Sonntag, 23. September 2018
Edmund
Geschrieben um 2006


Heute morgen sind seine gewohnten Schlurfspuren im Flur mit Kotklümpchen garniert. Die Türen von Schlafzim-mer und Bad stehen auf. Das Bett ist leer. Für Sekunden kommen mir wieder die Bedenken hoch, die mir die Ärztin vom Arbeitsamt eigentlich genommen hatte: Und wenn er es endlich geschafft hat? Wer ist dann schuld?

Aber er lebt noch. Er liegt verkrümmt zwischen dem Fuß der Kloschüssel und der 30 Zentimeter entfernten gefliesten Wand auf dem Rücken – also auch auf dem Hinterkopf, der noch heil zu sein scheint, denn er röchelt leise. Antwort gibt er nicht. Vermutlich ist er vom Klo gekippt. Die dreckige Unterhose hängt auf seinen Knöcheln; sonst hat er nur das gestreifte Hemd an, das er schon seit Tagen trägt. Er schläft auch darin. Der Spalt zwischen Klo und Wand ist eigentlich wie gemacht für seinen ekelhaften, ausgezehrten Körper. Deckel drauf – und das langatmige Kapitel Vater-Sohn-Konflikt hat seinen Abschluß gefunden.

Ich ziehe ihn aus dem Spalt und trage ihn aufs Bett. Ich versuche erneut, ihn anzusprechen – vergebens. Er hat inzwischen die Augen geschlossen. Nach Sekunden ist er offenbar eingeschlafen. Sich bei ihm zu erkundigen, bevor man irgendetwas unternimmt, ist sehr wichtig, denn sein Wille ist sein Himmelreich. Er fühlt sich auch so bereits genug bevormundet und hintergangen von mir. Aber nun ist sein Wille lahmgelegt. Zum Glück geht das Telefon noch, das vorm Bett auf der Erde liegt. Ich wähle den Notruf. Nach einigen Fragen nehmen sie mir den Ernst der Lage ab und versprechen zu kommen.

Hoffentlich beeilen sie sich nicht zu sehr – ich muß wenigstens den Flur sauber machen. Edmunds abgeris-senes, „pennerhaftes“ Aussehen ist mir schon peinlich genug. Schob ich ihn alle paar Monate im Rollstuhl zum Augenarzt, kam es jedesmal einem Spießrutenlauf gleich – für mich, den Schiebenden. Er selbst sieht ja sowieso nicht mehr viel. Im Fahrtwind schlottern die Hosenbeine seines schäbigen, alten Anzugs und seine stinkige Mähne. Jetzt hat er seit mindestens sechs Wochen nicht mehr geduscht, denn nach seinem Rückfall schaffte er es nicht mehr aus eigenen Kräften. Hilfe lehnte er ab. Kein Hausarzt, keine Pflegekraft und schon gar kein Sohn darf seinen erbärmlichen Körper antasten. Er kommt allein zurecht.

Manchmal fragte ich mich, auf wieviel Meter Entfernung er mich wohl dereinst mit meiner Mutter gezeugt hat. Es muß ein großes Versehen gewesen sein. Hätte er sich schon mit 20 zu seinem Ideal des Hagestolzes bekannt, wäre uns mancher Verdruß erspart geblieben. Im Grunde genommen pflegte er in den letzten Jahren nur seiner Haartracht zuliebe noch einmal wöchentlich zu duschen. Er trägt schulterlanges Haar und Vollbart, seit ich ihn kenne. Diese Haartracht war sein Stolz. Sie war der Ausweis seiner makellosen antibürgerlichen Gesinnung. Jetzt könnte ihn keiner an den grauen Strähnen auf die Straße zur Demo schleifen – bei ihrem Verfettungsgrad glitten sie einem durch die Finger. Sein Bart sieht wie ein Hagebuttengestrüpp aus wegen der verdammten Kirschgrütze, die er immerhin noch ißt. Einige Male bat ich ihn, seinen Bart abwischen zu dürfen – er schlug nach meiner Hand. Mit fünf Löffeln Kirschgrütze, einem Hörnchen, einer Banane und einem Stückchen Käsebrot verhindert er seit Monaten sein Ableben. Wahrscheinlich lebt er nur noch, damit es sein Sohn nicht zu einfach hat. Noch niemals in seinem Leben hat er zu mir von seinen Gefühlen gesprochen. Dafür hat er mich politisiert. In seiner kämpferischen Hochzeit war es überflüssig, mich an den Haaren aus der Wohnung zu ziehen. Seine Gründe für den Kampf waren derart überzeugend, daß ich zu Hause vor lauter Gewissensbissen wenig Freude gehabt hätte. Was lief ich mir auf den Ostermärschen die kleinen Füße wund oder stand mir hinter dem Büchertisch in der Fußgängerzone die kurzen Beine in den Bauch! Schließlich sollte ich es einmal besser haben.

