Montag, 12. Dezember 2016
Als Bott die Sonne föhnte Teil 4





VII

Bott und die Egge



Bott saß im ICE nach Hamburg und hatte erhebliche Schwierigkeiten, Stefan Zweig in Die Welt von gestern zu folgen. Die beiden älteren Damen, die ihm gegenübersaßen, waren hörbar von heute. Bott kannte bereits ihre Enkel, ihre Lieblingsfernsehsendungen und ihre Wahlgeheimnisse. Wie sich versteht, dudelten ringsum unablässig die Telefone dazu. Herrschte für einen Moment Funkstille, klirrte die mobile Abfüllstation durch den Gang. Die beiden älteren Damen kauften Mineralwasser und Schokolade, um ihre Stimmbänder zu schmieren. Bott ersehnte sich Kunos Trommelstöcke. Darauf hätten sie kauen können, falls er sie nicht damit haute.

Schlagzeuger Kuno Pannen hatte ihn zu dieser musikalischen Mission verleitet. Sie kannten sich seit ihrer Jugend. Zuletzt hatte er Kuno vor einigen Monaten gesehen, als er mit Ruths Wagen ein paar Sachen aus Erfurt abgeholt hatte. Sie durchzechten eine Nacht in Kunos Bude unweit des Doms. Wochen später – es war Ende Juni – klingelte Botts Telefon. Kuno fiel gleich mit der Tür ins Haus.

„Hallo Bott, alter Junge! Ron und ich hatten gerade einen glänzenden Einfall. Auf unserer neuen Scheibe wird hin und wieder eine chromatische Mundharmonika zu hören sein. Dreimal darfst du raten, wer sie spielen wird!“

„So, so ...“, grummelte Bott. „Sagtest du Ron? Ron Reiffer?“

„Ja sicher. Ich befinde mich gerade bei ihm auf Lönsbek. Er sitzt neben mir und betrommelt mit seinem Kugelschreiber sehr bedrohlich meinen muskulösen Oberarm ... Die Einspielung ist für Mitte August vorgesehen. Stell dir vor, Baby Schwalenhöfer spielt uns den Baß!“

Nachdem es Bott gelungen war, bei der Sepo eine Woche Urlaub zu bekommen, sagte er zu. Immerhin hatte Gut Lönsbek neben einem erstklassigen Tonstudio einen See zu bieten. Windig war es da oben auch. Die Sommerhitze machte Bott schon jetzt zu schaffen. Seine Spesen würden selbstverständlich zu Lasten der Produktion gehen. Bott deckte sich mit Olbas ein, denn Mücken gab es überall.

Gut Lönsbek lag in der Nähe von Gadebusch in Mecklenburg. Bis zur Landeshauptstadt Schwerin waren es rund 20 Kilometer. Ron Reiffer hatte das Gut erworben, nachdem er mit seinem Song Man nennt mich den Baron die Spitze der Hitparade erklommen und auch wochenlang gehalten hatte. Kuno Pannen hatte bereits an etlichen Platten und Tourneen Ron Reiffers mitgewirkt. Sie machten beide keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für Männer, waren aber nie ein Liebespaar gewesen.

Botts Zugunterhalterinnen schienen unermüdbar. In Hannover strich er deshalb die Segel: er begab sich auf die Plattform. Immerhin lag dort ebenfalls Teppichboden. Die Reisetasche im Kreuz und die Füße im Türschacht, vertiefte er sich endlich in Zweigs Buch.


2

Kuno drückte ihn an seinen mächtigen Brustkorb und warf Botts Reisetasche in den Kofferraum. Der Bahnhof lag am Rand von Gadebusch. Da Kuno gleich ins offene Land hinausfuhr, sah Bott nicht viel von dem Städtchen. Das Land war leicht gewellt. Viehweiden, Stoppelfelder und kleinere Gehölze wechselten sich ab. Durch die Getreidestoppeln stakten Störche oder Kraniche. Es war heiß.

