Montag, 2. Januar 2017
Döhnerichs Durchbruch Teil 4



Folgen eines Skiunfalls

Nach dem „tragischen“ Unfall ihres Gatten wird die 39jährige Mecklenburgerin Heike Zuberdorf mit Beileidsbekundungen und Tröstungen überhäuft. Sie hatte mit ihm und den Kindern, auf seinen Wunsch hin, in einem „Skiparadies“ der Alpen Urlaub gemacht. Bei einer Abfahrt an steilem Hang war seine Bahn ausgerechnet von einem Berliner Bundesminister gekreuzt worden, der ihn so über den Haufen fuhr. Der Minister lag jetzt mit ernsten Schädelverletzungen im Krankenhaus, während Ralf noch im Rettungshubschrauber gestorben war. Ein Teil der Kommentatoren nahm den Minister, der eindeutig fahrlässig gehandelt hatte, mit dem Argument in Schutz, er habe wenigstens einen Helm getragen, Ralf Zuberdorf dagegen nicht. Ja, das war Heike im ersten Augenblick auch seltsam vorgekommen. Aber sie kannte ihn. Wahrscheinlich war die Verlockung zu groß gewesen, seine langen blonden Locken im Fahrtwind wehen zu lassen und dadurch die Herzen weiblicher Skihaserl aufzuwühlen. Er hatte auch in der Belegschaft des Kreiskrankenhauses, wo er als leitender Anästhesiearzt beschäftigt war, hier Begehrlichkeit, dort Neid erweckt. Nun war er hin.

Dem Pech mit dem Helm stand der glückliche Zufall gegenüber, daß es Ralf an diesem Vorfrühlingstag des Jahres 2009 nicht gelungen war, sowohl Heike, vor allem aber die beiden gemeinsamen Kinder mit auf den Berg zu zerren. Ein Söhnchen ihrer sehr netten Pensionswirtin hatte Geburtstag gehabt und Heike damit einen willkommenen Vorwand geboten, sich zu verweigern. Von der schon länger währenden allgemeinen Entfremdung zwischen den Gatten einmal abgesehen, haßte sie gerade das supersportliche Mitläufertum Ralfs. Dabei hatten sie beide noch die DDR erlebt, wenn auch die erklärtermaßen „leistungsorientierte“ und dabei krampfhaft motorisierte. Selbstverständlich mußten sie nun im nagelneuen allradgetriebenen Monsterauto VW-Touareg in die Alpen aufbrechen – es wäre kaum verblüffend gewesen, wenn die ganze Familie schon auf der Autobahn hopsgegangen wäre. Und was den sündhaft kostspieligen Kult um Skiausrüstungen und Tiefschneeschwängerungen anging, hatte er Heike bereits vor der Abreise mit Ekel erfüllt. Ralfs aktive Rolle in der Ex-PDS hatte ihn nicht daran gehindert, diesen Kult zu billigen, ganz im Gegenteil. Diese „Linken“ standen auf Volkswagen. Kurz, sie ließ es sich zwar wohlweislich nicht anmerken, war aber im Grunde heilfroh, daß dies alles ein unverhofftes jähes Ende gefunden hatte, Ralf eingeschlossen. Nicht auszudenken, wenn er, wie der Minister, überlebt hätte und nun in einer Klinik im Koma läge, wo sie alle zwei Tage zu erscheinen und tiefste Trauer zu heucheln hätte! Und das vielleicht noch auf Jahre hin. Furchtbar.

Der Minister war übrigens bald wieder auf die Beine gekommen, gleichwohl geflissentlich zurückgetreten. Ein alpenländischer Staatsanwalt sah sich sogar gezwungen, gegen den Minister zu ermitteln und ihn schließlich der Fahrlässigen Tötung anzuklagen. Doch mit rund 33.000 Euro Strafe und 5.000 Euro „Schmerzensgeld“ an die Witwe kommt der Politiker ziemlich glimpflich davon. Immerhin bietet er der Witwe und ihren Kindern, auf seinen „guten Ruf“ bedacht, sofort eine „weitaus höhere“ Entschädigung an. Darüber wird geheim verhandelt. Unterdessen überlegt sich Heike, ob sie dieses „Blutgeld“ überhaupt annehmen darf – eben wegen der schon eingangs geschilderten Sachlage. Sie überwindet ihre Skrupel zum einen der Kinder wegen, zum anderen der ihr selber gebotenen Chance zuliebe, endlich ein anderes, ja überhaupt zum ersten Male ein eigenes Leben zu führen. Immerhin stehen ihr nach gut einem Jahr, Ralfs Lebensversicherung eingeschlossen, auf einen Schlag rund 100.000 Euro zur Verfügung. Darüber, wie so ein eigenes Leben nun aussehen könnte, zerbricht sie sich allerdings nicht weniger den Kopf.

Der Minister hatte es sich einfach gemacht. Kaum zurückgetreten, hatte ihn ein Autokonzern als Manager „übernommen“. Heike war Kinderärztin, hatte diesen Beruf freilich nicht lange ausgeübt, weil Ralf darauf gedrungen hatte, sie als Hüterin des Hauses und der beiden Kinder hinter dem schmiedeeisernen Gartenzaun zu wissen. Dieses Haus verkauft sie nun. Damit hat sich ihr Vermögen glatt verdoppelt: 200.000 Euro. Sie war von Anfang an entschlossen, Mecklenburg zu verlassen, und zwei Jahre nach dem Skiunfall nimmt sie den Vorschlag ihrer Schwester Annett an, sich in deren Haus einzukaufen. Es liegt in der thüringischen Kleinstadt Truhn unweit des Marktplatzes auf einer Böschung, die sich nach hinten, zum Friedhof hin, in langgestreckten Gärten fortsetzt. Heike erwägt einerseits, sich in dem Städtchen als Kinderärztin niederzulassen, denn der Bedarf ist da. Andererseits hat sie neuerdings einen ungeheueren Bildungshunger und schmökert sich durch den Vormittag, sobald die Kinder in der Schule sind. Dabei kommt ihr Annetts Posten als Leiterin der Stadtbücherei entgegen. Eine eigene ärztliche Praxis würde sie erfahrungsgemäß auffressen. Sie überlegt noch hin und her, als sie schon wieder einen Mann trifft, der ihr Leben verändern wird, hoffentlich zum Besseren.

Heike hatte sich bewußt nicht eigens nach neuen Geliebten umgeschaut; sie hatte eher die Nase voll von Männern. Dabei war sie eine durchaus anziehende, auch eindrucksvolle Person. Mit 1,74 nicht gerade klein, an Busen und Hintern wohlgerundet, hatte sie ursprünglich sogar ähnlich prächtige Locken wie Ralf aufgewiesen, nur diesmal kastanienbraun. Sie hatte die Pracht bereits zu seiner Beerdigung radikal stutzen lassen. Die Schwiegereltern dachten: aus Gram.

Drei Jahre später wurde sie in der Truhner Stadtbücherei nicht durch Locken, sondern zunächst durch den bebilderten Vortrag eines etwas geschwätzigen, kinnbärtigen einheimischen Oberstudienrates aufgewühlt, der sich offensichtlich selber gerne reden hörte. Aber seine Botschaft war immer noch niederschmetternd. Der Mann hatte Indien und Pakistan bereist und zeigte oder schilderte Bilder unglaublichen Elends und unglaublicher Gegensätze. Er, vielleicht auch Annett, hatten einen ungefähr Rembrandt-großen Computerbildschirm aufgestellt, darauf rief er seine Fotos auf. Als Lehrer verstand er es natürlich, sie mit Anekdoten und sogenannten Hintergrundinformationen zu würzen. Die 30 oder 40 Leute im Saal hatten sich unter seiner Führung in 10- bis 2o-Millionen-Molochen wie Lahore und Karachi unzähliger schmutz- und beulenstarrender bettelnder Hände zu erwehren; sie mußten über Heroinabhängige und Obdachlose steigen, die buchstäblich wie die Ölsardinen auf den Bürgersteigen lagen; sie hätten den stinkenden zähen Smog in den Straßenschluchten locker mit den Schwertern des vorbritischen Adels teilen können; sie wurden in preiswerte „Restaurants“ gezwungen, deren Inhaber sich nur deshalb notdürftig über Wasser halten konnten, weil sie ihre vergleichsweise billigen Speisen mit „Second-Hand-Öl“ zubereiteten oder servierten, das schon einmal in den teuren Restaurants benutzt worden war. Diese Lokale und die Geschäftspaläste zeigte der Mann natürlich ebenfalls. Er berichtete von einer Korruption in der Elite und deren Bürokratie, gegen die Städte wie Schwerin, ja selbst Düsseldorf Horte der Sittsamkeit waren. Wie sich versteht, ließen sich die Alt- und Neureichen ihre gesunden Tafelwässerchen aus Übersee kommen. In Pakistan stürben jedes Jahr mehr als 200.000 Kinder allein durch verseuchtes Trinkwasser, flocht der Vortragsredner einmal beiläufig ein, und dieser Satz brannte sich unter Heikes nun kurzgelockter Ponyfrisur mit glühendem Eisen ein.

Wie ihr Jonathan später erzählte, saß der Oberstudienrat auch im Truhner Stadtrat – und zwar, wie ihr Ex-Gatte, für die Ex-PDS. Jonathan Blüth war das andere aufwühlende Ereignis des Abends. Heike hatte sich nach Vortragsende in ihrer Erschütterung an den immerhin bartlosen Kahlkopf gewandt, weil er zufällig neben ihr saß und weder nach Gregor Gysi noch nach Springerstiefeln roch. Er war geringfügig kleiner als sie, nicht dick und hatte sie gelegentlich aus recht verschmitzten Augen traurig angesehen. Sie schätzte ihn auf gut 50. Wie sie bald erfuhr, war er von Hause aus Tischler und hatte zuletzt in einer örtlichen anarchistischen Kommune gelebt. Als beiderseitiger Ärger aneinander zunahm, nutzte Jonathan die Möglichkeit, mit 60 in „Frührente“ zu gehen, auch gleich dazu, die Kommune zu verlassen und wieder allein zu wohnen. In Wahrheit war er nämlich Jahrgang 1950 und damit rund 20 Jahre älter als Heike. Aber davon merkte sie in seinem Bett wenig. Er wurde ihr neuer Geliebter.

Wie sie sich nach einiger Zeit nicht scheute, auch Annett oder anderen Bekannten gegenüber festzustellen, wurde er zugleich ihr Lehrer. Nicht etwa in Liebeskünsten, das hatte sie nicht nötig. Nein, es stellte sich heraus, Jonathan Blüth war sowohl gut belesen wie im Selberschreiben beschlagen, und obwohl er nahezu jede herkömmliche Lehr- oder Volksmeinung unerschrocken und oft verblüffend, sofern nicht verärgernd, gegen den Strich zu bürsten pflegte, ließ sich Heike Schritt für Schritt von den meisten seiner Auffassungen überzeugen und nahm schließlich seine Warte, im großen und ganzen betrachtet, selber ein. Das vollzog sich selbstverständlich nicht in Wochen, vielmehr in einigen Jahren, und es brachte manche Gefechte und manche Ernüchterungen für Heike mit sich. So löste einmal ein Tadel Heikes an die Adresse ihrer halbwüchsigen Töchter eine ausgiebige Erörterung über Pädagogik und letztlich über soziale Strukturen überhaupt aus. „Aber ich muß sie doch irgendwie erziehen!“ schimpfte Heike jammernd. Prompt entgegnete Jonathan: „Erziehung ist neuzeitlicher Mist“, und im Laufe der mit einiger Lektüre verbundenen Erörterung stellte sich heraus, daß auch die Familie Mist war, leider sogar ein viel älterer. Diese Erörterung beschwor tausend unerfreuliche Bilder aus Heikes Kindheit und natürlich auch aus ihrer Zeit mit Dr. Ralf Zuberdorf herauf, und am Ende sagte sie entsetzt: „Jonathan, ich komme aus der Hölle!“

Jonathan seinerseits war viel zu gefestigt, um sich noch nennenswert ändern zu lassen. Das erwartete Heike auch gar nicht. Für ihn war die Welt eine völlig mißlungene, leidvolle und offensichtlich unheilbare Erfindung von weiß der Teufel wem. Wenn er noch immer darin ausharre, dann nur deshalb, weil er leider nicht wisse, ob es nach dem „Ausstieg“ nicht noch schlimmer komme – „und neuerdings natürlich wegen dir!“ beeilte er sich mit schmachtendem Blick hinzuzufügen. Es war die Wahrheit. Ihre mit Wissensdurst, Gerechtigkeitsliebe, Mut und Herzenswärme gepaarte Sinnlichkeit machte ihn in der Tat um Jahre jünger und stimmte ihn auch wieder zuversichtlicher. Nebenbei konnte er bald ziemlich sicher sein, mit Heike endlich eine geeignete Nachlaßverwalterin gefunden zu haben, die sich zumindest darum bemühen würde, nach seinem Ableben die Webseite zu betreuen, die er seit Jahren betrieb. Auf ihr stand sein gesamtes literarisches Werk, es war nicht wenig. Von spärlichen Veröffentlichungen in Periodika abgesehen, hatte er nie einen Verlag für seine Schriften erwärmen können. Er nahm an, sie fanden sie viel zu respektlos oder abseitig, obwohl sie durchaus gediegen, ja sogar „brillant“ geschrieben waren, wie einige KennerInnen des Faches meinten. Aber diese Leute waren kaum weniger einflußlos als er selber. Auch seine Webseite wurde, soweit er sah, woanders so gut wie nie erwähnt.

Als Heike Einblick in Jonathans materielle Lebensführung erhielt, gereichte es ihr aufgrund ihrer bürgerlichen Vergangenheit und ihres Erbes teils zur Scham, teils zur Wut. Zwar wohnte er mietfrei. Ein Gönner der Kommune hatte Jonathan auf seinem jenseits des Marktes gelegenen Anwesen ein eher schäbiges schmales Hinterhofhäuschen überlassen. Jonathan hatte den Oberstock wohnlich hergerichtet und nutzte das Erdgeschoß als Werkstatt und Brennholzlager. Er zahlte dem Gönner lediglich eine Pauschale für Strom- und Wasserverbrauch. „Ich stelle dir gerne Quittungen aus“, hatte der Gönner gesagt, „fürs Sozialamt. Auch deine Heizkosten könntest du doch eigentlich geltend machen, wenn du denen schon die Miete ersparst.“ Das hatte Jonathan dankend abgelehnt. Er haßte Bürokratie, und es war schon viel, wenn er sich vom Sozialamt die Krankenversicherung erstatten und seine Rente aufstocken ließ, die sich wegen mancher „Ausfallzeiten“ auf lächerliche 230 Euro belief. Sie legten 170 drauf, womit er auf den von ihnen errechneten monatlichen „Regelbedarf“ von rund 400 Euro kam. Davon lebte er. Heike gegenüber hatte er außerdem argumentiert: „Warum soll ich den Staat mehr schädigen, wenn es unnötig ist? Diese zusätzlichen Anzapfungen steckt er sowieso locker weg, weil er sie dem Kleinen Mann auf der anderen Seite prompt wieder aus der Tasche zieht, denn eine Belastung der von ihm gemästeten Elite kommt selbstverständlich nicht in die Tüte.“ So schlug Jonathan unter dankbarer Billigung seines Gönners Stück um Stück eine eingefallene Scheune ab, die am selben Hof lag. Dadurch gewann er Balken, Latten und Bretter, die er vor oder in seiner Werkstatt in Brennholz verwandelte. Er sägte ausschließlich von Hand, abwechselnd links und rechts. Das nervte niemanden und hielt ihn selber fit – argumentierte er Heike gegenüber. Sie kicherte und warf sich gleich an ihn.

Heikes Töchter, inzwischen auf eigenen Wunsch Gymnasiastinnen und zunehmend „auf Achse“, gerieten über viele Monate hinweg in eine gewisse Verlegenheit, sobald sich Freundinnen oder Freunde erkundigten, was eigentlich ihre Mutter so treibe oder demnächst vorhabe. Vom Arztberuf hatte Heike Abstand genommen. Sie spürte, sie würde sich irgendwie öffentlich und anklägerisch betätigen müssen, doch was die Ausführung dieses Planes anging, stolperte sie von Idee zu Idee. Sie verwarf eine jede, weil ja auch in dieser Hinsicht, durch ihre Lektüre und ihre Gespräche mit Jonathan befördert, leider immer mehr ausschied. Ob man nun ein libertäres Kinderheim, eine sogenannte Freie Schule oder einen Buchverlag gründete, eine parteipolitische Laufbahn in Angriff nahm oder das genossenschaftliche Rösten „fair“ eingekaufter Kaffeebohnen unterstützte – es war und blieb, wie sie befanden, mindestens vergeblicher, meistens freilich eher schädlicher reformistischer Käse. Denn an dem Goldenen Kalb des Privateigentums, des Marktes und des Staates rüttelten diese Maßnahmen nicht; sie fütterten es eher noch.

