Sonntag, 23. September 2018
Norbert Poehlke
(1951–85), Polizist und mutmaßlicher Serienmörder. Buchautor Fred Breinersdorfer zufolge* war der dunkelhaarige, vollbärtige Schwabe, der sich trotz (oder wegen) eines Lottogewinnes von 36.000 DM stark verschuldet hatte, von massiger, etwas gedrungener Gestalt. Aufgrund einer frühen Erkrankung hinkte er leicht. Breinersdorfer zeichnet ihn als durchaus freundlichen, wenn auch ziemlich verschlossenen Mann, der nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen war. Der Autor, ursprünglich Rechtsanwalt, betont jedoch, über Poehlkes Persönlichkeit lägen nur spärliche Zeugnisse vor, sodaß er, Breinersdorfer, diesbezüglich in seinem „dokumenta-rischen Kriminalroman“ notgedrungen zu Einfühlungs-vermögen und Fiktion gegriffen habe. Ansonsten sei er freilich streng den Tatsachen gefolgt. Danach verübte der Polizeiobermeister einer Stuttgarter Hundestaffel mit Anfang 30 in rund zwei Jahren zunächst wahrscheinlich drei Raubmorde und vier Banküberfälle, dies durchweg im Raum Backnang, wo er mit Frau und zwei Kindern im Dorf Strümpfelbach ein eigenes Haus bewohnte. Die Morde beging er, um sich für die Banküberfälle Tat- und Fluchtfahrzeuge zu verschaffen – falls dies tatsächlich der alleinige oder jedenfalls wesentliche Grund für diesen brutalen Weg der Beschaffung gewesen sein sollte. Bei Breinersdorfer wundert sich Poehlkes Frau im Gespräch mit ihrem Mann zurecht darüber, daß „dieser Typ“ kaltblütig mordet, nur um an ein Auto zu kommen. Das ließe sich doch durch Diebstahl viel einfacher und gefahrloser bewerkstelligen. Dazu sagt ihr Mann nichts – bei Breinersdorfer (S. 100).

Zeugin Inge Poehlke konnte nicht mehr befragt werden. Zwar war Poehlke nach den Überfällen jeweils unerkannt entkommen, doch dann schloß sich das Netz um den fieberhaft gesuchten Gewaltverbrecher (der sich ebenfalls einige „Fehler“ leistete) trotz etlicher „Pannen“ der ErmittlerInnen enger, und zudem schöpfte jetzt auch seine Frau ernsthaften Verdacht. Darauf erschoß Poehlke auch diese sowie seinen älteren Sohn Adrian, während er mit dem jüngeren Sohn Gabriel in seinem privaten weißen Mercedes-Kombi gen Mittelmeer flüchtete. Beide Kinder dürften im Vorschulalter gewesen sein. Mitte Oktober 1985 in Süditalien eingetroffen, war dem 34jährigen, noch unentdecktem Schwaben offenbar ausweglos genug zumute, um am Strand der Adria auch seinen Jüngsten und dann sich selbst zu erschießen. Nach einem Jubiläumsartikel der Stuttgarter Zeitung (20. Oktober 2015, wegen Oberflächlichkeit nicht empfehlenswert) hatte Poehlke einmal als Kind in dieser Gegend, bei Brindisi, Ferien gemacht. Nun hatte er, vor dem letzten Schuß, sehr wahrscheinlich sechs Tote auf dem Gewissen: drei Fremde und drei Angehörige. Dabei hätten zumindest die drei letzten, innerfamiliären Morde möglicherweise vermieden werden können, wenn sich die Kollegen Poehlkes, voran seine Vorgesetzten, weniger Ermittlungsfehler geleistet hätten, wie jedenfalls Breinersdorfer meint (160). Übrigens gestattet sich der Autor (auf S. 46) einen hilfreichen Exkurs zur hohen Fragwürdigkeit von Zeugenaussagen, wobei er keineswegs hauptsächlich die Befangenheit von Angehörigen oder NutznießerInnen im Auge hat.

Eigentlich hatte Poehlke auch noch eine kleine Tochter gehabt. Die dreijährige Cordula war im März 1984 qualvoll an einem Gehirntumor gestorben. Breinersdorfer legt die Einschätzung nahe, dieser schwere Schlag habe den Polizisten mit in die Verzweiflung und ins Verbrechen getrieben. Seinen ersten Überfall beging er Anfang Mai. Bei Breinersdorfer stellte er seiner Frau einmal die bekannte Frage, warum der Schicksalsschlag gerade sie erwischt habe, das Ehepaar Poehlke. Die Frage ist nicht nur müßig, vielmehr dumm und selbstsüchtig. Hätten sich „das Schicksal“ oder der Zufall lieber an einen Nachbarn halten sollen? Vielleicht sollten Personen, deren Gehirn von solchen gefährlichen Gemeinplätzen durchsetzt ist, wenigstens nicht Polizist werden – beziehungsweise Buchautor (79).

Leider ist man, mangels Einblicke, auch verleitet, die Poehlkes als das „typische“, zumal schwäbische, öde Ehepaar zu nehmen. Als Poehlke seine Frau umbrachte, war sie übrigens erneut schwanger gewesen, was ihn (vermutlich) eigentlich erfreut hatte. Andererseits muß man nach Breinersdorfers Darstellung annehmen, Poehlke habe Inge, die Ex-Kollegin und „Schlampe“, die möglicherweise nach Heftromanen süchtig ist, auch gehaßt. Das Eheglück oder -leid bleibt bei Breinersdorfer, vielleicht „naturgemäß“, weitgehend undurchsichtig. Neben Gefühlen klammert der Autor auch Sex oder Erotik völlig aus. Dafür nennt er sein Buch „natürlich“ nach dem griffigen Schreckgespenst, das 1984/85 bundesweit durch die Medien zog: „der Hammermörder“ ging um. In Wahrheit hatte Poehlke seine (mutmaßlichen) Opfer erschossen. Den Vorschlaghammer hatte er „nur“ benutzt, um in den Kassenräumen die Panzerglasscheiben zu zertrümmern.

* Der Hammermörder. Ein dokumentarischer Kriminalroman, Stuttgart 1986, hier München 2000
°
°