Freitag, 16. Dezember 2016
Der Fund im Sofa Teil 2





IV

Die Frau im Waagehäuschen



Köfel sah dem silberlackierten Leichenwagen nach, den er bestellt hatte. Die Hecktür blinkte in der Morgensonne. Diese stand in Köfels Rücken über dem Boxberg. Der Wagen rollte die mäßig abschüssige Hofzufahrt hinunter, ließ die Furt des Altenwassers links liegen und verschwand in einer Fahrwegkurve Richtung Dorfmitte. Bis zur Leichenhalle in Gotha waren es höchstens acht Kilometer. In Köfels Umhängetasche steckte der vom Notarzt ausgestellte Totenschein. Tranz hatte den Toten, der jetzt im Wagen lag, vor einer knappen Stunde auf der Tür-schwelle des Waagehäuschens erblickt. Er beteuerte, den massigen und kahlköpfigen Kerl noch nie gesehen zu haben. Inzwischen widmete sich der knochige Landar-beiter seiner überfälligen Stall- und Weidearbeit. Auf der ehemaligen LPG am Altenwasser standen nur Schlacht-rinder. Die Leiche des Fremden, den Köfel auf rund 30 schätzte, hatte Tranz zum Glück nicht angerührt – falls ihm zu glauben war.

Köfel ließ sich dem Waagehäuschen gegenüber auf einem Mäuerchen nieder. Die Steine waren bereits von der Sonne erwärmt. Köfel versah seinen Dienst seit rund drei Wochen wieder in kurzen Hosen – zum Naserümpfen der halben Gothaer Kriminalpolizei. Das waren immerhin 30 Leute: die Hälfte. Voßkämpen hatte auf der Herfahrt auch schon gestichelt. Das zertrümmerte breite Fenster des Waagehäuschens über sich, grätschte er gerade wie eine Stockente auf der im Pflaster eingelassenen rostigen Brücke umher, die auch noch leicht schwankte. Auf ihr waren einst die Hänger mit Kohlköpfen oder zukünftigen Steaks geparkt worden. Der untersetzte Voßkämpen, schon um 60, gehörte der Spurensicherung an. Von der rücklings auf der Türschwelle liegenden Leiche hatte er ungefähr so viele Fotos gemacht wie sie Messer gefunden hatten. Fünf staken in der Leiche, drei in der inneren Türfüllung und drei weitere hatten sie draußen im Gras oder im Hackklotz der Bewohnerin gefunden. Möglicherweise waren sie geworfen worden.

Der Granitstein war vermutlich auch nicht ins Häuschen spaziert. Voßkämpen hatte ihn bereits eingetütet und in ihrem Wagen verstaut. Sie hatten ihn am Fuß des Wiegebalkens gefunden, der in der abgeschrägt vorgebauten Fensternische errichtet worden war. Sie nahmen an, nachdem er die Doppelverglasung des mittleren Fensterteils durchschlagen hatte, war der Stein gegen den Wiegebalken geprallt und heruntergefallen. Kaum zwei Meter weiter stand das Bett der Bewohnerin an der Hausrückwand. Unter dem üblichen Vorbehalt hatte der Notarzt geschätzt, es habe den Mann in der Tür ungefähr um Mitternacht erwischt. Ob die Bewohnerin zu Hause gewesen war – vielleicht auf dem Ofen lauernd, vielleicht in ihrem Bett erstarrt – wußten sie noch nicht. Jetzt war sie jedenfalls weg.

Die Tür saß gen Westen in der Schmalseite. Der Zimmerofen stand gleich neben ihr in der Ecke, wo ein gemauerter Kamin zu sehen war. Demnach war das Waagehäuschen sogar beheizbar gewesen – ganz schön komfortabel. Es maß ungefähr 16 Quadratmeter. An der östlichen Schmalseite hatte die Bewohnerin ein tiefes Regal mit Vorhängen eingebaut, das ihr offenbar als Schrank für alles diente. Tranz nannte die junge Frau nur Jule. Aus einigen Dokumenten, die sie im Regal gefunden hatten, ging ihr vollständiger Name Jule Klaas hervor. Da auch einiges an Wäsche dort lag, schien sie nur das Notwendigste mitgenommen – oder mitbekommen zu haben. Vielleicht war sie ja entführt worden. Der Notarztwagen hatte einen Rentner auf den Hof gelockt, der in der Kurve an der Furt wohnte. Er bilde sich ein, in der Nacht ein fremdes Auto gehört zu haben. Tranz' Diesel sei es jedenfalls nicht gewesen. Der pflege die Rinder auch nicht mitten in der Nacht zu füttern. Köfel hatte sich überschwenglich bedankt und den alten Mann gefragt, ob er sich zutraue, einem Erdolchten ins Gesicht zu sehen. Der Schlawiner hatte ohnehin schon dauernd zu der Leiche geschielt. Er beteuerte dann jedoch wie Tranz, den Kerl noch nie gesehen zu haben. Köfel notierte sich die Adresse des Rentners und komplimentierte ihn wieder vom Hof. Der Ärmste buckelte davon, als habe er die 11 Messer im Kreuz. Von seiner Gesichtsfarbe her drohte er sich spätestens an der Furt zu übergeben.

Köfel blickte jetzt in dieselbe Richtung, weil ein Auto kam. Es heulte wie ein Diesel. Es war ein zerschrammter Pick-Up, auf dessen Ladefläche ein Betonmischer verzurrt war. Er passierte Köfel und Voßkämpen, wendete weiter hinten an der großen Rinderhalle und kam vor Voßkämpen zum Stehen, der nach wie vor auf der schwankenden Brücke umherkrauchte. Der Fahrer stieg aus und wollte sich Voßkämpen offensichtlich vorstellen. Der wehrte jedoch mit gespreizter und zusätzlich ruckelnder Hand ab und winkte dann mit dem Daumen zum Mäuerchen: „Der Chef.“

Köfel erhob sich. Der stämmige Mann um 50 hatte ein rosiges, unverfängliches Gesicht. Köfel stellte sich vor und gab ihm die Hand.

„Hans Jochum“, erwiderte der Mann. „Ich bin der Betriebsleiter aus Waltershausen. Ja, sagen Sie nur, haben Sie hier wirklich einen Toten gefunden? Wo ist er denn?“

Köfel lächelte. „Danke, daß Sie gekommen sind, Herr Jochum. Der Tote lag da drüben auf der Türschwelle. Er wurde bereits abtransportiert.“

Jochum musterte sein Waagehäuschen mit dem zertrümmerten Fenster. „Mein Gott“, rieb er sein tadellos rasiertes Kinn, „das hat man nun davon! Das Mädchen war doch ganz patent – und nun macht sie einem Scherereien! Wo steckt sie denn überhaupt?“

Köfel lächelte erneut. „Das wüßten wir auch gerne ... Passen Sie auf, Herr Jochum. Ich zeige Ihnen zunächst ein Porträt, das wir von dem Toten gemacht haben, und dann skizzieren Sie mir Ihr Verhältnis zu der verschwundenen Bewohnerin. Wir können uns ins Häuschen setzen, Herr Voßkämpen hat es schon freigegeben. Es dauert nur ein paar Minuten. Sind Sie einverstanden?“


2

Bis vor gut einem Jahr hatte Jule Klaas der Waltershäuser Puppenfabrikkommune angehört. Es gab vermehrt Differenzen, sodaß sie schließlich ausstieg. Da sie sich beim Gondeln durch die Gegend schon früher für das Waagehäuschen in Leina erwärmt hatte, kam sie auf die Idee, Betriebsleiter Jochum anzusprechen. Die Kommune bezog seit Jahren Brennholz und Stroh von ihm. Jochum fand Jules Idee amüsant. Er hatte ja ohnehin keine Verwendung für das heruntergekommene Häuschen. So überließ er es dem unternehmungslustigen Mädchen unentgeltlich. Sie weißte den Raum, zog einen gedämmten Fußboden mit Hilfe gebrauchter Nut-und Federbretter ein, tauschte den Ofen aus. Vor der Tür – die dummerweise nach Westen ging – hatte sie sogar begonnen, einen geräumigen Windfang zu errichten, der auch ihr Brennholz schützen sollte. Offiziell blieb sie in der Puppenfabrik gemeldet. Sie zahlte Jochum nur einen kleinen Pauschal-betrag für Strom und Wasser. Dieses bezog sie von einem Ausguß im Rinderstall, wo sie sich auch manchmal wusch.

„Sie haben das beobachtet ..?“ warf Köfel mit gleichgültiger Stimme ein.

Jochum stutzte. Er saß in Jules Armlehnstuhl neben dem kleinen runden Tisch an der Fensternische. Er entschloß sich, nicht beleidigt zu sein.

„Nein. Tranz sagte sowas. Im Sommer ging sie auch gern da unten ins Altenwasser.“

Er deutete durch das beschädigte Fenster den Hang hinab. Jenseits des Mäuerchens und der ehemaligen Melkküche ragten hohe Pappeln auf, die vermutlich den Bachlauf säumten.

Köfel saß mit gefalteten Händen auf dem Bettrand. „Verstehe“, nickte er Jochum zu. Dabei mußte er blinzeln, weil in dem schmalen Schrägenfenster hinter des Betriebsleiters Birne die Sonne aufgetaucht war. „Wüßten Sie, was die junge Frau Klaas außer Brennholzsägen oder Baden sonst noch so trieb?“

Jochum verstülpte die Lippen und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Keine Ahnung. Hat mich auch nie interessiert. Vielleicht bezog sie dieses unselige Hartz-IV-Almosen und hat viel geschmökert.“

Jochum fuhr mit einer Handbewegung um das Bett, auf dem Köfel hockte. In der Tat waren auf dem Fußboden etliche Bücher verstreut. Einige stammten offensichtlich aus einer Stadtbücherei.

Köfel hob dankend die Hand und erklärte dem Betriebs-leiter, er müsse ihn vorläufig nicht länger belästigen. Sie gingen nach draußen. Voßkämpen war inzwischen gleichsam getaucht; Köfel hörte ihn unter der Waage-brücke rumoren, ehe Jochum seinen Pick-Up anwarf. Als dieser an der Furt verschwunden war, beugte sich Köfel über den mit Tritteisen versehenen Schacht zwischen Häuschen und Brücke und rief hinein:

„Lebst du noch, Rudi? Wieviel Leute hast du erledigt?“

„Nur eine Leiche hier unten!“

„Mann oder Frau?“

„Verweste Katze!“

„Na prima“, knurrte Köfel. „Laß sie dir schmecken. Jochum sagt, er kennt den Toten auch nicht. Wann können wir denn Frühstück machen?“

„Mit dem Keller hier wäre ich durch – im ganzen, meine ich. Vielleicht noch ein Viertelstündchen.“

„Gut. Ich schlendere noch mal über den Hof. Ich würde sagen, dann fahren wir nach Waltershausen, da wird's ja auch was zu beißen geben außer Katzenleiche ... Ich bleibe dann dort und du fährst nach Gotha zurück. Bist du einverstanden?“

„O.k. Paß auf, die Kühe schlagen mit dem Schwanz um sich!“


3

Jochum hielt in Leina einige Hundert Rinder, vom dürren Kälbchen bis zum bedrohlich wirkenden Bullen. Die meisten von ihnen standen jetzt im Sommer auf der Weide. Köfel erblickte sie in der Ferne, nachdem er in der langgestreckten Halle an dem von Jochum erwähnten Wasserhahn ein paar Schluck genommen hatte und auf der Ostseite wieder ins Freie trat. Sämtliche Rinder waren rotbraun. Soweit sie noch in der Halle zu sehen waren, besaßen sie auch ähnliche, für Köfels Empfinden betörend gefärbte Augen – sie schimmerten fast wie violetter Bernstein, allerdings erheblich trauriger.

Köfel umrundete die große Miste und erklomm ein Stück des Wiesenhangs, um sich dann niederzulassen und die Aussicht zu genießen. Von der Lage her konnten die Rinder wirklich nicht klagen. Er kannte den Boxberg schon von Ausflügen her. In seinem Rücken wußte er deshalb den verwunschenen, nicht in Stein gefaßten Leinakanal, der hier genau dem gewundenen Waldsaum folgte. Reh oder Hase konnten ihn überspringen. Er war 30 Kilometer lang, überbrückte aber nur 12 Kilometer Luftlinie von Schönau im Thüringer Wald bis Gotha. Höhenlinien-parallel, also mit geringem und fast gleichmäßigem Gefälle angelegt, galt er als Meisterwerk. Der Herzog hatte um 1370 seine FronarbeiterInnen dafür mobilisiert, weil der Residenzstadt das Wasser auszugehen drohte – obwohl sie von diesem ihren Namen bezogen hatte. Villa Gothaha war einst die Siedlung am guten (fließenden) Wasser gewesen. Im Norden überquerte der schmale Leinakanal per Viadukt die Schlucht mit den Bahngleisen, um dann zum Schloßpark in Gotha abzukurven. Die Fürsten sitzen stets an den Quellen.

Da sich das Altenwasser nur wenig tiefer durch die Flur schlängelte, bildeten Jochums Hangwiesen eine hübsche Art von Landzunge, die sich weit nach Osten zog. Im Süden dagegen wurde die Baumzeile des Altenwassers vom Thüringer Wald mit dem über 900 Meter hohen Inselsberg gekrönt. Zu allem Unglück hatte Köfel in klimatischer Hinsicht einen ausgesprochen günstigen Mordtag erwischt; er wäre am liebsten gar nicht mehr aufgestanden. Am blauen Himmel segelten nur ein paar weiße Zwergwolken, die den Romantikern so gern als Lämmchen erschienen waren. Darunter rupfte und mahlte das rotbraune Schlachtvieh. Die wolkigen Lämmchen wurden nur hin und wieder von einem schreienden Turmfalken aufgerüttelt. Das Schlachtvieh hatte nach Köfels Informationen 600 Kilogramm auf die Waage zu bringen. Auf thüringischen Landzungen mochte es dafür noch ein bis zwei Jahre brauchen. In Kalifornien hielt etwa die Firma Westland/Hallmark Meat Zehntausende von Rindern aller Stadien, die jedoch immer nur 150 Tage alt werden durften. Dann gings ihnen an die Kehle. Es hieß, die Tiere würden so dichtgepfercht gehalten und so sehr mißhandelt, daß sie oft verkrüppelten und nur noch mit dem Gabelstapler in die Container fürs Schlachthaus gehievt werden konnten. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung.