Kuno besaß in der Tat kräftige Oberarme. Die schmalen Träger seines weinroten Unterhemdes betonten dies. Doch er war kein Prahlhans. Über buschigen Augenbrauen zeigte er eine ziemlich hohe Stirn, der nicht mehr viele Haare folgten.

Er setzte Bott über ihre Mitstreiter und den Stand der Proben ins Bild. Ron sei in Höchstform. Er habe gegenwärtig Besuch von einem jungen Mann namens Tilman, der ihn offensichtlich beflügele. Baby Schwalenhöfer verbrauche kiloweise Handtücher, um seinem Schweißaustrieb beizukommen. Kunos hohe Stirn umwölkte sich:

„Leider macht uns neuerdings Holm Wintjes Sorgen. Er hat sich in Maltje verguckt. Aber sie hält ihn sich offenbar vom Leibe. Holm ist bestimmt ein ausgefuchster Tonmeister, doch die Sache mit Maltje raubt ihm die Konzentration.“

„Wer ist denn diese Maltje?“

„Ein hübsches junges Ding. Ron hat sie neulich bei einem Konzert aufgelesen. Soweit ich verstanden habe, hat sie Schwierigkeiten mit ihren Eltern und versucht sich auf Lönsbek zu sammeln. Sie hat Semesterferien, nehme ich an. Sie ist nicht gerade redselig.“

Bott lachte auf. „Prima!“ Dann gab er einige Takte aus dem Sermon seiner Zugunterhalterinnen zum Besten.

Bald darauf bog Kuno in einen staubigen Fahrweg ein. Die Erschütterungen zeigten Bott, der Staub verbarg altes Pflaster. Sie hielten auf den Gutshügel zu. Er war nach Westen hin bewaldet und fiel ziemlich steil zum Lönsbeker See ab, von dem nur Schilf zu sehen war. Kuno tauchte in den Schatten einer engen Lindenallee. Fast stieg sie einem Hohlweg ähnlich zum Torhaus an. Die Linden waren ungewöhnlich schlank und bildeten zwei dichte Spaliere, die kaum einen Sonnenstrahl durchließen. Auch das Torhaus verblüffte Bott. Durch seine Größe und den roten Backstein wirkte es nahezu wie eine alte Fabrik. Kuno erklärte, es habe einmal Getreidesilos und eine Hufschmiede beherbergt. „Jetzt hämmert Kuno Pannen dort mit seinen Trommelstöcken!“ stach er bedeutungsvoll den Zeigefinger nach oben, während sie die gewölbte Durchfahrt passierten. „Das Torhaus ist jetzt das Tonhaus.“

Kuno parkte im Schatten eines mächtigen Walnußbaumes, der unweit des zweigeschossigen weißgetünchten Herrenhauses stand. Der ausgedehnte Hof war teils mit buckligen Granitsteinen gepflastert, teils von Gras und Blumen überwachsen. Hinter dem Herrenhaus lugte das Wäldchen hervor. Während Kuno Botts Reisetasche aus dem Kofferraum hievte, kam ein schwarzweiß geflecktes Hündchen um das Herrenhaus gefegt. Es kläffte ungestüm, obwohl sich sein Schwanzstummel wie ein Metronom bewegte. Vor Bott bremste es, um ihm die Schweißtropfen von der Kniescheibe zu schlecken. Bott tätschelte es.

„Darf ich vorstellen?“ Kuno deutete eine Verbeugung an, indem er dem Hündchen einen Klaps auf die schleckende Schnauze versetzte. „Zippo der Schreckliche! Unser Dirigent. Und das ist Bott, lieber Zippo. Hüte dich vor seiner abnormen Neigung zur Philosophie!“

Bott kam nicht zum Protestieren, weil im Fahrwasser Zippos eine Frau um das Herrenhaus bog. Vielleicht gab es hinter dem Herrenhaus einen Gemüsegarten. Sie hatte ein Bündel Karotten in der Hand. Bott schätzte die dralle Person, die ihre kastanienbraunen Locken zurückstrich, auf 40.

