Montag, 2. Juli 2018
Döhnerichs Durchbruch Teil 5



Schnitzeljagd mit Leichenschmaus

Umfang 27 Druckseiten


Wie ich im Internet verschiedenen Blättern und Portalen entnehme, ist die Malerin Ortrun Kramm gestorben. Sie wurde fast 90. Erstaunlich genug, denn sie hätte auch gut schon mit 35 unter die Erde wandern können. Man hatte ihr im Sommer 1966 ziemlich unmißverständlich Unheil angedroht. Allerdings war der Hauptadressat der Drohung Klünder gewesen. Als er standhaft blieb, nahmen sie ihn selbst aufs Korn.

Ortrun, witzigerweise rund 10 Jahre älter als er, war damals Klünders frischste Flamme. Sie hatte ein Haus im Grünen nahe Karlskirchen: in diesem Kreisstädtchen war Klünder zunächst aufgewachsen. Als er neun war, zogen seine Eltern nach Vessel, wo er von da an wohnte. Nebenbei wurde er, soweit ich weiß, nie von auch nur einem Menschen bei seinem Vornamen genannt, selbst von Ortrun nicht. Er hieß Gert, Gert mit hartem t. Was Ortrun angeht, war sie ohne Zweifel auch die Flamme etlicher träumender Knabenhirne gewesen, voran Adrian, von mir zu schweigen. Sie war gar nicht so viel kleiner als ihr Geliebter, aber sozusagen deutlich barocker. Als Malerin war sie damals noch so gut wie ungefragt. Jetzt habe ich schon sieben Nachrufe gelesen, die auf ihre Bedeutung pochen. Eine Frau Jonbarth schreibt, Kramm habe den Mut besessen, in der Wüste der in der Nachkriegszeit lange tonangebenden „abstrakten“ Malerei den Gegenstand hochzuhalten. Das ist nicht ganz abwegig gesagt, schließlich wohnte die Malerin damals auf einem rund 300 Meter hohen Berg. Da sie ihre Mutproben aber nicht an die große Glocke hing, kam sie erst spät zu Ehren. Da war Klünder längst verwest.

Klünder, ein Schlanker um 1,80 mit feurigen dunklen Augen und rabenschwarzer schulterlanger Mähne zurückgekämmt, „studierte“ in Vessel, der Bezirkshaupt-stadt, so eifrig, wie es damals unter SDS-Agitatoren üblich war; er verschlang und zitierte also vor allem Marx, Adorno, Marcuse. Für einen Agitator hatte er genau das richtige Erscheinungsbild. Er bewegte sich nämlich etwas ungelenk, beinahe eckig; dafür sprudelte die Rede von seinen schmalen Lippen wie der vielfotografierte Brunnen vorm Vesseler Rathaus. Aber er konnte schreiben. Dank eines guten Drahtes zur Frankfurter Rundschau trat er sogar gelegentlich als deren nordhessischer Korrespondent auf. So hatte er einmal den wehrmachtsfreundlichen „Prinzen“ Wittekind aus dem Arolser Schloß interviewt und dabei aufs Glatteis geführt. Ein andermal rückte er das Einkaufsparadies der neuartigen Vesseler „Fußgänger-zone“ in die Nähe des jenseits der Werra gelegenen „Todesstreifens“, und dergleichen mehr. Kurz, uns Oberschülern und Jungenschaftlern, die wir uns gerade vom Kreuz Richtung Hammer & Sichel fortbewegten, imponierte er. Kramm offensichtlich auch.

In der „Jungenschaft“ des CVJM Vessel gaben sich christlich erzogene oder angestrichene 14- bis 17jährige ein Stelldichein. Mädchen waren noch nicht zugelassen. Die wöchentlichen „Heimabende“ sorgten mit Wettkämpfen aller Art, anderen Spielen, Liedersingen, Dia-Vorträgen und Diskussionen für Kurzweil; das Beten und die unumgängliche Kurzpredigt namens „Andacht“ nahmen wir in Kauf. Hinzu kamen gesonderte Filmvorführungen, Ausflüge mit Besichtigungen, selbst Schlitten- und Skiurlaub im nahen Harz. Höhepunkte des Jahres waren die großen „Freizeiten“ während der Sommerferien, etwa ein Zeltlager an der Nordsee, im Schwarzwald – oder auch „nur“ auf der durchaus beliebten Wangenburg, keine 30 Kilometer von Vessel entfernt. Sie erhob sich im Schatten des Karlskirchener Schloßberges auf einem vorgelagerten Hügel unmittelbar über der Altstadt. Sie gehörte dem CVJM-Gesamtverband, der dort regelmäßig Seminare für seine „Sekretäre“ abhielt, unsere Erzieher also. Auf einem ausgedehnten ummauerten Plateau errichtet, später zum Teil abgerissen und umgebaut, bot sie auch Platz für Zelte und Fußballspiele oder die Stände, Bühnen und Gäste eines Sommerfestes.

Kaum hatten wir im Sommer 1966 unsere schwarzen Kothen aufgebaut, schickte uns der Nachthimmel ein Fanal, das ungeahnte große Abenteuer versprach. Da Adrian, Bubu Hörnchen und ich ein bekanntes nahezu unzertrennliches Dreigestirn waren, hausten wir selbstverständlich in derselben Kothe, die wir auch fast für uns allein hatten. Lagerchef „Wulle“ Wolters hatte uns noch den dicken Sömmerich beigegeben, wogegen wir nichts einzuwenden hatten. Er furzte zwar für drei, verstand aber jeden Spaß und hieb bei Auseinander-setzungen mit feindlichen Streitkräften wie mit Brauereipferdhufen um sich.

Genauso selbstverständlich nahm unsere Kothe einen Vorzugsplatz „an der Mauer“ ein. Schon das beschauliche Sitzen (mit baumelnden Beinen) und Spähen auf ihr war ein Hochgenuß. Zwar war durchaus das ganze Plateau der Wangenburg ummauert, doch mit „der“ Mauer war nur der Abschnitt gen Osten und damit zur Altstadt hin gemeint. Man konnte hier in die gelackten bunten Gladiolen oder die aufgeblasenen Trichtermalven spucken, die die wahrlich schrägen Hintergärten verschiedener ehemaliger Ackerbürgerhäuschen zierten. Vom Inneren aus lediglich brusthoch, fiel die Mauer auf der anderen Seite steil genug ab, um gelegentliche heimliche Ausflüge zu einem Wagnis zu machen, das nur mit Hilfe von Strickleiter oder Tau zu bewerkstelligen war. Genau so verfuhren wir in besagter Nacht.

Sömmerich hatte sich aus seinem Schlafsack gewälzt, um Pinkeln zu gehen. Die Kirchturmuhr am Obermarkt hatte gerade zwei geschlagen. Nun schreckte er uns auf, indem er mit unterdrückter Stimme in die Kothe rief:

„Verdammte Hacke – alle Mann an Deck! Ich glaube, am Untermarkt brennt es!“

Sekunden später standen wir mit aufgesperrten Mündern an der Mauer und rieben uns die Augen. Dann tuschelten wir erregt miteinander. Sömmerich hatte recht. Gleich hinterm Untermarkt züngelten Flammen; erster Qualm stieg auf; die altstädtischen Köter fingen an, um die Wette zu bellen. Kurz darauf heulte auch schon das erste Martinshorn auf. Bubu Hörnchen meinte, wir müßten unverzüglich die Fliege machen, ehe Wulle angedackelt käme. Das fanden wir auch – Sömmerich ausgenommen. Er hätte im Moment kein Löschwasser mehr, brummte er, bevor er sich wieder in seinen Schlafsack wickelte. Wir anderen hechteten in unsere kurzen Lederhosen und tasteten vorsichtshalber unsere Fahrtenmesserschnallen ab, ob sie auch geschlossen seien. Andernfalls verlor man das Messer nämlich mitunter. Das wäre besonders peinlich, sofern wir einer flüchtenden Horde aus Brandstiftern in die Arme liefen.

Dann seilten wir uns auf den Stichpfad ab, der zwischen den erwähnten Hintergärten zur Stadt führte. Durch geschickte Schlenker vom Boden aus war das mit Klaue versehene Tau sogar ausklinkbar. Wir pflegten es für die Zeit unserer heimlichen Streifzüge in einem Busch zu verstecken.

2

Es dürfte überflüssig sein, den täglich von Filmaufnahmen gesättigten Leser mit Flammenbildern, Löscharbeiten und Maßregelungen minderjähriger Schaulustiger seitens der Karlskirchener Ordnungskräfte zu belästigen. Eine Tatortskizze genügt. Auf der Ostseite des Untermarkts schloß sich ein ausgedehnter und stattlicher alter Gutshof an, der noch bewirtschaftet wurde, das Gut Gleim. Auf diesen wiederum folgte ein eher gewöhnlicher, zudem schon ziemlich heruntergekommener Bauernhof, der Hof Wegener. In Wegeners Scheune, hart am Gutshof, war der Brand ausgebrochen, wie es am nächsten Vormittag in den Radionachrichten hieß. Die Sache ging glimpflich ab. Es gelang der Feuerwehr, Wegeners Stallvieh und sogar das ganze Wohnhaus zu retten und ein Übergreifen der Flammen auf Nachbargrundstücke zu verhindern. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Heute wissen wir, daß Wegeners Wohnhaus nur noch ein Gnadenbrot für rund zwei Jahre beschieden war. Dann wurde es plattgemacht. Auch Gut Gleim, zur Brandzeit noch mit einem halben Dutzend prächtiger Acker- und Kutschgäule bestückt, mußte weichen. Der ganze zentral gelegene Streifen zwischen Untergasse und Vesseler Straße, ungefähr zwei Fußballplätze groß, sah sich zwei Jahre darauf in eine Baugrube verwandelt. Aber ich will nicht weiter vorgreifen. Stattdessen räume ich einmal grundsätzlich ein: viele Tatsachen oder Hintergründe dieser Geschichte habe ich erst Monate oder gar Jahre nach Klünders tödlicher „Rolle hangabwärts“ erfahren. Meine wichtigsten Quellen waren dabei Kramm und Stubenrauch. Zu diesem kommen wir gleich.

Erfreulicherweise besaß Adrian ein Kofferradio. Von der „Bibelarbeit“ oder dem Volleyball-Training fortgestohlen, schalteten wir es an jenem Vormittag in unserer Kothe wiederholt ein, aber noch am Mittag waren die NachrichtensprecherInnen außerstande oder unwillens, uns mit echten Neuigkeiten über den Karlskirchener Brand zu versorgen. Zu dessen Ursache könnten Feuerwehr und Polizei noch nichts sagen. Man wisse nur, der Brand ging offensichtlich von der Scheune aus.