Als Traktorenlärm aufkam, riß sich Köfel los. Es war Tranz mit der Schaufel am Frontlader. Offenbar war es ihm nur darum zu tun, den riesigen Misthaufen zu formatieren. Köfel ging hinunter und bedeutete ihm, er hätte noch eine Frage. Tranz stieß die Schleppertür auf und nickte ermunternd.

„Hat Ihre Jule eigentlich ein Auto oder dergleichen besessen?“ rief Köfel hinauf.

„Nur ein Fahrrad.“

„Wo steht das immer?“

„Na – direkt an ihrem Häuschen.“

„Von wegen! Wie sah es denn aus?“

„Ein knallrotes mit so einem Rennlenker wie ein Widdergehörn.“

„Ah ja.“ Köfel tippte sich dankend an die Schläfe und hielt Tranz nicht weiter von der Arbeit ab.

Voßkämpen war offenbar schon fertig. Er hatte sich Köfels Platz auf dem Mäuerchen angemaßt und paffte.

„Momentchen noch!“ bat Köfel ihn mit einer Handbewe-gung. „Ich möchte nur noch einen Blick in die Melkküche werfen.“

Die 'Melkküche' war ein ganzes Haus für sich, in dem Köfel bei etwas mehr Familiensinn mit drei Frauen und 12 Kindern hätte wohnen können. Allerdings waren fast alle Räume weiß gekachelt. Sie wirkten verkommen und trostlos. Die Anlagen und selbst die Wasseranschlüsse waren herausgerissen worden. Schade – hier wäre ein nahezu luxeriöser Dusch- und Badeplatz für Jule Klaas vorstellbar gewesen. Dafür machte Köfel im größten Raum eine andere interessante Entdeckung. Es handelte sich nicht etwa um das rote Rennrad, vielmehr um einen Trainingsplatz für einen weniger verbreiteten Sport. Köfel erfaßte es auf den ersten Blick – mit dem zweiten mußte er sogar lachen. Die Stirnwand war mit alten Bohlen verschalt, die zahlreiche Einstiche oder Absplitterungen zeigten. Ungefähr in der Mitte war eine lebensgroße Strohpuppe aufgehängt. Sie berührte mit den Füßen gerade den Estrich und wirkte ziemlich ramponiert. Verstreut im Raum dagegen waren etliche fleischfarbene Plastikhüllen mit Nippeln zu sehen – offenbar aufblasbar. Da es auch eine per Fußhebel zu betätigende Luftpumpe gab, war die Verlockung groß. Köfel entschloß sich wider die Bedenken, die Voßkämpen jetzt vorgebracht hätte, eine Hülle aufzublasen. Immerhin zog er dazu seine weißen dünnen Handschuhe an.

Köfel hatte eine Hülle mit mehreren dunklen Flicken erwischt, wie man sie von Fahrradschläuchen her kennt. Sie schien jedoch dicht zu sein. Sie wuchs sich zu einer menschlichen Gestalt ähnlich der Strohpuppe aus. Zuletzt erwies sie sich als weiblich, da stramme Brüste vorschnellten. Es handelte sich sogar um eine bestimmte Frau, war sie doch von einem Könner – oder einer Könnerin – mit Hilfe eines schwarzen Filzstiftes mit einem cartoonartigem Antlitz einschließlich Frisur versehen. Wenn sich Köfel nicht gewaltig täuschte, war es Angela Merkel.

Köfel verschloß das Ventil, lehnte die Kanzlerin in eine Ecke an der Bohlenwand und trat etwas zurück, um sie unter Kopfschütteln zu bekichern. Doch jetzt hatte er Blut geleckt. Er bückte sich, um auch die restlichen Hüllen nach Anzeichen eines Gesichtes durchzusehen. Diesbezüglich fand sich nur noch ein Exemplar. Während er es aufpumpte, stieg sein Jagdfieber. Die Puppe zeigte zwar keinen Flicken, aber die gleichen strammen Brüste. Dem Gesicht hatte der künstlerische Filzstift eine fast prinzessinnenhafte glatte Schönheit verliehen. Es war Sahra Wagenknecht.

„Rudi! Rudi! Bring die Kamera mit!“ brüllte Köfel durch ein zerborstenes Oberlicht, das zum Waagehäuschen ging.

Voßkämpen hastete um das Melkküchengebäude, denn der Eingang lag hangabwärts. Er rief schon auf der Treppe: „Ich komme, Armin! Halte durch! Wieviele Feinde sind es denn?“

Köfel deutete grinsend auf die Bohlenwand: „Nur drei! Wenn du es schaffst, darfst du ihnen Handschellen anlegen.“

Voßkämpen blieb abrupt stehen. Während er die Lage musterte, ging sein Mund auf. Allerdings erfaßte er ihre Brisanz ähnlich rasch wie zuvor Köfel. Deshalb pfiff er durch die Zähne und meinte:

„Sieh an! Ein Schützenhaus für MesserwerferInnen. Und zwei Top-Gefangene hast du auch schon gemacht!“

„Ja“, sagte Köfel. „Eine amtierende und eine Möchtegern-Kanzlerin. Beide von der SED eingeschleust ...“


4

Sie gestatteten sich ein kurzes Frühstück im Walters-häuser Backstübchen eingangs der Altstadt. Dann fuhr Voßkämpen zur Autobahn. Köfel dagegen bog nach wenigen Schritten Richtung Bahnhof in die Bebelstraße ein, um der Puppenfabrikkommune seine Aufwartung zu machen. Die Adresse kannte er bereits. Im Erdgeschoß des spitzwinklig angelegten mächtigen Backsteingebäudes betrieb die Kommune eine kreisweit beliebte Veranstal-tungskneipe namens Spatz, in der auch Köfel schon mehrmals Gast gewesen war. Zuletzt hatte er hier einen Kabarettauftritt Dietrich Kittners erlebt. Köfel hatte Tränen gelacht, obwohl der alte kommunistische Haudegen nach wie vor seinen Hauptmängeln frönte: er arbeitete zu 99 Prozent verbal und er überzog die angemessene Auftrittsdauer um 100 bis 150 Prozent.

Vormittags war der Spatz geschlossen. Köfel tauchte in die hohe Fabrikdurchfahrt, weil er vom Innenhof her Kinderstimmen gehört hatte. Die Kinder tollten auf einer Art begrünten Düne umher. Der Hof war mit einigen jüngeren Bäumen bepflanzt. An einem langen rohen Holztisch saßen zwei Frauen und ein Mann. Die sommer-sprossige Magere und der vollbärtige Mann schnitten Gemüse, während eine kleinere Frau mit blonden Zöpfen, die eher rundlich war, in Papieren blätterte und auf einem Kugelschreiber kaute. Vielleicht schrieb sie einen Antrag oder ein Protokoll.

„Hallo!“ sagte Köfel lächelnd. „Armin ist mein holder Name. Ich wollte zu Jule. Wüßtet ihr, wo sie gerade steckt?“

Die Magere ruckte überrascht mit ihren grünen Augen. „Zu Jule? Die wohnt doch gar nicht mehr hier.“

Köfel empfand die Reaktion als unverstellt. Sie roch sogar danach, es sei der Mageren gar nicht so unangenehm, daß Jule nicht mehr hier wohne.

„Was denn“, erwiderte Köfel, „wo denn sonst?“

„In Leina. Kennst du das?“

Köfel rieb sein etwas stoppliges Kinn. „Einigermaßen ... Aber seid ihr sicher, daß Jule nicht hier ist? Vielleicht zu Besuch?“

Während die Zöpfige kaum von ihren Papieren aufgeblickt hatte, sahen sich die Magere und der Bärtige an.

„Nö“, schüttelte die Magere ihre rotbraunen Haarsträhnen und hieb auf die nächste Zuccini ein. „Sie kommt schon manchmal, aber heute nicht. Jedenfalls steht im Buch keine Ankündigung. Vielleicht kommt sie ja heute abend noch. Heute ist doch Freitag, oder? Dann hat die Kneipe heute das DRK-Konzert. Kommst du auch?“

DRK?“ fragte Köfel. „Muß man da Blut spenden?“

„Quatsch!“ erwiderte die Magere. „Das ist eine Band aus Erfurt, die erstklassigen Rock macht – erstklassig, sage ich. Habe ich recht, Ronni?“

Während Ronni bestätigend nickte, entschloß sich Köfel die Karten auf den Tisch zu legen. Er zog seinen grünen Dienstausweis hervor und sagte:

„Ich werde mir's überlegen ... Im übrigen bitte ich um Nachsicht, wenn ich ein wenig Versteck gespielt habe. Ich bin von der Kripo in Gotha und komme gerade aus Leina. Im Waagehäuschen der Jule Klaas wurde ein Toter gefunden, den dort niemand kennt. Ich muß erstens wissen, wer er ist, zweitens wo die Bewohnerin steckt.“

Überraschung und Betretenheit waren groß. Die kleine Blonde ließ sogar ihren Kugelschreiber sinken. „Ein toter Mann in Jules Häuschen, sagen Sie ..?“

Köfel nickte. Er zog auch das Foto hervor, um es neben seinen Dienstausweis zu legen. Sie studierten es reihum und schüttelten ihre Köpfe. Dann sahen sie sich wieder ungläubig oder erschrocken an.

Verständlicherweise kamen nun die Fragen nach den näheren Umständen dieses Todesfalls. Köfel wehrte sie ab. Er bat die drei, auf die nächste Morgenzeitung zu warten; mehr wüßte auch er nicht. Erfreulicherweise zeigten sie sich vernünftig. So brachte er seinerseits Fragen vor, die ihm binnen weniger Minuten zu einem groben Bild der Jule Klaas verhalfen.

Die 32jährige gelernte Holzbildhauerin stammte aus Erfurt. In der Kommune hatte sie vor allem beim Innenausbau mitgewirkt, speziell Türen und Fußböden gebaut. Sie hatte früh geheiratet, doch ihr Mann war bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Von daher bezog sie eine schmale Rente. Zwar hatte sie bereits in der Kommune eine Neigung zu Komödie und Zirkus offenbart, doch sie ging dieser erst nach ihrem Auszug ernsthaft nach. Sie nahm in Gotha Unterricht an einer Pantomimen-schule und befaßte sich auf ihrer verwaisten LPG in Leina auch mit Akrobatik und Messerwerfen. Sie hatte Verbindung mit einem auf Schloß Tonndorf stationierten Wanderzirkus, dem sie sich vielleicht anschließen wollte. Zu einem Musiker der Truppe bestanden auch Liebes-bande, das war aber möglicherweise schon wieder vorbei. Mit den Messern war sie sogar schon im Spatz aufgetreten – ein Bombenerfolg! Schade, der war Köfel entgangen. In einer aus Pantomime und Sketch gemischten Nummer habe sie Angela Merkel und Sahra Wagenknecht miteinander konfrontiert. Es tobte ein Konkurrenzkampf. In diesem Rahmen unterzogen sich die Altkanzlerin und die Kanzlerkandidatin auch einem „Härtetest“, indem sie sich mit Messern bewerfen ließen.

Köfel dachte an seine Pumparbeit in der Melkküche und begann schon wieder zu kichern. Das brachte ihm bei der kleinen Blonden sogar einige Pluspunkte ein. Sie war um 40 und wirkte wegen ihrer Zöpfe und der Papiere wie eine gebildete Kammerzofe. Köfel rief sich zur Ordnung und hakte nach:

„Warum hat Jule denn die Kommune verlassen? Doch nicht, weil sie sich als Künstlerin beschnitten fühlte?“

„Schon richtig“, brummte Ronni. „Jule hatte zunehmend Kritik am Kurs der Kommune, ohne damit durchdringen zu können. Sie hält uns inzwischen für eine Sekte, die halsstarrig an dem Gründungskonzept Großkommune für 100 Leute klebt. Ausschlaggebend für ihren Weggang war aber die Sache mit der Waldorfschule. Kurt – ein Vater mit zwei Kindern – hatte Probezeitantrag gestellt und darin seinen dringlichen Wunsch erwähnt, die Kinder auf die Eisenacher Waldorfschule zu schicken, falls er aufgenommen würde. Das konnten alle 'Sektierer' akzeptieren – außer Jule. Als vernunftbegabter und rebellisch gestimmter Mensch bringe sie es nicht übers Herz, Kommunekinder einem esoterischen Scharlatan wie Rudolf Steiner anzuvertrauen und dafür auch noch zu bezahlen. Das führte zu einigen wenig ruhmreichen Debatten. Jule stand ziemlich allein. Da sie aber Kurts Antrag auch nicht blockieren wollte – wir haben ja das Konsensprinzip – entschloß sie sich zum Ausstieg.“

„Was kostet denn der Waldorfspaß?“ wollte Köfel wissen.

Da Ronni – wohl wegen lückenhafter Kenntnisse – seine Stirn runzelte, ergriff die Kammerzofe das Wort. „Das Schulgeld ist gestaffelt je nach elterlichem Einkommen. Kurt hätte den billigsten Tarif bekommen, der bei rund 100 Euro monatlich für ein Kind liegt. Beim zweiten Kind wird's schon weniger, da gibt's Rabatt.“

„Sie sagten hätte?“

„Ja“, lächelte die Zofe. „Ein Witz! Kurt brach die Probezeit nach drei Monaten ab, weil er sich bei einem Workshop in eine Frau vom Eschenhof verliebt hatte. Das ist eine anarchistische Landkommune in Holstein. Raten Sie mal, welchem Beruf die Dame nachgeht.“

„Ach“, erwiderte Köfel und blinzelte. „Waldorfschul-lehrerin?“

Die Zofe nickte. „In Lübeck. Als Mitglied einer anarchistischen Kommune!“

„Also hör mal“, maulte ihre sommersprossige Mitstrei-terin. „Seit wann geben sich denn Anarchistinnen untereinander Religions-, Schul- oder sonst ein Verbot!?“

Ehe die Zofe den Ball aufnehmen konnte, hakte Köfel ein, indem er über den Gemüsehackbrettern mit dem Opferfoto wedelte. „Vertagen Sie doch bitte Ihre kleine Kontroverse, bis ich verschwunden bin. Es geht ganz schnell, denn ich muß die Fahndung veranlassen. Ich würde mich nur noch einmal gern im Haus umsehen, um auch allen anderen, die gerade anwesend sind, dieses Foto unter die Nase zu halten. Außerdem könnten Sie mir vielleicht ein Foto beschaffen, das Jule Klaas zeigt. Wer von Ihnen ..?“

Die Zofe knipste ihren Kugelschreiber aus und erhob sich bereits. „Kommen Sie mit, ich führe Sie.“


5

Niemand kannte den Toten – oder gab es jedenfalls vor. Dafür machte Köfel am Schwarzen Brett des riesigen Gemeinschaftsraums immerhin einen Fingerzeig darauf aus, wohin sich die mutmaßliche Täterin geflüchtet haben könnte. Ein Rundbrief lud zum diesjährigen Thüringer Kommunetreffen in der Melankolonie Stichtaöhr ein. Er führte im Verteiler auch sämtliche Anschriften an. Die Zofe machte ihm im Büro der Kommune eine Kopie davon, nachdem Köfel ihr erklärt hatte, notfalls bekäme er diese Information auch beim Landeskriminalamt, es wäre nur umständlicher. Die Zofe versorgte ihn auch mit zwei gelungenen Fotos der Jule Klaas. Im Waagehäuschen hatten sie noch nicht einmal eins von ihr gefunden. Die Zofe meinte, wahrscheinlich besäße sie auch gar keins. Selbstbewußte Frauen böten der Eitelkeit schlechten Nährboden.

