Montag, 24. September 2018
Gemälde
Geschrieben um 2012


Ein Artikel in der FAZ verrät uns nicht nur die 10 Gemäl-de, die 2003 auf internationalen Auktionen die höchsten Preise erzielten, sondern auch die Abmessungen dieser Gemälde. Demnach würden sie, zusammen genommen, 19,36 Quadratmeter abdecken. Das gäbe einen schönen neuen Bodenbelag für unser Zimmer. Wir könnten – von Cézanne bis Rothko – über knapp 180 Millionen Dollar wandeln.

Um den Scherz nicht ganz beiseite zu schieben: das Geheimnis von Gemälden schlummert durchaus in diesem engen Rechteck oder Quadrat. Ihr größter Reiz liegt näm-lich in ihrer Überschaubarkeit. Das unterscheidet sie sowohl von der Realität wie von einem Roman. Das Stoffliche und Farbige an den Gemälden könnte niemals ihre große weltweite Beliebtheit erklären. Die ungemalte Welt ist ja wahrhaftig stofflich und bunt genug. Nur übersichtlich ist sie eben nicht.

Dabei springt uns das furchterregende Chaos in der Regel schon aus unserem Alltag und unserem Gemütshaushalt an. Das Bild schafft Ordnung, Klarheit, Frieden in einem. Es hängt auch dann wie ein paradiesisches Südseeatoll an unsrer Wand, wenn es lauter leere Flaschen oder wütende Pinselhiebe zeigt, die der Künstler bestens aufzuräumen verstand. Hängt es gar noch in einem Rahmen, kann ihm nichts mehr etwas anhaben. In der Künstlerszene selber herrscht allerdings eher ein Hauen & Stechen. Die Konkurrenz nimmt schneller zu als Pollock oder Baselitz ihre Bilder oder der Brite Damien Hirst und die 180 Angestellten seiner Kunstmanufaktur ihre eingängigen „Exponate“ verfertigen. Ein in Formaldehyd eingelegter Tigerhai brachte Hirst 2005 rund acht Millionen Dollar ein. „Jetzt adelt kein geringeres Haus als das New Yorker Metropolitan Museum den Hai als Leihgabe“, schrieb später die FAZ. Das erinnert an Maximilian Zanders Bemerkung, früher habe als Künstler gegolten, wer ein Kunstwerk hervorgebracht habe; jetzt gelte als Kunstwerk, was ein Künstler hervorbrachte. Jakobs Segen von Rembrandt hatte noch das Schloß Wilhelmshöhe in Kassel geadelt, wo es hängt. Jeder möchte Malerfürst sein, doch der Platz unter den Sonnenblumen von Van Gogh ist begrenzt. Wer auf dem Kunstmarkt „durchbricht“, ist ja vorwiegend nicht von der Überzeugungskraft seiner Malerei, vielmehr von den Launen und Zufällen des Marktes getragen worden. Entscheidend sind tausend Unwägbarkeiten.

Um bei diesem Gezerre nicht krank oder saudumm zu werden, zog sich meine Berliner Freundin U. schon vor Jahren aus freien Stücken ins Schattendasein zurück. Neulich schrieb sie in einem ihrer Briefe, wahrscheinlich könne ein Künstler heuzutage nur noch „Erfolg“ haben unter Preisgabe seines Talents. Das ist richtig, verleitet jedoch zu dem gefährlichen Umkehrschluß, der Erfolglose oder Gescheiterte müsse stets Talent haben. Eine wunderbare Ausrede für alle Windbeutel und Dünnhäuter! So einer war übrigens ein enger Freund von Musils Mann ohne Eigenschaften. Walter hatte sich aller Schöpfung enthalten, um nicht von der Dekadenz des Marktes und dem Speichel der KunstkritikerInnen befleckt zu werden. Tatsächlich hatte er nie ein abgeschlossenes Werk zustande gebracht, mit dem er sich den rauhen Marktwinden und dem Rudel aus Schmeichlern und Anspuckern überhaupt erst einmal hätte stellen können. Von daher glaube ich also, ein gewisses Mittun sei unerläßlich. Talent reift in Wechselbädern.

Man darf nur nicht den rechten Zeitpunkt zum Ausstieg verpassen, sonst wird man Opfer des Sumpfes. Oder der Diebe. Der Grafiker und Maler Heinz Weisbrich gab im Unterricht gern die Geschichte eines Einbruchs zum Besten. Er zählte zu U.s Lehrern. Ein Professoren-Kollege von ihm besaß eine kleine Villa, in der etliche kostbare Gemälde hingen, darunter ein kaum hackbrettgroßer Vlaminck mit einem Vorstadthaus zwischen flammenden Bäumen. Voller Entsetzen habe der Kollege eines morgens die hellen Flecken an seinen Salonwänden gemustert. Dann fiel sein Blick auf das einzige Gemälde, das die Diebe verschmäht hatten. Es war sein einziger Weisbrich.
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