Donnerstag, 20. September 2018
Baptist S.
Ich nehme stark an, seine Geschichte ist nur dank Bernt Engelmann* auf uns gekommen, der sie wiederum einer zeitgenössischen „katholischen Kirchenzeitung des Bistum Triers“ entnommen hat. Es gehe dabei um die Folgen, die die bloße Lektüre von nur einem Marx-Artikel für einen jungen Mann „aus gutem Hause, einzigen Sohn und Ernährer der Stellmacherswitwe S.“, nach sich gezogen habe. Wahrscheinlich trug sich die Geschichte um 1870 zu, demnach vor dem Erlaß des berüchtigten Sozialisten-gesetzes, das die Lage solcher Irregeleiteter noch verschärfte.

Von einer Familienfeier in Luxemburg per Eisenbahn nach seinem Heimatort Neunkirchen/Saar unterwegs, wird Baptist von einem ihm unbekannten „besseren Herren“ gebeten, ein Paket mitzunehmen, das dort von seiner Nichte am Bahnhof erwartet werde. Baptist willigt ein und muß, ob aus Fahrlässigkeit oder Neugier, während der Weiterfahrt entdecken: das Paket enthält ketzerisches Schrifttum, nämlich einen Stoß des Blattes Social-Demokrat (das 1872 seinen Titel änderte). So läßt er das Paket lieber im Abteil liegen, wenn es sich der Handlungs-gehilfe aus dem Kontor der Stumm'schen Eisenwerke auch nicht verkneifen kann, ein Exemplar zu entwenden und kurz darauf „in einer dunklen Ecke“ eines Neunkircher Gasthauses zu studieren, wobei er sich in einem Beitrag des schon damals „bekannten Revolutionärs Dr. Karl Marx“ verfängt. Doch dabei ertappt ihn ein aufmerksamer Postbeamte, der sich gerade seinen sonntäglichen Frühschoppen hinter den Stehkragen gießt. Als ihm der von Angst geschüttelte Baptist 20 Mark Schweigegeld anbietet, geht der brave Beamte zum Schein darauf ein, am nächsten Morgen jedoch zur Polizei. So gerät Baptist in die Mühlen von Staat und Kapital. In der Eisenhütte wird er noch am selben Tage fristlos entlassen, vor dem Werkstor aber von kaiserlich-bismarckschen Pickelhäubigen verhaftet – wegen Verbreitung staatsgefährdender Schriften, versuchter Beamtenbestechung, Verdachts auf Unterschlagung und Geheimbündelei. Was die Personal-abteilung der Hütte sofort unterschlägt, ist Baptists Lohn für den ganzen, fast vollendeten Monat. Zudem muß er beim Verhör auf der Wache erfahren, seine Mutter sei noch am selben Tage aus ihrer gemeinsam benutzten Werkswohnung geworfen worden. Darauf erhängt sich der Sohn des nachts in seiner Zelle. Damit verging er sich, nach seinem Frevel an der Ordnung des kaiserlichen Klassenstaates, auch noch an Gott, wie das Kirchenblatt aus Marxens Geburtsstadt meinte – und auch das lastete es dem von Baptist inhalierten sozialistischen Gedankengut an.

Nicht ganz ohne Beistand der Hüttenwerksindustrie, wie man zugeben muß, legte sich Neunkirchen, damals offiziell noch keine Stadt, ab 1907 ein Straßenbahnnetz zu. Prunkstück wurde eine Teilstrecke am Hüttenberg: mit 11 Prozent Steigung die steilste Straßenbahnstrecke in Deutschland. Rund 70 Jahre später forderte jedoch die Gummi-, Öl- und Verbrennungsmotorenindustrie ihr Recht: Umstellung auf Omnibusbetrieb. Das Neunkircher Eisenwerk war in der Senke am Fuß des Hüttenbergs angelegt und im März 1806 vom steinreichen Eisen-magnaten-Clan Stumm übernommen worden. Die Gebrüder Stumm steigerten die Belegschaft bis 1890 von rund 200 auf rund 6.000 Beschäftigte und verwandelten das Unternehmen in der Senke in eine Säule deutscher Stahl- und Rüstungsproduktion. Um 1960, nach zwei einträglichen Weltkriegen, zählte die Belegschaft um 9.000 Köpfe. In den folgenden zwei Jahrzehnten auf 1.900 geschrumpft, wurde die Hütte 1982 geschlossen. Der einzige, der aufatmete, war der Himmel über den Hochöfen und der gesamten Senke. Das Gelände gehört heute der Saarstahl AG. Ähnlich machten auch die an Marx, Stalin oder Mao orientierten Läden dicht, deren Abgesandte sich noch um 1970, hundert Jahre nach Baptist S., vor den Werkstoren die Beine in den Bauch gestanden hatten, um die Nachfolgeblätter des Social-Demokrat an den Proletarier zu bringen.

* Wir Untertanen, TB-Ausgabe Ffm 1977, S. 285
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