Als ihn die Zofe nach einer knappen halben Stunde wieder zur Hoftür des Seitenflügels begleitete, streiften sie im Erdgeschoß des Treppenhauses die offenstehende Hintertür der Gaststätte. Die Stühle waren aufgetürmt. Ein junger Mann schrubbte gerade die hellen Dielen. Köfel bat ihn gestisch um Erlaubnis, das bereits Geputzte zu betreten, um auch ihm noch das Opferfoto zu zeigen. Der Putzmann schüttelte seine langen Locken. Köfel dankte ihm. Im Umwenden erblickte er an der langen Innenwand der Kneipe etliche Wechselrahmen mit großformatigen Fotografien, Skizzen und Texten. Der fettgedruckte Firmenname J. A. Topf & Söhne sprang ihn an. Er war ihm nicht fremd. Köfel ließ seine Augen für einen Moment über die Bilder wandern, dann ging er zur Zofe zurück, die an der Tür auf ihn gewartet hatte. Auf die Bilder deutend, fragte er: „Sie haben eine Ausstellung über die unseligen Erfurter KZ-Ofenbauer?“

Die Zofe nickte. „Wir haben sie sogar Jule zu verdanken. Sie kommt ja daher. Sie hatte die Kontakte und die Idee und hat dann auch beim Zusammenstellen und Hängen geholfen – das heißt, eigentlich war sie auch dabei federführend.“

„Ach“, sagte Köfel.

Er blickte unwillkürlich zur Fensterfront der Kneipe. „Haben Sie keine Angst, die Neonazis könnten Ihnen die Fenster einschmeißen?“

Die Zofe winkte ab. „Hatten wir schon mal. Das war vor zwei Jahren. Seitdem passen wir auf.“

Köfel nickte verständnisvoll und setzte sich in Bewegung. Während ihm die Zofe sogar die Hoftür aufhielt, trat plötzlich das zertrümmerte Fenster des Waagehäuschens vor sein geistiges Auge. Da wußte er, wo als nächstes nach der Identität des Toten zu suchen sei.


6

1878 gegründet, bauten Topf & Söhne vor allem Mälzerei- und Brauereimaschinen sowie Braunkohle-Feuerungs-anlagen. Krematoriumsöfen machten kaum drei Prozent des Umsatzes aus. 1914 hatte die im Erfurter Osten gelegene Firma bereits über 500 Beschäftigte. Ihre große Stunde schlug um 1940 durch fette Aufträge seitens des sogenannten Reichssicherheitshauptamtes. Sie betrafen u.a. die KZs in Auschwitz, Dachau, Buchenwald. Diese Verbrennungs- und auch Entlüftungsanlagen (für Gaskammern) wurden von der Firma sowohl gebaut wie dann am Bestimmungsort eingerichtet. Buchenwald hatte man ja fast vor der Haustür. Im dortigen Krematorium wurde eines nachts Ernst Thälmann hinterrücks erschossen. Er wurde dann gleich in einen erstklassigen Verbrennungsofen der Firma Topf & Söhne geschoben.

Von den zahlreichen führenden und ausführenden KZ-Töpfern zog die sowjetische Besatzungsmacht nur eine Handvoll zur Rechenschaft. Schuldig fühlte sich wieder mal keiner. Oberingenieur Karl Schultze brachte vor: „Ich machte weiter (nämlich trotz des Durchschauens eines ungeheuerlichen Massenmordes), weil wir durch unsere Unterschriften gebunden waren. Wir standen in der Pflicht, gegenüber der SS, der Firma Topf und dem NS-Staat.“ Er habe also nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Anweisung gehandelt. Natürlich hatte er auch Angst, stellungslos oder selber verhaftet zu werden. Dann lieber 7 Millionen Juden.

Köfel saß inzwischen bei seinem Waltershäuser Bekannten Ulf. Es war um Mittag. Ulf hatte eine Linsensuppe mit magerem Speck aufgewärmt, die ausgezeichnet durchge-zogen war. Köfel sagte:

„Das ist seit Jahrtausenden eine wunderbare Einrichtung. Solange es in einer Gesellschaft eine Menge Befehlsemp-fängerInnen gibt, können sich diese stets auf einen Befehlsnotstand herausreden. Die Chefs wiederum können auf ihre Verpflichtung verweisen, durch Auftragsmangel und Stellungslosigkeit bewirktes Massenelend zu verhindern. Angenommen, du bist Kerkermeister und bringst dem Häftling auf Anweisung des Gefängnisdirek-tors eine Linsensuppe, die einen verdächtigen Stich hat. Auf dem Weg zur Zelle läßt du deshalb spaßeshalber die Katze des Gefängniskochs davon kosten – sie fällt auf der Stelle tot um. Das ist aber noch lange kein Grund, die Suppe dem Häftling vorzuenthalten, denn davon abgesehen, daß er hungrig ist, befindest du dich in dem erwähnten Befehlsnotstand.“

Ulf lächelte säuerlich. „Mußte es unbedingt eine Linsen-suppe sein? Sie schmeckt schon deutlich schlechter.“

Sie hatten sich mit der Suppenschüssel an einen Klapptisch unter der mächtigen Hängeesche gesetzt, wo ein labender Halbschatten herrschte. Die Sonne brannte vom Ziegenberg herab. Ulf besaß am Stadtrand ein winziges Fachwerkhäuschen auf ehemaligem Riedgelände. Ringsum lagen Tümpel mit Röhricht, Pappelhaine und verwilderte Obstgärten. Dadurch war er zwar gut mit Stechmücken versorgt, aber auch mit Pirolen, die den ganzen Sommer über flöteten – oder orgelten, wie man es nimmt. Ulf war Zimmermann, arbeitete aber nur sporadisch in seinem Beruf, da ihn eine kleine Erbschaft fast unabhängig gemacht hatte. Als ausgesprochen hagerem Gesellen standen ihm die glockigen schwarzen Zimmermannshosen ohnehin nicht; sie schlackerten zuviel. Ein verwirbelter blonder Igelschnitt, eine Hakennase, die scharfen Kinnladen von Pockennarben übersät – dies alles konnte nicht verhindern, daß die Frauen auf ihn flogen. Sie witterten seinen Ganoven-charme selbst bei strömendem Regen.

Zum Nachtisch hatten sie Eiskaffee. In Köfels Schlürfen mischte sich sein Handy. Es war Köfels Chef persönlich. Der Name des Toten stand bereits fest. Erfurter Kollegen hatten ihn nach Köfels Fingerzeig und den Fahndungsfotos als Marko Krumpf erkannt – in rechtsradikalen Kreisen auch unter dem Kosenamen „der große Krumpfuß“ geschätzt. Prompt sah Köfel die derben, schwarzge-wichsten Springerstiefel des massigen Eindringlings vor sich. Krumpfs Eltern würden gerade zwecks Identifi-zierung zum Leichenschauhaus gefahren. Bei den Eltern der Jule Klaas dagegen sei die Flüchtige nicht angetroffen worden. „Da er sie gut überrumpelt hat, glaubt der Kollege, sie hätten wirklich keine Ahnung von dem Vorfall. Warum auch? In Tonndorf gab es ebenfalls Fehlanzeige. Allerdings sei das Gelände verflucht weitläufig, meinten die beiden Kollegen. Was meinen Sie?“

Der Chef sprach von der Kommune auf Schloß Tonndorf, wo auch der Wanderzirkus saß, mit dem Jule Klaas liebäugelte. Jetzt schwebte ihm offenbar vor, einige Durchsuchungen und/oder Observationen ins Werk zu setzen. Köfel riet ihm ohne viel Überlegung davon ab. Zum Untertauchen sei die Ex-Holzbildhauerin und Ex-Kommunardin aus ungeeignetem Holz geschnitzt. Er wette alle noch nicht abgebummelten Überstunden darauf, sie werde sich binnen weniger Tage, vielleicht sogar Stunden stellen. Sie sei klug genug um zu erkennen, daß ihr weder Fallbeil noch Zuchthaus drohe. „Im Gegensatz zu unseren Jungfaschisten haben Menschen wie sie eine hohe Moral – oder, wenn Sie so wollen, sie haben Zivilcourage. Da braucht man nicht den Staatsanwalt und drei Hundertschaften zu mobilisieren.“

Nachdem er kurz gegrummelt hatte, erwiderte der Chef: „Na gut ... Bleiben Sie in Waltershausen? Luckenwalde meint nämlich gerade, im hiesigen Snookersalon gebe es ausgezeichnet gebügelte Tische ...“

Köfel lachte. „Ich könnte es im Moment nicht sagen. Irgendetwas riecht hier noch nach einer Fährte, die ich nutzen sollte. Sagen Sie Luckenwalde bitte, ich rufe ihn an.“


7

Für den Nachmittag folgte Köfel Ulfs Empfehlung, etwas Ausgleichssport zu treiben. Sie sägten gemeinsam Brenn-holz. Ulf besaß eine durch Elektromotor angetriebene Kappsäge, deren rundes Sägeblatt groß wie ein Autoreifen, allerdings nicht ganz so dick war. Sie wechselten sich ab. Einer las die abgekippten Stamm- oder Aststücke auf und legte sie in die Rinne – oft mehrere, wenn sie zu dünn waren. Der andere schwenkte das senkrecht stehende Sägeblatt wie einen Pumpenschwengel, während er die Stücke nachschob. WurstverkäuferInnen kennen das Prinzip. Ulfs „Scheiben“ waren allerdings 20 bis 30 Zentimeter dick. Bei Jule Klaas hatte Köfel lediglich eine grobzähnige, alte Bügelsäge für die Handarbeit gesehen. Da sie offensichtlich nur mit ähnlich altem, mürbem Abbruchholz heizte, war das keine unvertretbare Menschenquälerei. Köfel konnte an die verschwundene Kläusnerin aus dem Waagehäuschen denken, weil er und Ulf ohnehin unter „Micky-Mäusen“ steckten, um sich des Sägelärms zu erwehren. Wie es nach den ergatterten Fotos aussah, war Jule für eine Bügelsäge oder zum Messer-werfen biegsam genug. Mittelgroß, zeigte sie ein beinahe unscheinbares ovales Gesicht. Es wurde wahrscheinlich durch ihren seltsamen, prüfenden Blick interessant. Das dunkle Haar trug sie jungenhaft kurz. Die Augen waren offenbar grau.

Nach dem Sägen fuhren sie mit Ulfs Tandem-Fahrrad zur Laucha, um sich zu erfrischen. Das Tandemfahren beherrschte Köfel bereits. Ulf wußte eine gestaute Stelle unweit der von Auwald umgebenen ehemaligen Lohmühle, die sogar für ein paar Schwimmstöße gut war. Köfel wollte wissen, ob er gefahrlos tauchen und dabei ein Gebet sprechen dürfe oder in diesem Fall wie ein Giftfaß sofort Richtung Hörsel abgetrieben würde. Ulf hatte keine Bedenken. Die Wasseramsel, die sie verscheucht hätten, täte nichts anderes und lebte auch noch.

„Ja“, erwiderte Köfel. „Aber sie betet beim Tauchen nicht.“

Ulf grinste und hob die Schultern, während das Laucha-wasser um seine Lenden züngelte. „Vielleicht hat sie es nicht nötig, weil sie mit ihrem weißen Brustlatz wie ein Vikar aussieht.“

Bald darauf saßen sie erneut unter der Hängeesche, nun zum Abendbrot. Sie hatten sich bereits geeinigt, daß Köfel über Nacht bliebe. Jetzt dachte Köfel über die fällige Absage bei Luckenwalde nach.