Der erlösende Gedanke stellte sich im dritten Jahr ihrer Liebschaft an einem Sommerabend ein. Diese Erlösung würde sich letztlich sowohl für das Paar wie für Heikes Töchter recht makaber gestalten, aber das vorauszusehen, wäre wohl zuviel verlangt gewesen. Richtung Schloßberg schlendernd, streiften sie einen stadtbekannten schlichten, quadratisch in Sandstein gefaßten Brunnen, der selbst im Winter sprudelte, weil er von Quellbächen aus den nahen bewaldeten Hügeln gespeist wurde. Ein kleines Mädchen hatte sich gerade von seiner Mutter losgemacht und schickte sich mit verdrehtem Köpfchen an, den köstlichen Brunnenstrahl in seinen Hals laufen zu lassen. Doch die Mutter, wohl eine Auswärtige, erspähte noch rechtzeitig das Schild Kein Trinkwasser, das in den Beckenrand eingelassen war. So schimpfte sie, riß ihr Töchterchen zurück und riet ihm für die Zukunft dringend von solchen leichtfertigen Alleingängen ab. Heike blieb entsetzt stehen. Während das Mädchen sichtlich einschrumpfte, vor Schreck und Scham, mischte sich Jonathan ein, indem er auf das Schild tippte und der Mutter versicherte, das brauche sie nicht zu ernst zu nehmen. „Das Wasser ist gut, direkt aus den Bergen, das wird Ihnen jeder zweite Einheimische versichern!“ Darauf ging die Frau nur mit einem abfälligen Blick ein, ehe sie sich mit ihrem Töchterchen im Schlepp entfernte.

Heike seufzte schwer, Jonathan strich ihr beruhigend über die Schulter. Sie setzten sich übereck auf den Brunnenrand und ließen ihre Hände durch das kühle Wasser gleiten. „Ja, noch ist es gut“, nickte Heike aufs Wasser, „aber wie lange noch, Jonathan?“ Sie mußte wieder an die Kinder in Pakistan denken und sagte das auch. Jonathan nickte und schwieg. Dann sprach Heike von dem eingeschüchterten durstigen Mädchen, von den vielen tausend Verwundungen, die ein jeder aus seiner Kinderstube mit sich schleppe, von den zerfetzten oder selber Granaten werfenden Kindern in Somalia oder Syrien, aber sie sprach auch von ihren wohlbehüteten, bald erwachsenen eigenen Töchtern, die offensichtlich nicht so gut geraten waren, wie das Wasser, das neben ihnen aus dem gebogenen Brunnenrohr plätscherte, wobei es noch nicht das größte Übel sei, daß sie ihrer Mutter erst in dieser Woche wieder das brandneuste und superschickste smartphone aus den Rippen geschmachtet, genörgelt und geschnitten hätten ...

Nach einer Weile, in der sie beide schwiegen, erhellte sich Heikes Miene. Sie straffte sich, schlug energisch aufs Wasser und verkündete: „Jonathan, wir müssen endlich Schluß machen!“

Jonathan wischte sich ein paar Brunnenwassertropfen von Stirn- und Kopfhaut, runzelte dieselbe und erkundigte sich: „Du meinst, wir sollten uns trennen? Oder gemeinsam in den Brunnen stürzen ..?“

„Unfug! Wir, das ist die Welt. Die Welt muß endlich damit aufhören, Kinder in die Welt zu setzen. Jeder mitfühlende und verantwortungsbewußte Mensch hat ab sofort darauf zu verzichten, Kinder zu zeugen oder zu gebären, die ja doch nur zu dem Hauptzweck auf die Welt kommen, gequält zu werden und die Qual fortzusetzen, falls sie ihre Kindheit überhaupt überleben. Die ganze Menschheit muß weg. Die Menschheit hat freiwillig abzudanken, weil sie eine Pest für diesen Planeten und noch einige Nachbarplaneten ist. Hast du das nicht selber schon irgendwo so geschrieben? Na also. Die Menschheit hat auszusterben. Die Begründung dafür findet sich unter anderem in deinen Schriften; man müßte sich nur die Mühe machen, sie zu studieren. Aber das können wir natürlich nicht gleich von jedem verlangen, obwohl es auch ein Vergnügen ist, sie zu studieren. Folglich müssen wir zum Auftakt unserer Bewegung und für alle AnfängerInnen ein vergleichsweise kurzes Manifest verfassen. Du wirst dieses Manifest verfassen, mein lieber Jonathan!“

Sie sprachen noch die halbe Nacht über diese Sache. Jonathan lehnte sie nicht rundum ab, meldete aber etliche Bedenken an. So sei ja abzusehen, daß sie sich mit einem derartigen „Programm“ nicht nur den Hohn, sondern auch den Haß sämtlicher vorhandenen ideologischen Lager auf den Hals ziehen würden. Das meiste davon bekäme natürlich Heike als öffentlich auftretende Initiatorin ab. Nicht nur deshalb werde die „Bewegung“, die ihr vorschwebe, vermutlich eine Sekte mehr unter tausend bereits bekannten Sekten bleiben. Weder „die Intelligenz“ noch das sogenannten einfache Volk würde dieses „Programm“ begrüßen, ganz im Gegenteil. Denn nichts sei dem Menschen heiliger als der Mensch, dieses Schwein. Wer an der Mission oder auch nur der Daseinsberechtigung des Menschen, daneben auch der Zeugungskraft der Männer zweifle, treffe die Leute im Mark. Entsprechend gereizt würden sie reagieren.

Heike war nicht mehr von ihrer Idee abzubringen. Sie war entschlossen, sich in der Rolle als Gründerin, Generalsekretärin und ersten Vortragsrednerin des BAM in einer neuen Lebensaufgabe zu bewähren. „Na, ganz so neu ist die nun auch wieder nicht“, murmelte Jonathan schon im Halbschlaf. Aber er schrieb das verdammte Manifest.


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Manifest des Bundes für die Abdankung der Menschheit, kurz des BAM

Der Mensch ist eine Mißgeburt. Er sollte es endlich einsehen und freiwillig von diesem Planeten und allen womöglich schon eroberten Nachbarplaneten abdanken. Die Methode dazu ist so schonend wie einfach: er setzt ab sofort keine Kinder mehr in die Welt. Sowohl die ungeborenen Kinder wie die Planeten werden aufatmen und es ihm danken und von seinem freiwilligen Aussterben rühmend bis in die fernsten Galaxien künden.

Der sogenannte Fortschritt hat sich als grausamer Hohn erwiesen. Er hat die Menschheit nicht nur nicht beglückt und befriedet, vielmehr ihre Lage von Jahrhundert zu Jahrhundert verschlimmert. Statt die Kette der Kriege durchzutrennen, wurden die Waffen ausgefeilt. Die angebliche Erhöhung der Bequemlichkeit wird mit ungeheuerlichen ökologischen und gesundheitlichen Schäden erkauft. Der Mensch betet Killermaschinen wie Autos, Flugzeuge und Drohnen an und sorgt durch immer neue „Informationstechnologie“ für die Verblödung seiner selbst und vor allem seiner Kinder. Unsere Kleinen sind die größten VerliererInnen des Fortschritts. Wieviele Millionen von ihnen mußten bereits ins Gras beißen, ehe sie laufen oder rechnen konnten? Wer wollte die Wunden zählen, die ihnen sowohl verseuchtes Trinkwasser wie vergiftetes Familienleben schlägt?

Den gleichen Hohn beobachten wir in der sogenannten Emanzipation. Die Verfeinerung der Sitten und des Geschmacks hat zu einer Blüte der Nadelstichtaktiken geführt; hilft aber alles nichts, schlägt man zuguterletzt einander tot wie einst im Neandertal. Die Frauen überbieten sich darin, alle Schandtaten nachzuäffen, die bislang den Männern vorbehalten waren. Der Prozeß der Zivilisierung stellt sich im wesentlichen als Enteignung dar: von den Produktionsmitteln, von der Selbstversorgung, von der Unabhängigkeit. Die bürgerliche Freiheit beläuft sich auf das Recht, unnütze Dinge zu kaufen, solange Geld und Kredit reichen. Gutgeschmierte PolitikerInnen machen die Mästung der Elite und die Verdummung des Volkes unter sich aus. Verkünden sie die Ergebnisse, dürfen wir sie im Fersehen bewundern.

Wackere ErlöserInnen des Volkes, denen die Mittel für eine theologische Laufbahn fehlten, haben es immer wieder mit Revolutionen versucht. Wir aber beknieen unsere LeserInnen von der sogenannten linken Seite: laßt endlich euren feigen schlappschwänzigen Zweckoptimismus fahren, stopft eure Durchhalteparolen in die Mülltonne, es wird euch zur Ehre gereichen. Schließlich haben sich jene „Umstürze“ ein ums andere Mal als Fehlschläge erwiesen. Mal wechselte das Joch nur die Farbe, mal legten die BefreierInnen noch was drauf. Der Machtinstinkt des Menschen ist stark genug, um ihm nachzugeben, sobald einer oder eine an den Schalthebeln steht. Eigennutz geht über alles, Leichen eingeschlossen. Der Zweck heiligt die Mittel. Die Mühle der privat- oder staatswirtschaftlichen Apparatur zwingt dem Menschen ihre Mahlweisen auf. Wer einmal mitmacht, kommt nie mehr heraus.

Die letzten Hoffnungsschimmer auf Umkehr werden von der unaufhaltsamen Elefantisierung der Welt zertreten. Wesentliche Schübe erfuhr sie durch den Imperialismus und die postmoderne „Globalisierung“, zu der man den Elefanten wohlweislich verniedlicht hat. Die Welt und ihre prägenden Einrichtungen haben einen Grad der Größe, Verflechtung und Unüberschaubarkeit erreicht, der sie zunehmend unwägbar und unbeherrschbar macht. Wie wollte man unsere Mammutkonzerne, Gipfelkonferenzen, Atomkraftwerke, Zig-Millionen-Städte, Bürokratenheere und das ganze materielle und digitale Verkehrswesen wieder rückgängig machen oder auch nur verkleinern? Nur durch Krieg. Und nach dem Krieg kann dann wieder aufgebaut werden, falls noch ein paar eingekellerte Großmütter und Kindersklaven unverstrahlt geblieben sind.

Nein, sagen wir, laßt uns lieber vorher aus freien Stücken einen Schlußpunkt setzen. Verweigern wir unseren Eliten die Soldaten, die Pizzaboten und alle anderen nützlichen Idioten. Zeugen und gebären wir keine Kinder mehr. Erfreulicherweise haben ja unsere Verhütungsmittel die Ausrottung der IndianerInnen und der mitteleuropäischen Hexen überstanden. Somit spricht nichts dagegen, sich weiterhin miteinander zu vergnügen, solange die Welt noch nicht eingeschrumpft ist.

Hier könnten einige Frauen einwenden, sie hätten doch so gerne ein Kind. Dazu sagen wir: Ihr sitzt einer romantischen Grille auf, ja mehr noch, einem Elefanten der Mütterlichkeit, des sehnlichen Kinderwunsches und der wahren Liebe, der in antiken Stadtstaaten und neuzeitlichen Industrienationen aufgeblasen wurde, damit sich die adelige oder bürgerliche Dame nicht zu Tode langweilen muß. Nun hat sie den Elefanten in ihrem dicken Bauch und streichelt ihn. Später zeigt sie ihm auch die Peitsche oder die erwähnte Nadel. Heute verhätschelt sie ihn, morgen verflucht sie ihn, immer schön im Wechselbad.

Befragt ein paar zufriedene, sogenannte primitive Völker: sie kennen weder das süße Christkind in der Krippen noch den „Stolz“ seines Erzeugers, der sich schon die Hände reibt, weil er den Sprößling nach seinem Bilde formen oder aber brechen wird. Müßt ihr unbedingt Kinder haben, dann adoptiert welche. Noch gibt es genug Waisen auf der Welt, viel zu viele. Erzieht sie aber nicht! Schlagt ihnen nur ein paar bewährte Verhütungsmittel vor.


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Zu Jonathans Verblüffung schlug Heikes Initiative fast wie eine Bombe ein. Das lag aber wahrscheinlich nur an glücklichen Zufällen und an Heikes Geschick. Sie hatte Annett, ihrer Schwester, die Email-Adresse eines Redakteurs des noch halbwegs kritischen und parteiunabhängigen Internetportals Dampfbad aus der Nase gezogen. Der Mann war einmal Annetts Liebhaber gewesen. Und siehe da, er war von Heikes Vorstoß begeistert. Allerdings betonte er auch gleich, es werde Ärger geben. Er brachte das Manifest nebst einem Gespräch mit Heike, in dem sie Erläuterungen gab und auch beschrieb, wie sie sich das praktische Wirken des Bundes vorstellte. Daraufhin hagelte es sowohl beim Portal wie in Heikes Computer LeserInnenbriefe. Zustimmung und Ablehnung hielten sich anfangs ungefähr die Waage. Rasch griffen andere Portale oder Blätter die Sache auf, darunter sogar ein vielgelesenes Mainstream-Wochenmagazin, das einen Mordsspaß und eine nicht unbeträchtliche Auflagensteigerung zu wittern schien. Damit lag es nicht schief. Aber so sehr diese Publizität auch den Bekanntheitsgrad des Bundes steigerte, heizte sie doch auch die Stimmung gegen ihn an. Mit seinem Titel „BAM BAM und BUM BUM / Eine Kinderärztin bläst zum Großen Sterben“ hatte das Wochenmagazin bereits den Ton und die Richtung der öffentlichen Debatte angegeben, die nun für einige Frühherbstwochen durch Medien, Internet oder Säle tobte. Fernsehauftritte hatte Heike übrigens strikt abgelehnt, und auch die MitstreiterInnen, die sich rasch einstellten, hielten sich daran. Heike reiste per Eisenbahn durch kleine und große deutsche Städte, um Vorträge zu halten, Diskussionen zu leiten und Interviews zu geben. Private Abenteuer versagte sie sich. Sie telefonierte fast täglich mit Jonathan.

Wie schon angedeutet, kam sie bei ihren Veranstaltungen mit der Argumentation, die aus dem Manifest lugte und die in Jonathans Schriften ausgebreitet war, kaum zum Zug. Meistens hatte sie sich mit gehässigen oder törichten Anwürfen auseinanderzusetzen und dem chronischen Personalisierungsdrang der Leute, darunter natürlich auch der Journalisten, zu erwehren. Schon das Wochenmagazin hatte in seiner erwähnten Titelgeschichte mitzuteilen gewußt, das Manifest trage unverkennbar die Handschrift des Truhner Ex-Tischlers und Ex-Kommunarden Jonathan Blüth. Der gute Mann habe mit seinen ins Internet gestellten Schriften durch Jahre hinweg kaum einen müden Hund hinter dem Ofen hervorgelockt, sehe aber nun, da ihm die fesche junge Generalsekretärin ihre Gunst geschenkt habe, offenbar die Chance, doch noch groß herauszukommen, bevor er das Zeitliche zu segnen habe. So etwas fand Heike infam, sagte dies aber nicht öffentlich. Sie hatte Stärke und Gelassenheit zu bezeigen.

