Montag, 24. September 2018
Der Untergang des Werner Motz
Geschrieben um 2016


Werner Motz wurde lediglich 50 Jahre alt. Da es bislang zwar verschiedene Gerüchte, jedoch keine Aufklärung gab, speisen uns Nachschlagewerke in der Regel mit der Bemerkung ab, der 1820 geborene Zeichner, Maler, Gärtner, Imker und Taucher gelte seit 1871 als verschollen. Das wird sich womöglich ändern. Wenn ja, verdanken wir es dem Düsseldorfer Kunstgeschichtler Ferdinand Tröck-stein, der kürzlich bei einer Tagung von einem Aufsehen erregenden Fund berichtete, der ihm eigenhändig auf der Atlantikinsel Dursey gelang, Motz' letztem Wohnort. Tröckstein befaßt sich seit vielen Jahren mit verschiedenen Künstlern des Biedermeier und des Vormärz, wobei er sich zunehmend auf Motz konzen-trierte, der vor seinem britisch-irischen Exil (1851) just in Düsseldorf lebte und wirkte. Ich habe Tröckstein für das Manuskript seines Vortrages und weitere, briefliche Auskünfte zu danken.

Vom Festland nur durch einen 230 Meter schmalen Sund getrennt, zieht sich die hügelige, langgestreckte, allerdings ziemlich kleine Insel Dursey wie ein Blinddarm an einem Südzipfel Irlands in die Keltische See. Sie mißt ungefähr sechs mal einen Kilometer. Die drei winzigen Inseldörfer Ballynacallagh, Kilmichael und Tilickafinna liegen durchweg am Südosthang des irischen Wurmfortsatzes. Zu Motz' Zeit wurde Dursey von rund 220 Menschen bevölkert. Sie betrieben vor allem Fischfang, Viehzucht und etwas Ackerbau. Dursey dürfte schon damals recht kahl gewesen sein, hatte man doch im Mittelalter die meisten Bäume in Bau- oder Brennholz verwandelt. Das herbe, nicht unbedingt reizlose Bild, das die Insel Ornithologen oder Künstlern wie Motz bot, war von moorigen, mit Stechginster, Schafen und Feldsteinmauern durchsetzten Wiesen, felsiger Steilküste mit vorgelagerten Klippen und der Turmruine auf dem 252 Meter hohen Berg Cnoc Mór geprägt. Das mittlere Dörfchen Kilmichael hatte damals sogar schon ein Schulhaus und einen Lehrer zu bieten, Patrick Carmody, mit dem sich Motz eng befreundete. Eben dieser Freund hatte um 1870 Aufzeichnungen vorgenommen, von denen die Welt bislang nichts wußte. Dann weilte Ferdinand Tröckstein wieder einmal auf der Insel, drehte in den Gemäuern des kleinen, längst eingefallenen Schulhauses jeden losen Stein und jedes Polster aus rosa oder gelb blühendem Mauerpfeffer um – und siehe da, unter den nur dürftig mit Schlamm vermörtelten flachen Steinen einer Fensterbank kam ein in braunes Wachstuch eingeschlagenes Heft zum Vorschein, das jene Aufzeichnungen enthielt. Darauf habe er aus seiner kleineren Feldflasche erst einmal einen großen Schluck heimischen Whiskeys zu sich genommen, verriet mir der Düsseldorfer Forscher.

Werner Motz, geboren 1820 in Hanau bei Frankfurt/Main, war im wesentlichen unweit der damaligen Residenzstadt Kassel auf dem ehemaligen Rittergut Bodenhausen aufgewachsen, das sich schon länger im Besitz der Familie befand. Der kurhessische Jurist und Politiker Gerhard Heinrich von Motz, sein Erzeuger, hatte es zu einigen hohen Posten als Gerichtspräsident und sogar Minister (in Kassel) gebracht. Seinen langersehnten einzigen männlichen Sprößling ließ der Alte nach einem Schock einheimischer mittelalterlicher Recken taufen, die allesamt Werner gehießen hatten, die Grafen von Maden. Der junge Motz geriet jedoch schon früh in eher entgegengesetztes, rebellisches Fahrwasser, sodaß er auch bald das „von“ in seinem Namen strich. Als Halbwüchsiger hatte er das Glück – oder, in anderen Augen, Pech – die Oberstufe des Kasseler Friedrichsgymnasiums just in den Jahren 1836–38 zu durchlaufen, als dort der spätere Schriftsteller und Theaterleiter Franz Dingelstedt als Lehrer tätig war. Motz und etliche Mitschüler verehrten und verteidigten ihn. Dingelstedt, damals noch „vormärzlich“ gestimmt, hatte sich nämlich durch erste, durchweg satirische Veröffentlichungen Unmut bei Hofe („Kurfürst“ Wilhelm II.) und schließlich die Verbannung nach Fulda zugezogen. Daraufhin machte auch Motz, von Kind auf der Bildenden Kunst zugeneigt, Nägel mit Köpfen: er erklärte seinem autoritären alten Herren, der sich inzwischen, in zweiter Ehe, mit einer echten Freiin von Stockum verheiratet hatte, er gedenke sowohl auf ein Jurastudium wie auf den ausgedehnten Gutshof an der Warme zu pfeifen, schnürte sein Bündel und verschwand gen München.

