Samstag, 31. Dezember 2016
Doktor Dachs Teil 2

III

Der Dachs wird verhaftet

Lucy befühlte ihr Kreuz und richtete sich ächzend auf. Von dem vielen Bücken hatte sie Rückenschmerzen wie ein greiser Dackel. Und heiß war es auf diesem elenden Platz. Es gab nicht einen Baum. Schrottberge, wo man hinblickte. Sie machten den Platz zwangsläufig zum Backofen. Lucy zog ihre gestreiften Arbeitshandschuhe aus und fächelte sich damit etwas Luft zu. Vielleicht war ja bald Feierabend. Die Sonne näherte sich bereits den Fabrikschloten und Kirchtürmen, die hier den Horizont abgaben. Es war die Kreisstadt. Über 30.000 Einwohner, hatte Muffel gesagt; kaum zu glauben. Da sie erst gestern nachmittag einge-troffen waren, hatten sie noch nicht viel von der Stadt gesehen. Angeblich ...

Lucy zuckte zusammen. Das war er! Karl Muffel, der Platzwart! Er schnauzte in Lucys geplagtem Rücken: „Heh, heh, du Töle! Du bist hier nicht zum Däumchendrehen angeheuert worden. Noch ist kein Feierabend!“

Lucy zog schnell die Handschuhe an und bückte sich wieder nach den Blechen, Schienen oder Rohren aus Alu-minium, die sie aufzusammeln und in eine Gitterpalette zu werfen hatte. Dazu war sie hier. Der Dachs hatte sich nämlich höheren Aufgaben zugewandt. Als es frühmorgens in Karl Muffels Bude an die Aufteilung ging, hatte er sofort seine bekannte Leichtmetallallergie ins Feld geführt. Denn er war auf den Magnetkran scharf gewesen. Der Magnet-kran besaß einen Ausleger, der jeden Giraffenhals übertraf. Am Ende des Auslegers konnte der Magnet, groß wie ein Traktorenhinterrad, auf- und niedergelassen werden. Senkte sich der Magnet über einem Schrottberg, sprangen ihn die Eisenstücke wie rostrote Gemsen an. Das Alu-minium sprang nicht, weil es nicht magnetisch war. Deshalb hatte Lucy es aufzulesen.

„Na gut“, hatte Muffel zum Dachs gesagt. „Dann zeig mir mal deine Pappe.“

„Meine Pappe ..?“

„Na Mensch, du altes Stinktier: den Kranführerschein!“

„Ach so. Natürlich. Den Krantürenschein ... Wissen Sie, Herr Muffel, ich habe ihn gestern abend in die Desinfektionsanstalt gebracht, weil er zufällig in einen Hundehaufen gefallen ist, als ich mein Jackett auszog. So etwas kann einem nur in der Kreisstadt passieren!“

„So, so“, grunzte Muffel. „Na laß uns mal gucken. Von der Statur her scheinst du mir für den Magnetkran durchaus geeignet zu sein.“ Den Blick zu Lucy schwenkend, die er wohl für die magere Braut des Schmerbarts hielt, fügte er drohend hinzu: „Ich hoffe, Sie machen nicht überall hin!“

Lucy hätte den Dachs – einmal mehr – erwürgen können. Jetzt thronte er in seinem riesigen Führerhaus und lenkte und hebelte und schaltete, als sei schon sein seliger Großvater Dagobert Magnetkranfahrer (statt Lumpen-sammler) gewesen. Dabei übertönte er seinen eigenen Lärm, indem er „Ein Freund, ein guter Freund“ von den Comedien Harmonists pfiff. Neben dem Kranmotor lärmten ja auch die Schrottrauben, die jedesmal, wenn der Dachs den Magnetstrom über dem Güterwaggon weg-nahm, mit einem Poltern in den Laderaum fielen als wäre Gewitter.

Das Gewitter, das sie bei den Gugenstriegels am Waldrand verschlafen hatten, war peinlicherweise noch keine Woche her. Ihr fürstlicher Lohn fürs Kirschenpflücken war wie Saft unter ihren Pfoten zerronnen – viel Eigelb für den Dachs; etwas heiße Schokolade für Lucy. So führte kein Weg mehr daran vorbei, sich irgendwo zu verdingen.

Lucy zuckte erneut zusammen. Dieses Mal ging Muffels donnerndem Baß ein schriller Zweifingerpfiff voraus. „Ihr könnt die Fliege machen – Feierabend! Morgen um Sieben gehts weiter.“

Offenbar hatte auch der Dachs etwas gehört oder gewittert. Er steckte seine Nase aus dem Kranfenster und sah fragend zu Lucy hinüber. Sie winkte mit dem Daumen (ihres Handschuhs) auf Muffel; dann beschrieb sie mit flachen Händen mehrere Kreuze, was „Schluß“ heißen sollte. Der Dachs nickte lässig, stellte den Kran aus und hüpfte auf die Erde. Doch dann rieb er sich mit dem Pfotenrücken übertrieben den Schweiß von der Stirn, denn Lucy sollte nicht etwa denken, er hätte da oben seinen Spaß gehabt.

Die jähe Stille war fast eine Labsal. Jetzt hätte Lucy nur noch eine Dusche gefehlt, aber auf dem Schrottplatz gab es keine Dusche.

„Wir finden schon was“, sagte der Dachs. „In so einer riesigen Stadt wird es ja wohl noch eine Dusche geben.“

Sie gingen zu Muffel in die Bretterbude. Lucy legte ihre Arbeitshandschuhe auf den speckigen Schreibtisch. Der Dachs dagegen hielt Muffel seine geöffnete Pfote unter die Nase, verstülpte seine Lippen und klopfte mit dem rechten Fuß auf die Dielen.

Muffel verschränkte seine Fleischerarme und hob seine buschigen Brauen. Seine Nase sah wie eine in Rotwein eingelegte Sellerieknolle aus. „Irgendwas nicht in Ordnung, mein Junge?“

„Kohle her!“ sagte der Dachs.

„Ha, ha!“ prustete Muffel. Die ganze Bretterbude wackelte. „Das könnte euch so passen. Meint ihr, wir züchten hier Eintagsfliegen?“

Er beruhigte sich und steckte seine Knollennase wieder in die Bild-Zeitung, die vor ihm lag. Dabei grunzte er:

„Freitagabend. Eher nicht.“


2

Der Schrottplatz lag an einem holprigen Fahrweg, der unweit des Bahnhofs von der Durchgangsstraße abging. Vorn an der Ecke, hoch aufgepfählt, prunkte die Tafel Wir stellen ein: 2 erfahrene Schrotteure. Deshalb hatten sie Tinker gestern nachmittag aus dem stinkenden Getöse in den Fahrweg gelenkt. Nun gingen sie eilig an der benachbarten Heizölhandlung vorbei und tauchten in die Kleingartenkolonie. In deren Mitte buchtete sich der Fahrweg zu einem kleinen Platz aus. Dort hatten sie gestern abend – soeben von Muffel eingestellt – vertrau-ensvoll Halt gemacht. Welcher Trugschluß! Sie bekamen auf den beiden gepolsterten Innenbänken ihrer Kutsche kaum ein Auge zu, weil die SchrebergärtnerInnen den lieben Feierabend lang werkelten und Skat droschen, bis sie schlaftrunken oder besoffen umfielen. Es war eine Hölle aus Grillwurstgestank, Maschinenlärm und Blasmusik. Deshalb hatten sie sich geschworen, keine weitere Nacht in der Kleingartenkolonie zu verbringen. Immerhin hatte sich Tinker unterdessen nicht wenig schadlos gehalten, wie sie nun mit Erschrecken sahen: nämlich alle vom Platz aus erreichbaren Beerensträucher und Obstbäume mehr oder weniger angefressen.

„Himmel!“ rief der Dachs. „Gleich werden die Lauben-pieper einfallen. Wenn sie das sehen, machen sie mit ihren Bohrmaschinen Schweizer Käse aus uns!“

Lucy nickte ängstlich und spannte Tinker in Windeseile ein, obwohl sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Der Dachs fing die Leinen auf und legte Peitsche an. Nachdem sie die Klappleiter in den Radkasten geschoben hatte, konnte sich Lucy gerade noch in die rollende Kutsche hangeln. Sie sank auf ihr Roßhaarpolster und schlief nach Sekunden ein.

Nach scharfem Trab durch den Rest der Kolonie mußte der Dachs Tinker zügeln, weil er nicht wußte, ob links oder rechts. Sie waren auf eine Art gelber Backsteinbrücke gestoßen. Offenbar zog sie sich endlos längs der Kolonie. Sie hatte dereinst den Lokomotiven als Zufahrt zum Werkhof der Eisenbahn gedient. Die verrosteten Gleise auf der Brückenkrone waren längst von Kraut und Gestrüpp überwuchert. Die Bögen dagegen waren sämtlich zuge-mauert und mit zweiflügeligen Toren versehen worden. Längs der Brücke lief eine Gasse, die mit buckligen Basaltsteinen gepflastert war. Als plötzlich von rechts her ein anregendes Gackern an des Dachses Ohr drang, waren die Würfel gefallen. Hühner! Federvieh, das köstliche Eier legte, zog den Magnetkranfahrer Doktor Meingard Dachs stets am stärksten an.

Wie es aussah, wurden die Bogenbuden überwiegend als Werkstätten oder Ateliers genutzt. Darauf wiesen Schilder hin, auch standen einige Torflügel offen. Schreinermeister Ferdinand Daumenab hatte sich auf Einfassungen für Hängematten spezialisiert. Amanda Ruczika betrieb eine Clownerie. In einem grell erleuchteten Gewölbe sah der Dachs Autos stehen, unter denen Leute in ölverschmierten Ouveralls in tiefster Anbetung umherkrochen. Dafür stellte der Bildhauer Elmar Döhnerich Stahlplastiken her, wie über einem Tor zu lesen war. Allerhand, dachte der Dachs, der in der Magdeburger Börde aufgewachsen war: Jetzt haben sie schon Plaste aus Stahl erfunden!

Dann erblickte der Dachs ein großes Lieferauto, das vor einem geschlossenen Tor parkte. Er wollte sich gerade mit seiner Kutsche an dem Lieferauto vorbeiquetschen, als ihn dessen bemalte Seitenwand alarmierte. Da stürzten Leute, Kinder, Haustiere, die kleine leere Paletten aus Pappe schwangen, einmütig auf die Hecktür des Lieferautos zu. Über ihren wehenden Zöpfen oder Schwänzen war in großen Lettern zu lesen Klein und groß kommt angerannt, Jupp bringt Eier frisch vom Land! Sehr interessant, dachte der Dachs und hüpfte vom Bock. Jetzt hörte er auch wieder das Gackern, das offenbar aus der Brücke kam. Während ihm schon das Wasser im Mund zusammenlief, schlich er um das Lieferauto. Vielleicht konnte er das Tor einen Spalt öffnen, um hineinzuschlüpfen und zack! ein paar Eier aufzupicken.

Leider war die Torklinke ziemlich hoch angebracht. Der Dachs konnte sie nur durch einen Sprung erreichen. Er ging in die Knie, schnellte empor und umklammerte die Klinke mit beiden Pfoten. Zufällig wurde der Torflügel in diesem Augenblick von innen aufgestoßen. Dadurch klatschte der Dachs wie ein Sandsack gegen das Lieferauto und glitt an diesem ab. Zum Glück war es an der Fahrertür, sodaß der Dachs auf dem Trittbrett zum Sitzen kam. Er verschränkte rasch Arme und Beine und musterte die schönen gelben Backsteine der Brücke.

Aus dem Torspalt war ein dicker Mann mit Tirolerhut getreten. Er steckte in einem hellen Kittel. In seinem Rücken quoll das Gackern der Hühner aus dem Gewölbe. Jetzt machte er das Tor wieder zu, indem er den Torflügel mit seinem Hintern ins Schloß drückte. In seinen Händen trug er nämlich einen Stapel gefüllter Eierpaletten. Weil er ihn zusätzlich mit seinem rosigen Doppelkinn festhielt, hatte er den Dachs noch nicht entdeckt.