Auf die Reaktion verschiedener Fraktionen des Sozialismus und Kommunismus hätte Jonathan bedenkenlos das neue schlichte Tourenfahrrad gewettet, das ihm Heike zum 65. Geburtstag geschenkt hatte. Schließlich kannte er den Verlauf der sogenannten Gebärstreik-Debatte von 1913. Diese Initiative (der Verhütung unerwünschter Geburten) war von einigen linken Berliner Ärzten ergriffen worden, um den üppigen proletarischen Kindersegen zu drosseln, der ja doch nur künftiges Ausbeutungs- und Kanonenfutter darstelle. Das brachte ihnen von den führenden Sozialdemokraten, Frau Clara Zetkin und Frau Rosa Luxemburg eingeschlossen, den Vorwurf ein, sie wollten dem Klassenkampf die Massenbasis entziehen. Kaum anders argumentierten die Nachfolge-Organisationen in ihren Schimpfkanonaden gegen das BAM-Manifest, wobei sie die naheliegende Frage, warum wahre Millionenheere von gar nicht oder „prekär“ Beschäftigten den Kapitalismus nicht schon längst hinweggefegt hätten, elegant umgingen. Die sozialistischen und kommunistischen Kräfte setzten also nach wie vor auf Quantität, womit sie sich als gelehrige SchülerInnen des marktwirtschaftlichen Wertgesetzes erwiesen und nebenbei als ernstzunehmende KoalitionspartnerInnen des Kapitals empfahlen. Einige „anarchistische“ Gruppen oder Aktivisten hielten zwar eher die Qualität hoch – aber in diesem Falle die Qualität jener Kinder, die durch „fragwürdige, von oben angestiftete Bremsmaßnahmen“ daran gehindert werden sollten, sie außerhalb des Mutterleibes zu entfalten. Denn der Nachwuchs aus dem Proletariat oder aus anarchistischen Zirkeln bringe doch ohne Zweifel für
den Widerstand geeignetere Eigenschaften mit als die Brut der korrupten Elite. Hier trafen sie sich wieder mit den Kommunisten. Denn sie fuhren fort: „Wollen Zuberdorf und Blüth am Ende genau diese Brut begünstigen und damit den Planeten kampflos der fröhlich sprießenden Elite überlassen?“ Damit hätte sich eigentlich die Frage aufgedrängt, wo die Elite denn eine für ihr Gedeihen unerläßliche Massenkundschaft hernähme, wenn die Völker tatsächlich in den Gebärstreik treten sollten? Sie stellten sie lieber nicht. Nur in einer Versammlung in Oldenburg kommentierte dazu eine offensichtlich solitäre Anarchistin: „Wahrscheinlich setzt die Elite dann auf zweigleisige Inzucht: jede nicht topgesunde Göre kommt in die Kunden-Kiste ...“

Selbst die angeblich radikalen FreiheitskämpferInnen warfen sich demnach weniger zu Verfechtern des mütterlichen Selbstbestimmungsrechtes, mehr zu BehüterInnen „des Lebens“ auf. Damit konnten sie unzähligen Demokraten, etlichen Bischöfen, einigen neofaschistischen Parteien oder Wehrsportgruppen, der Berliner Bundeskanzlerin und selbst dem französischen Juristen, Staatstheoretiker und führenden Hexenverfolger Jean Bodin (1530–96) die Hände reichen. Er hatte kein Blatt vor den Mund genommen: „Derjenige also, der die Zeugung oder die Heranreifung der Kinder behindert, muß ebenso als Totschläger angesehen werden wie derjenige, der einem anderen die Gurgel durchschneidet.“*

Es war die übliche niederträchtige Umdeutung. Nicht die Leute, die mörderische Verhältnisse in Schutz nahmen oder beschönigten, die Jahr für Jahr für Millionen an toten, kranken, durchängstigten Kindern sorgten, waren die Schurken – die Schurken waren vielmehr die Leute, die Millionen von ungeborenen Kindern eben das Schicksal solcher Verhältnisse zu ersparen suchten. Das gab natürlich keiner von den Umdeutern zu. Sie wiesen auch den Verdacht weit von sich, ihre vom Manifest hervorgelockte Aggressivität gelte letztlich dem Sakrileg, den Wert des Menschen als „Krone der Schöpfung“ anzuzweifeln und so herabzusetzen. Sie behalfen sich mit Spitzfindigkeiten und Verleumdungen. Sie warfen dem Bund Miesmacherei, Defätismus, Unrealismus, Populismus, Revoluzzertum und weiß der Teufel was vor. Ging ihnen diese Munition aus, war immer noch Heike Zuberdorf da, die sich aufgrund ihrer merkwürdigen Vergangenheit und ihrer Offenherzigkeit prima durch den Schmutz ziehen ließ.

Nach einer Veranstaltung Ende Oktober, auf der sie (in Passau) mit überreifem Fallobst beworfen worden war, redeten Heikes MitstreiterInnen ihr zu, die nächsten drei Veranstaltungen abzusagen und sich erst einmal zwei Wochen Heimaturlaub zu gönnen. Das sah sie ein. Sie ließ sich zwei Tage von Jonathan trösten und verwöhnen; dann setzte sie sich an ihren Computer, um Berge von Emails durchzusehen und zum Teil zu beantworten. Abends drang der Lampenschein aus ihrem Dachzimmer durch die schütteren Bäume und Gebüsche, die auf der Böschung standen, doch noch passierte nichts.

Für den Freitagabend hatten ihre Töchter sie zu einem Kammerkonzert eingeladen, das im Saal des Gymnasiums stattfand. Sie wollten zu Fuß gehen. Als sie zu dritt in den Schein der Laterne traten, die unweit ihres Vorgartentores an der gekurvten Einbahnstraße stand, sprang 50 Meter weiter links ein Motor an. Während sich das schwere, mit zwei Vermummten besetzte Motorrad den drei Frauen näherte, mischten sich Salven aus einer Maschinenpistole in den Motorenlärm. Dann drehte die Maschine auf und bog stadtauswärts in die Hauptsraße. Am Gartentor blieben die durchsiebten Körper der drei Frauen zurück.

Am nächsten Vormittag konnten die Medien in ihren aktualisierten Meldungen sogar von vier Todesopfern berichten, die die „entsetzliche Bluttat“ in Truhn gefordert habe. Mit Hilfe einer Blausäure-Kapsel, die ihm vor rund zwei Jahren von Dr. Heike Zuberdorf beschafft worden war, hatte sich der 66jährige Jonathan Blüth am frühen Morgen in seinem Hinterhofhäuschen das Leben genommen. Auf der Hofseite seiner Haustür hatte sich ein angepinnter Zettel gefunden: „Liebe Annett! Ich bin bei Heike. J.“

* Heinsohn/Steiger München 1989, S. 93



Vorübergehendes Hauen und Stechen auf der Schweinsblaseninsel

Der Name ist ein Notbehelf, was vermutlich auch schon aus ihm hervorleuchtet. In Wahrheit hat diese Insel, auf der nach meiner Einschätzung ein durchaus fesselnder Roman spielen könnte, gar keinen Namen. Sie gilt noch nicht einmal als „Insel“. Dabei ist sie nachweislich von viel Wasser umgeben. Sie mißt ungefähr 7 mal 10 Kilometer. Ihre rund 300 BewohnerInnen, Kinder eingeschlossen, leben in drei auseinander liegenden Küstendörfern. Sie kennen keinen Namen für ihre Insel, weil sie kein anderes Land kennen. Sie kennen auch keine anderen Menschen. Die hügelige, teils bewaldete Insel liegt also irgendwo abgeschieden im Meer. Schiffe oder Flugzeuge kennt man allenfalls aus großer Entfernung – wie Kometen ungefähr.

Der Stand der insularen Technik entspricht in etwa dem europäischen von 1600. Es gibt ein kleines Erzvorkommen, das zur Eisengewinnung dient (Jagdwaffen, Handwerkszeug, Kessel). Nachrichtentechnik gibt es nicht. Notfalls werden Läufer ausgeschickt, oder aus Freude. Soweit man zurückdenken kann, trat eigentlich noch nie ein wirklicher Notfall ein. Schließlich ist der Begriff der Invasion unbekannt, mangels denkbarer Eindringlinge, und für hausgemachte Umstürze ist man zu faul. In beschränktem Umfang wird Papier hergestellt, weil man (seit einiger Zeit) eine handschriftliche Chronik führt, die wichtige Ereignisse, Entdeckungen oder Erfindungen sowie Beschlüsse vermerkt. Sie liegt in drei Exemplaren auf die Dörfer verteilt vor, wegen Brand- oder Wassergefahr. Sie wird beim jährlichen Sommerfest der InsulanerInnen, das auch Vollversammlung ist, öffentlich vervollständigt. Möglicherweise dient sie in den Dörfern gelegentlich zur Unterrichtung der Kinder, aber auf keinen Fall in Schulen. Alle Bände und Exemplare der Chronik sind in Bergziegenleder gebunden. Zu den Delikatessen der Chronik – die zum Beispiel so gut wie nie von Verbrechen berichten kann, weil kaum welche vorkommen– zählt der Eintrag über einen Anschlag. Ein Insulaner hatte ein Exemplar der Chronik wutentbrannt angezündet, weil er sich darin übergangen fühlte. Man wollte ihn zunächst töten, aber dann zeigte er sich reuig und wurde zu einer Abschrift der ganzen Chronik verdonnert, Skizzen und Miniaturen eingeschlossen.

Beim einheimischen Klima könnte man sich an Elba erinnert fühlen (in Teil 3 des Beitrags), obwohl die „Schweinsblaseninsel“ natürlich nicht im Mittelmeer liegt. Gleichwohl gibt es an ihrem Lageort weder Tropenschwüle noch Hurrikane. Während die Temperaturen im (überwiegend feuchten) Winter selten unter 10 Grad fallen, steigen sie im Sommer (eher trocken) selten über 28 Grad. Trotzdem werden Tom und Mark weitgehend auf den kostenlosen Anblick wippender Frauenbrüste verzichten müssen, sind doch entblößte Oberkörper außerhalb des Badens verpönt. Mit dem unerwarteten Eintreffen dieser beiden Männer dürfte ein beschlagener Autor das Romangeschehen eröffnen. Den InsulanerInnen des Dorfes A., die nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen sind, stehen immerhin die Münder auf, weil ein riesiger qualmender Vogel herandonnert. Es handelt sich, unter uns gesagt, um ein propellergetriebenes einmotoriges, zweisitziges Leichtflugzeug, das auf einer schmalen Landzunge der Insel notzulanden versucht. Das mißlingt. Die Maschine kracht am Ende der Landzunge vor einen Felsen und geht in Flammen auf. Kurz vorher gelang es allerdings den beiden Insassen, sich irgendwie aus dem Cockpit ins Wasser zu werfen. Es sind die schon erwähnten beiden Männer, die leicht verletzt geborgen werden. Der blondgelockte ältere, um 35, stellt sich als „Tom“ vor. Er war der Pilot. Der dunkelhaarige jüngere, um 25, ist Toms Neffe „Mark“. Er wirkt etwas erschöpfter und verstörter als sein Onkel. Die Sprache der beiden versteht natürlich kein Mensch.

Wie Tom und Mark rasch aufgeht, sind sie bei Leuten gelandet, die sich vorwiegend als Jäger- und SammlerInnen sowie FaulenzerInnen betätigen. Das letzte bedeutet, sie spielen auch viel, Musik eingeschlossen. Im Dorf C. gibt es zum Beispiel eine erstklassige Band, die neben verschiedenen Trommeln und Flöten zwei Marimbas einsetzt, eine tiefe, die den Baß ersetzt, und eine hohe. Bei diesen Marimbas werden die Töne durch unter den Klanghölzern angebrachte Kalebassen verstärkt. Dafür kennen die InsulanerInnen erstaunlicherweise keine Spielbälle, das ist wichtig. Bei all diesem Treiben herrscht Gleichberechtigung und Gelassenheit. Die Dörfer sind egalitär verfaßt und begreifen sich insgesamt als Einheit. Man besucht sich häufig, wohnt sogar oft für Wochen in einem Nachbardorf, und hilft einander aus. Von persönlicher Habe abgesehen, etwa ein paar Hemden, ein über dem Bett hängender Traumfänger oder ein reich beschnitztes Jagdmesser, ist alles Gemeineigentum. Habgier, Lokalpatriotismus und Konkurrenz sind weitgehend unbekannt. In der Sprache der InsulanerInnen – eine Sprache, die weder einen Namen für sich selbst noch ein Wort für so etwas wie eine „Sprache“ kennt – gibt es selbstverständlich auch keine Wörter für Geld, Wert, Ware, Wohlstand, Ehrgeiz und dergleichen mehr.

Da die Verhältnisse gut überschaubar sind, kommen die InsulanerInnen nahezu ohne Vorschriften und Vertretungen aus. In der Regel finden in jedem Dorf nach dem gemeinsamen Frühstück kurze Arbeits- beziehungsweise Mußebesprechungen statt: wer macht heute was? Das Gemeinschaftshaus ist groß genug, um alle DorfbewohnerInnen zu fassen, ansonsten rund, spitzdächig und aus in der Sonne gebrannten Lehmziegeln gebaut wie alle Häuser der Dörfer. Die Leitung der Plena geht reihum, was aus einer (markierten)
Namenstafel ersichtlich ist. Die jeweilige Leiterin hat sich um eine gewisse Vorbereitung und Abkürzung zu bemühen; kein Palaver. Daneben werden zu wichtigen Fragen Gesprächsrunden angesetzt, die teils durch Kleingruppen vorbereitet werden. Den regen Austausch zwischen den drei Dörfern und die jährlichen Sommerfeste erwähnte ich bereits. Auch in diese Gepflogenheiten wird das neue Fußballspiel eingreifen. So könnten sich Tom und andere Besessene, die er für dieses Spiel gewonnen hat, in den Kopf setzen, das kleine Amphitheater, das ungefähr auf Inselmitte in den Hügel liegt, zu einem echten „Stadion“ zu erweitern. Mit der Konkurrenz fängt das Opfern an.

Wie man bereits erahnt, besteht die Grundidee des vorgeschlagenen Romanvorhabens darin, den kulturellen Horizont der aus der sogenannten Zivilisation notgelandeten Gäste mit dem der Insel zu konfrontieren. Vielleicht sollte ich noch die Ernährungslage der Insel umreißen. Sie ist ausgezeichnet. Den Löwenanteil der Nahrung liefert das Meer durch Fische, die leicht zu fangen sind. Das gilt auch für Lachse, die jährlich die vorhandenen Bäche hinaufwandern. Manchmal bricht einer auch gern für nächtliches Flußangeln auf, um beispielsweise Aal, Zander und Karpfen nachzustellen und dabei von seiner gerade verreisten Geliebten zu träumen, oder es tun sich ein paar Leute zusammen, um nachts aufs Meer zu fahren, weil dann die Fische die Schleppnetze leichter übersehen. Der typische Insulaner ist, entgegen dem Vorurteil, so wenig Gewohnheits- wie Gesetzestier; er liebt die Abwechslung. Deshalb betreibt er auch keine Viehzucht, von etwas Imkerei einmal abgesehen. Warum mühsam ein Hausschwein mästen, wenn einem das Wildschwein, geschickt genug aufgespürt, fast in die Arme läuft, um das Dorf mit Braten, Borsten und eben mit seiner Blase zu beliefern? Übrigens jagen die Frauen nicht schlechter als die Männer; sie zimmern – und fußballern leider auch, wie sich zeigen wird. Hauptwaffe der JägerInnen sind Pfeil und Bogen. Fallen werden nur eingesetzt, sofern sie die Beute nicht quälen. Feuerwaffen sind unbekannt.

Als Haustiere könnte man allenfalls die Färberläuse, Kreuzspinnen und C-Hörnchen anführen. Die Färberläuse, woanders auch Cochenillen genannt, werden von ein paar Leuten des Dorfes A. (das an der Südküste liegt) auf einem kleinen Kakteenfeld gehalten. Sie geben ein prächtiges Karminrot ab, für Kleider oder Wolldecken beispielsweise, weniger für Fahnen. Die Kreuzspinnen, im mitteleuropäischen 20. Jahrhundert wegen ihres angeblichen „Rotationsprinzips“ zum grünen Wappentier degradiert, bringen den Häusern der Inseldörfer Glück, wobei sie mit ihren in manchen Fensterhöhlen ausgespannten zierlichen Netzen sogar Gewitter fernhalten. Bleiben noch die C-Hörnchen. Sie tummeln sich hauptsächlich in der Gegend des Dorfes C., wie der Name bereits andeutet. Sie sind nämlich ausgesprochen musikliebend. Sobald die erwähnte Band auch nur eine Flöte anbläst, unterbrechen sie ihre paarweisen, spiralförmigen wilden Jagden um die Stämme der Eßkastanien, hocken sich auf den nächsten Holzstoß und machen mit gespitzten Pinselohren gespannt Männchen. Als Jagdobjekt sind sie selbstverständlich tabu.

Das galt bis zum Eintreffen der beiden weißhäutigen Männer auch für das einzige größere Raubtier der Insel, den Luchs. Unter den Bergziegenrudeln, die den InsulanerInnen neben Fleisch Leder und Wolle lieferten, richtete er keinen nennenswerten Schaden an. Ein gut getarnter, oft regungslos verharrender echter Faulpelz, war er am Tage kaum zu sehen. Auf Beutezug ging er in der Morgen- und Abenddämmerung. Er griff aber niemals Menschen an, auch keine Kinder. Dann gab es noch die Aspisviper. Zwar war diese, 60 bis 90 Zentimeter lange einzige Giftschlange der Insel vorwiegend tagaktiv, doch die Dörfer und die Menschen mied auch sie. Man sah sie gelegentlich an sonnigen steinigen Hängen. Im Winter hielt sie Starre. Aufgescheucht, floh und warnte sie in der Regel, statt sofort anzugreifen. Ein Biß von ihr war selten tödlich. Meist blieb die Vergiftung lokal, die Schmerzen waren aushaltbar. Man wußte auf der Insel einen wirksamen Kräuteraufguß gegen ihre Bißwunden.

Neben Eßkastanien und Kräutern unterschiedlichster Art bot die Insel Früchte wie Nüsse, Pflaumen, Oliven, Pilze, Muscheln in rauhen Mengen, man brauchte sie nur aufzulesen oder zu pflücken. Etwas mühsamer gestaltete sich die Kartoffelernte. Die Kartoffel war die einzige Frucht, die nennenswert angebaut wurde. Neben den Fischen stellte sie sogar die zweite Säule der Ernährung dar. Die Ernte im Herbst war stets ein Fest. Die Kinder trugen das vergilbte Kraut für Feuer zusammen, in deren Glut gleich ein paar Pfund Kartoffeln gebacken wurden. Die anderen Kartoffeln wurden eingekellert. Für den Transport der Ernte standen Kiepen, Körbe und verschiedene Schub- oder Ziehkarren zur Verfügung, vor die sich selbst die Kinder mit Begeisterung spannten. Zug- und Reittiere waren ja mit der Viehzucht entfallen. Als Haupttransportmittel zwischen den drei Dörfern dienten Boote, vor allem Kanus. Mit ihnen wurde natürlich auch gleich die Kunde von der Ankunft der Weißhäutigen in die Dörfer B. und C. gebracht.