„Vielleicht sollte ich ihn nach Waltershausen locken, damit er sich DRK in seine Krampfadern saugt. Angeblich spielen die stark.“

„Ach, richtig“, tippte sich Ulf an die Schläfe. „Sie treten ja heute im Spatz auf. Aber da weiß ich etwas Besseres für uns, mein lieber Köfel. Morgen spielen sie nämlich noch einmal in unserer hübschen Gegend – in der Burgmühle Haina. Warst du schon einmal dort?“

„Burgmühle Haina? Auch eine Kommune? Ich glaube, sie stand in der Puppenfabrik auf einer Rundbriefliste. Sie steckt drinnen in meiner Umhängetasche.“

„Ja“, nickte Ulf. „Eine Landkommune im Nessetal, wunderbar gelegen. Es sind keine 15 Kilometer bis dort. Als sie von dem Gig im Spatz hörten, haben sie DRK überredet, auch noch Haina mitzunehmen, weil sie morgen ein doppeltes Fest feiern, nämlich das regelmäßig stattfindende Sommerfest und die Einweihung ihres neuen Ziegenstalls. An diesem haben etliche meiner reisenden Brüder mitgewirkt – du kennst ja den Verein. Tom hat mir die Einladung geschickt, sonst wüßte ich gar nichts davon. Für mich bieten sich hier natürlich drei Fliegen auf einen Schlag: die alten Kumpels, der neue Ziegenstall, ein Rockkonzert. Was hälst du davon?“

Da sich Köfel gleichfalls auf Fliegenjagd wähnte, ging er gern auf den Vorschlag ein. Nach dem Essen telefonierte er mit Luckenwalde und half Ulf in der Küche beim Abwasch. Als sie wieder hinaus zum Klapptisch gingen, hatten sie eine Flasche Wein, zwei Gläser und Köfels Umhängetasche aus Leder dabei. Sie tranken sich zu. Dann tippte Köfel auf sein aufgeklapptes Notizbuch: „Kennst du zufällig Oschatz?“

Ulf runzelte seine Stirn. „Nun ja“, erwiderte er in gespielter Einfalt. „Es mag schon einmal vorgekommen sein, daß ich angesichts einer besonders guten Freundin 'O Schatz!' ausrief.“

Köfel ignorierte den Kalauer. „Die sächsische Kleinstadt muß einen Dom oder ein Rathaus mit spitzbedachten Doppeltürmen aufweisen – oder sie tat es jedenfalls vor Zeiten. Dies habe ich messerscharf aus einem kleinen Blechschild der VEB Oschatzer Waagenfabrik geschlossen, das ich in der erwähnten LPG Leina an der Brückenwaage entdeckte. Du wirst ja solche mechanischen Waagen für schwerbeladene Fahrzeuge schon gelegentlich gesehen haben. Die Laster oder Anhänger werden auf der schwankenden Bühne 'geparkt'; drinnen im Waage-häuschen liest der Wiegemeister das Gewicht ab. Natürlich nicht sofort. Im Fall Leina steht er in der vorgebauten Fensternische an einer sogenannten Laufgewichtswaage. Auf dem Wiegearm in seiner Brusthöhe sitzt ein schätzungsweise zwei bis vier Kilogramm schweres Laufgewicht, das er verschiebt, bis der Arm in Waage ist. Dort fand ich das runde Schild mit dem Wahrzeichen und technischen Angaben. Danach mißt die 1967 gebaute Brückenwaage mit der Nummer 5346 Lasten bis zu 15.000 Kilogramm oder 15 Tonnen. Das hat mich doch beeindruckt. Dummerweise bin ich nicht sicher, ob ich weiß, wie die schöne Erfindung funktioniert. Der Wiegearm ist auf einem offenbar hohlen Eisenfuß gelagert, der im Fußboden des Waagehäuschens verschwindet. Von drinnen aus sieht man da nichts. Aber ein Kriminal-kommissar hat natürlich seine Leute. Als mein Kollege Voßkämpen unter der Bühne oder Brücke nach Spuren schnüffelte, bat ich ihn um eine kurze Bestandsaufnahme der Technik. Er sagt, vom Mittelpunkt der abgefederten Brücke gehe ein beweglicher Stahlträger ins kaum drei Meter entfernte Waagehäuschen ab. Gleich unter der Fensternische sei er an einem nur fingerdicken Eisenstab aufgehängt, der vermutlich durch den hohlen Fuß des inneren Wiegearms an dessen Drehpunkt angreife. Sonst erblickte oder ertastete er da unten nichts.“

Köfel schwieg. Da er seinen Gastgeber fast vorwurfsvoll ansah, sagte dieser achselzuckend: „Was kann ich dafür?“

„Na hör mal!“ polterte Köfel. „15 Tonnen Last und dann noch drei Meter bis ins Häuschen! Als Zimmermann wirst du ja wohl einen Kuhfuß und damit das Hebelgesetz kennen. Schon wenn du die 15 Tonnen auf nur 10 Zentimeter am Drehpunkt der Waage angreifen ließest, wäre bei einem Gegengewicht von 1 Kilogramm auf der anderen Seite ein anderthalb Kilometer langer Hebel erforderlich. Der läßt sich in einem Waagehäuschen naturgemäß schlecht unterbringen. Er müßte durch den halben Boxberg und dann noch über die Autobahn reichen.“

Ulf lächelte, ließ die Neige Wein in seinem Glas kreisen und sah etwas ratlos hinein. „Ehrlich gesagt, war ich in Mechanik nie ein As. Von Waagen habe ich sowieso keine Ahnung. Was willst du an einem Dachstuhl wiegen – außer mit einer Wasserwaage? Früher haben wir bisweilen Flaschenzüge zum Hochhieven eingesetzt. Vielleicht beruhen Brückenwaagen auf demselben Prinzip. Indem das Zugseil auf engstem Raum über mehrere Rollen umgelenkt wird, verlängert sich sein Weg. Ist dieser beträchtlich länger als das Lastseil jenseits des Drehpunkts, kann eine Palette mit Schindeln nur durch Muskelkraft zum Dachstuhl befördert werden. Eine solche Umlenkung – vielleicht auch Über- oder Untersetzung zu nennen – vermute ich unter dem Waagehäuschen oder im Gestänge der Laufgewichtswaage. Ich meine mich zu erinneren, in manchen Fällen werde derselbe Effekt auch mit Zahnradwerken erzielt. Denke nur einmal an die frühen Wagenheber, die man kurbeln muß. Jedenfalls verfügt der durchtriebene Homo Technicus über Methoden, deinen anderthalb Kilometer langen Hebel innerhalb des Waagehäuschens irgendwie zu simulieren, wenn ich mich im Sinne dieses edlen Tropfens so ausdrücken darf.“

Damit hob er sein Glas und fügte hinzu: „Dieser Wein simuliert Glückseligkeit – auf dem engen Raum meines schäbigen Klapptisches ...“

Köfel grinste und trank ihm zu. Ulfs Vermutungen fand er einleuchtend, und sie genügten ihm auch. Trotzdem dachte er noch eine Weile nach. Schließlich stellte er fest:

„Im Grunde liegt bei Waagen nur das Prinzip der Stellvertretung vor, das die gesamte Menschenwelt durchzieht. Etwas steht für etwas anderes. Das Prinzip gilt auch im Überbau – also in ideologischen statt technischen Fragen. Nur gibt es einen sehr betrüblichen Unterschied. Bei der Maschine findet die Stellvertretung in derselben Maschine statt – beim Menschen leider nicht. Der Mensch kauft sich einen Rechtsanwalt oder besticht einen Volksvertreter. Sie agieren für ihn. In moralischen Belangen ist das Mißverhältnis noch krasser als etwa in juristischen. Für die Moral hält sich der Mensch ein paar völlig einflußlose Apostel, während er selber sich Tag für Tag wie ein Schwein – nein, wie ein Ungeheuer aufführt. Die Moralapostel und die Mitglieder von Ethik-kommissionen entlasten ihn. Ihr erhobener Zeigefinger genügt ihm als Hebel.“

Ulf lächelte und nickte nur. An dem umschriebenen Tatbestand war leider nicht zu rütteln. Er schlug nach einer Mücke. Über der Laucha und dem Langen Hain lag inzwischen Abendrot. Die Pirole pfiffen mit den Amseln und Singdrosseln um die Wette. Diese Woche erst hatte Ulf einen Landwirt beobachtet, der mit dem Frontlader seines Schleppers einen Haufen Müll, darunter Autoreifen, in die Laucha schob – in der Abenddämmerung. Ulfs zimtrote Katze hockte auf dem Brennholz, das sie am Nachmittag zerkleinert hatten, und verfolgte das Vogelkonzert besonders aufmerksam. Vielleicht war sie vor Wut schon blutrot, man sah es nicht mehr so genau.

Ulf seufzte und reckte sich. „Mein lieber Freund, vielleicht sollten wir den Abend nicht in Bedeutungsschwere versacken lassen. Ich wüßte da einen köstlichen Zeichen-trickfilm, den mir Ines kürzlich mitgebracht hat. Was hälst du davon?“

Köfel hatte nichts dagegen. Sie gingen mit ihren Gläsern ins Haus.


8

Sie schliefen lang, machten Frühstück bis 14 Uhr und zockelten in Ulfs kleinem Kastenwagen am Nachmittag über Land nach Friedrichswerth, einem Nachbarort von Haina. Ulf hatte das dortige Schloß erwähnt, das Köfel noch nicht kannte. Irgendein Gothaer Herzog hatte es dereinst als seinen Sommersitz errichten lassen – vermutlich ein Friedrich. Obwohl erneut die Sonne schien, wirkte der hufeisenförmige, wuchtige Kasten unweit der Nesse vernachlässigt und trostlos. AnwohnerInnen meinten, er stünde leer. Auch der zugehörige Gutshof, weitläufig und verwaist, strömte weder Tauschwerth noch Herzenswärme aus. Dagegen gefiel ihnen das Dorf, obwohl oder weil es etwas ärmlich wirkte. Mangels zugkräftiger „Investoren“ fürs herzogliche Erbe war es noch nicht „auf Vordermann gebracht“ worden. Es ließ den Einheitsglanz vermissen, den man beispielsweise an den postmodernen Einkaufsbahnhöfen von Paris über Erfurt bis Tokio findet. Köfel frohlockte gar, als sie am nördlichen Dorfrand tatsächlich eine „Bahnhofsstraße“ erblickten. Vor dem Bahnhof selber eingetroffen, machte er natürlich ein langes Gesicht: heruntergekommen und verrammelt. Die Nebenstrecke von Bufleben zum Flugplatz Kindel bei Haina war längst ein Opfer des Mobilitäts-Mobs geworden.

Sie blieben im Flußtal der Nesse. Die Burgmühle Haina lag abseits des Dorfes. Sie folgten einem holprigen Fahrweg. An den Hängen wechselten Waldstücke und Wiesen einander ab. Wo schon gemäht war, spähten Falken oder Milane nach Mäusen. Wegen des Festes herrschte auf der Zufahrt ein gewisses Kommen und Gehen. Der neue spitzbedachte Ziegenstall tauchte auf. Die Wiese davor war mit parkenden Autos übersät. Auf der anderen Seite standen bis zum Bachufer Zelte oder Wohnbusse. Sie parkten ebenfalls. Ulf wollte den Ziegenstall – ein scheunengroßer Bau aus geschälten Rundhölzern – später besichtigen. Vorm Garten der Kommune knickte der Fahrweg ab. Überall schlenderten oder saßen Leute, zum Teil mit Tellern und Tassen. In einem betonierten Schwimmbecken an der Nesse tollten eine Menge Kinder. Ulf sah sich nach seinen Kameraden um. Offenbar saßen sie jenseits der Nesse, wo die Mühle lag, bei Kaffee und Kuchen. Man sah ihre breitkrempigen schwarzen Hüte durch die Zweige der Uferbäume wie Unterseeboote im Aquarium schweben. Sie gingen über die kleine mühleneigene Brücke dort hin. Wie sich versteht, gab es zwischen Ulf und den Zimmerleuten ein großes Hallo. Da Köfel keinen Hunger hatte, setzte er sich ab, um das Gelände auf eigene Faust weiter zu erkunden.

Obwohl ein lahmender, struppiger Köter seine Gefährlich-keit durch Knurren offensichtlich nur vortäuschte, verzichtete Köfel darauf, das Haupthaus der Mühle zu betreten. Durch die geöffneten Küchenfenster sah er große Geschäftigkeit. Ständig liefen Kommunarden mit Thermoskannen oder Geschirr-Tabletts über den buckligen Hof. Da dieser außerdem anstieg, wäre der Einsatz von Teewagen vermutlich schwachsinnig gewesen. Der Hof wurde von einem kleinen Gebäude bekrönt, an dem Käserei stand. In einem engen Vorraum mit Kühltheke konnte der Ziegenkäse besichtigt, gekostet, gekauft werden. Die weißen Kacheln des anschließenden Raumes, der durch eine Glastür zu sehen war, erinnerten Köfel an die ehemalige Melkküche der LPG in Leina. Obwohl er aus streng dienstlichen Gründen selbstver-ständlich alle auf dem Gelände anwesenden Frauen um 30 unauffällig musterte, hatte er noch keine Messerwerferin mit Fesselblick entdeckt.

Neben der Käserei lag ein überdachter, gemauerter Backofen, der offenbar mit Buchenknüppeln befeuert wurde. Quer zum Hof die Scheune mit dem alten Ziegenstall, aus dem jetzt Grunzen drang. Es waren einige Hängebauchschweine. Sie hatten Auslauf zur Obstwiese hin. Köfel schlug jedoch den Weg hinterm Haupthaus ein, weil er wieder zur Nesse zu führen schien. An der Rückfront war kein Mühlrad mehr zu sehen. In dem abgezweigten Mühlgraben standen nur ein paar Pfützen von Regenwasser. Zwischen Weg und Graben begann jetzt eine Zeile aus Brennholzbündeln, die immerhin den Durchmesser eines Traktorenhinterrades besaßen. Die Scheite waren auf Meter geschnitten. Entweder beschickte die Landkommune einen Zentralheizungskessel mit solchem Stückholz – oder sie verkaufte es. Jedenfalls hatte ihm Ulf erzählt, neben einigen Wiesen und Äckern gehöre der Kommune bald der halbe Burgwald.

Plötzlich nahm Köfel über den Bündeln eine Bewegung wahr; zugleich quietschte ein Fenster. Zwischen den Bäumen und Gebüschen jenseits des Mühlgrabens stand ein alter großer Bauwagen. Von drinnen hatte jemand ein Fenster aufgemacht und hielt offenbar inne, weil er ebenfalls eine Bewegung ausgemacht hatte, nämlich von Köfels Kopf, der über die gewölbten Brennholzbündel hoppelte. Heißa! schoß es durch diesen Kopf. Da ist sie ja!

Köfel sagte geistesgegenwärtig hinüber: „Hallo! Entschuldigen Sie – komme ich auf diesem Weg vielleicht in vertretbarer Entfernung zu einer Brücke, damit ich auf der anderen Seite wieder zurückgehen kann?“

Sie nickte. „Ja – es sind keine 500 Meter.“

Wie Köfel sah, trug sie nach wie vor den kurzen Haarschnitt, ansonsten ein helles gestreiftes Hemd. Er dankte mit einer grüßenden Geste und ging weiter.

Ulf hatte nicht übertrieben. Zumindest bei Haina mutete das Nessetal mit dem gewundenen, baumbestandenen Bachlauf und seinen von Blumen leuchtenden Wiesen verwunschen wie das verschollene Paradies an. Allerdings weideten Köfels Augen nur mit halber Aufmerksamkeit, weil er kriminaltaktische Entschlüsse zu fassen hatte. Als er die Brücke erreichte, ließ er sich auf deren Sandstein-mauer nieder. Über ihm schnurrte eine Turteltaube. Da er nicht wußte, wie sie zur Einsatzzentrale zu beordern wäre, zog er sein Handy hervor. Im Fall LPG Leina könne die Fahndung nach der flüchtigen Zeugin Jule Klaas abgeblasen werden, weil er sie gefunden habe, meldete Köfel. Bald darauf erhob er sich seufzend und ging wie geplant auf der Südseite der Nesse wieder zurück.

