Donnerstag, 11. Mai 2017
Die Marlitt
Wer sich einen Ausflug nach Arnstadt gönnt, weil er knöchelbrechendes mittelalterliches Marktpflaster oder noch nicht stillgelegte Bahnnebenstrecken schätzt, kommt an „der Marlitt“ nicht vorbei. Der Stadtplan hebt ihre Villa oberhalb der ehemaligen Stadtmauer hervor; die einstige Leihbücherei an der Fußseite des spitz zulaufenden Marktplatzes, über der sie (1825) geboren wurde, hat sich neuerdings, nach der berüchtigen ostdeutschen „Wende“, ins Cafe Marlitt verwandelt. Ich sperre mich jedoch, krame meinen Reiseapfel aus dem Rucksack und steuere die erwähnte Villa an, die inzwischen, man ahnte es bereits, in der Marlittstraße liegt, früher Hohe Bleiche.

Ab 1865 hätte die Marlitt selber ihre Röcke raffen und in die damals noch deftig dampfende Eisenbahn klettern können, um beispielsweise den Fürsten Pückler auf Schloß Branitz bei Cottbus zu besuchen. Mit dem greisen Schür-zenjäger (82!), der ihr einen überschwenglichen Leserbrief schickte, sollte es 1868 zu einem kurzen Briefwechsel kommen. Soweit ich weiß, verreiste sie allerdings ab diesem Alter, um 40, überhaupt nicht mehr. Sie war oder fühlte sich schon zu gebrechlich für dergleichen Abenteuer. 1887, mit 61, starb sie in ihrer damals noch mörtelfrischen Villa. Zu Marlitts Zeit hatte Arnstadt, um 1700 vorüber-gehend Schwarzburger Residenz, ungefähr 10.000 EinwohnerInnen. Neben dem Ex-Schloß wies es Solbäder auf, und so trudelten mit der neuen Eisenbahn vermehrt „blasierte“ Berliner Geheimrätinnen am Nordrand des Thüringer Waldes ein, „die mit ihren Crinolinen die Wege unsicher machen“, wie Marlitt einmal in einem Brief an ihre Wiener Freundin Leopoldine spottet [Hobohm, S. 37]. Der so genannte käseglockenförmige, durch Reifen verstärkte Unterrock hatte meist ein Schock weiterer Röcke zu halten oder zu stützen. Die Damenbekleidung war Eindruck schindende, üppig beleuchtete Festung, letztlich aber nur Zuchthauszelle. Auch die Bonner „Regierungsrätin“, die durch Marlitts Mamsell (von 1867) rauscht, erscheint meist in Krinoline. Ob sich die Schrift-stellerin selber auch nach ihrer Zeit bei Hofe noch anstandshalber öfter in diese Folterkammer zwang, läßt sich den dürren Quellen nicht entnehmen.

Der Zeitschriften-Fortsetzungsroman Das Geheimnis der alten Mamsell markierte Marlitts endgültigen „Durch-bruch“. Schon im Februar 1868 erschien eine Buchaus-gabe. Da ich das Werk vor kurzem törichterweise von vorn bis hinten gelesen habe, schlage ich als Waschzettel für die nächsten, garantiert kommenden Auflagen vor: Bettelarme Waise, Tochter einer einst aus Adel verstoßenen, nun „tragisch“ verunglückten Gauklerin, wird von hartherziger und habgieriger (Arnstädter) Patrizierin als Magd versklavt. Mit Hilfe einer Verwandten der Patrizierin, eben jener ins Hinterhaus abgeschobenen, sehr gebildeten und kunstliebenden „alten Mamsell“, erträgt die stolze und selbstverständlich wunderschöne Felicitas nicht nur alle Schmach und Schinderei; es gelingt ihr überdies, wenn auch ungewollt, den ungehobelten, rechthaberischen und zu allem Unglück auch noch vollbärtigen Sohn der Patri-zierin zu läutern, einen angehenden Medizinprofessor. So verwahrt sich dieser just, als Felicitas im heiratsfähigen Alter und hinreichend (heimlich) unterrichtet worden ist, gegen das an ihr und der Mamsell begangene Unrecht und führt die junge Holde, von der jetzt sogar die hohe Abkunft bekannt wird, triumphal als die zukünftige Frau Professor heim.

