Montag, 2. Januar 2017
Nachhutgefechte
Erzählungen und Skizzen


Dieser Band ist noch nicht abgeschlossen. Derzeitiger Umfang rund 50 Druckseiten:

Absturz eines Orthopäden + Folgen eines Skiunfalls + Vorübergehendes Hauen und Stechen auf der Schweinsblaseninsel




Absturz eines Orthopäden


Fritz stöhnte, zog seine Linke, die „Bockhand“, unverrichteter Dinge wieder vom grünen Tischtuch, brachte sich an der Seitenbande, über die er sich gebeugt hatte, mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder leidlich ins Lot und schüttelte seinen Kopf. Dadurch wackelten seine durch Spangen eingeengten schulterlangen blonden Strähnen wie ein aufmüpfiger Vorhang hin und her, was immerhin lustig aussah, wie Walid fand. Der drahtige junge Afghane, von Hause aus gutgebräunt und dunkelhaarig, musterte seinen Coach besorgt von der Fußbande aus. Er war gegenwärtig ohne Zweifel Fritz' begabtester Schüler. Doch jetzt erklärte ihm „der Lange“ auf Englisch:

„Tut mir leid, Walid. Ich packe es im Moment nicht. Ich glaube, ich muß mich drüben erst einmal hinlegen.“

Fritz nickte dabei über den Snookertisch Nr. 3, an dem sie heute trainierten, zu den hofseitig gelegenen Fenstern der ehemaligen Orgelfabrik, die vor rund fünf Jahren in ein Clubhaus verwandelt worden war. Wie sich versteht, waren fast alle Fenster des SIK-Clubhauses durch Innenjalousien verdunkelt. Auch an den benachbarten Tischen 2 und 4 wurde geübt oder gespielt.

Walid nahm Fritz' Nicken auf und bekundete in einem Englisch, das sogar besser als das von Fritz war, Mitgefühl und Verständnis. Er hatte ein Universitätsstudium in Kabul und so manches Gespräch mit wißbegierigen US-Soldaten hinter sich.

Während Fritz sein Queue auseinanderschraubte und im Koffer verstaute, wechselten sie noch ein paar Worte über eine bestimmte Übung des break buildings, die Fritz dem gelernten Bauingenieur ans Herz legte. Walid war nahezu einen Kopf kleiner als Fritz. Er war vor rund zwei Jahren als Flüchtling in Deutschland eingetroffen. Inzwischen hatten sie mit Hilfe eines Rechtsanwaltes, der dem Club angehörte, sogar eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für Walid erstritten. Er spielte bereits in der 2. Mannschaft des SIKs und damit in der Hessenliga.

Fritz wollte sich den schmalen langen Queuekoffer gewohnheitsgemäß unter einen Arm klemmen, aber auch das war neuerdings nicht ratsam, weil zu schmerzhaft. Sobald er einen Arm, einerlei welchen, nennenswert anhob, fuhr ihm der vorher nur ziehende Schmerz geradezu reißend durch die betreffende Schulter. Er nahm den Koffer am Griff und tastete sich mit der anderen Hand am Geländer der Treppe entlang, die ins Erdgeschoß führte, wo sich unter anderem der verschließbare große Stahlschrank für die Queuekoffer der Clubmitglieder befand.

Prunkstück des Erdgeschosses war der einzige dortige Snookertisch, als Nr. 1 oder auch „Finaltisch“ bezeichnet. Er war der geschonteste und am großzügigsten aufgestellte Tisch von den vier Snookertischen. Hufeisenförmig von einem dreistufigen Podest umgeben, konnten ihn im besten Fall ungefähr 100 ZuschauerInnen umlagern. Die Stufen waren mit Teppichboden belegt und ließen sich bei Bedarf noch durch flache Sitzkissen aufpolstern. Daneben bot das Erdgeschoß eine große Bar, die auch als Büro diente, ferner ein Umkleidezimmer, Toiletten und den Heizungsraum. Ein gewisses highlight stellte wahrscheinlich auch die Verladerampe der ehemaligen Orgelfabrik dar, auf die eine Tür führte, die im Sommer meist aufstand. Die Clubmitglieder nutzten die Rampe als Terrasse. Sie blickte über drei Gleise hinweg, von denen zwei verrostet waren, auf den nur noch spärlich genutzten Kelmer Südbahnhof.

Fritz betrat den schmalen Hof, der sich auf der anderen, vorderen Fabrikseite erstreckte, und wandte sich zum früheren Wohnhaus des Orgelbaumeisters, das inzwischen das 2012 aus Zamir und Wuppertal zugezogene Quartett, später nur noch Trio um Fritz beherbergte. Fritz stammte aus Kelm. Der schon damals weißhaarige Orgelbaumeister war ein Onkel von ihm, und sie hatten ihm das ganze Anwesen, das er ohnehin loswerden wollte, mit Handkuß abgekauft. An den Fabrikhof schloß sich ein richtiger kleiner Park mit hohen alten Bäumen an. In ihm, zu einer die Bahnstrecke kreuzenden Straße hin, lag das etwas klobig wirkende zweigeschossige rote Backsteingebäude, das sie nun, seit Maricas Tod, nur noch zu dritt bewohnten. Einige gelbgemauerte Säume sorgten für Abwechslung. Es war kein Juwel der Baukunst, bot aber fast die hohen Räume und geschwungenen vielgliedrigen Fenster einer kleinen Fabrikantenvilla aus der Jugendstilzeit. In Wahrheit stammte es von 1952. Im nur teilweise ausgebauten Dachgeschoß gab es ein großes Giebelzimmer, das auf die wenig befahrene Straße und den Bahnübergang blickte. Hier hatte sich Iris, der ja im Grunde der ganze Clubreichtum zu verdanken war, ihr Atelier eingerichtet. Den Rest des Hauses teilte sich das Trio in Wohn- und Finanzgemeinschaft á la Kommune.

Auf dem Weg zu seinem im 1. Stock gelegenen Zimmer begegnete Fritz Danilo, der sich gerade der Zubereitung eines warmen Mittagessens widmete. Man erinnert sich vielleicht: der inzwischen 40jährige war zuletzt Kommissar der kroatischen Kriminalpolizei gewesen. Das ist für unsere Geschichte nicht ganz unerheblich, denn neben seinem nicht eben billigen Billardstock und seiner damals noch frischen Geliebten Iris Trögner, die er gleichsam von dem hinterrücks erstochenen deutschen Snookerprofi Heinz Leukenfels übernommen hatte, schmuggelte Danilo bei der Übersiedlung auch eine bestens gepflegte Pistole nach Deutschland ein.

Danilo war kaum dicker als Walid, aber etwas größer. Jetzt setzte er seinem deutschen Wohn- und Sportgenossen sozusagen nur das Küchenmesser auf die Brust. „Wenn das auch morgen noch nicht besser ist, solltest du vielleicht doch einmal unsere Hausärztin bemühen, mein lieber Fritz. Das kann ja tausend Ursachen haben!“

„Eben“, knurrte Fritz und wandte sich zur Treppe, die in den 1. Stock führte. „Es kann tausend Ursachen haben und zu dem einen Ergebnis führen, das wir schon von Marica kennen.“

Danilo mußte ein Schmunzeln unterdrücken, obwohl die Sache weißgott nicht zum Lachen war. Er blickte Fritz voller Mitgefühl nach. Dessen hohe, sonst so geschmeidige, alles in allem prächtige Gestalt war deutlich verkrampft. Fritz war ja früher Akrobat und Clown gewesen. Selbst mit seinen nun über 5o Jahren umkreiste er die Snookertische noch immer in der Leichtfüßigkeit des gelernten Pantomimen. Gleichwohl war er von seiner Geliebten Marica in den nur anderthalb Jahren, die ihr in Kelm vergönnt waren, sozusagen überrundet worden. Sie hatte sich zum As des Clubs gemausert. Jeder liebte sie: ihre für eine Kroatin erstaunlich hohe Erscheinung mit den kastanienbraunen Locken und kräftigen Brüsten; ihr fröhliches, stets für ansteckendes Gelächter gutes Wesen; ihre Century-Breaks bei Wettkämpfen (zuletzt 123) und selbst ihre etwas eckigen Schultern. Im letzten Winter ihres Lebens war sie, von den Ligaspielen abgesehen, zusätzlich im Auftrag der Deutschen Billard Union (DBU) als Trainerin und Schiedsrichterin unterwegs gewesen. Dann hatten sie unversehens Unterleibsschmerzen ereilt, die durch Wochen trotz verschiedener Kuren nicht mehr wichen. So begab sie sich auf Spießrutenlauf unter die Weißkittel. Eine Kapazität äußerte schließlich einen Verdacht auf Nierentumor und empfahl eine Operation. Marica rang sich dazu durch. Prompt wurde in oder an ihrer Niere kein Tumor gefunden; dafür hatte aber der operierende Arzt, wie sich herausstellte, Maricas Bauchspeicheldrüse verletzt, woraus sich qualvolle Entzündungen und drei weitere Operationen ergaben, an denen die 37jährige Marica endlich zugrunde ging. Ihre MitstreiterInnen aus der Orgelfabrik waren selbstverständlich entsetzt und untröstlich, von Fritz ganz zu schweigen. Danilo pochte anfänglich auf juristische Schritte, sah dann aber ein, daß sie ihnen wahrscheinlich außer endlosem Ärger und ein paar tausend Euro nichts einbringen würden. Dafür erwirkte er mit Hilfe des bereits erwähnten Rechtsanwaltes aus dem Club die Ausnahmegenehmigung, Maricas Urne im Park der Orgelfabrik zu vergraben. Iris und ein Metallbildhauer gestalteten eine schrägstehende, auf vier schlanke Stahlholme montierte Gedenktafel, die diese Grabstätte bezeichnete.

Fritz' Zimmer ging auf den Park. Es war Mai. Neben der Gedenktafel hatte der kleine Park ein Grünspechtpaar, einige Kleiber und Baumläufer und manche andere Vögel zu bieten, die Fritz mit Hilfe seines Fernglases zuweilen interessiert beobachtete. Jetzt lag er auf seinem Bett und schaute zerknirscht nach innen. Er hatte seine Schultern und Arme seit drei Tagen mit Olbas eingerieben, einem Minzöl, aber das schien dieses Mal nicht zu helfen. Das Ziehen von der Schulter her strahlte inzwischen bis in die Hände aus und hielt offensichtlich auch im Liegen an. Versuche, sich zu verlagern, etwa auf die Seite, bestrafte das Ziehen mit dem schon erwähnten Reißen. Die Nacht konnte ja heiter werden, sagte sich Fritz. Aber womöglich hatte er Glück und wurde von Danilos Mittagsmahl wieder aufgebaut. Es hatte in der Küche recht verlockend gerochen.

Im Lauf der Jahre hatte sich eine gewisse Arbeitsteilung bewährt, die allerdings nicht das Kochen und Kloputzen betraf. Iris, die Grafikerin, war ihren Weinetiketten-Kunden treugeblieben, obwohl sie es eigentlich nicht mehr nötig hatte. Ansonsten malte sie zuweilen, gestaltete jedoch vor allem eine Menge entzückender kleiner Figuren aus Werkstoffabfällen, vom Snookerspielen einmal abgesehen. Fritz hatte die Musik nach der Übersiedlung aufgegeben, schrieb noch von Zeit zu Zeit, gab Snookerunterricht und griff Danilo gelegentlich bei dessen Haus- und Hofmeisterarbeiten unter den Arm. Dieses durch und durch zivile Amt übte Danilo gern und gewissenhaft aus. Das ging vom Beschaffen und Sägen des Brennholzes bis zum Säubern des Clubhauses und dem Bügeln oder Bespannen der vier Snookertische.

Der Club hieß mit vollem Namen Snooker in Kelm e.V. und war „eingetragen“ wie jeder andere Sportverein. Als offizieller, gewählter Vorsitzender des Vereins fungierte Danilo. Alle wichtigen Entscheidungen, Neuaufnahmen eingeschlossen, bedurften jedoch, laut Satzung, der Zustimmung sämtlicher Mitglieder. Die Fabrik war Vereinseigentum. Die Betriebskosten, etwa Strom und neue Tischtücher, wurden von den, nach Einkommen gestaffelten, im Ganzen aber vergleichsweise geringen Mitgliedsbeiträgen finanziert. Der Spielbetrieb wurde, von den Versammlungen und Mannschaftsbesprechungen einmal abgesehen, über die Blog-Webseite des Clubs organisiert, auf die jedes Clubmitglied Zugriff hatte. Es war ein egalitärer, gleichwohl auch elitärer Club. Im nördlichen Kelmer „Gewerbegebiet“ gab es noch einen herkömmlichen, vornehmlich für Pool-SpielerInnen geschaffenen Billardsalon mit zwei Snookertischen, von denen zum Teil die große Nachfrage ausging, deren sich der Club erfreute. Trotzdem war der Club in fünf Jahren nur mäßig gewachsen: von vier auf rund 40 Mitglieder. Und freilich auch um ein Mitglied geschrumpft, eben Marica.

Die 1. Mannschaft von SIK spielte in der 2. Bundesliga, Staffel Nord. Die Saison 2015/16 war bislang ihre beste gewesen. Sie hatte Platz Drei belegt, hinter Ilmenau und Köln. Sie bestand aus fünf Leuten, darunter selbstverständlich Iris, Danilo und Fritz. Mit Marica wäre ihr sehr wahrscheinlich schon der Aufstieg in die 1. Bundesliga gelungen, doch die drei GründungsmitgliederInnen des Clubs waren sich inzwischen nicht mehr so sicher, ob dies wünschenswert gewesen wäre. Offiziell hatte der deutsche Snookerligabetrieb Amateurcharakter. Faktisch aber griff die „professionelle Einstellung“ von einer Liga zur nächsthöheren Liga immer stärker um sich. Um den Aufstieg in die 1. Bundesliga zu packen, wurden oft schon Spitzenspieler aus den entlegensten Städten oder gar Erdteilen geködert, wie sich versteht, nicht nur mit einem Apfel und einem Ei. Wer die zahlungskräftigeren „Sponsoren“ auftat, gewann. Der Ehrgeiz begann mit der Spielfreude auch die Freundlichkeit untereinander zu ersticken. Das wichtigste war die „TV-Tauglichkeit“. Was wäre da aus Maricas ungeschminktem Lächeln geworden? Hinzu kam das Problem der Reisewege: sie wurden von Liga zu Liga länger und gefährlicher. Ohne Auto und „Termindruck“ lief ja auf der Welt so gut wie nichts mehr. So gesehen, hätte Marica gute Aussichten gehabt, auch auf diesem Wege, per Autobahn, auf einem Operationstisch zu landen.

Der Gedanke an Marica war nicht dazu angetan, Fritz' Pein und Gram zu lindern, während er angeschlagen auf seinem Bett lag. Aber da hörte er von unten Danilos Stimme. Der Ex-Polizist rief zum Essen.


2

Gegen 17 Uhr des nächsten Tages saß Fritz der Hausärztin gegenüber. Deren MitarbeiterInnen hatten sich von Iris per Telefon beknien lassen, den „Langen“ „einzuschieben“. Fritzens Nacht hatte sich in der Tat als die von ihm befürchtete Folter gestaltet, und mehr noch: als er sich ächzend und unausgeschlafen auf die Bettkante gehievt hatte und sein Blick auf seine Hände gefallen war, ereilte ihn der nächste Schock. Während seine Linke erst einem Landbrötchen glich, erinnerte seine Rechte bereits an den aufgegangenen Hefeteig eines Zweipfundbrotes. Bei der Vorstellung, solche Hände auf ein grünes Tischtuch oder den vollen weißen Busen einer bestimmten Kelmer Chorleiterin zu legen, schüttelte er sich, was ihm freilich sofort zusätzliche Schmerzen bereitete. Mit diesen „Patschen“ hatte er sich dann also seine Socken anzuziehen.

Die Hausärztin konnte oder wollte sich nicht festlegen. Die Sache rieche nach Arthrose, aber vielleicht sei auch Rheuma im Spiel, was sie nicht hoffen wolle. Fritz möge am besten gleich „zweigleisig“ verfahren. In Kelm, immerhin eine Kreisstadt von rund 25.000 EinwohnerInnen, gebe es nämlich keinen Rheumatologen. Also müsse er sich an Kasseler Fachärzte wenden, und die seien überlaufen, sodaß er ohnhin mit Wochen des Wartens auf die erste Untersuchung zu rechnen habe. Dafür möge er gleich ins nahegelegene Röntgenzentrum marschieren, um Aufnahmen seiner Schultern anfertigen zu lassen. Mit diesen möge er sich dann umgehend bei einem hiesigen Orthopäden vorstellen. Zudem verschrieb sie ihm Tabletten namens Voltaren, die aus dem beliebten Hause Novartis kommen und angeblich sowohl schmerz- wie entzündungshemmend sind. Wie Fritz später sah, war der x-mal gefaltete Packzettel dieser Arznei wegen der aufgelisteten möglichen „Nebenwirkungen“ länger als ein Billardstock.

Fritz dankte der Frau, obwohl er ihre Eröffnungen nicht gerade ermunternd fand. Als Akrobat und Schriftsteller hatte er sich recht gründlich mit Physiologie befaßt und wußte von daher, diese ganzen Gelenkentzündungen waren eine große Scheiße – wenn diese auch in zahlreichen Varianten schillerte, die ein Heer von Medizinern und die halbe Pharmaindustrie ernährten. Im Röntgenzentrum mit zwei Dutzend anderen Geplagten auf seinen Aufruf wartend, fiel ihm allerdings ein, daß ihn seine physiologischen Einsichten vor ungefähr zwei Jahren nicht daran gehindert hatten, im eigenen Wald eines Clubmitgliedes, das Tischler war, über Tage hinweg einen Exzess mit der Motorsäge zu veranstalten. Es ging um auf Meter geschnittenes Brennholz für die beiden Heizbrenner der Orgelfabrik. Verständlicherweise führte er die Säge, wie sein Queue, mit rechts, nur wog sie deutlich schwerer als der Billardstock. Genauer gesagt, waren seine physiologischen Einsichten damals beflissen im sogenannten Unterbewußtsein geblieben; sie wollten ihn nicht beim Lustgewinn in frischer, abgasgeschwängerter Waldluft stören. Für seine Schultergelenke war das vermutlich kein Vergnügen gewesen. Im Grunde war schon die Berufswahl „Akrobat“ hirnrissig, vom „Leistungssport“ zu schweigen. Man trifft diese Entscheidungen jedoch als junger Mensch, während man frühstens später klüger ist, nachdem das Kind bereits in den Brunnen fiel. Auf gutes Zureden von sogenannten Erfahrenen gibt man leider nichts, weil man als junger Mensch unsterblich und unverletztlich oder wenigstens die große Ausnahme von der Regel ist.

Eine abgekämpft wirkende Frau mittleren Alters drapierte Fritz vor dem Wandschirm der Röntgenkamera mehrmals um. Gleich zu Anfang sagte sie, er müsse die Arme schon ein wenig höher nehmen. „Sehr witzig“, knurrte Fritz, weil er fand, das sei ja gerade das Problem, das ihn hergeführt habe: sein Unvermögen, die Arme über Brustwarzenhöhe zu bekommen, ohne sofort in zwei Hälften zerrissen zu werden. Sie jedoch erwiderte empört, sie verbitte sich solchen Ton. Wahrscheinlich stand sie in diesem „Zentrum“ so wenig im Mittelpunkt der Fürsorge wie der Patient. Die Aufnahmen wurden umgehend entwickelt und einem in irgendeinem entlegenen Büro sitzenden Mediziner unterbreitet. „Impingementsyndrom / AC-Arthrose, rechts stärker ausgeprägt als links“, so ungefähr stand es in dem Befund, den ihm bald darauf die Dame mitsamt einer CD mit den Röntgenaufnahmen am Empfangstresen aushändigte. Wieder zu Hause, belehrte ihn das Internet, es handele sich um Verschleißerscheinungen in den Schultergelenkkapseln, die zu Einklemmungen oder Entzündungen führten. Seine Schmerzen waren also kein Wunder. Von dicken Pfoten war in diesem Zusammenhang allerdings nicht die Rede. Fritz griff zum Telefon, um Termine mit einem Kelmer Orthopäden und einem Kasseler „Rheuma-Institut“ zu vereinbaren. Das Institut wollte ihn zunächst auf Ende August vertrösten. „Ach du liebe Zeit“, sagte Fritz, „bis dahin bin ich schon längst gestorben.“ Daraufhin ließ sich die Frauenstimme am anderen Ende erweichen und lud ihn bereits für Ende Juni ein. Vielleicht hatte ihr der spontane Scherz oder aber der in langen Bühnenjahren erworbene Charme von Fritzens Bariton gefallen.

