Freitag, 16. Dezember 2016
Der Fund im Sofa Teil 3





VI

Waffenschein für Hunde



Auf der schmalen Straße zwischen dem Ostarm des Badewassers und der ehemaligen Wahlwinkler LPG kamen zwei Männer einander näher. Sie hielten beide aufs Dorf zu. Sie waren trotz der regenverhangenen November-
kulisse gut zu sehen und auseinander zu halten, weil der vordere Mann einen hellblauen Regenschirm trug, während der Radfahrer, der zu ihm aufschloß, in einem roten Umhang mit Kapuze steckte, der fast wie ein Zelt über Gepäckträger und Lenkstange reichte. Beide Männer mochten um 50 sein. Der gedrungene Schirmträger mit schütterem, blondem Haar über einem rosigen Gesicht erinnerte an einen erwerbslosen Maurerpolier. Von dem Radfahrer war naturgemäß nicht viel zu sehen. Er trug eine schnörkellose Messingbrille mit ovalen Gläsern.

Allerdings gab es noch ein unscheinbares Lebewesen, das umgekehrt vom Dorf her auf die Männer zutrottete. Das war der Schäferhund des Schirmträgers. Vermutlich war er vorgelaufen und kam nun brav zu seinem Herrn zurück. Der Regen, der ihm vom rauhen dunklen Pelz troff, schien ihm nichts auszumachen. Auch der Radfahrer in seinem knallroten Zelt konnte ihn nicht verunsichern. Er wich keine Pfotenbreite von der Straßenmitte ab.

Der Radfahrer hatte inzwischen den Schirmträger überholt. Er sprach sich zu, den Klügeren zu mimen, der nachgibt. Man konnte ja nicht wissen, ob der Köter das Zelt nicht mit einer Würstchenbude verwechseln würde. So stoppte er, um das wuchtige Tier unter verächtlichem und zähneknirschendem Blick himmelwärts (alles grau) vorbeitrotten zu lassen. Wer wollte einem Hund schon vorwerfen, die Straftatbestände Nötigung und Erpressung nicht zu kennen, vom Friedenswahrungsgebot des NATO-Vertrages ganz zu schweigen? Dafür schien er allerdings Verachtung zu kennen. Der Hund hatte sie offenbar gewittert, denn nun trottete er gerade nicht vorbei. Vielmehr hielt er inne, um an dem bespritzten Fahrrad und den Käsefüßen des Fahrers zu schnüffeln. Dieser kochte.

„So ist es schön“, hörte der kochende Radfahrer hinter sich. „Nur mal schnuppern, nicht wahr, Hasso? Keine Angst, der tut Ihnen nichts!“

Dem Radfahrer ging sozusagen die rote Kapuze hoch. Er trug sein kurzes, braunes Haar zurückgekämmt. Er wandte sich jäh um und bellte:

„Was meinst du, wieviele Hundertmale ich diesen Spruch schon gehört habe, du Arsch mit Ohren!“

Damit trat er in die Pedale, weil der zottige Schäferhund inzwischen von ihm abgelassen hatte. Nur etwas Hundespeichel wehte durch den aufkommenden Fahrtwind von den Schuhen und Hosenumschlägen des Erbosten. Der Hosenumschlag auf der Kettenseite war durch eine gelbe Wäscheklammer verengt.

Der Schirmträger hatte erst einen gewaltigen Schock überwinden müssen. Jetzt polterte er ungläubig:

„Was hat er gesagt? Arsch mit Ohren? Ja ist das denn zu fassen? Ich haue ihn in die Fresse! Ich bringe ihn um! So ein Dreckskerl! Na warte – Hasso, zeig diesem Dreckskerl mal, wie gut du deine Zähne geputzt hast!“

Hasso wirkte noch unschlüssig. Er blickte hin und her. Zum Dorf hin wurde die rote Würstchenbude rasch kleiner. Alles, was nach Flucht aussieht, muß normaler-weise jedem Hund verdächtig erscheinen.

„Na los schon!“ fluchte sein Herr. „Faß ihn, Hasso!“

Dabei stieß er seinen schon halb geschlossenen Schirm Richtung Dorf und setzte sich auch selber in Trab. Das wirkte. Hasso rannte wie ein Gewitter hinter dem roten Radfahrer her.

Als dieser den hechelnden Hund hinter sich hörte, hatte er bereits den Abzweig der Straße und den Abzweig des Bachs erreicht. Während die Straße nach links zum Bahnüber-gang knickte, floß der Bach unter ihr durch und knickte parallel zu den Gleisen der Waldbahn nach rechts ab. Der Mann erkannte, dem Köter in der Schnelligkeit unterlegen zu sein. So ließ er kurzentschlossen sein altes Fahrrad fallen, das ohnehin nicht viel taugte, und setzte mit flatterndem, rotem Umhang über den Bach. Ihm saß schlicht die Angst im Nacken. Als er sich umwandte, hätte er fast zu früh frohlockt. Der Köter war offenbar wasserscheu. Allerdings hetzte er bereits zu der kleinen Straßenbrücke, um den Missetäter über diesen kurzen Umweg zu stellen. So musterte dieser ähnlich gehetzt die Bäume, die im Sommer den Kirmesplatz an der Waldbahnhaltestelle beschatteten, jetzt aber ziemlich kahl waren. Vielleicht kam auch das Wartehäuschendach in Betracht. Doch dann eröffnete ihm ein lautes Schellen vom Bahnübergang her die beste Alternative: aus Richtung Waltershausen kam die Waldbahn.

Die Thüringer Waldbahn, von Gotha nach Tabarz verlaufend, ist eine schlichte Straßenbahn, nur rumpelt sie vorwiegend an Baumstämmen und Feldgehölzen statt an Häusern vorbei. Ihre blau- oder rotweiß lackierten Gliederzüge mit den drehbaren Mittelplattformen stünden längst im Museum, wenn sich Kohl & Konsorten nicht 1989 entschlossen hätten, aus Ostdeutschland ein Freilicht-Kuriositäten-Kabinett für westliche GafferInnen zu machen. Der Zug, der jetzt diagonal über die Landstraße zum Kirmesplatz hin ratterte, war ein blauweißer. Seine Führerin schellte erneut, nur wütender, als ein bellender Schäferhund über die Gleise stürzen wollte. Der Hund wich zurück und rannte zwischen Bach und Straßenbahn mit dieser um die Wette. Sie verlangsamte jedoch ihre Fahrt, weil nun die Haltestelle kam, an der ein Mann im roten Umhang fuchtelnd Einlaß begehrte. Der Bahnsteig lag auf der Kirmesplatzseite. Kaum stand die Bahn, drückte der Rote wild auf den Knopf der hintersten Tür und rief beim Hineinstürzen:

„Zumachen! Machen Sie schnell wieder zu, der Köter hat es auf mich abgesehen.“

Die Zugführerin gehorchte, zumal sie den zottigen Schäferhund bereits im linken Außenspiegel zum Wagenende preschen sah. Die Fahrgäste drückten sich an den Fenstern oder Haltestangen die Nasen platt. Endlich war in Wahlwinkel mal etwas anderes zu sehen als Gänse, Hühner und Enten. Der Geflüchtete und vielleicht Gerettete schälte sich keuchend aus seinem roten Umhang, der die hintere Plattform überschwemmte. Die Bahn gewann an Fahrt. Doch plötzlich juchzten etliche Fahrgäste auf der Bachseite auf. Während die Kirmesseite von dem tobenden Schäferhund besprungen wurde, war auf der Bachseite ein fluchender Mann aufgetaucht, der das Hellblau seines umgekehrt geschwungenen Regenschirms mit dem Blauweiß der Waldbahn zu vermählen gedachte. Er hakte sich in letzter Sekunde mit dem Schirmgriff am rechten Außenspiegel ein und wurde dadurch notgedrungen mitgeschleift.

Die Zugführerin trat auf Bremse und Schelle. Dem Bremser an ihrem Außenspiegel zeigte sie dabei einen ganzen Vogelschwarm. Er ließ jedoch nicht locker. Die Fahrgäste johlten. Jetzt wurde es der Zugführerin zu bunt. Der Bremser draußen hatte nämlich angefangen, auch noch etwas wie „Haß! Haß! Haß!“ zu brüllen – so schien es ihr jedenfalls, weil der Fahrtwind die O's von dem Hundenamen abriß. Sie war eine kurzhalsige, kräftige Frau mit Bubikopf, die zu DDR-Zeiten vermutlich regelmäßig die Betriebssportseite im Volk geziert hatte. Als die Bahn stand, schwang sie sich aus ihrer Kabine und stapfte durch das feuchte Gras und den glitschigen Schotter um den Bug ihrer Bahn, um dem Subjekt an ihrem Außenspiegel die Leviten zu lesen.

Das war die Chance des Schäferhunds. Da sich plötzlich alle Türen geöffnet hatten, hechtete er sich durch die Hintertür auf den roten Umhang. Als er erkannte, daß es sich nur um eine Hülle handelte, die zum Abtropfen an der Notbremse hing, preschte er in der einzig möglichen Richtung hinter dem Besitzer des Umhangs her. Dieser rannte unter „Hilfe!“-Rufen auf die Fahrerkabine zu. Von seinem Gebrüll alarmiert, machte die Zugführerin auf dem Absatz kehrt, sprang wieder in die Bahn und bedeutete dem auf sie zu Stürzenden mit der einen Hand, sich in die Fahrerkabine zu flüchten. Er tat es. Mit der anderen Hand hatte sie bereits das Eisen mit Grifföse aus seiner Scheide und Klemme neben der Vordertür gerissen. Auf die Bachseite springend, erhob sie es im Umwenden beidhändig wie ein Schwert. Es war höchste Zeit, stürzte doch schon der Schäferhund zur Kabine, um sich endlich den Hasenfuß zu holen, der seinen Herrn beleidigt hatte.

Normalerweise diente das flache Stelleisen dazu, hier und dort die Weichen der altertümlichen Waldbahn umzulegen. Jetzt landete es gut gezielt auf dem Schädel des Hundes. Er heulte furchtbar auf und kippte mit einer Drehung wie ein Sack Kartoffeln in den Trittschacht. Da er sich als Toter nicht auf den Stufen halten konnte, plumpste er ins Gras. Spitze Schreie auch im Publikum. Blut und Hirn quollen aus dem Hundeschädel. Die keuchende Zugführerin stemmte sich auf ihr Stelleisen, ohne das Viech aus ihren blitzenden Augen zu lassen. Der Geflüchtete äugte aus der Kabine. Sie hatten beide den Eindruck, der Hund sei erledigt. Aber dann mußten sie erkennen, sein Herr war noch durchaus lebendig. Er stürmte wutentbrannt um den Bug und sprang über seinen armen Hund in die Bahn, ehe die Zugführerin geistes-gegenwärtig genug gewesen wäre, die Türen zu schließen.

Nun entschlossen sich jedoch einige Fahrgäste, darunter BesucherInnen des Karateleistungszentrums am Waltershäuser Gleisdreieck, die Angelegenheit nicht mehr ausschließlich als kostenlosen Augenschmaus zu betrachten. Die Zugführerin hatte ihnen zu sehr imponiert. So stellten sie dem Hundehalter, der ihr an die Gurgel wollte, ein Bein, rammten ihn auf den nächstgelegenen Einzelsitz und fächelten ihm mit ihren verhornten Pranken Luft zu. Nach dieser schnappte er in der Tat. Die Zugführerin lächelte ihren Helfern dankbar zu und hielt dem Ausgepumpten das Stelleisen vor die Nase: „Sie haben Glück – es geht an Ihrem Dickschädel vorüber!“

Damit klemmte sie die tödliche Waffe wieder an die Wand und schwang sich in ihre Kabine, die inzwischen von dem verfolgten Radfahrer geräumt worden war. Er hing nicht minder ausgepumpt auf dem Fahrkartenentwertungsgerät und musterte seinen gedrungenen Widersacher, den er als Arsch mit Ohren bezeichnet hatte. Unterdessen schlossen sich die Türen. Er selber war mittelgroß, schlank und wies ähnlich annehmbare Ohren wie jener auf. Da sein Widersacher zu funkeln begann, funkelte er ebenfalls. So blieb es nicht aus, daß sie alsbald ein verbales Gefecht eröffneten, das wieder erheblich zur Belustigung der Fahrgäste beitrug. Während die Beschuldigungen und Schmähungen hin- und herflogen und die Waldbahn an Fahrt gewann, ließ sich trotzdem das Funkgespräch der Zugführerin mit ihrer Gothaer Zentrale vernehmen.

„... Ja, das glaube ich dir, Kollege. Wir hatten an der Haltestelle in Wahlwinkel eine kleine Fahrtunterbrechung. Sie führte mir zwei ziemlich verwirrte Mannsbilder und einen Schäferhund zu, den ich leider erschlagen mußte ... Nein, mit dem Stelleisen ... Ja, die beiden Verrückten sind noch an Bord ... Nein, die Fahrgäste haben toll reagiert und sie mattgesetzt ... Das halte ich für überflüssig. Wir passieren doch in ein paar Minuten sowieso die Schöne Aussicht, da kann die Polente die zwei Kampfhähne in Empfang nehmen ... Ja, sicher, mach das mal gleich. Und schicke mir eine Springerin, denn es ist ja zu befürchten, die Polente kassiert mich ebenfalls gleich ein ... Ach woher! Mein Wagen wimmelt ja von Entlastungszeugen! Die sollen mal schön einen Reisebus aus der Schubertstraße mitbringen ... Ganz genau! Ende.“


2

Die um knapp 10 Minuten verspätete Waldbahn erklomm die leichte Anhöhe zur Schönen Aussicht gegen 16 Uhr. Köfel und sein Kollege Bertram von der Schutzpolizei hatten keinen Reisebus, sondern einen normalen Polizei-Pkw genommen. Da die Inspektion in der Schubertstraße fast um die Ecke lag, hätten sie auch zu Fuß gehen können. Doch es regnete noch immer, und sie wollten weder sich selber noch den Zeugen eine Erkältung zumuten. Angesichts der nahenden Waldbahn stiegen sie aus, überquerten die Waltershäuser Straße und schlüpften ins Wartehäuschen, wo unter anderem bereits ein bärtiger Mann in der dunkelblauen Waldbahn-Uniform stand. Köfel zog seinen grauen Filzhut und fand seine Vermu-tung, es sei der Springer für die Hundetöterin, bestätigt. Er bat den Mann um zwei oder drei Minuten Geduld, da er sich in der Straßenbahn erst ein paar Zeugen-Adressen notieren und vielleicht auch etwas umsehen müsse. Der Bärtige nickte nur.