In der Tat besaß der eher kleine, schmächtige und weichzügige Filius jenen seltenen Gesichtsausdruck, den man pfiffig nennt. Sein dichtes, schwarzes Haar trug er zurückgekämmt bis auf den Kragen. Bärte – wie etwa an Freiligrath, der neben Motz wie ein kanadischer Holzfäller wirken sollte – konnte der angehende Kunstmaler nie leiden. In München nahm er zunächst Unterricht bei Moritz von Schwind und anderen Malern. Das Zeichnen nach Akten und Tieren betrieb er besonders emsig. Als seine geringen Ersparnisse aufgezehrt waren, finanzierte sich Motz durch seine große, inzwischen zielstrebig ausgebaute Begabung, treffende, oft auch umwerfend komische Porträts aus dem Stegreif anzufertigen, also in wenigen Minuten, teils in Kneipen oder auf der Straße, gleichsam aus dem Ärmel zu schütteln. Schon durch diese, damals noch einzigartige „Schnellzeichnerei“ kam er zu einem gewissen überregionalen Ruhm. Sein engster Freund und wichtigster Anreger wurde der 10 Jahre ältere, satirisch gestimmte „Genremaler“ Johann Peter Hasen-clever. Als es diesen um 1840 zurück in die rheinische Heimat zog, schloß sich Motz prompt an. Sie ließen sich in Düsseldorf nieder. Der Freundschaftsbund, der die politische Gärung am Rhein mit Händereiben begrüßte und befeuerte, erweiterte sich, unter anderem, durch den Maler Henry Ritter und eben den Schriftsteller Ferdinand Freiligrath. Bekanntlich rückte der gelernte Kaufmann aus Barmen um 1848, neben Marx, Engels und Georg Weerth, als Autor und Redakteur der Kölner Neuen Rheinischen Zeitung in den Vordergrund, wodurch er sich freilich auch Steckbriefe auf den Hals zog. Da Motz, nicht nur wegen etlicher Karikaturen und einigen schon hochgehandelten bissigen Gemälden, ebenfalls bedroht war, nahm er 1851 gern das Angebot an, die (kinderreiche) Familie Freiligrath ins Londoner Exil zu begleiten.

Die besagten Arbeiten gingen übrigens weit über Hasenclever hinaus. Ungefähr wie ein Luchs über einen kastrierten Hauskater. Sie erfreuten sich, durch Drucke und selbst Fälschungen, guter Verbreitung. Schon weniger zahm als Hasenclever, der, wie Ritter, früh verstarb, war der französische einstige Modezeichner Paul Gavarni, mit dem der Neuankömmling Motz in London so manche Nacht durchzechte. Als sich Gavarni, geboren 1804, um 1850 für mehrere Jahre in der britischen Metropole (und ihren Elendsvierteln) aufhielt, war er bereits durch seine in der satirischen Zeitschrift Le Charivari erschienenen Arbeiten bekannt. Motz hielt mit ihm Briefverbindung. Obgleich vom Naturell her Dandy und Junggeselle, hatte Gavarni 1844 geheiratet. Um 1860 traf ihn der Tod seines jüngsten, 10jährigen Sohnes Jean, ferner die behördlich erzwungene Beschneidung seines Gartens im Pariser Vorstädtchen Auteuil zwecks Eisenbahnbaus. Er wurde zunehmend „misanthropisch“, zumal er an Asthma litt. Most war untröstlich und daneben nachhaltig erschrocken, als er 1866 die Mitteilung erhielt, Gavarni sei, mit 62 Jahren, einem häuslichen Erstickungsanfall erlegen. Laut Tröckstein befürchtete Durseys Lehrer Carmody später am Schluß seiner Aufzeichnungen, Werner Motz sei es (1871) nicht viel besser ergangen, nur sozusagen früher, war doch der Hesse bei seinem mutmaßlichen Tod durch Ertrinken erst 50.

Was Motz und Freiligrath angeht, verloren sie sich in London bald aus den Augen. Größte Tat Freiligraths, der nun vordringlich als Bankkaufmann, ferner Übersetzer arbeitete, war es, Motz beim Schriftsteller Charles Dickens einzuführen, woraus sich eine lange Brieffreundschaft und das vielreproduzierte, 1858 entstande Gemälde Charles Dickens liest im Athenaeum, Cork ergaben. Damals lebte Motz, der sich zunächst in Dublin niedergelassen hatte, bereits seit rund zwei Jahren auf Dursey, genauer in Kilmichael, nur in guter Rufweite vom Schulhaus seines dortigen Busenfreundes entfernt. Wegen Dickens' Lesung waren die beiden denn auch (per Pferdekutsche) gemeinsam in die spätere dortige Oper nach Cork gereist, immerhin rund 130 Kilometer. In Cork, bekanntlich ein bedeutender Seehafen an der irischen Ostküste, konnte man bald darauf, spätestens 1866, in die Eisenbahn nach Dublin umsteigen, falls man die Malerin Fiona O'Brien besuchen wollte. Motz wollte nicht. Jenes bekannte Porträt, das Dickens zwar als merkwürdigen, vermutlich etwas geltungssüchtigen und etwas beschränkten Moralapostel zeigt, aber keineswegs denunziert, fertigte Motz dann bald nach dem Ausflug nach Skizzen und aus dem Kopf in seiner abgelegenen, von der See umbrausten Feldsteinkate an.