Vielleicht wäre die Behauptung zulässig, die leibhaftige Eugenie Marlitt habe es verstanden, verschiedene Nöte in eine Tugend zu verwandeln. Das Glück, das sie schließlich ihren Gartenlauben-Lesern servierte, hatte stets einen Bogen um ihre wechselnden Stuben gemacht. Vor allem nach der Mädchenzeit war ihr Los eher hart. Ihr Vater, ein gelernter Kaufmann, hatte die bereits erwähnte Leih-bücherei betrieben, machte jedoch bankrott und hielt die Familie (fünf Kinder) hinfort als Kunst-, vor allem Porträtmaler recht mühsam über Wasser. In dieser, vermutlich als beschämend empfundenen Verarmung könnte eine frühe Quelle von Marlitts Sorge ums Familien-wohl und ihrem Trachten nach materieller Sicherheit liegen [Necker]. Im übrigen heißt es, das kleine Mädchen war verträumt. Zwar durchaus aufgeweckt, doch seine Streifzüge unternimmt es vorwiegend allein [Merbach, S. 12]. Möglicherweise träumte es dabei bereits seine späteren, vielverschlungenen Romane.

Auch die Mutter schätzt die Künste. Mit 16 wird Tochter Eugenie bei der Fürstin Mathilde von Schwarzburg-Sondershausen zwecks musikalischer Ausbildung untergebracht, denn E. singt gern und gut. Das Residenz-städtchen Sondershausen (nördlich von Erfurt) war mit rund 5.000 Einwohnern nur halb so groß wie Arnstadt (südlich von Erfurt). Diese Ausbildung ihres bald bevorzugten Schützlings läßt Mathilde, bis 1846, am Wiener Konservatorium vervollkommnen. Zwar tritt E., eine kleine, zierliche, hübsche, etwas breitgesichtige Dunkelhaarige mit blauen Augen, im folgenden als Opernsängerin unter anderem in Olmütz, Krakau, Lemberg auf, dabei stets von einer ehemaligen Kammer-frau oder ihrer eigenen Frau Mama begleitet beziehungs-weise bewacht. Doch schon ihre Premiere (in Leipzig) wird von ihrem heftigen Lampenfieber beschädigt. Um 1850 paart sich diese Schwäche mit einem Gehörleiden, das bis heute gern übertrieben wird, dabei als rein körperliches Gebrechen. Abhilfe schaffen auch Konsultationen bei verschiedenen Ärzten nicht. Marlitt selber bekennt 1861 in einem Brief an Leopoldine, es habe sich um eine „Folge allzu großer Anstrengung beim Singen und einer nie zu beseitigenden Aufregung und Angst beim Auftreten“ gehandelt [Hob. S. 29] – noch heute verbreitete, wohlbekannte Krämpfe. Dieser Rückschlag stürzte die angehende Künstlerin auch nach eigenem Eingeständnis in längere Schwermut. 1853 hängt sie ihre Karriere an den Nagel, um dafür der inzwischen geschiedenen Fürstin persönlich im Jagdschloß Friedrichsruhe bei Öhringen (Württemberg) und in deren Münchener Palais sowie auf Reisen als Gesellschafterin (Vorleserin, Sekretärin, Krankenpflegerin) zu dienen. Dieser Vorschlag, immerhin an eine „Bürgerliche“, war von der Fürstin gekommen.