Immerhin erhöhten diese Stippvisiten in die Kothe unsere Chancen, überraschend auf France Gall, Francoise Hardy oder wenigstens Paul McCartney zu stoßen. Ich erwähne Gall zuerst, weil diese französische Sing-Schnalle vor allem der Schwarm unseres schneidigen Adrian war, dem wir das Kofferradio schließlich zu verdanken hatten. Ich selber drohte eher Zahnschmerzen zu bekommen, wenn sie zum x-ten Male ihren Hit „Poupée de cire, poupée de son“ krähte, mit dem sie im Vorjahr den sogenannten Eurovision Song Contest in Neapel gewonnen hatte. Das Schicksal hatte die Gall mit einer wahrlich einschnei-denden Stimme, zudem beträchtlichen „Intonations-Schwierigkeiten“ geschlagen, wie mir Jahre später ein Chorleiter erläuterte, der sich auch noch, wie ich, an sie erinnern konnte. Ihre Landsmännin Hardy wurde vor allem von Bubu Hörnchen angebetet. Und dies, obwohl sie ihm wahrscheinlich lässig auf den Kopf hätte spucken können. Sie war eine blutjunge, auf den Stimmbändern jedoch mit Rauhreif belegte langhaarige Gerte, die offenbar alle damalige Männerwelt zum Schmachten zu bringen verstand – selbst McCartney von den Beatles, wie ich einmal irgendwo las.

In unserem Dreigestirn war Bubu Hörnchen, ein etwas spitzgesichtiger Bengel aus dem Vesseler Proletariat, entschieden der Kleinste. Trotzdem stand er selbst beim Volleyball seinen Mann, weil er pfiffig und wieselflink war. Bälle, die jeder andere schon mit Verzweiflung am Boden sah, unterlief er noch; er schaufelte sie zum Netz – und nicht selten war es mir vorbehalten, sie in einen todbringenden Schmetterball zu verwandeln. Ich darf es in aller Bescheidenheit erwähnen: ich war das Sport-As in unserem Dreiblatt. Diese Rolle half mir streckenweise über den betrüblichen Mangel an Scharfsinn hinweg, den mir meine Mitstreiter nur zu gern unter die Nase rieben. Zu Adrians liebsten Angewohnheiten zählte es, die Augen zu verdrehen, mir einen mitleidigen Blick zu schenken und genüßlich festzustellen: „Olli hat wieder lange Leitung.“ Das war ich.

Auch der zündende Einfall jenes Tages kam von Adrian. An der Mittagstafel unter freiem Himmel sein Schälchen mit giftgrünem „Wackelpudding“ nebst Vanillesoße schwenkend, eröffnete er uns feierlich, die heutige Mittagsruhe fiele wohl flach, wir müßten zu Stubenrauch. Wir aßen nicht weit von Wulle entfernt. Prompt zuckte unser 28jähriger Lagerleiter die Achseln und sagte mit Blick in die Kastanienkronen: „Ich habe nichts gehört ...“

Wie fast jeder im Lager, wußte auch Wulle, nach so und so vielen Aufenthalten in Karlskirchen hatte wir bereits mehrere gute Freunde in der Stadt, voran Stubenrauch. Wulle war dem alten, als „linksradikal“ geltenden Mann sogar wohlgesonnen, weil er auch Religiöses führte. Sprach Klünder von Stubenrauch, sprach er vom „alten Kämpfer“ – Spanienkriegsveteran! Der hagere Weißhaarige, ein gelernter Tischler, betrieb in der Gasse „Hinter dem Amtsgericht“ im Kellergeschoß einer ziemlich schäbigen Villa, die ihm noch nicht einmal gehörte, ein Antiquariat. Es ernährte ihn kaum; er bezog aber noch irgendeine schmale Rente. Er selber nannte sich hin und wieder „Anarchist“, worunter wir uns eher einen Bombenleger als einen Tischler vorstellten. Das Amtsgericht war ein angemessen furchterregendes klobiges Gebäude aus längst angeschwärztem Sandstein. Das steile Schieferdach konnte man vom Plattenweg der Villa aus zwischen Baumwipfeln sehen. Diese Nähe entbehrte nicht der Ironie, weil Stubenrauch, wie wir von Klünder wußten, schon höchstpersönlich mehrmals einige Arrest- oder wenigstens Prozeßtage im Karlskirchener Amtsgericht verbracht hatte.

In der Untergasse zu Stubenrauch unterwegs, streiften wir zwangsläufig den noch schwelenden Tatort der vergangenen Nacht. Ein rotes Personenauto, in dem ein dicker Feuerwehrmann döste, hielt Wache. Von den Wegeners, die hinterm Haus auch noch einen großen Garten hatten, war niemand zu erblicken, rechnete man ihren Schäferhund im Zwinger nicht mit. Er knurrte Bubu Hörnchen an, als hätte er die Scheune angesteckt, Bubu Hörnchen.

Stubenrauch hatte, wie laut Klünder meistens, keine Kundschaft. Er war somit froh, uns zu sehen. Er komplimentierte uns in die herrlich quietschenden museumsreifen Korbsessel, die er im Dämmerlicht seines Buchladens hütete, und verschwand in seiner Wohnküche, um frischen Kaffee zu kochen. Wir hatten nämlich zusammengelegt und in der Bäckerei am Untermarkt ein paar Teilchen gekauft. Bald darauf mampften wir, schlürften kubanischen Kaffee, in dem der Löffel stand, und tauschten dabei selbstverständlich Informationen beziehungsweise Theorien über den denkwürdigen Unglücksfall aus, den wir ja zum Teil sogar hautnah miterlebt hatten. Zur Krönung durfte Adrian eine Zigarette rauchen, die ihm Stubenrauch drehte. Mit 17 war Adrian der älteste von uns. Meistens war er auch unser Wortführer, weil er sich ausgesprochen gewählt auszudrücken verstand. Er konnte zudem mit einem braunen Backenbart glänzen, der seinen etwas knustigen Wangen mehr Strenge verlieh. In der Schule trug er stets Anzüge, obwohl er keineswegs aus reichem Hause stammte. Die Mädchen flogen auf ihn. Das war, für uns andere, zuweilen schmerzlich, doch in diesem Fall, dem Karlskirchener Großbrand, sollte es sich bald als sehr günstig erweisen.

Von Stubenrauch erfuhren wir erstmals, daß auch Karlskirchen der jüngste, aus Bonn bereits gesetzlich untermauerte städtebauliche Schrei ins Haus stand, nämlich eine sogenannte „Flächensanierung“. Herzstück dieser Maßnahme, die die Verabschiedung eines neuen „Bebauungsplanes“ durch den Stadtrat voraussetzte, sollte eben der Streifen zwischen Untergasse und Vesseler Straße sein. Jedenfalls gebe es starke Kräfte, die sich dafür einsetzten und bereits die Werbetrommeln rührten. „Selbstverständlich lügen sie dem Bürger und der Bürgerin die Hucke voll“, sagte Stubenrauch, als sei es auch für uns selbstverständlich. „Sie faseln von Modernisierung, Begegnungsstätten, Fußgängerparadiesen, aber sie meinen Parkplätze, Konsumräusche und hohe Mieten.“ Wobei ein gehöriger Batzen des großen Geldes schon gleich zu Anfang durch die beteiligten Planungs- und Baufirmen gemacht werde, eben durch Entwürfe, Abbrüche und Neubauten. „Und nun dürft ihr dreimal raten, wer sich bei der Nachricht von dem bedauerlichen Brand bei Wegener die Hände gerieben hat, daß nur so Funken stieben ..!?“ zwinkerte Stubenrauch abschließend in die Runde.

Bubu Hörnchen war mal wieder am schnellsten. „Die Baumafia!“ krähte er freudestrahlend.

„Du sagst es, mein lieber Junge“, nickte Stubenrauch und klopfte ihm theaterreif die Schulter.

Der alte Mann teilte uns ferner mit, er habe am Vormittag bereits mit Klünder telefoniert. Für diese Woche sei der Agitator in Vessel unabkömmlich, doch in der nächsten Woche werde er wohl vor Ort erscheinen. Fest stehe jedenfalls, man müsse etwas unternehmen, wenigstens Nachforschungen anstellen und einen Artikel schreiben. Darin seien sie sich einig.

Nach einer halben Stunde mußten wir uns von Stubenrauch verabschieden, weil wir Wulles Mittagsruhe-Kredit nicht überziehen wollten. Wir nahmen den Rückweg über die Vesseler Straße. Das war damals noch vergleichsweise gemütlich und ungefährlich, obwohl sie schon immer Karlskirchens Hauptstraße war. Sie streifte den Untermarkt an der rathausfernen Seite und führte dann, als Korbacher Straße, wieder aus der Stadt. Dereinst mit grauen Kopfsteinen aus Basalt gepflastert, war sie inzwischen asphaltiert worden. Bog ein Pferdefuhrwerk aus Gut Gleim oder aus anderen Höfen, lief es aber noch nicht Gefahr, von einer hochbeinigen, 200 PS starken sogenannten Geländelimousine in Rübenmatsch verwandelt zu werden. Mitten auf der Fahrbahn verlief das Gleis der einzigen kreisstädtischen Straßenbahnlinie; man sieht es heute nur noch auf mehr oder weniger vergilbten Ansichtspostkarten. Die Bahn fuhr einfach hin und her. Man konnte zum Beispiel am Untermarkt, an der Stichstraße zum Bahnhof oder eben an der Post aussteigen. Aus gelbem Backstein gemauert, lag die Post dem Hof Wegener, auf dem sich gegenwärtig der dösende Dicke von der Feuerwehr die letzten Schweldämpfe reinzog, schräg gegenüber.

Just an der Post hatte Adrian eine ihn beinahe auflösende Erscheinung. Er hielt überrascht inne und murmelte unter leichtem Erröten:

„Verdammt, da kommt Jutta ..!“

Sie kam aus der Post. Da er nicht schüchtern war, errötete er vermutlich hauptsächlich wegen des pfadfinderhaften Aufzuges, in dem sie ihn hier ertappte. Als sie ihn erkannte, machte sie aber gute Miene zum bösen Spiel. Sie ließ uns lächelnd herankommen und gab uns sogar reihum die Hand. Wir hatten keine Ahnung, wer sie war. Aller-dings hatten wir ja Augen im Kopf. Sie war mindestens 20 und eine überaus flotte Biene mit rotblonder, fransiger Ponyfrisur. Wie sich herausstellte, kannte sie den Unterprimaner Adrian von einem Tanzvergnügen in Vessel her, wo sie bereits auf die Universität ging. Sie studierte Medizin. Ihr Elternhaus stand jedoch in Karlskirchen – und eben in diesem sollte zufällig am kommenden Samstag eine kleine Party steigen, zu welcher Juttas Busenfreundin, eine gewisse Beate, aus Anlaß ihres Geburtstages lud. Juttas Eltern weilten nämlich gegenwärtig urlaubsweise in der Toscana.