Den Termin beim Orthopäden bekam er schon für die kommende Woche. Wie sich versteht, platzte dessen Wartezimmer ebenfalls aus allen Nähten, obwohl es eher einer Halle glich. Offenbar verfügte der Orthopäde über mehrere Behandlungszimmer. Der „Termin“ nützte Fritz wenig: man ließ ihn geschlagene zwei Stunden und 14 Minuten schmoren. Dann wurde er von einer Mitarbeiterin in eins der Zimmer gebeten. Sie hatte ihrem Chef die Aufnahmen, die Fritzens Schultern zeigten, bereits auf den Bildschirm des Computers gestellt, an dem er jetzt Platz nahm. Er war ein eher untersetzter Mann um 40, sicherlich kräftig und sportlich, wirkte freilich vom Gesicht und Gehabe her seltsam unscheinbar, obwohl es ihm andererseits nicht an Selbstbewußtsein zu mangeln schien. Während er mal und flüchtig auf die Bilder, mal gedankenabwesend auf Fritz blickte, den er noch nie im Leben zuvor gesehen hatte, umriß ihm dieser den Hergang seines Leidens in wenigen Sätzen. Ob der Doktor glaube, die beiden doch recht verschiedenen Symptome, nämlich das Schulterreißen und die steifen geschwollenen Hände hätten einander ausgelöst oder aber seien nur zufällig zusammengetroffen?

Der Doktor hieß Hintzbacher. Wir werden nie erfahren, ob Dr. Hintzbacher Fritz auf dessen abschließend Frage eine Antwort gegönnt hätte. Fritz hatte kaum seinen Mund zugemacht, als kurz nacheinander die beiden im Zimmer vorhandenen Telefone dudelten. Während Hintzbacher einem offensichtlichen Freund des Reitsports auf dem Festnetz beruhigend mitteilte, der Tierarzt habe Halfmoon gottseidank schon wieder freigegeben (es war nur eine Zerrung), man könne also am Sonntag gemeinsam an der Maiparade teilnehmen, und andererseits per Handy mit einem Mitarbeiter eines Reisebüros ausgiebig Komplikationen in seiner Urlaubsbuchung erörterte (Reiseziel China), würdigte er seinen Patienten Fritz keines Wortes und keines Blickes. Vielmehr sah er aus dem Fenster, wo ein paar blühende Sträucher zu sehen waren. Gleichwohl hatte es den Anschein, seine Telefongespräche oder die Blüten hätten ihm auch die angemessene Diagnose und Therapie in Fritzens Fall eingegeben, denn nach dem abschließenden Tastendruck auf sein Handy nickte er dem langen Blonden schon im Aufstehen zu:

„Dann dürfte es am besten sein, wir führen eine kurze Kortison-Kur durch, damit kriegen wir das wahrscheinlich weg.“

Hintzbacher nickte erneut, diesmal siegesgewiß, drückte Fritz die CD mit den Röntgenbildern und die Befund- und Packzettel wieder in die Hand und marschierte in die Halle, um einer Mitarbeiterin im Vorübergehen das Fritz zugedachte Rezept zu diktieren. Damit ließ er Fritz ohne jede Erläuterung kurzerhand stehen. Selbst verabschieden tat er sich von Fritz so wenig, wie er ihn 10 Minuten vorher – davon 7 Minuten Telefongespräche – begrüßt hatte.

Fritz stand wankend am Tresen der Halle, während die Mitarbeiterin tippte und ratterte. Er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Nie zuvor hatte er sich von einem Mediziner derart schamlos als austauschbare, ihm völlig gleichgültige Sache behandelt empfunden. Das einzige, was Hintzbacher an Fritz interessierte, das Geld für diverse Reitpferde und China-Reisen, bekam er ja sowieso ohne Ansehen der Person, von der Krankenkasse.

Normalerweise, nicht so behindert, wie Fritz derzeit war, hätte er den Mann ohrfeigen müssen. Stattdessen wandte er sich zum Ausgang und schlich wie betäubt davon. Auf der Straße eingetroffen, besaß er nur noch die Kraft, das Kortison-Rezept durchzureißen.


3

Einige Wochen später fuhr Fritz mit der Eisenbahn zum ersten Mal ins Kasseler „Rheuma-Institut“. Es ging ihm bereits deutlich besser. Die Schwellungen waren verschwunden, die Schulterschmerzen milderten sich von Tag zu Tag. Das lag vermutlich am wenigsten an den Voltaren-Tabletten, die er bereits nach zwei Wochen abgesetzt hatte. Vielmehr hatte ihn die erwähnte Chorleiterin, bei der er zuweilen übernachtete, eines Abends mit einem kleinen Internet-Film über gymnastische Übungen gegen das „Impingementsyndrom“ überrascht. Sie wurden von einer jungen Frau im Auftrage eines saarländischen Orthopäden vorgeführt. Fritz war folgsam, absolvierte die Übungen zweimal täglich für jeweils ungefähr sieben Minuten – und wie es aussah, schlugen sie tatsächlich an. Nie zuvor hatte er Christianes Brustknospen dankbarer geküßt als in diesen Wochen.

Gleichwohl ermahnten ihn neben Christiane auch seine beiden MitbewohnerInnen, die Untersuchung auf Rheuma nicht abzuschreiben. So stieg er also an einem sonnigen Junitag auf der anderen Seite der Bahngeleise in den rotlackierten, vom Design her durchaus schnittig wirkenden Bummelzug Richtung Kassel. Fahrtzeit: gut eine Stunde. Die ziemlich ausgebuchtete, eingleisige Strecke von Kelm nach Kassel führte über etliche Dörfer und Kleinstädte und war ungefähr 70 Kilometer lang.

Iris hatte es damals kaum glauben wollen, als ihr Fritz versicherte, die nordhessische Kreisstadt Kelm, ihre neue Wahlheimat, sei einmal ein Eisenbahnverkehrsknotenpunkt gewesen. Aber es war die historische Wahrheit. Nach allen vier Himmelsrichtungen, nach Paderborn, Kassel, Wabern und Marburg, gingen Strecken ab. Davon war schließlich nur noch die Strecke nach Kassel geblieben, die auch noch stiefmütterlich behandelt wurde. Bei Radausflügen war es kaum zu vermeiden, die Ruinen dieses Streckennetzes zu streifen, die auf Leute wie Iris, Fritz und Danilo schlicht niederschmetternd wirkten. Was da an Bahndämmen, Brücken und Tunnels, an gesellschaftlich sinnvoller Pionier- und Wartungsarbeit verrottete, ging auf keine Kuhhaut. In Euro ausgedrückt, handelte es sich vermutlich allein im Landkreis Kelm um viele, viele Millionen. Dieses engmaschige und doch schier endlose Streckennetz von einst – es wäre ohne Zweifel der beste und der gesündeste „Sponsor“ für den Amateursportbetrieb. Aber an Autos, Autoreifen, Autopiloten, Autohalbtoten und Autoganztoten verdient man mehr.

Fritz fuhr gern mit der Bummelbahn. Er hatte Zeit. Städtchen wie Wolfhagen oder Zierenberg waren sogar heute noch sehenswert, und auf den Weiden zwischen den Ortschaften grasten, trotteten oder galoppierten die Vierbeiner, unter denen er, als Dreikäsehoch, sozusagen aufgewachsen war. Die Bummelbahn war damals ein sogenannter Schienenbus gewesen, ein gleichfalls rotes, aber eher kastenförmig gestaltetes Fahrzeug. Zum Dach hin zeigte es einen Saum aus schmalen Schiebe- oder Kippfensterchen, die ein Knirps nur dann erreichen konnte, wenn er eine Ohrfeige von Papa riskierte und auf die mit Kunstleder bezogenen Sitzbänke kletterte ... Damals stakten draußen noch in aller Seelenruhe Störche zwischen den Rindern oder Schafen umher. Jetzt glaubte Fritz sogar ein Rudel Zebras zu erspähen. Er rieb sich die Augen und kramte sein Fernglas hervor: irgendwelche angeblichen Pferdefreunde hatten ihre Gäule tatsächlich in senkrecht-krumm-gestreifte Umhänge, außerdem in Schädelmasken gezwängt, die Staubsaugerbeuteln ähnelten. Vielleicht fanden sie diese Uniformierung, die wohl gegen die Fliegen- und Bremsenplage ging, irgendwie spaßhaft. Ja, es war Haft – und Hohn dazu. Er selber, als einer von diesen armen Gäulen, hätte sich wahrscheinlich zu Tode geschämt, zumindest aber geschwitzt. Es war überall dieselbe spiralförmige Stümperei. Gegen A verordnete man das Mittel B und kitzelte dadurch die Wirkung C hervor, die nach Mittel D schrie.

Nach dem von Insekten bestürmten Weidevieh kam Fritz selber dran: im Kasseler Rheuma-Insitut zapfte man ihm Blut ab. Ferner wurde er zum Urinieren in die Besuchertoilette geschickt. Der junge persische Arzt, dem er zugeteilt worden war, erklärte ihm mit lustigem Akzent, dieses Verfahren müsse im Monatsabstand noch zweimal wiederholt werden. Dann werde ihm entweder ein Behandlungsvorschlag des Instituts unterbreitet oder aber seiner Hausärztin ein Abschlußbericht geschickt. Damit war Fritz, nach einer Dreiviertelstunde, für dieses Mal entlassen.

Die Heimfahrt war wieder für viele Gedanken gut. Was täte er denn beispielsweise, wenn sie tatsächlich jene lustige Art von Rheuma bei ihm feststellten, bei der die eigenen Gelenke aus unerklärlichen Gründen von den eigenen „Abwehrkräften“ angegriffen wurden? Man nannte diese Krankheit auch rheumatoide Arthritis. Sie galt bislang als unheilbar und ließ sich, „natürlich“ mit Hilfe von Tabletten, lediglich schlecht und recht in Schach halten. Somit käme ungefähr jene chemische Kortison-Keule auf ihn zu, der er bei Hintzbacher, seinem „eigenen“ Orthopäden, fluchtartig ausgewichen war. Seinen Billardstock konnte er in den Heizkeller bringen. Das Leben wurde zur nahezu ununterbrochenen Qual. Dafür bot die rheumatoide Arthritis Erkrankten, die philosophisch gestimmt waren, immerhin insofern eine Genugtuung, als sie das sadomasochistische Wesen der Mißgeburt Mensch unterstrich.

Dachte Fritz an Hintzbacher – und dies war leider sehr oft der Fall – knirschte er mit den Zähnen und hatte Mühe sich daran zu hindern, etwa den Notfall-Hammer von der Fensterwand des schnittigen Bummelzuges zu reißen. Fritz wurde es von Woche zu Woche, just im Maße seiner Gesundung, immer sonnenklarer, in dieser Sache mußte etwas geschehen. Man konnte sie unmöglich auf sich beruhen lassen – nicht mehr nach jener Untätigkeit in Maricas Fall. Es hätte ihn übrigens kaum verblüfft, wenn er seine geschwollenen Pranken unter anderem diesem Kleinbeigeben nach Maricas Tod verdankte. Gut, jetzt waren sie abgeschwollen, aber der Rückfall lag in der Luft.

Bei seinem zweiten Besuch in Kassel erklärte ihm der persische Arzt mit einer verblüffend deutschen Redewendung, Fritz sei bereits „aus dem Gröbsten heraus“. Laut Laborbefund liege nämlich das „klassische“ Rheuma, die rheumatoide Arthritis also, bei ihm auf keinen Fall vor. Fritz war natürlich erleichtert, nickte aber nur freundlich. Erst etwas später, als er zum Bahnhof Wilhelmshöhe zurückmarschierte, holte ihn gleichsam übermütige Freude ein. „Sind wir also gesund“, rieb er sich die Hände, „werden wir unsere Rachepläne umso erfolgversprechender schmieden können!“ Prompt drehte sich ein junger Bursche stirnrunzelnd nach ihm um. Wahrscheinlich fiel es ihm schwer zu begreifen, wie einer auf der Straße mit sich selber sprechen konnte, ohne ein Handy am Ohr zu haben.

Wieder im Bummelzug sitzend, wälzte Fritz das Problem, ob er Iris und Danilo in diese bislang verschwommenen Pläne einzuweihen oder aber gerade umgekehrt konsequent vor ihnen zu bewahren habe. Es war eine durchaus heikle Frage, bestens geeignet für den Ethikunterricht am Kelmer Alten Landesgymnasium. Fritz entschied sich für die Einweihung.


4

AbstinenzlerInnen des Nachrichtenbetriebes könnten Maricas Geschick für einen „bedauerlichen Einzelfall“ und den Erzähler dieser Geschichte für einen Schlawiner halten, der aus Mücken Elefanten macht. Deshalb ein paar zusätzliche Streiflichter auf das Unfallgeschehen in unserem Gesundheitssektor. Die Berliner Zeitung schimpft 2016: „Und dann gibt es noch die schier unglaublichen Fälle von Schlamperei: 28-mal wurden im vergangenen Jahr Patienten oder zu operierende Körperteile schlicht verwechselt, einmal ein Medikament in die Vene statt unter die Haut gespritzt. Ebenfalls einmal wurde bei einer künstlichen Befruchtung Samen und Ei vertauscht und in 35 Fällen wurde bei Operationen etwas im Körper vergessen.“

Die Dunkelziffer ist hoch. Allein die Todesopfer von Behandlungsfehlern, die berüchtigten Krankenhausinfektionen eingeschlossen, dürften jährlich, in Deutschland, in die Tausenden, ja Zehntausenden gehen. Zahlreiche körperliche oder seelische Schäden und die entsprechenden, teils langwierigen Leiden kommen hinzu. Gesicherte Zahlen fehlen, weil viele Fälle nicht erfaßt und Statistiken gefälscht werden. Vertuschungen werden durch die oft gummiartige Beweislage begünstigt. Grundsätzlich ist die Opferkurve aber, trotz oder wegen des medizinischen „Fortschritts“, ohne Zweifel ansteigend. Die Welt befindet 2015: „Pannen passieren dann, wenn Zeit und Personal fehlen. '80 Prozent aller Behandlungsfehler resultieren aus schlechter Organisation und schlechter Kommunikation', sagt Günther Jonitz von der Berliner Ärztekammer.“

Und wieviele Prozent von was machen alle Behandlungsfehler aus? 2014 hieß es im Spiegel, nach jüngster Untersuchung der AOK (die auch nur auf Schätzungen beruht), fielen derzeit in Deutschland jährlich rund 19.000 Tote durch „vermeidbare“ Behandlungsfehler an. Das seien ungefähr fünf mal so viel wie im Straßenverkehr. Eine Definition des Vermeidlichen oder des Unvermeidlichen wird nicht gegeben. Damit ist auch die lästige Systemfrage vermeidbar. Zumindest wird der Argwohn vermieden, dem ganzen Problembereich eigne wieder einmal ein grauer Gummicharakter mit entsprechender Dehnbarkeit. Jener „Fortschritt“ führt ja zum Beispiel auch zu unsinnigen Illusionen und Bedürfnissen – und wenn dann der Herzschrittmacher verrutscht oder die Hüftgelenkprothese quietscht, wäre wohl eher ein Schmunzeln angebracht. Unsere prominente Landsmännin Sexy Cora, bürgerlich Carolin Wosnitza, hauchte ihr Leben 2011 mit 23 Jahren in einer Hamburger Privatklinik im Rahmen einer Brustvergrößerungs-Operation aus. Eine Anästhesistin wurde später verknackt. Coras Gatte und „Manager“ erringt 2016 Schadenersatzansprüche um 500.000 Euro.

Wäre eine herrschaftsfreie, nicht von Eigennutz, Ehrgeiz und Anerkennungssucht getriebene Gesellschaft deutlich gesünder? Das ist schwer zu sagen. Gesünder sicherlich, aber deutlich? Für Fritz sitzt der Schwarze Peter schon in der Fehlkonstruktion „Mensch“. Sie ist zu anfällig, weil zu kompliziert. Sie ist die erste Grau- und Gummizone. Fritz' Bruder Reinhold, sogenannter Oberstudienrat am erwähnten Kelmer Gymnasium, hielt sich bis vor Kurzem für einen zwar nicht unbedingt fehler- und sorgenfreien, gleichwohl untadeligen Lehrer und Familienvater. Doch was blickte ihn eines morgens aus dem Spiegel an, als er sich für die OberschülerInnen rasieren wollte? Eine Verbrechervisage. Er war jäh von „einseitiger Gesichtslähmung“ befallen worden, im Ärztejargon von peripherer Fazialisparese. Sein linker Mundwinkel hing bis zum Kinnbackenknochen, ähnlich bekam er das linke, blutunterlaufene Auge nicht mehr zu. Das erwies sich in den folgenden Tagen insbesondere beim Versuch einzuschlafen als hinderlich. Zudem kann es leicht zu einer Austrocknung und Entzündung des Auges führen. Seine ganze linke Gesichtshälfte sei wie taub, sagte Reinhold seinem Bruder, soweit er noch sprechen konnte. Fritz hatte ihn im Kreiskrankenhaus besucht. Schuld an der ganzen Misere sei zunächst, so hätte ihm der Arzt erläutert, ein entzündeter Nerv, der vom Gehirn bis zum Ohr verläuft. An Gründen für die Entzündung hätte ihm der Arzt ungefähr Hundert aufgezählt. Von denen könne er sich jetzt in aller Ruhe – so der bettlägerige Bruder nicht ohne Galgenhumor – einen Grund aussuchen. Seine Tochter habe naseweis oder durchtriebenerweise vorgeschlagen: „Prüfungsangst“. Nach 10 Tagen schickten sie Reinhold wieder nach Hause. Nun hieß es den Schal ins Gesicht ziehen und zum Physiotherapeuten schleichen, Gesichtsgymnastik betreiben. In den meisten Fällen legen sich diese Lähmungen nach ein paar Wochen wieder, so auch bei Reinhold. Stecken Neurosen oder ein Schlaganfall dahinter, legen sie sich nicht. Somit war Reinhold Glück im Unglück beschieden, wie etwas später dann auch Fritz.


5

Für den frühen Abend hatte Fritz Danilo und Iris um eine kleine Unterredung gebeten. Sie saßen in ihrem gemeinsamen sogenannten Eßzimmer um einen runden, im Bedarfsfall ausziehbaren Tisch, an dem sie so gut wie nie aßen. Sie tafelten hier gelegentlich mit Gästen, spielten mit mehr oder weniger Leuten Mikado oder Doppelkopf, hielten zuweilen eine Mannschaftsbesprechung ab. Es war das große Eckzimmer im Erdgeschoß zur Hofeinfahrt und zum Bahnübergang hin. Vor dem Haus lag ein Streifen Vorgarten, auf dem wilde Kräuter blühten, vorwiegend gelb und weiß. Die roten fetten Pfingstrosen der Frau Orgelbaumeisterin hatte Iris gleich nach Einzug mit spitzen Fingern ausgegraben und in den Park verbannt, wo sie gleichsam ihr Gnadenbrot verzehren durften. Es war noch hell. Fritz hatte im Clubhaus drei Cappuccino mit Sahnehauben gemacht und per Tablett über den Hof balanciert. Seine beiden MitbewohnerInnen schlürften dankbar und äugten dabei über ihre Tassenränder gespannt zu ihm.

„Es geht um Hintzbacher“, sagte Fritz. „Ihr wißt doch, der Orthopäde. Der mit den Telefongesprächen.“

Sie wußten. Sie kannten die Geschichte, und sie wußten auch, daß Hintzbacher zu den wenigen Menschen auf der Welt gehörte, die Fritz mit ganzer Seele haßte. Womöglich ahnten sie schon, was kam.

„Was ist denn mit ihm?“ erkundigte sich Danilo mehr aus Höflichkeit.