In der Mamsell malt Marlitt das Bürgerliche geradezu bilderbuchreif. Immerhin kommt ihre Geschichte halbwegs gut voran, da sie, in stilistischer Hinsicht, nicht ganz so umstandskrämerisch veranlagt wie Stifter oder Dickens ist. Als frühere Musikerin versteht sie es auch, einen Spannungsbogen zu halten. Was sich dagegen kaum von der Stelle bewegt, sind fast sämtliche Charaktere der Geschichte. Sie bleiben so weiß oder schwarz, wie sie sind. Große Ausnahme: Johannes Hellwig, Sprößling der Sklavenhalterin und designierter Medizinalrat, den der von Felicitas ausgesandte „Strahl der Liebe“ erweicht und verwandelt. Ob die Autorin wirklich an die läuternde Kraft der großen Liebe und deren überragende Bedeutung für das Glück des Menschengeschlechts glaubte, werden wir womöglich nie erfahren. Eigentlich war ja in Marlitts Milieu ringsum zu beobachten, wie rasch die große Liebe zum Giftzwerg schrumpft und den Beteiligten eher zum Unglück gereicht. Dafür steht fest, die Autorin hatte ein Auge für Unrecht, Widersprüche, Anmaßungen und Heuchelei; Religiöses eingeschlossen. Das muß man ihr lassen. Einmal beklagt sie sogar die „Herrschsucht“ so vieler Menschen [Kap. 17] – ohne ihr freilich je auf den Grund zu gehen. Für sie ist Herrschaft oder Imperialismus ein Fehlverhalten, ein Irrtum. Mit der Sozialen Frage im Sinne des radikalen Flügels der „48er“, also dem Skandal der tiefverwurzelten Einteilung der Welt in Eigentümer und Habenichtse, Herren und Knechte, Durchblickende und Dumme, hat Marlitt nichts am blumengeschmückten Hut. Hinter den preußischen oder österreichischen Gutshöfen, Kasernen, Amtsgerichten, Fabriken und Fabrikantenvillen, die sie ja selbst in ihrem Arnstädtchen gesehen haben muß, steckte kein System. Ihre eigene Villa gesellte sich bald hinzu.

Ich komme auf Marlitts neue „Arbeitgeberin“ Mathilde zurück, die Fürstin. Nach 10 Jahren, 1863, trennen sich die beiden Damen wieder voneinander. Sprechen Nachschla-gewerke oder Webseiten zumeist von einer aus sparpo-litischen Gründen erfolgten Entlassung seitens der Fürstin, dürfte beides schief, wenn nicht sogar falsch sein. Immerhin stattete Mathilde Marlitt mit einer mehr oder weniger kleinen Rente aus, die ihrem damaligem Gehalt entsprochen haben soll.* Auch verlor Marlitt nie die Achtung vor Mathilde, die übrigens lediglich rund 10 Jahre älter als ihre Gesellschafterin war. Aber die aufs Abstell-gleis geschobene Fürstin pflog ihre Launen und kränkelte zunehmend; für Marlitt muß sie ähnlich anstrengend wie das Singen gewesen sein. Ich nehme an, gewisse finanzielle Schwierigkeiten der Fürstin waren lediglich der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen, nämlich E. zu Kündigung und Flucht in die Heimat brachte. Ein Bruder der Fürstin, Prinz Felix von Hohenlohe, hatte sich enorm verschuldet und war schließlich abgetaucht. Das schlug der Fürstin gewaltig sowohl aufs Gemüt wie auf den Geldbeutel. Prompt wurde auch E. „körperlich leidend“, wie sie Leopoldine verrät, wobei sie auch auf zahlreiche schlaflose Nächte in den letzten drei Jahren ihres Dienstverhältnisses hinweist. Schließlich hätten ihr ihre Nerven ihrerseits „den Dienst aufgekündigt“. „Ich war daher meiner Stellung, die mir täglich neue Erschütterungen brachte, nicht mehr gewachsen, und ging mit Beginn der milderen Jahreszeit wieder zurück in meine Heimat.“ [Hob. S. 42] Hier nimmt die alleinstehende Ex-Gesellschafterin, inzwischen Ende 30, recht zielstrebig eine Laufbahn als freie Schriftstellerin in Angriff. Damit folgt sie verschiedenen, schon in Süddeutschland angestellten literarischen Versuchen, die sie ermutigt hatten – und, nach offizieller Leseart, erneut ihrer Hauptsorge, ihren Eltern und Geschwistern eine Stütze zu sein.

