Sonntag, 23. September 2018
Irren ist menschlich
Hier ein kurzer Reigen aus Opfern ärztlicher „Kunstfehler“ beziehungsweise der modernen Gesundheitsindustrie, verfaßt 2015/16.

Arthur Ashe (1943–93), schwarzes US-Tennis-As, unter anderem Sieger im Einzel von Wimbledon 1975. Nach seinem Rücktritt (1980) machte sich bei Ashe verstärkt eine offenbar ererbte Herzschwäche bemerkbar, die ihn, verstopfter Arterien wegen, zu zwei Bypass-Operationen bewogen. Diese waren eigentlich erfolgreich, doch als erneut Schmerzen auftraten, stellte man (1988) fest, er sei mit Aids angesteckt. Seine ihn nun behandelnden Ärzte glaubten, er habe sich diese gefährliche Immunschwäche durch eine Bluttransfusion im Rahmen jener Operationen zugezogen. Beweisbar ist das kaum. Jedenfalls schärfte der seit 1977 mit einer Fotografin verheiratete Ex-Tennis-champion seinen vielen Fans in seinem letzten Lebens-jahr* ein, man könne sich Aids auch holen, ohne schwul oder drogenabhängig zu sein. Er rief eine dem Kampf gegen Aids gewidmete Stiftung ins Leben und arbeitete an seinen Memoiren, die er angeblich erst wenige Tage vor seinem Tod vollendete. Ashe starb Anfang 1993 mit 49 Jahren an einer Aids-bedingten Lungenentzündung in einem Krankenhaus von New York City.

Nun hat nicht jeder soviel Asche wie Ashe. Ein armer, jedoch der Lohnarbeit überdrüssiger Mensch, der sich einmal so richtig „nachhaltig“ krankschreiben oder bestatten lassen möchte, mietet sich am besten für zwei, drei Tage in einer mit allen Raffinessen, millionen Keimen und 13 Angestellten ausgestatteten Klinik ein, das ist ja eigentlich bekannt. Für Geschädigte der finstersten Diktatur, die wir auf deutschem Boden je hatten, empföhle sich vielleicht die Carl-von-Basedow-Klinikum Saalekreis GmbH, die modernste, wenn auch nicht erst gestern entstandene Häuser in Merseburg und Querfurt betreibt? Der Merseburger Hausarzt und „Königliche Kreisphysikus und Sanitätsrath“ Carl von Basedow (1799–1854), der sich bereits bei der Bekämpfung heimischer Choleraepi-demien verdient gemacht hatte, wurde nicht viel älter als Ashe. Der nach ihm benannten GmbH zufolge** hatte er sich im April 1854 bei der Leichenöffnung eines wahrscheinlich an Typhus oder Fleckfieber verstorbenen Landbewohners infiziert. Drei Tage darauf sei der emsige Arzt verschieden. „Auch die Leichenfrau und der Knecht, der den Sarg in die Stadt gefahren hatte, starben. Nur der Gerichtsschreiber, der den Vorgang notiert hatte, blieb verschont.“ Diese beiden Nachsätze verdanken wir der noch nicht restlos überwundenen DDR-Tradition, jede Wette.

Ich erinnere nur nebenbei an den jungen Mediziner und Schriftsteller Georg Büchner (1813–37), der dem Typhus mit 23 in Zürich erlag – weil er sich, wie meistens ange-nommen wird, bei seiner Arbeit mit selbstangefertigten Pflanzen- und Tier-Präparaten angesteckt hatte.

Ähnlich erging es drei Jahrzehnte darauf dem britischen Chirurgen Joseph Toynbee (1815–66), der als Pionier der Otologie: der wissenschaftlich fundierten Ohrenkunde gilt. So entwickelte er den noch heute üblichen Ohrtrichter als Untersuchungsinstrument des Arztes und erfand plättchenförmige, mittels Draht in den Gehörgang eingeführte Prothesen für Patienten mit verletztem Trommelfell, durch die sich das Hörvermögen wieder besserte. An Leichen soll er ungefähr 2.000 Ohren untersucht haben. Seinen 1864 erklommenen Lehrstuhl für Ohrenkrankheiten am Londoner St Mary’s Hospital konnte er nicht mehr lange genießen, weil er zwei Jahre darauf, 50 Jahre alt und stolzer Vater von neun Kindern, in seinem häuslichen Sprechzimmer einen Selbstversuch durchführte, um ein mögliches Heilmittel gegen den Tinnitus: das bohrende Ohrensausen zu erproben. Dieser Versuch ging schief. Laut Lübbers/Lübbers*** hatte Toynbee mit Hilfe des Itardschen Tubenkatheters versehentlich Blausäure statt Chloroform in sein Mittelohr eingeführt – weshalb er von seinem Butler nur noch tot angetroffen worden sei.