„Ich habe mich entschlossen, ihn zu töten.“

Danilo hob die Brauen. Mehr Regung zeigte er allerdings nicht. Es wäre nicht sein erster Mordfall gewesen. Er blickte zu Iris. Sie schluckte sichtlich und näherte sich in der Gesichtsfarbe ziemlich jäh dem Farbton ihrer zerschmelzenden Sahnehaube an. Die inzwischen 53jährige trug ihr walnußbraunes Haar nach wie vor kurzgeschnitten. Danilo hatte ihr in Zamir ein bäuerliches oder herbes Aussehen bescheinigt. Sie war schlank geblieben, doch im Gesicht und auch anderswo, wie Danilo wußte, unübersehbar rissiger geworden.

Sie schob ihre Untertasse zurück und faßte Fritz kühn ins Auge. „Bist du sicher? Hast du alles wohl bedacht? Man wird dir Lynchjustiz vorwerfen.“

„Oder die Verschärfung des Ärztemangels“, ergänzte Danilo mit einem Augenzwinkern.

Fritz schmunzelte. Dann nickte er. „Ja, ich bin sicher. Ob ich alles wohl bedacht habe, könnt ihr mir vielleicht besser sagen. Auch deshalb weihe ich euch schließlich ein: der Beratung wegen. Jedenfalls habe ich nicht vor, den 'Propagandisten der Tat' oder sonst einen Märtyrer zu geben. Ich möchte unentdeckt bleiben, wenn es sich irgend machen läßt. Doch einerlei, an meinem Entschluß ist nicht zu rütteln. Ich muß meine Empörung loswerden, sonst werde ich erneut krank. Und es ist natürlich klar, daß Hintzbacher das Pech haben wird, auch die Schandtaten gegen Marica und gegen Millionen andere auszubaden, die ihm ein bürgerlicher Richter niemals anlasten würde. Aber ich bin kein bürgerlicher Richter.“

Sie schwiegen eine geraume Weile. Während vom Dachfirst des Südbahnhofs her eine Amsel gegen ihre eigene Dachfirstamsel anflötete, zogen Dutzende von vorstellbaren unangenehmen, vor allem für Fritz selber unangenehmen Folgen der beabsichtigten Tat durch Iris' Gemüt. Danilo dagegen hatte einstweilen mehr Augenmerk für die kriminaltechnischen Schwierigkeiten. Er sagte:

„Wer hat von deinem Erlebnis bei Hintzbacher Kenntnis, Fritz, außer Iris und mir?“

„Niemand.“

„Bist du sicher? Auch Christiane nicht?“

„Auch sie nicht, jawohl. Ich habe es vermieden, vielleicht intuitiv, Gottseidank.“

„Na prima“, sagte Danilo, „das ist schon viel! Ein echter Glücksfall. Und wie gedachtest du den Orthopäden zu Fall zu bringen?“

Danilo hatte nicht völlig ohne Ironie gesprochen, und tatsächlich kratzte sich Fritz ein wenig verlegen unter seinem blonden Haarvorhang. „Das weiß ich im Augenblick noch nicht. Es wird sich schon finden.“

Danilo warf Arme und Oberkörper fast auf den Tisch, sodaß die Tassen klirrten, und prustete: „Mein Gott! Er hat sich entschieden, den Mann umzubringen, und hat keine Ahnung, wie ..!“

Fritz schwieg. Iris rupfte Danilo am Hemdkragen und schimpfte, er möge sich gefälligst zusammenreißen, man probe hier keine Provinzposse. Ihr sei vor Angst schon halb schlecht.

Danilo gehorchte. Er küßte seine Geliebte auch zärtlich aufs Ohr und bot ihr an, aus der Küche die Schachtel mit Heilerde zu holen. Das lehnte sie ab.

An Danilo gewandt, sagte Fritz: „Du hast doch zum Beispiel eine Pistole. Ich dachte ...“

Das ließ er in der Luft hängen. Danilo überlegte nur kurz und winkte ab. „Wie und wo willst du denn Schießen lernen, ohne dadurch, früher oder später, Verdacht auf dich zu lenken? Und wie willst du dich im engen Schußbereich einer Pistole innerhalb von Sekunden in Luft auflösen? Nein, mein Lieber, das kannst du dir abschminken.“

„Und wie wäre es mit einem Scharfschützengewehr?“

„Damit hättest du das Problem des Schießenlernens genauso. Von der Schwierigkeit, das Ding zu beschaffen, einmal ganz abgesehen.“

Iris hatte sich insgeheim zur Gelassenheit aufgerufen. Geängstigt war sie zwar durchaus noch, aber von Mitleid (mit dem vorgesehenen Opfer) konnte sie in ihrem nicht sonderlich üppigen Busen keine Spur entdecken. Als ihnen Fritz vor Wochen von Hintzbachers Auftritt erzählte, konnte sie die Wut des „Langen“ unbedingt nachvollziehen. Es gab viele schlechte oder bösartige Menschen, darunter ausgesprochene Charakterruinen, und wenn eine davon unter den Hellebarden oder Billardstöcken des Volkszorns fiel, sollte man ihr keine Träne nachweinen. Jetzt kam ihr zusätzlich Fritzens lustiger Bericht von den Zebra-Pferden in den Sinn, die er unlängst bei Volkmarsen vom Zug aus gesehen hatte. Das wiederum erinnerte sie an die beiden ihm damals vom Orthopäden zugemuteten Telefongespräche. Sie sagte:

„Hintzbacher hat doch hobbymäßig mit Pferden zu tun, Fritz, wenn ich mich richtig erinnere. War es so?“

„Ja“, erwiderte Fritz überrascht. „Das stimmt. Darüber weiß ich allerdings nichts Näheres.“

Danilo hatte gleich aufgehorcht. Nun signalisierte er Iris mit erhobenem Zeigefinger seine Anerkennung. „Sehr gut, Iris. Das könnte eine Fährte sein. Überprüfe das doch einmal, Fritz. Aber Achtung! Es ist äußerste Vorsicht geboten. Niemand darf auch nur anflugweise mitbekommen, daß du solche Nachforschungen anstellst oder daß du Hintzbacher gar beobachtest. Wenn dein Coup gelingt, wird sich die Kripo sehr rasch auf Hintzbachers Patientenkartei werfen, um sie nach Mordmotiven und Verdächtigen zu durchforsten.“

Fritz nickte langsam. Wie er sah, gab es noch viel zu bedenken. Im Augenblick blieb er stumm.

Draußen war die Dämmerung hereingebrochen. Iris griff die Nachdenklichkeit am Tisch auf und sagte: „Vielleicht sollten wir alles erst einmal überschlafen. Es ist schon ein dicker Brocken, sehr anstrengend. Das heißt, schlafen könnte ich im Moment natürlich nicht. Wie wäre es denn mit einer Partie Snooker zur Auflockerung? Als ich vorhin auf der Webseite nachsah, waren zwar alle Tische reserviert, aber Tisch 1 nur für Walid solo. Vielleicht wäre er für ein Doppel zu haben, falls er noch da ist.“

Der Vorschlag rief beinahe Begeisterung hervor. Sie nahmen gleich das Tablett mit den leeren Cappuccino-Tassen mit.


6

Ein Grundzug von Iris, der Danilo anfänglich oft verblüfft hatte, war ihr Mangel an Ehrgeiz. Sie konnte und tat ja durchaus viel, aber es lag ihr wenig daran, ob es ihren Mitmenschen gefiel oder gar stürmischen Beifall hervorrief. Sie selber bezeichnete sich nicht etwa als bescheiden; vielmehr sei sie einfach von Natur aus faul. Wie das Leben überhaupt, konnte sie auch das Kunstschaffen oder das Snookerspielen nicht als „Aufgabe“ begreifen. Sie tat diese Dinge nur, sobald oder soweit ihr das Faulenzen lästig wurde. Das Faulenzen beherrschte sie noch am besten. Sie konnte Stunden in einem Schaukelstuhl oder unten im Park in der Hängematte liegen, ohne sich zu langweilen, wobei sie häufig sogar ohne Lektüre auskam. Über ihrem Bett hing ein kleiner, netzartig mit einigen Fäden bespannter und zudem mit Amuletten behängter Reif, den ihr Monika, eine Wuppertaler Freundin, vor Jahren aus einer Indianer-Reservation in den USA mitgebracht hatte. Es handelte sich um einen sogenannten Traumfänger. Er sollte für einen gesunden Schlaf sorgen, indem er die zu Besuch kommenden guten Träume durchließ, die schlechten dagegen abfing. Bei Iris war er ohne Zweifel so justiert, daß er jeden Traum, der auf Eroberung, Häuptlingswürden oder sonst einen Ruhm ausging, gnadenlos im Netz zappeln ließ. Schafe, Wölkchen oder Veilchen durften passieren.

Neulich hatte sie sich von Christiane breitschlagen lassen, ihre Figuren im Foyer der Musikakademie auszustellen. Es wurde ein erstaunlicher Erfolg. Die HNA (Hessisch Niedersächsische Allgemeine) brachte einen großen Artikel mit mehreren Fotos, wobei sie auch Iris Trögners Verdienste für das Kelmer Sportleben nicht zu erwähnen vergaß, und durch Wochen pilgerten Hunderte von einheimischen und auswärtigen Kunstfreunden in die Eingangshalle des altehrwürdigen Barockgebäudes am Kelmer Obermarkt. Bald darauf bekam sie auch Anfragen aus anderen, weitaus größeren Städten. Dieses Aufhebens um ihr Schaffen und ihre Person war Iris nahezu peinlich, zumindest aber ziemlich lästig. Es entsprach einfach nicht ihrem Wesen.

Fritz' Bruder Reinhold, der Oberstudienrat, zählte bemerkenswerterweise zu den wenigen Kunstfreunden, die nicht in die Lobeshymnen einstimmten. Iris' meist kaum handhohe Figuren waren auf sehr ausgesuchte und spärliche Weise aus schnöden Abfällen oder Bruchstücken alltäglicher Gebrauchsgegenstände zusammengesetzt oder auch nur geformt, etwa einem Kleiderstoffetzen, einem halben oder zerquetschten Plastikbecher oder Klopapierrollenkern, Draht- oder Hühnerfedern, Flaschenverschlüssen, Scherben von Gläsern, Dachziegeln oder CDs. Sie hatten viel Anmut, oft auch Komik. Als Mensch, Tier oder sonstwas waren sie allerdings nie zu identifizieren. Eigentlich waren sie Hauche. Sie machten das Dasein spielend leicht. Sie entschlüpften jedem Nutzen und jedem Traumfänger. Sie entzogen sich allem Niederdrückenden kurzerhand durch eine kleine kokette oder freche Bewegung, wobei sich Iris bei der Aufstellung der Figuren auch des Spiels von Licht und Schatten bediente. Und dies alles hatte dem „fortschrittlichen“ Pädagogen Reinhold, Stammleser der Jungen Welt und Sympathisant der DKP, mißfallen. Für ihn war Iris' Schaffen „unpolitisch“. Mit Fritz und anderen im Foyer Glühwein schlürfend, denn es war Dezember, nutzte Reinhold die Gunst der Stunde, um auf den ganzen „abstrakten Käse“ der Nachkriegskunstmode einzuhacken, der damals, unter Schumacher, Adenauer und Oberländer, vor allem den Zweck verfolgt habe, dem Künstler wie dem Kunstbetrachter eine „konkrete“, also peinlich gegenständliche und möglicherweise folgenreiche Auseinandersetzung mit dem Faschismus und der Kriegsgefahr zu ersparen. Diesem Urteil wollte sein Bruder nicht unbedingt widersprechen; da sei viel dran, nickte Fritz. Andererseits glaube er jedoch, es müsse jedem Künstler gestattet sein zu verfahren, wie er wolle und könne. Schließlich sei es dem kritischen Publikum unbenommen, seine Werke nicht zu begrüßen, vielmehr zu verdammen, wie man ja auch an Reinholds Einspruch sehe. Es sei aber unstatthaft, den Publikumsgeschmack bereits in den Geschmack des Künstlers zu verlegen, wie einen Filter etwa, um nicht von Zensur oder Gleichschaltung zu reden.

Im üblichen Sinne, wie ihn FernsehansagerInnen, PolitikerInnen und eben Kunstschaffende repräsentieren, war Iris also nicht eitel. Das hieß aber nicht, ihre Erscheinung sei ihr gleichgültig gewesen. Zum einen war sie immerhin Ästhetin, zum anderen Faulenzerin. Für die leidenschaftliche Faulenzerin war ja Wohlbefinden unerläßlich, während man sich in einer schlechten Erscheinung, ja überhaupt in einer schlechten Verfassung nur unwohl fühlen konnte. Deshalb fürchtete sie sogenannte Unpäßlichkeiten, Krankheiten und „natürlich“ auch das Altern. Danilo war übrigens nicht der einzige, der Gelegenheit hatte, die „Risse“ in ihrer Erscheinung nicht nur von ihrem Gesicht abzulesen. Sie war keineswegs monogam, schätzte häufige Liebeswonnen durchaus, ja zuweilen war ihr geradezu nach Orgien zumute. Im zurückliegenden Winter hatte sich sogar eine berauschende Nacht im Verein mit Danilo, Fritz und dessen neuer Flamme Christiane ergeben, der vollbusigen und chellohaft gestalteten Chorleiterin. Aber das Erwachen wurde allmählich doch schwieriger. Sie spürte, wie die übermütige Spannung im Leib nachließ; sie sah, wie sich die Vorhut einer ganzen Kompanie aus Runzeln und Pestbeulen anschlich; sie erkannte erschrocken, daß sich die gelegentlichen Triefnasen und Brumm- oder Matschschädel, wie sie ja durchaus auch junge Menschen kennen, nicht mehr mit einem Achselzucken übergehen ließen. Neulich war sie aus Gründen, die ihr der Augenarzt ähnlich wie im Falle der Gesichtslähmung Reinholds anheimgestellt hatte, von einer Bindehautentzündung befallen worden. Als die Kopfschmerzen, das Jucken und das unablässige Gefühl, ein Steinchen im Augenlid zu haben, nach zwei Wochen abgeklungen waren, fiel ihr ein, als Mädchen um 18 hast du doch auch schon mal so eine Bindehautentzündung gehabt. Nur hatte sie sie damals jede Wette nicht als zwei Wochen Folter empfunden.

Dachte Iris an ihre Mutter, die im Altersblödsinn erstarrt und gestorben war, oder an ihre Freundin Monika, die bereits mit 54 Jahren – durch Multiple Sklerose, wie es die Ärzte nannten – an den Rollstuhl gefesselt war, neigte sie dazu, dem Schlimmsten zuvorzukommen und sich demnächst umzubringen. Danilo und Fritz hätten selbstverständlich auch noch die katastrophale, sich sichtlich zuspitzende Weltlage, also ökologische und politische Gründe angeführt. Ein anderer Unterschied zu ihren beiden Mitstreitern im rotgelben Backsteinhaus war allerdings bedeutsamer. Im Gegensatz zu Heinz, Fritz und vielen anderen Männern hatte sie keine Angst vor dem Tod und dessen vermeintlichen Folgen. Nicht, daß es ihr „egal“ gewesen wäre, wie man so gerne sagt; vielmehr zog sie diese „jenseitige“ Dimension als geborene Genießerin und Lebenskünstlerin gar nicht erst in Betracht. Die Frage des Nachlebens hatte sie schon zur Zeit ihrer ersten Bindehautentzündung um keinen Pfifferling interessiert.

Wovor sie aber Angst hatte, das war das Wie des Sterbens, also auch des erwogenen Selbstmordes. Wie machte man so etwas, ohne sich wehzutun? Wie vermied man, neben den Schmerzen, einen Fehlschlag, der womöglich für noch schlimmere Schmerzen gut war? Neulich hatte sie in der selben Zeitung, die kurz vorher eine Iris Trögner als überragende Gestalterin gepriesen hatte, von einem ihr flüchtig bekannten Klienten eines Kelmer Psychotherapeuten gelesen, den sie „noch rechtzeitig“ entdeckt hatten. Sie pumpten ihm den Magen aus und steckten ihn zur weiteren Genesung in die Klapsmühle, weil er sich nämlich jederzeit erneut „selbst zu gefährden“ drohe, was offenbar verboten war, sobald einen einer für „seelisch erkrankt“ befunden hatte. Hätten sie wenigstens die beträchtlichen volkswirtschaftlichen Aufwendungen ins Feld geführt! Aber nein, auch an solchen Rettungen, nicht nur der Banken, verdienten sie noch prächtig.


7

Fritz hatte die Gebäude, Koppeln und Wettkampfanlagen des Kelmer Fahr- und Reitvereins schon früher gelegentlich in seinem Fernglas gehabt. Schließlich war er von Jugend an Wander- wie Pferdefreund, außerdem Naturbeobachter. Sie lagen unweit der Stadt am Fuß des bewaldeten Eulenbergs. Nun jedoch, Anfang Juli, bestätigte sich seine Vermutung, zu den Vereinsmitgliedern zähle auch Hintzbacher. Dort also hatte der Orthopäde seinen Braunen stehen, von dem Fritz ja sogar schon den Namen wußte, Halfmoon. Zusätzlich hatte Fritz einem in der Stadtbücherei ausliegenden Blättchen entnommen, Dr. Hintzbacher gehöre seit den jüngsten Wahlen dem Vereinsvorstand an. Nun ja, das macht sich immer gut, für beide Seiten. Ferner zeigte sich bei Fritz' Observierung, Hintzbacher schien vor allem Samstags auszureiten, wobei er sich, möglicherweise ein Gewohnheitstier, zumeist an zwei feste Routen hielt. Die eine führte ihn durch den Wald am Eulenberg und auf der nördlichen Bergseite wieder zurück; die andere über beide Ufer am Mehlbach entlang, einem hübschen windungsreichen, von vielen Bäumen bestandenem Flüßchen, das hier und dort überdies Blutweiderich, Sumpf-Ziest oder Sumpfhornklee zu bieten hatte.

Wäre Hintzbacher Springreiter gewesen, hätte Fritz zum Beispiel ein Anschneiden des Sattelgurtes oder das nächtliche Anbringen einer funkgesteuerten Platzpatrone am Dreifachen Oxer erwägen können. Sie geht hoch, der zu Tode erschrockene Halfmoon ebenfalls – Hintzbacher saust wie ein Geschoß durch die Luft und bricht sich an der letzten Hindernisstange das Genick. Aber er war eben Spazierreiter. Mitte Juli war Fritz klar geworden, daß ein wichtiger Bestandteil der Eulenberg-Route ein markierter Reitweg war, der im Walde auf etwa 20 Meter Strecke dicht an der Abbruchkante eines allerdings längst stillgelegten Steinbruchs vorbeiführte. Die Felswand fiel recht steil ab, auf schätzungsweise 30 bis 50 Meter Tiefe. Wo sie auslief, lag klobiges Geröll auf verschiedenen Stufen. Bis Ende Juli erkundete Fritz den ganzen Steinbruch und den ganzen Berg, wobei er auf strengste Bedeckung achtete, und kam zu dem Ergebnis: Hier konnte es sein. Hier müßte sich etwas machen lassen. Aber was?

Als er von seinem heutigen Ausflug heimkehrte und sein Rad in den Keller trug, lief ihm Iris über den Weg. Sie hatte gerade Dienstschluß als ehrenamtliche Kleiderkammerpräsidentin. Er bat sie gleich um eine neue abendliche Unterredung, vorausgesetzt, auch Danilo habe Zeit.

„Na, wenn es sein muß!“ seufzte sie etwas gequält. Sie nickte zum Clubhaus: „Danilo ist drüben. Wir können ihn fragen.“

Sie überquerten den Hof. „Ärger gehabt?“ erkundigte sich Fritz von der Seite her.

„Na, hör mal“, schimpfte sie, „vor einer halben Stunde hätte es in der Kleiderkammer fast eine regelrechte Messerstecherei gegeben, als wären wir hier in Chicago oder Aleppo! Wäre Walid nicht zufällig im Club gewesen, könntest du mich jetzt vielleicht im Krankenhaus oder gleich in der Leichenhalle besuchen.“

Sie erläuterte ihm den Streit, der sich unter zwei männlichen Besuchern entzündet hatte. Möglicherweise blies sie ihn beim Erzählen etwas auf. Walid, aus dem Clubhaus herbeigeeilt, hatte sich dann als Übersetzer und Schlichter betätigt. Der Vorfall ist in unserem Zusammenhang nicht weiter der Rede wert.