Nun erkannte der Dachs seine Chance. Er glitt vom Trittbrett, lief um die Front des Lieferwagens, zwängte sich zwischen diesem und der Kutsche zum Heck vor und kam gerade noch rechtzeitig, um dem Eiermann die Tür aufzuhalten.

„Na sowas“, sagte der Eiermann. „Das ist aber nett von Ihnen!“

Obwohl er kleine, listige Augen besaß, ging Gutmütigkeit von dem rundlichen Eiermann aus. Nachdem er seinen Stapel verstaut hatte, musterte er abwechselnd den Dachs und die Pferdekutsche, die neben seinem Lieferwagen in der Gasse stand.

„Ein hübsches Fahrzeug haben Sie da! Ihr Nadelstreifen-anzug wirkt allerdings ein wenig zerknittert; das deutet auf Sorgen. Und trotzdem sind Sie eigens vom Kutschbock gestiegen, um mir behilflich zu sein?“

Der Dachs nickte heftig, wobei er seinen nicht weniger schäbigen grauen Filzhut zog. „Genau so war es! Das Gebot der Nächstenliebe ließ mich meine Sorgen vergessen. Ergo fühle ich mich unbeschwert wie nie. Das ist das Geschenk an die, die schenken – wie meine selige Großmutter Mathilde zu sagen pflegte.“

Der Eiermann schmunzelte. Dann beugte er sich in sein Auto, nahm zwei Eier von der obersten Palette und überreichte sie dem Dachs.

„Das ist für Sie und Ihre Begleiterin, die ich da auf dem schönen schwarzen Lederpolster schlummern sehe. Sind Sie länger in dieser Gegend? Mir kommt da nämlich ein Gedanke, der Sie interessieren könnte. Ihr Pferdefuhrwerk wäre womöglich recht gewinnbringend einsetzbar. Nur kann ich mich im Moment nicht damit befassen. Der Kreistag gibt heute abend einen Empfang; die Köche warten auf meine lupenreinen Freilandeier.“

Der Dachs winkte mit dem Daumen über die Kolonie und erwiderte verdrießlich: „Wir schuften für Muffel auf dem Schrottplatz. Aber wir suchen noch ein ruhiges Plätzchen für unsere Kutsche. Die Laubenpieper sind ja zum Weglaufen. Sie hätten uns fast erwürgt.“

„Wenn's weiter nichts ist!“

Der Eiermann warf die Hecktür seines Lieferwagens zu und nickte in Fahrtrichtung: „Drei Bögen weiter gibt es eine Durchfahrt. Stellt eure Kutsche in Höhe meines Hühnerhofes unter die alte Pappel. Macht es euch auf meiner Terrasse gemütlich; in einer halben Stunde bin ich zurück.“


3

Jenseits der Brücke erstreckte sich ein verwildertes Rangiergelände, das einer mit Gebüschen und Gehölzen durchsetzten Pampa glich. Bunte Fingerhüte, an denen die Bienen ein- und ausschlüpften, ersetzten die Zugbimmeln. Die vielen verrosteten Gleise waren nur noch stellenweise zu sehen. Zum Glück lief ein Fahrweg durch das tückische Gelände, sonst hätte sich sogar Tinker seine dicken Füße gebrochen. Der Weg hielt sich in Steinwurfweite an den Verlauf der Brücke. Er führte sie tatsächlich zu einer frei-stehenden, mächtigen Pappel, die ihrer Kutsche Schatten bot. Nachdem sie Tinker ausgeschirrt hatten, machte er sich gleich über das Gras her, das ihm bis zum Bauch ging. Lucy angelte ihre Mundharmonika von der Polsterbank und steckte sie in die Fahrtenmessertasche ihrer kurzen, speckigen Lederhose. Der Dachs schob aufgeregt seinen Filzhut zurecht, ohne das Hühnergehege aus den Augen zu lassen. Es zog ihn natürlich magisch an.

Das Hühnergehege erstreckte sich in Bogenbreite von der Brücke aus bis zum Fahrweg. Das waren mindestens 50 Meter. Während sie es abschritten, hatte Lucy Mühe ein Verunglücken des Dachses zu verhindern. Überall lauerten ja Schienen, Weichen oder gar Schächte unter den Gräsern und Kräutern, doch der Dachs heftete seine gierigen Augen ausschließlich an den durchgescharrten, sandigen Boden des Geheges, in dem sich schätzungsweise über 200 Hühner tummelten. Nur ein Ei war nirgends zu entdecken. Der Dachs wußte nicht, daß die Hühner im Gewölbe eigens Legenester hatten.

Sie näherten sich der zugemauerten, gelben Backstein-brücke. Auf dieser Seite waren die Bögen mit einer Hinter-tür versehen, die jeweils von zwei Fenstern flankiert wurde. Jupps rechtes Fenster bot einen Durchschlupf für die Hühner. Zur Tür hin hatte er das Gehege ausgespart, wodurch sich unter dem linken Fenster ein kleiner Sitzplatz ergeben hatte. Er wurde von einem stattlichen Holunderbusch beschirmt, der schon die Brückenkrone streifte.

Der Dachs ließ sich erschöpft in einen verwitterten, ächzenden Korbsessel fallen. Während er die Hühner beäugte und dabei mißmutig mit allerlei gemurmelten Schimpfworten bedachte, spähte Lucy um den Holunder-busch. Sie hatte sich nicht getäuscht. Am Brückenpfeiler war ein Gestänge mit Brausekopf über einem Drehknopf angebracht. Als sie diesen betätigte, prasselte Wasser auf eine Holzpalette. Sie schlüpfte aus ihrer Lederhose und ließ sich von dem Guß das verschwitzte Fell durchspülen. Das Wasser spritzte nach allen Seiten.

Der Dachs konnte das Geräusch zunächst nicht einordnen, weshalb er seine Nase um den Holunderbusch steckte. Bevor er sie schleunigst wieder zurückziehen konnte, weil ihm schon der pure Anblick von Wasser Gänsehaut verursachte, bellte Lucy, da er ja ohnehin nicht dusche, könne er wenigstens ihren treuen Tinker tränken. Sie deutete mit dem Fuß auf einen Eimer, der bereits mit Wasser vollgelaufen war. Mit seiner Altersschwäche argumentierend, wies der Dachs ihr Ansinnen natürlich entrüstet zurück – nach dem Abendbrot ließe sich vielleicht darüber reden.

Lucy stemmte ihre Pfoten in die Hüften, während das Wasser über sie rann. „Nach dem Abendbrot? Na gut! Dann werde ich sofort zum Bahnhof rennen und an alle einheimischen Damen durchsagen lassen, zur Zeit werde die Kreisstadt von einem wasserscheuen Hamster unsicher gemacht, der sich Dr. Dachs nenne und bereits wie ein Harzer Käse stinke!“

Der Dachs stieß echte Fuhrknechtflüche aus, bückte sich nach dem vollen Eimer und trat den Weg durch die Pampa an.

Nachdem sie genug hatte, drehte Lucy den Wasserhahn zu und marschierte auf dem kleinen Platz immer hin und her, um sich von der Abendsonne trocknen zu lassen. Dabei spielte sie auf ihrer Mundharmonika einen Ragtime von Scott Joplin, den ihr einmal ein schwarzer Neufundländer beigebracht hatte. Der Kerl war in sie vernarrt gewesen. Jahre später beklagte er in einem Brief sein Schicksal, das ihn bei Heppenheim an der Bergstraße in ein Tierheim geführt hatte. „Du wärst gut beraten, liebe rote Lucy, dich rechtzeitig in die Gebirge Kurdistans abzusetzen!“ Er behauptete, dort hätten sich bereits etliche Partisaninnen zusammengerottet. Sofern Lucy ...

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, weil plötzlich die Hintertür aufflog. Ihr Gastgeber Jupp hatte sie mit dem Fuß aufgestoßen, trug er doch ein schwerbeladenes Tablett vorm Bauch. Er strahlte, als ginge in seinem Gewölbe der Mond auf.

„Bravo! Ein schmissiges Stück, das Sie da spielen! Ich werde später Beifall klatschen. Wir können sogleich einen Abendimbiß nehmen. Dahinten kommt auch schon Ihr Begleiter.“

Während Jupp den rohen Brettertisch deckte, verfiel der Dachs in Laufschritt, weil er unfehlbar Omelett gewittert hatte. Lucy dagegen sprang in ihre Lederhose. Es war ihr ziemlich peinlich gewesen, dem dicken Eiermann unbekleidet gegenüber zu stehen.


4

Das vorzügliche abendliche „Bauernfrühstück“, das der Landeiermann aus seiner Pfanne gezaubert hatte, war bald verputzt. Jupp holte neues Bier aus dem Kühlschrank und ließ sich dafür vom Dachs – den er inzwischen vertraulich Meingard nannte – gern die tollsten Heldentaten servie-ren. Lucy machte dazu heimlich schraubende Bewegungen vor ihrer Stirn, was der Eiermann jedesmal mit einem doppelten Augenzwinkern erwiderte.

Bald darauf erhielten sie Zuwachs. Zunächst schob sich ein baumlanger Mann um 30 neben Jupp auf die Bank unterm Fenster, den dieser als den Bildhauer Elmar Döhnerich vorstellte. Döhnerich leerte eine Flasche Bier auf einen Zug. Später tauchte auch noch Amanda Ruczika auf, die 50 Meter weiter die Clownerie betrieb. Im Gegensatz zu Frau Gugenstriegel, der Polsterin, war Amanda eine drahtige, geschmeidige Person, die von Lucy auf etwa 40 geschätzt wurde. Sie holte sich einen Schemel und ein Trinkglas aus Jupps Bude. Der Dachs versuchte ihr sofort zu imponieren, indem er mit einem Faustschlag die Tischkante als Bierflaschenöffner benutzte, um dann Amandas Glas mit einem eleganten Schwung zu füllen. Es quoll natürlich über: das schäumende Bier floß zum nächsten Astloch und ergoß sich von dort über Lucys frischgeduschte Füße. Sie rieb sie wütend an den nadelgestreiften Hosenbeinen des Dachses ab. Amanda nahm dem beschämten Dachs die Bierflasche ab und meinte lachend, daraus könne sie schon fast eine neue Nummer machen.

„Neue Nummer ..?“ stammelte der Dachs. „Ich dachte, Sie betreiben so etwas Ähnliches wie eine Drogerie, in der Sie irgendwelche Salben oder Pillen verkaufen ..?“

Jetzt lachten auch Jupp und Döhnerich schallend.

„Das ist gar nicht so dumm, mein lieber Doktor Dachs“, tätschelte ihm Amanda die Pfote. „Schließlich heißt es, lachen sei gesund, also gewissermaßen Arznei.“

Sie erläuterte ihm die Aufgaben und die Spezialisierungs-möglichkeiten eines Clowns. Sie selber trat vorwiegend mit Pantomimen auf. Da der Dachs auch bei dieser Bezeich-nung passen mußte, demonstrierte sie das Phänomen, indem sie aufstand, irgendeiner unsichtbaren Person ein Tuch umband und sich mit geübten Bewegungen des Kämmens, Schneidens und Glättens an deren Kopf zu schaffen machte.

„Aha!“ triumphierte der Dachs. „Sie frisieren da wen, der gar nicht da ist, weil er zum Beispiel Geld verdienen muß ... Zum Beispiel für den Frisör.“

Alles lachte.

Jupp nickte und pflanzte seinen wurstigen Daumen aufs eigene Brustbein. „Zum Beispiel ich. Von früh bis spät bin ich mit meinen Hühnern beschäftigt. Füttern, Roste säubern, Eier einsammeln, Eier ausfahren oder mir auf dem Markt die Beine in den Bauch stehen. Deshalb bin ich so untersetzt ...“

Jupp nickte erneut, nur noch betrüblicher, und lüftete wie zur Bekräftigung seiner Kurzleibigkeit seinen speckigen Tirolerhut. Er hatte eine Glatze.