Auf der Wiese mit den Zelten war inzwischen auch der Bus der Rockgruppe DRK eingetroffen. Die schwitzenden KünstlerInnen turnten auf einem meterhohen behelfs-mäßigen Podest herum, wo bereits die Verstärkertürme emporwuchsen. Köfel ging zur Mühle. Er schmunzelte, denn Ulf und zwei seiner Brüder hatten sich ihrer Kluft entledigt, um einem Schwarm Kinder in dem etwa 4 mal 5 Meter großen Schwimmbecken eine Wasserballschlacht zu liefern. Köfel grüßte vom Weg her und nahm die Brücke.

Der Bauwagen stand recht versteckt vor einer Biegung der Nesse. Hohe Eschen beschatteten den Platz. Es gab hier auch noch ein Bienenhaus und eine Feuerstelle mit einem Ring aus dicken Stammstücken zum Sitzen. Die Tür in der Bauwagenmitte zeigte zum Bach. Köfel hörte Sprechen, denn die Tür stand offen. Zwei Stufen führten hinauf. Köfel betrat die untere und sagte: „Hallo! Ist jemand da?“

Jule tauchte an der Tür auf. Sie wirkte ernst. Aber dann meinte sie doch ein wenig spöttisch: „Ach, Sie sind's..!“ Sie sah prüfend zu ihm herab. Genau das ist der Blick, dachte Köfel. Als stünde man vor einer Haftrichterin, die noch an Wunder glaubt.

„Entschuldigen Sie bitte, Ihre romantische Villa zog mich an. Ich habe so etwas noch nie von innen gesehen. Ich fürchte jedoch, ich störe gerade ..?“

Jule blickte ins Wagenheck. „Was meinst du, Emil – können wir unsere Sitzung kurz unterbrechen?“

Vermutlich nickte Emil. Sie bat Köfel herein.


9

In einem flachgeneigten Rohrstuhl lehnte Emil. Der große, kahlköpfige Mann um 40 hatte trotz einer gewissen Derbheit beinahe edle Gesichtszüge. Auf einem niedrigen Tischchen brannte ein Teelicht unter einer Tonkanne. Köfel stellte sich vor, was Emil mit fester, klangvoller Stimme erwiderte. Jule sagte Jule. Köfel sah sich im Wagen um, gab schmeichelhafte Kommentare. Gegen Melchers Stichtaöhrer Bauwagen-Höhle herrschte hier allerdings Zuchthausordnung. Köfel überlegte blitzschnell, wie der liebe Emil zu entfernen sei, damit er seine Zeugin nicht vor ihm bloßstellen müsse. Prompt bot ihm Emil eine Tasse Grünen Tee an. Köfel konnte sie schlecht ablehnen, zumal er allmählich durstig war. Jule zog Köfel einen Stuhl herbei und setzte sich selber aufs Bett, das im Wagenheck eingebaut war. Sowohl sie wie Emil trugen kurze Hosen an tadellos gewachsenen Beinen. Ein Traumpaar, dachte Köfel und trank den beiden zu.

Neben dem Stövchen lagen einige Bücher auf dem Tisch. Ein dicker abgewetzter Band in rotem Leinen führte jäh dazu, daß sich Köfel innerlich einen Esel schimpfte. Es war eine offenbar bejahrte Ausgabe des Strafgesetzbuches. Und es wäre ja nicht verblüffend, wenn sich Jule in ihrer Notlage mit Freunden oder gar ihrem Geliebten beriet!

Köfel riskierte einen Schuß ins Blaue. Er tippte mit seinem gekrümmten Zeigefinger auf das rot eingebundene Buch und erkundigte sich bei Jule: „Sie studieren Jura?“

„Nein. Emil hat mal ein paar Semester studiert.“

Emil winkte verlegen ab. „Das ist schon lange her.“

Köfel tröstete ihn. „Ich fürchte, meine juristischen Kenntnisse sind noch blasser. Wenn es hoch kommt, kann ich einen Mord ausschließen, da weder Heimtücke noch niedrige Beweggründe im Spiel sind. Aber selbst ein durchaus vorsätzlicher Totschlag wird nicht geahndet, falls er aus einer Notwehrsituation heraus erfolgt, die Leib und Leben bedroht.“

Köfel nickte und schwieg. Ein gewisser alarmierender Blickwechsel zwischen den beiden war ihm nicht entgangen. Emil wirkte jetzt betreten. Jules regloses Gesicht hatte Farbe verloren. Ihr bohrender Blick erinnerte in der Tat an eine Notwehrsituation. Da sie nichts sagte, hakte Köfel nach:

„Könnte es sein, Ihre gemeinsame 'Sitzung' drehte sich um die Frage, wie ein nächtlicher Überfall auf ein abge-schieden gelegenes Waagehäuschen zu verkraften sei?“

Während sie ihren abwehrbereiten Blick beibehielt, sagte Jule leise: „Woher wissen Sie das?“

Köfel zog seinen Ausweis und reichte ihn ihr. „Ich leite die Ermittlungen.“

Jule sah nur flüchtig hin und gab den Ausweis wortlos an Emil weiter. Der schien sich schon wieder gefangen zu haben. Er hob die Brauen und sagte beim Zurückgeben mit anerkennendem Lächeln:

„Kriminalkommissar Köfel? Sie sind doch kaum älter als ich!“

Köfel kicherte. „Glauben Sie etwa auch, ein Kriminal-kommissar habe stets ein beleibter Opa wie Dürrenmatts Bärlach zu sein? Von dem Naturell autoritärer Säcke wie Maigret ganz zu schweigen.“

Da sich Emil und Jule einen belustigten Blick zuwarfen, nahm Köfel an, das Eis sei gebrochen. Während er bereits nach seiner Umhängetasche an der Stuhllehne fingerte, in der sein Notizbuch stak, fuhr er deshalb fort:

„Passen Sie auf. Ich schlage vor, wir erzählen uns jetzt gegenseitig in groben Zügen, was wir wissen. Jule fängt an. Da ich das Gespräch nicht als Vernehmung auffasse, darf Emil bleiben. Dies nimmt der Angelegenheit die Schärfe. Mit Fallenstellerei ist hier ohnehin nichts auszurichten. Nachdem ich dann von unsren Ermittlungsergebnissen berichtet habe, können wir beraten, was am besten zu tun sei.“

Es sprach für Emil, daß er mit verstülpten Lippen zur Wagendecke blickte. Er wollte Jule nicht beeinflussen. Aber sie nickte bereits: „Also gut. Wo soll ich denn anfangen?“

„Bitte keinen Lebenslauf. Ich habe mir in der Puppen-fabrikkommune bereits ein Bild von Ihnen gemacht. Schildern Sie nur, wann und warum dieser Kerl mit den Springerstiefeln und wer vielleicht sonst noch vor Ihrem Häuschen auftauchte – bis hin zu Ihrer Flucht.“


10

Jule hatte bereits im Bett gelegen und gelesen. Das Wiegefenster war verhangen. Auf das Geräusch des Autos – das vermutlich bei den entfernten Nachbarhäusern an der Furt parkte – gab sie nichts. Als sie leise Schritte hörte, war es schon zu spät. Das Fenster klirrte, der Fuß des Wiegearms dröhnte, draußen polterte eine Männerstimme: „Bleib doch hier, du Lämmerschwanz!“ Natürlich war der Schreck in Jule gefahren. Jetzt sprang sie allerdings zur Tür, um hinauszuspähen. Ein Kerl rannte im Mondlicht durch die Hofeinfahrt Richtung Furt. Schon tauchte von der Waagebühne her sein Kumpel auf: als übergroßer Schatten, der einen Knüppel schwang. „Da ist es ja, das Judenflittchen! Wen haben wir denn heut im Bett?“ Sie zog in panischer Angst die Tür zu und drehte den Bartschlüssel zweimal um. Aber es war ein altmodisches Schloß und ein verwittertes Türfutter. Kaum hatte der massige Kerl an der Klinke gerüttelt, flog die Schloßfalle aus dem Futter, und die Tür knallte gegen die Außenwand. Er grunzte selbstgefällig.

Beim Zuschließen hatte Jule geistesgegenwärtig die Deckenlampe eingeschaltet. Sie hockte hinter dem Kopfende ihres Bettes in der entfernten Ecke und sah sich fieberhaft nach Waffen um. Für sie war sonnenklar, der Kerl würde sie zuerst vergewaltigen – schlimmer als jedes Sterben. Sie sah ihr Handy auf dem Tisch am Fenster, doch dafür war es längst zu spät. Zum Werfen taugte es wenig. Da fiel ihr der flache Kasten mit ihren Wurfmessern ein. Sie zog ihn hinter dem Regalvorhang hervor und kippte ihn in dem Moment auf ihrem Bett aus, als die Tür aufflog. Sie warf.

Als der Rohling zur Strecke gebracht war und rücklings auf der Türschwelle lag, fiel es ihr unendlich schwer, zur Tür zu gehen und ihrem Opfer auch noch ins Gesicht zu sehen. Ihre Knie zitterten wie Espenlaub, ihr Gehirn schien so leer zu sein wie der Messerkasten. Doch sie erkannte ihn. Bei einer Rüpelei unweit des besetzten Hauses auf dem ehemaligen Firmengelände von Topf & Söhne in Erfurt hatte sie einen kleinen Zusammenstoß mit ihm, den er mit wüsten Drohungen beendete. Dann hatte er vielleicht spitz bekommen, daß sie an der Wanderausstellung beteiligt war, die gegenwärtig im Waltershäuser Spatz hing. Jedenfalls war er unverhofft aufgetaucht. Jule hatte niemals mit Belästigungen oder gar Überfällen gerechnet. Als Jochum, der Betriebsleiter, ihr einmal scherzhaft vorschlug, sich jeden Abend einen Bullen aus der Halle zu holen, um ihn am Waagehäuschen als Wachhund anzubinden, hatte sie mitgelacht, obwohl sie den Scherz etwas anzüglich fand. Jetzt lag der fremde Bulle tot auf ihrer Schwelle.

An diesem Punkt ihrer Erzählung stockte Jule. Der Schrecken holte sie ein; sie rang sichtlich um Fassung. Während sich ihr Blick im dämmrigen Wagen verlor, traten Tränen in ihre Augen. Es sei doch furchtbar, einen Menschen zu töten, wen auch immer, es tue ihr unsäglich leid. Sie weinte. Emil setzte sich neben sie, nahm sie in den Arm, strich ihr besänftigend über den Kopf und den bebenden Rücken. Das tat ihr gut. Köfel war seltsam gerührt. Er hatte den Gedanken, in solchen Fällen sei wahrscheinlich stets unentscheidbar, ob beim „Täter“ das Mitleid mit dem Opfer oder das Selbstmitleid überwöge. Jenes hatte wahrscheinlich ohne dieses überhaupt keinen Wert. Dem Los der Verletzlichkeit unterliegen alle Menschen. Dem gilt die Trauer.

Jule fischte ein Handtuch herbei und trocknete ihr Gesicht. Emil ging auf seinen Platz zurück. Jule hatte nicht mehr viel zu erzählen. Sie habe dann nur noch den Zwang verspürt, den Ort des Grauens so schnell wie möglich zu verlassen – zu einem friedlicheren Ort, wo sie in Ruhe über alles nachdenken konnte. Zum Glück fiel ihr die Burgmühle ein, die in zwei Fahrradstunden zu erreichen war. Mit einigen Frauen der Landkommune hatte sie sich immer gut verstanden. So warf sie das Nötigste in ihren Rucksack, stieg über die Leiche, löschte von draußen das Deckenlicht. „Wie besessen“ sei sie durch die Nacht geradelt. Tatsächlich habe sie bei Almut unter dem Mühlendach mitten in der Nacht Trost gefunden. Almut quartierte sie später in Bennys Bauwagen ein, denn der Kommunarde hielt sich gerade in Bolivien auf. Dann benachrichtigte Jule Emil in Tonndorf, der gegen Mittag hier eintraf.

Sie warf ihrem Berater einen dankbaren Blick zu und erklärte Köfel, Emil sei an einem in Tonndorf stationierten Wanderzirkus beteiligt. Köfel nickte; er hatte es sich gedacht. Er nahm einen Schluck Tee. Von der Festwiese her ließen sich inzwischen Hörproben der für den Abend vorgesehenen Rockmusik vernehmen. Es klang verlok-kend. Köfel legte den Kopf zu einer kurzen Sammlung zurück und übernahm dann das Wort.

„Ich sehe zwischen Ihrer Darstellung, Jule, und unseren bisherigen Ermittlungen keine Widersprüche. Der Tote gehörte der Erfurter Neonazi-Szene an. Polizeibeamte und seine Eltern haben ihn identifiziert. Auf dem Schlagstock, den wir an der Türschwelle fanden, konnten wir seine Fingerspuren feststellen. Von Ihrem Engagement in Sachen Topf & Söhne erfuhr ich in der Puppenfabrik. Den getürmten Kumpel des Toten dürften wir im Laufe der kommenden Woche schnappen. Wenn nicht, macht es auch nichts. Daß sich aufgrund der Medienberichte oder auch zufällig noch ein Zeuge der unmittelbaren Tat findet, ist eher unwahrscheinlich – aber auch das ist nicht schlimm. Ich möchte den Richter sehen, der Ihnen – und Ihrem Rechtsanwalt – die Notwehrsituation nicht abnimmt.“

„Dann kommt es also zum Prozeß?“ fragte Jule gequält, obwohl sie Köfels Ausführungen mit zunehmender Erleichterung verfolgt hatte.

Köfel hob bedauernd die Arme. „Das ist unumgänglich, Frau Klaas. Der Staatsanwalt muß ein Verfahren einleiten. Aber warum auch nicht? Sehen Sie doch einfach eine Chance darin! Die Zofe aus der Puppenfabrik versicherte mir, Sie zeigten auf der Bühne eine ganz erstaunliche schlichte Souveränität. Dann nutzen sie das doch! Bringen Sie Topf & Söhne auf den Tisch, die Neonazis und ihre VerharmloserInnen, die Gewalt gegen Frauen und weiß der Teufel was!“

„Die Zofe aus der Puppenfabrik ..?“ fragte Jule stirnrunzelnd.