Ganz so „unpolitisch“, wie Reinhold sie gescholten hatte, war Iris nicht. Zum einen steckte sie, in Absprache mit ihren Mitstreitern, nach wie vor, wie schon Heinz Leukenfels selber, einen nicht eben winzigen Teil von dessen Vermögen in verschiedene antikapitalistische Projekte, teils in Deutschland, teils in Übersee. Zum anderen gab es in der Nähe des Südbahnhofs ein schäbiges und beengtes Flüchtlingsheim. Der Vorschlag, für dessen BewohnerInnen im Keller des rotgelben Backsteinhauses eine „Kleiderkammer“ einzurichten, war von Iris persönlich gekommen. Eine mit Christiane befreundete Sozialarbeiterin der Stadt und die Lokalpresse unterstützten den Plan. Prompt ließ sich Iris auch breitschlagen, die Kleiderkammer zu verwalten, denn es fiel ja einige Arbeit an. Das Kellergeschoß des Backsteinhauses lag bis Brusthöhe über der Erde, wies einige vergitterte halbhohe Fenster auf und war vom Park aus sogar durch eine eigene Außentür zu erreichen, zu der eine kleine Treppe hinunterführte. An dieser Tür prunkte nun das Schild Kleiderkammer / Öffnungszeiten dienstags und freitags 16–18 Uhr. Hatten die SpenderInnen gebrauchter Kleidungsstücke an diesen Terminen keine Zeit, konnten sie ihre Tüten durch einen großen, mit Klappe bedeckten Türschlitz in den Keller stoßen. Iris kümmerte sich um die bunt zusammengewürfelte Ware und eben auch um die mehr oder weniger farbigen NutzerInnen der Kleiderkammer, die dem Satellitenfernsehen in ihrer Heimat bereits entnommen hatten, was „Wühltische“ und „Wirtshausschlägereien“ waren. Manche Anproben und Beratungsgespräche gestalteten sich aber ziemlich lustig.

Danilo war von dem Türschlitz nicht begeistert gewesen, hatte seine Bedenken jedoch für sich behalten, um Iris nicht unnötig zu ängstigen. Schließlich wimmelte das Anwesen von „Sicherheitslücken“. Der Schlitz war breit genug, um beispielsweise einen Molotowcocktail aufzunehmen. Dem Clubhaus hatten ortsansässige Neonazis von der Verladerampe aus schon einmal ein paar Fenster eingeschlagen. Es waren keine gemütlicheren Zeiten in Deutschland als in Kroatien, und dazu wurde es in Deutschland, wie ihm Eingeborene immer häufiger versicherten, von Sommer zu Sommer kühler.

Für das erwünschte Gespräch hatte Danilo zugesagt. Als sie erneut am runden Tisch im Eßzimmer saßen, hatte er sich demonstrativ in seinen Bademantel gehüllt – obwohl er bereits einen Trainingsanzug anhatte. Seine Füße steckten in halbhohen lammfellgefütterten Hüttenschuhen. Iris bekringelte sich und warf fast eine schlanke Blumenvase mit einer einzelnen Rose drin um. Eine Kleiderkammernutzerin hatte sie vermutlich auf dem Herweg illegal gepflückt.

Fritz verzichtete auf eine feierliche Vorrede. Er erzählte von seinen jüngsten Nachforschungen und Erwägungen, umriß die Lage am Eulenberg und rückte den Steinbruch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Was sie von seinem verschwommenen Plan hielten und ob sie konkrete Ideen hätten, die ihm vielleicht zur Ausführung verhülfen?

Iris beschloß, sich zunächst an Danilo zu halten. Der sagte für ein paar Minuten gar nichts; offensichtlich dachte er nach. Dann äugte er zu Iris. Man konnte glauben, sie hätten sich vor der Unterredung besprochen und gäben sich nun durch stummen Blickwechsel Einverständnis.

„Ich für meinen Teil denke, der Steinbruch könnte tatsächlich eine Fundgrube sein, Fritz“, sagte Danilo. „Wir wollen dir aber vor weiteren Erörterungen unsere Bereitschaft erklären, bei der Sache mitzumachen. Im Klartext: wir möchten MittäterInnen sein. Du benötigst ohnehin Unterstützung, und zwar nicht nur moralische. Überlege einmal, was alles dir im Walde am Eulenberg einen Strich durch die Rechnung machen kann. Da braucht man mindestens ein oder zwei Leute, die Schmiere stehen. Und dann wäre es wahrscheinlich in der Tat nicht übel, wenn man meine Pistole in Bereitschaft hielte, die du ja neulich erwähnt hast. Das kann ich gleich noch näher erläutern. Aber das Grundsätzliche ist wichtiger. Wir möchten, daß der Anschlag ein gemeinsamer Freundschaftsdienst des Trios wird. Und sollte er mißlingen, werden wir ihn auch gemeinsam ausbaden. Ist das so richtig, Iris?“

Sie nickte und lächelte Fritz aufmunternd und liebevoll zu.

Es wäre sinnlos, den Eindruck erwecken zu wollen, Fritz sei veblüfft gewesen. Im Grunde hatte er sich die von Danilo verkündete Bereitschaft erhofft. Für ein Heraushalten saßen sie viel zu eng im selben Boot. Selbstverständlich hatte er sich auch erneut gefragt, ob es nicht unverantwortlich, ja gewissenlos sei, die beiden Weggefährten in seine doch eher persönliche Abrechnung hineinzuziehen. Er hatte sich schließlich von diesem Vorwurf freigesprochen.

Jetzt nahm er das Angebot dankbar an und äußerte sich in dem genannten Sinne. Sie bestärkten ihn in seiner Freisprechung. Dann wandten sie sich den Einzelheiten des Anschlagplanes zu.

Wir übergehen den Löwenanteil dieser Erörterung, um unserer Geschichte nicht vorzugreifen. Die entscheidende Idee stellte sich kurz nach 21 Uhr in der Dämmerung ein. Zwei Scheinwerfer bogen in die Hofeinfahrt. Fritz warf einen Blick aus dem Fenster und wandte sich wieder um. „Wolfgang“, sagte er und nahm sein Grübeln wieder auf.

Wolfgang gehörte zum Club. Fritz hatte seinen Landrover erkannt, einen grünlackierten Geländewagen mit weißem Verdeck. Sie hörten, wie er sein Fahrzeug parkte, abschloß und dann über den Hof zum Clubhauseingang ging.

Iris runzelte die Stirn, rieb sich diese auch, und sagte schließlich nachdenklich: „Wolfgang ist Förster ...“

Danilo lächelte ironisch. „Was du nicht sagst! Hast du neuerdings etwas dagegen, das er Förster ist?“

„Nein“, erwiderte Iris, „ganz im Gegenteil. Möglicherweise hat er uns die Lösung gebracht.“

Und so war es. Sie stellten erfreut fest: einer von ihnen, vermutlich Fritz, hatte sich als Förster auszugeben. Auf diese Weise konnte sein Plan gelingen. Darauf, ob Hintzbacher seinen sehr kurzzeitigen Patienten wiedererkennen würde, kam es nicht an.

Als verhältnismäßig kleines Problem ergab sich daraus allerdings die Notwendigkeit der Uniformierung. Angesichts der Jahreszeit, Hochsommer, reduzierte es sich nach einigen Überlegungen, bei denen auch das Internet zur Hilfe genommen wurde, auf das Problem, an das Dienstabzeichen der Hessischen Forstbeamten zu kommen. Es hatte auf der Brusttasche des kurzärmligen blaßgrünen Hemdes zu prunken, in dem der falsche, zur warmen Tatzeit verständlicherweise hut- und jackenlose Förster stecken würde. Lange dunkle Hose. Das Dienstabzeichen zeigte den Hessischen Löwen, weißrot auf Blau mit Goldkrone, und die Aufschrift „Forst“ (früher „Forstverwaltung“) über dem bekannten, überall in deutschen Wäldern hausenden Wappentier. Für die Aufnäher der Dienstkleidung war es offensichtlich gewebt, vielleicht auch gestickt, jedenfalls wirkte es dort hübsch wie ein Relief, also etwas plastisch. Zwar wurde der Aufnäher hier und dort sogar im Internet angeboten, aber diesen bequemen Weg mußte sich das Trio leider verkneifen. Die Verkleidung war spurlos zu beschaffen, und nach vollbrachter Tat auch wieder spurlos zu beseitigen. Deshalb kam es leider auch nicht in Betracht, dem Clubmitglied Wolfgang kurzerhand eine Jacke aus der Clubhausgarderobe oder aus seinem Forstamt zu stehlen.

„Kannst du zufällig sticken?“ erkundigte sich Danilo bei Iris.

„Nein … Aber zeichnen und bildhauern“, fuhr sie mit verschmitztem Lächeln fort. „Ich glaube, ich wüßte da einen Werkstoff, mit dem sich der Aufnäher, auf einem Gewebeuntergrund, reliefartig gestalten läßt, ohne daß er gleich zerbräche oder zerspränge, wenn Fritz seine furchterregenden Brustmuskeln anspannte, um sich wie ein Löwe ...“

Sie ließ den Satz in der Luft hängen und weidete sich an Fritz' säuerlich-strafender Miene.

„Das wäre also geklärt“, rieb sich Danilo die Hände. „Etwas problematisch, jedenfalls lästig dürfte noch die Termingestaltung sein. Schließlich können wir nicht einfach den nächsten oder übernächsten Samstag festlegen, und dann stehen wir mit langen Gesichtern im Unterholz, während Hintzbacher seinem Halfmoon die betörenden Blumen am Mehlbach oder seiner Geliebten die Oleanderblüte auf Zypern zeigt. Das heißt, wir können und müssen uns zwar, mit dem ganzen Programm und dem entsprechenden Aufwand, vor Ort bereit halten, wissen aber nicht, ob Hintzbacher so freundlich sein wird, zum Eulenberg-Steinbruch zu reiten, und wir wissen auch nicht, ob dort gerade reine Luft herrschen wird. Es kann uns demnach blühen, etliche Samstage zu verplempern und uns dabei womöglich auch noch verdächtig zu machen. Immerhin, Zeit hätten wir ja, schließlich ruht derzeit der Ligabetrieb. Ein Laie könnte vorschlagen, belaßt es doch bei nur einem Späher, der im Ernstfall die beiden anderen Leute per Handy mobilisiert. Das kommt natürlich nicht in Frage. Wir können schon froh sein, wenn sie uns nicht sowieso längst abhören, zum Beispiel deine glorreiche Kleiderkammer, mein Schatz ...“

Das war natürlich auf Iris gemünzt, die ihn prompt auf seine Lammfellpatschen trat. Während sich Danilo den Fuß rieb, blickte er in die Runde und schloß seinen Vortrag mit der Frage ab: „Haben wir noch etwas vergessen?“

„Ja“, nickte Fritz bedächtig. „Die interessante Selbstmordfrage.“

Daraufhin wurde Iris wieder blaß. Aber Danilo nickte zurück und sagte: „Völlig richtig, Fritz. Du hast das Wort.“

Sie erörterten diese Frage und einigten sich in ihr.


8

Was den Tod und ein mögliches Nachleben anging, waren Fritz und Danilo wie Hund und Katze. Danilo teilte im Kern die Auffassung seiner Geliebten Iris. Er fand den Tod ärgerlich, weil aufgezwungen, fürchtete ihn aber nicht sonderlich. Und an ein Nachleben glaubte er sowieso nicht. Die Vorstellung, spurlos verschwunden, restlos ausgelöscht zu sein, fand er als Kriminalist sogar ziemlich reizvoll. An diesem Punkt hatte ihn Fritz schon in Zamir bei einem Spätabendgespräch recht höhnisch gefragt, woher er das wisse. Woher er die Anmaßung nehme zu glauben, er, Danilo, oder sonst ein Sterblicher könne sich eine Vorstellung von dem Phänomen „nichts“ oder „Nichtsein“ machen? Nun ja, hatte Danilo herumgedruckst, vielleicht sei er in dieser Hinsicht zu einfältig. „Aber findest du die ganze Frage nach dem Jenseits nicht etwas müßig? Warum sollten wir uns über dessen Beschaffenheit den Kopf zerbrechen, wo wir ihm doch so oder so nicht entgehen?“ – „Ha!“ hatte Fritz gehöhnt. „Du willst Kriminalist sein? Mit solcher Unlogik?“ Sei der Tod ein Diktat, dann das Nachleben oder Nichtnachleben ja wohl auch. Das Empörende, Unannehmbare sei die Unfreiheit – die Tatsache, als Sterblicher keine Wahl zu haben, ja noch nicht einmal mitreden zu dürfen. Danilo jedoch sei ein Duckmäuser. Er werde schon sein blaues Wunder erleben, falls sich das Jenseits nicht als Zuckerschlecken oder Deckchensticken, vielmehr als Folterkammer herausstelle.

Hier haben wir womöglich den Kern von Fritz' Auffassung: Angst. Dieser Angst entsprach natürlich auch seine Neigung zur Schwarzseherei: er nahm immer das Schlimmste an, die Folterkammer. Und dazu zählten für Fritz bereits die Flammen, die im Krematorium loderten, oder die Würmer, die sich im Sarg durch Fritzens zuletzt wieder so schön geschmeidigen Schultermuskeln fraßen. Schließlich könne niemand mit Sicherheit sagen, ob eine Leiche „nichts“ oder sonstwas empfinde, behauptete Fritz. Das war kaum zu widerlegen.

Im Grunde war Fritz, der mutige, mitunter sogar kühne, baumlange Akrobat, ein Hasenfuß. Er war ängstlicher noch als Iris, die ja Verletzungen, Krankheiten und Unglücksfälle ebenfalls fürchtete, aber zum Beispiel keine Ungewißheiten. Man konnte ihn deshalb als empfindsamen und des Mitleids fähigen Menschen bezeichnen, wenn man ihn bewundern wollte, oder als wehleidigen Jammerlappen, wenn man ihn verachten wollte. So oder so: er konnte nichts dazu. Schließlich hatte er sich sein Naturell so wenig ausgesucht wie seine Sterblichkeit.

So geartet, mußte sich Fritz „natürlich“ auch vor einem Selbstmord fürchten. Ein Selbstmord würde ihn in die gleichen ungewissen Gefilde führen, falls er überhaupt gelang. Schon die Wahl der Methode war eine Qual. Und dann erst das Röcheln, Verbluten oder Kotzen, sich das Genick brechen, sich in Krämpfen winden, sich „beschmutzen“, wie es immer höflich hieß, und dergleichen mehr, je nach dem. Er hatte sogar schon einige Probeläufe durchgeführt, soweit man davon nicht gleich starb. Einmal war ihm ein mit Schrott gefüllter 75-Kilo-Sack, mit dessen Hilfe er die richtige Stricklänge=Fallhöhe beim Erhängen ermitteln wollte, auf den Fuß gefallen, sodaß er tagelang hinkte; ein andermal hatte er bei dem panischen Versuch, die mit Zugknoten um den Hals und die Hüfte eines kräftigen, ihn bekleidenden blauen Müllsackes aus Plastik geschnürte Kordel wieder zu lösen, das angeblich reißfeste Plastik des Müllsackes zerfetzt. Er hatte die Dichtigkeit dieser Erstickungskapuze überprüfen wollen. Es war alles sehr unerfreulich gewesen.

Gleichwohl war er klug, vorausschauend und mutig genug, um sich Situationen vorstellen zu können, in denen ein Selbstmord dem Weiter- oder Überleben vorzuziehen war. Er hatte die etwas stumpfsinnige Gymnastik gegen das „Impingementsyndrom“ nicht deshalb mit überwältigendem Erfolg absolviert, um in Kürze einer garantiert unheilbaren Krankheit, der beschämenden Bloßstellung bei einem Gerichtsverfahren in der Stadt der Kindheit oder einem ungefähr 20 Jahre währenden Gefängnisaufenthalt in Kassel-Wehlheiden anheimzufallen. Deshalb war ihm im Laufe der letzten Jahre, vor allem aber Wochen klar geworden, wie wertvoll die Busenfreundschaft mit einem unerschrockenen und bewährten Pistolenschützen war. Und als die Sache auf den Tisch kam, bekundete Danilo ohne Zögern seine Bereitschaft, seine beiden MitstreiterInnen notfalls zu erschießen, und gleich anschließend „natürlich“ auch sich selbst. Es gebe wohl kaum etwas Kürzeres und Schmerzloseres als bestimmte Kopfschüsse, die er studiert habe und beherrsche. Das einzig nennenswerte Problem habe mit dem Erschießen gar nichts zu tun. Es liege darin zu erkennen, wann der Notfall gegeben sei und dann alle drei Todeskandidaten rechtzeitig an Deck, im Keller oder von ihm aus auch im Walde zu haben. Diese Detailfragen besprachen sie.

Skeptische BeobachterInnen des Kelmer Geschehens werden Charakteren wie Iris und Fritz die Bereitschaft zum Selbstmord vielleicht abnehmen – aber diesem erst 40 Jahre alten kroatischen Polizisten, Snookermeister und Clubwart? So gesund, auf Rosen gebettet und unternehmungslustig, wie der war? Eben. Danilo war eine erfreuliche, leider seltene Mischung aus Spieler und Ritter. Sehr neugierig und sehr anhänglich zugleich, konnte ihm die jüngste Entwicklung eigentlich nur gelegen kommen.


9

Am dritten Samstag, Ende August, hatten sie Glück. Als Hintzbacher den Sattelplatz verließ und auf den Eulenberg zuhielt, zogen sie sich hurtig aus dem Gebüsch am Waldrand zurück und nahmen ihre Plätze ein. Dazu hatten sie fast 10 Minuten Zeit, das genügte. Iris und Danilo, die mit Rädern gekommen waren, hatten diese jenseits des Steinbruchs versteckt. In dieser Gegend lief Iris Patrouille. Später würden die beiden ihren Radausflug fortsetzen. Fritz strich oberhalb des Steinbruchs umher. Das Trio hatte sich kleine Bambusflöten beschafft, die ein Signal geben konnten, das den Ruf des Pirols nachahmte. Damit wollten sie sich warnen und die Unternehmung abblasen, falls unerwünschte Zeugen oder unvermutete Schwierigkeiten auftraten. Doch nichts dergleichen geschah. Vielmehr näherte sich Hintzbacher, der trotz der Wärme in seinen lächerlichen Schaftstiefeln steckte, auf gewohntem, immerhin schattigen Reitwege dem Steinbruchkamm. Von dort kam ihm plötzlich ein großgewachsener blonder Fußgänger entgegen. Das beunruhigte Hintzbacher wenig, trug der Mann doch auf seinem kurzärmligen hellgrünen Hemd das Hintzbacher wohlbekannte Forstabzeichen. Allerdings fuchtelte der Beamte jetzt zur Abbruchkante hin und rief mit einer gewissen Erregung zu Hintzbacher hinauf:

„Gott sei dank – Sie sind doch Arzt! Der Orthopäde aus Kelm?“

Hintzbacher nickte bestätigend und hielt seinen Braunen an. Es war immer erfreulich, als bekannter und geehrter Mann angesprochen zu werden.

„Schauen Sie doch nur, was ich eben da unten entdeckt habe!“ fuhr der Forstbeamte fort und wies erneut zum Steinbruch. „Glauben Sie, da sei noch etwas zu machen?“

Hintzbacher saß ab und warf seinem Pferd die Zügel über die Ohren. Es blieb gehorsam auf der Stelle stehen. Dann folgte der Orthopäde dem Förster einige Schritte bis zum Steinbruchrand. Dort deutete Förster Fritz wortlos in die Tiefe.

Hintzbacher beugte sich etwas vor und blickte mit verkniffenen Augen hinab. Jetzt trat Fritz behende zurück und versetzte dem nur 1,70 großen Mann einen kräftigen Tritt.

Sie hatten am Eßtisch unter anderem darüber debattiert, ob Hintzbacher womöglich ein Gebrüll von sich geben würde, das mit seinem Pferd unweigerlich alle Pirole der Gegend scheu machen würde. Danilo glaubte es nicht. In der Tat stieß Hintzbacher nur einen kleinen Schrei der Überraschung aus, der in eine Art Gurgeln überging, während er in die Tiefe stürzte und dabei mehrmals an der Steinbruchwand aufschlug. Am Ende verfing er sich an einem größeren Gesteinsbrocken am Fuß der Wand und gab keine Regung mehr zu erkennen.