„Hallo, Gertrud“, sagte Kuno. Er setzte eine geplagte Miene auf und winkte mit dem Daumen: „Ein Esser mehr! Mein alter Kumpel Bott.“

Gertrud nickte nur, wobei sie Bott freundlich anlächelte. Kuno deutete über den Wald. „Ich nehme an, der Rest der Mannschaft ist von Bord gegangen?“

„Na klar“, bestätigte Gertrud. „Bei dieser Hitze rosten ja die Gitarrensaiten, bevor man sie berührt. Da sind Möhren etwas anderes.“

Kuno lachte schallend. Auch Bott war belustigt. Gertrud schwenkte ihr Möhrenbündel ziemlich entwaffnend.

„Also gut!“ Kuno nahm Botts Reisetasche auf und nickte zur Vortreppe. „Ich zeige dir jetzt dein Zimmer, Bott; dann sollten wir uns ebenfalls in den See werfen.“


3

Gertrud war Rons Schwester. Nach einer Trennung von ihrem Mann war sie zu Ron gezogen, um ihm den Haushalt zu führen. Sie bewohnte mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern, die gegenwärtig mit ihrem Vater auf Reisen waren, ein ehemaliges Gesindehäuschen, das in der Nähe des Torhauses zwischen Obstbäumen lag.

„Sie sagt, die Rolle der Hausfrau mache ihr nichts aus“, erklärte Kuno, während sie einem abschüssigen Pfad durch den Wald folgten. „Sollte sich Ron da sträuben?“

Nach wenigen Minuten hatte sie der Pfad zu Rons Badestelle geführt. Der Schilfgürtel war von einem Bootssteg unterbrochen. Im Sand unter den Kiefern und Eichen hockten drei nackte Männer, die Karten spielten. Bott schüttelte ihnen reihum die Hand: dem drahtigen Thorsten (Piano); dem hageren, schon ergrauten Sam (Saxofon); schließlich „Baby“ Schwalenhöfer (Baß), der als knapp zwei Meter hoher Fleischberg nur von den hintersten Rängen aus wie ein Säugling wirkte. Erst 23, galt er doch fast überall als der beste Bassist der Deutschrockszene.

Von der Seemitte her juchzten und winkten Ron und sein junger Geliebter Tilman. Kuno kraulte bereits auf sie zu. Bott kühlte sich ab und nutzte den Bootssteg für einen Hechtsprung. Das Wasser war angenehm kühl und roch zudem würzig. Er schwamm zunächst zu den Männern, um ein paar Worte mit Gastgeber Ron zu wechseln. Er kannte sein anziehendes Gesicht von Fotos her; allerdings trug er sein dunkles Haar jetzt kürzer. Ron versicherte ihm, der See hätte keine gefährlichen Stellen. So verließ er die Männer und schwamm auf dem Rücken nordwärts in den See hinaus, der sich noch ein gutes Stück um den Gutshügel krümmte. Dieses Bad entschädigte ihn für die lästige Bahnfahrt. Der See bot auch Stille. Von der Landstraße und dem nächsten Dorf her war nicht das geringste Geräusch zu hören. Vermutlich dämpfte der Schilfgürtel zusätzlich ab. Neben dem Schattenriß einer Rohrweihe, die über das Schilf gaukelte, erblickte er Libellen aller Farben, auch Blau und Rot. Er schloß daraus, das bräunliche Wasser sei ziemlich unverdorben. Nachdem er das Ende des Sees ausgemacht hatte, kehrte er um.