Wie mir Ferdinand Tröckstein beiläufig erzählte, hatte sich Dickens damals gerade von seiner Gattin getrennt, wenn auch, nach Dickens' öffentlicher (und ehrverletzender) Erklärung, um Gottes willen nicht etwa wegen einer (erheblich jüngeren) Geliebten. Die hielt er schön geheim. Sie hieß Nelly Ternan und war Schauspielerin. Was Motz angeht, hatte er sich einige Jahre früher vor allem wegen einer feurigen Aschblonden nach Dublin gewandt, der erwähnten Malerin Fiona O'Brien. Es war nicht die erste Geliebte seiner Jugend. Motz' bübischer Charme, bei dem sich Angriffslust mit Aufrichtigkeit und dem Vermögen zur Selbstkritik paarte, betörte etliche Herzen. Eine Familien-gründung hatte er nie erwogen. Als er von O'Briens Versuchen, ihn in Beschlag zu nehmen, und seiner eigenen, allmählich unausstehlichen Gereiztheit die Nase voll hatte, legte der 36jährige Deutsche die Karten auf den Tisch – ohne freilich auf Dursey zu zeigen. Sie wäre ihm glatt nachgereist.

Nicht etwa, daß Werner Motz bei seinem „Ausstieg“ (von Dublin nach Dursey) bereits magnetisch von einem anderen, zufällig ebenfalls blonden Weibsbild angezogen worden wäre. Damals wußte er, von zwei Besuchen bei Patrick Carmody her, noch nicht einmal, daß Mailin im südlichen Inseldorf Tilickafinna existierte. Er geriet erst im Laufe seines zweiten Inseljahrs, 1857, an die seltsame, bemitleidenswerte, ihm den Kopf verdrehende Fischerstochter. Nein, es hatten sich einfach zu viele Dinge angesammelt, die ihm gegen den Strich gingen, nicht nur die Nervensäge Fiona. Er hatte auch den Großstadt-rummel, die Künstlerszene, das Ruhmstreben und die ewigen fruchtlosen politischen Diskussionen in den Dubliner Arbeiter- und Künstlerkneipen satt. Man bedenke außerdem, er wurde allmählich älter, verlor Illusionen wie fast jeder sterbliche Mensch. Er hatte es sogar satt, tatenlos dem unaufhaltsamen Steigen der Preise seiner künstlerischen Arbeiten zusehen zu müssen. Er „stieg also aus“. Durch Carmody, den er in einer jener Kneipen kennengelernt hatte, neuerdings ferienweise auf Dursey, hatte er hier seine Exil-Möglichkeiten erkundet und für gut befunden. Hier waren alle bettelarm, gleichwohl fleißig. Motz wollte sich nur noch fallweise als Künstler, sonst als Gärtner und Imker betätigen. Als eine Familie aus dem Schuldorf Kilmichael dem sagenhaften Rufe Nordamerikas folgte, also auswanderte, vermittelte ihm Carmody deren Pacht. So packte er die notwendigsten Sachen. An einem Märztag, an dem sogar hin und wieder die Sonne herauskam, setzte er mit Hilfe zweier Leute von der Halbinsel Beara im Ruderboot über den Sund und zog mit seiner geringen Habe in die Feldsteinkate der Auswanderer ein.

Das strohgedeckte Häuschen war lediglich in Wohnküche und Schlafkammer unterteilt. Das Klo stand im Hof. Immerhin wurde es auf Dursey niemals wirklich kalt. Der Winter brachte sehr selten Frost und Schnee, allerdings Sturm und Regen in beträchtlichen Mengen. Der Sund, je nach Gezeitenstand bis neun oder sieben Meter tief, dabei mit etlichen Riffs gespickt, konnte bei rauher See für Tage, mitunter gar Wochen unpassierbar sein. Dann waren die InsulanerInnen eingesperrt. Sie zankten sich um den letzten Teelöffel Zucker, bald auch Honig (von Motz), und heizten mit Torf, Stechginsterwurzeln, Treibholz tüchtig ein, solange der Vorrat reichte. Ihr Trink- und Waschwasser bezogen sie aus verschiedenen Rinnsalen, die aus den Hügeln traten, und häuslichen Zisternen. Es regnete ja genug. Die Sommer waren wunderbar mild, nahm man den ständigen Wind, das Brandungsrauschen und die scharfen Pfiffe oder Krächzer von Austernfischern, Wanderfalken, Kolkraben, zuweilen auch inseleigener Esel in Kauf. In den bunt blühenden Wiesenkräutern brummten die Hummeln. Schon am Tage nach seiner Übersiedelung pflanzte Motz im Hof einen Walnußbaum-schößling, den er vom Festland mitgebracht hatte. Er ging an. Vieh oder auch nur einen Hund schaffte sich Motz nie an. Sein Stallgebäude nutzte er im Sommer teils für die Imkerei, teils als Atelier. Manchen Abend klemmte er sich ein Bündel aus neugedrehten Wachskerzen und frischgepflückten Gurken und das Kästchen mit Schachfiguren unter den Arm und ging zu Patrick Carmody ins Schulhaus hinüber. Der hellhäutige, etwas dickliche Rotschopf, deutlich jünger und schüchterner als Motz, hauste dort in einer Stube, die eher an eine Truhe für verkrustetes Geschirr und schmutzige Wäsche erinnerte. Carmody hätte niemals eine Mäusefalle aufgestellt oder gar ein Schulkind gezüchtigt. Er hätte es freilich auch niemals gewagt, bei einem Gang durchs südliche Nachbardorf seinen Blick wie eine kreisende durstige Hummel auf Mailin zu senken, während sie im häuslichen Hof Wäsche aufhing. Aber Motz wagte es.