Döhnerich tätschelte seinem Bank- und Brückennachbarn den Rücken. „Für einen, der Eier verkaufen will, hast du sicherlich den geeigneten Kopf ...“

Jupp blieb todernst, worauf die anderen umso ausgelassener lachten.

„Holla!“ rief der Dachs. „Jetzt fällt's mir wieder ein. Hast du nicht vorhin in der Gasse von einer Möglichkeit gesprochen, unseren Tinker zum Goldesel zu machen?“

Schon kam Bewegung in Jupp. „Die Sache ist so einfach wie wirkungsvoll“, sagte er aufgeräumt. „Samstags fahre ich mit meinem Lieferwagen immer auf den Wochen-markt, um meine frischen Landeier unter die Kreisstädter-Innen zu bringen. Aber was machen wir dieses Mal? Wir nehmen eure prächtige Pferdekutsche. Bieten wir nämlich meine Eier von dieser Kutsche aus feil, werden sie wie heiße Semmel weggehen. Das gibt die Attraktion des Wochenmarkts. Wie sich versteht, bekommt ihr euren Anteil, sodaß ihr auf Muffel vom Schrottplatz scheißen könnt. Abgemacht?“

Lucy und der Dachs schlugen natürlich sofort in die beiden Hände ein, die ihnen ihr Gastgeber entgegenstreckte. Das Glück, das sie schon bei den Gugenstriegels angetroffen hatten, ließ sie nicht im Stich.

Der lange Döhnerich befand, diese außerordentliche Vereinbarung müsse auch besonders begossen werden. Er habe noch eine Flasche köstlichen Schlehenlikörs in seinem Schrank. Wenn sie die kleine Konferenz zu ihm verlegten, könnten die Gäste auch gleich einen Blick auf seine Stahlplastiken werfen. Bier sei ebenfalls vorhanden.

Alle waren einverstanden. Während die anderen den Tisch abräumten, lockte Jupp die letzten Hühner ins Gewölbe. Die rote Abendsonne hatte sich bereits in den Fabrik-schornsteinen und Kirchtürmen verfangen. Während die Hühner verstummten, legte sich auf der Brückenkrone eine Amsel gerade erst ins Zeug.

Die Hühner nahmen den größten Teil von Jupps Gewölbe ein. In mehreren Regalen, die auch als Trennwände dienten, lagen ihre Legenester: ausgepolsterte Gefache, die über klappbare Trittbretter zu erreichen waren. Jupp selber hatte sich nur am linken Fenster einen Verschlag abgeteilt, in dem er schlief und kochte. Sein Klosettkasten stand frei im Stall. Mistete er aus, pflegte er den Kasten, der ohne Boden war, einfach kurz zu lüften.

Mit wenigen Schritten auf der Gasse erreichten sie Döh-nerichs Bude. Er hatte in beide Flügel seines Eingangstores große Bullaugen eingelassen, die ihm mehr Tageslicht gewährten. Trotzdem schaltete er jetzt seine Decken-leuchten ein. Mindestens ein Dutzend recht bizarrer Stahlplastiken, die den Dachs erheblich überragten, machten das weißgetünchte Gewölbe zum Irrgarten. Der Irrtum des Dachses von den „Plasten aus Stahl“ dagegen ließ sich nicht aufrechterhalten. Wie Döhnerich verriet, bezog er die meisten seiner überwiegend verrosteten Einzelteile just von Muffels Schrottplatz – durch ein Loch im Zaun. Darauf stießen sie mit der Likörflasche, die Döhnerich unterdessen aus einem Kleiderschrank gezogen hatte, zum ersten Mal an.

Döhnerich wollte von Jupps Gästen wissen, welche Plastik ihnen am besten gefalle. Der Dachs konnte sich nicht entscheiden. Vielleicht war er auch schon zu benebelt. Lucy dagegen deutete nach kurzer Musterung des Ateliers in eine Ecke, wo eine Art großer Sackkarre stand, in der eng aneinander zwei etwa mannshohe Stahlflaschen lehnten. Die eine war gelb, die andere blau lackiert. Ein Gurt hinderte die beiden Flaschen – Gas und Sauerstoff – am Herausfallen oder am Flüchten. Döhnerich pflegte an diesen Flaschen die beiden Schläuche seines Schweiß-brenners anzuschließen. Freilich wußte das Lucy nicht.

Jupp gluckste bereits wie seine Hühner, während er auf das von Lucy erwählte „Kunstwerk“ glotzte. Dann fiel auch bei Döhnerich der Groschen. Er legte schmunzelnd seinen Arm um die geschmeidige Pantomimin Ruczika und sagte mit einem Nicken zu der Flaschenkarre mit der Bauchbinde:

„Wirklich – eine überzeugende Warnung, oder findest du nicht ..?“

Sie schmiegte sich kichernd an ihn. Jupp ließ erneut die Likörflasche kreisen. Lucy war hell genug, um sich über ihren unbeabsichtigten Lacherfolg zu freuen.

Dagegen bekam der Dachs nicht mehr viel mit. Jupp und Lucy hatten Mühe, ihn am Umfallen zu hindern. So ließen sie das Liebespaar lieber allein und schleiften den Dachs kurzerhand gemeinsam durch die Pampa zur Kutsche, wo sie schnaubend von Tinker begrüßt wurden. Über den Dachfirsten jenseits der Pappel lag das Abendrot. Lucy dankte Jupp für alle Mühen – doch er setzte gleich noch eins drauf. Er werde die beiden Kutscheninsassen morgens um Sechs wecken und zum Frühstück abholen. Schließlich stehe ihnen wieder ein harter Muffel-Tag bevor.


5

Die große Stunde des Dachses kam am frühen Nachmittag. Er war inzwischen ernüchtert worden. Als sie sich zur Mittagspause unter den Güterwaggon hockten, weil dort Schatten war, knurrte er kleinlaut, auf die Dauer sei das Magnetkranfahren ein folternder Stumpfsinn; man fühle sich wie gerädert und habe nur noch Schrott im Kopf. Lucy nickte. Mit dem Aluminiumaufsammeln hatte sie wohl doch das leichtere Los. Sie hielt dem Dachs eine Stulle aus dem Freßpaket unter die Nase, das ihnen Jupp mitgegeben hatte. Eine Thermosflasche, die kühlen Pfefferminztee mit Zitrone enthielt, war ebenfalls vorhanden. So schöpfte der Dachs wieder Zuversicht. Schmatzend und rülpsend malte er Lucy die „Attacken und Zitronen“ des kommenden Wochenmarktes aus. Er ließ die Pferdekutsche beben. Jupp machte den Marktschreier; Lucy spielte mit ihrer Mundharmonika zum Tanze auf; der Dachs in seinem Nadelstreifenanzug jonglierte mit drei Eiern gleichzeitig, die er hin und wieder mit seinem Filzhut auffing, um sie dem staunenden Publikum ohne den kleinsten Kratzer zu präsentieren. Das Publikum riß sich um ihre Eier. Doch keine 20 Minuten und sie wurden von Muffels schrillem Zweifingerpfiff erneut an die Arbeit gescheucht.

Das Gleis in den Schrottplatz war ein Sackgleis. Der Prellbock, vor dem der Güterwaggon stand, berührte fast die Mauer zum Nachbarhof. Hier machte sich der Dachs gerade mit seinem Magnetkran zu schaffen, als er den Brennstoffhändler erblickte. Der Dachs grinste schaden-froh, denn der linke Arm des Brennstoffhändlers steckte in einer Schlinge, die er um den Hals trug. Für einen Landwirt, der Heuballen verkauft, hätte der Dachs schon eher Mitgefühl aufgebracht. Der Brennstoffhändler strebte auf seine Limousine zu, die nahe der Mauer im Schatten der Öltanks stand. Offenbar hatte er gerade sein Bürohäuschen verlassen. Mit dem rechten Arm drückte er eine hohe, rechteckige Blechbüchse an sich, wie man sie aus Teegeschäften kennt. Um die Wagentür öffnen zu können, schob er die Büchse kurzerhand aufs Dach der Limousine. In diesem Augenblick tauchte in der Tür des Bürohäuschens eine Frau auf, die über den Hof rief:

„Albert – das Fax von Herrn Lodenbrink ist eingetroffen!“

Offenbar war das Fax wichtig, denn der Brennstoffhändler machte auf dem Absatz kehrt. Vielleicht wollte er es auch sofort beantworten. Die Frau war vermutlich in der Tür erschienen, weil die Fenster durch Jalousien verschlossen waren, die die grelle Mittagssonne abhielten. Die beiden verschwanden im Büro.

Euch werden wir einen Streich spielen! dachte der Dachs, während er bereits den Ausleger seines Magnetkrans über die Mauer schwenkte. Er ließ den Magneten über dem Dach der Limousine ab. Der schwere Wagen bäumte sich dabei sichtbar auf – doch nur die Blechbüchse schoß dem Magneten in die Fänge. So ließ der Dachs den Magneten kichernd wieder hochschnurren, schwenkte den Ausleger über die Mauer zurück und gab Gas, um ans vordere Ende des Güterwaggons zu kommen.

Lucy hatte die Aktion des Dachses mit einiger Verblüffung vom Schrottberg aus verfolgt. Zum Glück war Muffel außer Sichtweite. Der Dachs ließ die Blechbüchse fallen, fuchtelte aus dem Führerhäuschen und forderte Lucy mit unter-drückter Stimme auf, das Ding zu verstecken, ehe es ver-mißt werde. Dann wandte er sich wieder der ordnungs-gemäßen Beladung des Güterwaggons zu.

Wenig später war auf dem Nachbarhof der Teufel los. Danach schien die Büchse nicht nur Tee oder Kekse zu enthalten. Der Brennstoffhändler fluchte wie ein Kanal-arbeiter, brüllte seine Frau oder Geliebte an und stellte mit ihr gemeinsam den ganzen Hof auf den Kopf, bevor er sich in seine Limousine warf, um den Büchsendieb vielleicht außerhalb zu ergreifen. Der Dachs hörte sich diesen unge-ahnten Tumult stirnrunzelnd an, während er geflissentlich ein normales Verladegeschäft vorzutäuschen suchte. Hin und wieder winkte er Lucy, die längst verunsichert aufgehorcht hatte, mit einer Pfote „Auweia! Auweia!“ aus dem Führerhäuschen zu. In welches Wespennest hatte er da gestochen? Immerhin tauchte der wutentbrannte Brennstoffhändler nicht zwischen den Schrottbergen auf. Und im Maße, wie der Tumult verebbte, begann der Dachs dem Feierabend entgegenzufiebern.

Verständlicherweise zerbrach er sich dabei ein ums andere Mal den Kopf darüber, was wohl der Inhalt der erbeuteten Büchse sei. Allerdings sah er auch das Problem, die Büchse erst einmal vom Schrottplatz zu schmuggeln, ohne den Verdacht Muffels oder gar des Brennstoffhändlers zu erregen. Doch die Lösung fand sich rasch in Gestalt eines alten Müllsackes. Lucy schlich zum Zaun und ließ das Paket in eins der Gebüsche gleiten. Mit leeren Händen draußen angekommen, brauchten sie sich die eingewik-kelte Büchse nur noch unter den Arm zu klemmen. Das kennt man schließlich von abgerissenen Figuren, daß sie irgendein Stück Müll mit sich führen. So gestaltete sich ihr Abzug vom Schrottplatz reibungslos.

Sie gingen durch die Kleingartenkolonie und die Bogengasse. Unter dem Arm des Dachses prickelte die getarnte Büchse. Er nutzte den 10minütigen Fußmarsch zu Jupps Bogenbude, um Lucy mit seinen Mutmaßungen über den Inhalt der Blechbüchse vertraut zu machen. Lucy beschränkte sich auf kurze Kommentare.

