Sonntag, 23. September 2018
Floß für zwei
Geschrieben um 2012


Ich kehrte bei prächtigem Sommerwetter von einem mißglückten Liebesabenteuer auf dem Lande zurück. W. war seiner Schuldgefühle seiner Angetrauten gegenüber nicht Herr geworden. So trennten wir uns nach einer wenig erholsamen Nacht. Ich hatte mir beim Frühstück eine Landstraße längs des Flusses ausgeguckt, die ich lange nicht mehr befahren hatte. Nachdem ich W. am Bahnhof der nächsten Kleinstadt abgesetzt hatte, folgte ich der Straße mit zunehmender Betörung. Vermutlich verdankte ich diese Betörung nicht nur der im Sonnenlicht fun-kelnden Auenlandschaft. Im Grunde war ich erleichtert, mit W. einen Hasenfuß losgeworden zu sein. Er mochte schlank und wohlgeraten sein wie eine Zypresse – er war mir zu willensschwach.

Nach einer guten Stunde verleitete mich eine niedliche Friedhofskapelle am Rande des Dorfes Goosweiler, meinen Wagen im Schatten der hohen Linden abzustellen, die das Friedhofstor flankierten. Ich mußte ohnehin einmal aus-treten und wollte mir aus diesem Anlaß etwas Bewegung verschaffen. Leider war die Kapelle verschlossen; sie schien auch nicht über eine Toilette zu verfügen. Da ich offenbar die einzige Besucherin des Friedhofs war, schlenderte ich weiter, um mich im rückwärtigen Bereich in die Büsche zu hocken. Das tat ich auch. Allerdings hätte ich um ein Haar feuchte Socken bekommen, weil ich plötzlich zu Tode erschrocken zusammenfuhr. In meinem Rücken, wo der Friedhof von einer dichten Hainbuchen-hecke abgeschlossen wurde, waren aufgeregte, wohl tierische Schreie ausgebrochen, die nach einer verrosteten Trompete klangen. Vielleicht stand ein Esel hinter mir. Sehen konnte ich nichts. Ich beeilte mich, fertig zu werden und wieder aus der Hocke zu kommen. Dann sah ich, daß die Hecke nicht weit von mir durch ein schmales Hintertor aus Staketenlatten unterbrochen wurde. Neben ihm stand sogar eine Abfallkiste. Ich ging hin, warf mein Papier-taschentuch hinein und klinkte das Tor auf, das lediglich auf einen Feldweg ging. Kaum hatte ich ihn betreten, schwollen die rauhen Schreie wieder an. Wie ich sah, wurden sie von vier Gänsen hervorgebracht, die von rechts her flügelschlagend auf mich eindrangen. Allerdings lag ein Drahtzaun zwischen uns. Der Feldweg war nur ein Stichweg, der unweit des Friedhoftors an einem Obstgarten endete, den die Gänse offenbar als ihren geheiligten Gral ansahen. Sie streckten ihre Hälse wie Lanzen vor und mischten ein bedrohliches Zischen in ihre Empörungsschreie.

Während ich in meiner Einfalt beruhigend auf die Tiere einzureden versuchte, löste sich aus dem Schatten eines kleinen, am Flußufer liegenden Hauses ein großer Mensch, der zwei Eimer trug. Das Gänsegehege nahm nur den hinteren Teil des Obstgartens ein. An dem Maschendraht-zaun zum Haus hin stand ein Futtertrog, auf den der Mensch mit den Eimern zuhielt. Offenbar war es ein älterer Mann, war doch sein Haar kaum weniger weiß als das Federkleid seiner Haustiere. Er trug es bis in den Nacken zurückgekämmt. Da der hagere Hüne kurze Hosen anhatte, waren seine braungebrannten Beine zu sehen. Als er sich durch Pfiffe bemerkbar machte, änderten seine Gänse sofort ihre Taktik. Nun stürmten sie flügelschlagend auf den Futtertrog zu. Er kippte Gemüseabfälle hinein. Währenddessen entging ihm nicht, daß ich diese Landidylle neugierig verfolgte. Als beide Eimer geleert waren, schwenkte er sie in meine Richtung und erkundigte sich rufend, ob ich ebenfalls hungrig sei. Seine Stimme klang fest und etwas spöttisch. „Ich habe gerade Kaffeewasser aufgesetzt!“ fügte er hinzu.

