Sonntag, 23. September 2018
Frau Schöll wird eingestellt
Geschrieben um 2002


Schwer und gestaucht hockt sie in ihrem Rollstuhl. Von der Altersdemenz einmal abgesehen, ist sie zuckerkrank und fast blind. Die Pflegekräfte hält Frau Schöll vor allem durch ungewöhnlich häufiges Rufen nach der Toilette auf Trab. Sonst müsse sie in die Hosen machen. Als ehemalige Magd und Fließbandarbeiterin sagt sie auch schon mal scheißen.

Neuerdings verbringt sie die Vormittage in Rosels und Bernds Verwirrten-Gruppe. Die beiden arbeiten für ein ABM-Almosen. Dafür dürfen sie auch noch die soge-nannten Toilettengänge erledigen. Bei diesen wenig feier-lichen Wallfahrten gewinnen sie den Eindruck, es scheine so dringend nicht zu sein, wenn Frau Schöll mit heiserer Stimme „Ich muß auf Toilette!“ brüllt. Nach Absprache mit den Pflegekräften belassen sie es bei Toilettengängen im Abstand von zwei Stunden. Trotzdem erweisen sich die „Einlagen“ (Windeln), die Frau Schöll tragen muß, stets als trocken. Damit scheint der Fall auf der Hand zu liegen. Die einsame Frau Schöll, die in ihrem Rollstuhl durchs Zimmer oder durch den Stationsflur irrt, sucht Aufmerk-samkeit und Zuwendung; in ihrem hartnäckigen Rufen nach der Toilette hat sie das erpresserische Werkzeug gefunden, um sich diese Beachtung etliche Male am Tag zu verschaffen.

In der Gruppe entpuppt sich Frau Schöll als fröhliches Menschenkind. Da ein klingelnder Gummiball vorhanden ist, spielt sie trotz ihrer Sehschwäche begeistert Tischfuß-ball mit. Sie scherzt gern, singt alle Volkslieder auswendig mit, bringt treffende Sprichwörter. Alles wunderbar – nur ihr häufiges Rufen nach der Toilette schwächt sich nicht ab. Da brauchen Bernd und Rosel starke Nerven. Frau Schöll daran zu erinnern, sie sei doch erst vor zehn Minuten auf der Toilette gewesen, hieße gegen eine Wand zu reden, weil die Altersdemenz zuerst das Kurzzeitge-dächtnis zerstört. Auch die Beteuerung, sie habe in diesem Altenheim noch nie in die Hosen gemacht, geht bei ihr zum einen Ohr rein und zum anderen raus. So bleiben nur die einschlägigen Ablenkungsmanöver. Sie binden viel Zeit und Kraft, die für die übrigen Schützlinge verlorengeht.

Beispielsweise bedarf es nur eines Satzes, der auf ihre Jugend anspielt, um Frau Schöll in Erinnerungen schwelgen zu lassen. Nebenbei ist auf diese Weise manches über sie zu erfahren, was die Pflegekräfte nicht wissen oder nur mangelhaft erfaßt haben. Bevor sie als Halbwüchsige Magd wurde, lebte Frau Schöll in dem Städtchen X. in einem Waisenhaus. Das muß um 1925 gewesen sein. Dort herrschten schmale Kost und strengste Zucht. Es hagelte Verbote, Erniedrigungen, Strafen. Schon zum Wecken tauchte die Frau des Heimleiters mit der Rute im Schlaf-saal der Mädchen auf. Alle mußten ihre Betten aufdecken. Wehe, ein Mädchen hatte sein Bett naßgemacht! Dann setzte es Prügel. Und das ohnehin karg bemessene Früh-stück fiel für die „Versagerinnen“ an diesem Morgen aus.

Ihr Bett jedoch sei niemals naß gewesen, versichert Frau Schöll mit einer Genugtuung, die auf Bernd und Rosel niederschmetternd wirkt. Welche gelungene Strafandro-hung! Selbst die Windeln der verwirrten Greisin bleiben noch trocken. So kommen die beiden zu dem Schluß, hinter ihren hartnäckigen Rufen nach der Toilette stecke Frau Schölls Angst, sie könne gleichwohl versagen. Das muß unter allen Umständen vermieden werden, droht doch andernfalls Liebesentzug. Von einer Rabenmutter geboren und dann in ein Zuchthaus abgeschoben, kennt Frau Schöll den Liebesentzug nur zu gut. Vermutlich wird sie bereits von der Angst beherrscht. Je länger die Altersdemenz an ihr frißt, desto schmerzlicher empfindet sie mangelhafte Aufmerksamkeit, als werde sie auf Gedeih und Verderb im Stich gelassen. Ohne das prompte Echo der vertrauten Stimme von Rosel oder Bernd gerät sie bereits in Panik. Vernunftgründe gehen an ihr vorbei. Wissenschaftlich gesprochen, sind Frau Schölls Traumata nicht mehr der Bearbeitung zugänglich. Dazu ist es zu spät.

Nach einigen Monaten widerfährt Frau Schöll zu allem Unglück ein Sturz; Verwirrtheit und Unruhe nehmen sprunghaft zu. Sie wirft den beiden schon vor, sie betrögen sie ums Essen. Für die Gruppe stellt sie eine nicht mehr tragbare Belastung dar; wird sie indessen aufs Zimmer geschoben, brüllt sie sich heiser. „Dann nimm mich doch endlich und steck mich in einen Sack und wirf mich ins Wasser!“ zetert sie Bernd entgegen. Mal hält sie sich für seine Mutter, mal für seine Magd. Damit kommt die Pflegedienstleitung um die „Einstellung“ in Haina nicht mehr herum. Der amtsrichterlich bestellte Betreuer stimmt zu.

Jetzt wird Frau Schöll über Wochen hinweg in der psychiatrischen Klinik mit Medikamenten „eingestellt“, die ihre Ängste und Aggressionen dämpfen sollen, ohne Frau Schöll völlig „abzuschießen“. So sagen die Pflegekräfte zu einer Medikation, die für radikale Ruhigstellung sorgt. Tatsächlich ist Frau Schöll nach ihrer Rückkehr nur eben noch imstande, sich im Toilettenraum – mit Rosels oder Bernds Unterstützung – am Waschbecken emporzu-stemmen und für ein paar Sekunden auf den Beinen zu halten. Statt nur zu schlafen, hockt sie an dem großen Tisch, um abwechselnd zu dösen oder harmloses, wirres Zeug vor sich hin zu brabbeln. Selbstständig essen kann sie nicht mehr. Die Mahlzeiten müssen ihr durchweg „angereicht“ werden – das Wort Füttern ist im Altenheim streng verpönt, weil es nicht sein darf, daß ein alter Mensch durch Gebrechlichkeit oder Arznei zum hilflosen Kleinkind gestempelt wird.

Beim gemeinsamen Singen bewegt Frau Schöll noch bestenfalls stumm ihre Lippen. Ihre liebste Arbeit war immer das Wäschelegen gewesen, das Rosel „erfunden“ hat. Es bewährte sich nicht nur für sehschwache verwirrte Greisinnen. Rosel setzt Frau Schöll einen Haufen aus ungebügelten Waschlappen und kleinen Handtüchern vor; deren Aufgabe ist es, diese Wäschestücke zu glätten, zu falten und zu stapeln. Doch das schafft sie jetzt nicht mehr. Ihre Hand gleitet von dem Wäscheberg ab und verschwindet wieder in ihrem Schoß. So führt sie ein Dämmerleben. Hält sie noch zwei Jahre durch, wird ihr der Bürgermeister zum 90. Geburtstag gratulieren.
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