Dienstag, 25. September 2018
Verschiedene Heimwehs
Geschrieben 2017


Welskopf-Henrichs Reservationsindianerin Queenie/Ta-shina, späte Rose der Prärie, hat in einer fernen großen Stadt ihr Kunststudium abgeschlossen. Nun sitzt sie, auf dem Weg nach Hause, im Überlandbus am Fenster, „seit Stunden immer von neuem und immer inniger die weite, baumlose, hitzegequälte, halb stauberstickte Landschaft“ begrüßend, „die ihre Heimat“ ist. „Wie weit und groß! Wie einsam und gleichförmig ...“ Und so etwas findet diese Rose toll! Wie ich sehe, ist das grammatisch unklar; hier könnte auch umgekehrt die Prärie die Rose toll finden. Es wäre nicht viel abwegiger. Die Rose verzehrte sich also über etliche Semester hinweg nach einer platten, besten-falls leicht gewellten, gewässerarmen Folterkammer. Sie liebt eine Öde, die im Sommer einem von Wirbelstürmen durchrasten Backofen, im Winter einem Eiskeller gleicht. Sie ist ein echtes Kind der Prärie.

Und das ist natürlich der übliche Einwand gegen meine Polemik: Unter dem großen Schirm „Prärie“ hänge Queenie verständlicherweise an ihren Kindheitserinne-rungen, ihren Lieben, ihren Gewohnheiten – an dem, was ihr von Kind auf vertraut sei und ihr deshalb sowohl Sicherheit wie Identität verleihe. Das verscheucht aber die Zufälligkeit der Angelegenheit nicht. Hätten ihre Eltern an einem ausgedehnten kanadischen See gesiedelt, wäre das Rauschen der Wellen und Wälder zu Queenies Schirm geworden. Doch wie auch immer, hätte sich hier wie dort, als nächster heikler Zug der Heimatverbundenheit, die Gefahr des BesitzerInnenstolzes, der Intoleranz und des Fanatismus erhoben. Meine Heimat ist besonders wertvoll; sie ist liebenswerter und wichtiger als deine Heimat. Diese Gefahr steigt aus der allgemeinen, unglaublich hartnäk-kigen Neigung des Menschen, „das Eigene“ zu über-schätzen und notfalls das Kriegsbeil für es zu wetzen. Bei den Yankees verhielt es sich nicht anders, nur eignete ihrem Eignen von vornherein eine etwas größere Kragen-weite, weil ihnen Gott der Allmächtige die ganze Welt versprochen hatte, auf daß sie dieselbe mit Freiheit, Zivilisation, Brandy, Cocacola und 120 Meilen schnellen Sportcoupés beglückten. Ihr Eigenes hatte also auch schon die zunächst nur in Aussicht genommene Beute eines kontinentgroßen IndianerInnenlandes eingeschlossen.

Von den Hirnforschern, auch den weiblichen, ist zu hören, es gebe in unserem Schädel genauso ZellenwärterInnen, die gerne Vertrautes, wie solche, die gern Neues, Abenteuerliches, uns vielleicht Befremdendes, aber vielleicht auch Bereicherndes durchließen. Aus dem ersten Grund lieben wir, alternativ erzogen, Vollkornbrötchen, Federkernmatratzen und Volkslieder mit einprägsamen Kehrreimen, während wir Maisfladenbrot, Büffelfellager oder Hängematten und „wilde“, nämlich ungeordnete Tänze hassen. Wäre es allerdings wirklich unverzichtbar, aus demselben Grund (Vertrautheit) das Städtchen Gudensberg oder auch nur Nordhessen dem ganzen Rest der Welt vorzuziehen? Ich spiele auf folgendes an. Vor rund einem Jahr nahm ich Briefkontakt mit einem recht kritischen und guten Publizisten meines Alters auf, weil ich spitzbekommen hatte, er sei, wie ich, Nordhesse und in Kassel (um 1965) zur Schule gegangen. Zwar antwortete er freundlich, doch nach drei Briefen war er, zu meiner Enttäuschung, immer noch nicht auf unsere gemeinsame nordhessische Heimat und parallele Jugend in Kassel eingegangen, obwohl genau dies der Pfad gewesen war, auf dem ich mich ihm genährt hatte. Ich hatte auch meine vorstehende „Heimatkunde“ verlinkt – vergeblich. Daraufhin ließ ich den Kontakt schleifen, was ihm wahrscheinlich gar nicht so unlieb war. Schließlich hatte er Frau, Kinder, Enkel, Kreditschulden und jede Menge festumrissener Schreibvorhaben – da ist Ungewohntes eher störend, mag es auch zehnmal von einem schrägen Vogel kommen, der aus demselben Nest stammt wie man selbst. Zu allem Unglück, meine Beschämung vielleicht eingeschlossen, hatte ich mich in dem vorausgegangenen Jahr bereits hilfeerheischend an zwei Kasseler Stellen gewandt, die eigentlich beruflich mit solchen Vögeln zu tun hatten: zunächst an einen linksstehenden Archivar und Verleger, später an den Funktionär eines sogenannten Literaturbüros. In beiden Fällen erntete ich Ignoranz.

Gewiß, das bin ich gewohnt. Ich vermute jedoch, die Ignorierung meiner Vorstöße in die Heimat kränkt mich doppelt, weil ich meine Bedeutung als „Sohn“ Nordhessens noch immer überschätze: Mutter Nordhessen verschmäht meine Zuneigung, Anhänglichkeit, Fürsorge – literarische Zuarbeit. Auf dies alles scheißt sie, die liebe Alte. Und warum? Ich werde den Verdacht nicht los, ich erschiene ihr in der Tat als gar zu ungeratener, rotzfrecher, bissiger Sohn. Andere denkbare Mängel, etwa literarische, streife ich anschließend im ABC unter G wie Gudensberg.
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