Montag, 24. September 2018
KünstlerInnenpech
Hier ein paar verunglückte Kunstschaffende aus meinem Lexikon der Unfallopfer von 2015/16, Stückeschreiber-Innen ausgenommen, die sich eher in Band 15 finden. Umfang 27 Druckseiten.

Charlotte Ackermann + Siegmund Breitbart + Chung Ling Soo + Adolphe Blind + Harry Houdini + Carel Fabritius + Pietro Testa + Slatan Dudow + Günther Haack + Manfred Raasch + Helmut Scholz + Arthur Fritz Eugens + Klaus Detlef Sierck + Karl Philipp Fohr + Thomas Hallam + Marie Harder + Michio Hoshino + Martin Kirchberger + Herbert Marxen + Otl & Pia Aicher + Gertrud Kortenbach + Tanja Liedtke + Emma Livry + Alexander W. Ded-juschko + Hans Platschek + The Great Lafayette + Rudolf Wilke + Friedrich Wilhelm Murnau

Charlotte Ackermann (1757–75), deutsche Schau-spielerin, frühklassischer Kinderstar, früh verstorben. Als man sie am 16. Oktober 1761 in Karlsruhe als Louison in Molières Der eingebildete Kranke bewundern konnte, war sie erst fünf und vermutlich zu gezielten Zwangsvorstel-lungen das eigene Ende betreffend noch nicht imstande. Vier Jahre nach diesem Debüt trat sie bereits im neu eröffneten Komödienhaus am Hamburger Gänsemarkt auf und ging mit der Theatertruppe ihres Vaters auf Gastspielreisen durch Norddeutschland. Das Publikum war hingerissen – angesichts dieses „außerordentlichen Talents voll Grazie und erfinderischen Geistes“, wie August Förster noch 100 Jahre später schwärmte.* Titelrolle bei der Uraufführung von Lessings Emilia Galotti; Adelheid in Goethes Götz von Berlichingen; Franziska in Lessings Minna von Barnhelm – alles mit 14 bis 17 Jahren.

Doch am 11. Mai 1775 meldet der Altonaer Reichs Post Reuter, die noch nicht 18jährige „Demoiselle“ sei am frühen Morgen einem „Schlagfluss“ (Schlaganfall) erlegen, der sie am Vortage „befallen“ habe. Nun ist Hamburg vor Entsetzen gelähmt. Das trifft beinahe sogar buchstäblich zu, werden doch sofort die Börse und zahlreiche Geschäfte vorübergehend geschlossen. Während das Theatergebäude „lediglich“ für einige Tage schwarz behangen wird, erscheint das Publikum zu den Aufführungen in Trauerkleidung. Ackermanns Leichnam bleibt für mehrere Tage öffentlich aufgebahrt, und zeitgenössische Sitten- oder Seuchenwächter klagen, noch am letzten Tage hätten etliche Verehrer die Lippen der schon halb verwesten Toten geküßt. Dem Sarg folgen schließlich rund 4.000 Menschen – kein Klacks, wenn man bedenkt, daß Hamburg damals nur 75.000 EinwohnerInnen hatte. Unter nicht wenigen dieser Trauergäste kursierten allerdings Zweifel an der ärztlichen Verlautbarung und die entsprechenden Mutmaßungen: Sollte ein Kind einen Hirnschlag erleiden? War ihr womöglich zugemutet worden, einen Bottich mit eingeweichter Wäsche auf einen Schemel zu hieven? Zwang man sie zu täglich 12stündiger Bühnen- oder Ballettsaalfron? Brachte sie sich unter dem Eindruck des verbreiteten „Werther-Fiebers“ selber um, oder wurde sie von NebenbuhlerInnen vergiftet?

Dies alles konnte die Heiligenverehrung, die angesichts des damals noch zweifelhaften Rufes der Schauspielkunst ohnehin schon sensationell war, nur steigern. Kaum lag die Ackermann im Sarg, wurde ein Entwurf für ein öffentliches Denkmal präsentiert. Binnen kurzem kamen 700 Reichs-taler Spendengelder zusammen, aber der Hamburger Senat verweigerte seine Zustimmung zur Errichtung eines solchen Denkmals – ja, er verbot sogar den Zeitungen, ihre Spalten weiterhin mit Artikeln und Gedichten über die Verblichene zu spicken. Das nehmen ihm heute vor allem feministische HistorikerInnen krumm, die darin eine Schutzmaßnahme für die Verehrung männlicher Helden argwöhnen. Nur Wochen später erschienen die ersten Bücher. 1854 legte natürlich auch der stoffgierige Otto Müller einen Roman über den frühen Kinderstar vor, der wahrscheinlich einer Spindel und damit den heute für die Laufstege gezüchteten magersüchtigen Mädchen glich. Dafür war sein Roman, erschienen bei Meidinger, 435 Seiten dick.

Kaum weniger stark (im Umfang) ist Petra Oelkers Historischer Kriminalroman Lorettas letzter Vorhang, der 1998 bei Rowohlt erschien. Zwar tritt Ackermann darin nur an zwei Stellen äußerst flüchtig auf, doch das Buch ist wegen seiner peinlich genauen Kulissenmalerei bemerkenswert. Es spielt im Hamburg des Jahres 1766 und kreist just um das Theater am Gänsemarkt, das damals im ganzen immerhin rund 50 Beschäftigte hatte. Neben den herrschenden Sitten und den gebräuchlichen Perücken, Korsetten, Dreispitzen, Donner- und Kattundruck-Maschinen lernen wir berühmte Nasen wie Lessing, Bode, Ekhof kennen. Etwas befremdet hat mich der Ton der Erzählerin, der sich fast in nichts von der geschilderten Behäbigkeit, ja Betulichkeit hanseatischer Kaufmannsfamilien unterscheidet – denn in diesem Milieu wird nach dem Mörder der Schauspielerin Loretta gesucht. Leider richtet sich Oelkers die Accessoires der Zeit betreffende Sammelwut nicht auch auf das, was Karl Marx die Klassenwidersprüche genannt hätte. Sie stellt die herrschenden Verhältnisse nie in Frage.

* Allgemeine Deutsche Biographie, Band 1 (1875), S. 37

Siegmund Breitbart (1887?–1925), Kraftsportler und Bühnenkünstler. Ob der Athlet, den jede Berliner Göre als Eisenkönig kannte und bewunderte, im Sommer 1925 trotz der Bemühungen des berühmten Berliner Medizinpro-fessors August Bier mit 32, 38 oder gar erst 42 von einem rostigen Nagel zu Fall gebracht wurde, wird wahrschein-lich nie aufzuklären sein. Er selber, Siegmund Breitbart, nennt in seinen damals erschienenen Erinnerungen 1887 als das Jahr, in dem er das trübe Licht des Lodzer Ghettos als Sohn eines jüdischen Schmiedes erblickte. Leider packte der alte Grobian selbst seine Liebsten nicht mit Samthandschuhen an. Vermutlich entschloß sich Sohn „Sische“ auch deshalb, ein ausgesprochen starker Mann zu werden.

Zwar schoß Breitbart keineswegs zum Hünen auf, doch hatte er eine wohlproportionierte Heldengestalt zu bieten, trainierte Tag und Nacht und verrichtete seine einfalls-reichen Herkulesarbeiten auf der Bühne oder im Manegensand stets mit gewinnendem Lächeln. 1921, nach etlichen Jahren als Fabrikarbeiter und Wanderartist, kam er im Berliner und Hamburger Zirkus Busch groß heraus. Er fuhr in Gladiatorenrüstung als Wagenlenker ein, zerbrach jedes Hufeisen, das ihm das eine oder andere Dienstmädchen aus dem Parkett reichte, stieß mit dem Schädel, statt Fußbällen, dicke Pflastersteine fort, zerbiß Ketten mit den Zähnen oder ließ sich, rücklings auf einem Nagelbrett liegend, den mächtigen Brustkorb mit einem Amboß beschweren, den junge Burschen aus den hinteren Rängen mit Vorschlaghämmern bearbeiten durften. Alle blonden Wertheim- oder KaDeWe-Verkäuferinnen himmelten Breitbart an. Auch der junge Berthold Brecht war begeistert. In vielen jüdischen Synagogen wurde für die Auftritte des verehrten „Muskeljuden“ gebetet. 1923 gastierte Breitbart bereits in Wien und in den USA. Im selben Jahr blieb er, laut Daniela Gaudings Darstellung*, trotz einer Geldstrafe wegen angeblich tätlicher Beleidigung „moralischer Sieger“ im Kampf mit seinem erbitterten Konkurrenten Erik Jan Hanussen, einem „Hellseher“ und Trickkünstler, der ihn des Betruges bezichtigt hatte. Breitbart ließ sich sogar auf eine Wette um eine ihm von Hanussen gestellte, kaum überprüfbare Kette ein – Breitbart zerbiß sie vor den Augen der Wiener Presse. Den Wetteinsatz spendete er der Wiener Rettungsgesellschaft.

Obwohl er bald auf großem Fuß lebte, Auto, Dogge und mindestens 10 weitere Hunde sowie einen jungen Löwen eingeschlossen, soll Kraftprotz Breitbart bis zuletzt ein herzlicher und stets hilfsbereiter Zeitgenosse gewesen sein. So wird von regelmäßigen Armenspeisungen in der 1923 vollendeten, säulenbewehrten Villa Breitbart im Oranienburger Ortsteil Friedrichsthal berichtet, wo der Künstler mit seiner Gattin Emilie und dem Adoptiv-söhnchen Oskar wohnte. Auch bedürftigen Juden griff er mit Spenden unter die Arme. Ihm selbst war nach einem Ritzer nicht mehr zu helfen. Wieder einmal Nägel mit der bloßen flachen Hand in Bohlen schlagend, trieb er sich am 26. Juli 1925 bei einem Auftritt in der polnischen Stadt Radom aus Versehen einen Nagel bis ins Knie. Wie sich erst nach Tagen und Wochen zeigte, war dieser Nagel nicht keimfrei gewesen. Der letzte Gladiator überlebte die Blutvergiftung trotz Beinamputation nicht und starb im Oktober in einem Berliner Krankenhaus.

Bei seinem Begräbnis konnte der kleine Adass-Jisroel-Friedhof in Berlin-Weißensee den Andrang der Trauern-den kaum bewältigen. Der Grabstein nennt als Geburts-datum Breitsteins den 22. Februar 1893 – möglicherweise eine Fälschung. Wenn ja, war es sicherlich die einzige, die sich das Lager Breitbart in der ganzen glorreichen Bühnenlaufbahn gestattete.