Die anderen Schwimmer hatten das Wasser bereits verlassen. Kuno und Tilman saßen im Schneidersitz an einem winzigen Steckschachbrett. Ron lag mit aufgestütztem Kopf daneben und verfolgte die Züge der beiden. Bott erkundigte sich beim Abtrocknen, wo denn der Tonmeister stecke. Kuno winkte bedenklich mit der Hand, bevor er seinen Läufer in Tilmans Bauernschar einfallen ließ. Er mache mit Maltje einen Motorradausflug; es gebe hoffentlich kein Unglück ... Ron grinste und ergänzte mit einem Augenzwinkern zu Bott: „Mit Männern, die nicht schwul sind, hat man nichts als Ärger!“

Dann setzte Ron sich auf und bedeutete Bott mit einer einladenden Handbewegung, sich neben ihm niederzulassen. „Kuno erzählte mir, du unterhieltest neuerdings gute Beziehungen zu der Comiczeichnerin Ruth van Ginnecken ..?“

Wie sich herausstellte, schwebte Ron vor, Ruth für die Gestaltung der Plattenhülle zu gewinnen. Bott hielt das für eine gute Idee. Er wußte, Ruth mochte Rons Stimme genauso wie seine Texte. Daraus entspann sich eine politische Diskussion, denn Ron hielt noch immer das schwarzrote Banner seiner Jugend hoch, in das die meisten anderen ihre Träume eingewickelt hatten, um bequemer an den Fleischtöpfen des Kapitalismus zu sitzen.

Als Bott gerade von der Kommune Emsmühle erzählte, hörten sie vom Zufahrtsweg her ein Motorrad. „Das klingt nach Holm“, stellte Baby Schwalenhöfer fest, während er die Karten mischte. Er hatte eine erstaunlich helle, fast piepsige Stimme. Sprach er, konnte man glauben, sein Gesicht bestehe aus Wanderdünen. Sein Blick wirkte völlig arglos, obwohl er aus tiefliegenden kleinen Augen kam.

Nach einigen Minuten hörten sie Schritte im Unterholz. Es war Maltje. „Hallo!“ sagte sie gleichmütig, während sie schon ihre Kleider abstreifte. Sie ging zum Steg. Bott kam nicht umhin, ihren vollendeten Wuchs zu bemerken. Sie warf sich mit einem Hechtsprung in den See.

Sam hatte das Pik-As, mit dem er einstechen wollte, in der Luft angehalten. Sein Blick galt dem Pfad. Aber Holm tauchte nicht auf. Es war Sam anzusehen, daß er dies für ein schlechtes Zeichen hielt.

Ron hob seine Schultern und ließ sie wieder fallen. „Dann versuchen sie sich in der Emsmühle mit der Gemeinsamen Kasse? Und klappt es?“

Bott ging darauf ein.


4

In der großen und gutbevölkerten Küche des Herrenhauses fiel die dicke Luft, die zwischen Holm und Maltje herrschte, nicht sonderlich auf. Gertrud hatte zum Möhrengemüse einen knusprigen Hasenbraten aufgetischt. Baby Schwalenhöfer brachte die schier unglaubliche Disziplin auf, am immerselben Knochen zu nagen. Er trank auch kein Bier. Als Bott – von Kuno genötigt – ein paar Witze zum Besten gab, zitterte Baby Schwalenhöfer wie ein Wackelpudding. Den Gegensatz zu ihm bildete der drahtige Thorsten. Er lachte meckernd, rutschte auf seinem Stuhl umher wie ein Schulbub und rieb sich unablässig die Hände. Zu dem Kaffee, den es nach dem Essen gab, steckte er sich eine Zigarette nach der anderen an. Bott hoffte, er träfe noch die Tasten.

Gertrud begann bereits mit dem Abräumen. Sie hatte ihre braunen Locken zu einem Pferdeschwanz gebunden. Als sie sich zu Bott vorbeugte, um eine Schüssel vom Tisch zu nehmen, sagte er gleichsam in ihren Blusenausschnitt hinein, er sei ein erfahrener Geschirrspüler, sie könne ihn gern einspannen.

Sie errötete ein wenig und wehrte lachend ab. „Das ist nicht nötig.“

Ron bestätigte es, indem er Richtung Kühlschrank deutete. Neben diesem stand offenbar eine Geschirrspülmaschine. Dann sah er fragend in die Runde. „Gehen wir ans Werk?“

Die Musiker erhoben sich. Tilman blieb bei Gertrud in der Küche. Maltje hatte sich bereits verzogen.