Die strohblonde Fischerstochter glich einerseits in der Tat einer blühenden, andererseits einer geknickten Blume. Zum Beispiel hinkte sie. Auch konnten ihr unvermittelt die Tränen kommen, dafür strahlte sie allerdings auch viel öfter, als auf Dursey die Sonne schien. Durch ihre Gehbehinderung, die sie von einem Kindheitsunfall zurückbehalten hatte, kamen verständlicherweise ihre birnenförmigen Hängebrüste noch mehr zur Geltung, falls sie gerade Wäsche aufhing oder sich, bergan, gegen eine Schubkarre mit Eselsmist für Motz' Garten stemmte. Carmody war in seinen Aufzeichnungen offenherzig und neidlos genug, um von Mailins Brüsten zu sagen, jeder vernünftige Mann mit unversteinertem Herzen hätte sie sich ohne Zweifel am liebsten sofort „bis zum Magen in den Schlund“ gestopft. Das verriet Tröckstein freilich nur mir, nicht den Tagungsteilnehmern. Wie sich versteht, hatte Motz den Lehrer sofort nach der seltenen Inselblume ausgefragt. Sie war jedoch nie Carmodys Schülerin gewesen, weil sie als mehr oder weniger schwachsinnig galt. Immerhin glaubte er zu wissen, sie sei von ihren Eltern nie schlecht behandelt worden. „Aber eben auch nie gefördert!“ schimpfte der Lehrer. Wenige Wochen nach diesem Gespräch zog Mailin in Motz' Häuschen ein.

Diese Eroberung verblüffte Motz selber am meisten. Schließlich hatte er die InsulanerInnen inzwischen nicht nur als „bettelarm“ und „fleißig“, vielmehr auch erzkatholisch, abergläubisch und sittenstreng „bis zum Haareausraufen“ erfahren. Doch Mailins Eltern sahen die Sache so, daß ihnen „der verrückte Maler“ eher einen Klotz von den Beinen nahm und dabei auch noch ein gutes Werk an ihrer Tochter tat. Sie drangen noch nicht einmal auf Heirat. Ihre einzige Bedingung war, Motz dürfe Mailin kein Kind machen, worauf er sowieso nie verfallen wäre. Er kannte sich seit Jahren gut in allerlei Verhütungs-mitteln aus, und seine neuen „Schwiegereltern“ setzten sogar noch ein paar interessante Rezepte darauf. Gewiß nahmen sie an, von den Bett- oder Moorfreuden einmal abgesehen, werde Motz seine „schwachsinnige“ Gefährtin vornehmlich zum Kochen, Heizen, Putzen, Wäsche-waschen, Wasserholen, Unkrautjäten und vielleicht noch Kerzendrehen einspannen. Er belehrte sie aber rasch eines Besseren. Die beiden teilten sich diese Arbeiten, und was die Kerzenwachs abwerfende Imkerei betraf, wartete schon die nächste Verblüffung auf Motz. Die Bienen liebten Mailin! Sie stachen sie nicht! Mailin konnte ohne Schleier und qualmende Pfeife mit ihnen arbeiten, und wie sich bald erwies, hatte sie eine ausgesprochen glückliche Hand für die Imkerei.

Bemerkenswerterweise hatte Motz die Bienenvölker bereits in den unlängst aufgekommenen Kästen mit beweglichen Rahmen und Waben gehalten. Der Gutsver-walter seines Alten Herren hatte noch Körbe verwendet. Als sich das Paar dann im Jahr 1865 eine Honigschleuder anschaffte, war sie noch brandneu. Motz korrespondierte inzwischen mit dem sozialistisch gestimmten Imker Charles Dadant, USA, und schmierte ihm jeden „Fort-schritt“ oder Zuchterfolg schön aufs Brot. Er erkundigte sich auch, ob die Zuneigung der Bienen zu seiner Gefährtin Mailin und die entsprechende Friedfertigkeit der Bienen „normal“ seien und ob Dadant von ähnlichen Fällen wisse. Der berühmte Experte mußte passen. Wahrscheinlich war eine Ferndiagnose auch zu viel verlangt. Wie sollte er in Übersee feststellen können, was den Dursey-Bienen an Mailin besonders gefiel beziehungsweise an dem Maler stank? Ein Mystiker, möglicherweise auch Thoreau, hätte wahrscheinlich eine gleichsam natürliche Korrespondenz zwischen besonders geplagten, aber auch besonders feinfühligen Geschöpfen ins Feld geführt.