Die Zugführerin stieg zuerst aus. „Frau Gumpling ..?“ Sie bestätigte es. Dann verfolgten Bertram und Köfel belustigt, wie zwei mürrisch wirkende Männer um 50 von etlichen hinter ihnen feixenden Fahrgästen mehr oder weniger sanft hinterher gedrängt wurden. „Sie sind die Kontra-henten in Sachen Schäferhund ..?“ Sie knurrten beide etwas, das als „Ja“ interpretiert werden konnte. „Und das Tier?“ wandte sich Köfel an die Zugführerin. Sie konnte ihn beruhigen. „Es liegt mausetot auf dem Wahlwinkler Kirmesplatz.“ Köfel nickte etwas säuerlich, weil er kaum umhin kommen würde, auch noch den Verbleib der Leiche mit dem Hundehalter zu klären. Aber das hatte Zeit.

„Also gut, meine Damen und Herren! Folgen Sie doch bitte meinem Kollegen Bertram zum Wagen. Ich komme gleich nach. Wir fahren dann gemeinsam zur Inspektion, um uns über den Vorfall zu verständigen. Vielleicht ist die Sache schon in einer halben Stunde erledigt.“

Da es keinen Protest gab, führte Bertram das Trüppchen über die Straße. Köfel blickte ihnen vorsichtshalber nach. Er sah, daß sein junger Kollege alles richtig machte. Zum Beispiel ging er – wider Köfels Ausdrucksweise – den Tatbeteiligten nicht voran. Und dann nahm er keineswegs wie sie im Wagen Platz; vielmehr spannte er neben diesem einen schwarzen Regenschirm auf. Man konnte nie wissen. Im Wagen sitzend, wäre Bertram unter Umständen der ideale Nährboden für eine Beule am Hinterkopf gewesen.

In der Bahn bekam Köfel rasch die erwünschten Personalien einiger Zeugen. Er sah das Stelleisen an der Wand und einige Tropfen Blut auf dem Trittbrett. Das genügte ihm. Er gab dem neuen Zugführer Grünes Licht und wünschte Gute Fahrt.

Auf der Inspektion ließ sich Bertram mit den drei Tatbe-teiligten im BesucherInnenzimmer der Abteilung Kripo nieder. Als ihn der Hundehalter nach der Möglichkeit fragte, mit seiner Frau zu telefonieren, reichte ihm der junge Polizist ohne Umschweife sein Handy. Die Frau hieß Manu – vielleicht Manuela. Karl hielt sich zurück und behelligte seine Frau nicht mit der Information, auf dem Wahlwinkler Kirmesplatz sei ein toter Schäferhund zu besichtigen. Er wies sie nur an, sein Abendessen warm zu stellen. Die beiden anderen Tatbeteiligten wollten nicht telefonieren. Köfel erschien und bat zunächst die Zugführerin in das Büro, das er sich mit Luckenwalde teilte. Dieser war unterwegs.

Zugführerin Elke Gumpling, 48, schilderte den Vorfall am Kirmesplatz aus ihrer Sicht. Ihre Sicht wich nicht nennenswert von der hier gegebenen ab. Sie stilisierte sich auch nicht zur Heldin der Arbeit. Den Griff nach dem Stelleisen verdanke sie der Erzählung eines Kollegen, der damit einmal einen messerschwingenden jungen Nazi in Schach gehalten hatte.

„Aha“, nickte Köfel. „Aber wenn Sie hinter dem Verfolgten kurzerhand die Kabinentür geschlossen hätten, wäre er doch in Sicherheit gewesen? Oder nahmen Sie an, der Hund sei speziell aufs Türklinkendrücken abgerichtet?“

Elke Gumpling verzog ihr Gesicht, rollte mit den Augen und sah Köfel halb spöttisch und halb strafend an. „Herr Kommissar, Sie müssen genauer hingucken! Die Kabinentür hat keine Klinke. Davon abgesehen, war ich weder darauf versessen, selber dem Köter zum Fraße zu dienen noch ihm den einen oder anderen Fahrgast zu opfern. Das Tier war doch von Sinnen!“

Köfel schmunzelte. „Ganz im Gegensatz zu Ihnen, Frau Gumpling! Ich danke Ihnen und bitte Sie, einstweilen wieder draußen Platz zu nehmen. Vielleicht noch zu Ihrer Beruhigung gesagt: Ich kann mir nicht denken, daß Sie belangt werden. Sollte ich recht behalten, werde ich eher umgekehrt Ihrem Chef vorschlagen, Ihnen einen Tag bezahlten Sonderurlaub zu spendieren.“

Als nächster saß der Hundehalter in Köfels Büro. Karl Moog, erwerbsloser Bagger- und Kranführer, zuletzt bei der Baufirma Kleine in Waltershausen beschäftigt, bestritt den uns bekannten Hergang an und in der Straßenbahn nicht. Das hätte ihm bei den zahlreichen Augenzeugen auch nichts genützt. Moog hielt besonders die Vorgeschichte für bedeutsam. Diese Gewichtung besaß den Vorteil, daß die Vorgeschichte außer ihm und dem Radfahrer niemand kannte. Es gab also keine lästigen Augen- oder Ohrenzeugen. Schlimmstenfalls stand Aussage gegen Aussage. So setzte Moog die treuherzig-besorgte Miene auf, die er als eifriger Fernseher vor allem von unbestechlichen Landesvätern her kannte, und trug vor:

„Er hat mich als Arsch mit Ohren beschimpft, Herr Kommissar! Und wissen Sie, was er sagte? Jawohl, er sagte nämlich, solche Ärsche mit Ohren wie ich seien ihm schon hunderte von Malen begegnet – und noch jedesmal habe er ihnen die Fresse poliert. Jawohl! Und da soll ich schön stramm stehen und keinen Widerstand leisten, Herr Kommissar? Ich bitte Sie!“

Köfel rieb sein Stoppelkinn, während er den schlagfertigen Bagger- und Kranfahrer mit Interesse musterte. „Verstehe, Herr Moog! Und dann haben Sie die Arme oder Ihren Regenschirm vor Ihr Gesicht gehalten, um die Faust-schläge des Mannes abzuwehren ..?“

„Nun ja ... Nicht ganz ... Er hat ja nur einmal so durch die Luft gewischt, und dann hat er sich lieber davongemacht, weil er natürlich sah, mit uns kann er das nicht machen. Wen wundert es, wenn dann Hasso gleich hinter ihm hergestürmt ist. Der Schuft hatte seinen Herrn bedroht. Ich schrie mir natürlich die Lunge aus dem Hals, um Hasso zurückzuhalten, aber das nützt ja nichts. Also bin ich hinterher gemacht. Dann sehe ich, daß die Waldbahn sowohl den blöden Radfahrer wie meinen treuen Hasso gefährdet – ich mich mit letzter Kraft an dem Scheiß-spiegel eingehängt, um das Schlimmste zu verhüten!“

Moog atmete schwer aus und erstrahlte dann schon fast. Offenbar war er stolz auf seine Erzählung. Im Wartezimmer hatte er sich eigentlich nur den Anfang zurechtgelegt. Aber einmal in Fahrt gekommen, hatte sie eine Wendung genommen, die ihn selber verblüffte. Jetzt stand er doch in gar nicht so schlechtem Lichte da!

Köfel rieb erneut seine Kinnladen, um seine Belustigung zu verbrämen. „Welche Übel wollten Sie genauer verhüten, Herr Moog?“

„Na, daß der Typ oder mein Hund überfahren werden! Diese Zugführerin war ja taub, die hat nichts gehört – denn ich schrie ja! So halten Sie doch, habe ich immer geschrien, aber sie hielt nicht.“

Köfel nickte und sah zu, den phantasievollen Bagger- und Kranfahrer so schnell wie möglich wieder ins Wartezim-mer zu bekommen. Dann hielt er sich erst einmal an Luckenwaldes Zimmerlinde fest und prustete sie kräftig voll, womit er sich nebenbei das heutige Gießen ersparte. Erst dann bat er den Radfahrer ins Büro.

Der Radfahrer war erheblich nachlässiger als der Arbeiter Karl Moog gekleidet. Seine fleckige und speckige olivgrüne Manchesterhose hatte die Waschmaschine wahrscheinlich letztmals an Ostern gesehen. Sie war beulig wie ein Eierversteck. Allerdings war der Mann tadellos rasiert – besser als Köfel. Dieser ließ ihn in dem Armlehnstuhl vor seinem Schreibtisch Platz nehmen und bat um den Personalausweis.

„Herr Reitmeier aus Waltershausen also ... Reitmeier mit zweimal ei? Henner Reitmeier? Sagen Sie mal, der Name kommt mir irgendwie bekannt vor ..!“

„Wollen Sie mir schmeicheln?“

„Warum?“

„Weil ich ein Schriftsteller bin, den keine Sau kennt!“

„Aah!“ tippte sich Köfel erleuchtet an die Schläfe. „Jetzt weiß ich es. Vor etlichen Jahren brachte die Hamburger Zeit einen ausgezeichneten längeren Artikel über Snooker, der war von Ihnen! Kann das sein?“

„Das stimmt allerdings. Ich hoffe nur, inzwischen lesen Sie Die Zeit nicht mehr.“

Köfel lag das nächste Warum? auf den Lippen, doch er verkniff es sich. Zum einen konnte er sich den Grund denken, zum anderen ging es ja eigentlich um einen erschlagenen Hund. Köfel entschloß sich, das Gespräch – nicht etwa die Vernehmung, denn das hätte der Belehrung und eines Protokolls bedurft – gleich auf die Vorgeschichte zu bringen. Er bat den Schriftsteller um eine Schilderung.

Der hagere Reitmeier hatte die Beine übergeschlagen und lehnte bequem im Stuhl. Er gestand ohne Scham, den Schirmträger als Arsch mit Ohren beschimpft zu haben, denn dessen Spruch Keine Angst, der ist ganz lieb, der tut Ihnen nichts habe er schon hunderte von Malen in seinem Leben gehört. Das habe er auch dem Schirmträger gesagt. Damit sei er wütend davongefahren, doch dieser habe seinen Köter hinter ihm hergehetzt. Die scheinheiligen oder saudummen Empörungsrufe des Schirmträgers und das Faß ihn, Hasso! habe er mit eigenen Ohren gehört. Dann habe er freilich Gas gegeben. Kurz vorm Bach ...

Köfel hob die flache Hand. „Einen Augenblick bitte, Herr Reitmeier. Sie sagten: scheinheilig oder saudumm. Warum?“

„Weil Hunde gefährliche und zumindest einschüchternde Waffen sind. Ob der Halter gedenkt, sie einzusetzen oder nicht, spielt keine Rolle.“

Köfel verstülpte die Lippen und nickte langsam. „Der Zimmermann Heinz Melcher aus der Melankolonie Stichtaöhr hat sich neulich ähnlich geäußert. Offenbar kann man es so sehen. Melchers Kommune hat die Ächtung des Hundes sogar im Statut. Kennen Sie die Kommune?“

„Nie gehört. Es klingt aber interessant. Vielleicht sollten Sie mir einmal die Adresse geben.“

„Das kann ich gerne tun. Doch zuvor zur Sache. Bestehen Sie auf einer Ahndung des auf Sie erfolgten Übergriffs durch den aufgehetzten Schäferhund? Ich gebe Ihnen gleich zu bedenken: die Aussichten sind gering. Da vermutlich keine Zeugen aufzutreiben sind, stünde Ihre Aussage gegen die Aussage von Herrn Moog, falls er nicht einknickt.“

„Bestünde Aussicht auf einen Prozeß?“

Köfel grinste sofort und winkte mit dem Zeigefinger. „Sie Schlawiner! Sie wittern also Ihre Chance. Sie sagen sich: wenn das durch die Medien geht, kennen mich armen Schriftsteller schon ein paar Säue mehr!“

Reitmeier hob entrüstet seine gespreizten Hände. „Wo denken Sie hin, Herr Kommissar! Ich bin die Beschei-denheit in Person. Ein Prozeß böte lediglich die Chance, einmal die zirka 50 Millionen Köpfe zählende Hundelobby in Deutschland anzupinkeln und beispielsweise die Einführung von Waffenscheinen zu fordern.“

Köfel schmunzelte. „Schon wahr, Herr Reitmeier, aber der Staatsanwalt dürfte kaum mitspielen. Er wird auf einen außergerichtlichen Vergleich pochen. Ich denke ebenfalls, für einen Prozeß lohnte der ganze Aufwand nicht.“

„Na gut“, winkte Reitmeier ohne große Überwindung ab. „Dann lassen wir es. Der Vergeltungs- oder Rachegedanke ist mir ohnehin fremd. Mir würde es genügen, wenn der liebe Moog begriffe, daß er in Begleitung eines scharfen Köters auf manche Leute alles andere als lieb wirkt.“

„Ich gebe Ihnen recht. Ich könnte mich in dieser Richtung bemühen. Versuchen wir es also kurzerhand mit einer Schlichtung?“

Da der Schriftsteller nur nickte, bat Köfel ihn, die anderen Tatbeteiligten und den Kollegen Bertram in ungefähr drei Minuten ins Büro zu führen. Er machte sich inzwischen weitere Notizen und dachte über das sinnvollste Vorgehen nach. In der Ecke zwischen Luckenwaldes Zimmerlinde und der Bürotür stand ein runder Tisch. Köfel nahm dort Platz. Als auch die Vorgeladenen nebst Bertram an ihm saßen, eröffnete Köfel die Sitzung mit den Worten:

„Meine Damen und Herren, erfreulicherweise ließen alle drei Tatbeteiligten durchblicken, an einer versöhnlichen Beilegung des Konfliktes interessiert zu sein. Weitere Ermittlungen und gar ein Prozeß wären nur mit unnötigen Kosten und krankmachendem Ärger verbunden. Meiner Ansicht nach bietet sich ein sofortiger Vergleich geradezu an. Herr Moog hat sicherlich einen prächtigen, wertvollen Schäferhund verloren, an dem sein Herz hing. Anderer-seits wirkte dieser Hund sowohl auf Herrn Reitmeier wie auf Frau Gumpling ohne Zweifel sehr bedrohlich. Nur darauf kommt es an, Herr Moog. Sie können bei einem Spaziergang die friedlichsten Absichten hegen – und doch wirkt ein Deutscher Schäferhund auf manche Menschen nicht wie ein runder Konferenztisch, auf dem eine weiße Flagge steht. Der Hund könnte beißen, zumal Sie ihn nicht an der Leine führten, Herr Moog. Der betroffene Mensch könnte demnach Angst haben. Zumindest zwingt ihn Ihr Hund zum Argwohn und zum Ausweichen. Damit wird bereits der Straftatbestand der Nötigung gestreift, Herr Moog. Nebenbei hat Ihr Hund eine Unterbrechung des öffentlichen Nahverkehrs verursacht, die normalerweise Regreßforderungen nach sich zieht ... Allerdings hat Ihnen Herr Reitmeier genauso unbezweifelbar ein paar unflätige Worte an den Kopf geworfen. Sie waren spontan empört und legten es sicherlich nicht auf eine heimtückische Vergeltung an. Kurz und gut, wenn sich die Dame und die beiden Herren zu schlichten Händedrücken entschließen könnten, dürfte jeder sein Zugeständnis gemacht haben. Was halten Sie davon?“

Elke Gumpling reagierte zupackend wie schon früher. „Aber sicher!“ platzte sie heraus und hieb ihre Hand wie die KaratekämpferInnen auf den Tisch. „Der Kommissar hat völlig recht. Begraben wir also unser Kriegsbeil, Herr Moog?“

Der Angesprochene druckste herum. Er rieb seine rosigen Wangen mit den Fingerknöcheln seiner schruntigen Pranken – wodurch sein Gesicht noch länger wurde als bereits durch Köfels Ansprache bewirkt – und irrte mit seinem ehedem treuherzigem Blick von einem zum anderen. Er erntete keine Feindseligkeit. So seufzte er und schlug in die Hand ein, die seinen Hasso in die Ewigen Jagdgründe befördert hatte. Reitmeier schloß sich an und gab dann auch seinem Widersacher die Hand.