Das Aufnahmestudio lag tatsächlich genau über der Durchfahrt des Torhauses. Die großen gitterartigen Fabrikfenster gingen sowohl auf die lindengesäumte Auffahrt wie auf das Herrenhaus. Die Mikrofone hingen verstellbar an dünnen Stangen von der Decke herab. Holm schob sich hinter sein Mischpult, das erhöht auf einem Podest stand. Er wirkte recht gebeutelt. Beim Essen war er nahezu stumm geblieben. Merkwürdigerweise hatte der große schlanke Mann um 30 die quadratische Form seines Gesichtes durch einen schmalen Backenbart betont. Er war blond.

Thorsten hüpfte wie ein Gummimännchen an seinem Keybord auf und ab; man konnte deshalb kaum sagen, er spiele im Stehen. Schwalenhöfers Baß war wie ein Sog. Nachdem sich alle bei einem Rock‘n‘roll-Standard aufgewärmt hatten, nahmen sie sich die Hafenbar vor. Die Noten kannte Bott bereits. Ron hatte in seiner Jugend einige Semester Komposition studiert. Er pflegte seine Stücke am Klavier vollständig zu arrangieren. Vor der Einspielung teilte er dann die Noten aus. Er sperrte sich keineswegs gegen Änderungsvorschläge oder spontane Einfälle, doch zunächst wußte jeder Musiker, was er zu üben und zu spielen hatte. Seine Stücke wimmelten von Vor- und Auflösungszeichen, Synkopen, dissonanten Sätzen. Bott war das nur recht; das Ohrenschmalz konnten Leute wie Mark Knopfler und Gino Castelli produzieren. In der Hafenbar hatte Ron Mundharmonika und Saxofon zu einem bizarren Tango verwoben. Soweit sie nicht aufs Blatt schauten, hingen sich Sam und Bott an den Lippen, während sie die Stelle zu meistern suchten.

Nach einer knappen Stunde war der Sänger und Gitarrist Ron zufrieden. Holm hatte das Stück vollständig im Kasten. Jetzt konnte sich Bott für eine Weile darauf beschränken, Zaungast zu spielen. Er schob sich auf das Podest und ließ die Beine baumeln.

Draußen war es noch hell. Allerdings warf der Walnußbaum am Herrenhaus einen langen Schatten auf den Hof. Zippo der Schreckliche lag zusammengerollt auf der Vortreppe. Schwalenhöfer mußte zwar auch nicht stehen; er thronte auf einem gepolsterten Klavierhocker, den Thorsten verschmäht hatte. Doch was er da mit dem dicksehnigen Baby anstellte, das ihm am tonnenförmigen Brustkorb lag, war ein starkes Stück. Er schüttelte es; riß es im einen Moment am Fuß, im nächsten an den Haaren; dann wieder kitzelte er es, daß es zirpte. Bei Schwalenhöfers wurstigen Fingern war das ein Wunder. Er ackerte, strahlte, schwitzte. Bei jeder Unterbrechung griff er zum Frotteetuch, um sich und das Baby abzutrocknen.

Bott sah zur Tür. Gertrud hatte das Studio betreten. Mit einem Lächeln schob sie sich neben Bott. Da sie das Leuchtschild „Aufnahme“ gesehen hatte, wagte sie nur ein Flüstern in sein Ohr: Diese Tangotakte, die sie vom Hof aus gehört habe, kämen wirklich gut ... Bott hob die Brauen und nickte ihr dankend zu. Dann verfolgten sie beide das Stück, das gerade gespielt wurde. Ron sang. Botts Aufmerksamkeit ließ allerdings zu wünschen übrig, weil er von dem geflüsterten Lob her Gertruds Geruch in der Nase hatte. Man konnte denken, sie sei aus dem Walnußbaum gefallen. Bei ihrem Bruder lag das Betörende im Bariton. Dieser hatte auch einen frivolen Zug. Bott hätte seiner Bewunderung für Rons Stimme Gertrud gegenüber gern Ausdruck gegeben, aber dann hätte er ihr gleichfalls ins Ohr flüstern müssen. Das kam ihm zu frivol vor.