Köfel wedelte unwirsch mit der Hand. „Na, so eine kleine gestrenge Blonde mit Zöpfen.“

„Ach so“, lachte Jule. „Sie meinen Maxi! Ja, die habe ich gern. Sie ist immer geradeaus, sie verstellt sich nie.“

Emil nickte beipflichtend. Demnach schien er Maxi ebenfalls zu kennen – und zu schätzen. Aber dieser Mann war ja ohnehin ein Gedicht für jede Frau. Er ähnelte der Zofe sogar, dachte Köfel. Sehr fest tritt er auf, aber ganz gelöst. Deshalb wirkt er nicht ein Gramm einschüchternd.

Jule kehrte zum Thema zurück. Nach einem Blickwechsel mit Emil – der ihr ermunternd zuzwinkerte – sagte sie mit einem kleinen Lächeln: „Dann werde ich mich wohl stellen müssen, Herr Kommissar. Haben Sie Handschellen dabei?“

„Da ich ohne Wachpersonal gekommen bin, müßte ich Sie an mich fesseln, das ist mir zu gefährlich, Frau Klaas“, erwiderte Köfel schlagfertig und lauernd.

Sie wurde ein wenig rot.

Köfel verbot sich jede Gesichtsregung, kratzte sich allerdings hinterm Ohr. „Zur Sache! Festnahmen liegen in meinem Ermessen, Jule, dafür habe ich den Kopf hinzuhalten, falls ich eine Festnahme für überflüssig oder unangemessen erachte, die Verdächtige oder Zeugin aber leider das Weite sucht, um sich auf dem Balkan einem Wanderzirkus anzuschließen. Obwohl – so lustig ist es auf dem Balkan nun auch wieder nicht, seit die westlichen MoralhüterInnen ihr Herz für die albanische Mafia entdeckt haben ... Ich schlage vor, ich stelle Sie am Montagvormittag meinem Chef vor. Das genügt. Bis dahin könnte ich mich eventuell an einem schriftlichen Bericht für ihn versuchen. Aber heute nicht. Heute bin ich völlig zerschlagen, obwohl ich noch keinen Schritt getanzt habe. Mein Chef ist übrigens Kriminaloberrat und noch keine 50, Emil. Was sagen Sie nun?“

Emil lächelte und erhob sich. Er trat zu Jule ans Bett und sagte: „Ich glaube, ich kann mich jetzt ohne schlechtes Gewissen verabschieden, Jule. Du weißt, daß ich eigentlich nicht abkömmlich war. Jan und Nele brauchen mich. Ich denke, diese Aussprache zu dritt war sehr günstig. Du wirst das Kind schon schaukeln.“

Sie schwieg, sah ihn auf ihre prüfende Weise an, nickte. Dann stand sie vom Bett auf und sagte: »Ich bin dir sehr dankbar, Emil.“

Nach einer zärtlichen Umarmung wandte sich Emil zu Köfel und reichte ihm die Hand. Köfel erhob sich und nahm sie. Es war ein fester, wortloser Händedruck gegenseitiger Anerkennung. Emil verschwand in der Tür.




V

Letzter Ritt einer VIP



Luckenwalde schüttelte mißbilligend sein schulterlanges, blondes Haar. „Nie und nimmer! Dingo macht das Rennen. Wollen wir wetten?“

„Sehr witzig“, erwiderte Köfel und verstaute seinen Wettschein sorgfältig in seiner Umhängetasche.

Luckenwalde strich genüßlich seinen gleichfalls blonden Schnauzbart. Sie verließen die Wettschalter am Totalisator und umrundeten den Abreiteplatz, der im Rücken des Tribünengebäudes lag. Über dem weitläufigen Oval der Rennbahn erhob sich ein strahlend blauer Himmel. Da Luckenwalde noch nach Widerworten zu dürsten schien, sagte Köfel:

„Du hast mir doch selber erzählt, Dingo stamme aus Märklins Stall. Ich kann unmöglich auf ein Pferd setzen, das für diesen Kriegstreiber läuft! Siehst du das ein?“

Luckenwalde verdrehte die Augen. „Du mit deiner Polit-Brille! Das ist der einzige Makel an dir. Unser Beruf ist es, Verbrecher zu bekämpfen, mein lieber Armin, nicht Politiker.“

Im Gegensatz zu dem schlacksigen Luckenwalde hatte Köfel seine drei Euro auf Veronika gesetzt. Er hatte einmal eine Geliebte gleichen Namens gehabt, an die er ohne Groll zurückdenken konnte. Von Galopprennen hatten beide Kriminalkommissare verhältnismäßig wenig Ahnung. Aber sie waren auch nur privat hier.

Köfel sah seinen Begleiter strafend an. „Mein Gott – Politiker oder Politikerinnen sind doch VerbrecherInnen!“

Luckenwalde machte „tse-tse“ und winkte ab. Da er zur Faulheit neigte, hätte er ungern widersprochen. Köfel war ohnehin unbelehrbar. Nur im Snookersalon ließ er sich gern von Luckenwalde zeigen, wie ein Kopfstoß ohne Durchbohrung der Tischplatte bewerkstelligt werden kann.

Das im viktorianischen Stil errichtete Tribünengebäude glänzte mit buntlackierten Schnitzereien an den Brüstungen und Pfosten. Es war gut besetzt. Das Gelände wimmelte von Leuten, weil das Herbstwetter mitspielte. Es war der letzte Renntag der Saison. Jenseits der Land-straße, an der die Rennbahn auf dem Boxberg lag, standen hohe Eichen und Buchen, die sich bereits verfärbten. Diesseits zogen sich Stallungen hin. Von den sieben Rennen des Tages waren drei gelaufen. Es ging gegen 16 Uhr. Sie hielten auf den VIP-Turm des Tribünengebäudes zu, denn Luckenwalde hatte seinen Begleiter überredet, wenigstens bei einem Rennen einmal von ihren Privilegien Gebrauch zu machen. Sie besaßen die erforderlichen Brust-Anhänger für den Turm.

Köfel hatte die Rennbahn bis dahin nur bei Wanderungen gestreift. Von sich aus wäre er niemals auf die Idee gekommen, ein Pferderennen zu verfolgen. Er hielt es mit Stefan Zweigs persischem Schah, der auch so wisse, daß ein Pferd schneller als das andere laufe. Welches, sei ihm egal. Der Hinweis Luckenwaldes, Köfels neue Flamme treffe doch ohnehin erst am Abend ein, stimmte ihn um. So nahmen sie die rappelvolle Waldbahn, die auf ihrem Weg von Gotha nach Tabarz den Boxberg streifte. Luckenwalde unterhielt Köfel mit Informationen aus der Lokalzeitung (die Köfel nie las) und der Lokalgeschichte. Schirmherr des Rennens sei Ex-Minister Friedhelm Märklin. Er bringe seine Gräfin mit, die Geld wie Heu habe und diversen Pferdesportverbänden präsidiere. Die Wettkampfstätte auf dem Boxberg zähle mit dem äußeren Oval über 2.900 Meter zu den längsten der 47 deutschen Galopprennbahnen. Herzog Ernst II. aus dem Gothaer Schloß Friedenstein, der sie 1878 gründete, sei wie Märklin Pferdenarr gewesen. 2000 ging sie verspätet den Weg allen DDR-Volkseigentums: Privatisierung.

Folgendes hatte Luckenwalde nicht erzählt, da er's nicht wußte. Im August 1912 sah die Pferderennbahn eine Tauglichkeitsprüfung für Kampfflugzeuge. Das hatte nahegelegen, weil die Gothaer Waggonfabrik neuerdings solche Flugzeuge baute. Die Gothas waren beispielsweise 1916 an der Bombardierung Londons beteiligt. 1918 hatte die Waggonfabrik schon 1.250 Beschäftigte. Auch im „Dritten Reich“ zählte sie zu den bedeutenden Rüstungs-betrieben. Insofern war Friedhelm Märklin als Schirmherr dieses letzten Rennens der Saison gar nicht so fehl am Platze, hatte er doch unter Kanzler Gerhard Schröder das sogenannte Verteidigungsministerium unter sich gehabt.

Der VIP-Turm, im Grundriß doppelt so groß wie Köfels Erkerzimmer in der Gothaer Ernststraße, erhob sich an der Nordseite der Tribüne. Im vierten und letzten Geschoß waren sämtliche Fensterflügel ausgehängt worden; dort würden die VIPs in 10 Minuten ihre Operngläser oder Feldstecher zücken. Die junge „Amazone“ am vorkragen-den Treppenaufgang ließ nach Luckenwalde auch Köfel einspruchslos passieren, obwohl er nicht gerade sehr salonfähig wirkte. Allerdings lächelte sie etwas krampfhaft – so wie Köfel sahen die Pferdepfleger in den Ställen aus.

Im VIP-Raum stolzierten knapp 20 Leute umher. Luckenwalde begrüßte einen Fabrikanten, bei dem er letztes Jahr Diebstähle zu untersuchen hatte. Bis in die „Steuerparadiese“ war er natürlich nicht vorgedrungen. Sie bedienten sich am Büfett mit Getränken und lehnten sich in eine Fensterecke. Während sie Campari mit Bananensaft schlürften, füllte sich der Raum allmählich. Luckenwalde zückte sein Fernglas. Er war außer Snookerspieler Angler. „Sie versetzen gerade die Startmaschine“, teilte er Köfel mit. „Das höre ich“, erwiderte dieser. Wechselte die Distanz, wurde der Start verlegt – das Ziel verblieb stets in Höhe der Tribüne. Die bahnbreite Startmaschine mit den vielen Schwingtüren wurde von einem Traktor gezogen und dann aus der inneren Hecke rückwärts quer in die Bahn geschoben. Sofort nach dem Start zog sie der Schlepper dann wieder ein. „Da ist er ja!“ raunte Luckenwalde wenig später. – „Wer?“ – „Na, Märklin. Er unterhält sich gerade mit Herrn Brychcy, seines Zeichens Bürgermeister von Waltershausen.“ – „Zeig her!“

Luckenwalde hatte recht. Die beiden Politiker standen zwischen Tribüne und Rennbahn auf dem Rasen und plauderten angeregt. Der körperlich kleine Michael Brychcy, um 50, war gleichwohl kaum zu übersehen, weil er stets wie aus dem Ei gepellt wirkte und über alle vier Backen strahlte. Seine Dynamik unterstrich er gern durch Händereiben. Er hätte auch Coach eines Rennstalls sein können. Märklin überragte ihn um Kopfeslänge. Zwar war der 60jährige Ex-Kriegsminister edel gekleidet wie immer, doch an seinem dümmlich wirkenden glatten Gesicht war nichts zu retten.

Köfel gab Luckenwalde das Fernglas zurück und kämpfte gegen das Sinken seiner guten Laune an. Wäre er im Dienst, müßte er Märklin sofort verhaften. Jemand anders tat es ja nicht. Zwar hatte es in den ersten Jahren nach dem Überfall der NATO auf Jugoslawien 1999 einige Anzeigen aus linker Ecke gegeben, doch die Staatsanwalt-schaft hatte sie mit den üblichen Begründungen abgeschmettert. Assistiert von Außenminister Fischer, hatte Märklin damals Tag für Tag Greuelopern für die Medien inszeniert, um vom Bruch sowohl des Grundgesetzes wie des Völkerrechtes abzulenken. In seinen Opern grillten die Serben Föten, schmiedeten Hufeisenpläne, bauten KZs und so weiter. Dies alles konnte später widerlegt werden, doch da interessierte es die Medien nicht mehr. Bestenfalls bestand Hoffnung auf Verläufe a lá Argentinien oder Uruguay. Das hieße, Märklin würde vielleicht mit 80 oder 90, wenn er bereits an Altersdemenz litt, zu einer Vernehmung vor irgendeiner sogenannten Wahrheitskommission gebeten.

Köfel kippte sich grimmig den Rest seines Longdrinks in den Rachen. Dann sah er mit bloßen Augen, daß Märklin dem entzückten Waltershäuser Bürgermeister seine inzwischen eingetroffene zweite Gattin vorstellte. Es war die von Luckenwalde erwähnte Gräfin mit dem vielen Heu. Märklin selber konnte allerdings auch in finanzieller Hinsicht nicht als Kriegsverlierer bemitleidet werden. Nach Schröders Abwahl machte sich Märklin wie jeder andere Ex-Minister oder Ex-Staatssekretär den berüch-tigten „Drehtüreffekt“ zunutze, um diverse Aufsichtsrats-posten, Gastprofessuren, Gutachtertätigkeiten zu ergattern. Schließlich war einem ehemaligen Landesvor-sitzenden der sogenannten Jungsozialisten nicht zuzumu-ten, mit erbärmlicher Minister- und Abgeordnetenpension in Altersarmut zu stranden.

„Verdammt“, murmelte Luckenwalde und pfiff durch die Zähne, ohne sein Fernglas abzusetzen. „Wenn ich diesen Bengel nicht aus der Gondel kenne! Ja, das ist er ...“

Köfel ließ ihn gewähren. Er wußte, Luckenwalde hatte nicht etwa einen polizeibekannten Ganoven, vielmehr einen hübschen jungen Mann erspäht.


2

Um ein Haar wären Reutenborn ein paar Würste verkohlt, da er Märklin ebenfalls bemerkt hatte und nur schwer seinen Blick von ihm wenden konnte. Er haßte diesen Mann. Am liebsten hätte er seinen Grill mit der glühenden und qualmenden Holzkohle gestemmt und über dem gemeingefährlichen Schöndünster ausgekippt. Das war noch nicht einmal unrealistisch gedacht, denn im Gegensatz zu Märklins Gesprächspartner maß der hagere Reutenborn über 1,90. Die rote Schürze, die ihm sein „Arbeitgeber“ Wöhler vorgeschrieben hatte, war wahrscheinlich der Hohn auf alle geplatzten Blütenträume Reutenborns. Der um einen Grill für Echte Thüringer Rostbratwürste erweiterte Ausschankwagen Wöhlers stand recht günstig im Winkel zu VIP- und Richterturm; Wöhler konnte sich nicht über mangelhaften Andrang beklagen. Er zapfte fast ohne Unterbrechungen. Wie sich versteht, entlohnte er seinen vor drei Monaten einge-stellten Bräter Reutenborn nicht eben fürstlich. Mit diesem Knurren hatte er ja dankbar zu sein, wenn ihn Wöhler überhaupt der Kundschaft zuzumuten wagte. Und 61 war der Lulatsch schon! Wöhler ging erst auf die 40 zu. Nahe vor sich sah er die eigene Gaststätte, mindestens im neuen Erfurter Hauptbahnhof gelegen, besser noch am Domplatz. Wöhler schwebte nämlich ein gediegenes Lokal vor.