„Mit Brennstoff will er handeln?“ tippte sich der Dachs überlegen an die Schläfe. „Wer weiß, ob das nicht lediglich ein Deckmantel ist. In Wahrheit betreibt er Pornohandel. Die Büchse ist mit Nacktfotos der übelsten Sorte vollge-stopft. Sex von hinten, Sex mit Kindern – ja, es würde mich nicht wundern, wenn sogar schwarze Neufundländer im Spiel wären. Doch mein kühner Raub der Büchse machte ihm einen Strich durch die schändliche Rechnung. Jetzt muß er natürlich vor Enthüllung und mindestens 10 Jahre Knast zittern. Und wer ihn in diesem Fall zur Strecke gebracht hätte, wäre Doktor Meingard Dachs. Der scharf-sinnige Doktor wird als Schrecken der Unterwelt in die Geschichte eingehen!“

„Oder als geiler Bock“, warf Lucy ein.

Der Dachs hob nur verächtlich die Brauen, bevor er zu alternativen Erwägungen kam. „Sollte die Büchse nicht mit Nacktfotos vollgestopft sein, dann vielleicht mit Dokumen-ten, die eine Korruption belegen. Gegen die Zusage, allen Mehldorn auszurotten, hat der Brennstoffhändler das stillgelegte Rangiergelände von der Bahn AG für einen Apfel und ein Ei bekommen. In Wahrheit steckte ihm Stadtbaurat Soundso, das ganze Gelände werde in Kürze als Bauland ausgewiesen. Folglich wird der Brennstoff-händler die Tochter des Stadtbaurates an einer Firma beteiligen, die das Gelände in einen gewinnträchtigen 'Freizeitpark' verwandelt. Neben der Ansiedlung von McDonalds ist da nicht viel zu tun. Sie legen die über-wucherten Schienen einschließlich Drehscheibe frei, kaufen ein Schock Draisinen und lassen das zahlende Publikum durch eine unverfälschte Wildnis inmitten der Stadt gondeln. Was hälst du von dieser Vision?“

„Klasse! Wahrscheinlich werden auch Stinktiere in Nadel-streifenanzügen ausgesetzt, die die Draisinen-Aufsassen erschrecken müssen.“

Jetzt gab sich der Dachs empört. „Ich werde dich gleich in ein Sieb verwandeln! Die Büchse verbirgt nämlich ein besonders kurzläufiges Schnellfeuergewehr – eine Zwerg-maschinenpistole. Damit hat der Brennstoffhändler vor kurzem einen anderen Brennstoffhändler ...“

„Unfug!“ unterbrach ihn Lucy, die ja die Büchse nach dem Diebstahl eigenhändig versteckt hatte. „Dafür ist die Büchse viel zu leicht ... Was sagen denn Herr Doktor, wenn sie tatsächlich nur Tee enthält? Oder gar nur Luft?“

„Ha!“ konterte der Dachs. „Nur Luft – so ein Quatsch! Luft ist immer außen. Was innen ist, nennen die PhysikerInnen Vacuhm. Aber da hat das Fräulein leider mal wieder im Unterricht gepennt, als das Vacuhm dran war. Ein gewis-ser Neufundländer hatte ihr kein Stündchen Nachtschlaf gegönnt ...“

„Vacuhm? Sagtest du Vacuhm?“

„Ja, sicher, du dumme Kuh: Vacuhm!“ rief der Dachs und stürmte Jupps Bude.


6

Jupps Augen waren binnen weniger Sekunden groß wie Hühnereier geworden. Sie saßen am Gartentisch. Wie sich versteht, enthielt die Blechbüchse, die der Dachs stürzte und schüttelte, weder Luft noch ein Vacuum. Sondern was auf die Bretter rutschte, waren lauter Bündel aus Geldscheinen.

Als die Büchse nichts mehr hergab, brachen sie einmütig in Jubel aus und vollführten ein Tänzchen um den Tisch. Selbst die Hühner im Gehege kamen gackernd zum Maschendraht gerannt. Da es sich ausschließlich um 50-Euro-Scheine handelte, mußten Tausende von Euros auf Jupps Gartentisch liegen – ein ganzer Magnetkran vielleicht!

„Holla!“ rief der Dachs, zupfte einen Fünfziger vom Tisch und scherte aus dem Rundtanz aus. „Das müssen wir angemessen begießen!“

Schon stürzte und flog er durch die Pampa Richtung Pappel, um Tinker anzuspannen und zum nächsten Supermarkt zu jagen. Dort kaufte er gleich einen ganzen Karton mit sechs Flaschen Qualitätswein von der Rebsorte Morio Muskat.

Lucy nutzte die Unterbrechung, um Amanda und Döhnerich herbeizuholen. Die Clownin war allerdings nicht zu Haus, weil sie in der Volkshochschule einen Abendkurs zu geben hatte. Dem Bildhauer kündigte Lucy eine Überraschung an, die seine kühnsten Träume von Künstlerförderungen übertreffen würde. Döhnerich kam gerne mit.

Jupp hatte es inzwischen für ratsam gehalten, die Bank-notenbündel wieder in die Büchse zu stopfen und den Deckel zuzudrücken. Jetzt holte er Gläser und Salzstangen aus seiner Bude. Bald darauf schob der schnaufende Dachs die Weinkiste auf den Tisch. Jupp schenkte ein. Döhnerich staunte nicht schlecht, als er einen Blick in die Blech-büchse werfen und die Geldscheinbündel sogar befingern durfte. „Voll bis auf den Grund!“ versicherte ihm der Dachs und griff nach seinem Weinglas, um den gleichen Zustand zu erreichen.

Lucy machte die Büchse rasch wieder zu. Der Gedanke an unangekündigte Kunden, die mal eben ein paar Eier von Jupp verlangten, bewog sie sogar dazu, die Büchse vor-sichtshalber unter der Sitzbank zu verstauen. Döhnerich öffnete und schloß zu diesem Zwecke bereitwillig seine von abgeschabten, schwarzen Zimmermannshosen umflat-terten Beine. Unterdessen malte der Dachs dem Bildhauer seinen großartigen Fischzug auf dem Schrottplatz in den grellsten Farben aus. Döhnerich fragte sich allerdings bald, wofür der Brennstoffhändler eine derart große Summe an Bargeld benötige. Das roch nach einem faulen Geschäft – einmal davon abgesehen, daß des guten Dachses Fischzug unzweifelhaft ein Diebstahl gewesen war.

Auch Jupp war inzwischen wegen ähnlicher Erwägungen etwas mulmig zumute geworden. Das Gefühl verstärkte sich, als er um seine Bude gewisse Truppenbewegungen wahrnahm. In der Pampa tauchten hier und dort Polizei-uniformen auf, die offenbar näherrückten. Ein Rascheln ließ ihn auch zur Brückenkrone hinauflinsen. Dort schob sich gerade ein Gewehrlauf aus dem Holunder, wie ihm ein Abglanz der Abendsonne zeigte. Von der Gasse her drang unterdessen das leise Dudeln eines Funkgerätes an Jupps rotes Ohr.

Plötzlich ruckte sein spiegelnder Kopf wie alle anderen Köpfe zur Hintertür. Während die Hühner davonstieben, brach ein hechelnder und jaulender Schäferhund aus ihr. Sein Führer, ein junger, stämmiger Polizist in kurzärm-ligem Sommerhemd und kugelsicherer Weste, konnte ihn nur unter Mühen davon abhalten, sich statt der Hühner den fetten Dachs vorzunehmen. Das Knurren von dem Hündchen in der kurzen Lederhose ignorierte der Polizeiköter.

Hinter dem Hundeführer war ein älterer Zivilist im Staubmantel erschienen. Er lüftete seine Baskenmütze und sagte: „Wünsche einen schönen Abend, meine Damen und Herren. So ein Schnurrbart unter Ihnen hat soeben den hübschen Wein eingekauft, den Sie da vor sich stehen haben. Ich nehme an, das waren Sie ..?“

Der Kommissar hatte den Dachs ins Auge gefaßt. Dieser wurde immer kleiner und schmäler; am liebsten hätte er sich in eine Ameise verwandelt, um die nächste Mauerfuge aufzusuchen. Jetzt setzte der Kommissar ein ermunterndes Lächeln auf und unterstrich es, indem er mit einem 50-Euro-Schein, den er aus der Manteltasche gezogen hatte, vor des Dachses Nase wedelte:

„Wo haben wir denn dieses druckfrische Scheinchen gefunden ..?“

Die Kassiererin im Supermarkt hatte Unheil gewittert und den Schein von der Fillialleiterin prüfen lassen. Diese rief sofort die Polizei an, weil er gefälscht war. Den Weg der Pferdekutsche zurückzuverfolgen, war natürlich ein Kinderspiel gewesen.

Inzwischen hatte der riesige Schäferhund seinen Führer nahe genug zum Gartentisch gezerrt, um unter der Sitz-bank schnüffeln zu können. Obwohl Döhnerich furchtlos seine schweren Arbeitsschuhe ins Gras stemmte, jaulte der Köter triumphierend auf und stieß die Blechbüchse hervor. Da der Deckel absprang, kullerten einige Banknotenbündel ins Gras. Der Kommissar nickte nur befriedigt und grunzte:

„Alles Blüten!“

Während Lucy auf ihren Korbsessel stieg, um den zottigen Köter zu beschimpfen, beeilte sich Döhnerich, der keine Angst vor Schäferhunden hatte, das Geld wieder aufzuklauben und dem Kommissar die Büchse mit einer entschuldigenden Verbeugung zu überreichen. Der nahm sie, wandte sich wieder zum Dachs und fuhr ihn jäh an:

„Wo hast du den ganzen Zaster her?!“

Der Dachs äugte teils furchtsam, teils trotzig umher – und schwieg. Patriarchalisch, wie er erzogen worden war, konnte er keinen Fehler eingestehen, also in diesem Fall einen schnöden Blechbüchsendiebstahl. Was Jupp und Döhnerich anging, mischten sie sich lieber nicht ein, weil ihre Geschäfte auch nicht völlig sauber waren. Im Moment wußten sie nicht, wie dem Dachs zu helfen sei. Lucy behielt der Einfachkeit halber ihre Beschimpfung des Polizeiköters bei; sie wurde ja ohnehin nicht für voll genommen.

„Also gut“, sagte der Kommissar schneidend und bedeutete dem Dachs durch ein Nicken, sich gefälligst aus dem Korbsessel zu erheben. „Wir haben Zeit und zudem auf der Polizeistation noch jede Menge Platz.“

Er ging zum Dachs, bog ihm die Pfoten auf den Rücken, zog etwas Blinkendes aus der Manteltasche und ließ es über den Handgelenken des Dachses zuschnappen:

„Begleiten Sie uns bitte, Sie sind verhaftet.“


7

In der Bogengasse hing noch das große Wehklagen, das der Dachs angestimmt hatte, als er unsanft in ein kastenför-miges Polizeiauto mit vergitterten Fenstern verfrachtet worden war. Sein Jammern wurde kongenial von einem im nächsten Pampagehölz wohnenden Fitis ergänzt. Die Sonne war bereits hinter den Dachfirsten verschwunden. Am Gartentisch zerbrachen sie sich die Köpfe, wie der Dachs den Fängen der Staatsgewalt zu entreißen sei. Sie waren wieder zu viert, weil Amanda Döhnerich vermißt und deshalb Jupp aufgesucht hatte. Gerade ihr kam nun auch die rettende Idee. Nachdem sie ihren Plan erläutert hatte, atmeten die anderen erleichtert auf und wandten sich den restlichen Weinflaschen zu. Für diesen Tag war ohnehin nichts mehr auszurichten.