Nach dem Stück verschwand Gertrud wieder, ohne etwas zu sagen. Bott zwang sich, ihr nicht nachzublicken. Doch dann sah er durch die Fenster, wie sie über den Hof ging. Sie hielt auf ihr Häuschen zwischen den Obstbäumen zu. Zippo hüpfte von der Treppe, um sich ihr anzuschließen.

Bott blickte in den Saal. Ron hatte sich zu Holm gewandt und schnitt unwirsch mit der Handkante durch die Luft, worauf Holm das Abspiel stoppte. Er habe doch gebeten, den Hall aus der Stimme zu nehmen! Holm verbiß die Lippen und korrigierte die Spur.

Nach kurzer Diskussion mit den anderen Musikern erklärte Ron die Aufnahme für abgesegnet. Nun bat Holm darum, sich für heute zurückziehen zu dürfen. Ron gestattete es ohne Groll. Die Studiouhr zeigte kurz nach 21 Uhr. Über den Baumwipfeln jenseits des Herrenhauses erlosch bereits das Abendrot. Von den Spalierlinden her hörte Bott jetzt die echten Grillen zirpen, nicht Schwalenhöfers Baß. Doch dann klimperte Thorsten ungeduldig auf dem Keybord. Ob er in eine Combo aus lauter kaltblütigen Ackergäulen geraten sei? rief er. „Jetzt legen wir los!“

Er schlug einen Jazz-Titel an, der offenbar allgemein bekannt und beliebt war. Baby Schwalenhöfer warf das Handtuch beiseite und stieg kräftig ein. Ron griff zur elektrischen Gitarre. Sam verfolgte es lächelnd; dann hängte er sich sein Saxofon wieder vor die hagere Brust. Kuno legte vor Freude Trommelstocksaltos ein. Bott klopfte mit dem Fuß, während er das Harmonieschema in sich aufnahm. Schließlich warf er sich mit seiner Mundharmonika in eine Bresche, die ihm Ron mit einer übermäßigen Quinte geschlagen hatte. Sam zwinkerte ihm zu.

Nach einer knappen Stunde gab Bott auf. Trotz seines Rausches spürte er, wie sehr ihn der ganze Tag ausgelaugt hatte. Er ging zu Kuno und rief ihm von hinten her ins Ohr, er werde sich aus Altersgründen abseilen. Kuno nickte grinsend und hieb auf die Glocke. Bott grüßte die Runde mit einer dankbaren Handbewegung und verließ den Saal.

Auf dem Hof blieb er zunächst einmal stehen und atmete gierig die Nachtluft ein. Dabei blickte er zu dem Gesindehäuschen: es brannte noch Licht.

Bott atmete aus und ging zum Herrenhaus.


5

Bott war wie ein Stein ins Bett gefallen. Trotzdem erwachte er zu früh. Es war erst Sieben. Er verfluchte das Los des Zeitungszustellers, wälzte sich hin und her, doch an Schlaf war nicht mehr zu denken. Die Hände im Nacken verschränkt, blinzelte er durch das Dachfenster in den Himmel, der ihn blendete, obwohl sein Zimmer auf den Wald und damit nach Westen ging. Geräusche waren nicht zu hören. Bott mußte an den fiebrigen Tänzer Thorsten denken – ein Rumpelstilzchen aus dem Walde, das seine mit Saugnäpfen versehenen gierigen Finger auf die Keybordtasten legt, um nie mehr aufzuhören! Auch im Studio hatte Thorsten jede Unterbrechung für ein paar hastige Zigarettenzüge oder einen Schluck Cola mit Rum genutzt. Was trieb er in dieser Minute? Konnte ein solches Nervenbündel jemals zur Ruhe kommen? Im Haus blieb es still. Doch dann fielen Bott die klatschenden Hechtsprünge vom Bootssteg ein. Wenn das nicht eine erfrischende Sache wäre, um diesen Tag einzuleiten? Prompt fiel ihm leider auch Maltje ein. Kuno hatte erwähnt, sie habe es sich zur Angewohnheit gemacht, schon in aller Herrgottsfrühe zum See hinunterzulaufen. Nein, danke! Das war Bott entschieden zu gefährlich.