Motz verehrte Mailin und verwöhnte sie und pries die Wahl seines „Exils“ von Jahr zu Jahr, woran ihn auch gelegentliche Nachrichten über politische Zuspitzungen nicht hindern konnten, die vom Festland an sein Ohr drangen. Man sollte sich dazu allerdings klarmachen: Motz hatte seine (anfängliche) Einsamkeit 1856 wirklich „frei gewählt“. Schließlich hätten ihm, bei seiner sozialen Stellung und seinen Verbindungen, zahlreiche Alternativen offen gestanden. Der durchschnittliche, mittellose Ire dagegen, seit 1801 in eine „Union“ mit Großbritannien gezwungen, hatte überhaupt keine Wahl. Er pachtete und schuftete dort, wo er gerade aufgewachsen oder geduldet war oder eine Lücke fand, und heiße sie „Amerika!“, wie ja Scharen von Auswanderern in den schrecklichen Hungerjahren um 1850 bewiesen hatten. Irland gehörte dem Klerus und ein paar Hundert weiteren Grundherren – die nicht selten (protestantische) Engländer waren und den Ort ihres Wirtschaftens nur selten leibhaftig aufsuchten. Dursey gehörte der Bantry Estate. Dieses große (agrar-)kapitalistische Unternehmen beherrschte die ganze weitläufige Halbinsel Beara an der Bantry Bay, wo das für Dursey nächste Hafenstädtchen Castletownbere lag, von dem wir noch mehr hören werden. 1867 flackerten sogar in ganz Irland, wenn auch nur hier und dort, bewaffnete Aufstände auf, hinter denen der Geheimbund Fenier steckte, Vorläufer der IRA. Motz beteiligte sich aber nicht daran, obwohl ihn alte Dubliner Genossen eigens dazu aufgefordert hatten. Er halte diesen Weg keineswegs für unzulässig, erklärte er Carmody, als sie bei einer Flasche Guiness auf der Trockenmauer des hübschen und ertragreichen Gartens saßen, den er im Verein mit Mailin angelegt hatte. Er halte ihn jedoch für abenteuerlich und aussichtslos. In der Tat brach die „Erhebung“ rasch zusammen. Carmody hatte Motz zugestimmt. Auf Dursey hätten sie keinen Esel zu einem Aufstand gebracht. So dachten sie damals jedenfalls.

Ein erster Höhepunkt des folgenden Jahres stellte sowohl für Motz wie Carmody die Lektüre eines schmalen Buches aus der Feder des erwähnten US-Schriftstellers Henry D. Thoreau dar. Bis dahin hatten sie noch nie von dem Mann aus Concord, Massachusetts, gehört. Sie verdankten sein Buch Motz' Brieffreund Dickens. Dieser hielt sich im Winter 67/68 erneut, nach rund 25 Jahren, zwecks Lesereise in Nordamerika auf. An der US-Ostküste traf er nun auch den berühmten Philosophen Ralph Waldo Emerson, der gleichfalls in Concord (bei Boston) lebte. Allerdings habe der Gute, so Dickens an Motz, bei der Begegnung durchblicken lassen, er schätze den Londoner Romanschreiber nicht sonderlich. „He considers me as an ignorant of nature!“ Zum Abschied schenkte Emerson dem Gast aus Übersee eben jenes Buch Walden seines jungen Freundes oder Anhängers Thoreau, der bereits seit rund fünf Jahren unter der Erde lag. Für das Freundespaar auf Dursey führte dieser Thoreau eine erfrischend kurze, tiefgehende und blumig-bissige Feder. Damit trennte ihn mindestens die Bantry Bay von Dickens, der unter anderem das Weitschweifige und Seichte bevorzugte, von dessen Vorliebe für Straßenschluchten und Verkehrs-ströme einmal abgesehen. Möglicherweise war Thoreaus beachtliche, 1854 veröffentlichte Prosaarbeit, eine Art Tagebuch, rundum eine fichtenfeine Spitze Emersons gegen Dickens gewesen, war sie doch dereinst, um 1847, in des Autors Waldeinsamkeit an einem See bei Concord entstanden. Prompt reichte sie Dickens auf der Stelle, noch in Boston, an Motz auf Dursey weiter, wo man ja nicht gerade mit Wald gesegnet war.

Vor dem Hintergrund dieser Lektüre dürfte Motz' Schock umso größer gewesen sein, als er sich im nächsten Winter endlich zwang, einmal in dem deutschsprachigen Werk Das Geheimnis der alten Mamsell zu blättern. Seine Schwester Helene hatte es ihm schon gleich nach Erschei-nen im Frühjahr auf die Insel geschickt. Offensichtlich hegte sie die Hoffnung, den mißratenen Bruder auf diese Weise auf den Pfad der Tugend zurückzuleiten. Helene war fünf Jahre jünger als er und die Erbin und neue Herrin von Gut Bodenhausen. Das heißt, da sie schon vor Jahren einem Von und zu Soundso angetraut worden war, einem „Königlich-Norwegischen Kammerherrn und Minister-residenten“, wanderte das prächtige Gut hinterm Habichtswald wohl eher unter den gepflegten Nagel dieses Herren, war doch Motz' Vater soeben, im September 1868, aus dem Ruhestand ins Jenseits gerissen worden. Man darf vermuten, Motz habe die entsprechende Mitteilung ungerührt in den schwarzgerahmten Briefumschlag zurückgeschoben und diesen dann in den Ofen gesteckt. Im Nachlaß des Künstlers fand er sich jedenfalls laut Tröckstein nicht.