„Na, Mensch!“ boxte sie unseren feschen Bartträger in die Seite. „Komm doch einfach mal vorbei – falls sie dich auf der Burg nicht anbinden ..!“

Dabei machte sie ihm schöne Augen und streifte Bubu Hörnchen und mich zugleich mit einem nachsichtigen Kindergärtnerinnenblick.

Wie sich versteht, sagte Adrian gerne zu. Er ließ sich die Adresse nennen und sah sich noch mehrmals nach Jutta um, während wir mit beschleunigten Schritten auf den Untermarkt zuhielten. Sie winkte! Sie hatte sich elegant auf ihr Fahrrad geschwungen und entfernte sich nun auf der Vesseler Straße Richtung Amtsgericht.

„Was für eine Ziege!“ stöhnte Bubu Hörnchen.

„Vollidiot!“ fuhr Adrian ihn an.

3

Das beherrschende Blatt der Region war die Vesseler Post. Zwar brachte sie in den nächsten beiden Tagen, Freitag und Samstag, in ihrem Inneren zunächst einen größeren Bericht, dann noch eine Notiz über das Feuer in Karlskirchen, deutete jedoch mit keinem Komma dessen möglichen Hintergrund an, also den geplanten Kahlschlag in Karlskirchens Altstadt. In der Notiz hieß es, die Polizei nehme inzwischen an, ein Defekt in den Stromleitungen habe das trockene Heu oder Stroh in der Scheune entzündet. Gerüchten über Brandstiftung sei sie entgegen getreten; dafür gebe es keine Anhaltspunkte. Damit war das Thema erledigt.

Ich fürchte freilich, die Sicht des Wangenburger Dreigestirns auf die Hintergründe war nicht wesentlich ausgeprägter und schärfer, um es einmal zu bekennen. Was Adrian, Bubu Hörnchen und mich in städtebaulichen Fragen leitete, dürfte ein etwas romantischer Dunst gewesen sein, der aus mittelalterlichen Lindenhainen und Marktbrunnen, nicht dagegen aus Misthaufen, nie gereinigten düsteren Bergfriedverliesen und durch Gerbereien verseuchten Bächen stieg. Den Ratten als Pestboten zogen wir festlich geschmückte Rosse vor. Aber gerade die Fragwürdigkeit des ganzen modernen Verkehrswesens, das die Welt mit den Bannern „Freiheit“, „Mobilität“ und „Geschwindigkeit ist keine Hexerei“ betörte und täuschte, hatten wir nicht die Bohne begriffen. Adrian war bereits bei einer Vesseler Fahrschule angemeldet, und für eine knallrote Isetta, wie Klünder sie fuhr, hätte er seine eigene Großmutter verkauft. Dann wäre es mit dem süßen Kürbis, den seine Oma köstlich einzukochen verstand, vorbei gewesen. Die gleiche Auswirkung hätte es gehabt, wenn Oma beim Verlassen der Straßenbahn von einem viertürigen schwarzen Daimler, in dem der Vesseler Oberbürgermeister gerade Akten las, getötet oder auch nur ihrer beiden Arme beraubt worden wäre. Das war alles einkalkuliert. Ihr Enkel wäre derweilen – während sie verkrüppelt in der Sofaecke saß – mit seiner Isetta von einer Stechuhr zur nächsten und des abends von einer Party zur nächsten geeilt. Die Leute, die die Fabriken des Fortschritts betrieben und gesetzlich abfederten, wünschten weder eine gesunde noch eine egalitäre noch eine sinnerfüllte – sie wünschten die „autogerechte“ Stadt. Ihr Goldesel hieß Kraftfahrzeug-produktion, Straßenbau, ständiger „Modellwechsel“. Man ziehe einmal von der heutigen Welt alles ab, was der Mästung dieses Goldesels dient – sie bräche auf der Stelle zusammen.

In der offiziellen gedruckten Karlskirchener Stadtge-schichte, erschienen 1990, wird der Brand von 1966 immerhin nicht völlig unterschlagen. Es hat ihn also gegeben. „Scheinbar“, so der Verfasser des Werkes in makellosem Deutsch, habe das Unglück „den auslösenden Faktor für den Beginn der Flächensanierung“ dargestellt. Anscheinend war der Verfasser verhindert, die Sache näher zu untersuchen. Er weiß nur, der Magistrat verweigerte Wegeners eine Wiederaufbaugenehmigung und kaufte ihnen den verkohlten Hof freundlicherweise ab. Zwei Jahre später beschloß der Magistrat, für den ganzen Streifen zwischen Untermarkt und Amtsgericht einen Bebauungsplan zu erstellen. „Von entscheidender Bedeutung war auch der Besuch des damaligen Bundeswohnungsbauministers Dr. Lauritzen, der in Karlskirchen die Voraussetzungen für ein Studien- und Modellvorhaben gegeben sah und daher die Gewährung öffentlicher Mittel zusagte.“ Jurist und Sozialdemokrat Lauritzen war einst in Vessel Oberbürgermeister gewesen; noch früher Mitglied der SA und des NS-Rechtswahrer-bundes.

Die zielstrebige Zerstörung von einigen tausend deutschen Altstädten um 1970 wird keinen Richter finden. Es war alles legal. Soweit es Karlskirchen betrifft, erhob sich im Ergebnis anstelle des abgebrannten Hofes alsbald ein achtstöckiger Klotz aus Waschbeton, das neue „Verwaltungsgebäude“ der im Zuge einer (zentralisie-renden) „Gebietsreform“ um soundsoviele Dörfer erweiterten Stadt. Gleich nebenan, anstelle des Guts, entstand ein sogenanntes „Einkaufszentrum“, damit die DörflerInnen in ihrer Wartezeit (Nummern ziehen) auch etwas Sinnvolles zu tun hatten. Die Untergasse wurde „Fußgängerzone“. Die erforderlichen, teils unterirdischen Parkplätze liegen gleich hinter den neuen Klötzen. Der unterirdische Abschnitt dient nun der Karlskirchener Jugend als „Begegnungsstätte“ – mal mit, mal ohne Messer.

4

Wulle hatte Adrian für den Samstagabend bis 23 Uhr Ausgang bewilligt. Wir staunten, denn in der Tat traf unser Ältester nur leicht verspätet, im übrigen erwartungsgemäß vom Aufstieg kurzatmig und vom Alkohol wankend, in der Kothe ein. Wir drehten sogleich den Docht unserer Petroleumlampe höher. Auf Adrians verknittertem Gesicht waren keine Lippenstiftspuren zu entdecken, und trotzdem flackerte Triumph aus seinen getrübten Augen. Er ließ sich ächzend gegen den unförmigen Rucksack am Kopfende seines Schlafsacks sinken, musterte uns ebenfalls, machte wegwerfende Handbewegungen und jammerte:

„Auweia, auweia, eigentlich dürfte ich ja gar nichts
sagen ..!“

Es war die übliche, nebenbei auch von Wulle beherrschte Tour, die Mitstreiter oder Schützlinge auf die Folter zu spannen. Sömmerich ging gern darauf ein. Man wird Nachsicht aufbringen, wenn er es auf seine bekannte unverblümte Weise tat.

„Also“, sagte Sömmerich. „Während die Meute im Wohnzimmer twistete, hast du diese Jutta ins Badezimmer gezogen und auf dem Eisbärenfell gevögelt. Da du aber mit den Haxen gerudert hast wie ein Irrer, ging das kostbare Waschbecken zu Bruch. Und jetzt verlangt die Biene Schadenersatz – war es so ..?“

„Quatsch mit Soße!“ winkte Adrian wütend ab. Wahrscheinlich hatte er noch nicht einmal ein Küßchen ergattert. Dann fügte er bedeutungsvoll hinzu: „Ich habe die Bekanntschaft des erfolgreichen Jungunternehmers Erik Zülpmann gemacht!“

„So ein hübscher Blonder mit Pfirsichhaut?“ krähte Bubu Hörnchen. „Dann hast du also ihn gevögelt ..?“

„Quatsch mit Soße!“ wiederholte Adrian. „Er ist nicht blond. Er ist kaum älter als Jutta, aber bereits der Juniorchef bei Zülpmann. Der Name wird euch ja wohl etwas sagen, schließlich steht er in dieser Gegend auf jedem zweiten Baustellenschild und auf jedem dritten Laster. Sie hätten über 140 Beschäftigte, hat Erik geprahlt. Aber das war ja noch harmlos!“

„Was war harmlos?“ wollte ich wissen.

Adrian verdrehte die Augen. „Die Prahlerei mit der Baufirma! Aber der geschniegelte Bursche trank immer mehr; dann kam die Rede auf den Brand bei Wegener – und nun haltet euch fest: ihr werdet's nicht glauben, was er plötzlich vor mindestens fünf Leuten von sich gab!“

Wir hielten uns fest.

„Er erklärte mit überlegenem Lächeln, selbstverständlich sei dieser Brand weder Naturereignis noch Zufall gewesen. Wer in der Lokalpolitik mitmischen wolle, müsse zur rechten Zeit die Initiative ergreifen. Er wollte noch mehr sagen, doch da zupfte ihn so eine scharfe Braut, wohl seine eigene, am aufgerollten Hemdsärmel, und er beließ es beim Grinsen. Bald darauf schleppte sie ihn auf die Straße. Ich verfolgte es vom Balkon aus. Er wollte in seinen beigen Karmann Ghia steigen, was die Braut nicht zuließ. Dann kam schon das Taxi, das sie offensichtlich bestellt hatte, und darin entschwanden sie gemeinsam.“

Wir waren durchaus beeindruckt, vor allem von dem Karmann Ghia, und schwiegen zunächst entsprechend andachtsvoll. Nach einer Weile nahm ich jedoch die mageren Ansätze meines Scharfsinns beim Schlawittchen und murmelte in Adrians Richtung:

„Mitmischen … Initiative ... Sagtest du so ..?“

„Ja, sicher“, knurrte er.