* Siegmund Sische Breitbart, Berlin 2006

Chung Ling Soo (1861–1918), US-Magier und nur getürkter Chinese. Der berühmte Zauberer aus den Staaten, einst ein schnöder Schlosser namens William E. Robinson, hatte sich um 1900 kurzerhand auf die Asienwelle seiner Zeit geschwungen und damit, als Wunder wirkender „Chinese“, Karriere gemacht. Knapp 20 Jahre darauf, inzwischen 56 Jahre alt, starb er in London im Dienst, weil er beim sogenannten Kugelfang auf der Bühne des Wood Green Empire Theaters versehentlich tatsächlich durch die Brust geschossen wurde. Wie die HerausgeberInnen Gisela und Dietmar Winkler im Sammelband Das große Hokuspokus* dokumentieren**, erkannte die gerichtliche Untersuchung, die sich auch auf Fachleute Scotland Yards stützte, entgegen zahlreichen Mord- und Selbstmordgerüchten auf Unglücksfall. Der Magier pflegte die vom Publikum gezeichnete Kugel mit Hilfe eines doppelbödigen Bechers unbemerkt an sich zu nehmen und zu vertauschen, ehe das Gewehr geladen wurde. So war er imstande vorzugeben, er habe die aus dem Gewehr abgefeuerte Kugel mit einem Steingutteller vor seiner Brust „abgefangen“ – falls die Nummer klappte. Diesesmal jedoch versagte die Umleitvorrichtung im geschickt präparierten Gewehr, wie die Untersuchung ergab. Während normalerweise beim Abschuß lediglich Pulver explodierte, ohne Schaden anzurichten, wurde nun aufgrund einer durchgerosteten Schraubenverbindung tatsächlich jene eingetauschte Kugel abgefeuert, mit dem das Gewehr vor den gebannten Augen des Publikums geladen worden war. Sie zerriß Robinson alias Soo die Lunge. Er starb am Morgen nach der abendlichen Vorstellung (vom Samstag, den 23. März 1918) in einem Londoner Krankenhaus. Den Grund seines Todes erfuhr er nicht mehr.

Den aus wohhabender Genfer Kaufmannsfamilie stammenden Zauberkünstler, Sammler und Gelehrten seines Faches Adolphe Blind (1862–1925) erwischte es wenigstens in seiner Heimat. Es geschah an einem Spätsommertag des Jahres 1925 im Schlößchen von Bossey unweit des Genfer Sees, wo der selbsternannte „Professor Magicus“ bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung glänzte. Das Publikum habe zunächst an einen Scherz geglaubt und applaudiert, versichert Peter Ravert.*** Blind hatte soeben einen Zauberspruch deklamiert, um ein rohes Ei aus einem kleinen schwarzen Beutel im Nichts verschwinden zu lassen. Doch vor dem Ei verschwand der 53jährige Künstler: er sackte lautlos auf der Bühne zusammen und war auf der Stelle tot – Herzschlag. Ob bei diesem Zusammenbruch wenigstens das Ei, ob in- oder außerhalb jenes schwarzen Beutels, überlebte, verrät Ravert nicht.

Vom weltberühmten Entfesselungskünstler, Magier, Muskelmann und Werbetrommler in eigener Sache Erich Weisz alias Harry Houdini (1874–1926) aus den USA war unter anderem die Prahlerei bekannt, er könne jeden von Männerfäusten geführten Schlag in den Unterleib allein durch Anspannung seiner Bauchmuskulatur unbeschadet überstehen. Bei einer Vorstellung, die er im Oktober 1926 in Montreal, Kanada, gab, suchten ihn ein paar Studenten in seiner Garderobe im Princess Theatre auf. Dabei versetzte ihm der Student Jocelyn Gordon Whitehead mehrere Hiebe in den Bauch, auf die der 52 Jahre alte Meister wahrscheinlich nicht gefaßt war. Zudem hatte er seit einigen Tagen ohnehin schon an Bauch-schmerzen gelitten. Obwohl ein Arzt, den Houdini nun endlich wegen der zunehmenden Schmerzen bemühte, eine Blinddarmentzündung diagnostizierte, sagte er seine nächste Vorstellung im Detroiter Garrick Theater nicht ab. Es wurde die letzte Vorstellung Houdinis. Fünf Tage später, und neun Tage nach den verhängnisvollen Fausthieben, war er in einem Detroiter Krankenhaus einem Blinddarmdurchbruch erlegen. Seine Assistentin und Witwe Bess, eine deutschstämmige frühere Varieté-tänzerin, konnte die Verdoppelung der Lebensversiche-rungssumme erwirken, weil man ihren Anwälten in der Meinung beipflichtete, jene Schläge des studentischen „Testers“ seien für das Ableben des Künstlers ursächlich gewesen. Es ist freilich nirgends zu lesen, Whitehead sei vor Gericht gezerrt worden. Wahrscheinlich hätte er ohnehin mit Erfolg auf Houdinis großmäulige General-Einladung verwiesen, ihn tüchtig in den Bauch zu boxen. Aber vielleicht hatte Whitehead wenigstens Gewissens-bisse? Man besorge sich bitte das nicht weniger großmäulig betitelte Buch Don Bells The Man Who Killed Houdini, das 2004 in Montreal erschienen ist.****

Wie sich versteht, gab es Mordverdächtigungen genug, und in diesem Fall sind sie auch nicht ganz abwegig, weil Houdini in seinen letzten Jahren einen regelrechten „Feldzug gegen den Spiritismus“ führte, wie Milbourne Christopher schreibt. Der Künstler entlarvte dabei zahlreiche sogenannte Medien als BetrügerInnen. Allerdings dürfte ein begründeter Mordverdacht gegen die Studenten deren Wissen um Houdinis Unterleibs-beschwerden erfordern – unwahrscheinlich. Man hat zudem spekuliert, der todkranke Magier sei in der Klinik von einem spiritistisch gestimmten Arzt vergiftet worden. Es ist immer schöner, wenn ein sogenanntes Genie nicht durch einen dummen Zufall vom Erdboden verschwindet. Sondern eben durch Hexerei.

* Ostberlin 1981
** Will Dexter: The Riddle of Chung Ling Soo, 1955/1973
*** in der FAZ vom 1. Oktober 2009
**** Verlagswerbung


Carel Fabritius (1622–54), niederländischer Maler. Ein Selbstporträt in Öl, um 1645 entstanden, zeigt den jungen Fabritius mit prächtigen und sicherlich auch echten braunen, schulterlangen Locken, schließlich war er kein Barockkönig. Immerhin, mit ungefähr 20 Jahren war er Schüler oder Mitarbeiter des Amsterdamer Meisters Rembrandt geworden und hatte sich kurz darauf auch schon verheiratet: mit Frau Aeltje Herrmensdr van Hasselt. Hat er auf seinem Selbstporträt gleichwohl keinen Grund zum Lachen, liegt es vielleicht daran, daß er 1642 sein erstes Kind und ein Jahr darauf, bei der Geburt des dritten Kindes, auch seine Frau verlor. Das dritte Kind starb ebenfalls. So nahm er seine ihm noch verbliebene Tochter Aeltje an die Hand und ging oder fuhr mit ihr in seine Heimatgemeinde Midden-Beemster zurück, wo sein Vater Schulmeister war. Der Ort auf dem Polder liegt rund 20 Kilometer nördlich von Amsterdam. Ob Fabritius weiter bei Rembrandt beschäftigt war, ist ungewiß. Jedenfalls plagen ihn öfter Geldsorgen, von denen ihn leider auch die Heirat mit der Delfter Witwe Agatha van Pruyssen im Jahr 1650 nicht erlösen kann. Vermutlich auf deren Wunsch läßt sich die Familie in Delft nieder (südlich von Amsterdam), wo sich Fabritius ab Oktober 1652 im Meisterbuch der St. Lukasgilde als Maler eingetragen findet. Niemand warnte ihn vor diesem Umzug. Auch die Delfter Kirchtürme tun es nicht, die sich nach der kommenden Katastrophe geradezu unverschämt aus den Ruinen und Aschehaufen recken werden.

Fabritius schafft in diesen drei oder vier Delfter Jahren nur wenige, aber heute hochgelobte, da über Rembrandt hinausführende Gemälde. Jeder sagt, er hätte ein ganz Großer werden können. Es kam nicht dazu, weil Delft am 12. Oktober 1654 um kurz nach 10 von einem Knall erschüttert wurde, der angeblich noch auf der 150 Kilometer entfernten Insel Texel zu hören war. Durch die Fahrlässigkeit des Arsenalverwalters Cornelius Soetenser, der die Schwarzpulvervorräte mit einer Funken sprühenden Laterne in Augenschein genommen hatte, war ein staatliches, eigentlich geheimes und auf die Engländer gemünztes Munitionsdepot im altehrwürdigen Pulverturm explodiert. Die Wucht des Delfter Donnerschlags – nach Angaben der Behörden durch rund 40 Tonnen Schwarz-pulver bewirkt – zerstörte, neben dem Turm, 500 Gebäude der Stadt schwer bis vollständig und tötete, von den zahlreichen Verletzten einmal abgesehen, ähnlich viele EinwohnerInnen. Zu diesen zählte auch der 32jährige Fabritius, der in seinem Haus und Atelier in der Doelenstraat gerade den ehemaligen Küster der Delfter Oude Kerk Simon Decker porträtiert hatte. Zudem hielten sich, neben seinem Lehrling Martias Spoors, auch zwei Familienmitglieder im Haus auf, die in den Quellen unterschiedlich oder gar nicht benannt werden. Möglicherweise befand sich entweder seine Frau Agatha oder aber seine Schwiegermutter Judick van Pruyssen darunter. Alle fünf Anwesenden kamen um.

Daneben dürften, vom Küster-Porträt einmal abgesehen, etliche weitere, im Atelier verwahrte Arbeiten des Meisters verloren gegangen sein. Zu den wenigen Ausnahmen zählt der im Todesjahr entstandene Distelfink (Stieglitz), ein Ölgemälde, das heutzutage durch Reproduktionen massenhaft verbreitet ist. Der betrübte Vogel hat ein goldenes Kettchen am Bein – sein Schöpfer flog in die Luft. Die Szenerie mit den erwähnten frivolen Kirchtürmen wurde von Fabritius' Kollege Egbert van der Poel überliefert, der das Bild der Verwüstung damals auf über 20, meist ähnlichen Gemälden festhielt. Den Vordergrund bilden Leichen. Van der Poels Gemütszustand beim Malen möchte man nicht geteilt haben, denn unter den Todes-opfern der Katastrophe befand sich auch ein Kind dieses Künstlers.

Der aus der Toscana stammenden Maler Pietro Testa (1611?–50) glänzte vor allem mit grafischen Arbeiten (Zeichnungen und Radierungen) zu religiösen/mytho-logischen Themen. Bei aller zeitüblichen Theatralik spricht aus diesen Arbeiten doch eine ungeschönte Bitterkeit, die möglicherweise beiläufig auf das vorzeitige Ende ihres Schöpfers vorausweist. Testa hatte sich bereits als Jüngling, zum Zwecke seiner Ausbildung, nach Rom begeben, wo er sich unter anderem mit Pier Francesco Mola und Nicolas Poussin anfreundete. Ebendort soll er, mit knapp 40 Jahren, im Tiber ertrunken sein. Warum, ist umstritten. Während sich die frühen Biografen beeilten, von einem bedauerlichen Unfall zu sprechen, um nicht an Testas Seelenheil und dem christlichen Begräbnis zu rütteln, das ihm der katholische Klerus bewilligt hatte, neigt Ann Sutherland Harris* zu der Annahme, er habe sich umgebracht. Sie führt zum einen jüngste Enttäu-schungen in Testas Karriere ins Feld. So wurde ein lukrativer Auftrag, die Apsis der Kirche San Martino auszumalen, nach einigem Hin und Her zurückgezogen. Dafür waren Testas Fresken in der Kapelle St. Lambert in Santa Maria dell'Anima, wenn nicht bereits beseitigt, so doch von Zerstörung bedroht. Nebenbei lag im zweiten Fall der liebe Kollege Jan Miel auf der Lauer, weil doch auch er sehr hübsche Fresken zu malen verstand. Zum anderen verweist die US-Kunsthistorikerin von der University of Pittsburgh, Pennsylvania, auf unheilschwangere Züge in Testas letzten Arbeiten. Neben „vielen pessimistischen Bemerkungen“ in Testas nachgelassenen Schriften sei hier an seine Radierung Il suicidio di Catone von 1648 und seine unabgeschlossene Arbeit am Sujet Selbstmord der Dido zu erinnern.