Der Roman aus Deutschland, ursprünglich 1867 im gutbürgerlichen, vielgelesenen Leipziger Wochenblatt Die Gartenlaube in Fortsetzungen erschienen, kreiste weniger um die alte Mamsell, vielmehr um das bitterarme, zunächst geschundene, gleichwohl wunderschöne Waisenkind Felicitas und dessen wundersame Erhebung in den Stand der großen Liebe und zur Braut eines Medizin-professors. Zwar wurde der sinnliche Aspekt der Liebe dabei wie Luft behandelt, doch kaum getraut, fing das Stricken von Strampelhöschen an. Da Motz zu faul war, das prüde, sentimental-moralische Werk zu übersetzen oder zusammenzufassen oder auch nur zu erwähnen, erübrigte es sich, auch noch Durseys Schullehrer Carmody in Das Geheimnis der alten Mamsell einzuweihen. Dafür raffte sich Motz endlich zu dem fälligen Brief an seine Schwester auf. Er bedankte sich artig für das interessante Buch und erkundigte sich, ob Helene womöglich zusätzlich ein paar Abbildungen nach Photographien auftreiben könne, die einen Eindruck von der Schöpferin der unterhaltsamen Prosa vermitteln könnten. Das tat sie prompt, obwohl sie dadurch einige schmerzliche, von ihrer Schere geschaffene Lücken in ihrer vollständigen Gartenlauben-Sammlung hinnehmen mußte.

Carmody staunte nicht schlecht, als er an einem Nachmittag im Juli 1869 schwitzend in Motz' und Mailins Stallhäuschen trat. Der Lehrer hatte gerade einen beschwerlichen Abstecher zum Fuß des nahen Kliffs hinter sich, wo derzeit das Salz-Tausendgüldenkraut, nur wenige Meter von den umspülten Klippen entfernt, in seiner gewohnt anmutigen, pinkfarbigen Blüte stand. Es waren Carmodys Lieblingsblumen. Nun erblickte er auf Motz' Staffelei ein eben vollendetes Ölgemälde, das sich zukünftig, neben vielen Freunden, vor allem in der umfangreichen Marlitt-Gemeinde noch viele Feinde machen sollte, obwohl es durchaus bunter und heiterer als die Szene mit dem Salz-Tausendgüldenkraut am Fuß des Kliffs wirkte. Motz hatte es auch viel höher angelegt, nämlich fast am Fuße des alten, eingefallenen Signalturms, der den inzwischen meist „Tower Hill“ genannten höch-sten Inselberg krönte. Die Ruine dieses quadratischen, aus Feldsteinen gemauerten, einst dreigeschossigen und bedachten Wachturms der Briten („Kommt Napoleon? Kommt er nicht?“) diente den Insulanern seit etlichen Jahren nur noch als beliebter Treffpunkt zum Klönen oder Küssen. Nun hatte Maler Motz eine hübsch anzusehende Frau um 40 vor der Ruine ins von blühenden Kräutern getupfte Gras gesetzt. Sie streckte ihre nackten Waden aus einigen längsgestreiften, kühn gerafften Röcken und warf dem Betrachter, von einem kecken Hut beschirmt, mehr oder weniger verführerische Blicke zu. Dabei glotzte freilich zusätzlich ein ausgewachsener Hammel über ihre linke Schulter auf den Betrachter, während die Turmruine eher rechts angeordnet worden war. Über allem segelten noch ein paar Baßtölpel am blauen Himmel, die natürlich ebenfalls Farbe gaben: Weiß, Schwarz, Zimt.

Den folgenden kurzen, von einem Lehrernaturell getreu-lich festgehaltenen Dialog übermittelte mir Tröckstein aus Carmodys Aufzeichnungen. „Was ist denn das ..?!“ – „Ich werde ihm den Titel Die Schriftstellerin Marlitt auf Dursey geben.“ – „Aber diese Dame war doch nie hier! Jedenfalls habe ich sie nie hier gesehen.“ – „Ich auch nicht“, nickte Motz seinem Busenfreund grinsend zu.

Zu diesem Zeitpunkt schlich sich bereits die Politik an das meerumrauschte Idyll der beiden Freunde an. Im Laufe des Jahres 1869 sickerte durch, die Estate wünsche Pachterhöhungen und die entsprechenden neuen Verträge. Prompt tauchte im September ein Büttel der Grundherren auf der Insel auf, ein gewisser Daniel Kelly, wie sowohl bei Carmody wie bei Penelope Durell* zu lesen ist. Durch Drohungen gelang es Kelly zunächst, die Unterschriften aller PächterInnen einzutreiben. Motz wollte sich nicht querstellen und unterschrieb ebenfalls. Doch dann zündelte er im Verein mit Carmody an vielen Wintertagen geduldig an der allgemeinen Empörung auf der Insel. Schließlich war allen klar: reichte man der Estate den kleinen Finger, würde sie die ganze Hand verschlucken. So einigten sie sich im neuen Jahr darauf, lediglich die alten Pachten zu zahlen, die Zuschläge jedoch zu bestreiken. Nebenbei – und es geschah in diesem sorgenreichen Jahr 1870 wirklich nur am Rande – wurde am 9. Juni Motz' Brieffreund Charles Dickens, 58, von der Erde abberufen. Er sollte sich freilich, in gewissem Sinne, noch als Motz' Retter erweisen.