„Ich bin sehr erfreut“, stellte Köfel fest. „Morgen werde ich einen Bericht schreiben und meinem Chef vorschlagen, die Akten zu schließen. Das wird er erfahrungsgemäß tun. Damit wäre die Sache erledigt – vorausgesetzt, Herr Moog verspricht mir, sich möglichst unverzüglich um die Hundeleiche zu kümmern? Na, prima ... Jetzt habe ich freilich schon wieder eine Überstunde gemacht. Die Sitzung ist dringend beendet! Möchte jemand von Ihnen nach Hause gebracht werden? Herr Bertram hat Spätschicht und macht das sicher gerne.“

Doch die Männer versicherten, das sei nicht nötig, sie könnten die Straßenbahn nehmen, und Frau Gumpling wollte zu Fuß ins nahe Wagendepot.

„Auch gut“, erwiderte Köfel, gab mit einer Handbewegung Bertram frei und griff sich dann seinen Regenmantel vom Garderobenständer. „Gehen wir doch einfach geschlossen zu viert, es ist auch mein Weg!“


3

Auf dem Weg zur Schönen Aussicht ließ sich Köfel leicht zurückfallen, um neben Reitmeier zu gehen. Der Schriftsteller hatte die Nachhut gemacht. Es war schon dunkel, doch hatte es immerhin zu regnen aufgehört, sodaß Reitmeier seinen roten Umhang unter dem Arm tragen konnte. Dafür knurrte Köfel der Magen. Er sagte:

„Wissen Sie was, Herr Reitmeier, wenn Sie nicht gerade von dringenden Manuskripten erwartet werden, böte es sich doch an, gemeinsam unseren hiesigen schönen Snookersalon am Bahnhof aufzusuchen. Es gibt dort auch ausgezeichnete Imbisse. Sie wären mein Gast. Meine Wohnung liegt auf dem Wege. Somit könnte ich kurz hinaufspringen, um meine Queues zu holen. Ich besitze zwei. Sie sind beide nicht die Schlechtesten.“

Reitmeier war von der Vertraulichkeit des Kommissars nicht sonderlich überrascht. Dessen Äußerungen und seine Verhandlungsführung hatten ja deutlich gemacht, daß Köfel für einen Polizisten als Rarität gelten mußte. Er erwiderte:

„Ihre guten Queues in Ehren, Herr Köfel, nur: wie steht es mit mir? Ich habe seit mehreren Jahren kein Queue mehr angerührt. Um aber beispielsweise halbwegs genießbare Texte zu schreiben, trainiere ich täglich – seit mindestens 12 Jahren!“

Köfel winkte ab. „Da kommen Sie schnell wieder rein! Notfalls gebe ich Ihnen ein paar Punkte vor. Davon ab, fänden sich ja vielleicht auch noch andere interessante Gemeinsamkeiten.“

„Also gut. Ich habe Zeit. Ich müßte dann nur am Bahnhof nach der Abfahrtszeit des letzten Zuges schauen, der mir in Fröttstädt noch Anschluß nach Waltershausen gewährt.“

Köfel nickte. An der Straßenbahnhaltestelle verabschie-deten sie sich von Herrn Moog. Mit Frau Gumpling gingen sie weiter zum Wagendepot, das keine 400 Meter entfernt lag. Beim Händeschütteln sagte Reitmeier:

„Möglicherweise haben Sie mir das Leben gerettet, Frau Gumpling. Da ich ein armer Schlucker bin, kann ich Ihnen nur die Erkenntlichkeit in Aussicht stellen, Sie demnächst in den einen oder anderen Text zu hieven.“

„Ach Gottchen!“ hielt sich Frau Gumpling den Mund. „Das wird was werden!“ Damit verschwand sie winkend in dem Wagenhof.

Die beiden Männer folgten wie zuvor den Schienen der Bahnen 1 und 4. Bis zu Köfels Wohnung unweit der Haltestelle Ernststraße hatten sie nur noch fünf Minuten zu gehen. Reitmeiers Schritt war keineswegs schleppend. Köfel fiel das Geburtsdatum im Personalausweis des Schriftstellers ein, das ihn erstaunt hatte. Er sagte:

„Wie ein Greis von 58 wirken Sie aber gar nicht, Herr Reitmeier. Wenn es nicht am Snookertraining liegt – dann etwa am Schreiben?“

„Hoho!“ lachte der Schriftsteller auf. „Ohne Schreiben, Herr Köfel, würde ich wahrscheinlich nur wie 30 aussehen!“

Köfel lächelte. Er wollte Reitmeiers Scherz gerade aufgreifen, als sein Handy dudelte. Es war Jule. Sie erkundigte sich, ob es bei ihrer Verabredung für den nächsten Tag bleibe. Das bejahte Köfel. „Prima – hat es sonst etwas Aufregendes bei euch gegeben?“

Mit „euch“ meinte Jule die Kripo. Köfel erwiderte: „Eine heldenhafte Straßenbahnführerin hat einem Schriftsteller, den angeblich keine Sau kennt, das Leben gerettet. Er wurde von einem Schäferhund verfolgt.“

„Dann wäre es ja nicht weiter schlimm gewesen.“

„Was?“

„Na – wenn ihn doch sowieso keiner kennt!“

Köfel gluckste. „Na, na, na – das sage ich dem Schriftsteller aber lieber nicht. Wir marschieren gerade zum Snooker-salon ... Gut ... Ja, mache ich. Tschüß, Julélula!“

Gleich darauf erreichten sie die Villa in der Ernststraße, aus deren Dachgeschoß Köfels großes Erkerzimmer herausstand. Er holte die Queues. Die schmalen, schwar-zen Koffer hätten auch je eine doppelläufige Jagdbüchse enthalten können. Reitmeier nahm seinem neuen Bekannten einen Koffer ab. Nach wenigen Schritten hügelan bogen sie nach links.

„Verdammt!“ hielt Reitmeier jäh inne. Sein Blick war auf das Straßenschild geheftet. „Vor dem ist man offenbar nirgends sicher. Selbst das Furznest Waltershausen hat eine Goethestraße.“

Da Köfel nur lächelte, setzte sich der Schriftsteller wieder in Bewegung. Die Goethestraße führte Richtung Schloßpark. Beiden Männern war allerdings die jüngste Krönung des Thüringer-Wald-großen Berges von Büchern über den Weimarer Dichterfürsten unbekannt. Ein italienischer Forscher führt da auf über 300 Seiten den „Indizienbeweis“, Frau von Stein sei nur eine Strohfrau gewesen, die Goethes Liebe zur Herzogin Anna Amalia höchstselbst zu verbrämen hatte. Stein war deren Hofdame gewesen. Dieser weltbewegende Befund versöhnt Italien sicherlich mit Berlusconi und der Mafia.

Nach einigen Querstraßen sagte Reitmeier: „Immerhin hatte Goethe kein Handy. Haben Sie keine Bedenken, Ihr Spür- und Scharfsinn könnte durch ungute Strahlungen geschädigt werden, Herr Köfel?“

„Naja ... Ich kann da nicht so wählerisch sein, Herr Reitmeier. Ein Kripomann ohne Handy ist inzwischen undenkbar ... Ich verdränge mein Wissen um diese Gefahr nicht anders wie ich meine guten Aussichten ignoriere, mich morgen mit dem Polizeiwagen zu überschlagen oder übermorgen von einem Neofaschisten erschossen zu werden, der sich unglücklicherweise als Verfassungs-schutzagent entpuppt.“

Reitmeier grinste. „Ich sehe, Sie blicken den Realitäten ins Auge.“

Sie durchschritten inzwischen den Südostwinkel des Schloßparks. Von den hohen, kahlen Bäumen tropfte es überall. Das Schloß selber auf der Kuppe wirkte wuchtig und häßlich wie immer. Jenseits der Parkallee bogen sie in die Jägerstraße. Vor deren Abknick in den Kunstmühlen-weg hielt Köfel inne. Er deutete zunächst nach links, wo ein stattliches älteres Gebäude aus bräunlichem Sandstein zu sehen war.

„Die Wohn- und Arbeitsstätte unseres Astronomen Peter Andreas Hansen“, erläuterte Köfel. „Er starb um 1870. Sehen Sie hinten den angestrahlten Turm? Das war dereinst die Sternwarte. Sie galt damals als mustergültig.“

Reitmeier nickte. Der vieleckige Turm wies ein umlaufendes blaugoldenes Band aus Rauten auf; in jeder Raute saß ein Sternchen. Jetzt deutete Köfel nach rechts in eine schmale Seitenstraße.

„In dem hell verputzten Mehrfamilienhaus hat Hanns Cibulka gewohnt. Erdgeschoß rechts. Ich hatte da einmal einen Einbruch zu untersuchen, bei dem ein paar wertvolle Gemälde verlustig gingen. Einem Schriftsteller die Bücher zu stehlen, bringt ja nicht viel ein. Allerdings habe ich von Cibulka so gut wie nichts gelesen. Es ist wie fast immer: man kennt nur den sogenannten Ruf.“

Der 2004 gestorbene Hanns Cibulka hatte über Jahrzehnte die Gothaer Stadtbücherei geleitet, die noch heute in der Orangerie unterhalb des Schlosses untergebracht ist. Außerdem schrieb er selber – neben Gedichten vor allem Tagebücher. Die Dramaturgie war nicht seine Stärke gewesen. Reitmeier schätzte ihn als ausgezeichneten Stilisten, was er Köfel auch nicht verhehlte, während sie den von Laternen gesäumten Kunstmühlenweg hinuntergingen.

„Na, ich weiß nicht“, sagte Köfel. „Ich habe zu Hause so ein dünnes Bändchen, Späte Jahre heißt es, da steht kaum was drin und es kostet trotzdem 7 Euro. Ich fand die minimalen Bemerkungen, die es enthält, ziemlich dürftig. Auf dem Umschlag hatte es leider geheißen, es handele sich um 'meisterhafte Miniaturen', in denen die Sprache 'aufs Höchste verdichtet' sei.“

Reitmeier lachte schadenfroh. „Reingefallen! Das ist doch der übliche verblendete oder berechnende Käse, wenn im Todesjahr eines Autors noch schnell ein Werk von ihm auf den Markt geschmissen wird. Etliche frühere Bücher von ihm sind erheblich besser. Da er Moralist ist, lassen sie allerdings sämtlich Humor vermissen. Bei Cibulka gibt es nichts zu lachen.“

„Er war Moralist? Aber lebte er nicht in der DDR?“

„Tat er, Sie haben recht. Ich begreife es auch nicht so ganz. Wahrscheinlich kannte er Das Kapital nur von den Rücken in seiner Stadtbücherei her. Er denkt in seinen Büchern durchaus viel nach, aber selten tief. Er klagt oder beschwört lieber. Er haßte Mücken, die ihm lebenslänglich zusetzten, und als genau eine solche Plage beschimpft er auch das Geld. Er nennt es antidemokratisch, dabei ist das Gegenteil der Fall. Das Geld steht für völlige Gleichheit und das Geld sorgt für Mehrheiten. Als vollendeten Ausdruck unseres quantitativen Denkens und Handelns will oder kann er es nicht begreifen, weil er kein Marxist ist. Statt Analysen gibt er Nebel. Er beschwört 'Demokratie', vor allem 'Basisdemokratie' – was ist das? Wie funktioniert es? Er beklagt 'Maßlosigkeit', sieht böse 'Kräfte' am Werk, spricht verschwommen von einem 'Verrat an Europa', empfiehlt den 'Weg des Herzens' und glaubt fest daran, über kurz oder lang werde ein 'spirituelles Zeitalter' hereinbrechen. 'Hereinbrechen'! Da wird im Güstrower Dom sicherlich Barlachs Schwebender Engel von der Decke fallen.“

„Sie sind ja ganz schön in Fahrt!“ sagte Köfel fast bewundernd. Daß sich Reitmeier möglicherweise seit längerem nicht mehr richtig ausgesprochen hatte, sagte Köfel lieber nicht. Sie hielten inzwischen auf den Bahnhof zu. Köfel ergänzte: „Vielleicht ist Cibulka auf seinen spirituellen Trichter gekommen, weil er immer dieses Observatorium vor der Nase hatte.“

„Gut möglich!“ lachte Reitmeier. „Aus der DDR hat er ihn jedenfalls nicht.“

Sie bogen um die erleuchtete neue Straßenbahnhalle und erreichten den Bahnhof. Nachdem sich Reitmeier die Abfahrtszeit des letzten Zuges eingeprägt hatte, hielten sie quer über den Vorplatz auf den Snookersalon zu. Sie kreuzten dabei den Weg einer älteren Dame mit Dackel. Reitmeier sah seinen Begleiter an:

„Apropos Moral, Herr Köfel. Vorausgesetzt, Sie haben mir meine Darstellung abgenommen – meinen Sie nicht, daß sich in Herrn Moogs Reaktion auf meine Beleidigung eine sehr befremdliche, gewalttätige Gesinnung offenbarte? Wenn er die Behauptung, er sei ein Arsch mit Ohren, mit der Drohung pariert, diesen Mistkerl umzubringen?“

Köfel nickte ernst. „Da muß ich Ihnen allerdings recht geben.“

„Und daß an solcher Verfaßtheit weder Ihre geschickte Schlichtung – nämlich: Beschwichtigung – noch die Moralpredigt eines Hanns Cibulka rüttelt?“

„Ja. Es ist die Verfaßtheit des 'autoritären Charakters', der sich bei Adenauer so gut wie bei Ulbricht aufgehoben wußte.“

Reitmeier machte eine hilflose Handbewegung. „1989/90 bestand vielleicht eine Chance, in der verflossenen DDR eine Gesellschaft zu schaffen, die weder Konkurrenz – und damit auch Krieg – noch Eigennutz züchtet, vielmehr Solidarität einübt. Ansätze waren ja vorhanden. Aber die Schmiede 'westlicher Werte' wünschten das nicht. Jetzt kämpft auch im Osten wieder jeder gegen jeden.“

Köfel sagte dazu nichts. Sie hatten ohnehin das Gebäude erreicht, in dessen Erdgeschoß der Snookersalon Reiner Tisch lag, und machten vor ihm Halt. Der dreigeschossige Klinkerbau mit Flachdach erstreckte sich parallel zu den Straßenbahnschienen im rechten Winkel zum Bahnhof. Zu den Schienen hin war das Erdgeschoß in einem eleganten Bogen herausgezogen worden. Die Klinker hatten zumindest bei Tageslicht die Farbe von Auberginen. Das gradlinige und schmucklose Gebäude ließ an die Bauhaus-Architektur denken. Reitmeier hatte es früher übersehen. Jetzt drückte er sein Wohlgefallen aus.