Nachdem ich die Kotklümpchen aufgefegt und ins Klo gekippt habe, mache ich mich mit feuchtem Putztuch und Schrubber an die Schlurfspuren, die ich seit langem gewohnt bin. Mein guter Vater neigte immer zum Aufbrausen, zudem rauchte und trank er viel. Was Wunder, wenn er vor Jahren einen Schlaganfall erlitt. Seitdem konnte er sich nur noch am Gehwagen durch die Wohnung schieben. Hinzu kam eine rapide Verringerung seiner Sehkraft – grauer und grüner Star. Den größten Teil des Tages verbrachte er an seinem Arbeitstisch im Wohnzimmer mit Radiohören. Bis zum Küchentisch sind es rund vier Meter. Um diese Strecke am Gehwagen zurückzulegen, benötigte er schon vor seinem Rückfall vier Minuten. Da er seine Füße nicht mehr anheben konnte, schob er sie in Abständen von Zehenlänge über den Teppich oder die Fliesen. Dadurch kam es zu den appetitlichen Schlurfspuren. Unter der Kloschüssel standen nämlich regelmäßig mehr oder weniger kleine Urinlachen, weil er beim mühsamen Pinkeln offensichtlich nicht mehr zielsicher war, obwohl er sich zu diesem Zwecke hinzusetzen schien. Schon nahezu blind, war dem Patriarchen wohl nichts anderes übrig geblieben, als sein Wasser nicht im Stehen zu lassen. Doch auch im Sitzen ging immer etwas daneben. Einen Teil seines Urins pflegte er offenbar geradewegs unter der Klobrille hindurch zu verstrahlen, denn deren Unterseite hatte ich oft genug von rötlichem Belag zu befreien. Die Schlurfspuren ergaben sich, weil er nach vollbrachter Tat mit seinen geliebten Filzlatschen in seinen eigenen Urin trat. Beim Schlurfen vermählte sich dieser bereitwillig mit Staub, Fusseln und ausgefallenen grauen Haaren. Traf ich täglich morgens und abends ein, um ihm die Augentropfen zu verabrei-chen, Kaffee zu kochen und sein üppiges Mahl zu richten, spielte ich zunächst Akrobat, um nicht an seinen Schlurfspuren festzukleben. Während der Kaffee durchlief, beseitigte ich sie möglichst unauffällig. Bekam er mit, daß ich schon wieder meinem Putzfimmel nachging, tobte er.

Das Bettenmachen hatte er sich ohnehin verbeten. Es war schon viel, wenn ich gelegentlich die Waschmaschine füttern durfte. Leider bewachte er mich trotz seiner Sehschwäche ziemlich zuverlässig, denn er hatte Ohren wie ein Luchs. Sobald er Unheil witterte, legte er den Kopf schief, um die Gefahrenquelle genau orten und bestimmen zu können. „Was war denn das?“ hörte ich ihn einmal vom Flur aus. Ich hatte widerrechtlich eine Spinnwebe entfernt und dabei mit dem emporgereckten Besen versehentlich die neben der Verteilerdose sitzende Türklingel angestoßen. Da Edmund allerdings grundsätzlich Unheil witterte, war sein Kopf so gut wie immer schiefgelegt – wobei er ihn genau in dem Maße wieder zurückwandte, wie ich mich ihm näherte und beispielsweise den Küchentisch umrundete. Sein Argwohn, den ich natürlich seit Jahrzehnten kannte, hatte sich neuerdings so sehr in diesem Kopfwenden und Ohrenspitzen manifestiert, daß ich diese von vielen Gehörschwachen bekannte Geste bereits haßte – einerlei, bei wem sie auftrat.