Selbst ihr Bewunderer Günter Merbach räumt [auf S. 51] ein, zumindest für ihr eigenes Empfinden war Marlitt in jenem Jahr 1863 als Gescheiterte heimgekehrt. Sie war berufslos, ruhmlos und sogar gattenlos. Solche jungen ledigen Frauen galten damals weithin als „alte Jungfern“ – kein Ruhmestitel. Ob Marlitt freilich jemals ernsthaft versuchte, einen Mann zu ergattern, scheint fraglich. Die Quellen erwähnen eine Schülerliebe, die angeblich durch die Familie des betreffenden Jünglings rasch unterbunden wurde – wegen Standesdünkel, Marlitts Romanthema! Was ihre Ausbildungszeit in Wien angeht, weist sie gezielt gestreute Gerüchte von überrundeten Hofschranzen, sie habe dort ein unanständiges Leben mit zahlreichen Liebschaften geführt, empört zurück; sie bekniet ihre dortige Freundin Leopoldine brieflich, die Wahrheit, also das Gegenteil, zu bezeugen [Hob. S. 26]. Das tut die Freundin. Moritz Necker erwähnt zudem eine sehr kurzzeitige Verlobung in Süddeutschland. Der nicht namentlich bekannte Bräutigam soll eher ein armer Schlucker gewesen sein. Dieses Mal habe Marlitt, die fürstliche Gesellschafterin, von der Verbindung Abstand genommen – angeblich, um ihr Unterstützungswerk fürs Elternhaus nicht zu gefährden.

Man sollte vielleicht bedenken: diese junge Kleinstädterin war grundsätzlich schüchtern, also nicht nur als ange-hende Opernsängerin. Das widerspricht Merbachs Feststellung, Marlitt sei von Kind auf „sehr ehrgeizig“ gewesen [S. 16], keineswegs. Sie selber nennt sich außerdem „stolz“ [Merb. S. 89], ferner „sehr mißtrauisch und verschlossen“ [Hob. S. 126]. Diese Aussagen über einen in der Regel eher männlichen Zug dürfte Marlitt in der Mamsell [Kap. 19] bekräftigt haben, wenn sie feststellt: „Felicitas trug ihren tiefen Schmerz schweigend, mit jener Selbstbeherrschung, die groß angelegten Charakteren eigen. Die Schwäche, welche Trost im Zureden anderer sucht, kannte sie nicht – seit ihrer Kindheit war sie gewöhnt, alles Schwere mit sich allein auszukämpfen und ihre Seelenwunden ausbluten zu lassen, ohne daß ihre nächste Umgebung das Vorhandensein derselben ahnte.“

Und sicherlich ging es nicht nur um die „Seele“. Man darf wohl getrost befürchten, Marlitt habe von der sexuellen Frage ähnlich wenig Ahnung wie von der sozialen gehabt. Als der geläuterte Professor Johannes Hellwig (in der Mamsell) seinen Heiratswunsch äußert, hat er von seiner Zukünftigen, dieser „süßen Nachtigall unter – den Raben“ [Kap. 21], bestenfalls einmal eine Feder oder ein Patsch-händchen gestreift. Kaum ist das Brautpaar jedoch nach Bonn abgereist, fangen überall die Stricknadeln für Strampelhöschen zu klappern an. Hier muß die allgemeine, den Frauen in ganz Europa aufgezwungene viktorianische Einfalt am Werke gewesen sein. Kurz, ich vermute stark, Marlitt selber hat weder die Wonnen noch die Qualen sexueller Begegnungen jemals erfahren, ob mit Männern oder Frauen. Hatte sie wenigstens die Notlösung der „Selbstschändung“ drauf, wie es damals Legionen von Pastoren, Pädagogen, Ärzte und Philosophen nannten? Diese Sittenwächter, darunter Esel oder Böcke wie Kant, Rousseau, Salzmann, Johann Heinrich Campe, warnten in einem fort vor der schrecklichen moralischen, seelischen und körperlichen Verwahrlosung, die durch Masturbation drohe. Nun, wir wissen es nicht. Angesichts jener Verschlossenheit der Marlitt dürfte es auch verfehlt sein, sich diesbezüglich für die Zukunft neue Forschungs-ergebnisse zu erhoffen.