Köfel nickte zustimmend und schob dem Schriftsteller die flache Hand aufs Schulterblatt. „Treten wir kurzentschlos-sen ein, um mit unseren Bedrängern reinen Tisch zu machen ..!“

Das Zitat brachte Reitmeier zum Lachen. Die hohe Flügeltür des Eingangs hatte senkrechte Griffstangen aus Edelstahl. Reitmeier zog den rechten Flügel auf und überließ seinem neuen Bekannten mit einer Handbewe-gung den Vortritt. Köfel zog seinen Hut und folgte der Aufforderung.




VII

Bohumil



Vor einigen Jahren war Köfel nur seinem versetzten Chef zuliebe nach Gotha gezogen. Freiwillig hätte er das nie getan. Merkwürdigerweise gab es nämlich in der traditionsreichen Residenz- und Kreisstadt nicht einen Hauch einer linksradikalen Szene. Gotha war immer eine Hochburg der Linken gewesen. Das Gothaer Programm der frühen Sozialdemokraten dürfte sogar manchem westdeutschem Bürger etwas sagen. Auch USPD und KPD waren ungewöhnlich stark verankert. Doch spätestens seit der sogenannten Wende um 1990 scheint alles Zu-linke als Sünde zu gelten. Ob Plakate, Club, Kneipe, Kino, Buchladen – nichts. Die neuen Sozialdemokraten aus der Ex-PDS und ihre Einrichtungen können wir ja nicht zählen. Eher ersticken sie jeden linksradikalen Hauch mit ihren karrieristischen Vorbehalten im Keim.

Andererseits wäre Köfel ohne den Umzug von Südhessen nach Thüringen sehr wahrscheinlich niemals Jule Klaas begegnet, sodaß er ihn nicht bereute. Fiel ihnen einmal in Köfels Gothaer Erkerzimmer die Decke auf den Kopf, fuhren sie meist nach Waltershausen. Zwar wäre es gar zu sehr geschmeichelt, Köfels Kumpel Ulf und die Puppen-fabrikkommune mit ihrer Veranstaltungskneipe Spatz als Waltershausens linksradikale Szene zu bezeichnen, doch das war immerhin besser als gar nichts. Auch das Erlernen des Tangotanzens war vielleicht noch nicht der revolutio-näre Durchbruch. Jule hatte Köfel überredet. Durch den Tango-Kurs im Spatz hielten sie sich neuerdings sogar jede Woche einmal in dem Städtchen am Fuße des westlichen Thüringer Waldes auf. Auch diese Fortbildung bereute Köfel nicht. Beherrschte man die ersten Schritte und Würfe, kam man wirklich auf den Geschmack. Der Tango-Kurs fand jeden Dienstagabend statt, wenn der Spatz – wie auch montags – Ruhetag hatte. Er galt als geschlossene Gesellschaft.

Da Ulf und dessen Geliebte Ines ebenfalls teilnahmen, lag es für Jule und Köfel nahe, in Ulfs Riedhäuschen am Stadtrand zu übernachten. Unsere Geschichte setzt an einem Dienstag im Februar um 23 Uhr 12 in Ulfs Wohnküche ein. Köfels Handy dudelte. Es war sein Chef. Dieser wußte natürlich um die regelmäßigen Tango-Umtriebe seines Lieblingsmitarbeiters. Davon abgesehen, konnte er sich gegen Köfel fast jede Unverschämtheit herausnehmen, denn dieser verehrte ihn.

„Hallo, mein Bester. Wie ich sehe, scheinen Sie weder zu tanzen noch zu schlafen ... Am frühen Abend – vermutlich mit der Dämmerung – hat es bei Waltershausen einen Jagdunfall gegeben – falls es einer war. Ein Mountainbike-Fahrer alarmierte die Polizei. Er hatte am Otterbachsteich unterhalb von Deyßingslust einen jaulenden Hund vernommen. Der Hund umstrich einen Hochsitz, der dort am Waldrand steht. Das heißt, jetzt steht er nicht mehr. Er war zusammengebrochen. In den Trümmern entdeckte unser Radfahrer den Jäger, der zu dem Hund gehörte. Zwar schien er noch zu leben, doch auf der Fahrt zum Krankenhaus starb er. Unsere Schupo-Kollegen konnten am Tatort verständlicherweise nicht viel ausrichten. Es wurde ja dunkel. Verdächtige bemerkten sie nicht. Der Radfahrer kommt schon deshalb kaum in Betracht, weil sich der Hund dankbar gegen ihn zeigte. Die Kollegen meinten, im Scheinwerferlicht wirkte der zusammen-gebrochene Hochsitz nicht gerade morsch.“

„Haben sie ihn gesichert?“ wollte Köfel wissen.

„Ja, Mensch – sie haben ihn natürlich wie üblich abgesperrt. Aber sollten sie etwa einen Campingbus anfordern, um mal eine romantische Nacht im Thüringer Wald zu verbringen?“

„Mit anderen Worten, ich soll mit dem ersten Sonnen-strahl dahin kriechen und jeden Pfosten einzeln umdrehen und alle 100 Fußabdrücke der lieben Kollegen mit Kunstkautschuk ausgießen.“

„Sie sagen es. Nehmen Sie die Sache gleich morgen früh in Augenschein. Ich vermute, Sie stecken bei Ihrem Bekannten Ulf? ... Dann wird Sie Voßkämpen um 7 bei Ulf abholen. Geben Sie mir bitte die Adresse.“

Köfel tat es und erhielt im Gegenzug die Personalien des Zeugen und des Verstorbenen. Damit wünschte ihm sein Chef noch einen schönen Abend.

„Sehr witzig“, knurrte Köfel, während er sein Handy wieder einsteckte. „Morgen früh um 7 schickt er mir einen Bullenwagen auf den Hals!“

Sie saßen zu viert um den Küchentisch, auf dem noch die abgegessenen Teller standen. Ines lächelte. „Wo sollst du denn hinkriechen, um irgendwelche Pfosten zu untersuchen?“

Köfel gab die Geschichte wieder. Morgen früh stand sie sowieso in der Zeitung.

„Wie heißt denn der Jäger?“ wollte Ulf wissen.

„Ein Hubert Wiedenhaupt aus Waltershausen.“

„Oh!“ machten Jule und Ulf im Chor, nachdem sie sich angeblickt hatten.

„Muß man Wiedenhaupt kennen?“

„In Waltershausen kennt ihn jeder“, klärte Jule Köfel auf. „Aber Ulf kennt ihn vermutlich schon länger als ich.“

Ulf nickte und setzte Köfel wie auch seine Geliebte Ines, die in Eisenach lebte, ins Bild. Wie immer bei Ulf, gab es dazu vorzüglichen Wein.

Der 52jährige Hubert Wiedenhaupt war steinreicher Immobilienhändler, Stadtverordneter und daneben der größte Bewunderer seiner eigenen Person – gewesen. Als Wohn- und Arbeitsstätte diente ihm bis zu seinem jähen Tod ein Haus, das allgemein als das Juwel der winzigen Waltershäuser Altstadt galt. Eingepaßt in die Häuserfront, lag das dreigeschossige Jugendstilgebäude aus hellem Sandstein kurz vorm Klaustor in der Hauptstraße. Es hatte vor Wiedenhaupt die Wohn- und Geschäftsräume der Lederfabrik Fridolin Gebhardt beherbergt. Trotz eines von Löwen bewachten gewölbten Portals wirkte die aufgelockerte Fassade nicht wuchtig. Das Portal kam Aufkäufer Wiedenhaupt durchaus entgegen, weil er ein beleibter, stattlicher Mann war und ohne Zweifel immer noch höher hinaus wollte. Er verstand sich als beflügelnder Wohltäter seines Heimatstädtchens und galt auch als solcher. Wem immer er beim Gang über den Marktplatz gönnerhaft zulächelte, die Hand schüttelte oder die Schulter klopfte – asiatische KleiderverkäuferInnen oder die einheimischen PfandflaschenanglerInnen eingeschlos-sen – man fühlte sich geschmeichelt. Wiedenhaupt besaß das runde, volle Gesicht eines Buben, der kein Wässerchen trüben kann. Das dunkle Haar trug er kurz. Er protzte weder mit Schmuck noch mit Kleidern, wenn er auch stets gediegen angezogen war. Er war Sohn des Volkes. Als Jäger war er natürlich auch Sohn der Wälder. Da er fließend Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch sprach, wäre er am liebsten auch noch der Sohn Europas gewesen.

„Ihr könnt ihn nicht leiden?“ wollte Köfel wissen, während er von Ulf zu Jule blickte.

Die beiden bestätigten es. Jule sagte: „Von seiner onkelhaften Art einmal abgesehen, hat er noch kurz vor seinem Tod dafür gesorgt, daß hinter seinem Jugendstil-Edelbau – also auf dem ehemaligen Lederfabrikgelände – in Kürze ein Einkaufszentrum entstehen wird. Es wimmelt hier von Supermärkten und Boutiquen, während die Geldbörsen der ehemaligen DDR-BürgerInnen bereits Schimmel ansetzen – aber Herr Wiedenhaupt muß so ein Ding in die Altstadt rammen. Und was der Gipfel ist: in der Puppenfabrik tauchte er mit dem Vorschlag auf, das Einkaufszentrum über das brache Puppenfabrikgelände geradewegs an die Ohrdrufer Straße 'anzubinden'! Wir können von Glück sagen, wenn sich in der Landes-verfassung kein Paragraph findet, der Konsumtempeln Vorfahrt vor Kommunen garantiert.“

Im Lauf dieses späten Abends kam das Wohnküchen-gespräch auch noch auf Wiedenhaupts Lebensgefährtin. Doch wir wollen uns nicht das Maul zerreißen. Köfel würde sich schon sein eigenes Urteil bilden.


2

Voßkämpen war wohlweislich mit einem Geländewagen erschienen. Der Otterbachsteich lag recht hoch an einem Waldrand, der auf Wiesen und Äcker blickte. Im Hintergrund ragte der Inselsberg auf. Zwar hatte man von der Waldsiedlung im Waltershäuser Westen kaum einen Kilometer bis zum Teich zurückzulegen, doch gab es nur einen Feldweg. Zu allem Unglück hatte es in der Nacht wieder ausgiebigen Schneeregen gegeben. Alles war matschig.

„Mein Gott!“ fluchte Voßkämpen. „Eigentlich sollte ich gleich wieder umkehren. Reifen- oder Fußspuren können wir vergessen.“

Köfel nickte. „Wenn wenigstens die Sonne schiene! Dann könnten wir uns einreden, zum Picknick hier zu sein.“

Der Trümmerhaufen des Hochsitzes lag kurz vorm Teich in einem Waldrandknick. Das weißrote Plastikband, mit dem er markiert worden war, leuchtete vermutlich bis zum Inselsberg. Sie stiegen aus, um sich der Unfall- oder Anschlagstätte vorsichtig zu nähern. Nicht daß sie Heckenschützen befürchteten; vielleicht gab es ja doch noch irgendwelche sicherungswürdigen Spuren.

Es sah nicht danach aus. Sie umschnürten die feuchten, dunklen Holztrümmer in entgegengesetzten Richtungen. Die überdachte Kanzel des Hochsitzes war zum Teil noch erhalten. Sie lag am Rand der ovalen Unfallstelle. Köfel dämmerte, der Hochsitz sei wohl kaum in sich zusammengebrochen, sondern eher wie ein gefällter Baum umgekippt. Er sagte es Voßkämpen, der ihm zustimmte. Gewiß war beim Aufprall einiges zerstört worden, doch die Fallrichtung gen Teich war unverkennbar. Sie trafen sich am mutmaßlichen Fuß des Hochsitzes und gingen in die Hocke.

„Sieh an“, sagte Voßkämpen, während er an einem Pfostenstumpf wischte. Sie hatten beide gefütterte Lederhandschuhe an. „So sieht ja wohl kein Windbruch aus.“

Der Pfostenstumpf wies einen ebenen, fast durchgehenden Sägeschnitt auf. Er wirkte allerdings verschmiert – vermutlich durch Erde. Doch nun erkannten sie Spuren von Sägespänen, die sich natürlich schon dunkel verfärbt hatten. Am benachbarten Pfostenstumpf entdeckten sie das gleiche Phänomen. Dagegen waren die anderen beiden Pfosten offensichtlich aus dem Erdboden gerissen worden. Jetzt fanden sich in den Trümmern auch rasch die Gegenstücke zu den angesägten Pfostenstümpfen. Sie verglichen die Winkel. Damit war auch das offensichtlich: Zwei der Pfosten waren keilförmig eingesägt worden. Es waren die beiden Pfosten, die zum Teich zeigten. In dieser Richtung war der Hochsitz gefallen.

Sie traten einige Schritte zurück, um den Hochsitz-Standort zu mustern. Köfel sagte: „Ist das Ding zum Teich hin gekippt, dürfte die Leiter auf der anderen Seite gesessen haben. Oder es stand bereits windschief zum Teich. Oder beides. Mir scheint jedoch, es gab diagonale Streben, vielleicht ist da auch noch was angesägt.“

So war es. Sie fanden zwei angesägte Streben im Trümmerhaufen. Köfels Theorie von der Leiter bestätigte sich ebenfalls. Sie traten erneut zurück.