Übrigens ist Testas nahezu nackter, mit dem Dolch im Bauche rücklings aufs Bett gelagerte Recke Cato von einer Schar ausgesprochen hämisch wirkender Überlebender umgeben, die meinen Satz von der „ungeschönten Bitterkeit“ mitgeboren hat. Man wäre nicht erstaunt, wenn der Dolch nicht von Cato, vielmehr, zum Beispiel, von Jan Miel geführt worden wäre. An Mord verschwendet Sutherland allerdings keinen Gedanken. Sie vertraut Testas Zeitgenossen und Kollegen Passeri, demzufolge „Pietro was found drowned in the Tiber in the early spring of 1650, near the church of Santi Romualdo e Leonardo de' Camaldolesi“. Na und? Das ist schon als Beschreibung des Leichenfundes höchst ungenau und besagt darüber hinaus noch gar nichts über den Ort des Todes und nur wenig über die Umstände des (angeblichen) Ertrinkens dieses begabten Künstlers. Hier bietet sich das Projekt eines x-ten Historischen Romanes an – greifen Sie zu.

* „Notes on the Chronology and Death of Pietro Testa“, in: Paragone Nr. 213, Mailand November 1967, S. 35–70

Slatan Dudow (1903–63) dürfte mindestens für seinen Kinofilm Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? von 1932 bekannt sein. Der bulgarischstämmige kommu-nistische Regisseur wirkte, vom Exil in Frankreich und der Schweiz abgesehen, hauptsächlich in Berlin, dabei nach dem Krieg für die DDR und deren Babelsberger Studio DEFA. Sein letzter Film Christine blieb unvollendet. Nachdem sie im Juli Außendreharbeiten im östlichen Brandenburg erledigt hatten, sei der 60jährige am Abend des 12. Juli 1963 in Begleitung seiner Hauptdarstellerin Annette Woska mit seinem Wagen völlig übermüdet Richtung Berlin aufgebrochen, schreibt Filmexperte Ralf Schenk. Für Dudow, dem Schenk zufolge ständig die Augen zuzufallen drohten, endete diese Reise schon in Fürstenwalde in einem Sarg. Die junge Woska habe für einige Wochen im Koma gelegen. Statt uns mit Einzelheiten des Unfalls zu belästigen, kennt Schenk den Schuldigen: es war der weltweit beliebte Befehlsnotstand, das Diktat der Sachzwänge eingeschlossen, wenn nicht gar die DEFA-Direktion persönlich! Die hatte nämlich erst kürzlich im Sparwahn beschlossen, „personengebundene Chauffeure auf ein Minimum zu reduzieren“.*

Ich will noch ein paar andere Stimmen anführen. Das ZK der SED nahm in seinem Nachruf auf Dudow eine angemessen künstlerische Warte ein: Schuld war die „Tragik“ … des Autounfalls.** Dagegen soll Angelica Domröse in ihrer Autobiografie von 2003, also im selben Jahr wie Schenk, geäußert haben, Dudow habe sich 1963 „trotz nachgewiesener Fahruntauglichkeit ans Steuer eines Mercedes gesetzt und einen Unfall verursacht“, an dessen Folgen er gestorben sei.*** Am genausten und unge-schminktesten äußerte sich kürzlich hinter vorgehaltener Hand der Berliner Heimatforscher Z., den verwandtschaft-liche Bande mit der Ortschaft Heinersdorf verbinden. Dieses Dorf liegt zwischen Steinhöfel und Müncheberg nördlich der Spree. Z. erzählte mir, ebendort, in Heinersdorf, hätten damals die Außendreharbeiten zu Dudows letztem Film stattgefunden. Das Dorf habe einen („volkseigenen“) Gutshof, zahlreiche Landwirtschafts-lehrlinge (Statisten!) und ein „Schloß“ genanntes Herrenhaus geboten. Zum fraglichen Unfall meinte Z., Regisseur Dudow sei damals „nach einer durchzechten Nacht auf der Friedensbrücke in Fürstenwalde“ aus eigenem Verschulden „gegen einen Brückenpfeiler geprallt“. Dafür habe er freilich keine Belege; er könne sich lediglich auf mündliche Berichte von Einheimischen stützen.

Die Stadt Fürstenwalde/Spree liegt südlich von Heiners-dorf auf halbem Wege an der Autobahn Frankfurt/Oder–Berlin. Also gut möglich, daß sich Dudow und Woska in der Tat auf der Heimreise nach Berlin befanden, wie Schenk geschrieben hat – ob nun müde oder angetrunken oder beides ...

An Dudows Christine war damals auch der 34 Jahre alte Schauspieler Günther Haack (1929–65) beteiligt, als Luftschaukelarbeiter Georgi und einer von etlichen Geliebten der titelgebenden Landarbeiterin. Dagegen war er nicht an Dudows Autounfall beteiligt – noch nicht. Das kam zwei Jahre später. Mit seinem 33jährigen Kollegen Manfred Raasch (1931–65) und wohl noch anderen DDR-Bühnenkünstlern saß er im Juni 1965 vor oder nach einem Auftritt im Bitterfelder Kulturhaus (die Quellen widersprechen sich) in einem Auto, das zwischen Delitzsch und Leipzig auf der F 184 verunglückte. Fahrer soll der „unter Alkoholeinfluß“ gestandene Regisseur Hans Knötzsch gewesen sein, der deshalb später vor Gericht kam.**** Raasch und Haack erlagen ihren Unfallver-letzungen. Raasch, unter anderem beliebter Sänger von sogenannten „Seemannsliedern“, hatte 1963 die Single Die Liebe ist immer an Bord / … dann ist mein Glück gemacht herausgebracht, Amiga Nr. 4 50 406. Als Bundesver-kehrsminister würde ich diese Scheibe gleich zwischen dem Autopiloten und der Innenraum-Überwachungs-kamera zwangsweise in alle Neuwagen einbauen lassen.

Während man Starregisseur Dudow brutal den Chauffeur gestrichen hatte, konnte sich ein Nichtkünstler, der gelernte Schlosser und Lokführer Helmut Scholz (1924–67), bis zum letzten Atemzug durch die Gegend fahren lassen, soweit sie umzäunt war. Als sein Chauffeur im März 1967 aus mir unbekannten Gründen Scholzens „schwere“ und sicherlich einige Devisen fressende „Regierungslimousine“, so der hämische Spiegel (15/1967), an der Autobahnabfahrt Beelitz (südlich von Berlin) in einen „Trümmerhaufen“ verwandelte, war Scholz erst 42 – und gleichwohl seit 1959 sowohl stellvertretender Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn wie Vize-Verkehrsminister der DDR. Der schwerverletzte Fahrer des Verdienten Eisenbahners Scholz überlebte möglicher-weise. Der Unfall soll sich nachts ereignet haben. Entsprechend sieht die Quellenlage aus.

* film-dienst 14/2003
** Neues Deutschland 14. Juli 1963
*** Luzifer 8. Mai 2014
**** Neues Deutschland 25. Januar 1966


Arthur Fritz Eugens (1930–44), Schauspieler. Von Eugens ist nicht viel bekannt, obwohl er zwischen 1936 und 1942, als Knabe!, an über 20 Kinofilmen mitwirkte. Der Titelliste nach war er, in ideologischer Hinsicht, bestenfalls ein kleiner Heinz Rühmann, also keinesfalls ein Rebell. Eugens letzter Film, dessen Fertigstellung vermutlich schon von Kriegsanstrengungen bedroht war, trug ausgerechnet den Titel Ein Zug fährt ab. Regie: Johannes Meyer. Eugens, der inzwischen 13jährige Kinderdarsteller, starb am 18. Januar 1944 bei einem Eisenbahnunglück in Dahmsdorf, Märkische Schweiz, das heute zur Kleinstadt Müncheberg gehört. Ein aus Küstrin kommender D-Zug prallte im dortigen Bahnhof auf einen anderen Personenzug – 56 Tote und rund 160 zum Teil schwer Verletzte.* Vermutlich war Eugens nicht das einzige minderjährige Opfer – seiner Eltern, möchte man fast sagen. Ich nehme an, er lebte, in Ufa-Nähe, im Raum Berlin.**

Eugens Berufs- und wohl auch Gesinnungskollege Klaus Detlef Sierck (1925–44), Sohn von Berliner Theater-leuten, wurde nur geringfügig älter. Er spielte mit Begeisterung Kadetten, preußische Prinzen und vom NS-Staat erfolgreich umerzogene Stromer – und dann noch richtigen Krieg. 1943 eingezogen, „fiel“ er im März 1944 als knapp 19jähriger in der Ukraine. Dagmar Seifert behauptet***, der von seiner systemfreundlichen, inzwischen geschiedenen Mutter Lydia gemanagte Sprößling sei „in der Pubertät“ bei Goebbels in Ungnade gefallen, als „schwul“ geschnitten (auch aus bereits gedrehten Ufa-Filmen entfernt) und schließlich „an die Ostfront“ geschickt worden. Trifft das zu, könnte ich mir zum Beispiel denken, Schürzenjäger Goebbels hatte von Mutter Lydia einen Korb bekommen. Der Vater des Jungen hatte es dagegen 1937 vorgezogen, das ganze „Dritte Reich“ zurückzuweisen und gemeinsam mit seiner neuen jüdischen Ehefrau Hilde Jary in die USA auszuwandern, wo er als Filmregisseur Douglas Sirk Karriere machte. Wegen dieser Frau soll Lydia Sierck (geb. Brincken) gerichtlich ein Kontaktverbot ihres Sohnes zu dessen Vater durchgesetzt haben.**** 1958 sei das harte Schicksal seines Sohnes in Sirks vielgelobte Remarque-Verfilmung Zeit zu leben und Zeit zu sterben eingegangen, wo der junge, nicht ganz unschuldige Held noch kurz vor seinem an der Ostfront auf ihn wartenden Soldatentod eine erfüllte Liebe (mit Liselotte Pulver) erleben darf. Diese ganze familiäre Angelegenheit, Sirks merkwürdige Art der Wiedergutmachung eingeschlossen, wäre sicherlich nicht das langweiligste Kapitel, schriebe ich eine Sirk-Biografie.