Seine Unkompliziertheit gefiel mir. „Kaffee ja!“ rief ich zurück. „Gerne!“ Dann deutete ich auf ein Tor im Drahtzaun: „Kommt man hier durch?“

Er nickte. „Es ist unverschlossen! Aber achten Sie auf Ihre Füße, die Gänse sind nicht ganz stubenrein!“

Das konnte man wohl sagen. Die grünlichen Kotspargel lagen überall, nur hoben sie sich wenig kontrastreich von dem gerupften Grasboden des Obstgartens ab. Das Gänsegeschnatter schwoll wieder an, als ich an ihrem Futtertrog eintraf, wo ebenfalls eine Tür aus dem Gehege führte. Das Schnattern hielt sie freilich nicht davon ab, gleichzeitig die Gemüsefetzen zu verschlingen. Der alte Mann nickte mir freundlich zu und hielt mir die Tür auf.

„Schnell weg hier!“ sagte er mit einem Daumenwink auf seine Viecher und ergriff seine leeren Eimer. „Die kriegt keiner ruhig! Aber dafür sind sie ja da.“

„Wofür?“

„Wache schieben!“ grinste er. „Besser als jeder Hund. Abends bringe ich sie nach vorn in ihren Stall, dann ist mein abgeschiedenes Häuschen vor Unholden sicher. Sie schlagen sofort Alarm, wenn sich jemand nähert ... Sie sind fremd hier?“

Ich bestätigte es und erzählte kurz von meinem Ausflug.

Obwohl er mich um mehr als einen Kopf überragte, ging er ungebeugt. Sein gut geschnittenes, wenn auch von Bartstoppeln übersätes Gesicht wirkte fast quadratisch. Er trug ein loses, helles Hemd mit schmalem Stehbund um den Halsausschnitt. Ließ mich mein Instinkt nicht im Stich, war er kein ungehobelter Bauer. Ich schätzte ihn auf ungefähr 70.

Zwar wirkte sein eingeschossiges Häuschen ziemlich alt und verwinkelt, aber nicht heruntergekommen. Da ich keine Gardinen sah, gab es vermutlich auch keine Frau im Haus. Dafür sprach auch das erwähnte Kaffeewasser. Der Umstand gefiel mir, denn ich hatte plötzlich keine Lust, diesen Mann mit einer anderen zu teilen.

Wir erreichten die Hintertür des Häuschens, die noch aufstand. Er forderte mich auf, das Haus zu umrunden, auf der Veranda Platz zu nehmen oder mich im Vorgarten umzusehen, ganz wie ich es wünschte. Er komme gleich mit dem Kaffee hinaus. Er fügte hinzu:

„Vielleicht ein Stückchen Nußrolle? Ich habe sie selber gebacken!“

Ich nickte lächelnd. Er zwinkerte erfreut mit seinen wasserhellen Augen und verschwand in der Tür.

Dem Sonnenstand zufolge ging die Veranda nach Süden. Sie war überdacht. Einige Gemüse- und Blumenbeete, die sich erfreulich unabgezirkelt gaben, fielen zum Flußufer ab, das einen Bootssteg aufwies. Dieser Zugang über Wasser wurde nicht von Gänsen, vielmehr einer weißen Katze bewacht. Sie saß aufrecht auf den grauen Planken wie aus Kalk gebrannt. Vermutlich hatte sie die Augen mehr oder weniger geschlossen. Eine mächtige, ausladende Pappel stand hart am Haus, sodaß die Beete nicht beschattet wurden und der Blick frei über den Strom und die jenseitigen Hügel schweifen konnte. Welche Labsal im Vergleich zu meinem Balkon, der auf den gegenüber liegenden Balkon ging! Ich wohnte unweit der Oper in einer aus überwiegend sanierten Jugendstil-häusern gebildeten Straßenschlucht. Die Qualität der Luft kann man sich vorstellen.

Da ich in den Uferbüschen inzwischen einen Ruderkahn entdeckt hatte, fragte ich mich, ob ihn mein betagter Gastgeber wohl noch benutze. Doch ich wurde gleich darauf von einem ungleich größeren Wasserfahrzeug abgelenkt, das sich von rechts her flußabwärts schob. Es war ein ungefähr Tennisplatz-großes Floß. Auch das Publikum fehlte nicht, drängten sich doch schätzungsweise 50 bis 70 Leute auf ihm. Sie trugen mir einigen Ausflugs-lärm zu. Krönung dessen war eine Dixiland-Band, die gerade am Schrammeln war. Die Katze auf unserem Bootssteg ließ sich davon nicht beeindrucken. Offenbar wurde das Floß vor allem vorn gesteuert, denn dort standen zwei Leute an langen Ruderstangen, während es hinten nur ein Mann war. Die wie die Gänse schnatternden Fahrgäste saßen hintereinander auf aufgebockten Bohlen wie andernorts die Hühner auf der Stange. Die Band hatte ein Podest am Heck. Über ihnen flatterte die unverzicht-bare, unselige Deutschlandfahne. Auch die Dixilandmusik war bekanntlich der deutschen Scholle entsprossen.