Am nächsten Vormittag erschien Döhnerich im Büro des Kommissars. Er selber habe die Blechbüchse in der Pampa bei der Schrottsuche gefunden und daraufhin seinen Freunden gezeigt. Er habe die Büchse sofort erkannt, stand sie doch schon im Büro des Brennstoffhändlers hinter der Zimmerpalme, während er zwei Flaschen mit Gas und Sauerstoff bezahlte. Der Kommissar werde zugeben, die Büchse sei unverwechselbar. Er habe möglicherweise Lust, dem Brennstoffhändler einmal auf den Zahn zu fühlen. Zu diesem Zwecke den zottigen Köter von gestern abend mitzunehmen, sei bestimmt kein Fehler.

Tatsächlich entpuppte sich der Brennstoffhändler als jener Geldfälscher großen Stils, nach dem schon seit Monaten gefahndet worden war. Am dritten Tag legte er ein Geständnis ab. Für seine Beteuerung, die Büchse sei ihm dreist vor der Nase weggestohlen worden, hatte er weder Zeugen noch fand sie der Kommissar irgendwie erheblich. Als dieser den irrtümlich verhafteten Dachs aus seiner Zelle holen ließ, hätte der arme Doktor fast durch die Gitterstäbe gepaßt. Der Kommissar schickte den über-stellenden Polizisten sofort ins nächste Feinkostgeschäft. Dann ließ er es sich nicht nehmen, den Dachs mitsamt der riesigen Wachtelleberpastete eigenhändig in die Bogengasse zu fahren.

Die Freude bei Lucy und ihren neuen Freunden Jupp, Amanda und Döhnerich war natürlich groß. Sie steigerte sich zum Jubel, als der Kommissar einen ausgefüllten Scheck auf den Gartentisch flattern ließ, bevor er wieder verschwand. Er lautete auf 10.000 Euro. Der Kommissar schob sich seine Baskenmütze zurecht und sagte lächelnd:

„Das ist die Belohnung, die für sachdienliche Hinweise zur Ergreifung des Geldfälschers ausgesetzt worden war. Sie gehört euch.“



IV

Lucy und das Putzmobil

Die vorbeiziehende Hügellandschaft erinnerte Lucy schmerzlich an das Farbfoto von einem majestätischen Segelschiff, das die Gugenstriegels auf ihrem Klosett ange-pinnt hatten. Das waren noch Kirschenzeiten gewesen. Jetzt lag Schnee, weshalb sich Tinker nur noch bruch-stückhaft von der Gegend abhob. Da Lucy kutschieren mußte, froren ihr bald die Pfoten ab, die nur in dürftig gefütterten Arbeitshandschuhen aus billigem Leder steckten. Die hatte sie auf Muffels Schrottplatz mitgehen lassen – während die viele Kohle, die sie durch Verbrecherjagd verdient hatten, längst zerronnen war. Den winterschläfrigen Dachs focht es natürlich wenig an, bei seiner Schwarte. Er schnarchte in ihrem Rücken so ohrenbetäubend, daß sich immerhin auf dem Faltdach kein Schnee hielt. Lucy behalf sich mit herabgesetzten Schokoladenweihnachtsmännern aus dem Supermarkt, während Tinker seit Tagen Heu aus Rehraufen fraß.

Beide schöpften Hoffnung, als sich die Landstraße in ein altes Städtchen senkte. Drei Sandsteinbrücken über-spannten einen Fluß, auf dem ein paar Eisschollen trieben. Jenseits des Flusses stiegen die Häuser wieder zu einer ziemlich mächtigen Kirche an. Der Bahnhof schien unmittelbar am Fluß zu liegen. Vielleicht waren sie ja in Dreibrücken gelandet. Lucy brachte Tinker in Höhe des gelben Ortsschildes recht unvermittelt, wenn auch mit Arglist zum Stehen. Prompt flog der schnarchende Dachs von der hinteren Polsterbank auf die vordere, worauf er verdattert seine Schnauze unter dem Faltdach hervorschob.

„Guten Morgen“, sagte Lucy und deutete mit der Peitsche auf das Schild. „Wo sind wir denn hier?“

Mißmut“, knurrte der Dachs.

„Ich wollte nicht hören, daß du schlechte Laune hast, weil du dir einbildest, ein artgemäßes Anrecht auf ungestörten Winterschlaf zu haben. Das weiß ich auch so.“

„Unfug!“ fuchtelte der Dachs nach vorn. „Das Kaff heißt so. Die haben hier den bekannten Billardclub: Aue Mißmut. Das weiß doch jeder!“

15 Meter weiter stand allerdings noch ein Schild, das unter anderem das Pictogramm einer Kirche zeigte. „Und was steht auf dem weißen Schild?“

Gottesdienst sonntags 10 Uhr.“

„Ach!“ sagte Lucy interessiert. „Da sollten wir uns gleich mal nach dem Tag und der Uhrzeit erkundigen.“

„Pah!“ erwiderte der Dachs verächtlich.

Er kletterte endlich auf den Kutschbock und zückte sein linkes Handgelenk so prahlerisch, daß Lucy fast einen Kinnhaken eingesteckt hätte.

„Sonntag 27. Januar 9 Uhr 57 und 23 Sekunden“, las der Dachs von seiner neuen Armbanduhr ab. „Wahnsinn.“

Der Dachs hatte sich von ihrem Anteil an der erwähnten Belohnung – den Rest hatte der Eiermann an seine beiden Künstlerfreunde abgetreten – diese sündhaft teure Arm-banduhr gekauft. Sie war aus Platin, diente auch als Wek-ker und Stoppuhr und mußte nie aufgezogen werden. Bei den Pfoten des Dachses empfahl sich das auch. Inzwischen hatte er seine Stirn in Falten gelegt und starrte zum Kirch-turm. Dessen verschneite Haube ähnelte einer Bäcker-mütze. Der Dachs stieß Lucy an:

„Hörst du etwas?“

„Was soll ich denn hören?“

„Glocken“, erwiderte der Dachs selbstgefällig. „Findet um 10 der Gottesdienst statt, müssen fünf Minuten vorher die Glocken läuten. Das ist schon immer so üblich. Wir hatten unseren Religionsunterricht bei einem Kolkraben, der uns das alles erzählt hat.“

„Vogelgeschwätz“, gab Lucy verächtlich zurück. „Und was schließt du aus deiner sensationellen Beobachtung?“

„Daß es in dieser Kirche nicht mit rechten Dingen zugeht! Wir könnten ja einmal kurz vorbeifahren um nachzusehen. Sollte alles in Ordnung sein, hat die Frau Pfarrer vielleicht ein Herz und steckt uns ein paar Klappstullen zu ...“


2

Die mächtige Kirchentür aus Eiche besaß zwei abgerundete Flügel. Links oben stand Aue, rechts oben Mißmut auf der Tür. Unter dem Namen waren zwei gekreuzte Stöcke zu sehen, die ein großes X bildeten. Als sie mit vereinten Kräften den rechten Türflügel aufzogen, wurde das X genau in der Mitte senkrecht geteilt. Da der Eingang im untersten Geschoß des Turmes lag, hatten sie noch eine weitere Tür zu bewältigen. Sie war sogar verglast, aller-dings über Huthöhe des Dachses. Dann standen sie staunend in einem riesigen, vor allem hohen Saal, in dem sich tatsächlich etliche BillardspielerInnen tummelten. Wegen der Raumwucht erinnerten sie ein wenig an Zierfische, steckten die meisten doch in weißen Hemden und blauen Westen.

Die oval wirkende Mißmuter Stadtkirche hatte sage und schreibe drei umlaufende Emporen und eine Decke, die als Himmelskuppel ausgemalt war. Der Fußboden glänzte mit Intarsien aus reinstem Marmor verschiedener Farben. Irgendein Kirchengestühl gab es nicht. Stattdessen waren sechs Snookertische zu sehen, die hufeisenförmig zum ehemaligen Altar hin angeordnet waren. Unter den Emporen standen vergleichsweise winzige, runde Tische wie in Eisdielen. An mehreren Snookertischen wurde gespielt. Andere Leute tranken Milchkaffee, lasen Zeitung oder unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Hin und wieder gab es auch einen Knall, weil jemand eine Rote oder Bunte mit einem scharfen Rückzieher versenkte. Das Klima in dieser ehemaligen Kirche roch nach Höflichkeit und unangespannter Konzentration.

Der Dachs rieb sich den letzten Schlaf aus den Augen, gähnte, klopfte seine Anzugtaschen ab und nickte auf die Bar, die im Chorraum anstelle des Altars zu sehen war:

„Irgendwo müßte ich noch ein paar Centstücke haben, Lucy. Laß uns mal fragen, was hier der Espresso kostet.“

Die Bar wurde von einem jungen, drahtigen Mann betreut, der seine schwarze Mähne mit gespreizter Hand nach hinten zu rechen pflegte. Sein Espresso war ähnlich feurig wie er selbst. Lucy hielt ihn zunächst für einen arbeitslosen Filmschauspieler, bis er ihnen verriet, er sei der Sohn des Küsters. Moritz Stuppach hieß der Sohn.

„Sehr interessant“, sagte der Dachs mit vorsichtigem Nicken. Er hielt sich unauffällig an der Tresenstange fest, weil ihm der Barhocker, auf dem er klebte, eher wie der Mastkorb des erwähnten Segelschiffes vorkam. „Ich nehme an, der Herr Papa liegt noch im Bett, weil er heute nicht läuten mußte ..?“

„Mehr noch“, erwiderte der junge Stuppach ungerührt, während er Gläser polierte. „Er liegt in der Kiste.“

Lucy nahm erschrocken die Pfote vors Maul. Wenn er derart vom Tod seines Vaters sprach, mußte er ein ziemlich hartgesottener Bursche sein.

„Er war zu alt?“ wollte der Dachs wissen.

„Nein. Zu fromm. Moogs Reform kam für meinen Alten einem gotteslästerlichen Umsturz gleich, das überlebte er nicht. Sie brach ihm wortwörtlich das Herz.“

„Moog? Wer ist das?“

„Der Pfarrer.“

Stuppach deutete mit dem Geschirrhandtuch zu einem entfernten Snookertisch. „Der Dicke, der gerade die Pink aufs Korn nimmt. Hänschen Pömmeritz ist nicht zu beneiden. Sie spielen erst seit 20 Minuten und Moog führt bereits 2:0.“

Von weitem wirkte der Pfarrer eher gemütlich. Lucy erkundigte sich deshalb nach jenem „Umsturz“, den er angeblich angezettelt hatte. Stuppach umriß ihnen die Sache gern. Bekanntlich schlage das traditionell schadensreiche Wirken der Institution Kirche in jüngerer Zeit in den Zustand der Überflüssigkeit um. Ihre Bosse wollten dies natürlich nicht wahrhaben. Dagegen sei Pfarrer Moog vor rund zwei Jahren konsequent genug gewesen, den letzten sieben Gemeindemitgliedern zu eröffnen, ab sofort sei der scheinheilige Betrieb eingestellt. Das Kirchengebäude selber erklärte Moog für enteignet. Es ging in das Vereinsvermögen von Aue Mißmut über. Der Billardverein trage auch die schmalen Gehälter und die sonstigen Kosten dessen, was Moog sich unter Berufung auf König David nicht scheue, die „einzig wahre fruchtbare Friedensarbeit“ zu nennen.