Tom war in der anderen Welt Fußballstar und junger Lebemann gewesen. Er hatte gerade den Trainerposten eines Spitzenclubs übernommen. Seinen Neffen hatte er zu der vermeintlichen Spritztour (in Toms eigenem Flugzeug) als Belohnung für den frischen Doktor-Titel Marks eingeladen. Mark ist etwas handwerklicher und auch etwas kulturkritischer als sein Onkel geartet. Gelernter Elektriker, hatte er Informatik studiert und in „sozialen Netzwerken“ mitgemacht. Ursprünglich wollte ich lediglich Tom auf der Insel absetzen; durch die Verdopplung der Gäste kann der Romanautor jedoch glaubwürdiger von den haarsträubenden westlichen Zuständen sprechen. Beispielsweise fühlt sich Mark von Gestalt und Hautfarbe der InsulanerInnen her an eine Flugreise nach Mumbai (früher Bombay) erinnert, die ihn ziemlich erschütterte. Ein größerer Gegensatz als zwischen der Insel und einer durch und durch verseuchten fernöstlichen 20-Millionen-Metropole ist sicherlich kaum denkbar. Für die InsulanerInnen selber ist er zudem völlig unvorstellbar. Davon abgesehen, wird der Kampf, der auf der Insel entbrennt, auch zu einer Spaltung zwischen Tom und Mark führen.

Ein Buch wirkt fast immer wie aus einem Guß geschrieben. In Wahrheit wird die Arbeit an ihm im Laufe von Wochen oder gar Jahren, ja selbst an nur einem Tage fortwährend unterbrochen, weil der Autor etwa zum Bäcker oder aufs Klo muß. In der zweiten Hinsicht muß ich für diese Skizze weitgehend passen. Man kann lesen, was man will, Peter Farb, Wolfgang Lindig, Jost Herbig zum Beispiel: um Kothaufen und Urinlachen machen sie alle einen mehr oder weniger großen Bogen – ob schamhaft oder einfach nur aus Schlamperei. Niemand verrät, wie und wo der Jungsteinzeitler oder der Prärieindianer aufs Klo ging. Diesseits allen westlichen Hygienefimmels lauern in unseren Ausscheidungen möglicherweise wenig Gesundheitsgefahren; Urin wird ja sogar streckenweise als Heilmittel empfohlen. Immerhin erwähnt Herbig einmal, es habe lange gedauert, bis der Neandertaler auf die Idee kam, seine Küchenabfälle nicht kurzerhand auf den Höhlenfußboden fallen zu lassen, wo sie natürlich Ungeziefer, Schimmelpilze, Ratten und dergleichen, und damit Bakterien in Scharen anzogen. Vielleicht war er wenigstens so nett, seine Kotwürste nicht auf die Pantoffeln seiner Hausfrau, sondern draußen von irgendeinem Donnerbalken auf die erstarrte Aspisviper fallen zu lassen. Das brachte ihm hin und wieder mindestens einen Schnupfen oder Rheumatismus ein. Aber diese „Scham“, wie sie die InsulanerInnen an den beiden Weißhäutigen beobachteten, kannte er wohl kaum.

Gottseidank lebten die InsulanerInnen nicht mehr in der Eiszeit, und so nehme ich einmal an, sie waren sozusagen von Hause aus ziemlich gesund. Andererseits ist man natürlich nirgends vor heimtückischen Krankheiten oder Unfällen oder vor den bekannten Zeitbomben namens Zähne gefeit, die ein jeder Mensch zeitlebens mit sich herumschleppt, solange er noch welche hat. Wahrscheinlich gibt es auf meiner Insel nur Volksmedizin; keine Spezialisten. Ist einmal eine Operation erforderlich, wird sie ohnehin von mehreren Leuten vorgenommen; eventuell Beiziehung aus anderen Dörfern. Mit Tom und Mark mag die Insel Glück haben, sonst können wir den Roman gleich vergessen. Denn was wäre heimtückischer, als bei einem solchen Besuch Pocken, Syphilis oder Aids einzuschleppen? Wobei ich mich bislang vergeblich frage, wo eigentlich die erste, dann ansteckende Geschlechtskrankheit der Menschen hergekommen sein soll. Wenn doch ursprünglich alles gesund war? Außer den israelitischen Königen und Propheten? Vielleicht kam sie ebenfalls von Gott, wie das Mana und die Atombombe.

Man könnte sich hämisch fragen, ob die beiden Besucher nicht gesucht würden. Nun, im Prinzip schon, aber nicht in der Gegend der Insel, hatten sich die Männern doch völlig verflogen. Und ihre Handys zerschmolzen in den Flammen. Sie müssen also notgedrungen bleiben. Was ihr Vorleben bedeutet, werden sie trotz rascher Fortschritte im Erlernen der Inselsprache kaum klarmachen können. Aber sie können es zumindest teilweise demonstrieren. Was Fußballstar Tom angeht, findet er den Müßiggang, die Anspruchslosigkeit und die losen Sitten der InsulanerInnen zwar zunächst „ganz witzig“, wie auch diese seine seltsamen Andeutungen über westlich-kapitalistische Lebensart „zum schießen“ finden. Aber das bleibt eine Dreitagegrille. Dann zeigt sich, der hünenhafte weißhäutige Draufgänger, der bereits sein 180.000 Euro schweres Flugzeug gegen den Felsen fuhr, kann oder will sich diese merkwürdige Zufriedenheit der InsulanerInnen auf keinen Fall zu eigen machen. Er ist chronisch
managerkrank, daneben selbstverständlich eitel. Das führt natürlich zu gewissen Konflikten. Den einen oder anderen Insulaner, Frauen eingeschlossen, kann er vielleicht durch seinen von blonder Lockenpracht gekrönten athletischen Körper betören, nicht jedoch durch seine Besserwisserei. Allerdings heimst er weite Sympathien ein, als er den InsulanerInnen zeigt, wie man, aus Leder, einen Fußball anfertigt und wie man damit spielt. Eben die Lederhülle dieses Fußballs wird mit der titelgebenden Schweinsblase gefüllt, ehe die Blase ihrerseits aufgeblasen und abgeknotet und die Hülle (mit Nadel und Faden) geschlossen wird.

Neffe Mark, nicht ganz so dunkelhaarig wie sämtliche Einheimische, erwärmt sich zunehmend für das Inselleben, obwohl er einiges zu leiden hat. So hat er Heimweh, verliebt sich unglücklich und erlebt Reinfälle mit „Erfindungen“. Auf die Frage der Liebe werde ich wohl noch irgendwie eingehender zurückkommen müssen. Was die Fußballwelle angeht, schwimmt Mark zunächst auf ihr mit. Viele InsulanerInnen, vor allem junge, begeistern sich für das neue, von Tom zündend eingeführte Spiel. Die gewohnte Lebensordnung gerät ins Wanken, zumal sich einige InsulanerInnen auch Toms Normen des Bewunderns, des Siegens, des Wachstums, des Übervorteilens, des erbarmungslosen Wettstreits – kurz des Fußballkrieges zu eigen machen. Dem fallen sogar erste Luchse der Insel zum Opfer, hatte Tom doch die großartige Idee, Kleidungsstücke aus Luchspelz und Schmuck aus Zähnen oder Klauen des Tieres in Prämien, in Geld also zu verwandeln. Das wäre die zweite Grundidee: die drei Inseldörfer bekämpfen sich immer erbitterter, schaden dem „Gegner“, wo es nur geht, bis hin zur drohenden Ausrottung nicht nur des Luchses sondern auch der InsulanerInnen.

Den Ausgang der Geschichte überlasse ich anderen. Vielleicht entscheiden sie sich tatsächlich mutig für die vollständige gegenseitige Vernichtung bis zum letzten Ersatztorwart. Das wäre immerhin im Sinne von Heike Zuberdorf und ihres verdienstvollen, wenn auch verdammt kurzlebigen Bundes für die Abdankung der Menschheit. Mir persönlich wäre freilich die Lösung lieber, auf der Höhe des Kampfes, nach schon etlichen Opfern, eine Umkehr zu bewirken, indem man Einpeitscher Tom von Verschworenen isolieren, bloßstellen, notfalls töten läßt. Auf deren Seite schlägt sich nach einigem Zögern auch Mark. Vielleicht tobt der Kampf lediglich zwischen den Inseldörfern B. und C., weil Tom aus A. verjagt wurde oder dem Ruf einer neuen Geliebten folgte, die seinen Plänen aufgeschlossener gegenüber steht. Aus A. käme schließlich die Initiative, ihn kaltzustellen und die Nachbardörfer wieder zur Vernunft zu bringen. Vielleicht setzt man Tom am Ende mit vereinten Kräften, nebst Vorräten, in ein Kanu und schiebt ihn dann, in einer entsprechenden Strömung, aufs offene Meer hinaus. Soll er doch, wenn nicht von Dritten gerettet, kämpfen, das wollte er ja stets.


2

Ich habe mich entschlossen, in zwei gesonderten Abschnitten noch die Themen „Mythologie“ und „Sozial- und Liebesleben“ der InsulanerInnen zu behandeln. Dabei droht meiner Mythologie sicherlich der händereibende Vorwurf, mit ihr säße ich genau dem Größenkult auf, den ich sonst bei jeder Gelegenheit verdammte. Darauf erwidere ich: eine andere Mythologie ist gar nicht denkbar. Der Mensch wird sich immer verloren vorkommen, wenn er sich eines Tages in eine ihm völlig überlegene Welt geworfen sieht, deren Sinn ihm niemand verrät. Hier wird er Verzweiflung und Verkrüppelung nur durch die Erklärung vermeiden können, schließlich sei er an diesem Schicksal nicht schuld. „Finstere Mächte haben uns hier hineingestoßen“, sagt er dann zu seinesgleichen, „aber das heißt ja noch lange nicht, daß wir das üble Riesen-Zwerge-Spiel auf Erden ebenfalls pflegen. Stimmt ihr mir zu?“ Die Mythologie der InsulanerInnen wurde Mark eines Tages von der jungen Insulanerin J. mit den folgenden Worten vorgestellt.

Es gibt zwei Welten, zwei benachbarte: eine feste und eine flüssige. Beide sind riesig, aber nur in der festen Welt leben Riesen. Gewitter zeigt eine Orgie der Riesen an. Ihre Weiber senden aus ihren Scheiden Blitze, um ihre Bereitschaft und ihre Standorte zu signalisieren. Darauf schlagen die Kerle ihre Penise an Bäume, daß es nur so donnert. Nun wissen die Weiber: aha, sie kommen.

In grauer Vorzeit standen da so ein paar Riesen zusammen auf einem Berg nahe der Grenze, blickten über das endlose Wasser und seufzten: „Mein Gott, das ist ja furchtbar, diese Einöde, da wird man ums Haar schwermütig, wenn man da immer draufgucken muß, ohne den geringsten freudigen Anhaltspunkt zu haben!“ Deshalb kamen sie überein, wenigstens ein bißchen Abhilfe zu schaffen. Der Stärkste von ihnen nahm einen Klumpen vom Berg und warf ihn mit aller Kraft hinaus, so weit er konnte. Aus diesem Klumpen erwuchs das, was du Insel nennst, mein lieber Mark. Und weil er den Klumpen vorher in seinen Atemstrom gehalten hatte, erwuchsen dem Klumpen wiederum das, was man möglicherweise Zwerge nennen könnte, obwohl es eigentlich überflüssig ist. Das waren also wir, die BewohnerInnen der Insel. Nun sind wir zwar durchaus keine Zwerge, aber es stimmt, unser Land ist klein. Deshalb warf damals eine Riesin eine Ovaríanuß hinter dem Klumpen her. Aus dieser Nuß sprießten dann die schönen und nützlichen Sträucher, die du ja inzwischen kennst und zu schätzen weißt. Indem sich unsere Männer und Frauen von Anbeginn der Ovaríanuß bedienten, wenn sie keine Kinder zu machen wünschten, blieb die Inselbevölkerung immer schön klein. Denn es wäre ja Wahnsinn gewesen, in einem fort Kinder aufs Land zu setzen, daß sie sich schon bald auf die Füße treten und um den letzten Bissen Hasenkeule oder die letzte Kartoffel prügeln.

Die Riesen schicken täglich die Sonne. Aus Dankbarkeit wurde ihnen deshalb vorzeiten ein hübsches Relief in jenen dir bekannten mächtigen Granitfelsen gehauen, der nach Osten geht. Abends holen die Riesen die Sonne immer wieder zurück, indem sie ihre Unterwasserangel einziehen. Das Relief soll den lachenden Reichtum der Insel andeuten, falls du es noch nicht erkannt hast, mein Schatz. Es muß aber wegen der Witterungseinflüsse regelmäßig aufpoliert werden, damit es weiterhin schön spiegelt und also von den Riesen gesehen und genossen wird. Dieser eher unaufwendige, aber nicht ganz ungefährliche Ehrendienst an der Reliefwand ist ausgesprochen beliebt. Er wird auch als Auszeichnung verstanden. Bei den halbjährlichen Bootswettkämpfen unserer Kerle wird er zuweilen als Preis vergeben.

Soweit J. zur Mythologie. Ich füge noch ein paar Bemerkungen zur Frage des Totenkultes und der Rechtspflege hinzu. Durch sie läßt sich nebenbei unterstreichen, daß sich die InsulanerInnen, Riesen hin und Riesen her, über das, was die abendländischen Philosophen mit Bierernst meist „Jenseits“ nannten, eher lustig machen. Sie haben nämlich gar keine nennenswerten Jenseitsvorstellungen. Wozu auch? Das Land ist gut, und einer Hölle bedarf es ebensowenig, weil just bei Lebzeiten gebüßt wird, falls jemand unrecht tat. Die Hauptbuße besteht darin, das Unrecht wieder gut zu machen, soweit möglich, und weiterem Unrecht vorzubeugen. Prügel- und (aufwendige) Gefängnisstrafen gibt es nicht. Jeder Häftling würde sich in einem Gefängnis sowieso umgehend umbringen. Bei schweren Vergehen und Uneinsichtigkeit beziehungsweise Wiederholungsgefahr wird der Täter getötet. Dadurch wird unter anderem verhindert, daß er seine Anlagen vererbt. Hat er (oder sie) bereits Kinder, werden wohl auch diese getötet, aus demselben Grund, und nicht etwa wegen Sippenhaftung. Hinrichtungen haben, wie alles, nicht den geringsten sadistischen Zug.

Über das Jenseits, das Geschick nach dem Tode, läßt sich also nichts Genaues sagen. Dummerweise schließt das die Unkenntnis darin ein, ob oder was Leichen empfinden. Deshalb hat es sich, für alle Fälle, auf der Insel eingebürgert, die Leichen so kurz und schmerzlos wie möglich zu beseitigen. Sie werden mit brennbarer Flüssigkeit überschüttet und in ein prasselndes Feuer geworfen. Gedenkstätten gibt es nicht. Die aktuellen Toten werden auf den Vollversammlungen erwähnt, bis der nächste Insulaner gestorben ist.

Das Wort „töten“ kommt in der Inselsprache nicht vor. Für die Jagdbeute hat man ein anderes Wort. Ist es hin und wieder unumgänglich, einen Insulaner zu töten, wird ihm, schweren Herzens, „das Leben genommen“. So kam einmal ein Insulaner vor, der von Wahnsinn und Tobsucht befallen wurde. Nachdem er, gefesselt, drei Tage geschrieen hatte, entschloß sich der genervte Konsens, ihn zu töten. Das wurde mit allerlei Bitten um Entschuldigung und Büßmaßnahmen vergolten. Alles in allem dürfte sich freilich schon deutlich gezeigt haben: Wie sie von keinem König oder Kapitalisten beherrscht werden, stehen die SchweinsblaseninsulanerInnen auch nicht unter der Knute ihrer eigenen Ängste. Es sind „unverkrampfte“ und „gradlinige“ Leute, wie Mark sich einmal ausdrückte. Das dürften sie nicht unerheblich der Tradition ihres Sozial- und Liebesliebens verdanken.


3

Mit der völligen Gleichberechtigung der Geschlechter ist es noch lange nicht getan. Was zunächst über Bord geworfen werden muß, ist der Wahnsinn, den wir „Liebe“ nennen, und gleich anschließend gilt es, die Festung oder Folterkammer namens „Familie“ zu schleifen. Genau zu diesem Zwecke hatten einst viele 68er die Ärmel aufgerollt. Ihre Kraft bezogen sie aus Schriften von Bronislaw Malinowski, Margaret Mead, Wilhelm Reich, Charles Bettelheim, Erich Fromm, Reimut Reiche und dergleichen. Doch wer würde sich heute noch mit solchem Gedankengut befassen? Und sich gar von ihm anregen lassen? Nicht die Färberlaus siegte, aber Rotgrün.