„Herr Kommissar“, sagte Voßkämpen. „Wenn ich gehorsamst erzählen darf, wie es gewesen ist ..?“

Köfel lächelte und nickte.

„Jäger Wiedenhaupt trifft zu Beginn der Dämmerung ein. Die Schnittstellen an den Pfosten sind kaschiert und ohnehin fast vom Gras verdeckt. Die Schnittstellen an den Streben sind noch besser kaschiert. Wiedenhaupt fällt gar nichts auf, weil er sowieso nichts Böses ahnt. Er steigt die Leiter empor. Es gelingt ihm zumindest noch, die Kanzeltür aufzustoßen. Kippte der Hochsitz nämlich schon vorher, würde sich Jäger Wiedenhaupt geistesgegenwärtig an dem Ahornbaum festhalten, den du dort siehst. Oder er spränge tollkühn ab. Somit nehmen wir an, der Hochsitz brach spätestens weg, als sich der schwergewichtige Jäger auf sein Sitzbänkchen fallen ließ. Oder nehmen wir nicht?“

„Wir nehmen, Rudi. So glänzend, wie sie ist, könnte deine Theorie fast von mir sein. Ich werde dich für eine höhere Laufbahn vorschlagen.“

„Danke. Aber hat es sich nun um einen verblüffend ausgefuchsten Dummjungenstreich oder um einen gezielten Anschlag gehandelt?“

Köfel zuckte mit den Achseln. „Kann man im Moment nicht wissen ... Ich würde sagen, du machst die einschlägigen Fotos und tütest auch ein paar Sägespäne ein, Rudi. Ich könnte unterdessen schon einmal beginnen, die nähere Umgebung nach irgendwelchen Fundstücken abzusuchen. Es muß ja nicht gleich eine Kettensäge sein.“

„Mein Gott!“ verdrehte Voßkämpen die Augen. „Eine Kettensäge fände er gern! Bei Sägespänen, die man in ein Schnapsglas bekommt!“

Köfel grinste und machte sich auf die Suche. Immerhin wurde ihm dadurch etwas wärmer, herrschten doch nur wenige Plusgrade. Der Himmel war nach wie vor bedeckt. Im Unterholz fand er einen blinden Computer-Monitor und mehrere Präservative, die gemeinsam mit Bierflaschen überwintert hatten. Der Otterbachsteich war ein beliebter Ort für Stelldicheins. Durch den Teich getaucht, hätte er wahrscheinlich auch noch ein Fernsehgerät ergattert – wahrscheinlich eher als einen Fuchsschwanz oder eine Bügelsäge. Köfel starrte ausgiebig hinein, doch die Brühe war ziemlich trübe. Dann blickte er die Umgebung nach möglichen Standorten von Augenzeugen ab. Es gab weder Haus noch Viehunterstand. Der erwünschte Zeuge konnte nur Unwahrscheinlich heißen.

Als Voßkämpen fertig war, folgten sie in ihrem Gelände-wagen dem Feldweg bergan. Laut Karte führte er zu Deyßingslust, wo der Waldrand von einem Ausflugslokal und einigen Ferienhäusern gekrönt wurde. Es waren nur 500 Meter. Als sie jedoch nach 150 Metern um eine Waldspitze bogen, nahm Voßkämpen schon den Fuß vom Gaspedal. „Na also!“

Unter einer Kiefer stand ein großer, grüner Jeep mit weißem Dach, Kennzeichen GTH. Voßkämpen hielt vor ihm an und bedeutete Köfel mit einem Nicken auszustei-gen, während er sich selber schon aus dem Wagen schwang. Draußen zog er ein kleines Schlüsselbund aus der Tasche, um es auf seiner gewölbten Handfläche hüpfen zu lassen. „Wollen wir wetten ..?“

Durch Tango, Wein und Kurzschlaf war Köfel etwas schwer von Begriff. „Wegen was denn, wenn ich fragen darf?“

„Na – daß es der Karren unseres Jägers ist!“

„Ach so“, kratzte sich Köfel an der Wange. „Der Schlüssel fand sich bei dem Toten.“

„Ja. Waffen, Feldstecher, Personalausweis – und eben der Schlüssel. Der Chef hat ihn mir mitgegeben.“

Der Schlüssel paßte. Sie gingen aber nur um den Wagen. Es war ein älteres Modell. Es paßte auch zu Ulfs Schilderung, daß Jäger Wiedenhaupt nicht mit einem bulligen, schwarzen Geländewagen protzte, der vielleicht noch durchs Klaustor, nicht jedoch durch die Bäume gegangen wäre. Als Nichtjäger fuhr er allerdings Porsche. Einen weinroten, hatte Jule erzählt.

Köfel hatte sich weiter die Wange gekratzt und dabei nachgedacht. „Ist die Witwe schon ins Bild gesetzt worden?“

Da Voßkämpen nickte, fuhr Köfel fort: „Paß auf, Rudi. Dann werde ich es wagen, ihr den Wagen ihres verstorbenen Gatten zuzuführen. Ich muß sie ja sowieso sprechen. Du dagegen könntest dann über Tabarz gleich nach Gotha zurückfahren. Bist du einverstanden?“

Voßkämpen ersparte sich ein Nicken und warf ihm nur den Schlüssel zu. „Guck erst mal, ob der Karren anspringt.“

Er tat es. Voßkämpen tippte sich an seine Baskenmütze, bestieg den Polizeiwagen und fuhr weiter zur Kuppe. Köfel folgte ihm in Wiedenhaupts Jeep. Er wollte seine Rückfahrt auf Deyßingslust kurz unterbrechen, um nach möglichen Zeugen zu schauen.


3

Jule und Ulf hatten nicht übertrieben: Wiedenhaupts Domizil am Klaustor war bemerkenswert. Neben einem buntverglasten Erker und einem kunstvoll behauenen Balkon glänzte die helle Sandsteinfassade mit zahlreichen Reliefs und Skulpturen, die in der Tat den Geist der Zeit um 1903 verströmten – diese Jahreszahl war ebenfalls zu sehen. Das zweite Stockwerk lag bereits im Mansarden-dach. Die größten Figuren bewachten vom Bogen herab das Portal: zwei Löwen. Dem ausladenden, beschnitzten Tor hätte Eiche gut angestanden, doch es war hellbraun lackiert. In seiner Mitte saß eine Tür. Köfel betätigte die Sprechanlage. Da er sich über Handy mit Nicole Wieden-haupt verabredet hatte, bat sie ihn ohne Umschweife herein. Er finde sie ganz oben.

Von der hohen Durchfahrt führte eine gewundene Treppe – diesmal tatsächlich Eiche – zunächst in den 1. Stock. Hier stutzte Köfel. Zum Treppenhaus hin offen, gab es eine große Diele, die einer Baustelle glich. Offenbar wurden neue Fliesen oder Kacheln verlegt. Etwa zwei Drittel des Fußbodens waren bereits erneuert. Sie zeigten eine wunderschöne Jugendstilkachel in Weißgrün. Darüber lagen Bohlen zum Laufen. Einige Pakete mit den Kacheln sowie Mörtelsäcke standen im Treppenhaus. Nun ja, sagte sich Köfel – warum auch nicht? So nahm er die Treppe zum Mansardengeschoß.

Durch Jule und Ulf war Köfel ja vorgewarnt. Ohne den Vorwurf der Plattheit zu fürchten, hatten sie die mindestens 20 Jahre jüngere Witwe Wiedenhaupts als „steilen Zahn“ beschrieben. Gegen ihren Gatten gehalten, war sie zwar nur ein Strich in der Landschaft, doch im Verein mit ihren schulterlangen, kanstanienroten Locken wippte auch ihre sogenannte Oberweite ziemlich heftig, wenn sie beim Einkaufen über den Markt stöckelte. An diesem Vormittag hatte sie ihre Oberweite in ein schwarzes Fähnchen gezwängt, sodaß Köfel noch rechtzeitig einfiel, soeben ein Trauerhaus betreten zu haben. Nicole lächelte allerdings höflich, als sie ihm die Wohnungstür öffnete, die es hier oben gab. Erfrischenderweise führte sie ihn nicht in irgendeinen Prunksalon, wo nach den Löwen die Elefanten kamen, sondern in eine blitzsaubere kleine Wohnküche, die über eine ebenfalls kleine Theke mit hohen Hockern verfügte. Die Theke war sogar gedeckt. Als ihn Frau Wiedenhaupt prompt einlud, an ihrem Frühstück teilzunehmen, konnte er nicht widerstehen, denn um halb Sieben bei Ulf hatte es nicht viel gegeben. Es wurde ihm ja hoffentlich nicht als Bestechung ausgelegt. So schenkte Frau Wiedenhaupt ihm und sich selber köstlich duftenden Kaffee ein, während er bereits nach einem verlockenden Lachsbrötchen griff.

Zum Glück war Nicoles Fähnchen nicht über Gebühr ausgeschnitten. Das Küchenfenster ging offenbar nach hinten hinaus. Auf einen Garten mit kahlen Obstbäumen folgte die Fabrikbrache, auf der das Einkaufszentrum errichtet werden sollte. Vertikal durchs Bild schnitt ein Sendemast, der noch schlanker als Frau Wiedenhaupt war. Köfel fand sie eigentlich nicht schlimm. Sie hatte durchaus markante Gesichtszüge, hinter denen sich vermutlich nicht nur Bohnenstroh verbarg. Ein freier Hocker zeigte den schmalen Rücken eines aufgeschlagenen Buches. Es hieß Das Flockenkarusell und enthielt Gedichte von einem Thomas Rosenlöcher. Na immerhin. Da gewölbte Seiten zu sehen waren, brauchte man keine Attrappe aus dem Möbelgeschäft zu argwöhnen.

Sie kamen überein, sich zwanglos an dieser Frühstücks-theke zu unterhalten. Nach einem Schnörkel über den „schweren Schlag“, der seine Gastgeberin getroffen habe, stellte Köfel fest:

„Ich habe mir vorhin mit einem Kollegen den Unfallort angesehen, Frau Wiedenhaupt. Wir halten es von daher nicht für ausgeschlossen, daß der Schlag gezielt erfolgte. Das hieße, es läge mitnichten ein Unfall, vielmehr ein Anschlag auf das Leben Ihres Mannes vor.“

Frau Wiedenhaupt schien überrascht. „Ein Anschlag? Warum denn das? Wer sollte denn meinem Mann nach dem Leben trachten?“

„Nun ja, Frau Wiedenhaupt, genau das wollte ich Sie fragen. Wüßten Sie Anhaltspunkte? Gab es beruflich oder privat Streitfälle, offene Rechnungen, Drohungen? Denken Sie bitte in Ruhe nach. Der kleinste Strohhalm könnte uns nützlich sein.“

Sie tat es. Sie starrte beim Nachdenken sogar konzentriert auf einige Pünktchen des bräunlichgelb marmorierten Linoleums, das in der Küche lag. Doch nach einer Weile verzog sie den Mund und schüttelte langsam ihre kastanienroten Locken. „Es tut mir leid – mir fällt beim besten Willen nichts ein. Ich kann es auch noch gar nicht glauben.“

„Es ist ja auch nicht sicher. Wir müssen dieser Möglichkeit nur nachgehen, Frau Wiedenhaupt. Vielleicht fällt Ihnen später noch etwas ein. Wir beschränken uns jetzt auf den gestrigen Dienstag. Hatte Ihr Mann irgendeinen Ärger?“

„Nicht daß ich wüßte. Im Gegenteil! Er freute sich über die neuen Kacheln, soweit sie schon lagen. Er hat eins tiefer, müssen Sie wissen, seine Geschäftsräume. Sie haben die neuen Kacheln in der Diele vielleicht gesehen. Er lobte sich selber für seine gute Wahl. Und auf die Jagd freute er sich ja auch immer. Er machte gestern schon gegen 14 Uhr Schluß, wie ich von Frau Schierholz weiß, um sich für die Jagd umzukleiden. Ich war unterwegs. Er wollte auf dem Acker am Otterbachsteich Köder für Schwarzwild auslegen, dann mit dem Hund das Revier abstreifen und mit der Dämmerung auf Anstand gehen. Das hat er ja offenbar auch getan ...“

Sie erwehrte sich eines Schluchzens, indem sie mit verkniffenen Augen den Kopf schüttelte und dann nach ihrer Kaffeetasse griff. Köfel dachte nach, während er versuchte mitfühlend zu wirken.

„Sie erwähnten Köder – für Wildschweine ..? Gut. Was nimmt man denn da?“

„Ich glaube, Hubchen nahm gerne Maiskörner. Ach, entschuldigen Sie – so nannte ich meinen Mann.“

Das schien zu stimmen. An einer zerwühlten Stelle des Ackerrandes hatte Köfel Maiskörner entdeckt, die noch nicht verquollen waren.

„Sie erwähnten eine Frau Schierholz ..?“

„Die Sekretärin meines Mannes. Vor einer Stunde habe ich mit Johanna telefoniert. Ich bat sie, heute nicht zu kommen. Das verstand sie natürlich.“

Köfel nickte. „Natürlich ... Vielleicht können Sie mir nachher die Adresse von Frau Schierholz geben. Offenbar hat sie ja Ihren Mann als letzte gesehen.“

„Ja. Ich selbst mußte um 11 aus dem Haus. Ich hatte einen Frisörtermin. Für den Abend waren Hubchen und ich zu einem Geburtstag eingeladen. Bevor ich verschwand, ging ich noch einmal in sein Büro, um ihn daran zu erinnern. Er erinnerte mich aber seinerseits an den Pirschgang, den er vorhatte; er könne deshalb erst am späten Abend bei der Feier auftauchen. So verblieben wir. Doch er kam nicht. Er war auch telefonisch nicht zu erreichen. So ging ich um Mitternacht etwas beunruhigt nach Hause. Unten stand ein Streifenwagen. Da erfuhr ich es.“

Köfel nickte. Nach einer Anstandspause legte er Wiedenhaupts Jeep-Schlüssel auf die Theke. „Ehe ich es vergesse, Frau Wiedenhaupt – ich habe mir erlaubt, im Wagen Ihres Mannes hierher zu kommen. Er stand unweit des Unfallortes. Jetzt steht er um die Ecke – vor der VR-Bank in der Triniusstraße.“

„Das war nett von Ihnen, Herr Köfel. Danke.“

Köfel hob leicht die gespreizte Hand. Er dachte für einen Moment über die Möglichkeit nach, Nicole Wiedenhaupt könne sofort nach seinem Verschwinden zum Telefon greifen, um sich mit Johanna Schierholz ins Benehmen zu setzen. Falls sie zu Hause war. Oder ein Handy besaß. Aber das wäre ja kaum zu verhindern. Die Sekretärin herzube-stellen, um Frau Wiedenhaupt bis zu deren Eintreffen zu bewachen, fand er etwas zu stark. Wer weiß, wie sie sich die Zeit vertrieben hätten.