Danilo hatte sich gleich nach Fritzens Fußtritt aus seinem Versteck im Steinbruch gelöst. Er trug dünne Handschuhe. Jetzt traf er bei Hintzbacher ein, fühlte seinen Puls und horchte an seinem Herzen. Gott sei Dank! Der Orthopäde schien sich totgestürzt zu haben. So blieb es Danilo erspart, die in seinem Schulterhalfter unter dem Hemd steckende, schallgedämpfte Pistole anzugreifen.

Danilo richtete sich auf, gab dem hoch über ihm spähenden Fritz das vereinbarte Handzeichen und verschwand.

Damit richtete sich auch Fritz auf. Er sah sich kurz nach dem Pferd des Verunglückten oder Lebensmüden um – je nach dem, was die Kelmer Kripo sagen und die HNA schreiben würde. Der Braune hatte sich kaum von der Stelle gerührt, zupfte aber inzwischen an den erreichbaren Sträuchern. Wohlerzogen und instinktsicher, wie er war, würde er vermutlich noch an diesem Tage zu seinem Stall zurückfinden. Wenn nicht, war es auch egal.

Fritz zog rasch sein Diensthemd aus, unter dem er ein T-Shirt trug, während er bereits zu seinem im Unterholz versteckten Rucksack ging. Dort vertauschte er die lange mit einer kurzen Hose und drückte sich eine Schirmmütze aufs Haar. Er hatte sich für diesen Tag eine Wanderung durchs Ittertal vorgenommen. Dort wußte er zufällig eine Höhle, in der man unauffällig ein paar Kleidungsstücke verbrennen konnte.

Wie sich versteht, hatten sie sich gegenseitig dutzendmale dazu ermahnt, auch nicht die kleinste verräterische Spur zu hinterlassen, und sei es das Fädchen von einem Socken an einem Heidelbeerstrauch. In dieser Hinsicht hatte Fritz wenig Bedenken. Was ihm dagegen die Genugtuung etwas trübte: Sie hatten sich nicht darauf einigen können, ob es wünschenswert oder gar unerläßlich sei, Hintzbacher den Mordgrund zu verraten, ehe er in die Tiefe fiel. Darüber hatten sie mindestens eine Stunde debattiert. Eine Einigung scheiterte an ihrer unterschiedlichen Gestimmtheit in philosophischer Hinsicht, konkret der Frage des Todes und des Jenseits. Davon haben wir ja bereits gehört. Immerhin, die Entscheidung, den überrumpelten Hintzbacher, mangels Konsens, bis zum letzten Atemzug im Ungewissen zu lassen, hatte die rasche Abwicklung der Unternehmung beschleunigt und wahrscheinlich auch geringfügig ihre Sicherheit erhöht.

Als Fritz gegen Abend wieder zu Hause eintraf, ging er zuerst zu der unter den Parkbäumen aufgebockten Gedenktafel. Marica würde man den Mordgrund schon anvertrauen können. Während er ohne Lippenbewegungen mit ihr sprach, ließ der Grünspecht sein bekanntes rauhes Gelächter hören.



Folgen eines Skiunfalls


Nach dem „tragischen“ Unfall ihres Gatten wird die 39jährige Mecklenburgerin Heike Zuberdorf mit Beileidsbekundungen und Tröstungen überhäuft. Sie hatte mit ihm und den Kindern, auf seinen Wunsch hin, in einem „Skiparadies“ der Alpen Urlaub gemacht. Bei einer Abfahrt an steilem Hang war seine Bahn ausgerechnet von einem Berliner Bundesminister gekreuzt worden, der ihn so über den Haufen fuhr. Der Minister lag jetzt mit ernsten Schädelverletzungen im Krankenhaus, während Ralf noch im Rettungshubschrauber gestorben war. Ein Teil der Kommentatoren nahm den Minister, der eindeutig fahrlässig gehandelt hatte, mit dem Argument in Schutz, er habe wenigstens einen Helm getragen, Ralf Zuberdorf dagegen nicht. Ja, das war Heike im ersten Augenblick auch seltsam vorgekommen. Aber sie kannte ihn. Wahrscheinlich war die Verlockung zu groß gewesen, seine langen blonden Locken im Fahrtwind wehen zu lassen und dadurch die Herzen weiblicher Skihaserl aufzuwühlen. Er hatte auch in der Belegschaft des Kreiskrankenhauses, wo er als leitender Anästhesiearzt beschäftigt war, hier Begehrlichkeit, dort Neid erweckt. Nun war er hin.

Dem Pech mit dem Helm stand der glückliche Zufall gegenüber, daß es Ralf an diesem Vorfrühlingstag des Jahres 2009 nicht gelungen war, sowohl Heike, vor allem aber die beiden gemeinsamen Kinder mit auf den Berg zu zerren. Ein Söhnchen ihrer sehr netten Pensionswirtin hatte Geburtstag gehabt und Heike damit einen willkommenen Vorwand geboten, sich zu verweigern. Von der schon länger währenden allgemeinen Entfremdung zwischen den Gatten einmal abgesehen, haßte sie gerade das supersportliche Mitläufertum Ralfs. Dabei hatten sie beide noch die DDR erlebt, wenn auch die erklärtermaßen „leistungsorientierte“ und dabei krampfhaft motorisierte. Selbstverständlich mußten sie nun im nagelneuen allradgetriebenen Monsterauto VW-Touareg in die Alpen aufbrechen – es wäre kaum verblüffend gewesen, wenn die ganze Familie schon auf der Autobahn hopsgegangen wäre. Und was den sündhaft kostspieligen Kult um Skiausrüstungen und Tiefschneeschwängerungen anging, hatte er Heike bereits vor der Abreise mit Ekel erfüllt. Ralfs aktive Rolle in der Ex-PDS hatte ihn nicht daran gehindert, diesen Kult zu billigen, ganz im Gegenteil. Diese „Linken“ standen auf Volkswagen. Kurz, sie ließ es sich zwar wohlweislich nicht anmerken, war aber im Grunde heilfroh, daß dies alles ein unverhofftes jähes Ende gefunden hatte, Ralf eingeschlossen. Nicht auszudenken, wenn er, wie der Minister, überlebt hätte und nun in einer Klinik im Koma läge, wo sie alle zwei Tage zu erscheinen und tiefste Trauer zu heucheln hätte! Und das vielleicht noch auf Jahre hin. Furchtbar.

Der Minister war übrigens bald wieder auf die Beine gekommen, gleichwohl geflissentlich zurückgetreten. Ein alpenländischer Staatsanwalt sah sich sogar gezwungen, gegen den Minister zu ermitteln und ihn schließlich der Fahrlässigen Tötung anzuklagen. Doch mit rund 33.000 Euro Strafe und 5.000 Euro „Schmerzensgeld“ an die Witwe kommt der Politiker ziemlich glimpflich davon. Immerhin bietet er der Witwe und ihren Kindern, auf seinen „guten Ruf“ bedacht, sofort eine „weitaus höhere“ Entschädigung an. Darüber wird geheim verhandelt. Unterdessen überlegt sich Heike, ob sie dieses „Blutgeld“ überhaupt annehmen darf – eben wegen der schon eingangs geschilderten Sachlage. Sie überwindet ihre Skrupel zum einen der Kinder wegen, zum anderen der ihr selber gebotenen Chance zuliebe, endlich ein anderes, ja überhaupt zum ersten Male ein eigenes Leben zu führen. Immerhin stehen ihr nach gut einem Jahr, Ralfs Lebensversicherung eingeschlossen, auf einen Schlag rund 100.000 Euro zur Verfügung. Darüber, wie so ein eigenes Leben nun aussehen könnte, zerbricht sie sich allerdings nicht weniger den Kopf.

Der Minister hatte es sich einfach gemacht. Kaum zurückgetreten, hatte ihn ein Autokonzern als Manager „übernommen“. Heike war Kinderärztin, hatte diesen Beruf freilich nicht lange ausgeübt, weil Ralf darauf gedrungen hatte, sie als Hüterin des Hauses und der beiden Kinder hinter dem schmiedeeisernen Gartenzaun zu wissen. Dieses Haus verkauft sie nun. Damit hat sich ihr Vermögen glatt verdoppelt: 200.000 Euro. Sie war von Anfang an entschlossen, Mecklenburg zu verlassen, und zwei Jahre nach dem Skiunfall nimmt sie den Vorschlag ihrer Schwester Annett an, sich in deren Haus einzukaufen. Es liegt in der thüringer Kleinstadt Truhn unweit des Marktplatzes auf einer Böschung, von der aus sich noch ein großer Garten bis zur Friedhofstraße erstreckt. Heike erwägt einerseits, sich in dem Städtchen als Kinderärztin niederzulassen, denn der Bedarf ist da. Andererseits hat sie neuerdings einen ungeheueren Bildungshunger und schmökert sich durch den Vormittag, sobald die Kinder in der Schule sind. Dabei kommt ihr Annetts Posten als Leiterin der Stadtbücherei entgegen. Eine eigene ärztliche Praxis würde sie erfahrungsgemäß auffressen. Sie überlegt noch hin und her, als sie schon wieder einen Mann trifft, der ihr Leben verändern wird, hoffentlich zum Besseren.

Heike hatte sich bewußt nicht eigens nach neuen Geliebten umgeschaut; sie hatte eher die Nase voll von Männern. Dabei war sie eine durchaus anziehende, auch eindrucksvolle Person. Mit 1,74 nicht gerade klein, an Busen und Hintern wohlgerundet, hatte sie ursprünglich sogar ähnlich prächtige Locken wie Ralf aufgewiesen, nur diesmal kastanienbraun. Sie hatte die Pracht bereits zu seiner Beerdigung radikal stutzen lassen. Die Schwiegereltern dachten: aus Gram.

Drei Jahre später wurde sie in der Truhner Stadtbücherei nicht durch Locken, sondern zunächst durch den bebilderten Vortrag eines etwas geschwätzigen, kinnbärtigen einheimischen Oberstudienrates aufgewühlt, der sich offensichtlich selber gerne reden hörte. Aber seine Botschaft war immer noch niederschmetternd. Der Mann hatte Indien und Pakistan bereist und zeigte oder schilderte Bilder unglaublichen Elends und unglaublicher Gegensätze. Er, vielleicht auch Annett, hatten einen ungefähr rembrandtgroßen Computerbildschirm aufgestellt, darauf rief er seine Fotos auf. Als Lehrer verstand er es natürlich, sie mit Anekdoten und sogenannten Hintergrundinformationen zu würzen. Die 30 oder 40 Leute im Saal hatten sich unter seiner Führung in 10- bis 2o-Millionen-Molochen wie Lahore und Karachi unzähliger schmutz- und beulenstarrender bettelnder Hände zu erwehren; sie mußten über Heroinabhängige und Obdachlose steigen, die buchstäblich wie die Ölsardinen auf den Bürgersteigen lagen; sie hätten den stinkenden zähen Smog in den Straßenschluchten locker mit den Schwertern des vorbritischen Adels teilen können; sie wurden in preiswerte „Restaurants“ gezwungen, deren Inhaber sich nur deshalb notdürftig über Wasser halten konnten, weil sie ihre vergleichsweise billigen Speisen mit „Second-Hand-Öl“ zubereiteten oder servierten, das schon einmal in den teuren Restaurants benutzt worden war. Diese Lokale und die Geschäftspaläste zeigte der Mann natürlich ebenfalls. Er berichtete von einer Korruption in der Elite und deren Bürokratie, gegen die Städte wie Schwerin, ja selbst Düsseldorf Horte der Sittsamkeit waren. Wie sich versteht, ließen sich die Alt- und Neureichen ihre gesunden Tafelwässerchen aus Übersee kommen. In Pakistan stürben jedes Jahr mehr als 200.000 Kinder allein durch verseuchtes Trinkwasser, flocht der Vortragsredner einmal beiläufig ein, und dieser Satz brannte sich unter Heikes nun kurzgelockter Ponyfrisur mit glühendem Eisen ein.

Wie ihr Jonathan später erzählte, saß der Oberstudienrat auch im Truhner Stadtrat – und zwar, wie ihr Ex-Gatte, für die Ex-PDS. Jonathan Blüth war das andere aufwühlende Ereignis des Abends. Heike hatte sich nach Vortragsende in ihrer Erschütterung an den immerhin bartlosen Kahlkopf gewandt, weil er zufällig neben ihr saß und weder nach Gregor Gysi noch nach Springerstiefeln roch. Er war geringfügig kleiner als sie, nicht dick und hatte sie gelegentlich aus recht verschmitzten Augen traurig angesehen. Sie schätzte ihn auf gut 50. Wie sie bald erfuhr, war er von Hause aus Tischler und hatte zuletzt in einer örtlichen anarchistischen Kommune gelebt. Als beiderseitiger Ärger aneinander zunahm, nutzte Jonathan die Möglichkeit, mit 60 in „Frührente“ zu gehen, auch gleich dazu, die Kommune zu verlassen und wieder allein zu wohnen. In Wahrheit war er nämlich Jahrgang 1950 und damit rund 20 Jahre älter als Heike. Aber davon merkte sie in seinem Bett wenig. Er wurde ihr neuer Geliebter.

Wie sie sich nach einiger Zeit nicht scheute, auch Annett oder anderen Bekannten gegenüber festzustellen, wurde er zugleich ihr Lehrer. Nicht etwa in Liebeskünsten, das hatte sie nicht nötig. Nein, es stellte sich heraus, Jonathan Blüth war sowohl gut belesen wie im Selberschreiben beschlagen, und obwohl er nahezu jede herkömmliche Lehr- oder Volksmeinung unerschrocken und oft verblüffend, sofern nicht verärgernd, gegen den Strich zu bürsten pflegte, ließ sich Heike Schritt für Schritt von den meisten seiner Auffassungen überzeugen und nahm schließlich seine Warte, im großen und ganzen betrachtet, selber ein. Das vollzog sich selbstverständlich nicht in Wochen, vielmehr in einigen Jahren, und es brachte manche Gefechte und manche Ernüchterungen für Heike mit sich. So löste einmal ein Tadel Heikes an die Adresse ihrer halbwüchsigen Töchter eine ausgiebige Erörterung über Pädagogik und letztlich über soziale Strukturen überhaupt aus. „Aber ich muß sie doch irgendwie erziehen!“ schimpfte Heike jammernd. Prompt entgegnete Jonathan: „Erziehung ist neuzeitlicher Mist“, und im Laufe der mit einiger Lektüre verbundenen Erörterung stellte sich heraus, daß auch die Familie Mist war, leider sogar ein viel älterer. Diese Erörterung beschwor tausend unerfreuliche Bilder aus Heikes Kindheit und natürlich auch aus ihrer Zeit mit Dr. Ralf Zuberdorf herauf, und am Ende sagte sie entsetzt: „Jonathan, ich komme aus der Hölle!“

Jonathan seinerseits war viel zu gefestigt, um sich noch nennenswert ändern zu lassen. Das erwartete Heike auch gar nicht. Für ihn war die Welt eine völlig mißlungene, leidvolle und offensichtlich unheilbare Erfindung von weiß der Teufel wem. Wenn er noch immer darin ausharre, dann nur deshalb, weil er leider nicht wisse, ob es nach dem „Ausstieg“ nicht noch schlimmer komme – „und neuerdings natürlich wegen dir!“ beeilte er sich mit schmachtendem Blick hinzuzufügen. Es war die Wahrheit. Ihre mit Wissensdurst, Gerechtigkeitsliebe, Mut und Herzenswärme gepaarte Sinnlichkeit machte ihn in der Tat um Jahre jünger und stimmte ihn auch wieder zuversichtlicher. Nebenbei konnte er bald ziemlich sicher sein, mit Heike endlich eine geeignete Nachlaßverwalterin gefunden zu haben, die sich zumindest darum bemühen würde, nach seinem Ableben die Webseite zu betreuen, die er seit Jahren betrieb. Auf ihr stand sein gesamtes literarisches Werk, es war nicht wenig. Von spärlichen Veröffentlichungen in Periodika abgesehen, hatte er nie einen Verlag für seine Schriften erwärmen können. Er nahm an, sie fanden sie viel zu respektlos oder abseitig, obwohl sie durchaus gediegen, ja sogar „brilliant“ geschrieben waren, wie einige KennerInnen des Faches meinten. Aber diese Leute waren kaum weniger einflußlos als er selber. Auch seine Webseite wurde, soweit er sah, woanders so gut wie nie erwähnt.

Als Heike Einblick in Jonathans materielle Lebensführung erhielt, gereichte es ihr aufgrund ihrer bürgerlichen Vergangenheit und ihres Erbes teils zur Scham, teils zur Wut. Zwar wohnte er mietfrei. Ein Gönner der Kommune hatte Jonathan auf seinem jenseits des Marktes gelegenen Anwesen ein eher schäbiges schmales Hinterhofhäuschen überlassen. Jonathan hatte den Oberstock wohnlich hergerichtet und nutzte das Erdgeschoß als Werkstatt und Brennholzlager. Er zahlte dem Gönner lediglich eine Pauschale für Strom- und Wasserverbrauch. „Ich stelle dir gerne Quittungen aus“, hatte der Gönner gesagt, „fürs Sozialamt. Auch deine Heizkosten könntest du doch eigentlich geltend machen, wenn du denen schon die Miete ersparst.“ Das hatte Jonathan dankend abgelehnt. Er haßte Bürokratie, und es war schon viel, wenn er sich vom Sozialamt die Krankenversicherung erstatten und seine Rente aufstocken ließ, die sich wegen mancher „Ausfallzeiten“ auf lächerliche 230 Euro belief. Sie legten 170 drauf, womit er auf den von ihnen errechneten monatlichen „Regelbedarf“ von rund 400 Euro kam. Davon lebte er. Heike gegenüber hatte er außerdem argumentiert: „Warum soll ich den Staat mehr schädigen, wenn es unnötig ist? Diese zusätzlichen Anzapfungen steckt er sowieso locker weg, weil er sie dem Kleinen Mann auf der anderen Seite prompt wieder aus der Tasche zieht, denn eine Belastung der von ihm gemästeten Elite kommt selbstverständlich nicht in die Tüte.“ So schlug Jonathan unter dankbarer Billigung seines Gönners Stück um Stück eine eingefallene Scheune ab, die am selben Hof lag. Dadurch gewann er Balken, Latten und Bretter, die er vor oder in seiner Werkstatt in Brennholz verwandelte. Er sägte ausschließlich von Hand, abwechselnd links und rechts. Das nervte niemanden und hielt ihn selber fit – argumentierte er Heike gegenüber. Sie kicherte und warf sich gleich an ihn.

Heikes Töchter, inzwischen auf eigenen Wunsch Gymnasiastinnen und zunehmend „auf Achse“, gerieten über viele Monate hinweg in eine gewisse Verlegenheit, sobald sich Freundinnen oder Freunde erkundigten, was eigentlich ihre Mutter so treibe oder demnächst vorhabe. Vom Arztberuf hatte Heike Abstand genommen. Sie spürte, sie würde sich irgendwie öffentlich und anklägerisch betätigen müssen, doch was die Ausführung dieses Planes anging, stolperte sie von Idee zu Idee. Sie verwarf eine jede, weil ja auch in dieser Hinsicht, durch ihre Lektüre und ihre Gespräche mit Jonathan befördert, leider immer mehr ausschied. Ob man nun ein libertäres Kinderheim, eine sogenannte Freie Schule oder einen Buchverlag gründete, eine parteipolitische Laufbahn in Angriff nahm oder tapfere KaffeerösterInnen-Kooperativen in Übersee unterstützte – es war und blieb, wie sie befanden, mindestens vergeblicher, meistens freilich eher schädlicher reformistischer Käse. Denn an dem Goldenen Kalb des Privateigentums, des Marktes und des Staates rüttelten diese Maßnahmen nicht; sie fütterten es eher noch.