* preussische-ostbahn.de
** Zwei Tage darauf, am 20. Januar, prallte in Porta Westfalica ein Schnellzug Aachen–Berlin auf einen anderen, stehenden Schnellzug. 79 Tote, 64 Verletzte. Das Unglück wurde einem Signal-Fehler des örtlichen Fahrdienstleiters angelastet. Dieser wiederum schimpfte auf die ständig aufheulenden Sirenen für Fliegeralarm, die ihn durchein-ander gebracht hätten (Wilhelm Gerntrup im Mindener Tageblatt vom 20. Januar 2004).
*** im Magazin Der Hamburger, Heft 24, Herbst 2014
**** 3sat November 2011


Karl Philipp Fohr (1795–1818), süddeutscher Maler, zuletzt in Rom. Der Fall des 1650 gestorbenen Barock-malers Pietro Testa hat bereits angedeutet, wie gern das Ende einst Verunfallter mit einer Formel überliefert wird, die mehr verbirgt als erklärt: „ertrunken dann und dann im Tiber“. Aber jeder Ochse käut die Formel wieder. So auch im Falle des Wahlrömers Fohr, von dem sogar berichtet wird, er sei, mit 22 Jahren, beim Baden im Tiber ertrunken. Unter welchen näheren Umständen, ist jedoch, folgt man dem Mediziner und Essayisten Wolfgang Schmidt, nie untersucht worden. Alle vorhandenen Berichte stützten sich lediglich auf Hörensagen und Mutmaßungen, behauptet der 1932 geborene Facharzt für Innere Medizin und Physiologie, der den Fall offensichtlich sehr gründlich untersucht hat.*

Man hatte Fohrs Leiche, Schmidt zufolge, am vierten Tag nach dem Unglück gefunden, am 3. Juli 1818. Sie war zwei Gehstunden flußabwärts an einem Ufergebüsch hängen geblieben. Einige Künstler hatten in der Tat gebadet, zu viert wohl, und Fohr war unvermittelt und äußerungslos umgesackt und weggetrieben, obwohl er wahrscheinlich des Schwimmens mächtig war. Carl Barth, der gleichfalls schwimmen konnte, versucht ihn noch zu erreichen – vergeblich. Die Kameraden sind bestürzt oder geben sich jedenfalls so. Und nach dem Auftauchen der Leiche bekommt der junge Fohr, der damals schon mit dem bekannten Kreis deutsch-römischer „Nazarener“ um den Kollegen Friedrich Overbeck liebäugelte, noch am selben Tage, unter Verzicht auf eine Obduktion, ein erstaunlich, ja verdächtig prächtiges Begräbnis, während bereits die unterschiedlichsten Gerüchte über sein Ende durch die römischen Gassen und über die Tische des Künstlercafes Greco laufen. Fohr selber hatte die Stammgäste noch kurz vor dem Unglück auf einer Skizze für ein Ölgemälde festgehalten, deren Abbildung sich inzwischen in etlichen Büchern findet.

Fohr galt vor allem als begabter (romantischer) Land-schafter. Sein Kunststudium in München hatte er 1816 abgebrochen, um noch im selben Jahr, von der „Erbprinzessin“ Wilhelmine von Hessen-Darmstadt unterstützt und seiner Dogge Grimsel begleitet, den damals schon beinahe unumgänglichen Fußmarsch gen Italien anzutreten. Vom Militärdienst war der schmale, etwas rachitisch gebeugte Fohr befreit worden. Seine vermutlich braunen oder blonden Locken trug er schulterlang. In Rom führt ihn Studienfreund Ludwig Ruhl sofort in die Künstlerkreise ein. Später überwerfen sich die beiden miteinander, tragen wahrscheinlich sogar, auf einem Kirchhof, ein Pistolen-Duell aus, wenn auch eher als Farce. Der Grund war laut Schmidt ein Streit um Grimsel, doch der arme Vierbeiner gab wohl eher einen schon länger gesuchten Vorwand ab. Schmidt sieht gewisse Anhaltspunkte dafür, daß Fohr und andere, darunter Ruhl, homosexuell gestimmt waren und mit entsprechenden Eifersüchten oder Enttäuschungen zu kämpfen hatten. Aber es gibt keine deutlichen Belege. Grundsätzlich fällt über Fohrs gesamtes Liebesleben oder -sehnen in sämtlichen, fragwürdigen zeitgenössischen Quellen kein Wort. Gewiß: er hat eine Dogge – besser als gar nichts.

Gleichwohl sieht Schmidt keine Anhaltspunkte für eine wirkliche Depression, die Fohr womöglich veranlaßt haben könnte, sich selbst (den Schwimmer) zu ertränken. Ebensowenig glaubt der Arzt jedoch daran, man habe Fohr, warum auch immer, am verhängnisvollen Badetag in den Tiber gestoßen oder auch nur beim Absaufen im Stich gelassen. Die Quellen erwähnen Krankheitsanzeichen und längere Krankenlager des Romgastes Fohr, die den Verdacht nähren, er habe sich, durch Mücken aus den dortigen Sümpfen beigebracht, mit einer Malaria abgeplagt. Damit war er in Rom zweifelsohne kein Ausnahmefall, aber nun kam an jenem heißen Junitag, vielleicht, das Bad im Tiber hinzu. Schmidt nimmt an, der auch innerlich erhitzte, zudem allgemein geschwächte Fohr sei im hüfthohen kalten Wasser auf Steinen ausgeglitten, rücklings ins Wasser gekippt, und dadurch habe er eine sogenannte „vagale Reaktion“ erlitten – laienhafter ausgedrückt: Schrecken, Schock, Bewußtseins-ausfälle, Wasserschlucken, völliger Bewußtseinsverlust. Dabei sei er schon von der Strömung erfaßt worden und gleich darauf ertrunken. Die eingangs gerügte Formel ist also korrekt.

* Rom, Wien, die Musik und das Kranksein: Vier Essays, Hamburg 2012, S. 9–74

Thomas Hallam († 1735), britischer Schauspieler. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Charles Macklin, der sich zur Tatzeit bereits auf dem Weg zum Ruhm befand, muß Hallam geradezu unbedeutend gewesen sein. Man findet noch nicht einmal Geburtsdaten oder Altersangaben. Um diesem Mißstand vorzubeugen, hätte ihn Macklin, der auch als großer Hitzkopf galt, im Jahr 1735 in der Künstlergarderobe des Londoner Drury Lane Theatres mindestens enthaupten und vierteilen müssen. So aber genügte ein Stich. Am verhängnisvollen Tage war zwischen den beiden Schauspielern ein törichter Streit um ein Requisit entbrannt: eine nagelneue prächtige Perücke. Man zerrte an ihr, beschimpfte und boxte sich – und plötzlich stieß der ungefähr 40 Jahre alte Macklin, übrigens ein Ire, mit seinem vermutlich angespitzten, vielleicht sogar mit Eisen beschlagenen Spazierstock zu. Dieser schnöde Stock fuhr Hallam „unglücklich“ ins linke Auge und dann ins Gehirn. Am nächsten Tag war Hallam mausetot, obwohl er gar nicht Hamlet hieß. Da es Augenzeugen gab, konnte sich Macklin nicht herausreden. Das Gericht erkannte aber „nur“ auf Totschlag, und der Täter soll sogar ohne nennenswerte Bestrafung davongekommen sein, möglicherweise mit Hilfe einer kleinen Bestechung, wie gemunkelt wird. Dies alles konnte freilich nicht an Macklins Weg in Band 13 (von 1990) meines Brockhaus' rütteln, wo er 12 Zeilen hat. Hallams Leiche kommt darin nicht vor.

Marie Harder (1898–1936), „proletarische“ Schrift-stellerin und Filmemacherin; „unter bis heute ungeklärten Umständen“ – so Ralf Husemann 2007 in der Süd-deutschen Zeitung – einen Tag vor ihrem 38. Geburtstag auf mexikanischer Erde zerschellt und verbrannt. Meine Hauptquelle zu ihrem Werdegang ist keineswegs Husemanns Buchbesprechung*, vielmehr ein karger Lexikon-Artikel**, der zwar keine Rätsel löst, aber besser als gar nichts ist. Danach war Harder, Tochter einer Dienstmagd und eines Arbeiters und zunächst in Hamburg Gefängnisfürsorgerin sowie gelegentlich Journalistin, ab 1929 Leiterin der Berliner Film- und Lichtbildstelle der SPD. Sie hatte sich besonders für den sowjetrussischen Film erwärmt und versuchte sich auch selber an vergleichbaren Werken. Ihr einziger (stummer) Spielfilm von 1930, Lohnbuchhalter Kremke, zeigt den Weg eines dünkelhaften Kleinbürgers, der nach dem Verlust seiner Stelle in Verzweiflung gerät, bis er sich umbringt. Harder selber erging es möglicherweise nicht ganz unähnlich. Zunächst verlor sie 1931/32 ihre Kulturämter bei der SPD – angeblich wegen „finanzieller Verfehlungen“, möglicherweise nur ein Vorwand. 1935 konnte sie, unter dem Pseudonym „Käte Kestien“, noch immerhin einen Roman veröffentlichen. Als die Männer im Graben lagen (Frankfurt/Main, Societäts-Verlag) soll die Lage der Frauen im Ersten Weltkrieg behandeln. Von Harders eigenen Lage vorm Zweiten Weltkrieg erfährt man im Lexikon buchstäblich nichts. Man könnte nun mutmaßen, Harder habe sich im Frühjahr 1936 zur Emigration entschlossen, doch nach meiner zweiten, ungleich wichtigeren Hauptquelle aus der Feder des 1957 in Bilbao, Baskenland, geborenen und dort auch aufgewachsenen Rechtsanwaltes Alexander vom Hofe*** handelte es sich bei der verhängnisvollen Unternehmung, die für rund die Hälfte der Reisegesellschaft mit einem Flugzeugabsturz endete, eher um eine Vergnügungsreise. Soweit ich sehe, ist Vom Hofe bislang der einzige Autor, der Aufschluß-reiches über dieses Unglück eingeholt und veröffentlicht hat.

Danach hatte die Hamburger Schiffahrtsgesellschaft Hapag eine Auslandsreise nach Mexiko und Mittelamerika angeboten. Mitte März 1936 traf die fragliche Touristen-Gruppe mit dem Dampfer Iberia vermutlich an der US-Ostküste ein. Am Vormittag des 26. März bestieg die Hälfte der Gruppe in Mexiko City ein dreimotoriges Charterflugzeug, das sie nach Guatemala bringen sollte, wie aus spanischen Presseberichten und Unterlagen der deutschen Gesandtschaft in Mexiko hervorgeht, die Vom Hofe anführt. Diese Maschine ging schon bald nach dem Start nicht weit vom berühmten, knapp 5.500 Meter hohen Vulkan Popocatépetl auf dem Hügel Zumpango nahe der Ortschaft Amecameca wieder zu Boden. Diesmal kam das Feuer, das den ganzen, offenbar mit Pinien bestandenen Hügel verheerte, nicht aus dem „heiligen“ Vulkan. Alle 14 Insassen der Maschine, darunter die vierköpfige Crew, kamen um. Die Presse führte zunächst geringe Flughöhe und Windstöße ins Feld. Vom Hofe selber nimmt nach Gesprächen mit Fachleuten an, die Maschine sei eher „wie ein Stein“ vom Himmel gefallen. Nach den Dokumenten war die Sicht gut. Der Chefpilot galt als ausgesprochen erfahren. Die Identifikation der Leichen gestaltete sich schwierig, erfolgte jedoch. Dafür verzichtete man merkwürdigerweise, wie Vom Hofe findet, auf eine Untersuchung des Wracks; vielmehr seien schon kurz nach der Bergung der Leichen nun auch die „wertlosen“ Überreste des Flugzeuges noch verbrannt worden, durch Beauftragte der Compañía Mexicana de Aviación, wie in der Presse zu lesen war. Die drei Motoren seien nicht etwa abtransportiert, vielmehr auf dem Hügel „beerdigt“, nämlich vergraben worden … Die deutsche (faschistische) Gesandtschaft meldete in die Heimat, zwar habe sich die Absturzursache „nicht restlos“ klären lassen, es „erübrige“ sich jedoch, diversen Theorien nachzugehen, die darüber in Umlauf seien. Somit scheint man hier und dort schon damals Unheil gewittert zu haben. Was Vom Hofe angeht, hält er einen von der Naziführung veranlaßten Mord (durch Sabotage an den Motoren) für wahrscheinlich und bietet dafür etliche Anhaltspunkte auf, interessante zeitgeschichtliche Zusammenhänge eingeschlossen.

