Sonntag, 23. September 2018
Ein Pechvogel in einer Feldscheune
Geschrieben 2016


Ohnehin des Lebens seit langem überdrüssig, entschließt sich der Held der Geschichte aus Anlaß einer schmerz-haften kaum heilbaren Krankheit zum Selbstmord. Er macht sich mit verschiedenen Methoden vertraut, verwirft all die, die Unbeteiligte in Mitleidenschaft zögen, und entscheidet sich schließlich fürs Erhängen. Auch dabei möchte er seinen Mitmenschen soweit als möglich Unbill ersparen, weshalb der Speicher des Mietshauses am Kornmarkt, wo er wohnt, nicht als Tatort in Frage kommt. Allerdings scheint ihm auch seine kleine, niedrige Wohnung, aus technischen Gründen, ungeeignet zu sein. Da fällt ihm eine Feldscheune ein, die er vom Radfahren her kennt. Sie liegt nur wenige Kilometer von der Kleinstadt entfernt an einem zerfurchten Fahrweg, der von der Landstraße abgeht. Es ist Sommer, und er fährt gleich hin, um sie auf seine Absicht hin in Augenschein zu nehmen.

Zwar ist das Scheunentor mit Kette und Vorhängeschloß versperrt, doch er findet eine alte Leiter und kann, nachdem er sich unbeobachtet glaubt, mit ihrer Hilfe durch eine Giebelluke einsteigen. Im Erdgeschoß stehen ein paar landwirtschaftliche Maschinen, wie er im Dämmerlicht von oben sieht. Auf dem Boden dagegen liegen nur noch fleckenweise ein paar verstaubte Heufuder. Ausreichend hoch angebrachte Querbalken, über die man ein Seil werfen könnte, bietet der Dachstuhl zur Genüge. Jetzt muß Z. nur noch irgendeinen nicht zu schweren, ungefähr barhockerhohen Gegenstand finden, der ihm in dem geplanten Ernstfall als Plattform dienen könnte, die sich zuletzt mit den Füßen leicht umstoßen ließe. Er hat nämlich gelesen, empfehlenswert sei ein rascher Genickbruch, damit man nicht etwa qualvoll ersticke. In einem Winkel des Erdgeschosses der Scheune hat er Glück: Er stößt auf eine schlanke, wohl dunkelblau gefärbte Plastiktonne mit Schraubdeckel, die wahrschein-lich einmal Kunstdünger enthielt. Ich werde sie ohne Schwierigkeiten nach oben hieven können, sagt sich Z., wenn ich das Seil auch zu diesem Zwecke über einen Querbalken oder eine schräge Strebe führe – Methode Flaschenzug. Damit klettert er auf der Sprossenleiter auf den Boden zurück, um die Feldscheune einstweilen wieder zu verlassen.

Schon anderntags, Schlinge um den Hals, dabei den Zugknoten ordnungsgemäß unter dem linken Ohr, steht beziehungsweise wankt Z. auf der dunkelblauen Tonne. Bei der Angst, die ihn jäh ergriffen hat und schüttelt, kommt es schon einer akrobatischen Leistung gleich, daß die Tonne nicht umfällt, bevor er sich zum offiziellen Abstoßbefehl durchgerungen hat. Z. zittert, Z. schwitzt, und plötzlich spitzt er auch noch die Ohren, die jeden Augenblick unter dem Genickbruch, den Z. sich erwünscht, zu erschlaffen drohen. Er vernimmt Gesprächsfetzen von dem staubigen Fahrweg her. Offenbar nähern sich der Feldscheune mehrere Menschen, die sich unterhalten – mindestens zwei, es sei denn, es handelt sich um nur einen Fußgänger oder Radfahrer, der gerade bei eingeschaltetem Lautsprecher telefoniert. Z. lockert den sogenannten Henkersknoten der Schlinge, entledigt sich ihrer und hüpft von der Tonne, um durch einen Spalt der Dachlukentür nach draußen zu spähen. Bis dahin hätte ein Beobachter kaum einschätzen können, ob Z. der Störung wegen eher verärgert oder aber erleichtert sei. Nun, da Z. drei junge Männer auf sein Versteck zuschlendern sieht, die den Staub des Fahrweges mit gut polierten Springerstiefeln aufwirbeln, hat ihn erneut die Angst am Wickel. Ob sie ihn beobachtet haben? Er kennt die Burschen sogar vom Sehen aus seinem Städtchen her. Für eine Flucht ist es schon zu spät. Immerhin kann sich Z. glücklich preisen, daß er die gefundene Leiter einzog, nachdem er vor 20 Minuten durch die Dachluke auf den Scheunenboden geschlüpft war. So bleibt ihm einstweilen nur abzuwarten. Vielleicht interessiert die Burschen ja die Scheune gar nicht und sie folgen dem Fahrweg weiter ins Feld.

Sie lassen sich bei der Scheune auf einem Steinhaufen nieder, um zu rasten. Sie trinken Bier, prahlen, verfluchen die Langweile. Sie haben die Idee, die Scheune, die ohnehin einem ihnen nicht genehmem Landwirt gehört, „abzufackeln“. Sie verzichten darauf, das verschlossene Tor mühsam mit dicken Steinen einzuschlagen, weil sich die Scheune mit Hilfe einiger Stöckchen und einer Zeitung, die sie dabei haben, auch von außen gut anstecken läßt. Als die ersten Flammen bereits die Dachrinne belecken, schlagen sich die Burschen in ein Maisfeld.

Z. saß natürlich wie auf glühenden Kohlen. Jetzt hat er Glück: die Dachluke im Giebel ist noch nicht vom Feuer erfaßt; somit kann er die Leiter hinablassen und ebenfalls flüchten, wenn auch in einer anderen Richtung als die Brandstifter. Er duckt sich durch ein Gerstenfeld, das ihn zu einem Wald führt. Durch diesen gelangt er, auf Umwegen, wieder in die Stadt.

Dummerweise ist er bei dieser Flucht beobachtet worden, wie sich anderntags zeigt, als die Kriminalpolizei an seiner Wohnungstür schellt. Sie hat einen dringenden Tatverdacht – Z. habe die Feldscheune angesteckt.

Aus dieser Schlinge dürfte er seinen Hals nicht so schnell ziehen.
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