Der erlösende Gedanke stellte sich im dritten Jahr ihrer Liebschaft an einem Sommerabend ein. Diese Erlösung würde sich letztlich sowohl für das Paar wie für Heikes Töchter recht makaber gestalten, aber das vorauszusehen, wäre wohl zuviel verlangt gewesen. Richtung Schloßberg schlendernd, streiften sie einen stadtbekannten schlichten, quadratisch in Sandstein gefaßten Brunnen, der selbst im Winter sprudelte, weil er von Quellbächen aus den nahen bewaldeten Hügeln gespeist wurde. Ein kleines Mädchen hatte sich gerade von seiner Mutter losgemacht und schickte sich mit verdrehtem Köpfchen an, den köstlichen Brunnenstrahl in ihren Hals laufen zu lassen. Doch die Mutter, wohl eine Auswärtige, erspähte noch rechtzeitig das Schild Kein Trinkwasser, das in den Beckenrand eingelassen war. So schimpfte sie, riß ihr Töchterchen zurück und riet ihm für die Zukunft dringend von solchen leichtfertigen Alleingängen ab. Heike blieb entsetzt stehen. Während das Mädchen sichtlich einschrumpfte, vor Schreck und Scham, mischte sich Jonathan ein, indem er auf das Schild tippte und der Mutter versicherte, das brauche sie nicht zu ernst zu nehmen. „Das Wasser ist gut, direkt aus den Bergen, das wird Ihnen jeder zweite Einheimische versichern!“ Darauf ging die Frau nur mit einem abfälligen Blick ein, ehe sie sich mit ihrem Töchterchen im Schlepp entfernte.

Heike seufzte schwer, Jonathan strich ihr beruhigend über die Schulter. Sie setzten sich übereck auf den Brunnenrand und ließen ihre Hände durch das kühle Wasser gleiten. „Ja, noch ist es gut“, nickte Heike aufs Wasser, „aber wie lange noch, Jonathan?“ Sie mußte wieder an die Kinder in Pakistan denken und sagte das auch. Jonathan nickte und schwieg. Dann sprach Heike von dem eingeschüchterten durstigen Mädchen, von den vielen tausend Verwundungen, die ein jeder aus seiner Kinderstube mit sich schleppe, von den zerfetzten oder selber Granaten werfenden Kindern in Somalia oder Syrien, aber sie sprach auch von ihren wohlbehüteten, bald erwachsenen eigenen Töchtern, die offensichtlich nicht so gut geraten waren, wie das Wasser, das neben ihnen aus dem gebogenen Brunnenrohr plätscherte, wobei es noch nicht das größte Übel sei, daß sie ihrer Mutter erst in dieser Woche wieder das brandneuste und superschickste smartphone aus den Rippen geschmachtet, genörgelt und geschnitten hätten ...

Nach einer Weile, in der sie beide schwiegen, erhellte sich Heikes Miene. Sie straffte sich, schlug energisch aufs Wasser und verkündete: „Jonathan, wir müssen endlich Schluß machen!“

Jonathan wischte sich ein paar Brunnenwassertropfen von Stirn- und Kopfhaut, runzelte dieselbe und erkundigte sich: „Du meinst, wir sollten uns trennen? Oder gemeinsam in den Brunnen stürzen ..?“

„Unfug! Wir, das ist die Welt. Die Welt muß endlich damit aufhören, Kinder in die Welt zu setzen. Jeder mitfühlende und verantwortungsbewußte Mensch hat ab sofort darauf zu verzichten, Kinder zu zeugen oder zu gebären, die ja doch nur zu dem Hauptzweck auf die Welt kommen, gequält zu werden und die Qual fortzusetzen, falls sie ihre Kindheit überhaupt überleben. Die ganze Menschheit muß weg. Die Menschheit hat freiwillig abzudanken, weil sie eine Pest für diesen Planeten und noch einige Nachbarplaneten ist. Hast du das nicht selber schon irgendwo so geschrieben? Na also. Die Menschheit hat auszusterben. Die Begründung dafür findet sich unter anderem in deinen Schriften; man müßte sich nur die Mühe machen, sie zu studieren. Aber das können wir natürlich nicht gleich von jedem verlangen, obwohl es auch ein Vergnügen ist, sie zu studieren. Folglich müssen wir zum Auftakt unserer Bewegung und für alle AnfängerInnen ein vergleichsweise kurzes Manifest verfassen. Du wirst dieses Manifest verfassen, mein lieber Jonathan!“

Sie sprachen noch die halbe Nacht über diese Sache. Jonathan lehnte sie nicht rundum ab, meldete aber etliche Bedenken an. So sei ja abzusehen, daß sie sich mit einem derartigen „Programm“ nicht nur den Hohn, sondern auch den Haß sämtlicher vorhandenen ideologischen Lager auf den Hals ziehen würden. Das meiste davon bekäme natürlich Heike als öffentlich auftretende Initiatorin ab. Nicht nur deshalb werde die „Bewegung“, die ihr vorschwebe, vermutlich eine Sekte mehr unter tausend bereits bekannten Sekten bleiben. Weder „die Intelligenz“ noch das sogenannten einfache Volk würde dieses „Programm“ begrüßen, ganz im Gegenteil. Denn nichts sei dem Menschen heiliger als der Mensch, dieses Schwein. Wer an der Mission oder auch nur der Daseinsberechtigung des Menschen, daneben auch der Zeugungskraft der Männer zweifle, treffe die Leute im Mark. Entsprechend gereizt würden sie reagieren.

Heike war nicht mehr von ihrer Idee abzubringen. Sie war entschlossen, sich in der Rolle als Gründerin, Generalsekretärin und ersten Vortragsrednerin des BAM in einer neuen Lebensaufgabe zu bewähren. „Na, ganz so neu ist die nun auch wieder nicht“, murmelte Jonathan schon im Halbschlaf. Aber er schrieb das verdammte Manifest.


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Manifest des Bundes für die Abdankung der Menschheit, kurz des BAM

Der Mensch ist eine Mißgeburt. Er sollte es endlich einsehen und freiwillig von diesem Planeten und allen womöglich schon eroberten Nachbarplaneten abdanken. Die Methode dazu ist so schonend wie einfach: er setzt ab sofort keine Kinder mehr in die Welt. Sowohl die ungeborenen Kinder wie die Planeten werden aufatmen und es ihm danken und von seinem freiwilligen Aussterben rühmend bis in die fernsten Galaxien künden.

Der sogenannte Fortschritt hat sich als grausamer Hohn erwiesen. Er hat die Menschheit nicht nur nicht beglückt und befriedet, vielmehr ihre Lage von Jahrhundert zu Jahrhundert verschlimmert. Statt die Kette der Kriege durchzutrennen, wurden die Waffen ausgefeilt. Die angebliche Erhöhung der Bequemlichkeit wird mit ungeheuerlichen ökologischen und gesundheitlichen Schäden erkauft. Der Mensch betet Killermaschinen wie Autos, Flugzeuge und Drohnen an und sorgt durch immer neue „Informationstechnologie“ für die Verblödung seiner selbst und vor allem seiner Kinder. Unsere Kleinen sind die größten VerliererInnen des Fortschritts. Wieviele Millionen von ihnen mußten bereits ins Gras beißen, ehe sie laufen oder rechnen konnten? Wer wollte die Wunden zählen, die ihnen sowohl verseuchtes Trinkwasser wie vergiftetes Familienleben schlägt?

Den gleichen Hohn beobachten wir in der sogenannten Emanzipation. Die Verfeinerung der Sitten und des Geschmacks hat zu einer Blüte der Nadelstichtaktiken geführt; hilft aber alles nichts, schlägt man zuguterletzt einander tot wie einst im Neandertal. Die Frauen überbieten sich darin, alle Schandtaten nachzuäffen, die bislang den Männern vorbehalten waren. Der Prozeß der Zivilisierung stellt sich im Wesentlichen als Enteignung dar: von den Produktionsmitteln, von der Selbstversorgung, von der Unabhängigkeit. Die bürgerliche Freiheit beläuft sich auf das Recht, unnütze Dinge zu kaufen, solange Geld und Kredit reichen. Gutgeschmierte PolitikerInnen machen die Mästung der Elite und die Verdummung des Volkes unter sich aus. Verkünden sie die Ergebnisse, dürfen wir sie im Fersehen bewundern.

Wackere ErlöserInnen des Volkes, denen die Mittel für eine theologische Laufbahn fehlten, haben es immer wieder mit Revolutionen versucht. Wir aber beknien unsere LeserInnen von der sogenannten linken Seite: laßt endlich euren feigen schlappschwänzigen Zweckoptimismus fahren, stopft eure Durchhalteparolen in die Mülltonne, es wird euch zur Ehre gereichen. Schließlich haben sich jene „Umstürze“ ein ums andere Mal als Fehlschläge erwiesen. Mal wechselte das Joch nur die Farbe, mal legten die BefreierInnen noch was drauf. Der Machtinstinkt des Menschen ist stark genug, um ihm nachzugeben, sobald einer oder eine an den Schalthebeln steht. Eigennutz geht über alles, Leichen eingeschlossen. Der Zweck heiligt die Mittel. Die Mühle der privat- oder staatswirtschaftlichen Apparatur zwingt dem Menschen ihre Mahlweisen auf. Wer einmal mitmacht, kommt nie mehr heraus.

Die letzten Hoffnungsschimmer auf Umkehr werden von der unaufhaltsamen Elefantisierung der Welt zertreten. Wesentliche Schübe erfuhr sie durch den Imperialismus und die postmoderne „Globalisierung“, zu der man den Elefanten wohlweislich verniedlicht hat. Die Welt und ihre prägenden Einrichtungen haben einen Grad der Größe, Verflechtung und Unüberschaubarkeit erreicht, der sie zunehmend unwägbar und unbeherrschbar macht. Wie wollte man unsere Mammutkonzerne, Gipfelkonferenzen, Atomkraftwerke, Zig-Millionen-Städte, Bürokratenheere und das ganze materielle und digitale Verkehrswesen wieder rückgängig machen oder auch nur verkleinern? Nur durch Krieg. Und nach dem Krieg kann dann wieder aufgebaut werden, falls noch ein paar eingekellerte Großmütter und Kindersklaven unverstrahlt geblieben sind.

Nein, sagen wir, laßt uns lieber vorher aus freien Stücken einen Schlußpunkt setzen. Verweigern wir unseren Eliten die Soldaten, die Pizzaboten und alle anderen nützlichen Idioten. Zeugen und gebären wir keine Kinder mehr. Erfreulicherweise haben ja unsere Verhütungsmittel die Ausrottung der IndianerInnen und der mitteleuropäischen Hexen überstanden. Somit spricht nichts dagegen, sich weiterhin miteinander zu vergnügen, solange die Welt noch nicht eingeschrumpft ist.

Hier könnten einige Frauen einwenden, sie hätten doch so gerne ein Kind. Dazu sagen wir: Ihr sitzt einer romantischen Grille auf, ja mehr noch, einem Elefanten der Mütterlichkeit, des sehnlichen Kinderwunsches und der wahren Liebe, der in antiken Stadtstaaten und neuzeitlichen Industrienationen aufgeblasen wurde, damit sich die adelige oder bürgerliche Dame nicht zu Tode langweilen muß. Nun hat sie den Elefanten in ihrem dicken Bauch und streichelt ihn. Später zeigt sie ihm auch die Peitsche oder die erwähnte Nadel. Heute verhätschelt sie ihn, morgen verflucht sie ihn, immer schön im Wechselbad.

Befragt ein paar zufriedene, sogenannte primitive Völker: sie kennen weder das süße Christkind in der Krippen noch den „Stolz“ seines Erzeugers, der sich schon die Hände reibt, weil er den Sprößling nach seinem Bilde formen oder aber brechen wird. Müßt ihr unbedingt Kinder haben, dann adoptiert welche. Noch gibt es genug Waisen auf der Welt, viel zu viele. Erzieht sie aber nicht! Schlagt ihnen nur ein paar bewährte Verhütungsmittel vor.


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Zu Jonathans Verblüffung schlug Heikes Initiative fast wie eine Bombe ein. Das lag aber wahrscheinlich nur an glücklichen Zufällen und an Heikes Geschick. Sie hatte Annett, ihrer Schwester, die Email-Adresse eines Redakteurs des noch halbwegs kritischen und parteiunabhängigen Internetportals Umbruch aus der Nase gezogen. Der Mann war einmal Annetts Liebhaber gewesen. Und siehe da, er war von Heikes Vorstoß begeistert. Allerdings betonte er auch gleich, es werde Ärger geben. Er brachte das Manifest nebst einem Gespräch mit Heike, in dem sie Erläuterungen gab und auch beschrieb, wie sie sich das praktische Wirken des Bundes vorstellte. Daraufhin hagelte es sowohl beim Portal wie in Heikes Computer LeserInnenbriefe. Zustimmung und Ablehnung hielten sich anfangs ungefähr die Waage. Rasch griffen andere Portale oder Blätter die Sache auf, darunter sogar ein vielgelesenes Mainstream-Wochenmagazin, das einen Mordsspaß und eine nicht unbeträchtliche Auflagensteigerung zu wittern schien. Damit lag es nicht schief. Aber so sehr diese Publizität auch den Bekanntheitsgrad des Bundes steigerte, heizte sie doch auch die Stimmung gegen ihn an. Mit seinem Titel „BAM BAM und BUM BUM / Eine Kinderärztin bläst zum Großen Sterben“ hatte das Wochenmagazin bereits den Ton und die Richtung der öffentlichen Debatte angegeben, die nun für einige Frühherbstwochen durch Medien, Internet oder Säle tobte. Fernsehauftritte hatte Heike übrigens strikt abgelehnt, und auch die MitstreiterInnen, die sich rasch einstellten, hielten sich daran. Heike reiste per Eisenbahn durch kleine und große deutsche Städte, um Vorträge zu halten, Diskussionen zu leiten und Interviews zu geben. Private Abenteuer versagte sie sich. Sie telefonierte fast täglich mit Jonathan.

Wie schon angedeutet, kam sie bei ihren Veranstaltungen mit der Argumentation, die aus dem Manifest lugte und die in Jonathans Schriften ausgebreitet war, kaum zum Zug. Meistens hatte sie sich mit gehässigen oder törichten Anwürfen auseinanderzusetzen und dem chronischen Personalisierungsdrang der Leute, darunter natürlich auch der Journalisten, zu erwehren. Schon das Wochenmagazin hatte in seiner erwähnten Titelgeschichte mitzuteilen gewußt, das Manifest trage unverkennbar die Handschrift des Truhner Ex-Tischlers und Ex-Kommunarden Jonathan Blüth. Der gute Mann habe mit seinen ins Internet gestellten Schriften durch Jahre hinweg kaum einen müden Hund hinter dem Ofen hervorgelockt, sehe aber nun, da ihm die fesche junge Generalsekretärin ihre Gunst geschenkt habe, offenbar die Chance, doch noch groß herauszukommen, bevor er das Zeitliche zu segnen habe. So etwas fand Heike infam, sagte dies aber nicht öffentlich. Sie hatte Stärke und Gelassenheit zu bezeigen.

Auf die Reaktion verschiedener Fraktionen des Sozialismus und Kommunismus hätte Jonathan bedenkenlos das neue schlichte Tourenfahrrad gewettet, das ihm Heike zum 65. Geburtstag geschenkt hatte. Schließlich kannte er den Verlauf der sogenannten Gebärstreik-Debatte von 1913. Diese Initiative (der Verhütung unerwünschter Geburten) war von einigen linken Berliner Ärzten ergriffen worden, um den üppigen proletarischen Kindersegen zu drosseln, der ja doch nur künftiges Ausbeutungs- und Kanonenfutter darstelle. Das brachte ihnen von den führenden Sozialdemokraten, Frau Clara Zetkin und Frau Rosa Luxemburg eingeschlossen, den Vorwurf ein, sie wollten dem Klassenkampf die Massenbasis entziehen. Kaum anders argumentierten die Nachfolge-Organisationen in ihren Schimpfkanonaden gegen das BAM-Manifest, wobei sie die naheliegende Frage, warum wahre Millionenheere von gar nicht oder „prekär“ Beschäftigten den Kapitalismus nicht schon längst hinweggefegt hätten, elegant umgingen. Die sozialistischen und kommunistischen Kräfte setzten also nach wie vor auf Quantität, womit sie sich als gelehrige SchülerInnen des marktwirtschaftlichen Wertgesetzes erwiesen und nebenbei als ernstzunehmende KoalitionspartnerInnen des Kapitals empfahlen. Einige „anarchistische“ Gruppen oder Aktivisten hielten zwar eher die Qualität hoch – aber in diesem Falle die Qualität jener Kinder, die durch „fragwürdige, von oben angestiftete Bremsmaßnahmen“ daran gehindert werden sollten, sie außerhalb des Mutterleibes zu entfalten. Denn der Nachwuchs aus dem Proletariat oder aus anarchistischen Zirkeln bringe doch ohne Zweifel für den Widerstand geeignetere Eigenschaften mit als die Brut der korrupten Elite. Hier trafen sie sich wieder mit den Kommunisten. Denn sie fuhren fort: „Wollen Zuberdorf und Blüth am Ende genau diese Brut begünstigen und damit den Planeten kampflos der fröhlich sprießenden Elite überlassen?“ Damit hätte sich eigentlich die Frage aufgedrängt, wo die Elite denn eine für ihr Gedeihen unerläßliche Massenkundschaft hernähme, wenn die Völker tatsächlich in den Gebärstreik treten sollten? Sie stellten sie lieber nicht. Nur in einer Versammlung in Oldenburg kommentierte dazu eine offensichtlich solitäre Anarchistin: „Wahrscheinlich setzt die Elite dann auf Onanie ...“

Selbst die angeblich radikalen FreiheitskämpferInnen warfen sich demnach weniger zu Verfechtern des mütterlichen Selbstbestimmungsrechtes, mehr zu BehüterInnen „des Lebens“ auf. Damit konnten sie unzähligen Demokraten, etlichen Bischöfen, einigen neofaschistischen Parteien oder Wehrsportgruppen, der Berliner Bundeskanzlerin und selbst dem französischen Juristen, Staatstheoretiker und führenden Hexenverfolger Jean Bodin (1530–96) die Hände reichen. Er hatte kein Blatt vor den Mund genommen: „Derjenige also, der die Zeugung oder die Heranreifung der Kinder behindert, muß ebenso als Totschläger angesehen werden wie derjenige, der einem anderen die Gurgel durchschneidet.“*

Es war die übliche niederträchtige Umdeutung. Nicht die Leute, die mörderische Verhältnisse in Schutz nahmen oder beschönigten, die Jahr für Jahr für Millionen an toten, kranken, durchängstigten Kindern sorgten, waren die Schurken – die Schurken waren vielmehr die Leute, die Millionen von ungeborenen Kindern eben das Schicksal solcher Verhältnisse zu ersparen suchten. Das gab natürlich keiner von den UmdeuterInnen zu. Sie wiesen auch den Verdacht weit von sich, ihre vom Manifest hervorgelockte Aggressivität gelte letztlich dem Sakrileg, den Wert des Menschen als „Krone der Schöpfung“ anzuzweifeln und so herabzusetzen. Sie behalfen sich mit Spitzfindigkeiten und Verleumdungen. Sie warfen dem Bund Miesmacherei, Defätismus, Unrealismus, Populismus, Revoluzzertum und weiß der Teufel was vor. Ging ihnen diese Munition aus, war immer noch Heike Zuberdorf da, die sich aufgrund ihrer merkwürdigen Vergangenheit und ihrer Offenherzigkeit prima durch den Schmutz ziehen ließ.

Nach einer Veranstaltung Ende Oktober, auf der sie (in Passau) mit überreifem Fallobst beworfen worden war, redeten Heikes MitstreiterInnen ihr zu, die nächsten drei Veranstaltungen abzusagen und sich erst einmal zwei Wochen Heimaturlaub zu gönnen. Das sah sie ein. Sie ließ sich zwei Tage von Jonathan trösten und verwöhnen; dann setzte sie sich an ihren Computer, um Berge von Emails durchzusehen und zum Teil zu beantworten. Abends drang der Lampenschein aus ihrem Dachzimmer durch die schütteren Bäume und Gebüsche, die auf der Böschung standen, doch noch passierte nichts.

Für den Freitagabend hatten ihre Töchter sie zu einem Kammerkonzert eingeladen, das im Saal des Gymnasiums stattfand. Sie wollten zu Fuß gehen. Als sie zu dritt in den Schein der Laterne traten, die unweit ihres Gartentores an der gekurvten Einbahnstraße stand, sprang 50 Meter weiter links ein Motor an. Während sich das schwere, mit zwei Vermummten besetzte Motorrad den drei Frauen näherte, mischten sich Salven aus einer Maschinenpistole in den Motorenlärm. Dann drehte die Maschine auf und bog stadtauswärts in die Hauptsraße. Am Gartentor blieben die durchsiebten Körper der drei Frauen zurück.