Wie man sich denken kann, galt der Anschlag, sofern es einer war, nicht der Hamburger „proletarischen“ Künstlerin Harder oder auch den vier weiteren, deutschen oder österreichischen „Fräuleins“, die sich unter den 10 Fahrgästen der Todesmaschine befanden. Möglicherweise hatte sich Harder wirklich nur eine Vergnügungsreise aus Anlaß ihres 38. Geburtstages gegönnt, vielleicht im Verein mit einer Freundin. Wir wissen es einfach nicht. Hatte sie sich dabei in erstaunlich erlauchter Gesellschaft befunden, war es, auf dieser Geschenkebene, wahrscheinlich kaum vermeidlich. Neben zwei Baronen (aus München und Budapest) zählte vor allem ein beinahe echtes und ohne Zweifel auch zur Unglückszeit noch immer sehr gut betuchtes deutsches Fürstenpaar zu Harders Urlauber-Innen- und Flugzeug-Gruppe. Das waren Adolf II. Fürst zu Schaumburg-Lippe (1883–1936) und dessen Gattin Elisabeth, auch Ellen genannt.

Die Sache ist, zumal der Adel beteiligt ist, verzweigt und verheddert wie so oft, und ich werde ihr hier nicht nachgehen. Nur noch das Folgende. Vom Hofe ist ein Großneffe Adolf II.. Dessen „Fürstentum“ erstreckte sich dereinst von Rinteln an der Weser und den Bückebergen bis zum sogenannten Steinhuder Meer. 1918 nicht ganz freiwillig abgedankt, residierte Adolf hinfort als Privatier bei München und in Italien. Wie es aussieht, waren er und seine ihm 1920 angetraute, vom Clan als bürgerlich, geschieden und spielsüchtig geschmähte Gattin den Nazis ein Dorn im Auge gewesen – selbstverständlich nicht, weil er aus dem Holze des angeblich (in der SU) ertrunkenen Rebellen Max Hoelz geschnitzt gewesen wäre. Für Vom Hofes Empfinden handelte es sich vielmehr darum, Adolfs überaus beträchtliches Vermögen in den Dienst des Faschismus und insbesondere der Kriegsanstrengungen stellen zu können. Zunächst ging dieses Vermögen dank jenes dummen Flugzeugabsturzes auf Adolfs Geschwister über. Nebenbei verzehrte sich Adolfs Bruder Wolrad, seit 1935 Parteimitglied, erklärtermaßen nach dem Fürstentitel, womit er auch Göring in den Ohren lag. Das sind keinewegs Erzeugnisse aus Vom Hofes Madrider Märchenstube. Selbst Ralf Husemann merkt an: „Drei Brüder des Fürsten arrangierten sich mit den Nazis (Friedrich Christian brachte es gar zum Adjutanten von Goebbels). Doch der vierte (Heinrich), der Großvater des Autors, hatte nicht nur mit den Nazis nichts am Hut, er gehörte auch noch einer (alsbald verbotenen) Freimaurer-Loge an.“

Zu Ehren dieses Großvaters also, Heinrich Prinz zu Schaumburg-Lippe (1894–1952), aber offensichtlich auch, weil er a) allgemein Gerechtigkeit schätzt, b) persönlich nichts dagegen hätte, auch noch von der überaus üppigen Bückeburger Torte zu naschen, scheint sich Vom Hofe seit Jahren unter vielen Mühen und Ärgernissen mit der leidigen ungeklärten Angelegenheit zu befassen. Dabei ist ihm der Einblick in die Archive des Bückeburger Fürstenhauses aufgrund testamentarischer Verfügungen bis heute ausdrücklich und, wie er meint, zu unrecht verwehrt.

* „Geschäft auf Gegenseitigkeit“, 5. März 2007, Auszug bei twoday.net, archivalia
** Hans-Michael Bock (Hrsg): CineGraph, ein Loseblatt-Lexikon zum deutschsprachigen Film, München, Lg. 23
*** Alexander vom Hofe: Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe und das parallele Unrechtssystem, Vierprinzen S.L., Madrid 2006


Michio Hoshino (1952–96), japanischer Naturfotograf. Als Hoshino im Sommer 1996 mit 43 Jahren ein Opfer seiner Begierde nach Bären wurde, war er bereits weltberühmt. Zudem hatte er kürzlich seinen Schwarm Naoko geheiratet und mit ihr Sohn Shoma gezeugt – der seinen Vater mit zwei Jahren schon wieder verlor.

Das Paar hatte sich in Fairbanks, mitten in Alaska, USA, ein Haus gekauft, doch „naturgemäß“ war Hoshino viel unterwegs. Dem gebürtigen Japaner hatten es schon in der Jugend ausgerechnet die kältesten Gegenden dieses Planeten angetan. Unter Robben, Eismeerwalen und kalbenden Gletschern fühlte er sich am wohlsten. Dennoch soll der kleine stämmige Fotograf mit dem pechschwarzen Pagenschopf im Verkehr mit Menschen ausgesprochen hilfsbereit, rücksichtsvoll und trotz seines Ruhmes bescheiden gewesen sein, wie auch sein langjähriger enger US-Freund Lynn Schooler, ein in Juneau, Alaska, beheimateter Tourenführer, in einem ungewöhnlich gut geschriebenen Buch bezeugt.* Selbst das Gift der Konkur-renz habe vor Hoshinos Herzenswärme den Kürzeren gezogen – unter Jägern von Seltenheiten sicherlich eine Rarität, falls dem Zeugnis des Freundes zu trauen ist.

Andererseits liebte Hoshino, wie bereits angedeutet, die Zwiesprache mit der Einsamkeit und der Unendlichkeit des Raumes, sodaß er bei Expeditionen jenen mit Zweibeinern vollgepferchten Hütten oder Kajüten, die auch Schooler fürchtete, oft sein Zelt oder das Schiffsdeck zum Übernachten vorzog. Damit haben wir schon die erste Fahrlässigkeit, die Hoshino im Kurilskoja-Braunbären-reservat der russischen Halbinsel Kamtschatka in jenem August zum Verhängnis wurde. Auch dort schlief er, zwischen Stationshütte und Vorratsspeicher, in seinem Zelt, obwohl eben dieser mit Wellblech gedeckte Speicher bereits von einem lüsternen Braunbären heimgesucht worden war. Die zweite Fahrlässigkeit leistete sich ein per Hubschrauber eingeflogener Besitzer einer Fernsehstation, der zusätzlich eigens Lebensmittel am Seeufer als Köder auslegte, um die Bären, von einem Beobachtungsturm aus, noch günstiger in den Sucher seiner Videokamera zu bekommen. Damit wußten die Bären endgültig: wo diese Zweibeiner herumstolpern, da gibt es jede Wette Unmengen an Leckerbissen. Und drittens herrschte im Camp des Reservates strenges Schußwaffenverbot, was bedeutet, es gab nicht ein Gewehr, nur „Bärenspray“, wohl aus dem üblichen Pfeffer.

Übrigens zählen Bären Menschenfleisch so gut wie nie unter die Leckerbissen; Angriffe von Bären auf Menschen gelten unter allen Fachleuten als selten. In diesem Zusammenhang erlaube ich mir die Bemerkung, daß meine eben aufgestellte Liste von Fahrlässigkeiten bereits den bodenlosen Leichtsinn voraussetzt, auf dem sie, meist völlig unangefochten, sozusagen fußt. Dieser Leichtsinn hat für alle möglichen und unmöglichen waghalsigen Unternehmungen Raum, sofern sie nur ordentlich Nervenkitzel oder Geld bringen, am besten „natürlich“ beides zusammen. In Wahrheit könnte sich ein naturliebender Japaner, statt Bärennasen, Berggipfel oder Sprungschanzentische zu reizen, auch als Flußfischer, Tuschezeichner oder „Tablefitter“ im Billardsport ernähren, falls er es nicht gleich vorzieht, sich einer großen anarchistischen Lebensgemeinschaft anzuschließen, in der das Geld keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Der erwähnte lüsterne Braunbär kam gegen Mitternacht zurück und nahm sich nun, statt des mit Blech gedeckten Vorratsspeichers, Hoshinos Zelt vor. Er zerfetzte es, packte den um Hilfe schreienden Fotografen mit den Zähnen und verschwand mit dieser Beute im Maul in der Dunkelheit. Wie sich versteht, war die Aufregung im Lager groß. Doch der Bär wurde erst bei Tage aufgespürt, nachdem ein Hubschrauber mit einem russischen Offizier und dem Berufsjäger Wladimir Owsjannikow an Bord eingetroffen war. Das wuchtige Tier wurde von diesen Männern erlegt – und nun ebenfalls, von Curtis Hight, prompt fotografiert. In Schoolers Buch sieht man das braune Ungetüm auf dem Rücken in einer Wiese liegen, die geöffnete blutige Schnauze seitwärts in weiß und rosa blühende Kräuter gereckt.

Erfreulicherweise wagt „Tourismus“-Allein-Unternehmer Schooler einige gesellschafts- und kapitalismuskritische Betrachtungen, doch sein „philosophischer“ Rückzieher auf Seite 324 der deutschen Ausgabe ist enttäuschend. Trotz allem furchtbaren Fressen-und-Gefressen-Werden, das er schon mitanzusehen hatte, darunter blasende und springende Buckelwale, die im tosenden Meer binnen weniger Stunden zig Tonnen an Heringen verschlingen, feiert er zuletzt, wie Hölderlin, der nie eine Schiffskajüte von innen sah, den schönen, lediglich „im Detail oft schwierigen und schrecklichen“ Kreislauf der Natur. Nun bezieht er seinen Stolz oder jedenfalls seine Beruhigung daraus, „privilegierter Teil eines großartigen, unvorstell-baren Plans, eines gigantischen Gobelins“ zu sein. Somit zieht er sich auf die übliche hündische, wahlweise als „religiös“ oder „spirituell“ ausgegebene Autoritätsgläubig-keit zurück. Der große, völlig undurchsichtige Plan ist eben da; man hat sich ihm anzubequemen. Diese Ergebenheit, um es freundlich auszudrücken, ist umso erstaunlicher, als Schooler vor etlichen Jahren die Geliebte seines Lebens, die bei Seward in einer Hütte hauste, brutal geraubt wurde – sehr wahrscheinlich nicht von einem Bären, vielmehr von dem 2014 in Haft verstorbenen Frauenjäger (per Privatflugzeug) und Serienmörder Robert Christian Hansen aus Anchorage. Das wäre ohne Zweifel eine geeignete Geschichte für meine Arbeit über Mordopfer gewesen, aber Schooler gibt den Namen seiner Geliebten, verständlicherweise, nicht preis. Vielleicht ist es ihm nur auf die beschriebene Rechtfertigungsweise vergönnt gewesen, diesen Albtraum einigermaßen zu verkraften.