Reutenborns Gedanken an die Geldquellen, die sich der Ex-Minister inzwischen erschlossen hatte, trugen nicht zur Verbesserung seiner Laune bei. Aber Märklin war hier nur das Tüpfelchen auf dem i. Reutenborns Gemütsverfassung war bereits miserabel gewesen, bevor ihn dieses verfluchte „Knurren“ befallen hatte. Es erinnerte teils an Asthma, teils an einen Schluckauf. Im übelsten Fall mußte Reutenborn alle 20 oder 30 Sekunden tief knurrend aufstöhnen. Schmerzen hatte er nicht. Warum er sich diese peinliche Störung vor rund einem Jahr bei einem harmlosen Stolpern über einen Bordstein zugezogen hatte, wußte niemand. Krankhafte innere Veränderungen hatten die Ärzte nicht gefunden. Allerlei Medikamente und Atemübungen schlugen nicht an. Eine Gesprächstherapie hatte Reutenborn als „fruchtloses Unterfangen“ abgebrochen.

Inzwischen verfolgte er, wie sich Märklin von dem Bürgermeister und der eigenen Gattin löste, um auf den VIP-Turm zuzustreben. Irgendwelche zusammengerollten Unterlagen, die Märklin dabei mit der Rechten federnd auf seinen linken Handteller schlug, erinnerten fast an das Megaphon der Lüneburger Jungsozialisten, das Märklin vor rund 40 Jahren benutzt hatte, um den Demonstranten gegen die Notstandsgesetze „demokratische Spielregeln“ einzutrichtern – im Falle Reutenborns und ein paar anderer allerdings vergeblich. Reutenborn hatte bald darauf seinen Job als Chemielaborant geschmissen, weil ihn Maos deutsche Abteilung der Roten Garde rief. Zuletzt hatte er in einigen mehr oder weniger anarchistischen Kommunen gelebt – aber auch darin war er letztlich gescheitert. Was den Lüneburger Mitbürger Märklin anging, so tauchte er 30 Jahre später als SPD-Chef und „Verteidigungsminister“ wieder in Reutenborns Gesichtskreis auf. Selbstverständlich trug Märklin auch Mitverantwortung an der Ausplünderung der Erwerbs-losen und der Wiedereinführung von Zwangsarbeit, die Kanzler Schröder betrieben hatte. Wenn Reutenborn persönlich dem „System Hartz-IV“ bislang entgangen war, dann eben, weil er seit seinem Ausstieg aus der Kommune auf Schloß Tonndorf das erhebende Amt eines Bratwurstverkäufers versah.


3

Köfel hatte nicht mehr auf Märklin geachtet, weil ihn der Tumult vor der Startmaschine gefesselt hatte. Etliche Gäule wollten um keinen Preis in ihre Boxen; sie tänzelten, brachen aus oder stiegen auf, drehten sich und den wütenden Jockey im Kreis – Köfel feuerte sie insgeheim an, denn eigentlich hätte er als Kriminalbeamter bereits ähnliche Konsequenzen ziehen müssen. Doch jetzt wurde Köfel abgelenkt, weil der Schirmherr des Renntages mitten im VIP-Raum stand, um sich in seiner Bedeutung zu sonnen. Die SchmeichlerInnen umlagerten ihn sofort. Sich hütend, sie vor den Kopf zu stoßen, hatte er für jeden eine Auskunft oder eine Phrase. Ungefähr 40 Personen füllten den Raum. Die Gräfin und Brychcy waren noch nicht aufgetaucht. Luckenwalde unterhielt sich angeregt mit einem jungen Mann von der Thüringer Allgemeinen, der sich als Angler geoutet hatte. Köfel hörte nicht zu, fand es aber recht spaßig, wenn zweie beim Pferderennen über Forellen und Blinker fachsimpelten.

An der Startmaschine trotzte nach wie vor ein Fuchs, der allerdings eher einem Windhund glich. Bei den kleinen, edlen Rennern mit den seidigen Fellen konnte man jede Ader und jede Rippe zählen. Köfel fragte sich, ob ein Pferd in freier Wildbahn wie der Teufel über drei Kilometer preschen würde, nur um sich beklatschen zu lassen, den Tierarzt aufzusuchen, für 150.000 Euro den Besitzer zu wechseln. Von Springpferden wußte er mit Sicherheit, daß sie aus freien Stücken niemals über Teppichstangen oder Friedhofsmauern springen würden. Vielleicht drehte auch ein Dakota-Mustang bei der Büffeljagd ziemlich auf, aber bestimmt nicht schnurgerade. Die Gerade war auch in diesem Oval auf dem Boxberg gegeben. Geschwindig-keitswahn und Zielstrebigkeit gehörten untrennbar zusammen. Warum sollte sich einer ohne Ziel verausgaben – sich krankrennen für nichts? Das Ziel des unausrott-baren Fortschrittsdenkens im allgemeinen war es, in der Schöpfung, die man nicht selber in Gang setzen durfte, wenigstens die Nase vorn zu haben. Macht euch die Erde untertan. Der US-Paläontologe Stephen Jay Gould hatte einige hervorragende Kritiken des Fortschrittswahns geschrieben. Wie Köfel sich entsann, hatte Gould in seinem Buch Illusion Fortschritt von 1996 als Paradebeispiele neben dem Baseballspiel und seiner eigenen Krebserkrankung die Evolution der Pferde behandelt. Er sprach vom „Evolutionsbusch“ der zahlreichen Pferdearten, die es in 55 Millionen Jahren gegeben hatte. Die zwingende, gradlinige „Höher-entwicklung“ vom Urpferdchen Hyracotherium zum heutigen Equus – das uns als das Pferd gilt – stellt ein Märchen dar. Winzige Verschiebungen, und es hätten sich ganz andere Arten durchgesetzt. Entsprechend sprach Gould auch schon früh vom Zufall Mensch. Der Mensch gefällt sich aber ungemein besser mit dem Auftrag, Krone der Schöpfung zu sein.

Eine Dame mittleren Alters in ausgesprochen schnittiger Motorradlederkluft lachte hell auf, weil Märklin offenbar ein umwerfender Scherz gelungen war. Sie faßte ihn gar am Arm und ließ ihn in ihren halbgeöffneten Reißver-schluß linsen. Dann drängte sie ihren Bewunderer zur Fensterbrüstung, weil vom Richterturm soeben um Verzeihung für die störrischen Starter gebeten worden war – es gehe gleich los. Keine drei Meter von Köfels Ecke entfernt machte man dem Minister und seiner Motorrad-mieze Platz. Da hatte Köfel sie vor der Nase: die Elite der Evolution.


4

Reutenborn war Märklins Gebaren als Hahn im Korb nicht entgangen. Es erboste ihn verständlicherweise auch deshalb, weil es ihn auf sein neues Gebrechen verwies. Als knurrender Hahn konnte er sich die Hoffnung, noch einmal eine hübsche Frau für sich einzunehmen, ziemlich sicher abschminken.

Aber es kam noch dicker. Märklin und seine flotte Verehrerin schienen gerade Wöhlers Bude ins Auge zu fassen, denn sie gestikulierten entsprechend. Und als plötzlich des Hahnes Stimme vom Turm herabkrähte, fiel Reutenborn fast die Wurst aus der Zange.

„Hallo, hallo – lieber Kamerad in der roten Schürze! Sei doch so gut und bringe uns mal eben deine beiden knusprigsten Sticks herauf ... Geht das in Ordnung?“

Im ersten Moment wollte Reutenborn aufbrausen. Gerade er! Einem Märklin gefällig sein! Und sich zu der Herablassung auch noch ein Trinkgeld in die Pfote drücken lassen!

Doch dann durchfuhr ihn eine Art Erleuchtung, und er biß sich auf die Zunge. Vielleicht war es seine Chance! So rief er in gespieltem Gleichmut zurück:

„Kein Problem. Kommt sofort!“

Während Reutenborn unwillkürlich knurrte, hob Märklin dankend die Hand. Auch Wöhler nickte Reutenborn wohlgefällig zu. Er hatte des Hohen Tieres Begehren natürlich mitbekommen und fühlte sich enorm geschmeichelt.

Obwohl sich Reutenborn mit seinem runden Tablett mit den beiden gefüllten Brötchen darauf bereits vom Grill entfernte, durchliefen ihn plötzlich heiße Wellen. Er hatte Mühe, das Tablett in der Waage zu halten. Jetzt wurden auch noch seine Hände feucht. Zum Knurren hämmerte sein Herz. Verdammt! Er mußte sich „am Riemen reißen“, schließlich war man unter Gäulen!

Auch der jungen Amazone, die den Treppenaufgang des VIP-Turmes bewachte, war Reutenborns Beauftragung nicht entgangen. Sie nickte ihm lächelnd zu und ließ ihn einspruchslos passieren. Armer Kerl! dachte sie. Was hat er denn nur für einen Frosch verschluckt? Sie blickte ihm nach und sah, daß er auch noch wie Espenlaub zu zittern schien. Vielleicht hatte er noch nie in seinem Leben einen prominenten Politiker bedient.


5

Köfel lehnte wie alle an der Brüstung und blickte zum Start. Als er aus den Augenwinkeln heraus eine jähe Bewegung wahrnahm, die ungefähr in Kniehöhe ansetzte, war es schon zu spät. Märklin kippte mit einem Aufschrei über die Brüstung und stürzte in die Tiefe. Schreie von anderen Personen folgten, während sich Köfel auf den mutmaßlichen Attentäter hechtete und Luckenwalde zur Tür rannte, um nötigenfalls eine Flucht zu verhindern. Zwar hatte Köfel den Attentäter in der Klammer, doch leistete dieser nicht den geringsten Widerstand, sah man einmal von einem merkwürdigen Knurren ab. Köfel hatte ihn natürlich längst als den Wurstbräter mit der roten Schürze erkannt. Waffen konnte Köfel nicht an ihm ertasten. Die beiden Brötchen mit den Sticks waren auf dem Teppich zerborsten. Draußen war die Hölle los. Aber auch in Köfels Rücken erscholl Gebrüll. „Ein Verrückter! Dieses Schwein!“ Im Umwenden sah er einen tadellos gekleideten Herren auf sich zustürzen, der gleich noch andere Rächer nach sich zog. Köfel ließ Reutenborn los, wehrte den ersten Faustschlag ab und rief schneidend: „Kriminalpolizei! Nehmen Sie sofort Vernunft an, sonst machen wir Pferdeäpfel aus Ihnen! Bernd, habe ich recht?!“

Luckenwalde reagierte prompt. „Kriminalpolizei! Keiner rührt den Täter an, keiner verläßt den Saal!“ rief er von der Tür aus. Da der führende Rächer trotzdem noch auf Köfel einhieb, weil dieser Reutenborn deckte, legte ihn Köfel kurzerhand aufs Kreuz. Das bewog die anderen Männer zum vollständigen Rückzug. Auch der Lärmpegel im Raum sank durch Köfels Aktion deutlich ab.

Der Mann am Boden rieb sich seine Prellungen, gab sich aber noch nicht geschlagen. Er keuchte: „Verrückte, ich sage es ja! Wenn Sie von der Kripo sind, warum haben Sie dann das Attentat nicht verhindert? Und dann noch brutal werden! Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?!“

Luckenwalde platzte heraus: „Jetzt aber Schluß! Geben Sie bitte noch ein paar Minuten Ruhe, dann werden wir Sie nicht mehr behelligen.“ Er lehnte nach wie vor an der Tür und schickte strafende Blicke durch den Raum.

Der zu Boden Gegangene rappelte sich murrend wieder auf. Die anderen Leute starrten teils aus dem Fenster zu dem Menschenauflauf um den Gestürzten, teils auf Reutenborn. Er hatte sich auf einen Stuhl sinken lassen und das Gesicht in seinen Händen vergraben. Sein Knurren ging einstweilen im Tumult unter. Die Schürze auf seinen Knieen wirkte wie ein Leichentuch, obwohl oder weil sie rot war. Während Luckenwalde sein Handy zückte, beugte sich Köfel aus dem Fenster und rief: „Ist der Rettungswagen alarmiert?“ Das wurde bejaht. Luckenwalde wählte die Einsatzzentrale an.

„Kriminalkommissar Luckenwalde. Bitte sofort einen Streifenwagen zur Rennbahn am Boxberg. Es hat einen Anschlag gegeben. Ich denke jedoch, zwei Kollegen genügen ... Nein, der Rettungswagen ist schon unterwegs ... Jawohl. Ende.“

Das Telefongespräch trug zur Disziplinierung der Anwesenden bei. Gleich darauf näherte sich der jaulende Rettungswagen. Ehe die Sirene zu laut zu werden drohte, verkündete Köfel nach einem Blickwechsel mit Luckenwalde:

„Meine Damen und Herren, um die Zeit bis zum Eintreffen unsrer Kollegen zu nutzen, werde ich schon einmal beginnen, die Personalien der Augenzeugen aufzunehmen, so sie denn vorhanden sind. Wer hat den Ablauf der Tat verfolgt und stellt sich mir als Erster zur Verfügung ..?“

Wie sich ergab, war Reutenborns Zugriff von zwei Personen beobachtet worden. Offenbar war er geradewegs auf den Ex-Minister zugegangen, der ihm wie fast alle Anwesenden den Rücken zukehrte. Dann bückte er sich überraschend, ließ das Tablett fallen und umklammerte Märklins Fußknöchel, um ihm so die Beine hochzureißen. Die beiden Zeugenaussagen deckten sich.

Während Köfel noch Notizen machte, ging unten die Sirene wieder los. Er tauschte mit Luckenwalde einen vielsagenden Blick. Sein Kollege hielt nach wie vor die Tür, um jetzt eher umgekehrt den Eintritt von Leuten zu verhindern. Wegen der Sirene wußten sie beide, Märklin konnte nicht oder noch nicht tot sein, durften doch Krankenwagen keine Leichen transportieren. Reutenborn hatte sich inzwischen seiner albernen Schürze entledigt und anschließend rücklings auf dem Teppichboden ausgestreckt. Sie hatten keinen Grund gesehen, ihn daran zu hindern. Seine Augen waren bis auf einen Spalt geschlossen. Er wirkte schief, unzugänglich und ächzend wie ein alter Fachwerkbalken.