Am nächsten Vormittag konnten die Medien in ihren aktualisierten Meldungen sogar von vier Todesopfern berichten, die die „entsetzliche Bluttat“ in Truhn gefordert habe. Mit Hilfe einer Blausäure-Kapsel, die ihm vor rund zwei Jahren von Dr. Heike Zuberdorf beschafft worden war, hatte sich der 66jährige Jonathan Blüth am frühen Morgen in seinem Hinterhofhäuschen das Leben genommen. Auf der Hofseite seiner Haustür hatte sich ein angepinnter Zettel gefunden: „Liebe Annett! Ich bin bei Heike. J.“

* Heinsohn/Steiger München 1989, S. 93



Vorübergehendes Hauen und Stechen auf der Schweinsblaseninsel


Der Name ist ein Notbehelf, was vermutlich auch schon aus ihm hervorleuchtet. In Wahrheit hat diese Insel, auf der nach meiner Einschätzung ein durchaus fesselnder Roman spielen könnte, gar keinen Namen. Sie gilt noch nicht einmal als „Insel“. Dabei ist sie nachweislich von viel Wasser umgeben. Sie mißt ungefähr 7 mal 10 Kilometer. Ihre rund 300 BewohnerInnen, Kinder eingeschlossen, leben in drei auseinander liegenden Küstendörfern. Sie kennen keinen Namen für ihre Insel, weil sie kein anderes Land kennen. Sie kennen auch keine anderen Menschen. Die hügelige, teils bewaldete Insel liegt also irgendwo abgeschieden im Meer. Schiffe oder Flugzeuge kennt man allenfalls aus großer Entfernung – wie Kometen ungefähr.

Der Stand der insularen Technik entspricht in etwa dem europäischen von 1600. Es gibt ein kleines Erzvorkommen, das zur Eisengewinnung dient (Jagdwaffen, Handwerkszeug, Kessel). Nachrichtentechnik gibt es nicht. Notfalls werden Läufer ausgeschickt, oder aus Freude. Soweit man zurückdenken kann, trat eigentlich noch nie ein wirklicher Notfall ein. Schließlich ist der Begriff der Invasion unbekannt, mangels denkbarer Eindringlinge, und für hausgemachte Umstürze ist man zu faul. In beschränktem Umfang wird Papier hergestellt, weil man (seit einiger Zeit) eine handschriftliche Chronik führt, die wichtige Ereignisse, Entdeckungen oder Erfindungen sowie Beschlüsse vermerkt. Sie liegt in drei Exemplaren auf die Dörfer verteilt vor, wegen Brand- oder Wassergefahr. Sie wird beim jährlichen Sommerfest der InsulanerInnen, das auch Vollversammlung ist, öffentlich vervollständigt. Möglicherweise dient sie in den Dörfern gelegentlich zur Unterrichtung der Kinder, aber auf keinen Fall in Schulen. Alle Bände und Exemplare der Chronik sind in Bergziegenleder gebunden. Zu den Delikatessen der Chronik – die zum Beispiel so gut wie nie von Verbrechen berichten kann, weil kaum welche vorkommen– zählt der Eintrag über einen Anschlag. Ein Insulaner hatte ein Exemplar der Chronik wutentbrannt angezündet, weil er sich darin übergangen fühlte. Man wollte ihn zunächst töten, aber dann zeigte er sich reuig und wurde zu einer Abschrift der ganzen Chronik verdonnert, Skizzen und Miniaturen eingeschlossen.

Beim einheimischen Klima könnte man sich an Elba erinnert fühlen (in Teil 3 des Beitrags), obwohl die „Schweinsblaseninsel“ natürlich nicht im Mittelmeer liegt. Gleichwohl gibt es an ihrem Lageort weder Tropenschwüle noch Hurrikane. Während die Temperaturen im (überwiegend feuchten) Winter selten unter 10 Grad fallen, steigen sie im Sommer (eher trocken) selten über 28 Grad. Trotzdem werden Tom und Mark weitgehend auf den kostenlosen Anblick wippender Frauenbrüste verzichten müssen, sind doch entblößte Oberkörper außerhalb des Badens verpönt. Mit dem unerwarteten Eintreffen dieser beiden Männer dürfte ein beschlagener Autor das Romangeschehen eröffnen. Den InsulanerInnen des Dorfes A., die nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen sind, stehen immerhin die Münder auf, weil ein riesiger qualmender Vogel herandonnert. Es handelt sich, unter uns gesagt, um ein propellergetriebenes einmotoriges, zweisitziges Leichtflugzeug, das auf einer schmalen Landzunge der Insel notzulanden versucht. Das mißlingt. Die Maschine kracht am Ende der Landzunge vor einen Felsen und geht in Flammen auf. Kurz vorher gelang es allerdings den beiden Insassen, sich irgendwie aus dem Cockpit ins Wasser zu werfen. Es sind die schon erwähnten beiden Männer, die leicht verletzt geborgen werden. Der blondgelockte ältere, um 35, stellt sich als „Tom“ vor. Er war der Pilot. Der dunkelhaarige jüngere, um 25, ist Toms Neffe „Mark“. Er wirkt etwas erschöpfter und verstörter als sein Onkel. Die Sprache der beiden versteht natürlich kein Mensch.

Wie Tom und Mark rasch aufgeht, sind sie bei Leuten gelandet, die sich vorwiegend als Jäger- und SammlerInnen sowie FaulenzerInnen betätigen. Das letzte bedeutet, sie spielen auch viel, Musik eingeschlossen. Im Dorf C. gibt es zum Beispiel eine erstklassige Band, die neben verschiedenen Trommeln und Flöten zwei Marimbas einsetzt, eine tiefe, die den Baß ersetzt, und eine hohe. Bei diesen Marimbas werden die Töne durch unter den Klanghölzern angebrachte Kalebassen verstärkt. Dafür kennen die InsulanerInnen erstaunlicherweise keine Spielbälle, das ist wichtig. Bei all diesem Treiben herrscht Gleichberechtigung und Gelassenheit. Die Dörfer sind egalitär verfaßt und begreifen sich insgesamt als Einheit. Man besucht sich häufig, wohnt sogar oft für Wochen in einem Nachbardorf, und hilft einander aus. Von persönlicher Habe abgesehen, etwa ein paar Hemden, ein über dem Bett hängender Traumfänger oder ein reich beschnitztes Jagdmesser, ist alles Gemeineigentum. Habgier, Lokalpatriotismus und Konkurrenz sind weitgehend unbekannt. In der Sprache der InsulanerInnen – eine Sprache, die weder einen Namen für sich selbst noch ein Wort für so etwas wie eine „Sprache“ kennt – gibt es selbstverständlich auch keine Wörter für Geld, Wert, Ware, Wohlstand, Ehrgeiz und dergleichen mehr.

Da die Verhältnisse gut überschaubar sind, kommen die InsulanerInnen nahezu ohne Vorschriften und Vertretungen aus. In der Regel finden in jedem Dorf nach dem gemeinsamen Frühstück kurze Arbeits- beziehungsweise Mußebesprechungen statt: wer macht heute was? Das Gemeinschaftshaus ist groß genug, um alle DorfbewohnerInnen zu fassen, ansonsten rund, spitzdächig und aus in der Sonne gebrannten Lehmziegeln gebaut wie alle Häuser der Dörfer. Die Leitung der Plena geht reihum, was aus einer (markierten) Namenstafel ersichtlich ist. Die jeweilige Leiterin hat sich um eine gewisse Vorbereitung und Abkürzung zu bemühen; kein Palaver. Daneben werden zu wichtigen Fragen Gesprächsrunden angesetzt, die teils durch Kleingruppen vorbereitet werden. Den regen Austausch zwischen den drei Dörfern und die jährlichen Sommerfeste erwähnte ich bereits. Auch in diese Gepflogenheiten wird das neue Fußballspiel eingreifen. So könnten sich Tom und andere Besessene, die er für dieses Spiel gewonnen hat, in den Kopf setzen, das kleine Amphitheater, das ungefähr auf Inselmitte in den Hügel liegt, zu einem echten „Stadion“ zu erweitern. Mit der Konkurrenz fängt das Opfern an.

Wie man bereits erahnt, besteht die Grundidee des vorgeschlagenen Romanvorhabens darin, den kulturellen Horizont der aus der sogenannten Zivilisation notgelandeten Gäste mit dem der Insel zu konfrontieren. Vielleicht sollte ich noch die Ernährungslage der Insel umreißen. Sie ist ausgezeichnet. Den Löwenanteil der Nahrung liefert das Meer durch Fische, die leicht zu fangen sind. Das gilt auch für Lachse, die jährlich die vorhandenen Bäche hinaufwandern. Manchmal bricht einer auch gern für nächtliches Flußangeln auf, um beispielsweise Aal, Zander und Karpfen nachzustellen und dabei von seiner gerade verreisten Geliebten zu träumen, oder es tun sich ein paar Leute zusammen, um nachts aufs Meer zu fahren, weil dann die Fische die Schleppnetze leichter übersehen. Der typische Insulaner ist, entgegen dem Vorurteil, so wenig Gewohnheits- wie Gesetzestier; er liebt die Abwechslung. Deshalb betreibt er auch keine Viehzucht, von etwas Imkerei einmal abgesehen. Warum mühsam ein Hausschwein mästen, wenn einem das Wildschwein, geschickt genug aufgespürt, fast in die Arme läuft, um das Dorf mit Braten, Borsten und eben mit seiner Blase zu beliefern? Übrigens jagen die Frauen nicht schlechter als die Männer; sie zimmern – und fußballern leider auch, wie sich zeigen wird. Hauptwaffe der JägerInnen sind Pfeil und Bogen. Fallen werden nur eingesetzt, sofern sie die Beute nicht quälen. Schußwaffen sind unbekannt.

Als Haustiere könnte man allenfalls die Färberläuse, Kreuzspinnen und C-Hörnchen anführen. Die Färberläuse, woanders auch Cochenillen genannt, werden von ein paar Leuten des Dorfes A. (das an der Südküste liegt) auf einem kleinen Kakteenfeld gehalten. Sie geben ein prächtiges Karminrot ab, für Kleider oder Wolldecken beispielsweise, weniger für Fahnen. Die Kreuzspinnen, im mitteleuropäischen 20. Jahrhundert wegen ihres angeblichen „Rotationsprinzips“ zum grünen Wappentier degradiert, bringen den Häusern der Inseldörfer Glück, wobei sie mit ihren in manchen Fensterhöhlen ausgespannten zierlichen Netzen sogar Gewitter fernhalten. Bleiben noch die C-Hörnchen. Sie tummeln sich hauptsächlich in der Gegend des Dorfes C., wie der Name bereits andeutet. Sie sind nämlich ausgesprochen musikliebend. Sobald die erwähnte Band auch nur eine Flöte anbläst, unterbrechen sie ihre paarweisen, spiralförmigen wilden Jagden um die Stämme der Eßkastanien, hocken sich auf den nächsten Holzstoß und machen mit gespitzten Pinselohren gespannt Männchen. Als Jagdobjekt sind sie selbstverständlich tabu.

Das galt bis zum Eintreffen der beiden weißhäutigen Männer auch für das einzige größere Raubtier der Insel, den Luchs. Unter den Bergziegenrudeln, die den InsulanerInnen neben Fleisch Leder und Wolle lieferten, richtete er keinen nennenswerten Schaden an. Ein gut getarnter, oft regungslos verharrender echter Faulpelz, war er am Tage kaum zu sehen. Auf Beutezug ging er in der Morgen- und Abenddämmerung. Er griff aber niemals Menschen an, auch keine Kinder. Dann gab es noch die Aspisviper. Zwar war diese, 60 bis 90 Zentimeter lange einzige Giftschlange der Insel vorwiegend tagaktiv, doch die Dörfer und die Menschen mied auch sie. Man sah sie gelegentlich an sonnigen steinigen Hängen. Im Winter hielt sie Starre. Aufgescheucht, floh und warnte sie in der Regel, statt sofort anzugreifen. Ein Biß von ihr war selten tödlich. Meist blieb die Vergiftung lokal, die Schmerzen waren aushaltbar. Man wußte auf der Insel einen wirksamen Kräuteraufguß gegen ihre Bißwunden.

Neben Eßkastanien und Kräutern unterschiedlichster Art bot die Insel Früchte wie Nüsse, Pflaumen, Oliven, Pilze, Muscheln in rauhen Mengen, man brauchte sie nur aufzulesen oder zu pflücken. Etwas mühsamer gestaltete sich die Kartoffelernte. Die Kartoffel war die einzige Frucht, die nennenswert angebaut wurde. Neben den Fischen stellte sie sogar die zweite Säule der Ernährung dar. Die Ernte im Herbst war stets ein Fest. Die Kinder trugen das vergilbte Kraut für Feuer zusammen, in deren Glut gleich ein paar Pfund Kartoffeln gebacken wurden. Die anderen Kartoffeln wurden eingekellert. Für den Transport der Ernte standen Kiepen, Körbe und verschiedene Schub- oder Ziehkarren zur Verfügung, vor die sich selbst die Kinder mit Begeisterung spannten. Zug- und Reittiere waren ja mit der Viehzucht entfallen. Als Haupttransportmittel zwischen den drei Dörfern dienten Boote, vor allem Kanus. Mit ihnen wurde natürlich auch gleich die Kunde von der Ankunft der Weißhäutigen in die Dörfer B. und C. gebracht.

Tom war in der anderen Welt Fußballstar und junger Lebemann gewesen. Er hatte gerade den Trainerposten eines Spitzenclubs übernommen. Seinen Neffen hatte er zu der vermeintlichen Spritztour (in Toms eigenem Flugzeug) als Belohnung für den frischen Doktor-Titel Marks eingeladen. Mark ist etwas handwerklicher und auch etwas kulturkritischer als sein Onkel geartet. Gelernter Elektriker, hatte er Informatik studiert und in „sozialen Netzwerken“ mitgemacht. Ursprünglich wollte ich lediglich Tom auf der Insel absetzen; durch die Verdopplung der Gäste kann der Romanautor jedoch glaubwürdiger von den haarsträubenden westlichen Zuständen sprechen. Beispielsweise fühlt sich Mark von Gestalt und Hautfarbe der InsulanerInnen her an eine Flugreise nach Mumbai (früher Bombay) erinnert, die ihn ziemlich erschütterte. Ein größerer Gegensatz als zwischen der Insel und einer durch und durch verseuchten fernöstlichen 20-Millionen-Metropole ist sicherlich kaum denkbar. Für die InsulanerInnen selber ist er zudem völlig unvorstellbar. Davon abgesehen, wird der Kampf, der auf der Insel entbrennt, auch zu einer Spaltung zwischen Tom und Mark führen.

Ein Buch wirkt fast immer wie aus einem Guß geschrieben. In Wahrheit wird die Arbeit an ihm im Laufe von Wochen oder gar Jahren, ja selbst an nur einem Tage fortwährend unterbrochen, weil der Autor etwa zum Bäcker oder aufs Klo muß. In der zweiten Hinsicht muß ich für diese Skizze weitgehend passen. Man kann lesen, was man will, Peter Farb, Wolfgang Lindig, Jost Herbig zum Beispiel: um Kothaufen und Urinlachen machen sie alle einen mehr oder weniger großen Bogen – ob schamhaft oder einfach nur aus Schlamperei. Niemand verrät, wie und wo der Jungsteinzeitler oder der Prärieindianer aufs Klo ging. Diesseits allen westlichen Hygienefimmels lauern in unseren Ausscheidungen möglicherweise wenig Gesundheitsgefahren; Urin wird ja sogar streckenweise als Heilmittel empfohlen. Immerhin erwähnt Herbig einmal, es habe lange gedauert, bis der Neandertaler auf die Idee kam, seine Küchenabfälle nicht kurzerhand auf den Höhlenfußboden fallen zu lassen, wo sie natürlich Ungeziefer, Schimmelpilze, Ratten und dergleichen, und damit Bakterien in Scharen anzogen. Vielleicht war er wenigstens so nett, seine Kotwürste nicht auf die Pantoffeln seiner Hausfrau, sondern draußen von irgendeinem Donnerbalken auf die erstarrte Aspisviper fallen zu lassen. Das brachte ihm hin und wieder mindestens einen Schnupfen oder Rheumatismus ein. Aber diese „Scham“, wie sie die InsulanerInnen an den beiden Weißhäutigen beobachteten, kannte er wohl kaum.

Gottseidank lebten die InsulanerInnen nicht mehr in der Eiszeit, und so nehme ich einmal an, sie waren sozusagen von Hause aus ziemlich gesund. Andererseits ist man natürlich nirgends vor heimtückischen Krankheiten oder Unfällen oder vor den bekannten Zeitbomben namens Zähne gefeit, die ein jeder Mensch zeitlebens mit sich herumschleppt, solange er noch welche hat. Wahrscheinlich gibt es auf meiner Insel nur Volksmedizin; keine Spezialisten. Ist einmal eine Operation erforderlich, wird sie ohnehin von mehreren Leuten vorgenommen; eventuell Beiziehung aus anderen Dörfern. Mit Tom und Mark mag die Insel Glück haben, sonst können wir den Roman gleich vergessen. Denn was wäre heimtückischer, als bei einem solchen Besuch Pocken, Syphilis oder Aids einzuschleppen? Wobei ich mich bislang vergeblich frage, wo eigentlich die erste, dann ansteckende Geschlechtskrankheit der Menschen hergekommen sein soll. Wenn doch ursprünglich alles gesund war? Außer den israelitischen Königen und Propheten? Vielleicht kam sie ebenfalls von Gott, wie das Mana und die Atombombe.

Man könnte sich hämisch fragen, ob die beiden Besucher nicht gesucht würden. Nun, im Prinzip schon, aber nicht in der Gegend der Insel, hatten sich die Männern doch völlig verflogen. Und ihre Handys zerschmolzen in den Flammen. Sie müssen also notgedrungen bleiben. Was ihr Vorleben bedeutet, werden sie trotz rascher Fortschritte im Erlernen der Inselsprache kaum klarmachen können. Aber sie können es zumindest teilweise demonstrieren. Was Fußballstar Tom angeht, findet er den Müßiggang, die Anspruchslosigkeit und die losen Sitten der InsulanerInnen zwar zunächst „ganz witzig“, wie auch diese seine seltsamen Andeutungen über westlich-kapitalistische Lebensart „zum schießen“ finden. Aber das bleibt eine Dreitagegrille. Dann zeigt sich, der hünenhafte weißhäutige Draufgänger, der bereits sein 180.000 Euro schweres Flugzeug gegen den Felsen fuhr, kann oder will sich diese merkwürdige Zufriedenheit der InsulanerInnen auf keinen Fall zu eigen machen. Er ist chronisch managerkrank, daneben selbstverständlich eitel. Das führt natürlich zu gewissen Konflikten. Den einen oder anderen Insulaner, Frauen eingeschlossen, kann er vielleicht durch seinen von blonder Lockenpracht gekrönten athletischen Körper betören, nicht jedoch durch seine Besserwisserei. Allerdings heimst er weite Sympathien ein, als er den InsulanerInnen zeigt, wie man, aus Leder, einen Fußball anfertigt und wie man damit spielt. Eben die Lederhülle dieses Fußballs wird mit der titelgebenden Schweinsblase gefüllt, ehe die Blase ihrerseits aufgeblasen und abgeknotet und die Hülle (mit Nadel und Faden) geschlossen wird.