So sagte Köfel seiner Gastgeberin, er wolle sie für heute nicht mehr länger belästigen, und ließ sich die Adresse von Frau Schierholz geben. Dann hakte er nach: „Könnten Sie mir auch den Frisör und den Ort der Geburtstagsparty nennen, Frau Wiedenhaupt?“

Sie tat es.

„Eine letzte Frage: Wann sind Sie auf dieser Party erschienen?“

„Es muß kurz nach 21 Uhr gewesen sein“, erwiderte sie ohne Zögern.

Köfel zog eine Visitenkarte aus seinem Notizbuch, bevor er es zuklappte. Frau Wiedenhaupt möge ihn bitte sofort anrufen, falls ihr noch zweckdienliche Beobachtungen einfielen. Er sicherte ihr umgekehrt Benachrichtigung über das Ermittlungsergebnis zu, dankte für Bewirtung und Auskunft und verabschiedete sich.


4

Laut Stadtplan wohnte Johanna Schierholz unweit der Altstadt am Ziegenberg. Um sich die geringe Chance der Überrumpelung nicht zu nehmen, verzichtete Köfel auf einen Anruf. Er tauchte durchs Klaustor, weil er zunächst Richtung Markt zu gehen hatte. Erfreulicherweise blinzelte inzwischen die Sonne durch ein paar Wolkenlöcher. Das alte Postamt lag allerdings im Schatten. Es war am Vorabend ebenfalls erwähnt worden. Um 1900 bei Gelegenheit eines Brandes, der eine Lücke gerissen hatte, aus rotem Backstein in die Häuserflucht eingepaßt, blickte es auf eine kleine Ausbuchtung der neuerdings wieder gepflasterten Hauptstraße – mit kunstvoll behauenen Fenstersimsen, Rosetten mit Posthörnern und zwei wehrhaften Dachgauben aus Sandstein, die neben Fenstern als deutsche Brieftauben den furchterregenden Seeadler zeigten. Wie sich versteht, stand auch Postamt dran. Und es konnte ja nicht jeder zu seinen Eroberungen sagen: Sie finden mich gleich hinterm Klaustor im Postamt. Ulf hatte nämlich zu berichten gewußt, Hubert Wiedenhaupt habe gerade um den Erwerb dieses leerstehenden Gebäudes gefeilscht, weil es ihm sehr geeignet erschien, mehrere sündhaft teure Eigentums-Wohnungen darin unterzubringen. Vielleicht sprang jetzt ein Konkurrent ein.

Ansonsten hatte das alte Postamt in Ulfs Riedhäuschen ein Streitgespräch über Fragen der Architektur & Ästhetik entfacht. Das „neue“ war ja kein Postamt mehr. Es hieß jetzt Filiale. Man hatte es in einem öden DDR-Gebäude auf das Format einer Keller-Einliegerwohnung für Zwerge gestutzt. Innen sah die Filiale „natürlich“ wie gelackt aus. Als Jule sie schmähte, wagte Ulf den Hinweis, das alte Postamt strahle ja auch nicht gerade die Aura einer von Toulouse-Lautrec gemalten Ballettänzerin aus. Mit der Formel „je älter, desto schöner“ käme man nur als junger Mensch durchs Leben. „Aber je wärmer, desto menschlicher!“ rief Jule erbost. Die Filiale sei reine Funktion. Keine Eckbank, kein Tintenklecks, kein Schaltergespräch über das Marktangebot an Gemüse. „Halten Sie bitte Abstand“, höhnte Jule. „Diskretion in einem Geldschrank, ich lache mich tot!“

Köfel mußte kichern. Jule hatte sich wie ein Postamt-Seeadler auf die Wiedenhauptschen Löwen gestürzt, die sie umzingelten. Ines war natürlich Ulf beigesprungen, während sich Köfel lieber herausgehalten hatte. Diskussionen über Sicherheitsabstände zwischen ungefesselten Personen waren immer heikel. Prompt versuchte ihm Jule aus dieser Zurückhaltung in ihren Gästebetten unterm Dach noch einen Strick zu drehen.

An der Stadtkirche bog er Richtung Friedhof ab, der bereits am Fuß des Ziegenbergs lag. Ob im Fall Wiedenhaupt zum billionsten Male die Liebe im Spiel war? Das hieße wieder endlos in Beziehungskisten zu wühlen, Seitensprünge aufzudecken, in Eifersucht zu ertrinken. Vorausgesetzt, Nicole Wiedenhaupt sei das Führen einer Handsäge zuzutrauen, wäre sie nach vollbrachter Tat natürlich mit Vergnügen kaltblütig auf der Geburtstags-party erschienen, um dort alsbald das Stück „Beunruhi-gung über das Ausbleiben meines geliebten Gatten“ zu geben. Allerdings war dieser steinreich, sodaß wohl eher das Standardmotiv Habgier in Frage kam. Für die Eifersucht wäre ein Nebenbuhler Wiedenhaupts zuständig, der gefälligst auch mit einer Handsäge umzugehen weiß. In Wahrheit traute Köfel dem „steilen Zahn“ Nicole keine Mordtat zu. Er hielt sie noch nicht einmal für eine Heuchlerin. Angenehmerweise hatte sie keineswegs vorgegaukelt, durch den jähen Tod ihres Gatten reif für den Selbstmord zu sein. Sie würde sich mit dem vielen Geld schon einzurichten wissen.

Eine naheliegende Kandidatin für Eifersucht war sicherlich die Sekretärin Schierholz, die Köfel mit kräftigen Atemzügen ansteuerte, da die Friedhofsallee zum Ziegenberg hin anstieg. Nur hätte sie dann nicht ihren Chef, vielmehr dessen knusprige Gattin zu beseitigen gehabt. Man konnte also eher vermuten, Wiedenhaupt habe irgendetwas auf dem Kerbholz gehabt, was Frau Schierholz entweder zu ahnden oder aber zu decken wünschte.

Mit solchen verfrühten Spekulationen unterhält man sich nun, dachte Köfel, während er die Kurve zur Ziegenberg-straße nahm. Diese führte quer zum Hang durch eine Gartensiedlung, die aus vorwiegend älteren Ein- oder Zweifamilienhäusern bestand. Oberhalb der Gärten ragte Laubwald auf. Der Blick ins Tal ging über die Gummiwerke und die Autobahn bis zum Krahnberg bei Gotha. Das waren gut 10 Kilometer.

Das Häuschen von Johanna Schierholz war nur eingeschossig und unscheinbar. Am einzigen Briefkasten des Gartentors stand ihr Name. Das Tor ließ sich öffnen. Erfreulicherweise wirkte der schmale Vorgarten nicht wie die neue Waltershäuser Postfiliale. Im Windfang angekommen, betätigte Köfel die Schelle. Sie dudelte, jaulte oder piepte nicht; sie schellte. Jetzt war Köfel schon fast für die Eifersuchtskandidatin eingenommen.

Sie war zu Hause. Vor Köfel stand eine zierliche Frau Mitte 50. Mit ihren sandfarbenen Cordhosen und ihrem kurzen, dunkelblonden Haar wirkte sie ähnlich unscheinbar wie ihr Häuschen. Sie sagte mit leichtem Stirnrunzeln: „Ja bitte?“

„Frau Schierholz, ich muß Sie leider stören – Kriminal-polizei.“ Damit hielt er ihr seinen grünen Dienstausweis hin.

Sie wurde etwas blasser. Darauf hatte Köfel gehofft. Dann nickte sie aber verständig und bat ihn herein.


5

Was die Schilderung des Unfall- oder Mordtages betraf, konnte Köfel zunächst keinen Widerspruch zwischen den Aussagen der Gattin und der Sekretärin entdecken. Mit Fingerzeigen auf Todfeinde, Gekränkte oder Neidische konnte Frau Schierholz ebenfalls nicht dienen. Sie saßen in einem freundlichen Wohnzimmer in Cocktailsesselchen aus den 50er Jahren, die ausgesprochen keck bezogen worden waren. Es wurde Köfel aber rasch deutlich, daß sich Johanna Schierholz als Vertraute eines Immobilien-löwen nicht gerade pudelwohl gefühlt hatte. Vielleicht war sie dazu sowohl zu bescheiden wie zu gebildet. Sie sprach ein ziemlich gutes Deutsch, was womöglich mit den vielen guten Büchern zusammenhing, die Köfel in einem verglasten Bücherschrank aus Nußbaumholz ausmachte, der in seiner Reichweite stand. Bei Wiedenhaupt hatte sie ja vermutlich eher Vertragsentwürfe, Börsennachrichten und schlaue Bücher darüber gelesen, wie man den Fiskus übers Ohr haut.

Dann fiel ihm eine kleine Lücke auf – mochte sie auch unbedeutend sein. „Wie ich im Vorbeigehen sah, Frau Schierholz, hatten Sie gestern in der Büroetage eine Art Baustelle. Frau Wiedenhaupt sagte mir, Ihr Chef sei des Lobes voll gewesen über die neuen Jugendstilkacheln. Sie erwähnten das noch gar nicht.“

Ihrem Gesicht war ein wenig Ertappung anzusehen. „Ach so“, erwiderte sie und rieb die zierlichen, auf Nußbaum gebeizten Armlehnen ihres kleinen Sessels. „Aber das ist ja nichts Besonderes. Die Handwerker hat man schon mal im Haus.“

Köfel witterte Morgenluft. „Ist die Baustelle erst gestern eröffnet worden?“

„Ja. Strunk – der Fliesenleger Strunk aus Ibenhain, wissen Sie? – Strunk kam pünktlich um neun, wies seine beiden Männer ein und verschwand wieder. Um 16 Uhr machten sie Feierabend. Sie wollten heute Mittag fertig sein, aber Nicole hat natürlich gleich ihren Chef angerufen und um Aufschub gebeten. Mich hat sie ja auch gleich angerufen.“

„Hat es für Ihren Chef einen Ärger mit Strunks Leuten gegeben?“

Frau Schierholz schwieg. Sie biß ihre Lippe und sah abwechselnd aus den drei Fenstern ihres Wohnzimmers.

„Frau Schierholz“, sagte Köfel behutsam. „Ich erwähnte bereits, Sie brauchen sich um Himmelswillen nicht selbst zu belasten. Haben Sie aber Beobachtungen getroffen, die unter Umständen zur Aufklärung beitragen können, müssen Sie mir das sagen. Sie kommen sonst in Teufels Küche.“

Sie brauchte noch einmal eine Minute. Dann zeigte ein Seufzer den inneren Ruck an, den sie sich offenbar gegeben hatte. Sie erzählte die folgende Geschichte.

Strunks Gesellen Markus – ein baumlanger Kerl Anfang 30 – kannte ich bereits flüchtig. Er hatte im Sommer das Bad im Mansardendach neu gefliest. Ich mußte nach dem Rechten sehen, weil die Wiedenhaupts im Urlaub waren. Jetzt kam er mit einem rund 10 Jahre älteren Begleiter, der Bohumil hieß – laut Markus ein Tscheche. Er schien leidlich Deutsch zu verstehen, blieb allerdings selber nahezu stumm. Stämmig gebaut, bewegte er sich doch geschmeidig. Auf seinem runden, glattrasierten Gesicht lag ein melancholischer Ernst. Das dunkle Haar trug er kurz, während Markus fast eine Mähne wie Nicole hat.

Da die beiden Männer kaum Lärm machten – hatten sie Kacheln zu schneiden, gingen sie hinunter in den Hof – ließ ich meine Bürotür zur Diele gewohnheitsgemäß aufstehen. Dadurch heizen wir auch das Treppenhaus ein bißchen mit, denn dort gibt es keine Heizkörper. So beobachtete ich hin und wieder, wie sie die Kacheln mit einem Gummihammer behutsam in ihr Speisbett klopften. Die Masse schien rasch abzubinden, durften wir doch bereits nach Mittag Kacheln, die inzwischen verlegt waren, auf einer Bohle überqueren. Gegen 11 tauchte Nicole auf. Sie trug einen kurzen Lederrock und lange Stiefel. Sie stakte von der Treppe aus an den beiden kauernden Fliesenlegern vorbei zum Büro ihres Mannes. Während sich Markus einen kurzen Aufblick zu Nicoles Kniekehlen und darüber hinaus gestattete, blieb Bohumils Blick erstaunlicherweise gesenkt. Das nahm mich ziemlich für ihn ein. Da die Verbindungstür zu Wiedenhaupts Büro ebenfalls aufstand, kam ich kaum umhin, sein kurzes Gespräch mit Nicole zu verfolgen. Es ging um den Geburtstag und die Jagd. Dann verschwand sie wieder im Treppenhaus.

Nahmen mich gestern Vormittag nicht Wiedenhaupt oder das Telefon in Beschlag, schweiften meine Gedanken öfter zu Bohumil ab. Sein Kauern auf unserem Dielenestrich hatte etwas von einer zwar stummen, doch keineswegs schläfrigen Katze. Ich dachte an den Stumpfsinn und die Erniedrigung, die unsere so kostengünstigen „GastarbeiterInnen“ in der Regel zu verkraften haben. Natürlich konnte es sich bei Bohumil auch zufällig um einen seit Jahren wohleingebürgerten Menschen handeln. Vielleicht stand ihm eine hübsche, fröhliche Libusse zur Seite, die bei Opel in Eisenach, mit einem adretten, weißen Häubchen bekleidet, in der riesigen, mit viel Edelstahl und Chrom blitzenden Kantine das Stammessen oder das Wahlmenü ausgab.

Um 11 hatte Wiedenhaupt einen Termin auf dem Rathaus. Bevor er ging, drückte er sein Wohlgefallen über das Werk aus, das gleichsam unter seinen Füßen entstehe. Markus nickte artig. Wiedenhaupt tauchte schon ins Treppenhaus, als er sich noch einmal umwandte. Wann sie denn Mittagspause machten, wollte er wissen. Markus erwiderte, er denke, so um halb Eins.