Das Floß hatte bereits die Blickachse der weißen Katze unterwunden, als mein Gastgeber ein Tablett mit Kaffee und Kuchen auf dem gelben Wachstuch seines Veranda-tisches absetzte. Ich deutete über den Fluß:

„Kommen die öfter bei Ihnen vorbei?“

„Naja“, sagte er nachsichtig, während er Kaffee eingoß, „was sollen die Flößer machen? Sie haben nur noch das Ausflugsgeschäft. Im Sommer fahren sie jeden zweiten Tag – ab Olm bis in die Landeshauptstadt. Für die gut 20 Kilometer brauchen sie, je nach Wasserstand, vier oder fünf Stunden. Zum Wohl!“

Er hatte sich inzwischen übereck zu mir gesetzt und trank mir zu. Erfreulicherweise war der Kaffee nicht so fadenscheinig wie heute vormittag im Gasthof. Olm war übrigens die Kleinstadt, in die ich W. gefahren hatte. Ich deutete dem sich entfernenden Floß nach und erkundigte mich, wie sie denn das ungeschlachte Ding wieder nach Olm zurück bekämen? Er lächelte verschmitzt:

„In Sachen Flößen scheinen Sie wie so viele zu den Laien zu zählen. Das Floß wird am Zielort zerlegt! Die Baum-stämme werden nur von Bändern zusammengehalten, die sich leicht abnehmen lassen. Dann packt sich ein Bagger mit Greifer die Stämme und lädt sie auf einen Sattel-schlepper. Mit dem fahren auch die Flößer wieder nach Olm zurück. Dort bauen sie das Floß dann wieder zusammen. Zur Not geht das sogar über Nacht. Aber dieses Verfahren gilt nur für diese neumodischen Ausflugs-fahrten.“

„Wie meinen Sie das?“

„Der Sinn des Holzflößens lag ursprünglich gerade darin, die Stämme am Zielort loszuwerden. Sie wurden verkauft, das war der Zweck der Übung. Was zurückgeschafft wurde, waren die Taler in der Geldkatze des Floßmeisters, der mit seinen Gesellen den ganzen Rückweg in der Regel auf Schusters Rappen zu bewältigen hatte. Der Fluß war das naheliegendste und ohne Zweifel billigste Mittel für diesen Bau- und Brennholztransport. Dann kamen die Staustufen, die Eisenbahn, die Sattelschlepper und so weiter. Kurz, ein altes Handwerk mehr war unter die Räder unseres Fortschritts gekommen. Ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben, wenn Sie mir diese eitle Offenbarung gestatten.“

„Ein ganzes Buch?“

„Ja – warten Sie einen Moment, warum soll ich es Ihnen nicht zeigen? Probieren Sie doch inzwischen meine Nußrolle. Das Rezept stammt noch von meiner seligen Großmutter Hermine!“

Während ich den Kuchen auf meiner Zunge zergehen ließ, kam die Katze angetrottet, sprang auf den Stuhl, den der Hausherr soeben verlassen hatte, und miaute mich vorwurfsvoll an. Vielleicht glaubte sie, ich hätte ihn verjagt. Oder wollte sie naschen? Es sah nicht so aus, denn sie verschmähte das Bröckchen, das ich ihr vorlegte. Ich warf es in die Beete, für die Spatzen.

„Na Sylvia – ist die Besucherin genehm?“

Der Hausherr schob das Buch auf den Tisch und nahm seine Katze vom Stuhl auf den Schoß. Er streichelte und kraulte sie, während er mir beim Kauen zusah. Sie dankte es ihm mit Schnurren.

„Vorzüglich!“ muffelte ich mit einem Fingerzeig auf meinen verkrümelten Mund.

Als ich mit Kaffee nachgespült hatte, ergänzte ich: „Schmeißen Sie Ihren Haushalt ganz ohne Frauen, wenn ich fragen darf – Herr Mulewitsch?“

Denn so stand es auf dem Buchdeckel: Arnold Mulewitsch: Die Kunst des Flößens – Kulturgeschichte eines überflüssigen Handwerks.