Der Dachs kratzte sich zwischen Ohr und Hutkrempe und blickte leicht verwirrt über die im Oval aufgestellten grünbespannten Tische, um welche die SpielerInnen mit ihren offenbar kerzengeraden Holzstöcken schnürten. „Furchtbare Friedensarbeit im Sinne König Davids, sagten Sie ..?“

Stuppach grinste. Er griff unter die Theke und warf eine Bibel auf die von ihm soeben erst gewienerte Platte. „Sie können gern einmal nachschlagen. Psalm 23! Oder sollten Sie am Ende gar nicht lesen können ..?“

„Pah!“ schnaubte der Dachs und riß das schwarze Buch an sich. „Ich kann fließender lesen als wie die Kirche überflüssig sein soll!“

Schon suchte er das Inhaltsverzeichnis nach dem Psalter ab, ließ die entsprechenden Seiten stieben und hieb seine Pfote endlich auf den 23. Psalm. Dann rezitierte er in seinem feierlichsten Ton:

„Ein Psalm Davids, vorzüglich zu Gehör gebracht von Doktor Meingard Dachs ... Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Und ob ich selbst wanderte durch ein finsteres Tal, ich fürchte kein Unglück, denn er ist bei mir, sein Stecken und Stab trösten mich. Aha, das ist der Billiardstock ... Er bereitet mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Großartig! Er salbt mein Haupt mit Öl und ölt mein Mundwerk mit Wachteleigelb und schenkt mir voll ein ...“

„Na sehen Sie!“ deutete der beleibte Pfarrer schnaufend auf die Theke. Er hatte Moritz Stuppach im Näherkommen Zeichen gemacht, sodaß nun drei gefüllte Weingläser auf der Theke standen.

Moog trank den beiden Gästen zu und sagte aufgeräumt: „Ich hoffe, Sie beehren uns noch ein gutes Weilchen. Wie mir nämlich zu Ohren kam, sind Sie auf eine sehr interessante Weise angereist. Auf welchen Namen hört denn Ihr Pferdchen?“

Lucy hatte lediglich an ihrem Weinglas genippt. „Woher wollen Sie denn wissen, wie wir angereist sind?“ erwiderte sie mißtrauisch. „Sie waren doch eben noch in Ihr Spiel vertieft.“

„Ja und nein“, wog Pfarrer Moog sein ziemlich kahles Haupt. Obwohl erst wenig über 40, trug er nur noch ein Haarkränzchen von Ohr zu Ohr. Er lupfte ein Handy, das in der Brusttasche seiner dunkelblauen Weste steckte, und erklärte:

„Meine Kinder teilten mir mit, Sie hätten ein riesiges, schwarzweiß geflecktes Pferd, das man sicherlich auch vor den großen Schlitten spannen könnte, den wir noch von meinem seligen Großvater Anselm Moog her aufbewahren. Ich soll sie unbedingt bequatschen oder verhaften. Was halten Sie davon? Selbstverständlich wären Sie meine persönlichen Gäste. Wir haben im Pfarrhaus Platz genug.“


3

Keine Woche später stand der Dachs bereits im Sportteil der Lokalzeitung – sogar mit Foto. Die schicke nadelge-streifte Weste lenkte den Blick von seinen etwas klobigen „Blocks“ ab, Schuhsohlenhöhe 23 Zentimeter. Ohne diese speziellen Sportschuhe hätte der Dachs seine Schnauze wohl kaum über die Bande des Snookertisches bekommen, geschweige denn das Queue. So aber machte er auf die LeserInnen einen durchaus flotten, ja beinahe ausgefuch-sten Eindruck. Auf seinen Hut hatte er verzichtet. In dem kleinen Artikel hieß es, mit Dr. Meingard Dachs habe Aue Mißmut eine echte Verstärkung eingekauft. Dachs beabsichtige, bereits am kommenden Wochenende am traditionellen Fastnachtsturnier teilzunehmen. Bekannt-lich werde bei dieser Gelegenheit auch Mißmuts VertreterIn bei den diesjährigen German Masters in Bad Wildungen ermittelt. „Für die meisten sachkundigen BeobachterInnen kann er nur wie im Vorjahr Jonathan Moog heißen. Allerdings gibt es auch ernst zu nehmende Stimmen, die dem jungen Moritz Stuppach eine Überra-schung zutrauen, falls er seine bestechende Form aus den Ranglistenbegegnungen dieses Winters halten kann.“

Bezog der Sportredakteur ausdrücklich Vertreterinnen in die Rechnung ein, war es wohl nur dem neuen Sprach-gebrauch geschuldet, den die rotgrüne Bundesregierung um 2000 eingeführt hatte, weil die Automobilfabrik des ehemaligen Wehrwirtschaftsführers Ferdinand Porsche händeringend Fahrerinnen suchte. Die Fahrer hatten sich zu oft totgefahren. Faktisch ließen die Damen von Aue Mißmut sehr an Biß zu wünschen. In der Vereinsrangliste fand sich die beste Frau erst auf Platz Sieben. Sie hieß Silke Lorbutter und bestritt ihren Lebensunterhalt als Vereinsorganistin. Zwar gelang es ihr nicht, Lucy für das Snookerspiel zu erwärmen, doch dafür entbrannte unsere kleine, rothaarige Hundedame jäh für die gewaltige Orgel, die dem Altar gegenüber sämtliche drei Emporen zu sprengen schien. Das war nun doch etwas anderes als Lucys verbeulte Mundharmonika. Silke Lorbutter war es nur recht, eine begabte Schülerin zu bekommen, die bewundernd zu ihr aufblickte. Sie trat ihr sogar ein Paar Stöckelschuhe ab, sonst wäre Lucy nicht an die Fußpedale gekommen. Schon nach zwei Unterrichtsstunden konnte Lucy ihr Lieblingsvolkslied Jetzt kommen die lustigen Tage mit Baßlinie und gezogenem Eunuchen-Register erbrausen lassen. Lorbutter war des Lobes voll.

Die Vereinsorganistin schlug sogar vor, mit den Lustigen Tagen – von Lucy Töle angestimmt – das kommende Fastnachtsturnier zu eröffnen. Ursprünglich hatte sie dafür ihre Bearbeitung von A. E. Chabriers Joyeuse Marche vorgesehen, doch diesen Schwierigkeitsgrad würde Lucy trotz ihrer Begabung kaum in wenigen Tagen meistern. Lorbutter machte in ihren Adaptionen vor nichts Halt. Während das Weihnachtsturnier von Wagners Tann-häuser-Overtüre geprägt worden war, spielte sie zum Kids-Championat Mitte Januar (Altersklasse 5 bis 12 Jahre) mit Ihr Kinderlein kommet auf. Ranglistenbegegnungen rahmte sie gern mit Schnulzen wie Marmor, Stein und Eisen bricht / aber unser Billardstock nicht oder linksradikalen Liedern ein. Viele Stücke waren unter den Spielern so gut bekannt, daß auswendig mitgesungen werden konnte. Beim Rauchhaus-Song der Ton Steine Scherben („das ist unser Haus“) schwankten sämtliche Tischbeleuchtungen und die Kanzel noch dazu. Dagegen waren Musik oder sonst ein Lärm während der Spiele selber streng verpönt. Dann herrschte gewissermaßen noch die Andacht der verflossenen Gottesdienstzeiten.

Gott sei Dank war die alte Kanzel nicht mehr einsturz-gefährdet. Sie ruhte ursprünglich nur auf zwei Balken-stümpfen, die nahe des Altarraumes in Höhe der ersten Empore in die Sandsteinmauer eingelassen waren. Kaum war Moog (um 1990) an die Mißmuter Stadtkirche berufen worden, begannen sich diese Träger zu lockern. Moog war einfach zu beleibt. Nach der sogenannten Wende 2003 – die Mißmuter SportlerInnen enteigneten das Gotteshaus, ohne sich dadurch der Erzengel Feuer & Schwert zuzuziehen; nur der Bischof tobte – nach dieser friedlichen Wende also nahm der beflügelte Moog zusätzlich die Gewohnheit an, die Siegerehrungen durch eine Art Blitzpredigt einzuleiten, zu derem Zwecke er wie ein zum Dichterroß umgewandeltes Brauereipferd auf die Kanzel stürmte. Dabei ächzten die alte Holztreppe und Moog um die Wette. Die Kanzel schwankte wie ein Mastkorb. Als die ersten Putzfladen von ihrem Unterboden herabfielen, schritt Küster Moritz Stuppach endlich ein. Zum Glück hatte er seine Lehre zum Maschinenschlosser noch beenden können, bevor Kanzlerin Merkel Franz Münzefering zum Bundesarbeitsminister machte. Stup-pach stützte die Kanzel mit zwei eisernen Wäschepfählen ab, die er im Pfarrgarten gefunden hatte. Auf ihre Enden hatte er gelochte Platten geschweißt. So konnte er die Stützen oben in den Kanzelbalken, unten mit Hilfe von Dübeln im Steinfußboden anschrauben. Die jeweils vier Schrauben – im ganzen also 16 – hatten Sechskantköpfe für Maul- oder Ringschlüssel.

Stuppach war gewiß ein vielseitig begabter und erfin-dungsreicher junger Mann. Die gekreuzten Billardstöcke auf der Flügeltür des Kirchenportals stammten aus seinem Pinsel. Wie Jesus Wasser zu Wein, hatte er den Altar in die Bar verwandelt. Er hatte die Freigabe des Gesangbuchs für Handyerkennungsmelodien angeregt, den Putzdienst an die Vereinsrangliste gekoppelt, die Kirchenglocken an das Kasseler Museum für Sepulkralkultur verkauft. Von dem Erlös konnte Aue Mißmut die Snookertische 5 & 6 anschaffen, Kostenpunkt immerhin 12.000 Euro. Die Kopplung von Putzdienst und Ranglistenbewegung war erstaunlich gut ausgetüftelt; sogar anarchistische Sied-lungen im schottischen Hochland hatten Lizenzen erworben. Andererseits war das Putzen für jeden kinder-leicht, weil Stuppach von dem Glockenerlös auch ein kleines, flottes Putzmobil angeschafft hatte. Von einem Aku angetrieben, war es über jedes handelsübliche Handy steuerbar. Dieser Roboter sah ein bißchen wie ein Spiel-zeugpanzer aus; wer ihn jedoch von der Kanzel oder der Orgelbank aus befehligte, hatte kein schlechtes Gewissen zu befürchten. Stuppach war so gut auf das Putzmobil eingespielt, daß er die riesige Kirche in 20 Minuten geputzt hatte, falls er daran glauben mußte. Er trainierte auch die anderen darin.

Stuppachs entscheidende Leidenschaft galt freilich dem Snookerspiel. Im Gegensatz zum Putzmobil war Stuppachs Ehrgeiz nicht zu bremsen. Der Umstand, gegen Moog in drei von vier Begegnungen den Kürzeren zu ziehen, wurmte den jungen Küster Tag und Nacht. Er drohte bereits von Schlaftabletten abhängig zu werden. Als Dachs und Lucy in Mißmut eintrafen, war er völlig von dem Nah-ziel beherrscht, das Fastnachtsturnier zu gewinnen und damit sowohl die Fahrkarte nach Bad Wildungen wie den Sprung ins Eurosport-Fernsehen zu erringen. Aber wie?


4

„Himmel – du bist ein gesinnungsloser Dreckhaufen!“ kläffte Lucy empört. Die Vorderpfoten in ihre Hüften gestemmt, stand sie vor dem Doppelstockbett im Gästezimmer des Pfarrhauses. „Du bist schlimmer als vier Rottweiler, obwohl du höchstens ein halber bist! Gegen deine Falschheit war Evas Schlange ein Seidenräupchen! Mach dich sofort da oben raus!“

Der Dachs dachte gar nicht daran. Die Vorderpfoten im Nacken verschränkt, lag er feist auf dem oberen Bett und musterte interessiert die vergoldeten Stuckleisten und Rosetten der Zimmerdecke. Als Lucy noch einmal im Badezimmer verschwunden war, um sich die Zähne zu putzen, hatte er die Gelegenheit zum widerrechtlichen Bettausch genutzt. Bei Stein-Schere-Papier hatte er nämlich verloren, sodaß er mit dem unteren Bett Vorlieb nehmen mußte. Doch er war zu scharf auf das obere Bett. Morgen früh begann das Fastnachtsturnier, und eine Übernachtung in großer Höhe konnte ja, aus mentalem Blickwinkel betrachtet, nur dazu beitragen, ihn mindestens bis ins Viertelfinale zu befördern. Gestern hatte er sogar Moog einen Frame abgenommen und dabei sein erstes Half-Century-Break erzielt; 52 Punkte in Serie hatte er Moog um die Ohren gehauen! In den verschneiten Feldern hatte er auch dessen Sprößlingen gegenüber eine hervorragende Figur gemacht. Sie waren von seinen Kutschierkünsten hin- und hergerissen gewesen. Als sie die Fährte eines Fuchses kreuzten ...