Ich schüttelte meinen Kopf. „Das sagt alles und nichts. Das sind verwaschene Redensarten, keine Beweise!“

„Ja, sicher!“ wiederholte Adrian wütend. „Die Beweise müssen besorgt werden! Jedenfalls haben wir dafür jetzt einen Anhaltspunkt, eben die Firma Zülpmann. Morgen nach dem Frühstück, ehe wir die Tour zum Wolfsberg antreten, werde ich unverzüglich mit Stubenrauch telefonieren. Dann werden wir weitersehen. Oder habt ihr eine bessere Idee?“

Hatten wir, zugegeben, nicht. So alberten wir nur noch etwas herum, bevor wir, Adrian voran, in Schlaf fielen.

5

Gottseidank war Wulle Wolters kein Aufpassertyp. Er hatte noch viele andere Qualitäten, wie wir gleich sehen werden. Nachdem er Adrian am Sonntagmorgen das Büro der Wangenburg aufgeschlossen hatte, verzog er sich selbstverständlich wieder in den Hof, wo sich knapp 30 Jungenschaftler bereits um die besten Fahrräder balgten.

Stubenrauch war über Adrians Nachrichten hocherfreut. Er werde gleich seinerseits mit Klünder telefonieren, um dessen Anreise vielleicht zu beschleunigen. Er ließ sich von Adrian bestätigen, im Büro der Wangenburg höre gerade niemand mit, und schärfte ihm ein, die Sache habe auch streng „unter uns“ zu bleiben, also dem Quartett aus der Kothe an der Mauer und ihm selbst. Jede „undichte Stelle“ werde gnadenlos geteert, gefedert und gevierteilt, möge er uns anderen mitteilen. Nichts tat Adrian lieber.

Wir hatten inzwischen einen recht flotten Renner mit Kettenschaltung für ihn erkämpft. Die Anschaffung von mindestens 30 gebrauchten Fahrrädern für die Wangenburg war vor einigen Jahren just von Wulle betrieben worden. Gelernter Schlosser, überwachte er auch die Wartung der Flotte und hielt uns bei Freizeiten in regelrechten Kursen zur Pflege und Reparatur der Räder an. Wir benutzten die Räder gern und nicht selten. Ins Karlskirchener Schwimmbad, das wir von der Westseite der Burg aus nahebei in den Wiesen glitzern sehen konnten, gingen wir natürlich zu Fuß. Gepflegt, wie sie waren, hätte man uns die Räder doch nur gestohlen. Auch bei den Geländespielen, die wir alle paar Tage durchführten, wären sie eher hinderlich gewesen. Hier kam es aufs Anschleichen, Hakenschlagen, Sichunsichtbar-machen an. Aber an diesem Sonntag zum Beispiel trugen uns die Räder über rund sieben, mit einigen Landstraßen-buckeln gespickten Kilometer zum Wolfsberg hinaus, wo uns eine naturgeschützte Flora & Fauna, vor allem aber die Künstlerin Ortrun Kramm und deren Streuselkuchen erwarteten. Das war die Anstrengungen der letzten paar hundert Meter am Wolfsberg selber durchaus wert.

Der Ausflug war auf Anregung des Dreigestirns bereits vor dem Brand vereinbart worden. Wir kannten Kramm zu diesem Zeitpunkt noch nicht persönlich, aber ansonsten natürlich bestens von Klünder her, ihrem Vesseler Geliebten. Sie hatte sich am Telefon sofort bereit erklärt, uns gastlich zu empfangen. Sie könne sich sogar vorstellen, gemeinsam mit ihrer Wohngenossin Irene einige Bleche Kuchen zu backen. So sprach Wulle mit unserer Köchin ab, es gebe den Sonntagsbraten erst abends, und garantierte Kramm unbesehen den Ankauf irgendeiner kleinen Grafik aus ihrer Produktion – sozusagen als Entgelt für die Mühe und die Unkosten, die sie mit der Kaffeetafel und dem ganzen Budenzauber haben werde, den fast 30 Halbwüchsige so gern bei „interessanten“ fremden Leuten zu veranstalten pflegten.

Kramm bewohnte das einzige freistehende, wenn auch ziemlich versteckte Haus, das der Wolfsberg zu bieten hatte. Man erreichte es vom gleichnamigen Dorf aus, das sich an den Berghang schmiegte, über einen holprigen Fahrweg, der die mit Basaltfelsen gespickte Kuppe des seit einigen Jahren offiziell naturgeschützten Berges ringförmig umschloß. Bis dahin, zu diesem Ringweg, mußte man sein Fahrrad freilich erst einmal durchs halbe Dorf schieben. Es ging steil bergauf. Sömmerich gedachte voll keuchender Bewunderung des Schildermalers und Schaufenstergestalters Kurt Kramm, von dem wir ihm bereits erzählt hatten, Ortruns Erzeuger also. Er war der Kauz des Chattengaus gewesen. Ein Auto hätte er sich weder leisten können, noch hätte er eins gewollt. Wahrscheinlich hatte er seinen angerosteten, von einem Postboten übernommenen Drahtesel mit dem geschwungenen Lenker und den beiden ausladenden Gepäckträgern hinten und vorn auf seinen freiberuflichen Arbeitswegen um 7.000 mal zu seinem Häuschen hinauf geschoben, ehe er, angeblich aus ganz anderen Gründen, einem jähen Herzversagen erlag. Die kleine Ortrun hatte, was die bergsteigerischen Strapazen angeht, Glück gehabt, wuchs sie doch unterdessen bei ihrer Großmutter in Karlskirchen auf. Sie besuchte ihren Vater nur öfter. Als er unter die Erde kam, übernahm sie das Häuschen, das er sich buchstäblich vom Mund abgespart hatte, und renovierte es erst einmal gründlich.

Am Nachmittag würden wir selbstverständlich auch der felsigen Bergkuppe noch einen Besuch abstatten – zu Fuß beziehungsweise auf allen Vieren. Man konnte da leuchtend blau blühenden Enzian bewundern oder den Blick bis zum fernen Fritzlarer Dom schweifen lassen, der einst ersatzweise für die von Mönch Bonifatius gefällte heidnische Donar-Eiche errichtet worden war. Aber zuvor mußten wir uns stärken – bei Kurt Kramms Tochter. Von der Landstraße aus war ihr Häuschen kaum zu sehen. Es lugte mit einem schiefergedeckten Walmdach aus einer wahren Wildnis von überalterten Obstbäumen hervor. Im Dachgeschoß zeigte es Fenstergauben, im Keller, zum Südhang hin, sogar Türen. Ortrun teilte es sich mit ihrer eher dürren, zäh wirkenden Freundin und Kollegin Irene, weil es gar nicht so winzig war, wie wir zunächst angenommen hatten. Die 33jährige Dürre betätigte sich als Bildhauerin. Beide Frauen wurden von einem langhaarigen weißen Köter bewacht, angeblich ein Kuvasz, auf deutsch ein „Ungarischer Hirtenhund“. Er hatte das guteingezäunte, recht ausgedehnte und versteckreiche Hanggrundstück gleichsam für sich allein. Dafür hatte er erfreulicherweise Hausverbot, wie wir später erfuhren. Als wir über den Ringweg vor dem Häuschen eintrafen, zeigte sich, daß der Köter auf zwei Beinen ungefähr so groß wie ein Eisbär oder so hoch wie der Maschendrahtzaun war. Aber Frau Kramm scheuchte ihn hangabwärts. Dann hieß sie uns herzlich willkommen.

Sie gefiel uns allen auf Anhieb, Wulle wohl nicht ausgeschlossen. Durch ihre ausgeprägten Wangenknochen und leicht mandelförmigen Augen hatte die Malerin einen slawischen oder gar schwarzmeerischen Zug; dazu recht volle Brüste. Sie bewegte sich leichtfüßig, obwohl sie gegen Bubu Hörnchen eine Hünin war.

Ein gutes Stündchen, aber mehr auch nicht, verbrachten wir damit, das Grundstück sowie die Ateliers der beiden Frauen und ihr Werke zu besichtigen, soweit diese anwesend waren. Das Grundstück wurde von einem Quellbach mit gutem Wasser, vom Dorf her mit Strom versorgt. Bildhauerin Irene schweißte aus kleineren Schrotteilen an Menschen erinnernde Figuren zusammen, die zugleich viel Komik und viel Melancholie hatten, wie ich heute sagen würde. Von ihnen war besonders Wulle begeistert – kein Wunder, als Schlosser. Am liebsten hätte er eine von diesen verrosteten Figuren für die Wangenburg gekauft. Aber nun hatte er ja am Telefon bereits Kramm versprochen, eine Zeichnung oder gar ein kleines Gemälde von ihr zu erstehen und irgendwo auf der Wangenburg bestens zu plazieren. So sah er sich an den Wänden ihres Ateliers und des ganzen Hauses pflichtbewußt um, bis er schließlich auf ein nichtfarbiges, geheimnisvoll unscharf radiertes Blatt zurückkam, das in der Wohnküche der beiden Frauen, mit anderen Werken, über der gepolsterten Eckbank hing. Laut handschriftlicher Unterzeile hieß es Sonntagnachmittag. Beherrschend war eine düstere Mietskaserne im Hintergrund, vor der sich ein zeltartig bedachtes Kinderkarussell drehte. Ein halber hölzerner Wohnwagen mit rauchendem Ofenrohr und ein paar Leute, die den Kreis-Ritt der Kinder verfolgten, waren auch noch zu sehen. Das Bild strahlte eine zwiespältige Armseligkeit aus, die jeden, der kein Ofenrohr war, ziemlich anrühren mußte. Wulle nickte darauf und sagte:

„Das gefällt mir eigentlich noch am besten. Was würde es kosten?“

Die beiden Künstlerinnen sahen sich mit großen Augen an, sanken auflachend gegeneinander und schüttelten sich kichernd. Wulle war natürlich verwirrt und wartete auf eine Erklärung.

„Ihr Geschmack ist unfehlbar, Herr Wolters“, prustete Kramm. „Es ist das einzige Bild im ganzen Haus, das nicht von mir oder Irene stammt!“

Es stammte von einem gewissen Willy Hallstein, einem um 1920 in München wirkenden Onkel von Kramms Vater. Dieser wiederum hatte das Geschenk seines Onkels, durch Jahrzehnte, an genau demselben Platz über der Eckbank in Ehren gehalten. Verständlicherweise war es unverkäuflich. Und selbst wenn, hätte Wulle schätzungsweise, so Kramm, „mindestens 7.000 Mark“ auf den Küchentisch legen müssen, das überschreite vermutlich unser Budget.