Die Undurchsichtigkeit seiner Fensterscheiben fiel ja für Edmund sowieso nicht mehr ins Gewicht. Auch die Blicke der Nachbarn und des Vermieters trafen nicht ihn. Versuchte ich ihn zur Anschaffung neuer Filzpantoffeln zu überreden, tobte er ebenfalls. Ich glaube, sein Geruchssinn war selbst für diesen starken Tobak zu schwach entwickelt. Hätte ich ihm seine Latschen unter die Nase halten sollen? Ihm versichern sollen, das Linoleum vorm Badezimmer gleiche einem Flußdelta, weil er zu dumm zum Trinken und zum Pinkeln sei? Da die Wege ins Bad ungleich länger als die zum Küchentisch waren, versuchte er sie logischerweise zu vermeiden. Diese Logik ist bekannt: Wenn ich weniger trinke, muß ich weniger aufs Klo. Schlug ich ihm hin und wieder vor, mehr Flüssigkeit zu sich zu nehmen, weil sein Gehirn sonst immer weniger durchblutet werde, beschimpfte er mich. Er läßt sich verdorren, legt es in seinem bornierten Eigensinn auf Altersdemenz und Säuglingswindeln an – und du hast die Folgen auszubaden! Ja, ich hätte ihm die Latschen unter die Nase halten sollen. Denn meine Rücksichtnahme bedeutete, dem Tyrannen, der einen tritt, die Füße zu küssen.

Die Klemme ist, daß er mir aufgrund seiner Geschlagen-heit und seines Angewiesenseins auf Hilfe auch wieder leid tut. Wem wünscht man das schon? Nicht mehr lesen, laufen, pinkeln zu können? In der Tat wieder zum Kind herabgestuft zu sein? Es ist dann vielleicht kein Wunder, wenn einer, der sowieso zu Wutanfällen neigt, besonders leicht reizbar ist und aus Mücken Elefanten macht. Einmal ging es um zwei Handtücher. Er pflegte die getrocknete Wäsche stets eigenhändig vom Ständer zu nehmen und zu sortieren, hatte er dadurch doch ein wenig Beschäftigung. Er machte es im Sitzen, weil er sonst zu stürzen drohte. Nun wollte ich die Wäschestapel wegtragen, fand aber auf dem Stuhl zwei nicht gefaltete Handtücher. Welche Bewandtnis es damit habe, erkundigte ich mich. Er verkrampfte sich jäh, zitterte, tobte: „Das weiß ich ja auch nicht!“ Ich versuchte sofort zu beschwichtigen. Ich würde gleich feststellen, ob es saubere oder gebrauchte Wäsche sei und sie entsprechend verstauen. Aber er tobte weiter: „Gestern habe ich die blaue Hose gesucht und nicht gefunden! Weil ich sie nicht sehe!“ Sie hing noch im Wäschetrockner. „Ich bin es leid!“ – „Was denn?“ fragte ich möglichst unverfänglich zurück. – „Meine verdammte Hilflosigkeit!“ Damit übermannten ihn nach dem Zorn auch fast die Tränen. Ich empfand ihn in diesem Augenblick noch bedauernswerter als ein kleines Kind. Denn das Kind kann sich wenigstens noch Hoffnung machen, seine Ohnmacht irgendwann zu überwinden. Für einen gebrechlichen Greis geht es gnadenlos bergab.