„Herzloses Vieh!“ schluchzte Lucy wütend. Dann spuckte sie in das untere Bett, machte auf dem Ballen kehrt und warf die Zimmertür hinter sich zu.

All ihr Fluchen und Flehen war an dem dicken Fell des Dachses abgeprallt. Der grinste jetzt nur. Sollte sie sich's doch im Badezimmer auf dem Eisbärenfell gemütlich machen! Da hatte sie's auch zum Pinkeln nicht so weit. Lucy hatte jedoch beschlossen, in der Kirche Zuflucht zu suchen. Da es schon fast Mitternacht war, kam es natürlich nicht in Frage, Orgel zu spielen. Streckte sich Lucy aber zum Schlafen auf der Orgelbank aus, brach sie vielleicht dem Lampenfieber die Spitze ab, das sie spätestens nach dem Frühstück befallen würde. Denn für 9 Uhr stand ja ihr großer Auftritt mit Jetzt kommen die lustigen Tage bevor. Frau Lorbutter hatte von „Dutzenden“ Zuschauern gesprochen, dazu die 64 gemeldeten SpielerInnen – für Lucy wahrlich ungekannte Massen.

In der Diele des Pfarrhauses nahm sie ihren Mantel, den Kirchenschlüssel und eine Taschenlampe vom Haken, die erfreulicherweise ebenfalls an der Garderobe hing. So brauchte sie in der Kirche keine Festbeleuchtung zu veranstalten. Am Ende kam noch die Polizei angerast, weil der Pfarrer oder der Küster geargwöhnt hatten, jemand wolle die teuren Vereinsqueues mopsen!

Da auf dem Kirchhof Schnee lag und überdies der Mond schien, hielt sich die Dunkelheit in der Kirche allerdings in Grenzen. Den Weg zur Orgel hinauf hätte Lucy ohnehin im Schlaf gefunden. Sie ließ die Taschenlampe aus. Die Orgelpfeifen schimmerten fast wie Eiszapfen, doch Küster Stuppach hatte die Kirche gut geheizt. Ihren Mantel als Kopfkissen benutzend, streckte sich Lucy rücklings ähnlich behaglich auf der Orgelbank aus wie der feiste Dachs in ihrem Oberstockbett. Sie schnaubte verächtlich. Die Wonnen, in einer riesigen Kirche am Fuße mächtiger, versilberter Orgelpfeifen zu nächtigen, waren dem rohen Prahlhans tief verschlossen. Lucy malte sich aus, in der größten Orgelpfeife wie auf einer Wendeltreppe empor zu streben, um schließlich als ein Engel aus ihr zu entwei-chen, der einmal in dem Tierheim bei Heppenheim nach dem Rechten, also genauer gesagt, nach dem schwarzen Neufundländer sieht ...

Sie wurde in ihren schlaftrunkenen Gedanken unter-brochen, als sie von der Sakristei her Schritte hörte. Dadurch gerann ihre Wonne ziemlich jäh zu einem Gruseln. Sie hielt den Atem an. Leider konnte sie nicht in das Kirchenschiff schielen, weil dazu die Brüstung zu hoch war. Doch dann fiel ihr Blick auf den kleinen Spiegel, der über dem Notenpult der Tastatur angebracht war, damit die Organistin dem Pfarrer alle Wünsche von den Lippen ablesen konnte. Jetzt sah Lucy darin eine dunkle, schlanke Gestalt auf die Kanzel zustreben. Sie erstieg sie allerdings nicht, sondern machte sich oben und unten an ihren beiden Stahlstützen zu schaffen. Schwache metallische Geräusche erklangen. Die Gestalt machte mit einem Arm Bewegungen wie beim Rudern oder Paddeln. Nach wenigen Minuten richtete sie sich wieder auf und ging zur Sakristei zurück. Jetzt konnte sich Lucy endlich beruhigen, denn vor den hohen Chorraumfenstern erkannte sie die biegsame Gestalt Moritz Stuppachs mit der im Nacken wippenden dunklen Mähne.

Wahrscheinlich war dem Küster zu später Stunde irgend-eine versäumte Maßnahme für das Fastnachtsturnier eingefallen. Sie hörte noch schwach, wie die Hintertür verschlossen wurde, ehe sie sich unter herzhaftem Gähnen auf die Seite drehte und einschlief.


5

Lucy rutschte von der Orgelbank und trat, von Silke Lorbutters schiebenden Händen überredet, an die Brüstung. Sie hatte soeben den Schlußakkord von Jetzt kommen die lustigen Tage gesetzt. Unten klatschten bald 100 Leute. Lucy hob ihre linke Vorderpfote und lächelte verlegen. Der Beifall verebbte.

Gleich würde Moog auftauchen, um das Turnier mit seiner berüchtigten Blitzandacht zu eröffnen. Seine Gemeinde lagerte vorwiegend unter den umlaufenden Emporen an den zahlreichen Cafehaustischchen. SpielerInnen schmirgelten ihre Queuekuppen oder kreideten sie ein, Gäste scherzten und schlossen Wetten ab, viele tranken Milchkaffee. Das Einschießen an den sechs Snookertischen (die eine Art Ei beschrieben) war bereits vor dem Orgel-präludium geschlossen worden. Die roten und bunten Kugeln lagen punktgenau auf ihren angestammten Plätzen und gaben außer Lichtreflexen keinen Mucks von sich. Es war angerichtet. Auf der ovalen Spielerbank, die im Zentrum des Kirchenschiffs (oder jenes Eis) zu sehen war, lagen sogar sechs Paare weißer Handschuhe für die SchiedsrichterInnen bereit.

Die beiden einzigen Spieler, die Lucy näher kannte, waren nicht zu übersehen. Moritz Stuppach lehnte lässig an einer Säule und hatte das Handy am Ohr. Vielleicht gab er der Presse die Zulosungen der ersten Runde durch. Allerdings war er beileibe nicht der Einzige, der in der Kirche telefonierte. Ortsfremde konnten leicht denken, nach Snooker sei in Mißmut das Telefonieren Volkssport Nr. 2.

Der Dachs trippelte unweit der Toilettentür nervös auf der Stelle und schien sein Queue mit einem Nordic-Walking-Stock für Einarmige zu verwechseln. Von seinem Nadel-streifenanzug hatte er bloß die Hose anbehalten, weil zum Turnier die blauen Vereinswesten vorgeschrieben waren. Moogs Kinder hatten ihm eine geliehen. Er brannte darauf, sich ihrer würdig zu erweisen. Jetzt flog aber zunächst die Sakristeitür auf. Pfarrer Moog querte den Chorraum und stürmte die Kanzel. Zwar hatte auch er seinen mächtigen Brustkorb in eine sogar nur graue Weste gezwängt, doch auf seiner Nase saß, gleichsam als Tüpfelchen auf dem i, eine rote Kugel. Schnaufend oben angekommen, strich sich Moog mit beiden Händen sein schütteres Haarkränzchen zurück, als sei der Fahrtwind von hinten gekommen. Dann packte er die Kanzelbrüstung, als wolle er sie abreißen. Seine Glatze warf dabei Blitze. Nun hob er mit Donner-stimme an:

„Liebe Sportskameradinnen, liebe Sportsfreunde! Ihr wißt schon, warum ich euch niemals Kanonen nennen würde.“

Er pickte sich mit einem gekrümmten Zeigefinger auf die rote Knollennase und fuhr fort: „Hätte David an seinem Gummiband so etwas gehabt statt sich als Zwillenschütze zu versuchen, wären der Welt womöglich manche Massaker erspart geblieben. Laßt euch jedenfalls auch in Fastnachtszeiten nicht das Märchen von einem nach Frieden dürstenden Knaben David aufbinden, der die Welt von Monstern befreit. David wollte König werden, mehr nicht. Seine Auen waren röter als das Rote Meer: von Blut getränkt. Wir dagegen führen an diesen herrlichen grünen Tischen, die unter mir liegen, ein scharfes Queue, weil wir uns im Alltag lieber mit Sanftmut und Humor begegnen. Es ist noch keine vier Jahre her, daß ...“

Moog unterbrach sich und starrte mit offenem Mund zur Seite, als habe ihn Satan jäh zur Salzsäule verwandelt. Die Sakristeitür war schon wieder aufgeflogen. Herausge-schossen kam das Putzmobil. Es raste in einem Affen-tempo auf die Kanzel zu. Nach vier oder fünf Sekunden prallte es gegen die erste Stütze. Die Stütze wurde weggeschleudert, worauf auch die zweite Stütze ein Opfer des Putzmobils wurde. Während das Putzmobil durch die Toilettentür krachte und verschwand, stürzte die Kanzel von der Wand. Ob Moog noch etwas sagte, war bei dem Aufschrei, der durch die Kirche ging, nicht festzustellen. Dafür sah Lucy den Dachs und dessen Queue auseinan-derkippen; offenbar fiel er gerade in Ohnmacht. Während er auf einige Splitter der zerborstenen Toilettentür sank, stürzten die ersten beherzten SpielerInnen zum Trümmer-haufen der Kanzel, um Moog zur Hilfe zu kommen. Er schien noch zu leben, denn ein zerschrammter Arm von ihm schwenkte den zerfetzten, weißen Hemdsärmel wie zum Zeichen der Kapitulation.


6

Stuppach hatte seinen verunglückten Chef sofort ins Krankenhaus gefahren. Neben etlichen Blutergüssen und einer Rippenquetschung wurde allerdings „nur“ ein Schlüsselbeinbruch festgestellt. Damit war Moog verhält-nismäßig glimpflich davongekommen. In seiner Erleichte-rung sagte er nach der Untersuchung zu Stuppach:

„Kein Satan wird mir das Fastnachtsturnier durchkreuzen! Fahre sofort zurück, beruhige die Leute und lasse das Turnier über die Bühne gehen, als sei nichts passiert. Wie es zu dem Unfall kommen konnte, werde ich nach meiner Rückkehr untersuchen.“

Küster Stuppach protestierte der Form halber, gehorchte dann jedoch. Als er nach zwei Stunden die Kirche wieder betrat, war der Trümmerhaufen zwischen Chorraum und Toilette unter Silke Lorbutters Anleitung bereits beseitigt worden. Stuppach überbrachte Moogs Botschaft; die Leute riefen „Hurra“ und „lang soll er leben!“. Prompt holte Silke Lorbutter an der Orgel Chabriers Fröhlichen Marsch nach. Das saß! Kaum war das schmissige, schräge Stück ver-klungen, riefen die Leute abermals Hurra. Dann begann das Turnier.

Da Stuppach erst in der zweiten Runde anzutreten brauchte, nutzte er die Gelegenheit, die zertrümmerte Tür zu den Toiletten auszutauschen. Wie ihm ein unauffälliger Seitenblick zeigte, wurde sein barmherziges Werk auch an der Orgel registriert. Dort saßen Silke Lorbutter und Lucy. Auch Lorbutter hatte noch bis zur zweiten Runde Zeit. Lucy spähte hin und wieder zu Tisch 5 hinab, wo sich der Dachs schweißtriefend mühte, gegen eine erst 19 Jahre alte Spielerin nicht gar zu alt auszusehen. Doch in erster Linie unterhielten sich die beiden Frauen auf der Orgelbank mit gedämpften Stimmen. Ihr Thema war das Unglück.