Nachdem er seine Verlegenheit überwunden hatte, entschied sich Wulle für ein farbiges aquarelliertes Blatt, das Kramm, schon wieder etwas irreführend, als „Stilleben“ ausgab. Man sah einen Blumenstrauß, der auf seinem runden Tischchen geradezu zu tanzen schien. Dafür machte Wulle – genauer: der CVJM-Gesamtverband – 200 Mark locker. Seitdem hängt im Speisesaal der Wangenburg ein echter „Kramm“ an der Wand.

Der Streuselkuchenschmaus fand auf dem kleinen ebenerdigen Platz vor den Kellertüren des Hauses im Gras statt. Günstigerweise verfügten die beiden Frauen über einen Vorrat an Baumstämmen und Balken zum Brennholzmachen, die wir nun als Sitzbänke so anordneten, daß die Vesseler Jungenschaft die Wolfsberger Kuchenplatten und Kaffeekannen umzingeln und tüchtig belagern konnte. Die Kaffeebecher hatten wir mitgebracht. Den Eisbär des Hauses, der hechelnd unter einem nahen Holunderbusch im Schatten lag, erklärten wir zum Gralshüter. Er bekam Wasser. Irene zog sich schon nach einem Stück Streuselkuchen in ihr Atelier zurück, weil sie an einem termingebundenen Entwurf für einen Brunnen der Stadt Volkmarsen arbeiten wollte. Als es einmal im Haus geklingelt hatte, steckte sie aber ihren Kopf aus dem Küchenfenster und teilte Ortrun mit, Klünder komme bereits am Dienstag, wohl gegen Mittag. Ortrun möge den Besuch von ihm grüßen, besonders Olli, Adrian und Bubu Hörnchen. Falls die Letzteren Nachrichten für ihn hätten, wüßten sie ja, wo sie anrufen könnten, eben bei Kramm. Ansonsten käme er spätestens am Mittwoch einmal auf der Burg vorbei, am besten zum Mittagessen, falls unser Häuptling Wolters nichts dagegen habe. Hatte er natürlich nicht.

Bald darauf erkundigte sich Wulle bei Kramm nach dem Anstoß seiner Schmach, jenem Onkel ihres Vaters, Willy Hallstein. Dessen Hauptfach war die Satire gewesen. Er habe regelmäßig für die bekannte, in München erscheinende Zeitschrift Jugend gearbeitet, erklärte Kramm. Leider sei er schon mit 35 gestorben, „ich glaube, an Tuberkulose oder so“. Das war 1923. Deshalb habe er das neue Domizil seines Neffens auf dem Wolfsberg beim besten Willen nicht mehr aufsuchen können. Zu seinen witzigen Eigenarten könne man auch die Angewohnheit zählen, seine menschlichen Figuren oft überlang zu gestalten. Das habe offensichtlich mit seiner eigenen, eher leidvollen Körpergröße zusammen gehangen, die gar keine gewesen sei. Er habe, noch als 35jähriger, keine anderthalb Meter gemessen, habe ihr Vater ihr versichert.

Adrian rieb sich betroffen seinen Bart. „Mit 35 war er schon mausetot ..?“

„Ja“, erwiderte Klamm und fügte mit einem Seitenblick zu Wulle hinzu: „Da könnte natürlich so mancher an der Gerechtigkeit Gottes zweifeln, wenn er an all diese Frühverstorbenen denkt … Zu Hallstein kommt die Tuberkulose; seinen Zeitgenossen Picasso verschmäht sie – er wurde über 90 ...“

Wulle nahm es ihr nicht übel. Er wog sein tadellos rasiertes, länglich geformtes Haupt und räumte nach einer Weile ein, solcher Zweifel sei sicherlich verständlich und zulässig. Er selber glaube jedoch, Gott werde schon irgendwie für einen Ausgleich sorgen. Unsere winzige irdische Lebensspanne sei kein geeigneter Maßstab für Glück oder Pech.

Sömmerich, neben Bubu Hörnchen auf einem Stammstück thronend, hatte den Hinweis auf Hallsteins Kleinheit nicht vergessen. „Na hörst du es, Bubu!“ platzte er jetzt heraus und klopfte ihm den mageren Rücken. „Es gibt immer Ausgleich! Im Himmel oder in deinem nächsten Leben wirst du zu den Riesen zählen, dann haust du uns alle in die Pfanne ..!“

Über diese kombinationsstarke Schlagfertigkeit mußte sogar Wulle lachen. Auch ich lachte, Olli genannt. Hätte ich damals geahnt, daß Klünder schon in knapp zwei Wochen mit 10 Jahren weniger als Hallstein von der Erde abberufen würde, hätte ich wohl kaum gelacht.

6

Am Mittwochmittag traf Klünder pünktlich zur Essenszeit auf der Burg ein. Wie sich versteht, kam er weder zu Fuß noch per Fahrrad. Solche Zeitverschwendung konnte er sich als vielbeschäftigter Agitator, Journalist und Liebhaber nicht leisten. Aber die „aufgeblasene Erdbeere“, wie Sömmerich sie nannte, konnte er sich leisten. Wer nicht im Bilde ist: Bei Klünders knallroter BMW Isetta handelte es sich um ein zweisitziges Wägelchen mit 13 PS und Fronteinstieg. An eine Erdbeere erinnerte es nur, wenn die einzige Wagentür geschlossen war. Dies war im Fahrbetrieb zumeist der Fall, weil in der Tür auch das Lenkrad saß.

Nach dem Essen umschnürte die halbe Lagerbesatzung Klünders Gefährt, während er selber im Verein mit Adrian, Bubu Hörnchen und mir den von alten Kastanienbäumen beschatteten Hohlweg zur Schloßruine hinaufstieg. Unsere Kothe war uns für eine Stabssitzung in doppelter Hinsicht zu heiß. Überdies hatte man von der Ruine aus die Karlskirchener Firma Zülpmann im Blick. Das florierende Hoch- und Tiefbauunternehmen hatte sich am Südfuß des rundum bewaldeten Schloßberges mit anderen Firmen am Rande eines Neubaugebietes niedergelassen. Einige Baukräne überragten, neben Kieshaufen und Palettentürmen, eine ausgedehnte Halle sowie ein Verwaltungsgebäude von der Größe eines Acht-Familien-Hauses.

Vom Karlskirchener „Schloß“ – auch nur eine Burg – war schon seit Jahrhunderten nicht mehr viel übrig: der Stumpf des Bergfriedes, ein paar Keller- und Mauerreste und vier Papierkörbe für die leeren Lakritz- oder Gummibärchentüten der nordhessischen Schulklassen. Als wir uns auf einem Überrest der Südmauer ausruhten und das Kommen und Gehen auf dem Zülpmann-Hof beobachteten, hatte uns Klünder bereits mit Vorträgen über die Stadtsanierung im allgemeinen und die korrupte Bande, die das alte Karlskirchener Rathaus beherrschte, im besonderen überzogen. Das Rathaus am Untermarkt, keine 100 Jahre alt, war mit Säulen und einem Glockentürmchen als Dachreiter bewehrt. Nur über den Brand, den entscheidenden Vorfall also, hatte Klünder bislang nichts Handfestes herausgebracht. Man sah ihm an, es wurmte ihn, und ich weiß noch, daß ich dachte: hoffentlich bekommt er kein Magengeschwür. Wir schwiegen eine ganze Weile und fragten uns vermutlich allesamt, wie man nur an „beweiskräftiges Material“ kommen könne, um es mit Klünder zu formulieren.

Bubu Hörnchen hatte einen geräumigen weißlackierten Personenwagen beobachtet, der gerade bei Zülpmann vorfuhr, und sagte: „Netter Schlitten. Wohl ein Opel Kapitän. Das nächste Mal muß ich mir Sömmerichs Feldstecher ausleihen.“

Adrian stutzte, verkniff die Augen und erwiderte: „Sagtest du ausleihen ..? Ja, genau das ist es ... Wir müssen dem Juniorchef eine Falle stellen!“

Er dachte noch etwas über seine Erleuchtung nach, dann erläuterte er: „Jemand gibt sich telefonisch als auswärtiger Immobilienhändler aus. Er hat von den Sanierungsplänen gehört, 'sehr verlockend das'; er könne sich vorstellen, in Karlskirchen als Investor groß einzusteigen. Nun habe er gerade in Vessel zu tun, ob er morgen mal eben vorbeikommen dürfe? Selbstverständlich fährt er nicht in so einer knallroten Nuckelpinne vor, wie gewisse abgebrannte Journalisten. Es gibt ja Mietwagen. Er unterhält sich also da unten in dem schönen Firmenge-bäude mit dem lieben Erik und horcht ihn dabei geschickt aus. So könnte er etwa beiläufig sein Wohlgefallen über das 'kleine Feuerwerk' auf dem Bauernhof ausdrücken. Zülpmann läuft zunehmend das Wasser im Munde zusammen; er wittert in dem Besucher den großen Fisch, mit dem man prahlen und den man auch ein bißchen ausnehmen kann, und so plaudert er und macht Versprechungen und schüttelt dem Mann zum vorläufigen Abschied die Flosse, daß es kracht. Wie sich versteht, hat der 'Immobilienhändler' vorgebaut! Schließlich konnte er sich denken: nach meinem ersten Anruf forscht Zülpmann seinerseits erst einmal telefonisch nach. Zülpmann ruft also zurück – und prompt sitzt da eine gewandte weibliche Bürokraft am anderen Ende, die ihm mit Bedauern erklärt, ihr Chef sei gerade geschäftlich unterwegs, ob sie ihm etwas ausrichten solle? Und so weiter. Natürlich präsentiert der Besucher Zülpmann auch diverse hochglanzpolierte Unterlagen nebst Visitenkarte – alles gefälscht, alles nur macht- und selbstbewußt so eben an Zülpmanns Nase vorbeigefächelt, während er selber, der Besucher, redet wie ein Buch und souverän den Mann von Welt markiert. Er kann die Unterlagen auch gerne dalassen – nach ihm die Sintflut. Ihm kommt es ja nur auf Zülpmanns mehr oder weniger deutliche Äußerungen über die Brandstiftung und über die Seilschaften in Karlskir-chens 'Elite' an. Ich hoffe, ihr konntet mir folgen ..?“

Die durchaus christliche Beruhigung nach uns die Sintflut sollte sich leider als Trugschluß erweisen, wenn auch nur aufgrund eines dummen Zufalls. So weit waren wir aber noch nicht. Wir hatten Adrian gebannt zugehört, warfen uns nun mit verstülpten Lippen anerkennendes Nicken zu und durchdachten seinen Plan. Besonders Klünders Augen waren immer größer geworden. Wer ihn kannte, konnte darauf wetten, daß er bereits begierig in die Traumrolle geschlüpft war, die Adrian umrissen hatte. Wer außer ihm, Klünder, hätte schon das erforderliche Alter und das erforderliche Zeug für diese Rolle gehabt?