Biograf Günter Merbach betont dafür wie so manche andere, Marlitt habe ihren Vater sehr geliebt und verehrt. Von Streit oder von unangenehmen Zügen ihres Erzeugers ist nirgends die Rede. Dieser gütige, gute Vater könnte glatt aus einem Marlitt-Roman stammen. In einem Brief an Leopoldine [Hob. S. 60] schildert sie ihn sogar. Der Tod ihres „theuren“ Vaters (1873) habe eine „furchtbare Lücke“ in ihr Dasein gerissen; „die Wunde schließt sich nicht wieder, ich weiß es. Ich hänge mit inniger, fast möchte ich sagen, fanatischer Liebe an meinen Angehörigen, zu der sich, meinem Vater gegenüber, noch eine tiefe Verehrung gesellte. Er war ein ungewöhnlicher Geist, ein rastloser, scharfer Denker bis nahe an seine letzten Lebensstunden, und dabei breitete eine humane Lebensanschauung, ein Gerechtwerden der fortschreitenden Zeit und ihrer jeweiligen Anforderungen eine unbeschreibliche Milde über sein ganzes Wesen.“ Zur Mutter scheint sie sich dagegen gar nicht geäußert zu haben. Diese starb bereits 1853. Später kommt Marlitt einmal, in einem Briefsatz [Hob. S. 30], auf den „herbsten Verlust, der ein Menschenherz treffen kann“, zurück, nämlich auf jenen frühen Hingang ihrer „theuren“ Mama – eine bekannte, für die erlauchte Freundin bestimmte Kurzarie, wobei „theuer“ ohnehin zu Marlitts Lieblingswörtern zählt.

Als Autorin hat Marlitt Glück. Ernst Keil, der Garten-lauben-Chef, erwärmt sich gleich für ihre erste, in Leipzig eingereichte Arbeit; ab 1865/66 ist sie bereits Stamm-autorin des Wochenblatts, ja sogar Zugpferd. In Arnstadt lebt sie zunächst bei ihrem Bruder Alfred, einem Ober-lehrer mit Familie. Er bestärkt sie und wird gleichsam ihr Agent. Aufgrund ihres überraschenden und raschen Erfolges kann sie schon 1871, mit Vater und Bruder, ihre neuerrichtete Villa „Marlittsheim“ (so der ursprüngliche Name) am Berghang beziehen, unter sich die Altsstadt, über sich Wald. Es heißt jedoch, die Erfolgsschriftstellerin habe nie geprahlt und geprunkt. Nach Merbach war sie, trotz ihres Ehrgeizes, „unendlich bescheiden“ bis zuletzt [S. 151]. Jedenfalls schenkte sie offenbar gern und übte auch im größeren Maßstab Wohltätigkeit.

Den Hochmut, den Marlitt am Adel haßte, kannten ihre Dienstboten [Merb. S. 124] sicherlich kaum. Die Schrift-stellerin wird als häuslich und als Liebling ihrer die Villa bevölkernden Nichten und Neffen beschrieben. Bekanntschaften, auch mit Berufskollegen, meidet sie. Unglücklicherweise gesellt sich zu ihrer Schwerhörigkeit schon vor dem großen Umzug in die neue Villa ein Gelenkleiden, vielleicht Rheuma, Arthrose, Gicht. Der Verdacht auf einen psychosomatischen Zug liegt auch in diesem Fall nahe. Aufregungen sind Gift für Marlitt. Für Necker stand das Gelenkleiden „in einem unaufgeklärten Zusammenhang mit ihren Nerven.“ Man könnte mutmaßen, es sei Marlitts wichtigste Fessel an den gut abgeschirmten Schreibtisch gewesen. Zuletzt sitzt sie überwiegend im „Fahrstuhl“. Damit konnte sie freilich den Treppenhaus-Turm ihrer Villa nicht erklimmen, wie sie es hin und wieder liebte. 1883 läßt sie sich einmal in einem eigens erworbenen „Tragstuhl“ ins „Turmzimmer“ beför-dern, doch auf dem Rückweg zur Erde fällt sie unglücklich aus demselben, weil eine Stange brach – Knieverletzung und rund ein Jahr schreibunfähig. Sie wird vom Chirurgen und „Poeten“ Richard von Volkmann alias Leander aus Halle behandelt. Im Winter 1879/80 war sie von Gürtelrose heimgesucht worden. Allgemein kränkelte sie zunehmend, blieb jedoch heiter, wie es überall heißt, solange sie ihr „Pensum“ schreiben konnte. Im Winter 86/87 wird sie von einem wohl besonders qualvollem Ende mit Rippenfellentzündung und „Lähmungen“ an Magen und Herz ereilt. 61 Jahre alt, stirbt sie im Juni.

