenden Tagen von dem verwaisten Obstgarten aus überprüfen konnte, machte sich Heggenbroich bei dem gegenwärtigen schönen Sommerwetter nicht die Mühe, das Verdeck für die kurzen Zeiten seiner Anwesenheit zu schließen. Unterdessen verschaffte Most seiner Blase für etliche Tage ausnahmsweise nicht in seiner WC-Schüssel, sondern mit Hilfe eines 5-Liter-Kanisters Erleichterung, der gut in einen Rucksack paßte. Als der Kanister voll war, erklomm Most, seit Tagen unrasiert und mit Sonnenbrille auf der Nase, im Schutz des Birnbaums die Mauerkrone, um Heggenbroichs erhitztes Cabriolett mit raschem Schwall zu tränken. Dann hüpfte er ins Gras zurück und suchte geduckt das Weite, schon um dem Gestank zu entkommen.
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