Neffe Mark, nicht ganz so dunkelhaarig wie sämtliche Einheimische, erwärmt sich zunehmend für das Inselleben, obwohl er einiges zu leiden hat. So hat er Heimweh, verliebt sich unglücklich und erlebt Reinfälle mit „Erfindungen“. Auf die Frage der Liebe werde ich wohl noch irgendwie eingehender zurückkommen müssen. Was die Fußballwelle angeht, schwimmt Mark zunächst auf ihr mit. Viele InsulanerInnen, vor allem junge, begeistern sich für das neue, von Tom zündend eingeführte Spiel. Die gewohnte Lebensordnung gerät ins Wanken, zumal sich einige InsulanerInnen auch Toms Normen des Bewunderns, des Siegens, des Wachstums, des Übervorteilens, des erbarmungslosen Wettstreits – kurz des Fußballkrieges zu eigen machen. Dem fallen sogar erste Luchse der Insel zum Opfer, hatte Tom doch die großartige Idee, Kleidungsstücke aus Luchspelz und Schmuck aus Zähnen oder Klauen des Tieres in Prämien, in Geld also zu verwandeln. Das wäre die zweite Grundidee: die drei Inseldörfer bekämpfen sich immer erbitterter, schaden dem „Gegner“, wo es nur geht, bis hin zur drohenden Ausrottung nicht nur des Luchses sondern auch der InsulanerInnen.

Den Ausgang der Geschichte überlasse ich anderen. Vielleicht entscheiden sie sich tatsächlich mutig für die vollständige gegenseitige Vernichtung bis zum letzten Ersatztorwart. Das wäre immerhin im Sinne von Heike Zuberdorf und ihres verdienstvollen, wenn auch verdammt kurzlebigen Bundes für die Abdankung der Menschheit. Mir persönlich wäre freilich die Lösung lieber, auf der Höhe des Kampfes, nach schon etlichen Opfern, eine Umkehr zu bewirken, indem man Einpeitscher Tom von VerschwörerInnen isolieren, bloßstellen, notfalls töten läßt. Auf deren Seite schlägt sich nach einigem Zögern auch Mark. Vielleicht tobt der Kampf lediglich zwischen den Inseldörfern B. und C., weil Tom aus A. verjagt wurde oder dem Ruf einer neuen Geliebten folgte, die seinen Plänen aufgeschlossener gegenüber steht. Aus A. käme schließlich die Initiative, ihn kalt zu stellen und die Nachbardörfer wieder zur Vernunft zu bringen. Vielleicht setzt man Tom am Ende mit vereinten Kräften, nebst Vorräten, in ein Kanu und schiebt ihn dann, in einer entsprechenden Strömung, aufs offene Meer hinaus. Soll er doch, wenn nicht von Dritten gerettet, kämpfen, das wollte er ja stets.


2

Ich habe mich entschlossen, in zwei gesonderten Abschnitten noch die Themen „Mythologie“ und „Sozial- und Liebesleben“ der InsulanerInnen zu behandeln. Dabei droht meiner Mythologie sicherlich der händereibende Vorwurf, mit ihr säße ich genau dem Größenkult auf, den ich sonst bei jeder Gelegenheit verdammte. Darauf erwidere ich: eine andere Mythologie ist gar nicht denkbar. Der Mensch wird sich immer verloren vorkommen, wenn er sich eines Tages in eine ihm völlig überlegene Welt geworfen sieht, deren Sinn ihm niemand verrät. Hier wird er Verzweiflung und Verkrüppelung nur durch die Erklärung vermeiden können, schließlich sei er an diesem Schicksal nicht schuld. „Finstere Mächte haben uns hier hineingestoßen“, sagt er dann zu Seinesgleichen, „aber das heißt ja noch lange nicht, daß wir das üble Riesen-Zwerge-Spiel auf Erden ebenfalls pflegen. Stimmt ihr mir zu?“ Die Mythologie der InsulanerInnen wurde Mark eines Tages von der jungen Insulanerin J. mit den folgenden Worten vorgestellt.

Es gibt zwei Welten, zwei benachbarte: eine feste und eine flüssige. Beide sind riesig, aber nur in der festen Welt leben Riesen. Gewitter zeigt eine Orgie der Riesen an. Ihre Weiber senden aus ihren Scheiden Blitze, um ihre Bereitschaft und ihre Standorte zu signalisieren. Darauf schlagen die Kerle ihre Penise an Bäume, daß es nur so donnert. Nun wissen die Weiber: aha, sie kommen.

In grauer Vorzeit standen da so ein paar Riesen zusammen auf einem Berg nahe der Grenze, blickten über das endlose Wasser und seufzten: „Mein Gott, das ist ja furchtbar, diese Einöde, da wird man ums Haar schwermütig, wenn man da immer draufgucken muß, ohne den geringsten freudigen Anhaltspunkt zu haben!“ Deshalb kamen sie überein, wenigstens ein bißchen Abhilfe zu schaffen. Der Stärkste von ihnen nahm einen Klumpen vom Berg und warf ihn mit aller Kraft hinaus, so weit er konnte. Aus diesem Klumpen erwuchs das, was du Insel nennst, mein lieber Mark. Und weil er den Klumpen vorher in seinen Atemstrom gehalten hatte, erwuchsen dem Klumpen wiederum das, was man möglicherweise Zwerge nennen könnte, obwohl es eigentlich überflüssig ist. Das waren also wir, die BewohnerInnen der Insel. Nun sind wir zwar durchaus keine Zwerge, aber es stimmt, unser Land ist klein. Deshalb warf damals eine Riesin eine Ovaríanuß hinter dem Klumpen her. Aus dieser Nuß sprießten dann die schönen und nützlichen Sträucher, die du ja inzwischen kennst und zu schätzen weißt. Indem sich unsere Männer und Frauen von Anbeginn der Ovaríanuß bedienten, wenn sie keine Kinder zu machen wünschten, blieb die Inselbevölkerung immer schön klein. Denn es wäre ja Wahnsinn gewesen, in einem fort Kinder aufs Land zu setzen, daß sie sich schon bald auf die Füße treten und um den letzten Bissen Hasenkeule oder die letzte Kartoffel prügeln.

Die Riesen schicken täglich die Sonne. Aus Dankbarkeit wurde ihnen deshalb vorzeiten ein hübsches Relief in jenen dir bekannten mächtigen Granitfelsen gehauen, der nach Osten geht. Abends holen die Riesen die Sonne immer wieder zurück, indem sie ihre Unterwasserangel einziehen. Das Relief soll den lachenden Reichtum der Insel andeuten, falls du es noch nicht erkannt hast, mein Schatz. Es muß aber wegen der Witterungseinflüsse regelmäßig aufpoliert werden, damit es weiterhin schön spiegelt und also von den Riesen gesehen und genossen wird. Dieser eher unaufwendige, aber nicht ganz ungefährliche Ehrendienst an der Reliefwand ist ausgesprochen beliebt. Er wird auch als Auszeichnung verstanden. Bei den halbjährlichen Bootswettkämpfen unserer Kerle wird er zuweilen als Preis vergeben.

Soweit J. zur Mythologie. Ich füge noch ein paar Bemerkungen zur Frage des Totenkultes und der Rechtspflege hinzu. Durch sie läßt sich nebenbei unterstreichen, daß sich die InsulanerInnen, Riesen hin und Riesen her, über das, was die abendländischen Philosophen mit Bierernst meist „Jenseits“ nannten, eher lustig machen. Sie haben nämlich gar keine nennenswerten Jenseitsvorstellungen. Wozu auch? Das Land ist gut, und einer Hölle bedarf es ebensowenig, weil just bei Lebzeiten gebüßt wird, falls jemand Unrecht tat. Die Hauptbuße besteht darin, das Unrecht wieder gut zu machen, soweit möglich, und weiterem Unrecht vorzubeugen. Prügel- und (aufwendige) Gefängnisstrafen gibt es nicht. Jeder Häftling würde sich in einem Gefängnis sowieso umgehend umbringen. Bei schweren Vergehen und Uneinsichtigkeit beziehungsweise Wiederholungsgefahr wird der Täter getötet. Dadurch wird unter anderem verhindert, daß er seine Anlagen vererbt. Hat er (oder sie) bereits Kinder, werden wohl auch diese getötet, aus demselben Grund, und nicht etwa wegen Sippenhaftung. Hinrichtungen haben, wie alles, nicht den geringsten sadistischen Zug.

Über das Jenseits, das Geschick nach dem Tode, läßt sich also nichts Genaues sagen. Dummerweise schließt das die Unkenntnis darin ein, ob oder was Leichen empfinden. Deshalb hat es sich, für alle Fälle, auf der Insel eingebürgert, die Leichen so kurz und schmerzlos wie möglich zu beseitigen. Sie werden mit brennbarer Flüssigkeit überschüttet und in ein prasselndes Feuer geworfen. Gedenkstätten gibt es nicht. Die aktuellen Toten werden auf den Vollversammlungen erwähnt, bis der nächste Insulaner gestorben ist.

Das Wort „töten“ kommt in der Inselsprache nicht vor. Für die Jagdbeute hat man ein anderes Wort. Ist es hin und wieder unumgänglich, einen Insulaner zu töten, wird ihm, schweren Herzens, „das Leben genommen“. So kam einmal ein Insulaner vor, der von Wahnsinn und Tobsucht befallen wurde. Nachdem er, gefesselt, drei Tage geschrieen hatte, entschloß sich der genervte Konsens, ihn zu töten. Das wurde mit allerlei Bitten um Entschuldigung und Büßmaßnahmen vergolten. Alles in allem dürfte sich freilich schon deutlich gezeigt haben: Wie sie von keinem König oder Kapitalisten beherrscht werden, stehen die SchweinsblaseninsulanerInnen auch nicht unter der Knute ihrer eigenen Ängste. Es sind „unverkrampfte“ und „gradlinige“ Leute, wie Mark sich einmal ausdrückte. Das dürften sie nicht unerheblich der Tradition ihres Sozial- und Liebesliebens verdanken.


3

Mit der völligen Gleichberechtigung der Geschlechter ist es noch lange nicht getan. Was zunächst über Bord geworfen werden muß, ist der Wahnsinn, den wir „Liebe“ nennen, und gleich anschließend gilt es, die Festung oder Folterkammer namens „Familie“ zu schleifen. Genau zu diesem Zwecke hatten einst viele 68er die Ärmel aufgerollt. Ihre Kraft bezogen sie aus Schriften von Bronislaw Malinowski, Margaret Mead, Wilhelm Reich, Charles Bettelheim, Erich Fromm, Reimut Reiche und dergleichen. Doch wer würde sich heute noch mit solchem Gedankengut befassen? Und sich gar von ihm anregen lassen? Nicht die Färberlaus siegte, aber Rotgrün.

Auf der Schweinsblaseninsel geht es freundlich und freizügig zu. Männer und Frauen vergnügen sich je nach Wunsch und Gelegenheit. Ob dabei auch nennenswert homosexuell verfahren wird, wie in der Antike oder im Mittelalter, könnte ich nicht sagen. Jedenfalls gibt es Herzenswärme und Gefallen aneinander, was grundsätzlich alle oder fast alle InsulanerInnen einschließt und zunächst nichts mit Sexualität zu tun hat. Wird diese aber gepflogen, sind selbstverständlich Verhütungsmittel im Spiel. Solche waren sowohl in der Antike und im Mittelalter wie bei zahlreichen Stammesgesellschaften bekannt, wie unter anderen Heinsohn/Steiger betonen.*

Gleichwohl sorgen die InsulanerInnen für regelmäßigen Nachwuchs. Sie zeugen Kinder, wenn es die Rate der Sterbefälle als angezeigt erscheinen läßt. Dafür sind Winke mit dem Zaunpfahl auf den Dorfversammlungen denkbar. Solche Winke werden am ehsten von Insulanerinnen aufgenommen, die „leicht“ gebären, womit sie anders veranlagten Insulanerinnen die Folter des Gebärens ersparen. In der Regel werden die Winke auch von mehreren Insulanerinnen gleichzeitig aufgenommen, damit das Säugen der Kleinkinder nicht zum einsamen und letztlich verheerenden Geschäft wird. Die uns vertraute Kleinkinderstube dürfte nämlich die entscheidende Wiege sowohl jenes Wahnsinns der „Liebe“ wie der Autoritätshörigkeit darstellen. Sie züchtet Verehrungstrieb und Unterwerfungssucht. Durch gemeinschaftliches Aufziehen wird dagegen vermieden, den Säugling an Mutter und Vater zu ketten. Nach Uschi Madeisky, die von den Mosuo aus Südwestchina berichtet**, lassen sich, etwas später, auf diese Weise sogar Trotzalter und Pubertätskrisen vermeiden. Das Kind wird befähigt, sich seine „Bezugspersonen“ nach Lust und Gelegenheit zu erwählen. Allerdings leben die chinesischen Bauern und Fischer in Großfamilien (Clanen) zusammen, dabei alle unter einem Dach, was mir beides nicht sonderlich schmeckt. Bei mir steht dem Kind grundsätzlich eine rund 100köpfige Dorfgemeinschaft zur Verfügung. Solange es Säugling und Kriechling ist, lebt es im Mütterhaus. Anschließend trennt es sich von den drei oder fünf Müttern und wechselt ins Kinderhaus.

Das Kinderhaus ist eine kunterbunte aufregende Sache. In der Regel dürfte es rund ein Dutzend Kinder zwischen drei und 13 Jahren beherbergen. HüterInnen des Hauses sind, bei monatlicher Ablösung, stets zwei Erwachsene, die auch in ihm übernachten. Sie stellen keine „ErzieherInnen“, vielmehr SchlichterInnen dar. Auf der Schweinsblaseninsel gibt es keine Erziehung. Nach einer wichtigen Grundeinsicht Hubertus von Schoenebecks*** haben wir Kindern Eigenverantwortlichkeit, Würde und Achtung nicht anders wie Erwachsenen zuzugestehen. Sie wissen schon, was sie wollen und was für sie gut ist. Wir Erwachsenen wissen es keineswegs besser. Wir haben nur die gröberen Machtmittel und die durchtriebenere Rhetorik. Die Achtung des kindlichen Willens bedeudet selbstverständlich nicht, daß wir ihm nicht öfter aus eigenem Interesse Grenzen setzen müßten. Die Konfliktbehandlung läuft hier nicht anders wie unter Kommunarden. Erfreulicherweise brandmarkt Von Schoenebeck auch den „Lernzwang“ in der herkömmlichen Schule. Dagegen stellt er die Familie nirgends mit auch nur einem Komma in Frage. Im Gegenteil, in einem seiner positiven Beispiele dürfen Schulkinder und ihr Lehrer begeistert „Hochzeit“ und „Ehe“ spielen. Ich schlage vor, Roy Black (im Artikel 92) singt dazu Ganz in Weiß ...

Heinsohn/Steiger scheinen Von Schoenebecks „antipädagogische“ Warte zu teilen, heben sie doch einmal, wenn auch am Rande, die geringe Ängstlichkeit der (zu ihrer Zeit noch immer weitgehend kollektiv aufgezogenen) israelischen Kibbuzkinder hervor. Sie beruhe auf der allgemeinen Wertschätzung, die ihnen im Kibbuz entgegengebracht werde. Auf der Schweinsblaseninsel werden die bereits genannten Häuser, das große Gemeinschaftshaus eingeschlossen, von einem Jugendhaus, einem Haus der Mitte und einem Altenhaus ergänzt. Jeder Dorfbewohner ist in einem dieser Häuser „stationiert“, mit einem Stammschlafplatz und persönlicher Habe. Die Grenzen sind jedoch fließend und durchlässig. Es gibt stets ein paar überzählige, eher kleine Schneckenhäuser, sodaß sich Leute, auch Paare und Zirkel, spontan zurückziehen können. Dafür gibt es eine „Besetzt“-Markierung. In den Schlafhäusern stehen lediglich „Teeküchen“ zur Verfügung, denn die täglichen Hauptmahlzeiten (morgens und frühabends) sind ja kollektive, im Gemeinschaftshaus stattfindende Einrichtungen, wie ich schon früher sagte. Wer für den Abend kocht, wird morgens auf den Arbeits- und Mußebesprechungen festgelegt, je nach Tagesprogramm der InsulanerInnen. Ich halte diese gemeinschaftlichen Mahlzeiten für wichtig. Nach dem intimen Gesauge an der „eigenen“ Mutterbrust gibt es doch nichts Schädlicheres als dieses uns wohlbekannte hamsterartige und neidvolle Bruzzeln, Hocken und Tuscheln an der je „eigenen“ Feuerstelle. Ehe und Familie müssen verabschiedet werden, weil sie Clandenken züchten, gruppenhaftes oder völkisches Zu- und Angehörigkeitsgefühl, halsstarriges Pochen auf das sogenannte Eigene. Sie sind die wesentlichen Brutstätten von Hader, Streit, Konkurrenz und Kapitalismus. Wahrscheinlich läge man nicht falsch, wenn man die sogenannte Kernfamilie als Keimzelle des Krieges in allen seinen Formen begriffe.

Das mag ja alles sein, höre ich die EinwerferInnen, aber den Kinderwunsch und die Liebe lassen wir uns nicht nehmen. Dazu sage ich, eure brennenden Kinderwünsche und eure glühende Liebe sind beides romantischer Ziegenkäse. Nach Heinsohn/Steiger war „der Kinderwunsch“ vor der Neuzeit hauptsächlich ökonomisch und damit gesellschaftlich begründet gewesen. Man legte es auf Erben, MitarbeiterInnen, AltenversorgerInnen an. Kinderwünsche, die turmhoch über die Triebe oder Träume eines Pavianweibchens und das Imponiergehabe eines Pavianmännchens hinausgingen, wurden belächelt, wenn nicht gar verhöhnt. Und so auch mit der Liebe. Zwar versichert Peter Farb****, selbst die vergleichsweise sehr primitiven WüstenbewohnerInnen Shoshone aus dem US-Südwesten hätten „die romantische Liebe“ durchaus gekannt, jedoch als „eine Art Wahnsinn“, der nur Jugendliche befalle, mit Nachsicht behandelt. Er gehe vorüber und mache dann dem Zweckbündnis Ehe Platz. Im gegenwärtigen Europa würde er jede Wette nicht vorübergehen, obwohl hier die Ehe nur noch nach Art der Potemkinschen Dörfer am Einstürzen gehindert werden kann. Das bereits angeführte „Kernige“ an ihr ist zu wichtig. Niemand wagt die glühende Kette des neuzeitlichen Liebesgestammels anzufassen, um sie endlich über Bord zu werfen. Angenommen, Sie nähmen sich einmal alle in den drei jüngsten Jahrzehnten veröffentlichten CDs vor und strichen sämtliche Liebes- und Liebeskummerlieder – Sie stünden vor einem Riesengebirge aus weitgehend leeren CD-Schachteln. Die Sache mit der Leere meine ich im Ernst. Für mich dient unser schöner Firnis vom Liebes- und Familienleben in erster Linie dazu, die Hohlheit unserer Köpfe, unserer sozialen Beziehungen und selbstverständlich auch unseres Erwerbslebens zu übertünchen. Er erspart uns das Erschrecken vor uns selbst.

Im ersten Kapitel erwähnte ich eine unglückliche Verliebtheit des Mark und einen sogenannten Traumfänger. Dieser besteht bei einigen US-Indianerstämmen meist aus einer kreisrund gebogenen Weidenrute mit einer Bespannung, die an ein Spinnennetz erinnert. Zusätzlich baumelt amulettartiger Schmuck am unteren Bogen. Über dem Bett hängend, soll dieses geweihte Gerät die guten Träume zum Schläfer oder der Schläferin durchlassen, die schlechten dagegen abfangen, wenn ich richtig verstanden habe. Ein solches Gerät bekam Mark von jener Angebeteten geschenkt, der seine Verehrung gar zu lästig war. Er hatte ihr versichert, sie sei wundervoll, er könne nicht ohne sie leben, er werde sie bestimmt auf Händen tragen, freilich nie zu anderen – Sie werden diesen Sermon zur Genüge kennen. Die junge Frau besprach den Traumfänger, den sie für Mark gebastelt hatte, mit dem Sermon und schärfte dem Gerät ein, dergleichen streng abzuweisen. Sie hingen diesen neuen Traumfänger gemeinsam über Marks Bett im Jugendhaus auf. Wenn er genug herausgefiltert habe, möge sich Mark bitte wieder bei ihr melden, sagte sie zu ihrem Verehrer, bevor sie zum Strand huschte. Sie war mit ein paar Leuten zum Muschelfang verabredet.

* Die Vernichtung der weisen Frauen. Studie über Hexenverfolgung und Menschenproduktion, ursprünglich 1985. Erweiterte Ausgabe München 1989.
** Frankfurter Rundschau, 3. Januar 2016
*** Kinder der Morgenröte, Norderstedt 2004
**** Man's Rise To Civilization / dts. Die Indianer, 1968 / 1988, S. 44



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