„Dickes Ding!“ brach Bubu Hörnchen das Schweigen. Dann nickte er auf Klünder: „Aber wenn er das machen soll – laufen wir nicht Gefahr, er wird erkannt? Er stammt doch von hier und hat seine Braut hier!“

Klünder lächelte, schüttelte seine lange schwarze Mähne und winkte ab. „Die erkennen mich nie! Mit Ortrun war ich bislang höchstens dreimal in der Stadt; Pressefotos, auf denen ich zu sehen wäre, gibt es nicht; und davon einmal abgesehen, würde ich mich selbstverständlich gründlich umfrisieren.“

Ich lehnte mit verschränkten Armen an der Mauer. Jetzt schüttelte ich meinen Kopf. „Alles schön und gut, meine Lieben – aber wo wäre denn die 'Beweiskraft' dieser sorgsam eingefädelten Unterredung? Zeugen wird Erik nicht zulassen, so dumm ist er ja nicht. Folglich kann er alles abstreiten und den selbsternannten 'Immobilien-händler' als Verrückten hinstellen … Ist er ja auch“, fügte ich mit lauerndem Seitenblick auf Klünder hinzu.

Er saß mit dem Rücken zum Talgrund auf der Mauer und ließ die Beine baumeln. Während Adrian ein langes Gesicht machte, grinste Klünder aber im Gegenteil und trat sogar neckisch nach mir aus. Dann stach er triumphierend seinen Zeigefinger auf mich:

„Wenn du dich da mal nicht geirrt hast, mein Freund! Klünder wird schon für die 'Beweiskraft' sorgen! Er hat nämlich gute Beziehungen zu einem Vesseler Filmemacher, der sich bestens mit Tonaufzeichnungen auskennt und wahrscheinlich auch alle erforderlichen Geräte herausrücken kann. So ein modernes tragbares Gerät von Uher zum Beispiel ist nicht größer als Adrians Kofferradio. Es paßt in jede Aktentasche. Natürlich arbeitet es geräuschlos, sonst wäre es kaum für Filmaufnahmen tauglich. Man muß nur noch eine geschickte Anbringung des Mikrofons austüfteln. Was tun wir also, wenn sich dein bester väterlicher Freund mit dem lieben Erik unterhält, Bubu Hörnchen ..?“

„Wir schneiden den ganzen Sermon heimlich mit!“

„Du sagst es, mein Sohn“, zwinkerte Klünder und klopfte ihm, wie kürzlich schon Stubenrauch, die magere Schulter.

Wir gaben zu, die Idee war nicht schlecht. An mögliche rechtliche oder gar gewalttätige Folgen verschwendeten wir so wenig Gedanken wie Klünder selbst. Ich hatte nur noch Bedenken wegen der Kosten. Wer das alles bezahlen solle, wollte ich von Klünder wissen: den Mietwagen, den Filmemacher, die piekfeinen Klamotten, den Frisör nicht zu vergessen ...

Aber er winkte ab. „Erstens bekomme ich für einen guten Hintergrundbericht von der FR ein vergleichsweise üppiges Honorar, drei- oder vierhundert Märker, schätze ich. Zweitens können wir die Rechnungen über gewisse Vereine laufen lassen, mit denen sich der Vesseler SDS schon immer gut versteht. Ich sehe in dieser Hinsicht keine Probleme.“

Wir waren beruhigt und setzten uns auf Klünders Wunsch hin wieder in Bewegung. Er wollte noch zu Stubenrauch. Auf dem Rückweg zur Burg versprach er, uns telefonisch zu benachrichtigen, ob er die Verabredung mit Zülpmann hinbekommen habe und wann sie stattfinden würde. Wenn irgend möglich, wollten wir uns nämlich von der Burg loseisen und erneut an der Südmauer auf dem Schloßberg Stellung beziehen, dieses Mal jedoch mit Sömmerichs Feldstecher bewaffnet. Dagegen sei nichts einzuwenden, meinte Klünder leidenschaftslos, wenn wir uns nur ordentlich bedeckt und im übrigen weiter die Schnäbel hielten. Im Grunde seines Herzens war er von unserem Wunsch vermutlich begeistert. Schließlich wären Augenzeugenberichte nützlich, wenn er dereinst mit seinen Enkeln bei Heißer Schokolade und Eis säße und ihnen auch noch das Husarenstückchen vom Südfuß des Karlskirchener Schloßberges auftischte.

7

Am Freitag bekam ich das Eis. Auf Durchreise nach Korbach, wo ein Kollege meines Vaters irgendein Jubiläum feierte, machten meine Eltern Zwischenhalt in Karlskirchen und luden mich in die Eisdiele am Obermarkt ein. Immerhin, auf die Burg hatten sie gar nicht gewollt. Ich war ja eigentlich der Ansicht, ich hätte meine Eltern schon eher zu oft um die Nase, doch gegen diese kurze Stippvisite und den Eisbecher, der mir fast bis zum Scheitel ging, hatte ich mich nicht lange gesträubt.

Als der Becher geleert war, gingen wir zu Fuß hinunter zu der schäbigen Villa hinter dem Amtsgericht, anschließend, nach dem Einkauf plus Plausch im Antiquariat Stubenrauch, wieder zum Untermarkt, wo meine Eltern geparkt hatten. Gewiß hätten sie damals, nicht anders wie gewisse Jungenschaftler, auch mit der Eisenbahn nach Karlskirchen und Korbach reisen können. Heute nicht mehr; die Strecke wurde zerschlagen. Sie waren jedoch liberal und fortschrittlich gestimmt, besaßen also ein Auto. Als Pfarrer konnte sich mein Vater seinen VW-Käfer so eben leisten. Täusche ich mich nicht, hatte er das „Dritte Reich“ teils als Theologie-Student, teils als Wehrmachts-angehöriger, im ganzen als Duckmäuser überstanden. Nun hatte er eine Gemeinde in Vessel-Ost. Daneben gehörte er, unbezahlt, dem Vorstand des Vesseler CVJMs an, womit er gewissermaßen ein Vorgesetzter Wulle Wolters' war. Von daher kannte er die Wangenburg natürlich längst. Ich war sein einziger Sohn. Bis vor einigen Jahren hatte er auch noch eine Tochter gehabt, aber sein Vorgesetzter, Gott, hatte meine Schwester Dorothea lange vor dem Abitur mit Leukämie zu sich heimgerufen. Jetzt zehrte auch Thea von jenem Ausgleich, von dem Wulle auf dem Wolfsberg gesprochen hatte, und den ich mir an diesem Freitag vor allem in der Form eines ungefähr kniehohen Eisbechers vorstellte.

Meine Mutter wäre damals fast in der Klapsmühle gelandet, vor Verzweiflung, aber sie fing sich wieder. Sie war Hausfrau, ehrenamtliche Leiterin der Frauen- und Mädchenkreise des Vesseler CVJMs sowie mit Leidenschaft Gärtnerin. Bei Stubenrauch stöberte sie nach alten Büchern über Kräuter und Gartenarbeit. Mein Vater schmauchte unterdessen in einem Korbsessel Stubenrauchs eine Zigarre, was er zu Hause nicht durfte. Was Wunder, wenn wir auf den Brand zu sprechen kamen, von dem mein Vater natürlich aus der Zeitung wußte. Aber er kannte die Bestrebungen zur Stadtsanierung nicht. Stubenrauch weihte ihn darin ein und versicherte ihm, letztlich seien die Brandstifter im Magistrat der Stadt Karlskirchen zu suchen, wenn auch verdammt schwer zu finden. Mein Vater wollte es gar nicht glauben. Wir bearbeiteten ihn also weiter, und nach einem Viertelstündchen glaubte er es doch. Bald darauf seufzte er, das sogenannte Wirtschaftswunder hätte die Deutschen versaut; es hätte ihren Charakter verdorben, ihnen den Anstand geraubt und der Korruption im Öffentlichen Dienst Tür und Tor geöffnet.

Mein weißhaariger hagerer Freund lächelte und erwiderte im Aufstehen: „Das Wirtschaftswunder sagen Sie, Herr Pfarrer? Dann hat es vor ungefähr 2.400 Jahren bei den Griechen auch schon ein Wirtschaftswunder gegeben ..!“

Er verschwand hinter Regalen und tauchte mit einer bestimmten Schwarte wieder auf. Er zeigte sie uns, bevor er wieder Platz nahm: „Thukydides … Ein Militär und Geschichtsschreiber aus Athen, Olli, wie dein Vater vermutlich schon gewußt hat.“ Während er in dem Buch blätterte, erklärte er uns, Thukydides pflege auf jeder dritten Seite seinen Zorn über die Parteikämpfe um die besten Pfründe und über die sittliche Verderbtheit der städtischen Eliten auszugießen. Schließlich blieb er an einer Seite hängen und las uns ein paar Zeilen vor:

<<Selbst die gewöhnliche Bedeutung der Worte für die Sachen änderte sich nach Gutdünken: Frechheit ohne Sinn und Verstand war Mannesmut treuer Parteigenossen, vorsichtiges Zögern war getarnte Angst, besonnenes Verhalten war Maske des Feiglings, verrückter Radikalismus wurde echter Tapferkeit zugerechnet. Die Eide, die die Parteigenossen aneinander banden, zogen ihre Kraft nicht aus dem göttlichen Gesetz, sondern aus dem gemeinsamen Bruch der Gesetze. Gottesfurcht galt nicht mehr. War ihnen jedoch ein gemeinsamer Anschlag geglückt, liebten sie es, ihrer Sache mit erhabenen Worten einen besseren Klang zu geben. So entstand im Griechenvolk jede Art von Niedertracht.>>

Erfreulicherweise verzichtete mein Vater auf eine Gegenrede. Er schmunzelte sogar ein wenig. Nicht lange, und meine Mutter trat mit zwei anderen Büchern in unsere Runde. Sie mahnte an die Uhr. Mein Vater bezahlte ihre Bücher, dankte Stubenrauch für die Gastfreundschaft und schüttelte ihm die Hand.