Wie zu erwarten war, beantwortete die Estate die Zahlungsverweigerung mit verstärkten Drohgebärden. Allerdings hatte sie das Problem: an Dursey war nicht so leicht heranzukommen. Während es bald darauf, um 1880, auf dem Festland wiederholt zu Vertreibungen zahlungs-unfähiger oder -unwilliger KleinpächterInnen mit Hilfe der Staatsgewalt kam, hatte man es bei Dursey mit einer felsigen Insel in meist rauher See zu tun. Gewiß, man hätte am Sund kurzerhand eine Batterie Kanonen aufpflanzen können, um die Insel systematisch zu bestreichen; nur hätte man, wegen der Hügel, nicht eben genau gesehen, wo die Kugeln hinfallen würden; ferner wäre die Batterie ihrerseits von insularen Heckenschützen mit Jagdflinten beschossen worden; und schließlich hätte sich ein mittleres Blutbad in vielen liberalen Zeitungen und selbst in den Badewannen Londoner Lords gar zu schlecht ausgenommen.

Kurz und gut, die Estate zog es stattdessen vor, mit einer Invasion zu drohen. Auf diese Weise, so nahm man wohl an, ließen sich gewisse Rädelsführer und Querulanten gezielt am Schlawittchen packen und, wenn nicht in die See, aufs Festland befördern. Tatsächlich kreuzte Anfang August 1871 das furchterregende, wenn auch noch aus Holz gebaute Kriegsschiff Agamemnon im Hafen von Castletownbere auf, woraus auf hervorragende Beziehungen der Estate zur Londoner Royal Navy zu schließen war. Der 70 Meter lange Dreimast-Segler mit zusätzlicher Dampfmaschine hatte geschlagene 91 Kanonen an Deck, dafür nur einen Tiefgang von sieben Metern. Das war nicht nur für den berühmten, durch die vorgelagerte Insel Bere Island ausgesprochen geschützten Naturhafen von Castletownbere ein Klacks, denn er war 15 bis 30 Meter tief. Vielmehr hätte der Dreimaster sogar problemlos in Steinwurfweite vor Dursey ankern können, selbst bei Ebbe, da der Tidenhub der Gegend nur um zwei Meter lag. Ob der Feind ein Auslaufen gen Dursey auch wirklich wagen würde, war schwer zu sagen. Darauf komme es freilich auch gar nicht an, meinten Carmody, Motz und Genossen. Jetzt gelte es ein flammendes Zeichen des Widerstands zu setzen. Der Kahn müsse weg. Ob sie ihn etwa in die Luft sprengen sollten, fragte Mailins Vater, als sie mit bald 20 Leuten im Schulhaus Kriegsrat hielten. „Um Gottes willen!“ hob Carmody abwehrend seine mit Sommersprossen übersäten Hände. „Keine Toten, bitteschön! Außerdem zögen wir uns damit nur ein schreckliches Strafgericht auf den Hals.“

Die rettende Idee kam vom Festland, von einem jungen Tischler aus Allihie, der auf Dursey ein Liebchen hatte und deshalb mit im Kriegsrat saß. „Wir bohren den Kahn an!“ grinste er. „Dann geht er unter.“ Man müsse nur ein paar gute Taucher mit Kurbelbohrern ausrüsten und sie des nachts heimlich auf die Insel Bere schaffen, von wo aus sie das Hafenbecken und die Agamemnon in Angriff nehmen könnten, behauptete er. Motz war sofort Feuer und Flamme, weil er ein guter Taucher war. Er brach regel-mäßig mit dem Boot zu bestimmten Klippen vor Dursey auf, um an ihrem Fuß, drei oder sieben Meter unter Wasser, Körbe voll schmackhafter Muscheln abzukratzen, die ihm in den Inseldörfern wiederum manche Rinder-brust oder Hammelkeule einbrachten. Auf der Insel wurde überwiegend natural getauscht, zuweilen sogar ohne unnachsichtige Aufrechnung. Ein Verzicht auf Tausch=Vergleich überhaupt war leider nie erwogen worden, weil er vom Horizont des typischen Insulaners deutlich ferner als das Beara-Festland lag.

Die eigentliche Aktion am Schiff gelang den vier ausge-wählten Männern sogar tadellos. Von den Nachtwachen unbemerkt, bohrten sie ungefähr einen Meter unterhalb der Wasserlinie jeweils zwischen den Spanten, ringsum über den Schiffsrumpf verteilt, ein Dutzend Löcher in die eichernen Planken. Vor jedem Auftauchen zum Luftschöpfen ließen sie den Kurbelbohrer im Loch stecken, damit sie das Loch sofort wiederfänden. Für diese 12 Löcher benötigten sie lediglich 20 Minuten, und dann noch einmal soviel, um zunächst tauchend, dann schwimmend zur Insel Bere zurückzukehren. Bei der Agamemnon dauerte es etwas länger: sie benötigte den Rest der Nacht und den halben nächsten Tag um zu sinken. Bis die aufgescheuchten Schiffsoffiziere die Ursache des Leckens gefunden hatten, war es für Gegenmaßnahmen bereits zu spät. Während sie sich sputeten, in die vom Kai ausgeschickten Boote zu kommen, versammelte sich eben dort halb Castletownbere, das gerade Markttag hatte, um das Verschwinden eines englischen Kriegsschiffes zu bewundern. Am Mittag ragte nur noch der Hauptmast aus dem Hafenbecken heraus.