Auf der Schweinsblaseninsel geht es freundlich und freizügig zu. Männer und Frauen vergnügen sich je nach Wunsch und Gelegenheit. Ob dabei auch nennenswert homosexuell verfahren wird, wie in der Antike oder im Mittelalter, könnte ich nicht sagen. Jedenfalls gibt es Herzenswärme und Gefallen aneinander, was grundsätzlich alle oder fast alle InsulanerInnen einschließt und zunächst nichts mit Sexualität zu tun hat. Wird diese aber gepflogen, sind selbstverständlich Verhütungsmittel im Spiel. Solche waren sowohl in der Antike und im Mittelalter wie bei zahlreichen Stammesgesellschaften bekannt, wie unter anderen Heinsohn/Steiger betonen.*

Gleichwohl sorgen die InsulanerInnen für regelmäßigen Nachwuchs. Sie zeugen Kinder, wenn es die Rate der Sterbefälle als angezeigt erscheinen läßt. Dafür sind Winke mit dem Zaunpfahl auf den Dorfversammlungen denkbar. Solche Winke werden am ehsten von Insulanerinnen aufgenommen, die „leicht“ gebären, womit sie anders veranlagten Insulanerinnen die Folter des Gebärens ersparen. In der Regel werden die Winke auch von mehreren Insulanerinnen gleichzeitig aufgenommen, damit das Säugen der Kleinkinder nicht zum einsamen und letztlich verheerenden Geschäft wird. Die uns vertraute Kleinkinderstube dürfte nämlich die entscheidende Wiege sowohl jenes Wahnsinns der „Liebe“ wie der Autoritätshörigkeit darstellen. Sie züchtet Verehrungstrieb und Unterwerfungssucht. Durch gemeinschaftliches Aufziehen wird dagegen vermieden, den Säugling an Mutter und Vater zu ketten. Nach Uschi Madeisky, die von den Mosuo aus Südwestchina berichtet**, lassen sich, etwas später, auf diese Weise sogar Trotzalter und Pubertätskrisen vermeiden. Das Kind wird befähigt, sich seine „Bezugspersonen“ nach Lust und Gelegenheit zu erwählen. Allerdings leben die chinesischen Bauern und Fischer in Großfamilien (Clanen) zusammen, dabei alle unter einem Dach, was mir beides nicht sonderlich schmeckt. Bei mir steht dem Kind grundsätzlich eine rund 100köpfige Dorfgemeinschaft zur Verfügung. Solange es Säugling und Kriechling ist, lebt es im Mütterhaus. Anschließend trennt es sich von den drei oder fünf Müttern und wechselt ins Kinderhaus.

Das Kinderhaus ist eine kunterbunte, aufregende Sache. In der Regel dürfte es rund ein Dutzend Kinder zwischen drei und 13 Jahren beherbergen. HüterInnen des Hauses sind, bei monatlicher Ablösung, stets zwei Erwachsene, die auch in ihm übernachten. Sie stellen keine „ErzieherInnen“, vielmehr SchlichterInnen dar. Auf der Schweinsblaseninsel gibt es keine Erziehung. Nach einer wichtigen Grundeinsicht Hubertus von Schoenebecks*** haben wir Kindern Eigenverantwortlichkeit, Würde und Achtung nicht anders wie Erwachsenen zuzugestehen. Sie wissen schon, was sie wollen und was für sie gut ist. Wir Erwachsenen wissen es keineswegs besser. Wir haben nur die gröberen Machtmittel und die durchtriebenere Rhetorik. Die Achtung des kindlichen Willens bedeudet selbstverständlich nicht, daß wir ihm nicht öfter aus eigenem Interesse Grenzen setzen müßten. Die Konfliktbehandlung läuft hier nicht anders wie unter Kommunarden. Erfreulicherweise brandmarkt Von Schoenebeck auch den „Lernzwang“ in der herkömmlichen Schule. Dagegen stellt er die Familie nirgends mit auch nur einem Komma in Frage. Im Gegenteil, in einem seiner positiven Beispiele dürfen Schulkinder und ihr Lehrer begeistert „Hochzeit“ und „Ehe“ spielen. Ich schlage vor, Roy Black (im Artikel 92) singt dazu Ganz in Weiß ...

Heinsohn/Steiger scheinen Von Schoenebecks „antipädagogische“ Warte zu teilen, heben sie doch einmal, wenn auch am Rande, die geringe Ängstlichkeit der (zu ihrer Zeit noch immer weitgehend kollektiv aufgezogenen) israelischen Kibbuzkinder hervor. Sie beruhe auf der allgemeinen Wertschätzung, die ihnen im Kibbuz entgegengebracht werde. Auf der Schweinsblaseninsel werden die bereits genannten Häuser, das große Gemeinschaftshaus eingeschlossen, von einem Jugendhaus, einem Haus der Mitte und einem Altenhaus ergänzt. Jeder Dorfbewohner ist in einem dieser Häuser „stationiert“, mit einem Stammschlafplatz und persönlicher Habe. Die Grenzen sind jedoch fließend und durchlässig. Es gibt stets ein paar überzählige, eher kleine Schneckenhäuser, sodaß sich Leute, auch Paare und Zirkel, spontan zurückziehen können. Dafür gibt es eine „Besetzt“-Markierung. In den Schlafhäusern stehen lediglich „Teeküchen“ zur Verfügung, denn die täglichen Hauptmahlzeiten (morgens und frühabends) sind ja kollektive, im Gemeinschaftshaus stattfindende Einrichtungen, wie ich schon früher sagte. Wer für den Abend kocht, wird morgens auf den Arbeits- und Mußebesprechungen festgelegt, je nach Tagesprogramm der InsulanerInnen. Ich halte diese gemeinschaftlichen Mahlzeiten für wichtig. Nach dem intimen Gesauge an der „eigenen“ Mutterbrust gibt es doch nichts Schädlicheres als dieses uns wohlbekannte hamsterartige und neidvolle Bruzzeln, Hocken und Tuscheln an der je „eigenen“ Feuerstelle. Ehe und Familie müssen verabschiedet werden, weil sie Clandenken züchten, gruppenhaftes oder völkisches Zu- und Angehörigkeitsgefühl, halsstarriges Pochen auf das sogenannte Eigene. Sie sind die wesentlichen Brutstätten von Hader, Streit, Konkurrenz und Kapitalismus. Wahrscheinlich läge man nicht falsch, wenn man die sogenannte Kernfamilie als Keimzelle des Krieges in all seinen Formen begriffe.

Das mag ja alles sein, höre ich die EinwerferInnen, aber den Kinderwunsch und die Liebe lassen wir uns nicht nehmen. Dazu sage ich, eure brennenden Kinderwünsche und eure glühende Liebe sind beides romantischer Ziegenkäse. Nach Heinsohn/Steiger war „der Kinderwunsch“ vor der Neuzeit hauptsächlich ökonomisch und damit gesellschaftlich begründet gewesen. Man legte es auf Erben, MitarbeiterInnen, AltenversorgerInnen an. Kinderwünsche, die turmhoch über die Triebe oder Träume eines Pavianweibchens und das Imponiergehabe eines Pavianmännchens hinausgingen, wurden belächelt, wenn nicht gar verhöhnt. Und so auch mit der Liebe. Zwar versichert Peter Farb****, selbst die vergleichsweise sehr primitiven WüstenbewohnerInnen Shoshone aus dem US-Südwesten hätten „die romantische Liebe“ durchaus gekannt, jedoch als „eine Art Wahnsinn“, der nur Jugendliche befalle, mit Nachsicht behandelt. Er gehe vorüber und mache dann dem Zweckbündnis Ehe Platz. Im gegenwärtigen Europa wird er jede Wette nicht so schnell vorübergehen, obwohl hier die Ehe nur noch nach Art der Potemkinschen Dörfer am Einstürzen gehindert werden kann. Das bereits angeführte „Kernige“ an der „festen“ Paarwirtschaft ist zu wichtig. Niemand wagt die glühende Kette des neuzeitlichen Liebesgestammels anzufassen, um sie endlich über Bord zu werfen. Angenommen, Sie nähmen sich einmal alle in den drei jüngsten Jahrzehnten veröffentlichten CDs vor und strichen sämtliche Liebes- und Liebeskummerlieder – Sie stünden vor einem Riesengebirge aus weitgehend leeren CD-Schachteln. Die Sache mit der Leere meine ich im Ernst. Für mich dient unser schöner Firnis vom Liebes- und Familienleben in erster Linie dazu, die Hohlheit unserer Köpfe, unserer sozialen Beziehungen und selbstverständlich auch unseres Erwerbslebens zu übertünchen. Er erspart uns das Erschrecken vor uns selbst.

Im ersten Kapitel erwähnte ich eine unglückliche Verliebtheit des Mark und einen sogenannten Traumfänger. Dieser besteht bei einigen US-Indianerstämmen meist aus einer kreisrund gebogenen Weidenrute mit einer Bespannung, die an ein Spinnennetz erinnert. Zusätzlich baumelt amulettartiger Schmuck am unteren Bogen. Über dem Bett hängend, soll dieses geweihte Gerät die guten Träume zum Schläfer oder der Schläferin durchlassen, die schlechten dagegen abfangen, wenn ich richtig verstanden habe. Ein solches Gerät bekam Mark von jener Angebeteten geschenkt, der seine Verehrung gar zu lästig war. Er hatte ihr versichert, sie sei wundervoll, er könne nicht ohne sie leben, er werde sie bestimmt auf Händen tragen, freilich nie zu anderen – Sie werden diesen Sermon zur Genüge kennen. Die junge Frau besprach den Traumfänger, den sie für Mark gebastelt hatte, mit dem Sermon und schärfte dem Gerät ein, dergleichen streng abzuweisen. Sie hingen diesen neuen Traumfänger gemeinsam über Marks Bett im Jugendhaus auf. Wenn er genug herausgefiltert habe, möge sich Mark bitte wieder bei ihr melden, sagte sie zu ihrem Verehrer, bevor sie zum Strand huschte. Sie war mit ein paar Leuten zum Muschelfang verabredet.

* Die Vernichtung der weisen Frauen. Studie über Hexenverfolgung und Menschenproduktion, ursprünglich 1985. Erweiterte Ausgabe München 1989.
** Frankfurter Rundschau, 3. Januar 2016
*** Kinder der Morgenröte, Norderstedt 2004
**** Man's Rise To Civilization / dts. Die Indianer, 1968 / 1988, S. 44




Sprengkraft einer Stiftung

Gutinformierte Kreise ließen mich kürzlich wissen, der Schriftsteller Herbert Huckenrade sei jetzt tot. Er soll auf einer griechischen Insel gestorben sein. Angeblich war er 86. Nach dem betagten Flüchtling lief seit gut 10 Jahren ein internationaler Haftbefehl, der sich nun erübrigt haben dürfte. Selbst als Greis ein immer noch stattlicher, wenn auch weißhaariger Hüne, hatte Huckenrade zuletzt im Stift Nassenburg gelebt. Die Überbleibsel des mächtigen ehemaligen Klosters türmen sich nur einen Steinwurf von meinem Arbeitszimmerfenster entfernt als Trümmerberg auf. Ganz zuletzt hatte Huckenrade (im Verein mit Dutzenden von MitstreiterInnen) auch enormes Aufsehen erregt; man wird sich vielleicht erinnern. Vom Apotheker Franz Omber war damals nie die Rede. Da er ebenfalls schon unter der Erde liegt, will ich das Geheimnis seines prächtigen alten Fachwerkhauses lüften, obwohl mir damit eine Flut von unerwünschten Anfragen und zusätzlichen Gaffern auf der ohnehin vielbesichtigten Stiftsgasse droht. Franz Omber war mein Vater. Freundlicherweise vererbte er mir neben seinem Haus auch so manche Einzelheiten der Geschichte, die ich im Folgenden erzählen werde. Ich selber hielt mich nämlich um 2006 gerade zu Forschungszwecken in Südamerika auf und bekam die stürmischen Ereignisse in Nassenburg deshalb nur notdürftig über einige Zeitungsberichte und Telefongespräche mit.

Stift Nassenburg überragte die traditionsreiche Residenz- und Kreisstadt, weil es auf einer kleinen Anhöhe lag. Von der Altstadt war es auf der Südseite durch einen durchschnittlich 200 Meter breiten Gürtel aus Weide-, Garten- und Rebstockland getrennt, auf der steileren Nordseite dagegen durch ein hübsches Mischwäldchen, das allerdings in Gebäudenähe Federn lassen mußte, nachdem die eigentlichen Kampfhandlungen begonnen hatten. Einige rüstige Schwestern und Brüder holzten dort auf einem rund 20 Meter breiten Streifen erbarmungslos ab, um auch im Norden ein gewisses Seh- und Schußfeld zu haben. Drei Tage nach der Fällaktion scheiterte der Versuch von Polizeikräften, Huckenrade von der Zufahrtsstraße auf der Südseite aus, zwecks zwangsweiser „Vorführung“ bei Gericht, zu verhaften; wieder drei Tage später setzte die nunmehr erheblich verstärkte Polizei ringsum die Belagerung des Stifts ins Werk.

Das Stift Nassenburg – der Name wurde von den neuen Eigentümern beibehalten – als radikaldemokratisch verfaßtes Altenheim verdankte sich einem anderen Schriftsteller, Heinrich Böll. Er hatte für das Vorhaben einen guten Teil seines Nobelpreises (von 1972) gestiftet. Die Kirche trennte sich von ihrer Nassenburger Liegenschaft, obwohl sie den Christen Böll eher haßte; dafür liebte sie das Geld. In den rund 30 Jahren seines Bestehens bot das über 120 Plätze verfügende Altenheim Hunderten von betagten, mehr oder weniger systemfeindlichen Künstlern beiderlei Geschlechts, aller Art und etlicher Sprachen einen angenehmen Unterschlupf. Wer aufgenommen werden wollte, mußte keineswegs bestimmte Einkünfte oder andere Verdienste vorweisen; er hatte jedoch die große Hürde des Stiftsplenums zu nehmen, das alle wesentlichen Fragen nur im Konsens entscheiden durfte. Zu diesem Plenum zählten neben sämtlichen Bewohnern oder ihren sie vertretenden „Paten“ (falls der betreffende Greis schon zu gebrechlich oder verrückt war) auch die MitarbeiterInnen und ein paar BeraterInnen der Einrichtung. Für Huckenrade hatte damals sogar die Geschäftsführerin Gudrun Lambsbert gestimmt, eine recht abgebrühte linke Rechtsanwältin. Sie sollte es 2006 bitter bereuen.

Huckenrade hatte in seinen Aufsätzen und Erzählungen nie ein Blatt vor den Mund genommen, war aber bis dahin gleichwohl nie beim „Klassenfeind“ angeeckt. Er war zu unbedeutend, was bedeutet: einflußlos. Nun jedoch, im Frühjahr 2006, war ein Staatssekretär an der Spree blöd genug, seine Ministerin auf einen Text aufmerksam zu machen, in welchem Huckenrade von den Berliner Bundespolitikern als einer „Bande aus Verbrechern“ sprach, die beispielsweise das Wirken der Gang Al Capones oder einer „Standarte“ aus SA-Leuten lässig in den Schatten stelle. Selbstverständlich führte Huckenrade Argumente für diese provokative Einschätzung an, aber dafür hatten weder der Staatssekretär noch die Ministerin ein Ohr, die sofort das ganze Kabinett alarmierte. Und das Kabinett war entrüstet. Nicht etwa über das eigenhändig geförderte weltweite Geschäft mit der Aufrüstung und Finanzspekulation; nein, es ereiferte sich über die, wahlweise, Beleidigung, Verunglimpfung, Üble Nachrede, Rufschädigung, Verleumdung, die ihnen Huckenrade zugefügt hatte. So setzte es seine, eben dem Kabinett hörigen Staatsanwälte in Trab.

Witzigerweise war der beanstandete Aufsatz schon vor etlichen Jahren erschienen, in einer kleinen Zeitschrift. Er hatte bis dahin keinen nennenswerten Widerhall hervorgerufen. Das änderte sich nun, dank des dienstbeflissenen Staatssekretärs und der Nassenburger Staatsanwaltschaft, die ein Strafverfahren gegen den Autor einleitete. Insofern konnten sich Huckenrade und Genossen auf ihrem Altenteil natürlich nur die Hände reiben. Auch eine andere Begleiterscheinung war durchaus erfreulich: auf Dauer kann es für aufgeweckte Greise langweilig werden, immer nur Bakunin oder Comics zu studieren, Snooker, Doppelkopf oder Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen, Tomaten oder Weintrauben zu pflücken oder sich im stiftseigenen Hallenbad vom Drei-Meter-Turm zu hechten. Der Angriff auf Huckenrade wirkte im allgemeinen belebend und anregend, in manchen Fällen sichtlich verjüngend. Es wurde im Stift gesponnen und gelacht wie lange nicht mehr. Doch das Unvermeidliche stellte sich ebenfalls ein: es kam bald zu Meinungsverschiedenheiten in den taktischen Fragen, die letztlich zur Fraktionsbildung, ja sogar zur Spaltung der Stifts-Belegschaft führten.