Dagegen soll der 36jährige Hamburger Chirurg und Abteilungsleiter am Krankenhaus St. Georg Erich Martini (1843–80) das gleiche Schicksal wie Sanitätsrat Von Basedow erlitten haben: Blutvergiftung („Sepsis“) durch Verletzung bei einer von ihm vorgenommenen Obduktion.

Der mit 18 zum Militär einberufene österreichische Maler Emil Krausz (1897–1930) überstand den Ersten Weltkrieg unversehrt, obwohl er zuletzt, als Leutnant eines Schützenregiments, an der Front eingesetzt war. Er kehrte zunächst nach Graz zurück, ließ sich dann jedoch mit seiner frischangetrauten Frau Elisabeth für mehrere Jahre (bei Palermo) auf Sizilien nieder. Der Ortswechsel geht aus vielen licht- und farbkräftigen Gemälden Krausz' hervor. 1929 zieht das Paar nach Paris. Krausz hat inzwischen etliche Auszeichnungen eingeheimst, doch nun schlagen, statt des Krieges, die Keime zu, wenn Lummers Darstel-lung zu trauen ist.**** Im Mai 1930 war der Maler von einer leichten Angina und einer Zahnentzündung befallen worden. Er litt an Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Nun sei er mit einem damals noch unerprobten Schlafmittel behandelt worden, Somnothyril. Die Einnahme dieses Medikamentes habe ihm starke Magenschmerzen und derart hohes Fieber eingebracht, daß ihn der Notarzt ins Krankenhaus eingewiesen habe. Dort sei er, bewußtlos, nach wenigen Stunden gestorben. „Die Obduktion ergab eine 'Zerreißung der Blutgefässe aus unbekannter Ursache'. Die nie geklärte Todesursache gab Anlass für öffentliche Spekulationen, auch einige Zeitungen in Paris beteiligten sich daran.“ Krausz' Gefährtin Elisabeth wurde offenbar steinalt: sie starb erst 1990 in London.

Neben einem nach ihm benannten Film- und Fernsehpreis der DDR hat der kommunistische Schauspieler Heinrich Greif (1907–46) die makabere Ehre, wahrscheinlich das erste von nicht wenigen Todesopfern der fortschreitenden Altersdemenz des berühmten Professors Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) gewesen zu sein. Obwohl diese chirurgische Kapazität im Faschismus eine zumindest zweifelhafte Rolle gespielt hatte, nahm die junge SBZ/DDR seine Bereitschaft, sowohl an der Ostberliner Humboldt-Universität wie an der dortigen Charité zu wirken, gerne an, begriff sie Sauerbruch doch als glänzendes Aushängeschild für den real existierenden Sozialismus. Aus dem selben Grund fiel man ihm auch, entgegen dem Wissen der teils entsetzten Eingeweihten, erst Ende 1949 in den Arm: da wurde er zwangspensioniert. Als der Buchautor Jürgen Thorwald die Latte der Sauer-bruchschen „Kunstfehler“ und das Scheunentor ihrer Deckung „von oben“ um 1960 enthüllte, gab es die zu erwartenden Aufschreie und gerichtlichen Auseinander-setzungen. Es wäre nebenbei interessant zu wissen, ob sich Thorwalds Enthüllungen bis in die 1974 in Ostberlin erschienene Biografie Heinrich Greif, Künstler und Kommunist von Curt Trepte und Renate Waack niederschlugen. Was Greif betrifft, konnte jedenfalls der Spiegel 1960 und offenbar bis heute***** ungestraft feststellen, Mitte Juli 1946 habe sich der 39 Jahre alte Schauspieler in der Charité eingefunden, um sich von Sauerbruch an seinem Leistenbruch operieren zu lassen. Im Ergebnis lag Greif im Sarg. Er hatte eine tödliche Nachblutung erlitten, so das Wochenblatt, weil der seinerseits (geistes-)kranke Sauerbruch beim Operieren Greifs Hauptschlagader (am Bein) verletzt hatte.