Zu diesem Zeitpunkt dürfte das Bohrkommando der Rebellen bereits tot gewesen sein. Bei der Anfahrt hatten die vier Männer wohlweislich auf der ferneren Ostseite der Insel Bere angelegt. Kaum hatten sie nun, im ersten Morgengrauen, ihr Boot wieder bestiegen, von der Insel abgestoßen und eine weiter südlich gelegene Bucht des Festlands angesteuert, schlug jäh das Wetter um. Offensichtlich hatte selbst Mailins Bruder, ein Fischer wie der Vater, die Gefahr nicht gewittert. Sie wurden aufs offene Meer getrieben und kamen dort, wie zu vermuten steht, in den brüllenden Wogen um. Das zerschlagene Boot und die Leichen des Bruders und des Tischlers aus Allihi wurden später sogar an Land gespült und deshalb gefunden. Motz und der vierte Mann dagegen, übrigens der einzige Schuhmacher und Sattler auf Dursey, blieben verschollen. Ganz Dursey war entsetzt. Carmody und seine MitstreiterInnen bestanden darauf, den Signalturm und die einzige Kirche der Insel schwarz zu beflaggen; unter Verdacht und Beobachtung stand man ja sowieso. In der Tat ließen die Razzien auf der Insel nicht lange auf sich warten. Gleichwohl fanden die Behörden für ihre Theorie, welche Schurken die Agamemnon auf dem Kerbholz hatten, nie den Zipfel eines Beweises. Selbst die vier Kurbelbohrer ruhen vermutlich noch heute, östlich von Bere Island, auf dem Grund der Keltischen See.

Zu der britischen Invasion auf Dursey kam es übrigens doch noch. Sie erfolgte im April 1905 mit Hilfe des in Bantry liegenden stählernen, dampfgetriebenen und mit 160 Polizisten bestückten Marineschleppers Stormcock sowie einiger Landungsboote. Verschiedene aufgebrachte InsulanerInnen empfingen die unerwünschten Besucher mit Steinen. Es gab jedoch keine Todesopfer. Die siebenköpfige Pächtersfamilie der angeblich ertrag-reichsten Farm der Insel (in Ballynacallagh) wurde mitsamt ihrer Habseligkeiten an die Luft gesetzt, während es in Strömen regnete. Die Besatzer schlugen als ihr Hauptquartier ein Armeezelt auf und ließen darin ein rundes Dutzend der Polizisten für Tage oder Wochen auf Dursey zurück. Das Echo der zumeist als „krass“ empfundenen Invasion war enorm; es bebte vom Cork Examiner bis zur Londoner Times. Auf der Halbinsel Beara gab es viele Proteste, auch von Pfarrern und Abgeordneten. Zwar kuschten die Zahlungsverweigerer bald darauf, doch der Stein war ins Rollen gekommen. Ab 1911 durften sich die PächterInnen auf Dursey einkaufen; nur die Küste der Insel blieb vorläufig bei der Estate.

Was wurde aus den anderen Hauptfiguren? Patrick Carmody, der als einer der „Rädelsführer“ galt, zog es vor, sich bei den angedeuteten Razzien auf Dursey zu verstecken und dann ganz aus Irland zu verschwinden. Er traf bald darauf bei Imker Dadant in den Staaten ein, der ihm zu einem Posten als Lehrer, später sogar Schulleiter verhalf. Ob Carmody je versuchte, seine vor der Flucht eilends versteckten Aufzeichnungen wieder zu erlangen, ist unbekannt. Er starb 1901, ein Jahr vor seinem Gönner Dadant, wie dieser in Hamilton, Illinois.

Motz' Gefährtin Mailin kümmerte und verwelkte ihren Eltern geradezu unter den Händen. Anderthalb Jahre nach dem Unglück vor Bere Island ging sie eines nachts aufs Kliff hinauf und stürzte sich in die Tiefe. Damit hatte der Britische Imperialismus für ein Kriegsschiff fünf weitere Tote auf dem Gewissen. Aber er hatte keins.

Als Werner Motz 1873 amtlich für tot erklärt worden war, fing ein Gerangel um sein Erbe an, hatte er es doch törichterweise versäumt, vor seinem Ausflug nach Castletownbere ein Testament zu machen. Die Dubliner Malerin Fiona O'Brien spielte dabei eine eher unrühmliche Rolle. Die von Carmody und Dadant telegraphisch alarmierten Erben Charles Dickens' engagierten einen ausgefuchsten Rechtsanwalt. Vielleicht quälte sie noch das schlechte Gewissen darüber, daß Dickens entgegen seinem ausdrücklichen Wunsch in der sogenannten „Poets' Corner“ der Westminster Abbey bestattet worden war – während Motz' Leiche bald darauf als Futter für Haifische zu dienen hatte. Durch diesen prominenten Einsatz gelang es immerhin, Motz' Schwester Helene auszubooten; sie erhielt nur eine Abfindung in Geld. Die Dickens-Erben bestellten einen für Motz geeigneten Nachlaßverwalter und riefen eine Stiftung ins Leben, die noch heute besteht. Von ihr wurde auch die vorliegende Arbeit gefördert.

* Discover Dursey, Allihies 1996, Umfang rund 270 Seiten, Pachtstreik bes. S. 122–30
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