Immerhin konnte auch die Gegenseite nicht mit Geschlossenheit glänzen. So forderten einige ranghohe PolitikerInnen im Verein mit Stammtischbrüdern nach Pia Sheehans erfolgreicher Attacke gegen das Blaulicht eines anrückenden Polizei-Mannschaftswagens, das Stift zu bombardieren, wenn sich Huckenrade nicht innerhalb eines Tages zu Gericht bequeme. Die Polizeiführung entschied sich dann aber für die bereits erwähnte Belagerung des gut verrammelten Stifts. Bei dieser Maßnahme war sie freilich erst recht so manchem Gespött und manchen Wurfgeschossen seitens bis dahin völlig unbescholtener NassenburgerInnen ausgesetzt. Das „schwarzrote“ Stift hatte nämlich schon vor der Beschuldigung Huckenrades einen guten Ruf im Kreis genossen, und der verblüffend rabiate Widerstand der mehr oder weniger alten AußenseiterInnen stieß zum Teil sogar auf Billigung. Vermutlich wäre diese günstige Stimmung umgeschlagen, wenn Sheehan auch noch einen „Bullen“ umgelegt hätte. Denn all die schönen Argumentationen der Huckenrades sind vergeblich: sobald den Bürgern die Leiche eines Polizisten oder eines Studenten vor den Füßen liegt, ist diese ungleich überzeugender als die Tatsache vieler Tausend an Unternährung, Seuchen und Krieg verreckten Kinderchen, die zur selben Zeit anfallen, nur eben meist in Übersee.

Sheehan, 72, war „draußen“ Försterin gewesen und hatte eine Flinte mit in ihren Alterssitz gebracht. Mehrere Megaphone befanden sich ohnehin im Haus. Kaum hatte ein Kriminalkommissar seinerseits wiederholt ins Mikrofon des Mannschaftswagens gesäuselt, man möge Huckenrade gefälligst ausliefern, sonst passiere etwas, ereignete sich der Gegenschlag. Huckenrade erläuterte (wie zuvor schon schriftlich) per Megaphon aus einem oberen Fenster des Torgebäudes, daß und warum er die ihn verfolgenden Staatsorgane nicht anerkenne und sich ihnen nicht zu stellen gedenke. Als Mitgenosse der Stiftung habe er allerdings das Hausrecht und fordere somit die Damen und Herren Polizisten auf, das Gelände des Stifts unverzüglich zu verlassen. Die schmale Zufahrtsstraße lief durch den stiftseigenen Grüngürtel. Huckenrade wiederholte seine Aufforderung dreimal; dann schloß er das Fenster. Prompt setzte sich der Mannschaftswagen mit dem flackernden Blaulicht in Bewegung, nur nicht im Rückwärtsgang, vielmehr auf das geschlossene Stiftstor zu. Nun war es an Pia Sheehan, der hageren, grauhaarigen und vergleichsweise hochgewachsenen Ex-Försterin, das Blaulicht mit einem gekonnten Schuß von einem Toilettenfenster aus zu zertrümmern. Die Polizeifahrzeuge stoppten – und machten kehrt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte man im Stift bereits einen lückenlosen Wachdienst eingerichtet und überdies, für alle Fälle, abhörsichere Verbindungen mit Waffenlieferanten aufgenommen. Sheehans beherzter Flintenschuß beförderte allerdings die Polarisierung. Etliche BewohnerInnen oder MitarbeiterInnen, voran Gudrun Lambsbert, zogen es in den folgenden Tagen vor, das Stift zu verlassen. Als die polizeiliche Belagerung begann, verfügten die „schwarzroten“ Kräfte immerhin noch über rund 70 Leute. Dann trafen auch die Waffen ein. Es war ja klar wie Klosbrüh, die Polizei würde zunächst versuchen, das Stift auszuhungern, schließlich jedoch zu stürmen. Alle Versorgungsleitungen, vom Strom über das Trinkwasser bis zum Lieferwagen des Bäckers, waren selbstverständlich sofort gesperrt worden. Aber weder gegen verschiedene im Stift benutzten Mobilfunkgeräte noch gegen „den Gang“ kamen die staatlichen Sicherheitskräfte an. Sie wußten nichts von dem Gang, und sie kamen auch nicht darauf, es könne einen geben. Sie wunderten sich nur, daß die VerteidigerInnen, die sich gelegentlich in ihren Zimmerfenstern oder in den Erkern des schieferbedachten Stiftsturms zeigten, auch nach mehreren Wochen noch durchaus gesättigt, gesund und munter wirkten.

Während die Nassenburg und das später dazugebaute Stift über viele Jahrhunderte hinweg das wesentliche Bollwerk der ganzen Gegend darstellte, wurde mein Elternhaus im 17. Jahrhundert als Sitz eines Amtmanns errichtet. Was lag da näher, als für allerlei Notfälle zwischen dem Bollwerk und dem Amtsmannshaus eine geheime Verbindung zu schaffen? Also wurde „der Gang“ gegraben. Er führte von unserem Keller in die Gruft der Stiftskirche. Faktisch erstaunlicherweise nie benutzt, geriet er allerdings auf beiden Seiten allmählich in Vergessenheit, und zuletzt war mein Vater der einzige Mensch auf der Welt, der um ihn wußte. Die Entschlossenheit der Staatsgewalt, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, hatte ihn nun genug aufgebracht, um sich bereits vorm Aufzug der Belagerungskräfte mit einer Taschenlampe bewaffnet in seinen Keller und dann, nach Freiräumen der Lukentür, in die Stiftskirche zu begeben. Er hatte Glück. Die Rebellen tagten gerade in dieser hübschen geräumigen Kirche, die sie teils für Plena, teils für Snookerturniere zu nutzen pflegten, und vernahmen ein Pochen gegen die verriegelte Lukentür in der Gruft. Sie staunten nicht schlecht, als ihnen der mit Spinnweben überhangene Apotheker ins Gesicht leuchtete und knurrte: „Ihr seid verhaftet, meine lieben Mädels und Jungen!“

Die Rebellen verlegten zunächst ein Stromkabel und einen Wasserschlauch im Gang. Dann diente er als Nachschubweg für die erwähnten Brötchen und Waffen, verschiedene Arzneien oder Verbände aus der Apotheke Omber nicht zu vergessen. Mein Vater war inzwischen derart wütend und kampfeslustig, daß er wahrscheinlich sogar bei einer Erstürmung des Stiftes selber eingegriffen, beispielsweise hinterrücks, von der Apotheke aus, ein paar Polizeiköter erlegt hätte. Er hatte es im Blut; sein Großvater war in Spanien als Mitglied der Interbrigaden von einem deutschen Kampfflieger erschossen worden. Aber zu der Erstürmung kam es ja nicht.

Die Rebellen hatten nämlich im Grunde nicht nur die ganze Nato, sondern in dem betreffenden Jahr 2oo6 auch den Winter gegen sich. Er war ja absehbar, und im Laufe des Julis hatten schon einige Brennholzlieferanten telefonisch ihr Bedauern darüber ausgedrückt, vor der vorm Stift geballten Staatsmacht leider kuschen zu müssen. Das eigenhändig geschlagene Holz vom Stiftswäldchen war selbstverständlich nur ein Klacks. Kurz, den Rebellen war durchaus klar, auf Dauer sei das Stift unmöglich zu halten. So faßten sie nach sechswöchiger Belagerung den Beschluß, dem Feind ein Friedensangebot zu machen. Sie seien bereit, geschlossen abzuziehen, falls ihnen sowohl freies Geleit wie Straffreiheit zugesichert werde – ausgeschlossen den Genossen Huckenrade, der jetzt gewillt sei, sich stellvertretend für alle zu verantworten. Diese Formulierung war selbstredend eine Falle, was aber der Polizei entging. Nach Absprache mit den maßgeblichen Hohen Tieren in der Politik nahmen die Polizeibosse das Angebot an und erfüllten auch die Forderung der Rebellen, die verlangte Garantie in einem kurzen Video auf dem Internetkanal YouTube zu geben. Daraufhin öffnete sich das große Stiftstor und entließ rund 70 mit Rucksäcken und Koffern schwer bepackte KämpferInnen auf die von Polizisten und Kameraleuten gesäumte Zufahrtsstraße. Der letzte von ihnen machte das Tor allerdings wieder zu. Als er seine Koffer wieder aufnahm, spitzte er nach hinten unbemerkt die Ohren und stellte befriedigt das leise Schurren der inneren Querbalken an ihren eisernen Haltern fest.

Der Kriminalkommissar hatte sich bereits den Hals verrenkt. Nun stieß er die lange Försterin, die außen ging, in die Seite, fuchtelte über die Köpfe ihrer MitstreiterInnen hinweg und rief: „Ja, wo ist er denn nun, euer lieber Genosse Herbert Huckenrade ..?!“

Alle Rebellen hielten im Abmarsch inne, sahen sich suchend um und hilflos an und fielen jammernd ein: „Ja, wo ist er denn nun, der liebe HaHa?“, denn so wurde er seit Jahrzehnten genannt. Sie konnten ihn ebenfalls nicht entdecken und setzten ihren Abmarsch achselzuckend fort.

Jetzt fluchte der Kommissar verständlicherweise. Er winkte seine Assistenten herbei, um die neue Lage mit ihnen zu erörtern. Da erscholl aus dem Inneren des Torgebäudes Huckenrades per Megaphon verstärkte Stimme. Er habe die SelbstmordattentäterInnen, die sich beispielsweise im Zweiten Weltkrieg mit ihren Flugzeugen auf deutsche Stabsgebäude warfen, schon immer bewundert; nun gedenke er es ihnen gleichzutun. Das ganz Stift sei mit Sprengstoff gespickt. Spätestens in 13 Minuten gehe die Ladung hoch. Die Polizei möge die Güte haben, sich schleunigst aus der Gefahrenzone zu begeben und ringsum auch unbeteiligte Dritte aufzufordern, sie zu meiden. „Also dallidalli, wenn euch euer Leben lieb ist!“ bellte Huckenrades Stimme, und dann knackte das Megaphon und verstummte. Dafür sprangen die ersten Motoren von Polizeifahrzeugen an.

Die Explosionen erfolgten in der Tat nach rund 12 Minuten. Ihr Epizentrum lag in der Stiftskirche, weil Huckenrade den Ehrgeiz entwickelt hatte, die entscheidende Spur und damit auch die „Mittäterschaft“ meines Vaters, des Apothekers, zu verwischen. Das gelang ihm. Wo die Kirche stand, wurde ein Krater gerissen, der sich alsbald wieder mit den Trümmern der Kirche und zahlreicher benachbarter Gebäude füllte, wodurch sich zuletzt ein Berg in der Höhe des früheren Stiftsturmes ergab. Nach gut 10 Jahren ist der Trümmerberg bereits auf natürliche Weise halbwegs begrünt, Birken, Holunder und Schöllkraut voran, denn auf der juristischen Ebene ist bislang kein Ende des Kampfes abzusehen. Ich meine den Kampf um die Eigentumsrechte an dem ehemaligen Stiftsgelände.



Der Untergang des Werner Motz

Werner Motz wurde lediglich 50 Jahre alt. Da es bislang zwar verschiedene Gerüchte, jedoch keine Aufklärung gab, speisen uns Nachschlagewerke in der Regel mit der Bemerkung ab, der 1820 geborene Zeichner, Maler, Gärtner, Imker und Taucher gelte seit 1871 als verschollen. Das wird sich womöglich ändern. Wenn ja, verdanken wir es dem Düsseldorfer Kunstgeschichtler Ferdinand Tröckstein, der kürzlich bei einer Tagung von einem Aufsehen erregenden Fund berichtete, der ihm eigenhändig auf der Atlantikinsel Dursey gelang, Motz' letztem Wohnort. Tröckstein befaßt sich seit vielen Jahren mit verschiedenen Künstlern des Biedermeier und des Vormärz, wobei er sich zunehmend auf Motz konzentrierte, der vor seinem britisch-irischen Exil (1851) just in Düsseldorf lebte und wirkte. Ich habe Tröckstein für das Manuskript seines Vortrages und weitere, briefliche Auskünfte zu danken.

Vom Festland nur durch einen 230 Meter schmalen Sund getrennt, zieht sich die hügelige, langgestreckte, allerdings ziemlich kleine Insel Dursey wie ein Blinddarm an einem Südzipfel Irlands in die Keltische See. Sie mißt ungefähr sechs mal einen Kilometer. Die drei winzigen Inseldörfer Ballynacallagh, Kilmichael und Tilickafinna liegen durchweg am Südosthang des irischen Wurmfortsatzes. Zu Motz' Zeit wurde Dursey von rund 220 Menschen bevölkert. Sie betrieben vor allem Fischfang, Viehzucht und etwas Ackerbau. Dursey dürfte schon damals recht kahl gewesen sein, hatte man doch im Mittelalter die meisten Bäume in Bau- oder Brennholz verwandelt. Das herbe, nicht unbedingt reizlose Bild, das die Insel Ornithologen oder Künstlern wie Motz bot, war von moorigen, mit Stechginster, Schafen und Feldsteinmauern durchsetzten Wiesen, felsiger Steilküste mit vorgelagerten Klippen und der Turmruine auf dem 252 Meter hohen Berg Cnoc Mór geprägt. Das mittlere Dörfchen Kilmichael hatte damals sogar schon ein Schulhaus und einen Lehrer zu bieten, Patrick Carmody, mit dem sich Motz eng befreundete. Eben dieser Freund hatte um 1870 Aufzeichnungen vorgenommen, von denen die Welt bislang nichts wußte. Dann weilte Ferdinand Tröckstein wieder einmal auf der Insel, drehte in den Gemäuern des kleinen, längst eingefallenen Schulhauses jeden losen Stein und jedes Polster aus rosa oder gelb blühendem Mauerpfeffer um – und siehe da, unter den nur dürftig mit Schlamm vermörtelten flachen Steinen einer Fensterbank kam ein in braunes Wachstuch eingeschlagenes Heft zum Vorschein, das jene Aufzeichnungen enthielt. Darauf habe er aus seiner kleineren Feldflasche erst einmal einen großen Schluck heimischen Whiskeys zu sich genommen, verriet mir der Düsseldorfer Forscher.

Werner Motz, geboren 1820 in Hanau bei Frankfurt/Main, war im wesentlichen unweit der damaligen Residenzstadt Kassel auf dem ehemaligen Rittergut Bodenhausen aufgewachsen, das sich schon länger in Familienbesitz befand. Der kurhessische Jurist und Politiker Gerhard Heinrich von Motz, sein Erzeuger, hatte es zu einigen hohen Posten als Gerichtspräsident und sogar Minister (in Kassel) gebracht. Seinen langersehnten einzigen männlichen Sprößling ließ der Alte nach einem Schock einheimischer mittelalterlicher Recken taufen, die allesamt Werner gehießen hatten, die Grafen von Maden. Der junge Motz geriet jedoch schon früh in eher entgegengesetztes, rebellisches Fahrwasser, sodaß er auch bald das „von“ in seinem Namen strich. Als Halbwüchsiger hatte er das Glück – oder, in anderen Augen, Pech – die Oberstufe des Kasseler Friedrichsgymnasiums just in den Jahren 1836–38 zu durchlaufen, als dort der spätere Schriftsteller und Theaterleiter Franz Dingelstedt als Lehrer tätig war. Motz und etliche Mitschüler verehrten und verteidigten ihn. Dingelstedt, damals noch „vormärzlich“ gestimmt, hatte sich nämlich durch erste, durchweg satirische Veröffentlichungen Unmut bei Hofe („Kurfürst“ Wilhelm II.) und schließlich die Verbannung nach Fulda zugezogen. Daraufhin machte auch Motz, von Kind auf der Bildenden Kunst zugeneigt, Nägel mit Köpfen: er erklärte seinem autoritären alten Herren, der sich inzwischen, in zweiter Ehe, mit einer echten Freiin von Stockum verheiratet hatte, er gedenke sowohl auf ein Jurastudium wie auf den ausgedehnten Gutshof an der Warme zu pfeifen, schnürte sein Bündel und verschwand gen München.

In der Tat besaß der eher kleine, schmächtige und weichzügige Filius jenen seltenen Gesichtsausdruck, den man pfiffig nennt. Sein dichtes schwarzes Haar trug er zurückgekämmt bis auf den Kragen. Bärte – wie etwa an Freiligrath, der neben Motz wie ein kanadischer Holzfäller wirken sollte – konnte der angehende Kunstmaler nie leiden. In München nahm er zunächst Unterricht bei Moritz von Schwind und anderen Malern. Das Zeichnen nach Akten und Tieren betrieb er besonders emsig. Als seine geringen Ersparnisse aufgezehrt waren, finanzierte sich Motz durch seine große, inzwischen zielstrebig ausgebaute Begabung, treffende, oft auch umwerfend komische Portraits aus dem Stegreif anzufertigen, also in wenigen Minuten, teils in Kneipen oder auf der Straße, gleichsam aus dem Ärmel zu schütteln. Schon durch diese, damals noch einzigartige „Schnellzeichnerei“ kam er zu einem gewissen überregionalen Ruhm. Sein engster Freund und wichtigster Anreger wurde der 10 Jahre ältere, satirisch gestimmte „Genremaler“ Johann Peter Hasenclever. Als es diesen um 1840 zurück in die rheinische Heimat zog, schloß sich Motz prompt an. Sie ließen sich in Düsseldorf nieder. Der Freundschaftsbund, der die politische Gärung am Rhein mit Händereiben begrüßte und befeuerte, erweiterte sich, unter anderem, durch den Maler Henry Ritter und eben den Schriftsteller Ferdinand Freiligrath. Bekanntlich rückte der gelernte Kaufmann aus Barmen um 1848, neben Marx, Engels und Georg Weerth, als Autor und Redakteur der Kölner Neuen Rheinischen Zeitung in den Vordergrund, wodurch er sich freilich auch Steckbriefe auf den Hals zog. Da Motz, nicht nur wegen etlicher Karikaturen und einigen schon hochgehandelten bissigen Gemälden, ebenfalls bedroht war, nahm er 1851 gern das Angebot an, die (kinderreiche) Familie Freiligrath ins Londoner Exil zu begleiten.