„Aha.“ Wiedenhaupt deutete über die Diele. „Macht es euch bitte in der Teeküche bequem, dazu ist sie schließlich da. Frau Schierholz wird euch Tee oder Kaffee kochen – wie ihr wollt.“

Als es soweit war, wuschen sich die beiden Männer die Hände und packten am Küchentisch ihre Rucksäcke aus. Ich machte mir an der Kaffeemaschine zu schaffen. Markus nahm sich als erstes die Bild-Zeitung vor; dann erst biß er in sein Schinkenbrötchen. Bohumil schnitt sich Späne von einem harten Käse ab und fischte mit der Gabel in einem Glas mit verschiedenen eingelegten Gemüsefrüchten. Plötzlich kam Wiedenhaupt zurück.

„Hallo!“ sagte er aufgeräumt und setzte zwei Alufolien-päckchen auf dem Küchentisch ab. „Heraus mit Tellern und Besteck, Frau Schierholz! Golden gebraten wie das Handwerk Boden hat!“ Er zwinkerte dabei – wohl damit wir sein Bonmot nicht auf die Goldwaage legten.

Es waren zwei halbe Hähnchen mit Pommes Frites. Die Alufolie war innen ziemlich fettig. Markus bedankte sich wieder artig und nahm den gefüllten Teller entgegen. Doch als ich den anderen Bohumil überreichen wollte, wehrte dieser mit verlegenem Lächeln ab. „Bohumil nicht bitte.“ Er deutete auf seinen Käse und das Einweckglas und fügte hinzu: „Hat schon gut!“

Während ich den Teller in der Luft hängen ließ, hob Wiedenhaupt die Brauen und sah Bohumil mit zunächst gespielter Bestürzung an. „Aber mein lieber Junge – du wirst doch meine Gastfreundschaft nicht ausschlagen ..?!“

Mein Arm mit dem dargebotenen Teller schien jäh wie in Eis erstarrt. Bohumil stand auf. Seine Augen funkelten derart bedrohlich, daß er seine Arme vermutlich an die Hüften preßte, um nicht handgreiflich zu werden. Langsam und mit belegter Stimme sagte er:

„Bohumil nicht will – o.k. ..? Und Bohumil nicht dein liebes Junge ... Du besseres Mensch wegen hier ..?“ Dabei rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander.

Für Sekunden stand Wiedenhaupts Schnute in echter Fassungslosigkeit auf. Doch er fing sich sofort. Mit einem feinen, überlegenen Lächeln hob er die Schultern und verließ die Küche.

Markus, der von den Vorgängen vermutlich am wenigsten begriff, stocherte verlegen in seinen Pommes Frites. Ich stellte den verdammten anderen Teller endlich auf die Anrichte. Bohumil setzte sich wieder und sah aus dem Fenster. Da die Teeküche nur einen Türvorhang besitzt, der beiseite gezogen war, hörten wir Wieden-haupts Schritte auf den Bohlen. Ich sagte mir, Bohumil könne womöglich Vegetarier sein. Aber darauf kam es natürlich nicht an. Zu offensichtlich hatte sich in Bohumil ein wahrscheinlich schon oft gedemütigter Stolz erhoben. Obwohl er kaute, konnte man seinen Gesichtsausdruck finster nennen. Plötzlich ließ sich auch Wiedenhaupts Stimme vernehmen. Offenbar stand seine Bürotür auf. Mir war sofort alles klar: er telefoniert; er spricht mit Absicht laut genug, um in der Teeküche verstanden zu werden; er demonstriert geruhsam und genüßlich seine Macht.

„Ah, da sind Sie ja ... Wiedenhaupt hier. Mein lieber Strunk, Sie wissen, ich spiele mit dem Gedanken, Ihnen bei meinem Projekt in Ohrdruf die Bäder und Küchen anzuvertrauen. Ich muß Sie aber bitten: schicken Sie mir nie wieder Ihren Mitarbeiter Herrn Bohumil ins Haus – weder dort noch hier. Der Herr verschmäht meine Gastfreundschaft und wird auch noch ausfällig. Ich möchte mich im einzelnen dazu nicht weiter äußern. Sie können sich das gern bis morgen gründlich überlegen. Das war schon alles. Bis später, mein lieber Strunk.“

Damit legte er auf. Mögliche Nachfragen oder Einwände Strunks oder denkbare Erklärungen von Markus und mir zählten offenbar keinen Pfifferling für ihn. Ich versuchte durch ein Kopfschütteln mein Bedauern auszudrücken. Dann nahm ich ein Geschirrtuch und breitete es über dem verschmähten halben Hähnchen aus; wer wußte, ob sein Anblick nicht Bohumils Zorn weiter schürte, aber es wirkte auch ein wenig wie eine Beerdigung. Bohumil und Markus wechselten dabei einige Worte über Wieden-haupts Urteilsspruch. Wie es aussah, hatte Bohumil den Kern des Telefongesprächs erfaßt, und Markus bestätigte jetzt, Wiedenhaupt wolle den Tschechen ab morgen nicht mehr sehen. Die Stimmung in der Teeküche war gedrückt. Ich ging in mein Büro; schließlich hatte ich zu arbeiten.

Ich atmete auf, als Wiedenhaupt schon gegen 14 Uhr Schluß machte und nach oben ging. Als er nach einer halben Stunde wieder an der Diele vorbeikam, tippte er Markus gegenüber mit betonter Lustigkeit an seinen federbesetzten Hut, bevor er zur Treppe abbog. Der Flintenlauf überragte die Schulterklappe seines Lodenmantels. Bohumil war selbstverständlich Luft für ihn. Der kauernde Tscheche sah nicht auf, verströmte jedoch die Aura einer Tellermine. Gleich darauf hörten wir im Hof den Jeep anspringen.

Während sich das Motorengeräusch entfernte, folgte ich einer Art sarkastischer Eingebung. „Drücke ihm die Daumen, Markus!“ rief ich durch die geöffnete Bürotür. „Wenn er Glück hat, gibt's morgen Wildschweinbraten.“

Da Markus etwas verwirrt zu mir blickte, erklärte ich, Wiedenhaupt beabsichtige am Otterbachsteich Köder auszulegen, um Wildschweine anzulocken. Offenbar gebe es einen Hochsitz an der Stelle, denn er habe davon gesprochen, in der Dämmerung auf Anstand zu gehen.

Bohumil sah uns abwechselnd an und radbrechte: „Otte-bach-teich ..?“

„Genau“, nickte Markus. „Du kennst den Teich. Wir haben im Sommer Olivers Gesellenbrief dort oben gefeiert.“

Die Erinnerung an das Fest schien Markus' Unbehagen als bestochener Fliesenleger wegzuwischen. Er lachte und hielt Bohumil mit entsprechenden Gesten vor Augen, wie sie gegrillt und Wodka getrunken hatten. Dann erläuterte er, am Waldrand stehe ein Hochsitz, da wolle Wiedenhaupt „bumm-bumm“ machen. Auch diese Mitteilung unterstrich er durch übertriebene Gesten des Kletterns und des Schießens. Doch Bohumil nickte nur knapp und beugte sich wieder über die Kacheln. Damit ging Markus offensichtlich auf, an Bohumils Stelle wäre er wohl auch nicht zum Scherzen aufgelegt. Er griff zur Kelle und schwieg.

Zwar war ich mir ziemlich sicher, Markus werde seinen tschechischen Kollegen Strunk gegenüber in Schutz nehmen. Ob das jedoch genügte? Deshalb entschloß ich mich ebenfalls zur Fürsprache. Vielleicht konnten wir so zumindest erreichen, daß Bohumil von Strunk anderweitig beschäftigt oder weiter empfohlen wurde. Ich rief sofort in Strunks Büro an, bekam aber nur seinen Anrufbeantworter. Darauf zu sprechen, war mir zu riskant. Auch über sein Handy erreichte ich ihn nicht. Vielleicht führte er gerade eine Verhandlung. Seine beiden Leute räumten gegen 16 Uhr ihr Werkzeug zusammen und verabschiedeten sich. Das wissen Sie ja bereits. Ich nahm mir auf dem Nachhauseweg vor, es gleich am nächsten Morgen noch einmal bei Strunk zu versuchen. Das ließ ich freilich lieber sein, nachdem ich dann die Zeitung aus meinem Briefkasten gezogen hatte. Die kurze Meldung von dem „Jagdunfall“ stand gleich auf der Titelseite.



6

Für eine ganze Weile sagte Köfel gar nichts. Er blickte über seine verschränkten Arme auf sein übergeschlagenes Knie. Wenn ihn nicht alles täuschte, war sein unscheinbares Gegenüber nicht nur von dem Vornamen Bohumil betört worden. Deshalb tat ihm Johanna Schierholz leid. Aber er bewunderte auch ihren Mut. Immerhin hatte sie sich ziemlich eindeutig gegen ihren verflossenen Chef gestellt, angeblich der reichste Mann Waltershausens. Nur hatte sie leider nicht das Gesetz auf ihrer Seite. Vorausgesetzt, Strunk und sein Geselle bestätigten ihre Angaben, kam er wohl kaum umhin, die Fahndung nach Bohumil einzuleiten. Denn darauf hätte er gegen Luckenwalde um dessen verzärtelte Zimmerlinde gewettet, daß sich dieser Bohumil bereits gestern abend nach getaner Waldarbeit dünngemacht hatte.

Köfel klappte sein Notizbuch zu und erhob sich. „Ich habe vorläufig keine Nachfragen, Frau Schierholz. Ich danke Ihnen sehr. Jetzt muß ich leider zur Firma Strunk. Könnten Sie mir aus Ihrem Telefonbuch die Adresse heraussuchen?“

Sie tat es und begleitete ihn zur Tür. Er gab ihr die Hand und betrat den Plattenweg. Er hörte hinter sich:

„Hoffentlich finden Sie ihn nicht, Herr Kommissar.“

Köfel wandte sich um und fragte lächelnd: „Können Sie schweigen?“

Sie nickte etwas unverständig.

Köfel sagte: „Ich hoffe es auch.“




VIII

Kanonen laut Kanon



Auf der Burgterrasse eingetroffen, ließ sich Köfel erst einmal gegen die zweite Kanone sinken, um wieder zu Atem zu kommen. Das war ungefährlich, weil sie an den beiden Speichenrädern durch verschraubte Schellen gesichert war. Allerdings konnten die Schrauben und Muttern von jedermann – oder auch einer Frau – mit einem handelsüblichem 17er Schlüssel gelöst werden. Genau das war der ersten Kanone widerfahren.

Der Burgberg war steil wie ehedem. Seinen alten Vater hatte Köfel vor einigen Jahren in dessen Auto hinaufkutschiert. Wie alle BesucherInnen hatte Köfel senior den Talblick und die Phantasie einer mittelalter-lichen Schlacht genossen, bevor er im Cafe zum Bergfried mit der Gabel in sein Stück Käsetorte hieb. Treffurt und dessen Burgberg lagen hart am Fluß. Jenseits der Werra erhoben sich über einem Streifen Aue wieder mit Kalkfelsen gespickte Wälder. Sie färbten sich derzeit gelb, nahm man einige Fichten und Eiben aus. Das winzige Städtchen hatte dereinst über drei Bahnverbindungen verfügt: nach Eisenach, Eschwege und Mühlhausen – stillgelegt. Köfels Dienstmotorrad stand im Gasthof. Beim Aufstieg hatte er bereits mit einigen Anwohnern gesprochen. Verständlicherweise waren sie von dem Vorfall entsetzt. Nennenswerte Aufschlüsse gaben sie Köfel einstweilen nicht.

Die beiden gegossenen Kanonen wogen einschließlich ihrer Gestelle jeweils rund 700 Kilogramm. Die erste Kanone befand sich allerdings seit der vergangenen Nacht nicht mehr am angestammten Platze. Sie lag ungefähr 30 Meter tiefer in einem verkohlten und durchnäßten Trümmer-haufen, der gleich in den frühen Morgenstunden polizeilich gesichert worden war.

Das zerstörte Häuschen hatte wie etliche andere mit dem Rücken an der Steilwand des Burgvorhofes geklebt. Die schmalen Vorgärten grenzten an die gewundene Burggasse. Vermutlich hatten auch Lonja Wenner (32) und ihre fünfjährige Tochter Christine gern über die Büsche am Zaun und die talwärts gestaffelten Hausdächer geblickt. Sie hatten wie immer in der Dachstube ihres winzigen Heimes geschlafen. Die Kanone hatte offensichtlich auch den Zimmerofen im Erdgeschoß erwischt und dadurch das Häuschen in Brand gesetzt. Die Feuerwehrexperten und GerichtsmedizinerInnen nahmen an, durch die Wucht der Kanone seien die beiden Hausbewohnerinnen eingeklemmt oder erschlagen worden, sodaß sie den Flammen nicht entrinnen konnten. Im Grunde kam es natürlich darauf nicht an. Zwei Lebewesen waren mitten im „goldenen Oktober“ grausam vernichtet worden. Warum? Von wem?

Köfel ging auf dem nahezu nagelneu wirkenden Granit-pflaster die wenigen Schritte bis zur Brüstung vor. Der Museumsleiter hatte ihm am Telefon versichert, notfalls ließen sich die Geschütze von nur einer Person mühsam fortbewegen. Die Brüstung bestand aus schmiedeeisernen Geländerstücken zwischen Sandsteinpfosten. Das Stück über dem ehemaligen Wenner-Häuschen fehlte; es lehnte zur Linken ordentlich am benachbarten Sandsteinpfosten. Bedenklicherweise waren die Geländerstücke nicht in die Pfosten eingelassen, vielmehr mit Eisenlaschen, die aus diesen ragten, verschraubt. Auch diese Schrauben waren heute Nacht kurzerhand gelöst worden. Ein Kollege von der Spurensicherung, der längst wieder in seinem Labor saß, hatte das Geländer bereits untersucht. Die Lücke war bislang nur behelfsmäßig abgesperrt worden, da sowohl das Cafe wie das Museum der Burg ihren Ruhetag hatten. Ansonsten war die Burg unbewohnt.

Köfel trat den Rückweg an. Über sein Telefon teilte er dabei dem örtlichen Ordnungsamt mit, das Geländerstück könne ab sofort wieder eingefügt werden.