* The Blue Bear / Die Spur des blauen Bären, New York und München 2002

Martin Kirchberger (1960–91), rheinhessischer Künstler. Seine Ader für Komik mündete in 28 Särgen. Der Absolvent der Offenbacher Hochschule für Gestaltung hatte sich bereits einen gewissen Namen mit „Aktions-kunst“ und satirischen Kurzfilmen, vor allem der Sorte „Pseudo-Dokumentarfilm“, gemacht und seine eigene Produktionsfirma Cinema Concetta gegründet. Am 22. Dezember 1991, zwei Tage vor Weihnachten, ließ eine Meldung über einen Flugzeugabsturz bei Heidelberg die Redaktion der Rüsselsheimer Main-Spitze „zunächst nur kurz aufhorchen“, wie Ralf Schuster 20 Jahre später in einem Gedenkartikel erwähnt. Das ist die richtige Einstellung von Presseprofis, sage ich dazu. Dann habe sich aber schnell der bedeutsame lokale Bezug des Unglücks herausgestellt, fährt Schuster fort. Kirchberger, bei der Main-Spitze wohlbekannt, hatte zu Zwecken satirisch geprägter Dreharbeiten in Frankfurt/Main eine historische DC3-Maschine mit seinem Team und einem Rudel LaienschauspielerInnen besetzt und in derselben das schöne Heidelberg angesteuert. Während des Flugs wurde bereits gedreht. Nicht zum Film gehörte freilich ein Donnerschlag gegen 12 Uhr: die Maschine war bei dichtem Nebel unweit der Neckarstadt gegen den Hohen Nistler geprallt, einen Berg des südlichen Odenwalds, und an ihm zerschellt. Die mehr oder weniger zerfetzten Leichen, die dann im Wald herumlagen, waren teils geschminkt. Es gab vier verletzt Überlebende. Unter den 28 Toten befanden sich neben Kirchberger, 31, die beiden Piloten, sodaß sich später ein Gerichtsverfahren erübrigte. Einer behördlichen Untersuchung zufolge war die 50 Jahre alte Maschine mängelfrei, allerdings überladen gewesen. Außerdem hätten die Piloten die Flüsse Rhein und Neckar verwechselt, während der Fahrt Interviews gegeben und die Maschine wahrscheinlich viel zu tief geflogen. Auch hätten sie auf Drängen des Regisseurs unzulässige Sichtbehinderungen durch Bekleben der Scheiben gebilligt.* Vielleicht hatten sie sich gedacht: wenn draußen sowieso schon Nebel ist …

Wie sich versteht, waren die BürgerInnen und Kunstlieb-haberInnen der Region bestürzt. Letztere riefen bald darauf die Cinema Concetta Filmförderung ins Leben, die zunächst nichts Dringlicheres zu tun hatte, als den durch Nebel verhinderten Film Bunkerlow des verstorbenen Regisseurs fertigzustellen. Worum es dabei ging und geht? Es handelt sich um eine Satire auf Kaffeefahrten. Man bietet dabei Privat-Bunker feil, von deren Bomben-sicherheit sich die Kunden vom Flugzeug aus überzeugen können, wenn ich alles richtig verstanden habe. Das Flugzeug selbst steht im Film offenbar nicht zur Debatte.

Dieses Werk wurde also gerettet. Ob die Concetta-Stiftung dann auch die Rechnungen für 28 Särge, vier Kranken-hausbehandlungen und mindestens 70 THW-HelferInnen und Polizisten beglich, die für mehrere Tage an der Absturzstelle tätig waren, ist mir nicht bekannt. Einer Selbstdarstellung zufolge** sieht die in Rüsselsheim ansässige, als „wohltätig anerkannte“ und auch schon preisgekrönte Stiftung ihre Aufgabe darin, die Arbeit Kirchbergers weiterzuführen, das Andenken an die Opfer zu wahren „sowie ähnliche Filmarbeiten mit weitestgehend satirischem Inhalt zu fördern“. Zum Andenken zählte möglicherweise ein Holzkreuz, das für ungefähr 12 Jahre am Hohen Nistler stand. Da es allmählich verwitterte, wurde es Anfang 2014 durch ein Denkmal aus rotem Sandstein mit Inschrift ersetzt – von der Stadt Heidel-berg.*** Ob die Stiftung wenigstens ein paar selbstkri-tische Erwägungen beisteuerte, die man nun dort im Walde vom Stein ablesen kann? Im ganzen Internet nicht eine Spur von dergleichen. Also weiter so, wohlan, Glück auf!

* Micha Hörnle, „Die Katastrophe mitten im Wald“, Rhein-Neckar-Zeitung, 22. Dezember 2011
** Rüsselsheimer Filmtage
*** heidelberg.de, 3. Februar 2014


Herbert Marxen (1900–54), mehr oder weniger antifaschistischer Künstler. Fotos zeigen einen hochge-wachsenen, hageren Dunkelhaarigen mit schmalem, kantigem Kopf, gleichwohl weichen, auch hübschen Gesichtszügen. Vielleicht liegt es nicht nur an der zufäl-ligen oder absichtlichen Auswahl dieser Fotos, wenn der Grafiker Herbert Marxen aus Flensburg, zeitweilig fester Mitarbeiter der bekannten Satireblätter Simplicissimus und Jugend, auf ihnen stets ein wenig verschlossen, düster, bedroht wirkt. Trotzdem soll er durchaus höflich und umgänglich gewesen sein, dabei freilich überwiegend wortkarg – „ein nordischer Charakter“ eben, wie Ulrich Schulte-Wülwer* Marxens Münchener Kollegen Wolfgang Petzet zitiert.

Der Volks- und anschließende Kunstgewerbeschüler Marxen, der seinen Vater bereits im Säuglingsalter verloren hat, kann sich zeitlebens nur mühsam durch seine grafischen Arbeiten, teils auch für Reklamezwecke, über Wasser halten. Um 1930 heiratet er Herta Knippenberg, von der wir lediglich erfahren, nach dem Krieg sei die Familie (zwei Kinder) im wesentlichen von ihr ernährt worden, mit Hilfe einer kleinen Buchhandlung und Leihbücherei, die Herta in Flensburg-Mürwik eröffnet hatte. Marxen war im Laufe des Krieges eingezogen, aber immerhin schon 1945 aus der Gefangenschaft entlassen worden. Vorher hatten ihn die Nazis, trotz vorüber-gehenden Ausschlusses aus der Reichskammer der bildenden Künste (= Berufsverbot), vergleichsweise milde behandelt, da sich umgekehrt auch Marxen, laut Schulte-Wülwer „letztlich ein unpolitischer Mensch“, antifaschi-stischer Attacken enthalten hatte. Im Gegenteil arbeitete er streckenweise „an Motiven aus der Welt des japanischen Militärs, die keineswegs im Widerspruch zur Politik des Nationalsozialismus standen.“

Was dem zurückgezogen lebenden Künstler jedoch verwehrt wurde, war die Rückerstattung von rund 200 grafischen Arbeiten, die zwei Gestapo-Leute 1938, wohl nach Denunziation durch einen Verwandten, in seinem Atelier beschlagnahmt hatten. Marxen empfand diese Maßnahme als tiefes Unrecht und kämpfte auch nach Kriegsende und seiner Heimkehr „verbissen“ um Wiedergutmachung. Nun sah er sich der Schikane durch „demokratische“ Institutionen ausgesetzt. Vor allem wollten sie – zuletzt die Wiedergutmachungskammer des Kieler Landgerichts – jene angebliche, bis dahin lediglich mehrfach bezeugte Beschlagnahmung im Schätzwert von 10.000 DM bewiesen haben. Immerhin wurde 1954 einer von den beiden Gestapo-Leuten ausfindig gemacht, worauf das Landgericht einen Termin der Gegenüberstellung anberaumte. Das muß Marxen, inzwischen 54, derart aufgewühlt haben, daß er am 18. Juli, drei Tage vor dem Termin, einen Schlaganfall erlitt, dem er 10 Tage später erlag, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben.

Der Karikaturist Marxen zeichnet linear, dabei jedoch plakativer als etwa sein schon 1908 verstorbener Kollege Rudolf Wilke, der noch zu behandeln sein wird. Schulte-Wülwer urteilt: „Von den drei großen Karikaturisten seiner Zeit, Heine, Gulbransson und Arnold, stand Marxen letzterem am nächsten.“ Aber gleichwohl noch immer unter ihm, soll das wohl heißen.

* Herbert Marxen, Ausstellungskatalog, Flensburg 1982

Der gelernte Bildhauer Otl Aicher (1922–91) aus Ulm, wo er 1953 die Hochschule für Gestaltung mitgründete, gehörte bald dem führenden Club der „Designer“ der Nachkriegsära an. Etliche Arbeiten von ihm, etwa die Pictogramme und Plakate für die Münchener „Olympiade“ von 1972, verschiedene Möbel- und Gerätegestaltungen, so für Braun, selbst einige Bucheinbände und Schriften, sind weltbekannt. Von der Kriegszeit her war Aicher sowohl antifaschistisch wie avantgardistisch gestimmt. Es war nur folgerichtig, wenn er sich (1952) mit Inge Scholl verheiratete, einer Schwester der bekannten jungen WiderstandskämpferInnen. Mit ihr hob er in Ulm auch die Volkshochschule aus der Taufe. Zudem engagierten sich beide bis zuletzt in der antimilitaristischen Bewegung der BRD, Stichwort Ostermarsch, damit auch am Rande des teils „kommunistischen“, teils „antiautoritären“ Lagers. In ihrem alltäglichen und häuslichen Wirken verkörperten beide das Antiautoritäre nach Auskunft vieler Zeugen allerding nur „rudimentär“, um ein Lieblingswort der Dutschke-Krahl-Zeit anzubringen. Hier fallen stattdessen die Eigenschaftsworte fromm, streng, rechthaberisch, spießig. Das Paar hatte fünf Kinder. Um 1972 ließ es sich in Rotis bei Leutkirch (südlich von Memmingen im Allgäu) in einer ehemaligen Mühle nieder. Was beiden Aichers unter anderem hoch angerechnet wird, ist die treue Fürsorge um Tochter Eva, die 1953 mit dem sogenannten Down Syndrom auf die Welt gekommen war.

Eine andere Tochter, Pia Aicher (1954–75), wurde nur 20. Kurz nach ihrem schriftlichen Abitur sitzt die junge Frau neben ihrem Vater in dessen BMW; sie wollen, von Rotis aus, nach Ulm, wie mir ein Familienmitglied auf Anfrage mitteilt. Dann sei ein vor Otl Aicher fahrender Lastwagen ziemlich unvermittelt links abgebogen; Otl rast hinein. Pia, wohl unangeschnallt, sei mit dem Kopf gegen die Wind-schutzscheibe geknallt. Sie starb einige Tage darauf im Krankenhaus. Dort war auch ihr Vater gelandet, doch wurde er offensichtlich wieder hergestellt. Mein Gewährs-mann sagt, er habe Aicher dort erstmals im Leben weinen gesehen. In einem Buch von Otl Aichers Schwiegertochter Christine* findet sich die Ergänzung, er habe im Krankenhausbett „wie ein verprügelter Gladiator“ gewirkt (S. 124), möglicherweise aus schlechtem Gewissen. Mehrere Zeitzeugen erwähnen, der untersetzte, bäuerisch-wurzelig wirkende Künstler, der seit Jahren wiederholt von Herzanfällen heimgesucht wurde (102), sei leidenschaft-licher Auto- und Motorradfahrer gewesen; er raste gern, „wie ein Verrückter“ (124). Seine Frau Inge habe jedoch, wegen Pia, nie einen Vorwurf gegen Otl gerichtet (155). Dessen Biografin Eva Moser** schildert den ersten Unfall überhaupt nicht, falls ich es nicht übersehen habe. Sie erwähnt lediglich, Vater und Tochter hätten sich auf dem Weg zu Pias mündlichem Abitur befunden. Dann setzt sie hinzu: „Schuld im juristischen Sinne war Aicher sicher nicht, aber er war ein wilder Autofahrer, hatte viele Unfälle gehabt, zeitweise drohte ihm sogar der Führerschein-entzug, und von Sicherheitsgurten hielt er nichts.“ Er sei lange Zeit nur eingeschränkt arbeitsfähig gewesen; das Lenkrad habe ihn vor Schwererem bewahrt.