Luckenwalde rückte jetzt von der Tür ab, weil sich die beiden Kollegen von der Schutzpolizei bemerkbar machten. Sie traten ein. Luckenwalde wollte ihnen gerade die Lage umreißen, als vom Richterturm eine Ansage kam. Da noch Aussicht bestünde, das Leben des tragisch Verunglückten zu retten, habe sich die Rennleitung schweren Herzens entschlossen, das Rennen nicht abzubrechen. Start Nr. 4 erfolge in wenigen Minuten.

Reutenborn hatte nicht wahrnehmbar reagiert. Lucken-walde setzte die Kollegen ins Bild. Sie kamen zu viert überein, im Moment seien weitere kriminalistische Untersuchungen überflüssig. Da auch keine Volkserhe-bung mehr niederzuwerfen war, nahmen sie Peter Reutenborn in ihre Mitte und verließen geschlossen den Saal.


6

Nach kurzer Berichterstattung an die Einsatzleitung ging Köfel nach Hause. Luckenwalde hatten sie bereits in Sundhausen abgesetzt. Jetzt war es kurz nach 18 Uhr. Die Gothaer Polizeiinspektion – ein mächtiger Neubau mit kugelbeschwerten Zinnen auf dem flachen Dach – lag außerhalb des Zentrums in der Schubertstraße. Köfel wohnte auf halbem Wege zwischen seiner Dienststelle und dem Schloßpark in einer stillen Seitenstraße. Er hatte nur 10 Minuten zu gehen. Die Ernststraße lag in einem „besseren“ Viertel, das überwiegend Villen aus der Jugendstilzeit mit Vor- und Hintergärten aufwies. Jule gegenüber war ihm diese Lage erstmals peinlich gewesen. Doch sie verspottete ihn nur als „Parkwächter“ und hielt sich nicht ungern besuchsweise in Köfels Domizil auf. Sie war inzwischen nach Tonndorf gezogen. Köfels kleine Wohnung lag zwar im Dachgeschoß einer Villa, doch sein Hauptzimmer füllte einen ausgedehnten Erker aus, der turmartig übereck auf die Ernststraße und den seitlichen Garten blickte. Köfels schmale Küche unter der Dachschräge diente zugleich als Wohnungsflur. Er ging zunächst ins Bad um zu duschen, bevor er ein Essen für zwei Personen zubereitete.

Jule traf gegen acht ein. Da sie sich wegen einiger Gastspiele des Zirkus' – den letzten der Saison – drei Wochen lang nicht gesehen hatten, dehnte sich die Begrüßung entsprechend aus. Es war schon neun durch, als Köfel seine Gemüsepfanne noch einmal in den Backofen schob. Bananen, Ingwer, Schinken waren auch im Spiel. Jule rühmte das Essen. Sie saßen im Erker-zimmer an einem kleinen, runden Tisch, den Köfel meistens mit Stapeln von Büchern an seinem Bett stehen hatte. Jule erzählte von unterwegs. Der Zirkus war im Vogtland gewesen. Dabei fiel ihr jedoch unvermittelt ihre Fahrt zu Köfel ein. Sie war von einem Gast im Tonndorfer Schloß mitgenommen worden, der sie geschlagene 40 Kilometer lang mit seinem Autoradio beglückte. Von daher erkundigte sie sich bei Köfel, ob er schon von dem Anschlag auf der Rennbahn am Boxberg gehört habe, dem kein Geringerer als der Ex-Minister Friedhelm Märklin zum Opfer gefallen sei.

„Zum Opfer gefallen?“

„Ja, tot. Es kam in den Nachrichten, als ich vorhin im Auto dieses Stiesels aus Kassel saß.“

„Tot?“

„Tot“, nickte Jule. Sie lauerte auf ein Anzeichen 'klammheimlicher Freude' im Gesicht ihres Geliebten, doch als Kriminalbeamter merkte es Köfel und hütete sich.

„Was haben sie denn in den Nachrichten noch gesagt?“

„Ein möglicherweise geistig behinderter Bratwurstver-käufer habe Märklin hinterrücks aus dem VIP-Turm gestürzt. Märklin war Schirmherr des Renntages und hatte auch selber Pferde laufen. Der Täter habe sich wider-standslos festnehmen lassen.“

Köfel schüttelte halb ungläubig, halb belustigt seinen Kopf. „Ein möglicherweise geistig Behinderter ..?“

„Ja. Hat die Tussi im Radio gesagt.“

Köfel schnob. „Aber ich habe es nicht der Einsatzleitung gesagt! Wie schnell das geht ...“

Du? Ich dachte, du hättest das ganze Wochenende frei!“

Köfel nickte beruhigend und erzählte von seinem kleinen Ausflug mit Bernd Luckenwalde, bei dem sie prompt in die Dienstfalle rasselten. Werden dienstfreie Kriminalbeamte mit Vergehen konfrontiert, können sie sich ad hoc „in Dienst versetzen“ um amtlich zu handeln. Ihre Dienstaus-weise führen sie in der Regel ohnehin immer mit sich; ihre Dienstwaffe schon seltener. Aber auf dem Boxberg war es ja ohne Schießerei abgegangen. Beamte wie Köfel und Luckenwalde sind in zahlreichen Kampfsportarten ausgebildet.

„Dann meinst du, der beherzte Typ, der Märklin aus dem Rennen geworfen hat, war kein Verrückter?“

„Ich glaube nicht. Er briet seine verseuchten Würste nicht weniger routiniert als andere arme Henker – ein langer Lulatsch so Ende 50, schätze ich. Er wirkte vielleicht behindert, weil er seltsam knurrte, wohl von einer Krankheit oder einem Unfall her. Aber ein Verrückter streckt sich nicht nach vollbrachter Mordtat rücklings auf dem Teppich aus; er versuchte wohl sich zu beruhigen. Seine rote Schürze, die er sich vorher abband, warf er übrigens auf die Fensterbrüstung, von der sie auch prompt abrutschte – sozusagen dem Gestürzten hinterher ...“

Jules Brauen waren von Satz zu Satz höher gewandert. „Sagtest du ein langer Lulatsch so Ende 50 ..?“

„Richtig.“

„Heißt er zufällig Peter Reutenborn?“

Jetzt war das Staunen an Köfel. „Woher weißt du das?“

„Ich brech' zusammen!“

Jule mußte sich von Köfels Bestätigung erst einmal erholen. Sie griff nach der Weißweinflasche und schenkte nach. Schließlich murmelte sie mehr zu sich selbst: „Aber so etwas lag ja eigentlich in der Luft. Peter hatte immer eine Mordswut auf die 'Sieger von 1968', und dann verfolgte ihn auch noch das Pech ...“

„Woher kennst du ihn denn?“

„Aus Tonndorf.“

Peter Reutenborn hatte – im Gegensatz zu Jule – sogar zu den Gründern der Kommune auf Schloß Tonndorf gehört. Er verließ sie bald nachdem Jule sich ihr angeschlossen hatte. Er hielt das Projekt für gescheitert – für ihn hatte sich in dem heruntergekommenen Schloß eine „Hippie-Fraktion“ mit einem Laissez faire durchgesetzt, das ihm gar nicht behagte. Emil hatte Jule einiges von Peter und dem Konflikt erzählt. Er betonte, Peter sei das Handtuchwerfen nicht eben leicht gefallen – sich auch selber manche Illusion gemacht zu haben, sei dabei noch das Bedrückendste für Peter gewesen. Mit dem Ausstieg hatte er etliche tausend Euro und seine sinnvolle Beschäftigung in der Schlosserei der Kommune verloren, sodaß er wieder dem „Freien Markt“ zum Fraße fiel. Allerdings hatte er keinen Gesellenbrief vorzuweisen. Würste zu braten war dann natürlich die Krönung. Auch der Lohn war lächerlich; an seine magere Altersrente wagte er kaum zu denken. Es kam hinzu, daß er in seiner Erfurter Sozialwohnung zu vereinsamen drohte, weil die Kommuneszene weggefallen war. Er war ja doch in einigem Unfrieden von den meisten Tonndorfern geschieden. Dann ereilte ihn dieses Knurren, weil er über einen schnöden Bordstein gestolpert war. Das Gleich-gewicht verloren zu haben, paßte natürlich als Metapher seines Allgemeinzustandes wie die Faust aufs Auge.

Jule hob ihre Schultern. „Mit seiner neuen Behinderung konnte sich Peter natürlich auch von seiner heimlichen Hoffnung verabschieden, noch einmal eine Lebens-gefährtin zu finden. Mit der letzten hatte er sich bald nach Kommunegründung entzweit.“

„War er streitsüchtig?“

„Eigentlich nicht. Es ist schwer zu beschreiben. Er war ein freundlicher und zugänglicher Mensch, aber nur bis zu gewissen Grenzen. In diesem Punkt unterschied er sich deutlich von Emil, während ihre Kritik am Kommunekurs viel Übereinstimmung zeigte. Peter verpönte das 'Psychologisieren'. Er wollte die Erörterung von Gemüts-zuständen in die einzelnen Beziehungen oder Zimmer und Bauwagen der Kommunarden verwiesen wissen. Unser wöchentliches 'Sozialplenum' galt ihm teils als Kinderei, teils als Folter. Er glaubte, das 'Psychologisieren' – also Ansprechen von Wünschen, Groll, Konflikten – erschwere das Gemeinschaftsleben. Erleichtert werde es von einem höflichen, rücksichtsvollen Umgang miteinander. Wie das getrennt werden kann, ist mir unbegreiflich. Jene Weigerung fiel dann ja auch immer mal wieder auf Peter zurück. Er konnte zuweilen wegen einer Kränkung, eines Mißverständnisses, ja seines Mißmutes trotzig oder aggressiv werden ... Zweimal teilte er sogar Faustschläge gegen einen Kommunarden und einen Gast aus, wie mir Emil anvertraute. Natürlich schämte sich Peter alsbald und bat um Verzeihung.“

„Hat er einmal aus der Kinderstube geplaudert?“

„Emil und mir gegenüber nicht. Das vermied er ja gerade.“

Köfel ließ die Neige Wein in seinem Glas kreisen, während er über das Gehörte nachdachte. Draußen war es längst dunkel. Jules Kurzhaarkopf ähnelte einer Kokosnuß, da ihn der Schein von Köfels Stehlampe nicht erreichte. Von der Küche her fiel gedämpftes Licht durch die Milchglas-scheibe der Verbindungstür. Im Haus herrschte Stille. Köfels Nachbar im Dach war Wochenend-Heimfahrer, und ihre im Erdgeschoß wohnenden VermieterInnen hatten erfreulicherweise keinen Besuch von ihren 20 Enkeln.

„Hat Peter Kinder?“

Jule schüttelte ihren Kopf. „Eine frühe Ehe blieb kinderlos. Im vergangenen Jahr ist auch seine gebrechliche Mutter gestorben, die er in Lüneburg regelmäßig besucht hatte. Sie bezahlte ihm immer die Bahnfahrt.“

Köfel trank sein Glas aus, blieb in seinem Cocktailsessel zurückgelehnt und schloß die Augen. „Er mußte keine Rücksichten mehr nehmen. Er hatte nichts zu verlieren. Vieles hatte sich angesammelt und aufgestaut; jetzt begriff er die unverhoffte Möglichkeit, an Märklin zu kommen, als Chance. Beim Verlassen der Rennbahn haben wir mit einer Türsteherin und seinem Arbeitgeber aus dem Bierwagen gesprochen. Danach hatte sich die Möglichkeit spontan eröffnet. Daß Reutenborn den Anschlag plante, als er in der Zeitung von Märklins Schirmherrschaft las, darf wohl ausgeschlossen werden – schon eine Strafmilderung. Andererseits war er ohne Zweifel für eine solche Tat disponiert. Sie hätte sonstwen treffen können. Nur muß er ja dem Gericht seine Kinderstuben- und Kommune-geschichten sowenig auf die Nase binden wie dir. Seine Tat ist sozialpolitisch motiviert. Sie setzt ein antimilita-ristisches Fanal. Ja, genau das ist es, meine herzerfri-schende Kokosnuß!“

Köfel hatte seine Augen wieder geöffnet. Jule belächelte den befremdlichen Kosenamen, dessen Gründe ihr verschlossen sein mußten. Sie fragte zurück: „Was ist es?“

Köfel rieb sich unternehmungslustig die Hände und griff nach der Weinflasche. „Der Anschlag muß gegen die Kriegshetzer und gegen unsere karrieregeilen VolksvertreterInnen ausgeschlachtet werden! Paß auf: morgen vormittag werde ich Reutenborn vernehmen, ehe ihn der Richter – du weißt ja, daß 24 Stunden Polizeigewahrsam nicht überschritten werden dürfen – nach Suhl oder Meiningen in die U-Haft schickt. Der Chef wird mir den Fall bestimmt überlassen; Luckenwalde will ihn sowieso nicht. Ich werde Reutenborn die geschilderte Strategie vorschlagen. Beißt er an, werde ich ihm einen bewährten linken Anwalt empfehlen und ihm auch versprechen, mich an den Kosten zu beteiligen. Ich sehe schon die GutachterInnen aufmarschieren, die den verblichenen Märklin und seine Spießgesellen derart nackt ausziehen, daß die Gräfin mit dem vielen Heu Heulkrämpfe kriegt! Was hälst du davon?“

Jule gefiel diese Art von Solidarität, obwohl die horrenden Anwaltskosten möglicherweise von ihren heimlichen Zukunftsplänen abgingen. Sie hatte jedoch andere Zweifel. „Was sagst du denn, wenn sich Peter mit Absicht in den Knast katapultiert hat? Wenn er gar nicht mehr raus will?“

Köfel schnalzte anerkennend mit den Lippen. „Nicht schlecht! Damit müssen wir rechnen. Aber das eine schließt ja das andere nicht aus. Eine Demaskierung von Märklin & Co würde ihm sicherlich auch als Zellen-bewohner gut tun. Unter 10 Jahren dürfte er ohnehin kaum wegkommen!“

Jule faßte sich ein wenig erschrocken ans Kinn. Schließlich war sie neulich selber nur recht knapp dem Knast entgangen. Aber dann griff sie ebenfalls nach dem neugefüllten Weinglas und sagte:

„Also einverstanden. Wir machen es so. Je länger Peter sitzt, umso öfter können wir ihn ja besuchen. Laß uns darauf anstoßen!“


Fortsetzung Teil 3
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