Die besagten Arbeiten gingen übrigens weit über Hasenclever hinaus. Ungefähr wie ein Luchs über einen kastrierten Hauskater. Sie erfreuten sich, durch Drucke und selbst Fälschungen, guter Verbreitung. Schon weniger zahm als Hasenclever, der, wie Ritter, früh verstarb, war der französische einstige Modezeichner Paul Gavarni, mit dem der Neuankömmling Motz in London so manche Nacht durchzechte. Als sich Gavarni, geboren 1804, um 1850 für mehrere Jahre in der britischen Metropole (und ihren Elendsvierteln) aufhielt, war er bereits durch seine in der satirischen Zeitschrift Le Charivari erschienenen Arbeiten bekannt. Motz hielt mit ihm Briefverbindung. Obgleich vom Naturell her Dandy und Junggeselle, hatte Gavarni 1844 geheiratet. Um 1860 traf ihn der Tod seines jüngsten, 10jährigen Sohnes Jean, ferner die behördlich erzwungene Beschneidung seines Gartens im Pariser Vorstädtchen Auteuil zwecks Eisenbahnbaus. Er wurde zunehmend „misanthropisch“, zumal er an Asthma litt. Most war untröstlich und daneben nachhaltig erschrocken, als er 1866 die Mitteilung erhielt, Gavarni sei, mit 62 Jahren, einem häuslichen Erstickungsanfall erlegen. Laut Tröckstein befürchtete Durseys Lehrer Carmody später am Schluß seiner Aufzeichnungen, Werner Motz sei es (1871) nicht viel besser ergangen, nur sozusagen früher, war doch der Hesse bei seinem mutmaßlichen Tod durch Ertrinken erst 50.

Was Motz und Freiligrath angeht, verloren sie sich in London bald aus den Augen. Größte Tat Freiligraths, der nun vordringlich als Bankkaufmann, ferner Übersetzer arbeitete, war es, Motz beim Schriftsteller Charles Dickens einzuführen, woraus sich eine lange Brieffreundschaft und das vielreproduzierte, 1858 entstande Gemälde Charles Dickens liest im Athenaeum, Cork ergaben. Damals lebte Motz, der sich zunächst in Dublin niedergelassen hatte, bereits seit rund zwei Jahren auf Dursey, genauer in Kilmichael, nur in guter Rufweite vom Schulhaus seines dortigen Busenfreundes entfernt. Wegen Dickens' Lesung waren die beiden denn auch (per Pferdekutsche) gemeinsam in die spätere dortige Oper nach Cork gereist, immerhin rund 130 Kilometer. In Cork, bekanntlich ein bedeutender Seehafen an der irischen Ostküste, konnte man bald darauf, spätestens 1866, in die Eisenbahn nach Dublin umsteigen, falls man die Malerin Fiona O'Brien besuchen wollte. Motz wollte nicht. Jenes bekannte Porträt, das Dickens zwar als merkwürdigen, vermutlich etwas geltungssüchtigen und etwas beschränkten Moralapostel zeigt, aber keineswegs denunziert, fertigte Motz dann bald nach dem Ausflug nach Skizzen und aus dem Kopf in seiner abgelegenen, von der See umbrausten Feldsteinkate an.

Wie mir Ferdinand Tröckstein beiläufig erzählte, hatte sich Dickens damals gerade von seiner Gattin getrennt, wenn auch, nach Dickens' öffentlicher (und ehrverletzender) Erklärung, um Gottes willen nicht etwa wegen einer (erheblich jüngeren) Geliebten. Die hielt er schön geheim. Sie hieß Nelly Ternan und war Schauspielerin. Was Motz angeht, hatte er sich einige Jahre früher vor allem wegen einer feurigen Aschblonden nach Dublin gewandt, der erwähnten Malerin Fiona O'Brien. Es war nicht die erste Geliebte seiner Jugend. Motz' bübischer Charme, bei dem sich Angriffslust mit Aufrichtigkeit und dem Vermögen zur Selbstkritik paarte, betörte etliche Herzen. Eine Familiengründung hatte er nie erwogen. Als er von O'Briens Versuchen, ihn in Beschlag zu nehmen, und seiner eigenen, allmählich unausstehlichen Gereiztheit die Nase voll hatte, legte der 36jährige Deutsche die Karten auf den Tisch – ohne freilich auf Dursey zu zeigen. Sie wäre ihm glatt nachgereist.

Nicht etwa, daß Werner Motz bei seinem „Ausstieg“ (von Dublin nach Dursey) bereits magnetisch von einem anderen, zufällig ebenfalls blonden Weibsbild angezogen worden wäre. Damals wußte er, von zwei Besuchen bei Patrick Carmody her, noch nicht einmal, daß Mailin im südlichen Inseldorf Tilickafinna existierte. Er geriet erst im Laufe seines zweiten Inseljahrs, 1857, an die seltsame, bemitleidenswerte, ihm den Kopf verdrehende Fischerstochter. Nein, es hatten sich einfach zu viele Dinge angesammelt, die ihm gegen den Strich gingen, nicht nur die Nervensäge Fiona. Er hatte auch den Großstadtrummel, die Künstlerszene, das Ruhmstreben und die ewigen fruchtlosen politischen Diskussionen in den Dubliner Arbeiter- und Künstlerkneipen satt. Man bedenke außerdem, er wurde allmählich älter, verlor Illusionen wie fast jeder sterbliche Mensch. Er hatte es sogar satt, tatenlos dem unaufhaltsamen Steigen der Preise seiner künstlerischen Arbeiten zusehen zu müssen. Er „stieg also aus“. Durch Carmody, den er in einer jener Kneipen kennengelernt hatte, neuerdings ferienweise auf Dursey, hatte er hier seine Exil-Möglichkeiten erkundet und für gut befunden. Hier waren alle bettelarm, gleichwohl fleißig. Motz wollte sich nur noch fallweise als Künstler, sonst als Gärtner und Imker betätigen. Als eine Familie aus dem Schuldorf Kilmichael dem sagenhaften Rufe Nordamerikas folgte, also auswanderte, vermittelte ihm Carmody deren Pacht. So packte er die notwendigsten Sachen. An einem Märztag, an dem sogar hin und wieder die Sonne herauskam, setzte er mit Hilfe zweier Leute von der Halbinsel Beara im Ruderboot über den Sund und zog mit seiner geringen Habe in die Feldsteinkate der Auswanderer ein.

Das strohgedeckte Häuschen war lediglich in Wohnküche und Schlafkammer unterteilt. Das Klo stand im Hof. Immerhin wurde es auf Dursey niemals wirklich kalt. Der Winter brachte sehr selten Frost und Schnee, allerdings Sturm und Regen in beträchtlichen Mengen. Der Sund, je nach Gezeitenstand bis neun oder sieben Meter tief, dabei mit etlichen Riffs gespickt, konnte bei rauher See für Tage, mitunter gar Wochen unpassierbar sein. Dann waren die InsulanerInnen eingesperrt. Sie zankten sich um den letzten Teelöffel Zucker, bald auch Honig (von Motz), und heizten mit Torf, Stechginsterwurzeln, Treibholz tüchtig ein, solange der Vorrat reichte. Ihr Trink- und Waschwasser bezogen sie aus verschiedenen Rinnsalen, die aus den Hügeln traten, und häuslichen Zisternen. Es regnete ja genug. Die Sommer waren wunderbar mild, nahm man den ständigen Wind, das Brandungsrauschen und die scharfen Pfiffe oder Krächzer von Austernfischern, Wanderfalken, Kolkraben, zuweilen auch inseleigener Esel in Kauf. In den bunt blühenden Wiesenkräutern brummten die Hummeln. Schon am Tage nach seiner Übersiedelung pflanzte Motz im Hof einen Walnußbaumschößling, den er vom Festland mitgebracht hatte. Er ging an. Vieh oder auch nur einen Hund schaffte sich Motz nie an. Sein Stallgebäude nutzte er im Sommer teils für die Imkerei, teils als Atelier. Manchen Abend klemmte er sich ein Bündel aus neugedrehten Wachskerzen und frischgepflückten Gurken und das Kästchen mit Schachfiguren unter den Arm und ging zu Patrick Carmody ins Schulhaus hinüber. Der hellhäutige, etwas dickliche Rotschopf, deutlich jünger und schüchterner als Motz, hauste dort in einer Stube, die eher an eine Truhe für verkrustetes Geschirr und schmutzige Wäsche erinnerte. Carmody hätte niemals eine Mäusefalle aufgestellt oder gar ein Schulkind gezüchtigt. Er hätte es freilich auch niemals gewagt, bei einem Gang durchs südliche Nachbardorf seinen Blick wie eine kreisende durstige Hummel auf Mailin zu senken, während sie im häuslichen Hof Wäsche aufhing. Aber Motz wagte es.

Die strohblonde Fischerstochter glich einerseits in der Tat einer blühenden, andererseits einer geknickten Blume. Zum Beispiel hinkte sie. Auch konnten ihr unvermittelt die Tränen kommen, dafür strahlte sie allerdings auch viel öfter, als auf Dursey die Sonne schien. Durch ihre Gehbehinderung, die sie von einem Kindheitsunfall zurückbehalten hatte, kamen verständlicherweise ihre birnenförmigen Hängebrüste noch mehr zur Geltung, falls sie gerade Wäsche aufhing oder sich, bergan, gegen eine Schubkarre mit Eselsmist für Motz' Garten stemmte. Carmody war in seinen Aufzeichnungen offenherzig und neidlos genug, um von Mailins Brüsten zu sagen, jeder vernünftige Mann mit unversteinertem Herzen hätte sie sich ohne Zweifel am liebsten sofort „bis zum Magen in den Schlund“ gestopft. Das verriet Tröckstein freilich nur Motz, nicht den Tagungsteilnehmern. Wie sich versteht, hatte Motz den Lehrer sofort nach der seltenen Inselblume ausgefragt. Sie war jedoch nie Carmodys Schülerin gewesen, weil sie als mehr oder weniger schwachsinnig galt. Immerhin glaubte er zu wissen, sie sei von ihren Eltern nie schlecht behandelt worden. „Aber eben auch nie gefördert!“ schimpfte der Lehrer. Wenige Wochen nach diesem Gespräch zog Mailin in Motz' Häuschen ein.

Diese Eroberung verblüffte Motz selber am meisten. Schließlich hatte er die InsulanerInnen inzwischen nicht nur als „bettelarm“ und „fleißig“, vielmehr auch erzkatholisch, abergläubisch und sittenstreng „bis zum Haareausraufen“ erfahren. Doch Mailins Eltern sahen die Sache so, daß ihnen „der verrückte Maler“ eher einen Klotz von den Beinen nahm und dabei auch noch ein gutes Werk an ihrer Tochter tat. Sie drangen noch nicht einmal auf Heirat. Ihre einzige Bedingung war, Motz dürfe Mailin kein Kind machen, worauf er sowieso nie verfallen wäre. Er kannte sich seit Jahren gut in allerlei Verhütungsmitteln aus, und seine neuen „Schwiegereltern“ setzten sogar noch ein paar interessante Rezepte darauf. Gewiß nahmen sie an, von den Bett- oder Moorfreuden einmal abgesehen, werde Motz seine „schwachsinnige“ Gefährtin vornehmlich zum Kochen, Heizen, Putzen, Wäschewaschen, Wasserholen, Unkrautjäten und vielleicht noch Kerzendrehen einspannen. Er belehrte sie aber rasch eines Besseren. Die beiden teilten sich diese Arbeiten, und was die Kerzenwachs abwerfende Imkerei betraf, wartete schon die nächste Verblüffung auf Motz. Die Bienen liebten Mailin! Sie stachen sie nicht! Mailin konnte ohne Schleier und qualmende Pfeife mit ihnen arbeiten, und wie sich bald erwies, hatte sie eine ausgesprochen glückliche Hand für die Imkerei. Nebenbei hatte Motz die Bienenvölker bereits in den unlängst aufgekommenen Kästen mit beweglichen Rahmen und Waben gehalten. Der Gutsverwalter seines Alten Herren hatte noch Körbe verwendet. Als sich das Paar dann im Jahr 1865 eine Honigschleuder anschaffte, war sie noch brandneu. Motz korrespondierte inzwischen mit dem sozialistisch gestimmten Imker Charles Dadant, USA, und schmierte ihm jeden „Fortschritt“ oder Zuchterfolg schön aufs Brot. Er erkundigte sich auch, ob die Zuneigung der Bienen zu seiner Gefährtin Mailin und die entsprechende Friedfertigkeit der Bienen „normal“ seien und ob Dadant von ähnlichen Fällen wisse. Der berühmte Experte mußte passen. Wahrscheinlich war eine Ferndiagnose auch zu viel verlangt. Wie sollte er in Übersee feststellen können, was den Dursey-Bienen an Mailin besonders gefiel beziehungsweise was ihnen an ihr stank? Ein Mystiker, möglicherweise auch Thoreau, hätte wahrscheinlich eine gleichsam natürliche Korrespondenz zwischen besonders geplagten, aber auch besonders feinfühligen Geschöpfen ins Feld geführt.

Motz verehrte Mailin und verwöhnte sie und pries die Wahl seines „Exils“ von Jahr zu Jahr, woran ihn auch gelegentliche Nachrichten über politische Zuspitzungen nicht hindern konnten, die vom Festland an sein Ohr drangen. Man sollte sich dazu allerdings klarmachen: Motz hatte seine (anfängliche) Einsamkeit 1856 wirklich „frei gewählt“. Schließlich hätten ihm, bei seiner sozialen Stellung und seinen Verbindungen, zahlreiche Alternativen offen gestanden. Der durchschnittliche mittellose Ire dagegen, seit 1801 in eine „Union“ mit Großbritannien gezwungen, hatte überhaupt keine Wahl. Er pachtete und schuftete dort, wo er gerade aufgewachsen oder geduldet war oder eine Lücke fand, und heiße sie „Amerika!“, wie ja Scharen von Auswanderern in den schrecklichen Hungerjahren um 1850 bewiesen hatten. Irland gehörte dem Klerus und ein paar Hundert weiteren Grundherren – die nicht selten (protestantische) Engländer waren und den Ort ihres Wirtschaftens nur selten leibhaftig aufsuchten. Dursey gehörte der Bantry Estate. Dieses große (agrar-)kapitalistische Unternehmen beherrschte die ganze weitläufige Halbinsel Beara an der Bantry Bay, wo das für Dursey nächste Hafenstädtchen Castletownbere lag, von dem wir noch mehr hören werden. 1867 flackerten sogar in ganz Irland, wenn auch nur hier und dort, bewaffnete Aufstände auf, hinter denen der Geheimbund Fenier steckte, Vorläufer der IRA. Motz beteiligte sich aber nicht daran, obwohl ihn alte Dubliner Genossen eigens dazu aufgefordert hatten. Er halte diesen Weg keineswegs für unzulässig, erklärte er Carmody, als sie bei einer Flasche Guiness auf der Trockenmauer des hübschen und ertragreichen Gartens saßen, den er im Verein mit Mailin angelegt hatte. Er halte ihn jedoch für abenteuerlich und aussichtslos. In der Tat brach die „Erhebung“ rasch zusammen. Carmody hatte Motz zugestimmt. Auf Dursey hätten sie keinen Esel zu einem Aufstand gebracht. So dachten sie damals jedenfalls.

Ein erster Höhepunkt des folgenden Jahres stellte sowohl für Motz wie Carmody die Lektüre eines schmalen Buches aus der Feder des erwähnten US-Schriftstellers Henry D. Thoreau dar. Bis dahin hatten sie noch nie von dem Mann aus Concord, Massachusetts, gehört. Sie verdankten sein Buch Motz' Brieffreund Dickens. Dieser hielt sich im Winter 67/68 erneut, nach rund 25 Jahren, zwecks Lesereise in Nordamerika auf. An der US-Ostküste traf er nun auch den berühmten Philosophen Ralph Waldo Emerson, der gleichfalls in Concord (bei Boston) lebte. Allerdings habe der Gute, so Dickens an Motz, bei der Begegnung durchblicken lassen, er schätze den Londoner Romanschreiber nicht sonderlich. „He considers me as an ignorant of nature!” Zum Abschied schenkte Emerson dem Gast aus Übersee eben jenes Buch Walden seines jungen Freundes oder Anhängers Thoreau, der bereits seit rund fünf Jahren unter der Erde lag. Für das Freundespaar auf Dursey führte dieser Thoreau eine erfrischend kurze, tiefgehende und blumig-bissige Feder. Damit trennte ihn mindestens die Bantry Bay von Dickens, der unter anderem das Weitschweifige und Seichte bevorzugte, von dessen Vorliebe für Straßenschluchten und Verkehrsströme einmal abgesehen. Möglicherweise war Thoreaus beachtliche, 1854 veröffentlichte Prosaarbeit, eine Art Tagebuch, rundum eine fichtenfeine Spitze Emersons gegen Dickens gewesen, war sie doch dereinst, um 1847, in des Autors Waldeinsamkeit an einem See bei Concord entstanden. Prompt reichte sie Dickens auf der Stelle, noch in Boston, an Motz auf Dursey weiter, wo man ja nicht gerade mit Wald gesegnet war.