Auf dem Fußweg zum Untermarkt kamen wir an dem Ort der mutmaßlichen Brandstiftung vorbei. Wir hielten kurz inne. Der Schäferhund war noch da, in seinem Zwinger, verkniff sich aber Gebell. Entweder hatte er sich inzwischen an den Unfalltourismus gewöhnt, oder es lag an der mir unbekannten jüngeren Frau, die unweit von ihm, in dem üppig grünenden und blühenden Garten der Wegeners, schwarze Johannisbeeren pflückte. Meine Mutter nickte ihr wärmstens zu. Beiseite flüsterte sie dann entsetzt:

„Und du glaubst wirklich, dies alles kommt weg, Olli ..?!“

„Ich fürchte schon ... Es sei denn, die Frankfurter Rundschau läßt demnächst mit Hilfe Gert Klünders eine Bombe platzen!“

Damit machte ich mich ja keines Geheimnisverrates schuldig.

8

Mit Klünders Termin bei Zülpmann hatten wir Glück. Am Freitagabend gab er uns Bescheid, er habe sich für Montag 11 Uhr mit dem Juniorchef verabredet. Ja, die Kontaktaufnahme sei reibungslos verlaufen, wie geplant. Wir sollten uns nur keine Sorgen machen. Über das Ergebnis werde er uns noch bei seiner Abfahrt vom Zülpmann-Hof durch ein Zeichen informieren: Behalte er beim Einsteigen ins Auto seinen Hut auf dem Kopf, habe er die erhoffte Beute gemacht; werfe er den Hut auf den Beifahrersitz, sei die Sache leider ein Schuß in den Ofen gewesen … In was für einem Auto er einträfe? Das tue doch gar nichts zur Sache, meinte er hämisch und legte auf.

11 Uhr war günstig, weil dann die Bibelarbeit schon abgehakt, aber das Mittagessen erst am Bruzzeln war. Selbst das Wetter spielte mit: Sonne wie seit Tagen. So stürmten wir um 13 Minuten vor 11 mit dem Verklingen des Gebetes im Rücken, das Wulles Adlatus Rainer gesprochen hatte, wie ein Stoßtrupp Mainzischer Eroberungskräfte durch den Hohlweg zur Schloßruine hinauf. Dabei rannten wir fast zwei Wandersleute um, ein älteres Ehepaar. An der Südmauer eingetroffen, hatten wir gerade noch Zeit, per Stein-Schere-Papier zu klären, wer unsere einzige schwere Waffe führen dürfe, Sömmerichs Feldstecher. Bubu Hörnchen gewann. Ein Witz, war der Feldstecher doch beinahe größer als Bubu selber!

Dann gingen unsere Münder auf. Das weißlackierte, niedrig gebaute Auto, das Punkt 11 von der Landstraße abbog und gleich darauf vor Zülpmanns Verwaltungsge-bäude hielt, war ein Porsche Carrera! Diese wohlabgerundete Kanone – 130 PS für schlappe 22.000 Mark – war erst kürzlich, 1964, auf den Markt gekommen.

Klünder, sonst eher linkisch, entstieg seinem Wagen, als glitte er aus einer Wolke. Er lupfte seine spiegelnd glänzende Aktentasche von der schmalen Hinterbank und hielt zielstrebig auf Zülpmanns Eingangstreppe zu. Bubu Hörnchens Personenbeschreibung:

„Schwarze Matte fehlt. Hut hellgrau. Dunkelgrauer Anzug mit blaßroter Krawatte. Socken auch wieder blaßrot. Spitze geschmeidige Schühchen aus einem hellgrauen, noch nicht geschlechtsreifen Krokodil ...“

Während sich die Firmentür hinter Klünder schloß, wollte Adrian wissen, wo der Wagen herkäme.

„Na, aus Vessel“, erwiderte ich. „Wissen wir doch!“

Adrian verdrehte seine Augen. „Was sagt das Autokennzeichen, Bubu Hörnchen?“

Bubu Hörnchen schnaufte vor Augenverkneifen, mußte aber schließlich passen. „Tut mir leid, man kann es nicht entziffern. VS ist es jedenfalls nicht – nur ein Buchstabe vorn.“

Das war freilich auch gut so. Bei VS hätte Erik Zülpmann selbstverständlich sofort Verdacht geschöpft. Wir nahmen einvernehmlich an, das Dröhnen des Porsche-Triebwerks habe ihn gleich an ein Bürofenster gelockt. Ansonsten war nichts mehr zu beobachten. Wir vertrieben uns die Zeit damit, uns Dutzende von Pannen auszumalen, die Klünder enttarnen und sogleich aus der Firmentür fliegen lassen würden. Ich erspare mir das, da ich mich sowieso nicht mehr zuverlässig daran erinnern kann; außerdem ist es ohne Belang. Nach genau 33 Minuten war die Sache durchgestanden: Die Firmentür öffnete sich wieder. Und wir konnte es sogar mit bloßen Augen sehen: sie wurde dem Besucher in dem dunkelgrauen Anzug (bei dieser Hitze!) vom Juniorchef persönlich aufgehalten. Klünder deutete eine Verbeugung an und gab Erik Zülpmann die rechte Hand. In der linken hielt er seine Aktentasche. Während sich Zülpmann ins Gebäudeinnere zurückzog, nahm Klünder federnd in seinem Wagen Platz und ließ den Motor aufheulen. Nach 60 oder 70 Sekunden war er unserem Blick entschwunden. Wir vollführten sogleich einen kleinen Freudentanz, denn seinen Hut hatte Klünder aufbehalten.

9

Ich komme zur einzigen Panne unseres Feldzuges gegen die Karlskirchener KahlschlägerInnen. Leider muß sie letztlich für den Anschlag auf Klünder verantwortlich gemacht werden. Sie hatte schon wieder mit Autos zu tun. Der Anschlag selber krönte dann die offensichtliche Automatenabhängigkeit dieser Geschichte.

Es war jener „dumme Zufall“, den ich bereits angedeutet habe. Er trat schon am Mittwoch ein. Zu diesem Zeitpunkt war der Brand bei Wegener knapp zwei Wochen, Klünders Geschäftsbesuch zwei Tage alt. Klünder hatte sich nach der Ablieferung des flotten Mietwagens in Vessel noch am selben Montag, in seiner Isetta, erneut zum Wolfsberg begeben. In Vessel gehörte er einer vielköpfigen Wohngemeinschaft an, und um ungestört arbeiten zu können, fuhr er eben zu Ortrun. Dort schrieb er sich die wenigen wesentlichen Stellen aus der Tonaufzeichnung ab, studierte und ordnete seine gesammelten Notizen und machte sich an den geplanten FR-Artikel. Am Dienstag trat jedoch der zerbeulte VW-Käfer in Streik, den sich Ortrun und Irene teilten. Er stotterte und furzte jedenfalls; möglicherweise fuhr er nur noch auf drei Zylindern. Ortrun telefonierte mit ihrer Karlskirchener Autowerkstatt und bat Klünder, den Käfer am Mittwoch dort hin zu kutschieren, während sie selber ihm in seiner „Erdbeere“ folgen wollte. So unterbrach er sein Brüten und Hacken an der Schreibmaschine und bugsierte den Käfer glücklich zur Autowerkstatt, die in der Nähe des Sägewerkes im östlichen Abschnitt der Vesseler Straße lag. Dann wurde es unglücklich. Kaum hatten Klünder und Kramm dem Werkstattmeister die Schäden geschildert und die Papiere und den Schlüssel des Käfers zugeschoben, bog ein beiger Karmann Ghia auf den Hof!

Richtig, es war Erik Zülpmann. Nach dem Aussteigen stutzte er, näherte sich Klünder, der gerade die Fronttür seiner „Erdbeere“ aufgeklappt hatte und Ortrun beim Einsteigen half, mit einer gewissen Verlegenheit und sagte, offenbar habe Herr X. – das war der „Immobilienhändler“ vom Montag – öfter in Karlskirchen zu tun ..?

Bis zu diesem Augenblick wäre vielleicht noch Rettung gewesen. Klünder beging jedoch den Fehler, nicht „befremdet“ und vor allem wortlos in sein Wägelchen zu steigen und dem Mann die enggestellten Hinterräder seiner Nuckelpinne zu zeigen. Vielmehr erwiderte er, übertölpelt, in ähnlicher Verlegenheit, es müsse sich um eine Verwechslung handeln. Der Herr möge ihn bitte entschuldigen. Erst nach diesen Worten quetschte sich Klünder neben Ortrun in seine lächerliche Isetta und juckelte vom Hof.

Selbstverständlich hatte Zülpmann nun auch die Stimme des „Immobilienhändlers“ erkannt, und diese eindeutig. Daraufhin dürfte ihm der Werkstattmeister mit Vergnügen erläutert haben, die beiden schrägen Vögel kämen vom Wolfsberg, es handele sich um den Vesseler Studenten Gert Klünder und die Kunstmalerin Ortrun Kramm.

Die angeblich entlarvenden Worte Zülpmanns aus dem Geschäftsgespräch vom Montag sind übrigens weniger genau überliefert. Mitschnitt, schriftlicher Auszug und Klünders Artikel-Manuskript wurden nie gefunden. Offenbar gingen sie, mehr oder weniger zufällig, bei dem Anschlag mit Klünder in Rauch auf. Man muß es so hart sagen. Von Stubenrauch und Kramm erfuhren wir damals nur, eitel und hochgestimmt, wie Zülpmann gewesen sei, habe er die Brandstiftung seinem Besucher gegenüber „ziemlich unmißverständlich“ eingeräumt. Nun mag es durchaus Kopien des ganzen heiklen Materials gegeben haben. Wenn ja, hatte Klünder aber weder Stubenrauch noch Kramm, wie beide beteuerten, in deren Aufbewahrungsort eingeweiht – vielleicht in der etwas einfältigen Annahme, auf diese Weise seien seine Gefährten weniger gefährdet als er selbst. Auch woanders tauchten solche Kopien nie auf. Tatsache ist jedenfalls: die naheliegende Annahme, Klünder habe vor allem den Mitschnitt, vielleicht auch Auszug und Manuskript kopiert und die Duplikate dann irgendwo in Aufbewahrung gegeben, hinderte die Baumafia nicht daran, die Beseitigung von Klünder selber schon bald für eine nützliche oder sonstwie befriedigende Idee zu halten.

In den wenigen Vernehmungen bei der Kripo, denen sich Stubenrauch und Kramm nach dem Anschlag natürlich zu unterziehen hatten, erwähnten sie Klünders „Geschäftsbesuch“ bei Zülpmann und Klünders Recherchen in Sachen Stadtsanierung überhaupt nicht. Was hätte das schon genützt? Schließlich hatten sie nichts in der Hand. Man hätte sie eher als WichtigtuerInnen verleumdet und ihrerseits verfolgt. Deshalb ließen sie auch den Zettel mit der anonymen Drohung unerwähnt, zu der ich gleich komme. Die Kripo hätte glatt geargwöhnt, Klünder habe den Zettel selber verfaßt; schließlich war er Journalist. Natürlich nicht auf seiner eigenen Schreibmaschine.