Damit zum zweiten Unfall. Ironischerweise kam der Herr der Rotismühle nicht durch sein eigenes Motorrad um. Wenn mich die Landkarten nicht täuschen, wird das ausgedehnte Mühlengrundstück von einer Kreisstraße durchschnitten. Am 26. August 1991, inzwischen 69, saß Aicher auf seinem kleinen, wenn auch „lärmenden“ Rasenmähtraktor, ist bei Moser zu lesen. Beim Zurück-setzen auf jene Straße habe Aicher ein sich näherndes Motorrad „überhört“, das deshalb auf ihn prallte. Dessen Fahrer sei „fast nichts“ geschehen. Aicher dagegen kommt mit schweren Hirnverletzungen ins Günzburger Kranken-haus, wo er am 1. September stirbt. Die in Ulm erschei-nende Schwäbische Zeitung hat schon den Nachruf bereit, streift aber den Unfall nur noch kurz.*** Auch nach dieser Quelle stieß Aicher „rückwärts“ auf die in der Regel verkehrsarme Straße, als ihn das Motorrad erwischte. Somit hatte dessen Fahrer zufällig Glück im Unglück, wie man wohl sagen darf.

* Christine Abele-Aicher (Hrsg.): Sammelband über Inge Aicher-Scholl Die sanfte Gewalt, Ulm 2012
** Otl Aicher: Gestalter, Ostfildern 2011, S. 380 & 403
*** Gisela Lindner im Kultur-Teil, 2. September 1991


Gertrud Kortenbach (1924–60), bergische Bildhauerin. Ihr letztes größeres Werk Engel von 1959, ursprünglich für eine private Grabstätte gedacht, ist als etwas fragwürdige Dauerleihgabe der Familie Konejung vor dem Kunstmuse-um in Solingen-Gräfrath zu besichtigen. Die Bronzearbeit könnte Insektenfreunde an eine aus Evas Rückenwirbeln gearbeitete, inzwischen fleischlose Riesenlibelle erinnern. Vielleicht war das der Einfluß von Joseph Beuys, mit dem Kortenbach ab 1945 ungünstigerweise derselben Meister-klasse der Düsseldorfer Kunstakademie angehörte. Drei Jahre darauf kehrte sie in ihre Heimatstadt Solingen zurück, um sich in der elterlichen Metallfabrik (Korten-bach und Rauh) ein Atelier einzurichten. Die Bildhauerin soll auch in Holz und Elfenbein, zudem kunsthandwerklich und literarisch gearbeitet haben. Für Susanne Koch* zeugen Kortenbachs Werke von Feingefühl, Menschen-liebe, Humor und „hoher Spiritualität“. Ihrer Schwester Hildegard zufolge ist die Künstlerin eine „Draufgängerin“ gewesen, nebenbei auch Reiterin. Andererseits hatte sie sich wohl mit dem Leben schwergetan und zeitweise in psychiatrischer Behandlung befunden.** Als die 36jährige Fachfrau für Metall am 8. April 1960 das schwere schmiedeeiserne Tor zum Park ihres Elternhauses öffnete, tat sie es vermutlich ganz normal. Aber dann zuckte sie zusammen, knickte vielleicht auch ein oder rutschte auf nassem Pflaster aus: der Torflügel hatte sich aus seiner Verankerung gelöst. Kortenbach wurde von ihm erschlagen. Das Unglück ist mit Hilfe der vorliegenden spärlichen Angaben nicht so leicht vorstellbar. Immerhin dürfte sich mancher sagen, er möchte damals weder der Wächter noch der Eigentümer dieses Tores gewesen sein.

* „In der Weite des Meeres“, Solinger Tageblatt, 27. September 2014 (urspr. 2010)
** „Schau Form vollendet zeigt Leben“, Remscheider General-Anzeiger, 22. Dezember 2014


Tanja Liedtke (1977–2007), deutschstämmige Tänzerin, seit 1997 in Australien tätig. Hier war sie zuletzt zur künstlerischen Leiterin des bedeutendsten australischen Tanztheaters berufen worden, der Sydney Dance Company. Allerdings konnte die 29jährige die Stelle nicht mehr antreten: sie wurde am 17. August 2007 frühmorgens in Sydney unweit ihrer Wohnung beim Überqueren der Straße von einem Wagen der Müllabfuhr erfaßt und getötet. Die deutsche Wikipedia behauptet zum „Unfall“ der Tänzerin, die Straße sei ansonsten leer, Liedtke jedoch so „tief in Gedanken“ gewesen, daß sie just vor dieses eine Müllauto gelaufen sei. Quellenangabe? Fehlanzeige.

Die Webseite der tanja liedtke foundation kann es jedenfalls nicht gewesen sein, weil dort lediglich von einem für jede Auslegung offenen „Verkehrsunfall“ die Rede ist. Vom Sydney Morning Herald war noch am Unfalltag zu erfahren*, Unfallort sei die „inside south lane on the Pacific Highway, near the corner of Hume Street“, im Norden der Metropole gewesen. Der mäßig fahrende Müll-wagen habe „Grün“ an der Kreuzung und eingeschaltete Warnlampe gehabt. Der 39jährige Fahrer habe sofort die Polizei verständigt. Vollends könnte man bei einem Artikel von Bettina Schulte** ins Grübeln kommen, der den angeblichen Unfall gar nicht behandelt. Ein jüngster Dokumentarfilm über die biegsame Tänzerin mit den langen roten Haaren erwähne den großen Erfolgsdruck, unter dem sie durch die neue Ernennung stand. „Einer ihrer beiden Brüder berichtet, sie habe auf der Höhe ihres Erfolgs bitterlich geweint, weil sie, die geborene Perfektio-nistin, Angst hatte, den Erwartungen nicht zu genügen.“ Auch Liedtkes enger Mitstreiter Paul White meldete Zweifel an der Unfallversion an.*** Die Tänzerin ließ ihren langjährigen Lebensgefährten und Berufskollegen Solon Ulbrich zurück, mit dem sie zusammenwohnte.**** Das Ergebnis der amtlichen Untersuchung wird auch in diesem Fall nirgends mitgeteilt.

* 17. August 2007
** Badische Zeitung, 3. Januar 2014
*** Stuttgarter Nachrichten, 1. September 2014
**** Wiebke Hüster, FAZ-Blog vom 26. Oktober 2013


Die tödlichen Folgen des Strebens nach Rampenlicht nehmen sicherlich viele Gestalten an – hier schnell eine unverfälschte Gestalt. 1860 hatte die blutjunge Ballerina Emma Livry (1841–63) halb Paris als Schmetterling in Marie Taglionis Ballett Le Papillon hingerissen. Zwei Jahre darauf kam sie bei einer Bühnenprobe in der Pariser Oper mit ihrem Kostüm dem sogenannten, damals noch mit Gas betriebenem Rampenlicht zu nahe. Das Kostüm fing Feuer. Livry soll einer lebenden Fackel geglichen haben. Sie erlag ihren schweren Brandverletzungen im Sommer 1863 mit (wahrscheinlich) 21 Jahren, wobei freilich auch Behand-lungsfehler im Spiel gewesen sein sollen. Zwar war zu ihrer Zeit bereits „Brandschutzkleidung“ im Schwange, doch Livry und andere TänzerInnen hatten diese als „zu häß-lich“ abgelehnt. Heute zwingen Mütter und Väter ihren Rad oder sonstwas fahrenden schulpflichtigen Kindern teuer bezahlte (Aus-)Rüstungen auf, die für Schwitzbäder und Atemnot gut sind, weil die Menschheit das Schlacht-feld des modernen Straßenverkehrs und Sporttreibens um keinen Millimeter preisgeben will.

Habe ich richtig verstanden, lebte der russische Schauspieler und Sänger Alexander W. Dedjuschko (1962–2007) in der knapp 200 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Großstadt Wladimir, wo er eine Zeitlang ein Theaterengagement hatte. Zuletzt trat er vorwiegend in Film & Fernsehen auf; er moderierte beispielsweise die Sendung Tanzy so swosdami, Tanzen mit den Stars. Mit seiner zweiten Gattin Swetlana, gleichfalls Schauspielerin, hatte er ein Söhnchen, Dimitri. Eben in der Gegend von Wladimir verunglückte die ganze dreiköpfige Familie am späten Abend des 3. November 2007 tödlich mit ihrem Toyota Picnic. Während die deutsche Wikipedia lediglich von einer „eisglatten“ Fahrbahn spricht, heißt es bei ihrer russischen Schwester, der japanische Wagen sei „aus unbekannten Gründen“ über die lückenlose weiße Mittellinie und damit in einen Lkw des Gegenverkehrs gefahren. Alle drei starben auf der Stelle. Dedjuschko war 45, Swetlana wohl 31, Dimitri acht. Der Lkw-Fahrer, 38, habe überlebt.

Hans Platschek (1923–2000), Maler, Essayist, Hochschullehrer und einer der letzten unverbesserlichen RaucherInnen. In seinen mittleren Jahren hatte der vielgereiste Künstler so manchen Kollegen, der sich nicht der jeweils gerade angesagten Malmasche versagte, mit einer Reihe von Aufsätzen vor den Kopf gestoßen, die 1984 gebündelt im gelb eingeschlagenen Suhrkamp-Taschen-buch Über die Dummheit in der Malerei zu lesen waren. Im gehobenen Ton des Feuilletons gehalten, sprachen sie zwar streckenweise in Rätseln und auf Verdacht Dinge aus, die etwa Robert Gernhardt (möglicherweise von Platschek angeregt) schlichter und überzeugender sagte, pochten dabei aber gleichfalls und erkennbar auf handwerkliches Können gepaart mit kritischer Haltung. Diese angriffs-lustigen Ausfälle konnten weder Platscheks berufliche Laufbahn durchkreuzen noch sein Älterwerden verhin-dern. Im Spätsommer 1999 gelang es dem erheblich jüngeren Kunsthistoriker Christian Demand, „nach vielem Drängen“ von dem 76jährigen zu Hause empfangen zu werden. Platschek lebte seit 1970 vorwiegend in Hamburg, dabei zuletzt in einer Atelier-Wohnung am Grindelberg, die ihm der Senat mietfrei zur Verfügung gestellt hatte. Bei seinem dortigem Besuch sei nicht nur Platscheks körperliche Hinfälligkeit offensichtlich gewesen, so Demand; der vielgelobte Essayist habe auch Mühe gehabt, sich zu artikulieren, und öfter den Faden verloren. Als dann „ein Pfleger“ das Abendbrot brachte, zog sich Demand wohlweislich zurück, wie er 2013 berichtet.*

Sich auf diesen Besuch einzulassen, dürfte bereits der erste Fehler Platscheks gewesen sein. Der zweite war dann die Zigarette. Wenige Monate später wurde er in seiner Woh-nung tot aufgefunden, wie dem Hamburger Abendblatt am 11. Februar 2000 zu entnehmen war. Die Polizei habe Spuren eines vermutlich durch eine Zigarette ausgelösten Schwelbrandes entdeckt. Anscheinend sei Platschek erstickt. Da werden wohl einige Nachbarn aufgeatmet haben: weil ihnen das Schicksal – um nicht von gewissen malenden und schreibenden Moralisten zu sprechen – keine Feuersbrunst zugemutet hatte.