Vor dem Hintergrund dieser Lektüre dürfte Motz' Schock umso größer gewesen sein, als er sich im nächsten Winter endlich zwang, einmal in dem deutschsprachigen Werk Das Geheimnis der alten Mamsell zu blättern. Seine Schwester Helene hatte es ihm schon gleich nach Erscheinen im Frühjahr auf die Insel geschickt. Offensichtlich hegte sie die Hoffnung, den mißratenen Bruder auf diese Weise auf den Pfad der Tugend zurückzuleiten. Helene war fünf Jahre jünger als er und die Erbin und neue Herrin von Gut Bodenhausen. Das heißt, da sie schon vor Jahren einem Von und zu Soundso angetraut worden war, einem „Königlich-Norwegischen Kammerherrn und Ministerresidenten”, wanderte das prächtige Gut hinterm Habichtswald wohl eher unter den gepflegten Nagel dieses Herren, war doch Motz' Vater soeben, im September 1868, aus dem Ruhestand ins Jenseits gerissen worden. Man darf vermuten, Motz habe die entsprechende Mitteilung ungerührt in den schwarzgerahmten Briefumschlag zurückgeschoben und diesen dann in den Ofen gesteckt. Im Nachlaß des Künstlers fand er sich jedenfalls laut Tröckstein nicht.

Der Roman aus Deutschland, ursprünglich 1867 im gutbürgerlichen, vielgelesenen Leipziger Wochenblatt Die Gartenlaube in Fortsetzungen erschienen, kreiste weniger um die alte Mamsell, vielmehr um das bitterarme, zunächst geschundene, gleichwohl wunderschöne Waisenkind Felicitas und dessen wundersame Erhebung in den Stand der großen Liebe und zur Braut eines Medizinprofessors. Zwar wurde der sinnliche Aspekt der Liebe dabei wie Luft behandelt, doch kaum getraut, fing das Stricken von Strampelhöschen an. Da Motz zu faul war, das prüde sentimental-moralische Werk zu übersetzen oder zusammenzufassen oder auch nur zu erwähnen, erübrigte es sich, auch noch Durseys Schullehrer Carmody in Das Geheimnis der alten Mamsell einzuweihen. Dafür raffte sich Motz endlich zu dem fälligen Brief an seine Schwester auf. Er bedankte sich artig für das interessante Buch und erkundigte sich, ob Helene womöglich zusätzlich ein paar Abbildungen nach Photographien auftreiben könne, die einen Eindruck von der Schöpferin der unterhaltsamen Prosa vermitteln könnten. Das tat sie prompt, obwohl sie dadurch einige schmerzliche, von ihrer Schere geschaffene Lücken in ihrer vollständigen Gartenlauben-Sammlung hinnehmen mußte.

Carmody staunte nicht schlecht, als er an einem Nachmittag im Juli 1869 schwitzend in Motz' und Mailins Stallhäuschen trat. Der Lehrer hatte gerade einen beschwerlichen Abstecher zum Fuß des nahen Kliffs hinter sich, wo derzeit das Salz-Tausendgüldenkraut, nur wenige Meter von den umspülten Klippen entfernt, in seiner gewohnt anmutigen, pinkfarbigen Blüte stand. Es waren Carmodys Lieblingsblumen. Nun erblickte er auf Motz' Staffelei ein eben vollendetes Ölgemälde, das sich zukünftig, neben vielen Freunden, vor allem in der umfangreichen Marlitt-Gemeinde noch viele Feinde machen sollte, obwohl es durchaus bunter und heiterer als die Szene mit dem Salz-Tausendgüldenkraut am Fuß des Kliffs wirkte. Motz hatte es auch viel höher angelegt, nämlich fast am Fuße des alten, eingefallenen Signalturms, der den inzwischen meist „Tower Hill” genannten höchsten Inselberg krönte. Die Ruine dieses quadratischen, aus Feldsteinen gemauerten, einst dreigeschossigen und bedachten Wachturms der Briten („Kommt Napoleon? Kommt er nicht?”) diente den Insulanern seit etlichen Jahren nur noch als beliebter Treffpunkt zum Klönen oder Küssen. Nun hatte Maler Motz eine hübsch anzusehende Frau um 40 vor der Ruine ins von blühenden Kräutern getupfte Gras gesetzt. Sie streckte ihre nackten Waden aus einigen längsgestreiften, kühn gerafften Röcken und warf dem Betrachter, von einem kecken Hut beschirmt, mehr oder weniger verführerische Blicke zu. Dabei glotzte freilich zusätzlich ein ausgewachsener Hammel über ihre linke Schulter auf den Betrachter, während die Turmruine eher rechts angeordnet worden war. Über allem segelten noch ein paar Baßtölpel am blauen Himmel, die natürlich ebenfalls Farbe gaben: Weiß, Schwarz, Zimt.

Den folgenden kurzen, von einem Lehrernaturell getreulich festgehaltenen Dialog übermittelte mir Tröckstein aus Carmodys Aufzeichnungen. „Was ist denn das ..?!“ – „Ich werde ihm den Titel Die Schriftstellerin Marlitt auf Dursey geben.“ – „Aber diese Dame war doch nie hier! Jedenfalls habe ich sie nie hier gesehen.“ – „Ich auch nicht“, nickte Motz seinem Busenfreund grinsend zu.

Zu diesem Zeitpunkt schlich sich bereits die Politik an das meerumrauschte Idyll der beiden Freunde an. Im Laufe des Jahres 1869 sickerte durch, die Estate wünsche Pachterhöhungen und die entsprechenden neuen Verträge. Prompt tauchte im September ein Büttel der Grundherren auf der Insel auf, ein gewisser Daniel Kelly, wie sowohl bei Carmody wie bei Penelope Durell* zu lesen ist. Durch Drohungen gelang es Kelly zunächst, die Unterschriften aller PächterInnen einzutreiben. Motz wollte sich nicht querstellen und unterschrieb ebenfalls. Doch dann zündelte er im Verein mit Carmody an vielen Wintertagen geduldig an der allgemeinen Empörung auf der Insel. Schließlich war allen klar: reichte man der Estate den kleinen Finger, würde sie die ganze Hand verschlucken. So einigten sie sich im neuen Jahr darauf, lediglich die alten Pachten zu zahlen, die Zuschläge jedoch zu bestreiken. Nebenbei – und es geschah in diesem sorgenreichen Jahr 1870 wirklich nur am Rande – wurde am 9. Juni Motz' Brieffreund Charles Dickens, 58, von der Erde abberufen. Er sollte sich freilich, in gewissem Sinne, noch als Motz' Retter erweisen.

Wie zu erwarten war, beantwortete die Estate die Zahlungsverweigerung mit verstärkten Drohgebärden. Allerdings hatte sie das Problem: an Dursey war nicht so leicht heranzukommen. Während es bald darauf, um 1880, auf dem Festland wiederholt zu Vertreibungen zahlungsunfähiger oder -unwilliger KleinpächterInnen mit Hilfe der Staatsgewalt kam, hatte man es bei Dursey mit einer felsigen Insel in meist rauher See zu tun. Gewiß, man hätte am Sund kurzerhand eine Batterie Kanonen aufpflanzen können, um die Insel systematisch zu bestreichen; nur hätte man, wegen der Hügel, nicht eben genau gesehen, wo die Kugeln hinfallen würden; ferner wäre die Batterie ihrerseits von insularen Heckenschützen mit Jagdflinten beschossen worden; und schließlich hätte sich ein mittleres Blutbad in vielen liberalen Zeitungen und selbst in den Badewannen Londoner Lords gar zu schlecht ausgenommen.

Kurz und gut, die Estate zog es stattdessen vor, mit einer Invasion zu drohen. Auf diese Weise, so nahm man wohl an, ließen sich gewisse Rädelsführer und Querulanten gezielt am Schlawittchen packen und, wenn nicht in die See, aufs Festland befördern. Tatsächlich kreuzte Anfang August 1871 das furchterregende, wenn auch noch aus Holz gebaute Kriegsschiff Agamemnon im Hafen von Castletownbere auf, woraus auf hervorragende Beziehungen der Estate zur Londoner Royal Navy zu schließen war. Der 70 Meter lange Dreimast-Segler mit zusätzlicher Dampfmaschine hatte geschlagene 91 Kanonen an Deck, dafür nur einen Tiefgang von sieben Metern. Das war nicht nur für den berühmten, durch die vorgelagerte Insel Bere Island ausgesprochen geschützten Naturhafen von Castletownbere ein Klacks, denn er war 15 bis 30 Meter tief. Vielmehr hätte der Dreimaster sogar problemlos in Steinwurfweite vor Dursey ankern können, selbst bei Ebbe, da der Tidenhub der Gegend nur um zwei Meter lag. Ob der Feind ein Auslaufen gen Dursey auch wirklich wagen würde, war schwer zu sagen. Darauf komme es freilich auch gar nicht an, meinten Carmody, Motz und Genossen. Jetzt gelte es ein flammendes Zeichen des Widerstands zu setzen. Der Kahn müsse weg. Ob sie ihn etwa in die Luft sprengen sollten, fragte Mailins Vater, als sie mit bald 20 Leuten im Schulhaus Kriegsrat hielten. „Um Gottes willen!“ hob Carmody abwehrend seine mit Sommersprossen übersäten Hände. „Keine Toten, bitteschön! Außerdem zögen wir uns damit nur ein schreckliches Strafgericht auf den Hals.“

Die rettende Idee kam vom Festland, von einem jungen Tischler aus Allihie, der auf Dursey ein Liebchen hatte und deshalb mit im Kriegsrat saß. „Wir bohren den Kahn an!“ grinste er. „Dann geht er unter.“ Man müsse nur ein paar gute Taucher mit Kurbelbohrern ausrüsten und sie des nachts heimlich auf die Insel Bere schaffen, von wo aus sie das Hafenbecken und die Agamemnon in Angriff nehmen könnten, behauptete er. Motz war sofort Feuer und Flamme, weil er ein guter Taucher war. Er brach regelmäßig mit dem Boot zu bestimmten Klippen vor Dursey auf, um an ihrem Fuß, drei oder sieben Meter unter Wasser, Körbe voll schmackhafter Muscheln abzukratzen, die ihm in den Inseldörfern wiederum manche Rinderbrust oder Hammelkeule einbrachten. Auf der Insel wurde überwiegend natural getauscht, zuweilen sogar ohne unnachsichtige Aufrechnung. Ein Verzicht auf Tausch=Vergleich überhaupt war leider nie erwogen worden, weil er vom Horizont des typischen Insulaners deutlich ferner als das Beara-Festland lag.

Die eigentliche Aktion am Schiff gelang den vier ausgewählten Männern sogar tadellos. Von den Nachtwachen unbemerkt, bohrten sie ungefähr einen Meter unterhalb der Wasserlinie jeweils zwischen den Spanten, ringsum über den Schiffsrumpf verteilt, ein Dutzend Löcher in die eichernen Planken. Vor jedem Auftauchen zum Luftschöpfen ließen sie den Kurbelbohrer im Loch stecken, damit sie das Loch sofort wiederfänden. Für diese 12 Löcher benötigten sie lediglich 40 Minuten, und dann noch einmal 20, um zunächst tauchend, dann schwimmend zur Insel Bere zurückzukehren. Bei der Agamemnon dauerte es etwas länger: sie benötigte den Rest der Nacht und den halben nächsten Tag um zu sinken. Bis die aufgescheuchten Schiffsoffiziere die Ursache des Leckens gefunden hatten, war es für Gegenmaßnahmen bereits zu spät. Während sie sich sputeten, in die vom Kai ausgeschickten Boote zu kommen, versammelte sich eben dort halb Castletownbere, das gerade Markttag hatte, um das Verschwinden eines englischen Kriegsschiffes zu bewundern. Am Mittag ragte nur noch der Hauptmast aus dem Hafenbecken heraus.

Zu diesem Zeitpunkt dürfte das Bohrkommando der Rebellen bereits tot gewesen sein. Bei der Anfahrt hatten die vier Männer wohlweislich auf der ferneren Ostseite der Insel Bere angelegt. Kaum hatten sie nun, im ersten Morgengrauen, ihr Boot wieder bestiegen, von der Insel abgestoßen und eine weiter südlich gelegene Bucht des Festlands angesteuert, schlug jäh das Wetter um. Selbst Mailins Bruder, ein Fischer wie der Vater, war überrascht. Sie wurden aufs offene Meer getrieben und kamen dort, wie zu vermuten steht, in den brüllenden Wogen um. Das zerschlagene Boot und die Leichen des Bruders und des Tischlers aus Allihi wurden später sogar an Land gespült und deshalb gefunden. Motz und der vierte Mann dagegen, übrigens der einzige Schuhmacher und Sattler auf Dursey, blieben verschollen. Ganz Dursey war entsetzt. Carmody und seine MitstreiterInnen bestanden darauf, den Signalturm und die einzige Kirche der Insel schwarz zu beflaggen; unter Verdacht und Beobachtung stand man ja sowieso. In der Tat ließen die Razzien auf der Insel nicht lange auf sich warten. Gleichwohl fanden die Behörden für ihre Theorie, welche Schurken die Agamemnon auf dem Kerbholz hatten, nie den Zipfel eines Beweises. Selbst die vier Kurbelbohrer ruhen vermutlich noch heute, östlich von Bere Island, auf dem Grund der Keltischen See.

Zu der britischen Invasion auf Dursey kam es übrigens doch noch. Sie erfolgte im April 1905 mit Hilfe des in Bantry liegenden stählernen, dampfgetriebenen und mit 160 Polizisten bestückten Marineschleppers Stormcock sowie einiger Landungsboote. Verschiedene aufgebrachte InsulanerInnen empfingen die unerwünschten Besucher mit Steinen. Es gab jedoch keine Todesopfer. Die siebenköpfige Pächtersfamilie der angeblich ertragreichsten Farm der Insel (in Ballynacallagh) wurde mitsamt ihrer Habseligkeiten an die Luft gesetzt, während es in Strömen regnete. Die Besatzer schlugen als ihr Hauptquartier ein Armeezelt auf und ließen darin ein rundes Dutzend der Polizisten für Tage oder Wochen auf Dursey zurück. Das Echo der zumeist als „krass“ empfundenen Invasion war enorm; es bebte vom Cork Examiner bis zur Londoner Times. Auf der Halbinsel Beara gab es viele Proteste, auch von Pfarrern und Abgeordneten. Zwar kuschten die Zahlungsverweigerer bald darauf, doch der Stein war ins Rollen gekommen. Ab 1911 durften sich die PächterInnen auf Dursey einkaufen; nur die Küste der Insel blieb vorläufig bei der Estate.

Was wurde aus den anderen Hauptfiguren? Patrick Carmody, der als einer der „Rädelsführer“ galt, zog es vor, sich bei den angedeuteten Razzien auf Dursey zu verstecken und dann ganz aus Irland zu verschwinden. Er traf bald darauf bei Imker Dadant in den Staaten ein, der ihm zu einem Posten als Lehrer, später sogar Schulleiter verhalf. Ob Carmody je versuchte, seine vor der Flucht eilends versteckten Aufzeichnungen wieder zu erlangen, ist unbekannt. Er starb 1901, ein Jahr vor seinem Gönner Dadant, wie dieser in Hamilton, Illinois.

Motz' Gefährtin Mailin kümmerte und verwelkte ihren Eltern geradezu unter den Händen. Anderthalb Jahre nach dem Unglück vor Bere Island ging sie eines nachts aufs Kliff hinauf und stürzte sich in die Tiefe. Damit hatte der Britische Imperialismus für ein Kriegsschiff fünf weitere Tote auf dem Gewissen. Aber er hatte keins.

Als Werner Motz 1873 amtlich für tot erklärt worden war, fing ein Gerangel um sein Erbe an, hatte er es doch törichterweise versäumt, vor seinem Ausflug nach Castletownbere ein Testament zu machen. Die Dubliner Malerin Fiona O'Brien spielte dabei eine eher unrühmliche Rolle. Die von Carmody und Dadant telegraphisch alarmierten Erben Charles Dickens' engagierten einen ausgefuchsten Rechtsanwalt. Vielleicht quälte sie noch das schlechte Gewissen darüber, daß Dickens entgegen seinem ausdrücklichen Wunsch in der sogenannten „Poets' Corner“ der Westminster Abbey bestattet worden war – während Motz' Leiche bald darauf als Futter für Haifische zu dienen hatte. Durch diesen prominenten Einsatz gelang es immerhin, Motz' Schwester Helene auszubooten; sie erhielt nur eine Abfindung in Geld. Die Dickens-Erben bestellten einen für Motz geeigneten Nachlaßverwalter und riefen eine Stiftung ins Leben, die noch heute besteht. Von ihr wurde auch die vorliegende Arbeit gefördert.

* Discover Dursey, Allihies 1996, Umfang rund 270 Seiten, Pachtstreik bes. S. 122–30



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