2

Leider hatten die AnwohnerInnen noch nicht einmal irgendwelche verdächtigen nächtlichen Geräusche bemerkt. Während Köfel durch die abschüssige Burggasse ging, versuchte er zu bündeln, was sie ihm über die junge Frau Wenner und ihr Töchterchen erzählt hatten. Durch ihr streng geschnittenes Gesicht und ihre langen, schwarzen Haare mußte Lonja W. etwas „griechisch“ gewirkt haben. Sie trug auch gern lange Röcke. Doch sie bewegte sich eher gemächlich und lächelte oft versonnen. Sie hielt viel auf natürliche Ernährung und Heilverfahren. Um die kleine Christine, die werktags in einem kirchlichen Hort war, kümmerte sie sich ausgiebig und liebevoll. Vom Vater hatte man in zwei Jahren keinen Zipfel erblickt. Glücklicherweise ging Lonja Geld verdienen und grub außerdem eigenhändig ihre winzigen Gemüsebeete um, sonst wäre sie möglicherweise als Hexe verdächtigt worden – der Epoche jener Kanone gemäß, die ihr nun zum Verhängnis geworden war. Sie hatte in der Stadtbücherei gearbeitet. Köfel hörte noch eine biedere Oma schwärmen, das Kind sei eine helle Freude gewesen. Prompt war ihr erbost der Opa beigesprungen: wer es ermordet habe, gehöre von Pferden zerrissen. Offenbar gab es in Deutschland besonders lange mittelalterliche Epochen.

Köfel querte das Wennersche Gartentor. Keine Zeitungs-röhre. Doch seien hin und wieder auswärtige Freunde zu Besuch gekommen, die ihrerseits Kinder mitbrachten, dazu Hunde und Musikinstrumente. Zu diesen Gästen zählten wohl auch die Erben des Häuschens, die es ihrer Freundin Wenner vermietet oder zur Verfügung gestellt hatten. Das mußte Köfel noch überprüfen. Vermutlich konnten ihm die VermieterInnen auch sagen, ob und wo Verwandte existierten.

Köfel nahm eine Treppe, die ihn geradewegs ins „Zentrum“ führte. Das Städtchen wies im Kern keine 3.000 Einwoh-nerInnen auf. Das Rathaus mit seiner zweiläufigen Sandsteintreppe, über der sich ein vorgebauter, quadra-tischer Fachwerkturm mit einer Bommelmütze aus Schiefer erhob, beherrschte den Markt. Köfel überquerte den Markt, um sich in der Stadtbücherei umzuhören, die in einer benachbarten Gasse untergebracht worden war. Dort stand das sogenannte Ohrfeigenhaus.

Bei weniger traurigem Anlaß hätte dieser Name vermutlich für ein Schmunzeln Köfels gesorgt. Einem Amtmann war vom Herzog erlaubt worden, sich ein bescheidenes Heim zu errichten. Als der Fürst das stattliche Gebäude erblickte, das herausgekommen war, ohrfeigte er den anmaßenden Kerl. Die Hausecken zeigten über dem Erdgeschoß aus Sandstein hübsche Fachwerkerker; im steilen Dach saßen etliche Ochsenaugen. Die Ochsen liefen unterdessen als blinde Untertanen oder demokratische Wähler frei herum. Sie fanden schon nichts mehr dabei, wenn die Politiker-Innen ihre Versprechen schneller brachen als die Bücher abgelaufen waren, die sich der Bürger im Ohrfeigenhaus auslieh. Auf Versprechen zu scheißen, während man vorne Dukaten einstrich, zählte bereits zum Volkssport.

Köfel rief sich zur Ordnung. Er setzte im Spiegel der polierten Hinweistafel, die unweit der Haustür angebracht worden war, eine andächtige Miene auf und betrat das Ohrfeigenhaus.


3

Die Leiterin Frau Mögendorfer und die mutmaßlich ermordete Lonja Wenner hatten die kleine Bücherei allein betrieben. Allerdings gab es seit einer Woche zufällig eine Praktikantin vom örtlichen Gymnasium. Das Mädchen stand auch jetzt hinter der Theke für die Annahme und Ausgabe der Bücher und bediente den Computer, als habe es bereits seine Muttermilch auf Chipkarte bezogen. Für die ungefähr 40 Jahre alte Frau Mögendorfer – sichtlich noch schockiert vom Tod ihrer Mitarbeiterin – war es deshalb kein Problem, mit dem Kriminalbeamten aus Gotha für 20 Minuten im separaten Bürozimmer der Bücherei zu sitzen. Makabererweise sei das Opfer der Gewalttat erklärte Pazifistin gewesen. Lonja habe sogar Pfefferspraydosen abgelehnt. Bei aller Bildung – „durch Lonja haben wir beispielsweise Henry D. Thoreau und Xiao Hong im Bestand“ – sei sie fast ein wenig einfältig gewesen. Sie habe an das Gute im Menschen geglaubt, an die Verständigung. Das Kind ...

Der Gedanke an die fünfjährige Christine Wenner, das zweite Opfer der Gewalttat, ließ Frau Mögendorfer stocken. Sie kämpfte mit ihren Tränen. Vom Rathausturm her, den Köfel durchs Fenster sehen konnte, waren fünf Glockenschläge zu vernehmen, die offenbar 17 Uhr anzeigten. Der Bürgermeister hatte nicht mit den Tränen gekämpft. Vielleicht brütete er, durch Köfels Stippvisite angeregt, gerade über seinem nächsten zugkräftigen Wahlversprechen, Senkung der Arbeitslosen- und der Totschlagrate in einem ...

Nachdem sich die Bibliothekarin wieder gefaßt hatte, erkundigte sich Köfel nach den persönlichen Verhältnissen der Lonja W., wobei er auf möglicherweise vorhandene Geliebte lenkte, ob weiblichen oder männlichen Geschlechts. Das war wenig ergiebig. Zwei- oder dreimal sei sie von einem Freund aus Berlin abgeholt worden, den sie Gunnar nannte. Der bärtige Mann mit Halbglatze sei aber nicht Christines Vater. Von diesem wisse Frau Mögendorfer nur, daß er in einer Art Landkooperative in Portugal lebe. Lonja hatte ihn offenbar der Körpergröße nach überragt, wie Frau Mögendorfer aus einem Gespräch über Zwerge und Riesen geschlossen habe.

„Die beiden hatten sich überworfen?“

Frau Mögendorfer hob ihre Schultern. „Das könnte ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen. Sie hat ihn lediglich einmal erwähnt – dabei keineswegs abfällig.“

„Hat sie den Gunnar innig geküßt?“

„Also, ich bitte Sie! Was geht denn das die Kriminalpolizei an?“

Köfel blieb unerweichlich. „Ja oder nein?“

„Innig nicht.“

Sie hat also schön gelinst, sagte sich Köfel. Wahrscheinlich durch dieses Zimmerfenster. Standen die beiden Biblio-thekarinnen vielleicht in irgendeiner Rivalität? Es war wohl besser, sich nach Frau Mögendorfers persönlichen Verhältnissen im Rathaus oder in dem Gasthof zu erkundigen, wo er ein Zimmer gebucht hatte. Köfel fuhr fort:

„Frau Wenner traf hier zwangsläufig viele Männer. Haben sich von daher keine Kontakte ergeben?“

„Sie meinen Bekanntschaften? Ich denke, kaum. Gewiß haben so manche Leser gern mit ihr gesprochen oder auch geflirtet. Aber das geschieht überall. Vielleicht zog Lonja auch ein paar Gymnasiasten zusätzlich an, die sonst nicht gekommen wären ... Und neulich sogar Doktor Brühl“, fügte Frau Mögendorfer kichernd hinzu.

„Doktor Brühl?“

„Mein Zahnarzt. Lonja zählte nicht zu seinen Patientinnen, doch irgendwo muß er auf sie aufmerksam geworden sein, weshalb er einmal in die bei uns ausgelegten Fachzeit-schriften schnupperte.“

„Mit anderen Worten, er versuchte mit Frau Wenner anzubändeln?“

„Wenn Sie es so nennen wollen ...“

„Und mit welchem Ergebnis?“

Frau Mögendorfer wurde fast spitz. „Ich habe keine Ahnung! Entgegen gewissen Vorstellungen, die vor allem im Westen des ehemaligen Großdeutschen Reiches beliebt sind, gehörte Spionage nicht zu unseren Ausbildungs-fächern ...“


4

Köfel saß am Fenster seines Zimmers und drehte gedankenabwesend das Rotweinglas in seiner Hand, während er über den dunklen Fluß blickte. Zur Linken huschten die Scheinwerfer des Bundesstraßenverkehrs über eine pfeilerlose Stahlbetonbrücke. Durch die Pappeln der Flußaue schimmerten ein paar Kreidefelsen fahl im Mondlicht. Am Ufer vor ihr waren eine Feldscheune und ein paar Gartenlauben zu erkennen. Außerdem führte ein großgewachsener Mann mit Hut gerade seinen Hund aus. Es konnte sich natürlich auch um einen Jäger auf der Pirsch handeln. Köfel lachte leise auf, weil es vielleicht Zahnarzt Brühl war, der seinem Gewissen etwas frische Luft verschaffte. Schon sah er den Hut von Täter zu Täter wandern; er paßte auf zahlreiche Schädel. Gewiß kamen neben dem Zahnarzt zunächst einmal Christines Vater und der sogenannte Gunnar als Kandidaten für Köfels Nachbohren, nämlich für den Mordanschlag in Frage. Doch im Grunde galt dies für das ganze Städtchen und für die halbe Welt. Jeder Mensch kam in Frage, weil jeder Mensch das Zeug zum Mörder hat. Selbst die Motive für einen Mord waren nur ein erbärmlich dürrer Strauß aus Habgier, Eifersucht, Rachedurst, Willen zur Macht, Gefälligkeit. Was allein zu schillern vermochte, jedenfalls eine Zeitlang, waren die näheren Umstände der Tat – und damit gerade das Unwesentliche an ihr. Die näheren Umstände rüttelten weder an den wenigen Mustern aller Untaten noch machten sie deren Opfer wieder lebendig oder gesund. Wenn ein Fahnder da nicht an „Abschrek-kung“ glaubt, läuft er Gefahr, sich früher oder später wegen der Sinnlosigkeit seiner Bemühungen aufzuhängen.

Köfel schenkte sich Wein nach und nahm einen tiefen Schluck. Dann blickte er wieder zu der ungefähr 150 Meter entfernten Flußbrücke, über die in einem fort die mit Scheinwerferkegeln ausgerüsteten Muster fuhren – nachts sind alle Katzen grau.

Angenommen, Zahnarzt Brühl war von Lonja Wenner zurückgewiesen und dadurch tief gekränkt worden. Was hätten wir davon zu wissen, welche Worte oder Blicke ihn besonders empfindlich trafen? Oder in welche Defizite seiner Kinderstube die Kränkung gleichsam wie ein 700 Kilogramm schweres Geschütz fiel? Das wesentlich Kränkende lag ja in jedem Fall in der Zurückweisung. Nicht geliebt oder auch nur gelobt zu werden, empfindet so gut wie jeder Mensch als Abwertung. Den einen bedrückt oder zermalmt sie nur, den anderen führt sie – Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt – leicht bis zur Raserei.

Köfel entsann sich eines silbergrauen Katerchens namens Eddi. Der kleine Eddi war auf einem Bauernhof geboren worden, wo Köfel Sommerfrische machte. Er paßte in Köfels gewölbte Handfläche; noch lieber wußte ihn Köfel an seiner Halskuhle oder im Hemd. Doch Eddi selber hatte dies alles gar nicht so gern. Er war stets auf der Hut, riß sofort aus, ließ sich selten fangen, sträubte sich bei jeder Zärtlichkeit. Der Schlingel verschmähte Köfels Liebe! Das machte den diplomierten Gesetzeshüter derart wütend, daß er Eddi mehr als einmal zu erwürgen, totzuschütteln oder mit aller Wucht an die Scheunenwand zu werfen drohte. Köfel hörte sich noch mit den Zähnen knirschen. Immerhin ertappte er sich bei seinem befremdlichem Strafbedürfnis und gelobte Besserung. Zwei Wochen später wurde Eddi auf der Landstraße angefahren. Seitdem hinkte er: Köfels leibhaftiges schlechtes Gewissen.

Köfel trank sein Glas leer und machte sich für die Nacht fertig. Hätte ihn ein Staatsanwalt nach der Rebsorte, dem Jahrgang oder dem speziellen Feuer des Weines gefragt, den er soeben zu sich genommen hatte, er hätte es nicht gewußt. Aber auch das wußte Köfel im Augenblick nicht.


5

Zwei Tag später saß Köfel wieder in seinem Gothaer Erkerzimmer. Jule war auf Tournee. Er bekam Lust, einer langjährigen, auswärtigen Freundin einen Brief zu schreiben. Neben dem tödlichen Anschlag auf die beiden Frauen und dem bereits in Untersuchungshaft genommenen mutmaßlichen Mörder erwähnte er auch seine geschilderten Gedanken. Nun ergänzte er:

Zu sagen, im Zuge des Alterns werde unsereins offenbar zunehmend von der Vergeblichkeit allen irdischen Strebens angefallen und gelähmt, ist mir nun doch zu allgemein. Bei mir mischen sich Freudlosigkeit und Verbitterung hinein. Das läßt sich wohl im Verdruß zusammenziehen. Nun kennen wir aber beide durchaus Menschen, die zwar ebenfalls von der Sinnlosigkeit des Daseins überzeugt, gleichwohl nicht verdrießlich sind. Ich nenne nur meinen Chef und deinen Bruder Jörg. Und der Grund? Sie haben sich ihre Neugier bewahrt. Es liegt auf der Hand, daß sich ihre Neugier nicht auf die Muster beziehen kann, von denen ich sprach. Sondern sie gilt den Unterschieden, Feinheiten, Nebensächlichkeiten. Wo ich zum Beispiel nur beider Glatzen sehe, erblicken sie zwischen zwei überragenden Pianisten das Gefälle eines hochgestellten Flügeldeckels. Für sie liegen zwischen benachbarten Weinbergen Welten. Sehen sie heute einen Stieglitz und morgen eine Heckenbraunelle, kommen sie frühstens auf die Idee, es könnte sich bei beiden um flugtüchtige Sänger handeln, wenn sie ihnen eine Eule als Gewölle vor die Füße spuckt. Die Buntheit der Ausprä-gungen, die Gewichtungen und Mixturen fesseln den neugierigen Menschen. Dagegen machen Verhaltens-muster so wenig neugierig wie Flußbrücken, Gleisdreiecke oder Straßenkreuzungen. Vielmehr bereiten sie Verdruß. Als einzige spannende Frage erhebt sich hier höchstens noch, was eher da war, Huhn oder Ei. Einer mag ver-drießlich werden, weil er überall Verkehrsknotenpunkte sieht; ein anderer sieht vielleicht überall Verkehrsknoten-punkte, weil er bereits mit Verdruß durch den Geburts-kanal seiner Mutter schoß.

Soweit zu diesem Thema. Vielleicht bist du ja anderer Auffassung und verstehst mich in deinem nächsten Brief zu trösten.



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