Der Pfälzer Maler und Grafiker Werner Holz (1948–91), ursprünglich Buchdrucker, hatte sich im Zuge eines Kunststudiums auf Arbeiten des „phantastischen Realismus“ verlegt, spielte also eine Außenseiterrolle, fand aber gleichwohl zumindest regional, im Raum Bad Dürk-heim, einige Anerkennung. Doch von der vermutlichen Höhe seines Schaffens riß ihn im Alter von 42 Jahren eine Nierenstein-Operation in einem Ludwigshafener Krankenhaus, die nach Auskunft seiner Familie eigentlich als „Routine“ galt. Nach einigen Tagen stellten sich Schmerzen in Fuß und Bein sowie Fieber ein. Ein kleiner schwarzer Fleck am Zeh wurde Holz' Diabetis angelastet, weshalb man ihn entließ. Es folgten weitere Fehldiagnosen (Grippe!), bis Verwandte Holz bewußtlos auf dem Fußboden seines Ateliers fanden. Im Krankenhaus wurde ihm eine „Totalsepsis“ bescheinigt; und jener Fleck habe sich als „beginnende Nekrose durch Aterienverschluss“ herausgestellt, sagen die Hinterbliebenen. Nach zwei Wochen im Koma war Holz tot. Neben zahlreichen Werken, darunter auch Wandgemälde und Weinetiketten, hinterließ der Künstler drei Söhne aus erster Ehe. Eine von der Familie bei Gericht eingereichte Klage sei abgewiesen worden, weil dem verantwortlichen Assistenzarzt kein Fehler nachgewiesen werden könne, wie es im Bescheid geheißen habe.

Im Fall des argentinischen Tangosängers Luis Cardei (1944–2000), der in seinem Quartier von Buenos Aires erst spät „entdeckt“ worden war und dann mehrere Platten aufnahm, könnte man sagen, durch seine letzte Bluttransfusion sei er vom Regen in die Traufe gekommen. Cardei hatte früh an Kinderlähmung, vor allem aber zeitlebens unter einer ererbten Bluterkrankheit zu leiden – beides machte ihn sehr an- und hinfällig, ja streckenweise zum Lahmen. Während sein Gegenmittel die Musik war, setzten die Mediziner jene, bereits zur „Routine“ gewordenen Bluttransfusionen ein.****** Eben dabei soll sich der Musiker mit 55 eine Hepatitis eingefangen haben, an der er starb.

1991 war der beachtliche Stapel seiner veröffentlichten Bücher mit dem Titel Der Kollaps der Modernisierung gegründet worden. Vielleicht hätte er sein letztes Werk, Geld ohne Wert, noch einmal überarbeitet und dadurch genießbar gemacht, wäre dem „wertkritischen“ marxistischen Autor Robert Kurz (1943–2012) im Sommer 2012 nicht gleichfalls das Unheil des Genossen Greif, ein sogenannter ärztlicher „Kunstfehler“ also begegnet – wie jedenfalls Kurzens Witwe Roswitha Scholz und Otto Köhler glauben, beide ebenfalls linke Publizisten. Köhler führt in einer im Mai 2013 gehaltenen Gedenk-rede******* aus, man habe den 68jährigen in einer Nürnberger Klinik wegen Tumorverdachts an der Niere operiert, jedoch keinen Tumor gefunden. Dafür habe der operierende Arzt Kurz' Bauchspeicheldrüse verletzt, und daraus seien qualvolle Entzündungen und sechs weitere Operationen entstanden, an denen Kurz schließlich zugrunde gegangen sei.

* New York Times 9. April 1992
** Bettina Lebek für Klinikum Saalekreis, o.J.. Die Taufe des Merseburger Kreiskrankenhauses auf den Namen Basedows fand übrigens am 10. Oktober 1957 statt.
*** HNO-Nachrichten 43/2013, S. 57
**** Elke Lummer, Köln 2005
***** Nr. 47/1960
****** Ricardo García Blaya auf todotango
******* abgedruckt in Ossietzky 11/2013

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