Lucy hatte bereits bei den Aufräumungsarbeiten geholfen. Deshalb wußte sie, daß sich die Organistin geistesgegen-wärtig um eine gewisse Spurensicherung bemüht hatte. Nun versuchten sie gemeinsam, daraus Schlüsse zu ziehen. Frau Lorbutter stellte fest:

„Du sagst ja selber, die Schrauben mit den Sechskant-köpfen waren noch da. Sie hingen teils in den Löchern der Stützenplatten, teils waren sie umhergeflogen. Das heißt, ein Sabotageakt durch Entfernen der Schrauben kann nicht vorgelegen haben.“

„Ja, schon ... Nur ist denn so ein ferngesteuertes Putzmobil stark genug, die Schrauben aus ihren Verankerungen zu reißen?“

„Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was dieser Spielzeugpanzer so wegdrückt. Da müßten wir Moritz Stuppach fragen. Was ich jedoch mit Sicherheit weiß: die Verankerungen zeigten keine Spuren von Gewaltanwen-dung. Sowohl die Schraubenlöcher in den Balken wie die Dübel im Steinfußboden waren unbeschädigt. Hätten die fallenden Stützen die Schrauben herausgerissen, wäre doch Holz abgesplittert und der eine oder andere Dübel herausgeflogen. Aber nichts dergleichen habe ich feststellen können.“

„Ach“, sagte Lucy verdutzt und bedachte diesen Befund. „Dann bleibt ja eigentlich nur der Schluß, jemand hat die Schrauben vorher gelockert!“

„Genau so sehe ich es auch auch“, sagte Lorbutter befriedigt.

Plötzlich fiel Lucy die vergangene Nacht ein, die sie hier oben auf der Orgelbank verbracht hatte. Sie murmelte „Lockern? Lockern?“ und sah Lorbutter fragend an, während sie mit einem Ellbogen rudernde Bewegungen machte.

„Ja – herausdrehen. Mit einem Schraubenschlüssel oder einer Ratsche.“

Darauf berichtete Lucy von dem kurzen nächtlichen Auftritt des Küsters. Lorbutter verstülpte mit Genugtuung und Anerkennung ihre Lippen. Dem ehrgeizigen Moritz Stuppach traute sie krumme Dinger durchaus zu.

„Das ist ein handfester Verdacht“, stellte sie fest. „Nur warst du leider allein. Man könnte dich der Nachtblindheit oder gar der Verleumdung bezichtigen. Wie wollten wir das Gegenteil beweisen?“

Da Lucy nur ein langes Gesicht machte, blickte Lorbutter nachdenklich über die Brüstung in das Kirchenschiff. Der Dachs hieb gerade mit kämpferischer Miene Faust und gewölbte Handfläche gegeneinander, während seine Gegnerin die Kugeln aufbaute. Offenbar war es ihm gelungen, ihr den zweiten Frame abzunehmen, sodaß ein Entscheidungsspiel erforderlich wurde. Der Eingang zu den Toiletten hatte eine neue Tür. Moritz Stuppach machte sich hinter dem Altar an der Espressomaschine zu schaffen. Auf einem der Barhocker war jetzt auch der Sportreporter der Lokalzeitung zu sehen. Er sprach gerade in sein Handy.

„Hallo!“ murmelte Lorbutter erfreut vor sich hin. „Das könnte es sein!“ Damit erhob sie sich bereits und fügte zu Lucy gewandt hinzu: „Entschuldige mich bitte für einen Moment. Ich glaube, ich habe eine Idee, wie wir zu unserem Beweis kommen. Ich gehe mal eben ins Pfarrhaus telefonieren.“


7

Knapp 14 Tage später war Pfarrer Moog aus dem Krankenhaus zurückgekehrt. Das Fastnachtsturnier, an dem teilzunehmen ihn ein unglücklicher Sturz gehindert hatte, war erwartungsgemäß von Moritz Stuppach gewonnen worden. Der Dachs hatte immerhin die erste Runde überstanden. In der Lokalzeitung hieß es, er sei in der zweiten Runde gegen den alten Fuchs Heinz Pulle-renke erst nach erbittertem Widerstand ausgeschieden. Er trainierte inzwischen schon vor dem Frühstück wie von Sinnen.

Organistin Lorbutter hatte ihren Pfarrer gleich nach dessen Rückkehr um ein vertrauliches Gespräch gebeten. Darauf setzte Moog für den folgenden Tag eine kleine Konferenz im Vereinsbüro Aue Mißmuts an, das natürlich im Pfarrhaus lag. Neben Lorbutter und seinen beiden Gästen Lucy Töle und Meingard Dachs hatte er seinen Küster Moritz Stuppach einbestellt. Er sagte ihm gleich auf den Kopf zu, den Anschlag auf ihn verübt zu haben. Stuppach stritt es kaltblütig ab. Lucy müsse sich geirrt haben. Nun holte Silke Lorbutter ihre Trumpfkarte hervor. Sie sagte zu Moritz:

„Du wußtest vielleicht noch nicht, daß mein Bruder Klaus als leitender Techniker bei der Telefongesellschaft ange-stellt ist. Normalerweise werden sie dort nur von Beamten des Bundeskriminalamtes angegangen, die Verzeichnisse bestimmter Telefonverbindungen herauszurücken. Was Klaus angeht, läßt er sich keineswegs erpressen oder bestechen, doch in meinem Fall – ich bin nun mal seine Schwester.“

Sie legte einen Zettel auf den Tisch, auf dem in großen Zahlen lediglich zwei Telefonnummern geschrieben waren. Die obere kannte fast jedes Vereinsmitglied auswendig. Es war die Handynummer von Küster Stuppach. Mit der anderen Nummer konnten zumindest Lucy und der Dachs nichts anfangen. Deshalb erklärte ihnen Lorbutter, es sei die Nummer des Putzmobils. Über diese Nummer könne es von jedem Telefon aus gesteuert werden.

„Allerhand!“ sagte der Dachs naseweis. „Aber sind wir jetzt klüger?“

Lorbutter lehnte sich zurück und verschränkte ihre Arme. „Laut den Aufzeichnungen der Telefongesellschaft hat es an einem bedeutsamen Samstag vor zwei Wochen um 9 Uhr 12 – unser Pfarrer hatte gerade die Kanzel erklommen – eine Verbindung zwischen diesen beiden Nummern gegeben. Das heißt, wir wissen sehr wohl, wer das Putz-mobil auf unseren Pfarrer gehetzt hat.“

Die Reaktionen auf diese Eröffnung waren recht unter-schiedlich. Pfarrer Moog sah gramvoll aus dem Fenster. Der Dachs war mit umwölkter Stirn sichtlich um Begreifen bemüht, während Lucy eher peinlich berührt zu Moritz Stuppach schielte. Dieser war nun doch etwas rot geworden, biß aber fest die Lippen aufeinander. Geständ-nisse oder Entschuldigungen waren wohl nicht von ihm zu erwarten.

Nach einer Weile gab sich Moog einen Ruck und sagte quer über den runden Tisch zu Stuppach: „Ich schlage vor, du verläßt uns jetzt, Moritz. Denke einmal darüber nach, ob du dein Amt als Küster nicht kurzfristig aufgeben solltest. Wenn ja, kann die Sache unter uns bleiben.“

Stuppach erhob sich wortlos und verließ das Büro.


8

Lucy lief in ihrem neuen roten Overall wütend auf den Altarstufen umher. „Du bist schlimmer als Bileams Esel!“ kläffte sie. „Und das Wort Gerechtigkeit hast du noch nie gehört!“

„Papperlapapp!“ winkte der Dachs ab, bevor er seine Arme wieder verschränkte. Er saß in seinem neuen blauen Overall auf einem Barhocker. Seine Füße standen im Griff eines ungewöhnlich großen Bügeleisens; Schraubzwingen hätten es nicht besser vor Lucys verderblichem Zugriff sichern können. Der Dachs schielte wohlgefällig hinab, während er ergänzte: „Ich werde nicht heizen. Ich werde mit dem dazu erforderlichen Sachverstand die Snooker-tische bügeln.“

Die Overalls waren ihre Dienstkleidung. Nach der diskreten Abdankung Moritz Stuppachs hatte sich der Vorstand von Aue Mißmut nämlich entschlossen, das Küsteramt in die Hände zweier zufällig anwesenden Dauergäste zu legen und zu diesem Zwecke zu teilen. Allerdings hatte er es versäumt, neben der Halbierung des Gehaltes auch die Aufteilung der Arbeit festzulegen. Nach dem Heizen beispielsweise hätte sich selbst ein Esel nicht gerade die Beine ausgerissen. Der 75-Kilowatt-Kessel im Nebenraum der Sakristei war mit meterlangen Holzschei-ten zu beschicken, die sich eher für die KüsterInnen von Gewichthebervereinen empfohlen hätten. Das Putzmobil umherflitzen zu lassen, während man oder frau mit dem Handy auf der Orgelbank thronte, war schon angenehmer. Das Bügeleisen schließlich, mit dem – nach dem Abbür-sten – die grünen Tischtücher geglättet wurden, wog zwar ebenfalls einige Kilogramm, doch hier fand sich die Tätigkeit natürlich durch den erlesenen Vereinssport geadelt. Im Snookerspiel hatten sich ja die MißmuterInnen oder auch Mißmutigen gewissermaßen ihren neuen Gottesdienst geschaffen.

Da sie in ihrer Eigenschaft als KüsterInnen von Pfarrer Moog auch zu täglich einem Stündchen Bibelkunde ver-donnert worden waren, fiel dem Dachs erfreulicherweise ein, daß seine aufsässige Kollegin selbst in diesem Fach versagte. Ohne seine Haltung auf dem Barhocker zu verändern, stellte er deshalb genüßlich fest:

„Das Wort Gerechtigkeit mag dir leicht von den Lippen kommen, meine liebe Lucy, aber vom Alten Testament hast du bestenfalls einen blassen Schimmer. Die Stör-rischkeit der Eselin, die den Propheten Bileam gleichsam als Verräter des blutrünstigen Volkes Israel zu den kaum minder blutrünstigen Moabitern tragen sollte, lag ja nicht in dem armen Tier. Nein, sie lag in dem schwertschwing-enden Engel, der ihnen dauernd den Weg verstellte! Und was meinst du wohl, wer dieses unsichtbare Ungeheuer geschickt hatte?“

„Na, der Satan natürlich, du Teufelsbraten!“ platzte Lucy heraus.

„Ha, ha! Denkste, Puppe“, erwiderte der Dachs. „Viertes Buch Moses Kapitel 22, meine liebe Lucy, da steht es. Gott selbst war der Übeltäter! Er spielte mit seinem schwert-bewaffneten Engel ungefähr so wie gewisse Küsterinnen ihre Putzmobile per Handy steuern. Ja, er spielt überhaupt mit allen Eseln, die da auf Gottes Erdboden herumlaufen, ob Moabiter, Yankees oder Oettinger; im einen Augenblick hält er sie zum Narren, im anderen läßt er sie sich gegenseitig an die Gurgeln gehen. So ist das nämlich mit dem lieben Gott.“

Lucy war schockiert stehen geblieben und sagte erblassend: „Das ist ja pure Gotteslästerung, du alter Sack! Darauf steht die empfindlichste Höllenstrafe!“

„Und die wäre?“ erwiderte der Dachs schnippisch.

Lucy zückte ihr Handy und wählte das Putzmobil an. Nachdem sie den entsprechenden Befehl gedrückt hatte, schoß es sofort zum Altar und fegte das vom Dachs zur Fußbank erniedrigte Bügeleisen so rabiat beiseite, daß er selber vom Barhocker fiel. Jetzt erwiderte sie in aller Seelenruhe:

„Heizen.“


§§§

Zum Buchbeginn


Übrigens: Ein flottes Stück, das Lucy erst unvollkommen auf ihrer Mundharmonika hinbekommt, stammt aus einem Streicher-Divertimento des ungarischen Komponisten Leo Weiner. Es kursiert in zahlreichen Versionen, wobei es meistens fuchstanz (mp3, 2.975 KB) genannt wird.

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