Die erfolgreiche Autorin aus Thüringen, meist im Fach „trivialer“ oder „sentimentaler Literatur“ geführt, gilt als erste (weibliche) „Bestsellerautorin“ überhaupt. Sie kam in knapp 20 Jahren auf rund ein Dutzend Bücher, die durchweg hohe Auflagen und etliche Übersetzungen erfuhren; auch gesellten sich Raub-Dramatisierungen hinzu, die Keil und Marlitt als „verballhornt“ empfanden. Der Bedarf war offensichtlich da. Vor allem dank der Beiträge Marlitts hatte sich die Auflagenhöhe der Garten-laube in 10 Jahren (1866–76) mindestens verdoppelt. Da steckte man die Anwürfe aus der germanistischen Ecke gerne ein.

Die Marlitt ging, ihre Villa blieb. Laut Merbach gab es nach der Testamentseröffnung langwierige Erbstreitigkeiten – es war wie in Marlitts Romanen. Wie das Gebäude in der DDR genutzt wurde (wo Marlitt als Produzentin von „Kitsch“ und „Kolportage“ verfemt worden war), ist nirgends zu lesen. Um 1990, mit der bereits gestreiften „Wende“, trat vermutlich eine Änderung ein. „Nunmehr“ sei das Gebäude, so Merbach 1992, „in Privatbesitz und der Öffentlichkeit leider nicht zugänglich.“ [S. 192] 2003, mit knapp 75 Jahren, starb Günter Merbach. Er gilt als wichtigster Anreger einer Interessengemeinschaft Marlitt e.V., die nach wie vor aktiv ist. Gleich 1993 sorgte sie beispielsweise für den Wiederaufbau des Marlitt-Denk-mals auf dem Alten Friedhof, das 1951 entfernt worden war. Sorgte die rührige IG womöglich auch für Marlitts Villa? Das Internet, die Webseite der IG eingeschlossen, verrät es nicht. Immerhin ist im Impressum der IG-Webseite als Vereinssitz „Marlittstraße 9 (Villa Marlitt)“ angegeben – Kontaktperson: Inge Merbach. Vielleicht die Witwe oder eine Tochter des Verstorbenen?

Auch an der Villa selber hält man sich offensichtlich ein wenig bedeckt. Immerhin, die April-Sonne lacht, sodaß auf der Gartenseite der weiße Schriftzug Villa Marlitt am durch Giebel gekrönten Terrassenvorbau blinkt, und die darunter zu sehende Flügeltür steht einladend auf, wie ich von der Straße aus erspähe. Die Villa scheint also nicht entvölkert zu sein. Am Zaun kann ich weder Namens-schilder noch Hinweistafeln entdecken. So wäre ja etwa der Hinweis denkbar: „Asylsuchende aus Übersee bitten wir, ihre Schwimmwesten abzulegen“. Gewiß, ich könnte das Grundstück kurzerhand betreten, notfalls durch eine Rolle über den Zaun – und würde mich sehr wahrschein-lich einmal mehr in die Nesseln setzen, in meinem Alter ungesund.

* Laut dem anonymen Verfasser eines Nachwortes zu Marlitts Thüringer Erzählungen, wohl der liebe Bruder Alfred John, der es ja wissen mußte. Er wird auch bei Merbach in einem Verzeichnis angeführt, S. 234.
Literatur: Moritz Necker: E. Marlitt, in: Die Gartenlaube, Leipzig 1899, Heft 9–12 # Günter Merbach: E. Marlitt. Das Leben einer großen Schriftstellerin. Aus alten Quellen zusammengestellt, Hamburg 1992 # Cornelia Hobohm (Hrsg): „Ich kann nicht lachen, wenn ich weinen möchte.“ Die bisher unveröffentlichten Briefe der Marlitt, Wandersleben 1996

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