Er lächelte und strich sich bedächtig sein feines, weißes Haar zurück. „So ist es. Gattinnen oder Dienstmädchen nicht vorhanden. War immer ein Eigenbrötler ... Und wer sind Sie?“

„Entschuldigen Sie vielmals – Olga Klemperer. Ich bin in der Landeshauptstadt als Korrepititorin an der Oper beschäftigt. Morgen früh um 10 muß ich wieder ran.“

„Klemperer? Wie der bekannte Tagebuchschreiber aus dem faschistischen Dresden?“

„Nicht ganz. Sein Vetter war der Dirigent Otto Klemperer – von dessen Tochter Lotte bin ich eine Großnichte.“

„Ja“, sagte er bedauernd und bewundernd zugleich, „Sie sind noch jung ...“

Das Bedauern galt ihm selbst, wie ich unschwer erraten konnte. Ich war gerührt.

Er ermahnte sich innerlich und verkniff seine schmalen weißen Augenbrauen. „Dann sind Sie also der Musik treu geblieben. Aber was, verdammt noch mal, macht denn eine Korrepititorin ..? Habe den Ausdruck nie gehört.“

„Dann kann ich Ihnen ja das Flößen heimzahlen“, erwiderte ich lächelnd. „Wir sind die SklaventreiberInnen des Kapellmeisters. Wir sitzen am Klavier und hecheln die Partien mit den einzelnen Sängerinnen oder Sängern durch, bis sie sitzen. Das bedeutet, wir müssen die Partituren ähnlich gut verstehen wie der Kapellmeister oder Dirigent, ohne jemals dessen Geld und Applaus einheimsen zu können. Der Laie weiß von unserer segensreichen Existenz nichts, wie Sie ja gerade an sich selber sehen.“

Ich tippte auf das Buch. „Wir führen ein ähnliches Schattendasein wie die ÜbersetzerInnen. Ist Ihr Werk schon übersetzt?“

„Interessant“, murmelte er und musterte mich prüfend. Offenbar dachte er noch über meine Erläuterungen oder über meinen Vergleich nach. Ich war zu jung – zu schnell für ihn.

Dann blickte er auf sein Buch. „Ja, es liegt inzwischen auf Englisch, Finnisch und Russisch vor. In Fachkreisen gilt es bereits als Standardwerk. Es ist mit Abstand mein verkäuflichstes Buch.“

„Sie sind im Hauptberuf Schriftsteller?“

Er nickte.

„Was schreiben Sie sonst noch so?“

„Nichts anderes: ausschließlich Sachbücher. Meistens geht es um Handwerkszweige. Die Romane erzähle ich meiner Katze ...“

Er blickte sich lächelnd nach ihr um, denn sie war inzwischen von seinem Schoß gehüpft, um durch die Salatköpfe zu pirschen.

Da ich bei dieser Gelegenheit die Stellen seines Körpers betrachten konnte, die nicht von Kleidung bedeckt waren, ging mir schmerzlich auf, daß ich wirklich einen Greis vor mir hatte. So angenehm er auch gestaltet sein mochte, wirkte seine gebräunte Haut doch schon wie einschnur-rendes, fleckiges Pergament. Über kurz oder lang würde sie trocken sein wie das Buch, auf dem seine linke Hand lag – ja mehr noch, sie würde zu Staub zerfallen. Sobald es mir ähnlich erginge, würde ich Männer wie W. nicht mehr so leichtfertig vor den Kopf stoßen. Ich wäre um jeden dankbar, der mich überhaupt noch eines Blickes würdigte.

Ich riß mich aus diesen unerfreulichen Erwägungen, indem ich mich nach einer Toilette erkundigte.

„Ja, sicher“, sagte Mulewitsch und deutete auf die aufstehende Haustür, „gleich am Ende des Flurs.“

Ich kam vom Regen in die Traufe. An der Reinlichkeit des Wasserklosetts war nichts zu bemäkeln, doch über dem Halter der Klopapierrolle hing ein gerahmtes Bild. Es zeigte hinter Glas eine auch schon etwas vergilbte Urkunde, ausgestellt auf Herrn Arnold Mulewitsch, geboren 1926 in Pegau an der Weißen Elster. Es war sein Meisterbrief als Glaser. Er hatte ihn nach dem Krieg in der Landeshauptstadt gemacht. Demnach hatte ich mich gehörig verschätzt: der Glaser und Schriftsteller war bereits 82. Das bedeutete, er lag schon so gut wie im Sarg, wenn man es ohne romantische Illusionen betrachtete.