Ein andermal tat er mir leid, obwohl er zum wiederholten Male meine Versuche durchkreuzte, ihn in ärztliche Obhut zu bekommen. Bekannte hatten mir eine am Arbeitsamt tätige Ärztin vermittelt, die sich bereit erklärte, einmal mit Edmund zu sprechen. Mir schwante bereits nichts Gutes, als ich ihr öffnete. Sie war eine stämmige Frau um 50, die mir fast die Hand quetschte. Vielleicht trug sie so als Linke, die sie war, zur Arbeitsunfähigkeit der ihr vorgeführten Hartz-IV-EmpfängerInnen bei. Sie pflügte gleich in die Küche und ließ ihr lautes Organ erschallen. Ich zog ihr beflissen einen Stuhl herbei, doch sie winkte ab. Stattdessen lehnte sie sich mit ihrem üppigen Hintern an die Spüle, verschränkte die strammen Beine und Arme und unterzog den im Rollstuhl am Tisch hockenden Edmund einem Verhör und einer Strafpredigt, die sich gewaschen hatten. Sie bellte wie ein Feldwebel. Eine Altenpflegerin, auf die ich einmal ein Auge geworfen hatte, versicherte mir, vor Rollstuhlfahrern, die sie auf dem Flur oder in ihrem Zimmer anspreche, stets in die Knie zu gehen, damit gleiche Augenhöhe gegeben sei. In einem Seminar, zu dem uns einmal unsere Dienststelle schickte, lernte ich mit meinen Kollegen, bei Konflikten gelte es seinem Gegenüber Brücken zu bauen statt es mit Vorwürfen zu überhäufen und ihm gar noch wie die Arbeitsamtsärztin vorzuhalten, er führe sich „wie ein trotziges Kind!“ auf. An ihrer Stelle hätte ich Edmund mit behutsamen Strichen die Wonnen ausgemalt, heutzutage noch einen Arzt ins Haus geschickt zu bekommen – statt ins Pflegeheim verfrachtet zu werden. Einen solchen Kollegen wollte die Frau vermitteln. Doch sie vermittelte eben nicht. So blieb Edmund verstockt und warf sie schließlich hinaus. Wahrscheinlich hätte ich das gleiche getan.

Immerhin verdankte ich der Frau ein paar beruhigende Auskünfte, die sie mir bereits am Telefon gegeben hatte. Wie es mit meiner Fürsorgepflicht bestellt sei, wollte ich von ihr wissen – ob man mir beispielsweise aus Edmunds Verwahrlosung einen Strick wegen „unterlassener Hilfeleistung“ drehen könne? Das verneinte sie. Edmund sei frei – sein Wille geschehe. Er habe sozusagen ein Recht auf Verwahrlosung, solange er keine Dritten oder sich selbst gefährde. In diesen Fällen könne ihn beispielsweise ein Notarzt ins Krankenhaus einweisen lassen. Weiter könne ein amtsrichterliches Betreuungsverfahren eingeleitet werden, das zu seiner Entmündigung führe. Hiermit verband sie allerdings schon wieder eine Drohung, wenn auch unwillentlich: Oft würden Verwandte zum amtlichen Betreuer bestellt, also beispielsweise der Sohn ...

Sie sind da. Das Blaulicht flackert durch die Zimmer-fenster. Ich öffne zwei schwer bepackten Leuten, die in ihrer wetterfesten, grellfarbigen Kluft fast wie Astronauten wirken. Sie wecken Edmund auf, doch er lallt nur unverständliches Zeug. Sie nehmen mit Hilfe ihrer Geräte verschiedene Messungen vor. Der Blick, den sie tauschen, sagt mir als Laien: Völlig entkräftet und ausgetrocknet, der Mann. Ob sie den hier verhungern lassen?

Auf ihre weniger derben Fragen hin umreiße ich Edmunds Krankengeschichte, seine Ernährung, seine Widersetzlich-keit. Dabei verabreichen sie ihm bereits eine Injektion. Als ich geendet habe, nickt der Wortführer und sagt zu seinem Assistenten:

„Also ab die Post!“

Der Assistent nickt zurück, verschwindet nach draußen und kehrt mit einem Paket wieder, das sich als entrollbare Tragbahre aus Stoff entpuppt. Sie legen den federleichten Edmund hinein und bugsieren ihn in den Hausflur. Es wäre nicht die schlechteste Idee vom Schöpfer gewesen, Edmund vor 73 Jahren gleich als Schmetterlingsraupe zu deklarieren.
°
°