* Merkur, 2. Mai 2013

Ein Bub aus Bayern, Sigmund Neuberger, hatte seine künstlerische Laufbahn in den USA begonnen, dann aber, um 1900, als The Great Lafayette (1871–1911) von London aus fortgesetzt. Er zählte bald zu den populärsten und reichsten Zauberern dieses Planeten. Molière hätte sich bestimmt für ihn interessiert, galt der Magier doch als Menschenfeind. Lafayette vergötterte lediglich seine Pitbull- oder Terrier-Hündin, die ihm der Entfesselungs-meister Houdini persönlich geschenkt hatte. Lafayette taufte sie ungeachtet ihrer Schlappohren Beauty. Diese Hundedame bettete er sozusagen auf Rosen, während er ihr Halsband mit Diamanten besetzen ließ. Dafür machte sie gelegentlich auch bei den Shows ihres Gebieters mit. Dessen letzte Show verpaßte sie freilich um wenige Tage, weil sie am 5. Mai 1911 von einem Schlaganfall dahinge-rafft wurde. Der 40jährige Magier war untröstlich und hätte um ein Haar seine auf zwei Wochen anberaumte Show in Edinburgh, Schottland, abgebrochen. Das wäre in der Tat nicht schlecht gewesen, denn in diesem Fall wäre Lafayette vielleicht 80 statt nur 40 Jahre alt geworden.

Am 9. Mai verfolgten rund 3.000 Leute im Empire Theatre mit angehaltenem Atem Lafayettes Zugnummer mit dem Löwen, genannt „The Lion's Bride“. Da löste sich durch eine mir nicht bekannte Unachtsamkeit eine „orienta-lische“ Bühnenlampe aus ihrer Verankerung – und damit ein Unglück aus, bei dem das ganze Theatergebäude abbrannte und insgesamt 11 Menschen starben. Der prominenteste unter ihnen war Lafayette. Bei seinem Leichenzug sollen mindestens 250.000 Menschen die Straßen der schottischen Hauptstadt gesäumt haben. Hinter der Kutsche mit Lafayettes Sarg fuhr sein silber-grauer Mercedes, in dem, vom Fahrer einmal abgesehen, ein anderer, noch lebendiger Hund des verunglückten Wagenbesitzers thronte, Mable, angeblich ein Dalmatiner. Wahrscheinlich gafften auch die 3.000 aus dem Empire Theatre mit. Dank des schnellen Einsatzes des Brand-schutzvorhangs stellten nämlich die MitarbeiterInnen der Bühnenshow den Löwenanteil der Todesopfer, wie man in diesem Fall getrost sagen darf. Außerdem hatte der Magier sämtliche Türen und Fenster, also auch die hinteren, verrammeln lassen, damit weder der Löwe oder ein anderes Tier entkommen noch ein Schwarzseher ein-steigen könne. Tatsächlich behauptet ein altehrwürdiges schottisches Blatt*, unter den angekohlten Leichen im Bühnentrakt habe sich neben einem Pferd auch der Löwe befunden.

In der Fachliteratur wird versichert, Lafayette sei der erste Magier gewesen, der einen echten Löwen in seine Darbietung einzubauen wagte. Dieses Raubtier war bei der „Löwenbraut“-Nummer als erstes zu sehen. Es löwte in einem Käfig herum, brüllte zuweilen furchterregend und macht alle Welt zittern – auch die schöne Zwei- und Langbeinige, die schließlich zu ihm gesperrt wird. Prompt reckt sich das Biest und droht sich auf das Weib zu werfen. Da aber wird offensichtlich, daß der Unhold der Magier ist, der sein Kleid als türkischer Pascha inzwischen mit einem Löwenkostüm und seine Stelle mit dem eingesperrten Löwen vertauscht hat. Das war Lafayettes Glanznummer – gewesen.

* The Scotsman, 8. September 2005

Rudolf Wilke (1873–1908), Sohn eines Braunschweiger Zimmermanns, erfolgreicher Münchener satirischer Zeichner. Eine Skizze aus dem Nachlaß heißt Hochnäsige alte Damen. Die Arroganz der beiden geht aus ihren mit wenigen Federstrichen aufs Papier geworfenen aufgeta-kelten Gestalten hervor; die zurückgelegten Gesichter sind bestenfalls angedeutet. Dem Künstler selber stieg der Erfolg nie zu Kopf, obwohl er, wie sein Vater, „nur“ Zimmermann gewesen war, ehe er sich aufs Zeichnen außerhalb von Reißbrettern verlegte. Er besuchte Kunstschulen in seiner Heimatstadt Braunschweig sowie in München und Paris. Seine größte Bewunderung gilt Rembrandt. 1895 läßt er sich fest in München nieder. Durch Teilnahme an einem Wettbewerb findet er 1896 zunächst Eingang in die neugegründete Zeitschrift Die Jugend, bald darauf in den ebenfalls jungen Simplicissi-mus. Ab 1906 ist er Mitinhaber dieses einflußreichen Satireblatts. Engere Freundschaften pflegt er mit seinen Kollegen Eduard Thöny, Ludwig Thoma (ab 1900 Chefredakteur), Thomas Theodor Heine, Ferdinand von Rezniček. Häufige Reisen führen ihn vor allem in den Mittelmeerraum, der seinem Naturell entgegenkommt. Der Berliner Kunstkritiker Karl Scheffler bescheinigte dem zumeist schwarzbärtigem Hünen (über 1,90) „etwas ungemein liebenswürdig Schlendriges“. Wilke liebte Landstreicher, pausierende Proleten, fahrendes Volk – kurz, den Müßiggang. In seiner Studienzeit hatte er häufiger Billard gespielt als studiert. Aber er zeichnete oft die ganze Nacht durch. Gleichwohl war er ein tüchtiger Läufer (Mitgründer der Eintracht Braunschweig), Radler und Wanderer. Und er bringt es in München, nach einigen Durststrecken, durch seine überwiegend umwerfenden und deshalb begehrten Arbeiten zu einer Villa mit Auto, Motorrad, Sommerhaus, eigener Familie und Dienstboten.

Wilke zeichnet gewöhnlich aus schwungvoller, sich dehnender Linie heraus und sagt das Wesentliche, wie alle Könner, durch Weglassen. Das droht dem Künstler im Frühjahr 1906 allerdings selber, als er beim Skifahren in den Alpen über eine Gletscherspalte stürzt und unglücklich auf den Hinterkopf fällt. Er zieht sich eine Hirnverletzung und dadurch eine „traumatische Diabetis“ zu, für die, zur damaligen Zeit, kaum Heilungsaussichten bestehen. Zwar hält er zumeist die verordneten strengen Kuren und Diäten ein, aber im Oktober 1908 gesellt sich noch eine Lungen-entzündung zu seine Schwäche, weil der 35jährige kranke Künstler in seiner eigenhändig gesteuerten „Benzin-droschke“ mit Klappverdeck unbedingt nach Emden reisen muß, Schiffe zeichnen. Die Braunschweiger Verwandt-schaft verfrachtet ihn in eine Privatklinik, wo er am 4. November stirbt.

Seiner Frau Amalie („Mally“) zufolge, die aus einer Braunschweiger Künstlerfamilie stammte, lauteten die letzten Worte ihres Gatten: „Das ist zu dumm.“ Sie würden Wilke ähnlich sehen, war er doch auch als Zeichner nie Ankläger gewesen, wie Peter Lufft betont.* Der Braun-schweiger Kunsthistoriker, Maler und Galerist überliefert zudem eine Szene aus dem Krankenzimmer, die Wilke ohne Zweifel sofort gezeichnet hätte, falls er nicht gerade sein Leben ausgehaucht hätte. „Der Krankenpfleger, der ihn bis zuletzt umsorgt hat, wendet sich ab. Er kehrt sich gegen die Zimmerecke, reißt sich seine bunte Krawatte vom Hals und vertauscht sie schnell mit einem schwarzen, biederen Binder. Dann geht er auf die Witwe zu und spricht ihr murmelnd mit sordinierter Stimme sein Beileid aus.“

* Der Zeichner Rudolf Wilke / Leben und Werk, Braunschweig 1987

Wer Männer davor warnen möchte, ihre Augen vor allem auf knusprige Knaben zu werfen, sollte unbedingt vom schlechten Beispiel des Bielefelder Tuchfabrikantensohnes Friedrich Wilhelm Murnau (1888–1931) sprechen. Immerhin wurde der schwule Provinzler (in Berlin) Schauspieler und bald ein berühmter Stummfilmregisseur, wobei er bereits mit seinen ersten Arbeiten aufhorchen ließ, etwa Nosferatu (1922) und Der letzte Mann (1924). Ab 1926 wirkte Murnau in Hollywood, USA, und von dort aus auch auf der Pazifikinsel Tahiti, wo er den Film Tabu drehte, dessen Premiere für den 18. März 1931 angesetzt war. Diese erlebte Murnau aber nicht mehr. Und wer war schuld? Wenn nicht Murnau selber, dann sein angeblich erst 14 Jahre alter „Butler“, wie sich einige Quellen verschämt ausdrücken. Butler Garcia Stevenson, mal als Polynesier, mal als Filipino, auf der Webseite der Bielefelder Murnau-Gesellschaft sogar als Luft ausgegeben, begleitete den Filmkünstler am 11. März auf der Küstenstraße von Los Angeles aus zu einer Besprechung in Monterey. Trauen wir dem Spiegel am meisten*, ließ Murnau seinen (Liebes-)Diener in der Nähe von Santa Barbara „erstmals“ ans Steuer seiner Limousine, bei der es sich für die englischsprachige Wikipedia naturgemäß um einen Rolls Royce handelte, wenn auch nur um einen „gemieteten“. Prompt stieß der blutjunge Fahrschüler, möglicherweise von Hause aus eher mit Fischerbooten vertraut, gegen einen Lastwagen oder einen Strommasten und stürzte in jedem Fall, jedenfalls laut Spiegel, eine Böschung hinunter. Bei diesem Unfall soll lediglich Murnau ums Leben gekommen sein. Der 42jährige erlag noch am selben Tag in einem nahen Krankenhaus seinen Verletzungen und wurde bald darauf in Berlin-Stahnsdorf begraben. Das Schicksal seines „Schützlings“ aus der Südsee ist keiner Quelle auch nur ein Komma wert.

* Simon Broll, „Verfluchtes Genie“, 20. Dezember 2013
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