Während ich mir die Hände wusch, kam mir jäh der Ge-danke, finstere Mächte könnten mich an diesem schönen Sommertag in eine Falle gelockt haben. Warum hatte ich ausgerechnet an einem Friedhof Halt gemacht? Und auf der Gänseweide einen weißhaarigen Mann „angebaggert“, wie die heutige Jugend es nannte? Es mochte sich nur um einen Selbstbestrafungsdrang handeln. Doch es war auch denkbar, ich liefe in einen echten Hinterhalt. Kürzlich hatte ich in der Lokalzeitung von einem Greis gelesen, der noch täglich Briefe austrug, um seine elende Rente aufzubessern. Bei dieser Tätigkeit war er unversehens tot vom Fahrrad gekippt: Herzversagen. Eigentlich kein schlechter Tod, hatte ich mir gesagt – doch wie stand ich da, wenn ich jetzt auf die Veranda träte und der gute Arnold Mulewitsch läge nach dem gleichen Herzversagen mit blutigem Hinterkopf auf den Sandsteinplatten seiner Veranda? Sie könnten mir glatt unterstellen, ich hätte ihn erschlagen. Vielleicht hatte er ein paar 500-Euro-Scheine unter seinem verglasten und gerahmten Meisterbrief versteckt, das wäre schon ein hinreichendes Motiv.

Ich verzichtete darauf, meine Frisur zu richten, und eilte durch den Flur. Einer Leiche hätte ich mit tadelloser Frisur ohnehin nicht imponiert. Doch ich hatte Glück: der betagte Schriftsteller ließ sich gerade auf seinem Stuhl nieder und nickte mir dabei schelmisch zu. Vielleicht hatte er die Pause genutzt, um sich ebenfalls zu erleichtern, etwa sein Wasser hinter den nahen Fliederbüschen abzuschlagen.

„Ich staune, Herr Mulewitsch“, sagte ich mit anerken-nendem Lächeln. „Ihr Meisterbrief belehrt mich, daß Sie mindestens 10 Jahre jünger wirken als Sie sind!“

Er war vorübergehend verdutzt. „Ach so“, sagte er und rieb sich mit leicht verlegenem Lächeln sein stoppliges Kinn, „daran hatte ich gar nicht gedacht ...“

„Ja. Sie haben sich wirklich gut gehalten.“

Sein Blick wurde strafend. „Sie sollten mir nicht schmei-cheln, Frau Klemperer. Ist es etwa mein Verdienst, wenn ich so jung aussehen sollte, wie Sie glauben? Weit gefehlt. Es verdankt sich Zufällen, mehr nicht. Den verbreiteten Stolz auf gutes Aussehen, Gesundheit, Herkunft und dergleichen empfand ich schon immer als ziemlich peinlich. Vor allem bei schönen Frauen geht das gern bis zum Hochmut, wenn ich diese Bemerkung wagen darf ... Genauso stellt übrigens auch ein hohes Alter keinen Verdienst dar. Mein älterer Bruder hatte mit 19 ins Gras zu beißen – auf dem Rußlandfeldzug. Sie hatten ihn eingezogen. Andere ertrinken, werden überfahren, verrecken schon als Säugling, weil sie dummerweise in einer Dreckhütte neben einer Chemiefabrik geboren worden sind. Selbst ein schöner Tod ist kein Verdienst! Kürzlich berichtete die Lokalzeitung von einem 72jährigen, der mit seinem Fahrrad noch täglich Briefe austrug, um seine Rente aufzubessern. Plötzlich kippt er vom Rad und ist mausetot. Herzversagen!“

Er sah mich erwartungsvoll an, weil er hoffte, mich zu beeindrucken. Ich hatte große Mühe, das Glucksen zu unterdrücken, das in mir aufsteigen wollte. Er hätte es womöglich mißgedeutet. So nickte ich nur einsichtig.

Er schenkte Kaffee nach und kam auf meine Berufs-tätigkeit zurück, die er genauer zu verstehen wünschte. Ich schilderte sie ihm. Doch nach 20 Minuten gewann ich den Eindruck, er sei reif für ein Mittagsschläfchen. Ich verabschiedete mich und dankte ihm für alles. Auch das Buch übers Flößen, das die ganze Zeit zugeklappt auf dem gelben Wachstuch gelegen hatte, gab er mir mit.
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