10

Spätestens am Donnerstagmittag, während er mit zwei verängstigten Frauen bei einer Zucchinisuppe saß, ging Klünder auf, er habe vielleicht etwas leichtfertig gehandelt. Sein mulmiges Gefühl verstärkte sich mit jedem Löffel Suppe, und jenes Magengeschwür, an das ich kürzlich gedacht hatte, erhielt kräftig neue Nahrung, falls es schon ausgetrieben hatte.

Ortrun und Irene hatten einen verschließbaren Briefkasten, der in rund 400 Meter Entfernung einigermaßen diebstahlsicher an einen Telegrafenmasten geschraubt war, der an der Ecke Ringweg / Straße ins Dorf stand. Wegen des Bogens im Ringweg war er vom Haus aus nicht zu sehen. In diesem Briefkasten hatte sich heute unter anderem ein mit Maschine beschriebener Zettel gefunden. Die Botschaft lautete: „Wenn dir die Malerin lieb ist, Herr Journalist, rührst du das Thema 'Feuer' mit keinem Wort mehr an, nirgends!“

Die Erklärung für diesen Übergriff lag auf der Hand. Zülpmann mußte unverzüglich weitere Erkundigungen über Klünder eingezogen haben: Genosse von Stuben-rauch, SDS-Aktivist, FR-Mitarbeiter, Sanierungsgegner und dergleichen mehr. Damit konnte sich Zülpmann auch verschiedene störrische Details seiner Unterredung mit Klünder zu dem Verdacht zusammenreimen: der Schuft hatte ein Tonbandgerät in seiner Aktentasche versteckt! Eine Katastrophe. Jetzt wird dieser Volksverhetzer natürlich an die Öffentlichkeit gehen und dabei ihn selber, den wohltätigen Bauunternehmer Zülpmann, als Bösewicht hinstellen ...

Wie sich versteht, fürchtete Klünder um seine Geliebte. Um Irene brauchte er sich schon bald nach dem bedrückenden Mittagsmahl nicht mehr unmittelbar zu sorgen. Sie telefonierte nämlich mit einem Freund, warf ein paar Sachen in einen Koffer und lud diesen, als der Freund kam, in dessen Wagen. Er brachte sie nach Volkmarsen in Sicherheit, wo er wohnte. Klünder war ihr ohnehin nie besonders angenehm gewesen. Nun begünstigte ihr behelfsmäßiger Auszug Klünders Vorschlag, sich vorläufig fest auf dem Wolfsberg einzuquartieren – mindestens bis zu der geplanten Enthüllung in der FR, dann könne man weitersehen. Ortrun war einverstanden. Sie wünschte nicht, Klünder zöge jetzt seinen Schwanz ein. Immerhin hatten sie ja auch noch den „Hirtenhund“ genannten Eisbären, der sie wohl hinreichend beschützen würde.

Heute neige ich zu dem Urteil, Klünder und Kramm hätten die „kriminelle Energie“ ihres Hauptwidersachers Zülpmann und damit einhergehend die Möglichkeit unterschätzt, er würde aus etwas unersichtlichen Gründen jäh seine Taktik ändern und von der Drohung gegen Kramm zu einem Mordanschlag auf Klünder schreiten. Wäre das aber absehbar gewesen? Darauf komme ich noch zurück.

Neben seiner durch keine Skrupel gehemmten Tatkraft standen Zülpmann freilich noch ein paar andere Potenzen zur Verfügung. Ich nenne nur Geld, Leute, Kumpels. Die Kumpels gingen womöglich vom schlichten Maurerpolier bis zum Karlskirchener Polizeichef. Ungefähr in der Mitte war vermutlich der erwähnte Werkstattleiter aus der Vesseler Straße anzusiedeln. Diese Theorie stammte von Stubenrauch, die er uns bereits bei Klünders Beerdigung ins Ohr flüsterte. Er glaube, der Werkstattleiter habe Kramms Käfer unter vorgeschobenen Gründen über Gebühr in seiner Werkstatt festgehalten. Damit habe Zülpmann sicher gehen wollen, Klünder bleibe nur die eigene Isetta, um zum Beispiel zur Bank zu fahren oder sich zu Stubenrauch zu begeben, um dem alten Kämpfer, zwecks Erörterung, seinen fertigen Artikelentwurf zu unterbreiten.

Genau das war am Tattag, dem kommenden Montagvormittag, der Fall gewesen. Klünder wollte zu Stubenrauch nach Karlskirchen fahren. Er kam jedoch keine 200 Meter weit. Es war der Montag der vierten und letzten Woche unseres Sommerlagers auf der Wangenburg. Nachdem uns Stubenrauch nachmittags telefonisch in groben Zügen über das „Unglück“ ins Bild gesetzt hatte, schlichen wir geduckt durchs Lager, als schleppten wir in unseren Mägen, statt der Hefeklöße vom Mittagessen, Haubitzenkugeln mit. Für uns war die gesamte letzte Lagerwoche von Klünders Tod überschattet. Am schwersten trug Adrian daran – schließlich hatte er die Finte mit dem Geschäftsbesuch bei Zülpmann vorgeschlagen.

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Klünder läßt Haus und Hund hinter sich. Noch im Bogen des Höhenweges stutzt er jedoch und nimmt wieder Gas weg. Der Höhenweg wird von einem Auto blockiert, von dem die Polizei behaupten wird, sie habe es leider nie identifizieren, geschweige denn finden können. Als Klünder vor dem Hindernis anhält, springen drei Männer aus dem fremden Wagen. Sie wirken unfreundlich genug, um Klünder am Steuer vor Schreck erstarren zu lassen. Während einer als Wächter eine Maschinenpistole auf die Fronttür der Isetta richtet, greifen die beiden anderen flink nach zwei bereitliegenden Kanthölzern, setzen sie von der Seite aus unter der Isetta an und stürzen das Wägelchen auf diese Weise den Steilhang hinab. Es rollt oder hüpft wie ein Felsbrocken. Aber der Motor läuft noch. Nach wenigen Sekunden erfolgt eine Explosion. Teile fliegen, wohl auch Klünder; die Trümmer stehen in Flammen. Der Wagen der Gangster – ein vierter Mann dürfte am Steuer gewartet haben – braust unterdessen davon.

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Stubenrauch glaubte, es habe auch noch einen fünften Mann gegeben. In den Felsen der Bergkuppe postiert, habe er die Blockade des Höhenweges, durch ein Zeichen, erst dann veranlaßt, als Klünder aus dem Haus trat, um das Tor der Ein- und Ausfahrt zu öffnen. Dann habe er Schmiere gestanden, also auf denkbare zufällige Augenzeugen geachtet. Doch wie auch immer, die Angst der Gangster vor Entdeckung und Strafverfolgung kann nicht besonders groß gewesen sein. Gewiß wäre die Herbeiführung eines „normalen“ Autounfalls im Straßenverkehr zu riskant gewesen. Aber am Wolfsberg gaben sie sich keineswegs die Mühe, einen Unfall vorzutäuschen. Die beiden Kanthölzer warfen sie kurzerhand ins nächste Gebüsch, und die übrigen ins Gesicht springenden Spuren, darunter von acht Autoreifen, sahen ebenfalls beim besten Willen nicht nach Unfall oder wenigstens nach Selbstmord aus. Nebenbei erwähnt, brannte auch noch eine sowieso schon von der Sonne versengte Schafweide mitsamt eines baufälligen Schuppens ab.

Für die Polizei – und entsprechend für Vesseler Post und andere Blätter, Frankfurter Rundschau eingeschlossen – war Klünder, immerhin ein bekannter Linker, entweder das Opfer allgemeinen rechtsradikalen Hasses oder aber das übliche Opfer eines Nebenbuhlers in Sachen Liebe geworden. Was zuträfe, könne im Moment noch nicht entschieden werden. Es wurde nie entschieden. Die zweite Annahme erklärte Kramm zwar für „lächerlich“, aber die Polizei ließ sich nicht dazu bewegen, sie völlig fallen zu lassen. Sie argumentierte unter anderem: Schließlich hat es nur Herrn Klünder erwischt, Frau Kramm – nicht etwa auch Sie selbst!

Ja, das ist keine uninteressante Frage: Wie hätten sich die Sendboten „der“ Baumafia denn verhalten, wenn Klünder bei dieser verhängnisvollen Ausfahrt von Kramm begleitet worden wäre? Hätten sie auch zwei Tote in Kauf genommen, oder hätten sie den Anschlag vertagt?

Dazu habe ich keine spezielle Theorie. Ansonsten jedoch halte ich jene zweite Annahme der Polizei in gewissem Sinne für gar nicht so abwegig. Hier lag mitnichten ein Anschlag „der“ Baumafia; hier lag ein Anschlag Zülpmanns vor. Für mich hatte ihn bereits der Umstand, von Klünder aufs Glatteis geführt worden zu sein, nahezu tödlich beleidigt. Er mußte sich bitter rächen. Als er dann aber auch noch mitansehen mußte, wie sich Klünder, diese falsche Fischgräte, aufgrund der anonymen Drohung an Ort und Stelle, auf dem Wolfsberg nämlich, zum Beschützer dieser verdammt scharfen Malerin aufwarf, war es um Zülpmanns Mannesehre endgültig geschehen. Er wurde wütender, ja rasender als die zwei Rottweiler, von denen er sein Firmengrundstück bewachen ließ. Er wurde erst wieder ruhig, als ihm seine Leute den Vollzug der Zermalmung seines Widersachers meldeten. Da fand er sein Gleichgewicht wieder – das dann freilich auch, wie geplant, im Rahmen der Karlskirchener Stadtsanierung der Öffentlichkeit zugute kam.

Malerin Kramm, die jüngst Verstorbene, war am Tage des Anschlages selbstverständlich völlig aufgelöst. Stubenrauch ließ sie noch am Nachmittag von Freunden nach Vessel bringen. Bald darauf verkaufte sie ihr Haus am Wolfsberg und zog in die Fränkische Schweiz.

Die Beerdigung von Klünder, genauer gesagt, seiner „sterblichen Überreste“, fand am Samstag unserer vierten Lagerwoche und damit am Vortag unserer Heimreise in Karlskirchen statt. Neben vielen Vesseler Genossen und natürlich auch Stubenrauch hatte es sich selbst Wulle Wolters nicht nehmen lassen, auf dem Friedhof zu erscheinen. Ein „Gottesdienst“ fand nicht statt. Aber das war für uns Jungs, Klünders Freunde, nur ein schwacher Trost.



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