Er verdrängte das Bild ihrer wippenden Brüste und machte sich klar, daß ihr Gesicht im Profil etwas Fischähnliches hatte. Die schlanke Nase leicht gekrümmt; fliehendes Kinn unter dem Mündchen. Hübsch fand er sie trotzdem. In ihrem Blick lag allerdings ein gewisser Hochmut. Sie hatte blaue Augen. Das blonde Haar trug sie hochgesteckt. Bott wischte auch dieses Bild beiseite, indem er sich seufzend aus dem Bett schwang.

Als er etwas später die Küche betrat, war sie erwartungsgemäß leer. Bott brühte Tee auf und machte sich ein Müsli zurecht. Dann schob er sich auf die lange Bank und schlug Stefan Zweigs Welt von gestern auf. Er hatte das Buch vorsorglich mit hinunter genommen. Er aß und las.

Nach einer Weile ging die Küchentür. „Hallo!“ Es war Holm. Sie wechselten einige Bemerkungen, während Holm eine Thermoskanne Kaffee aufbrühte. Er wirkte recht gelöst. Vielleicht hatte er ausgiebig geschlafen und nicht von Maltje geträumt. Er stellte die Kanne auf den Tisch und ließ sich Bott gegenüber nieder. Er genoß die ersten Schlucke des heißen Kaffees. Dann deutete er auf Zweigs 1942 veröffentlichte Erinnerungen, die Bott inzwischen zugeklappt hatte:

„Gutes Buch! Hab es zu Hause ... Zweig war mit Busoni befreundet. Mit Richard Strauss hat er sogar zusammengearbeitet. Allerdings hat sich dieser unter den Nazis nicht gerade mit Ruhm bekleckert.“

„Das wird von Zweig nicht verschwiegen.“

„Stimmt. Er neigte vielleicht zum Schwärmen, aber bestechlich war er nicht ...“ Holm lachte auf und fuhr fort: „Nur von technischen Vorgängen und Bezeichnungen ließ er sich blenden! Spricht er von seinem Schreiben, spricht er von Produktion, Dynamik, Kondensation, Tempo, Komprimierung, Präzision und dergleichen. Man könnte meinen, er sei Automechaniker oder Tonmeister
gewesen ...“

Bott lachte, während Holm ihn in gespielter Einfalt ansah. Die Strenge war jetzt aus dessen eingerahmten Gesicht gewichen.

„Wie wird man Tonmeister?“

Holm erläuterte es. Bott revanchierte sich, indem er Holm von der geföhnten Sonne erzählte, die ihn vom Raumausstatter zum Zeitungszusteller gemacht hatte.

Gegen halb Neun erschien Gertrud in der Küche – im Gefolge Zippo. Das schwarzweiß gefleckte Hündchen flitzte sofort unter den Tisch, um die beiden Männer erfreut an den Waden zu umarmen. Dann wurde die Küche in rascher Folge vom Rest der Belegschaft bevölkert. Auch Maltje erschien: mit fallenden feuchten Haaren; offenbar kam sie vom See. Als letzter tauchte Schwalenhöfer auf. Er wirkte ziemlich mitgenommen. „Meine Güte“, sagte Ron. „Wir werden Zippo zum Blindenhund machen müssen, damit Baby ins Studio findet!“ Der alles überragende Bassist konnte kaum aus den Augen gucken. Bott schloß daraus, die Session sei nicht ohne Drogenkonsum ausgegangen.


6

Ron lehnte es grundsätzlich ab, einzelne Stimmen im Playback-Verfahren aufzunehmen und später zu mischen. Er wollte jedes Stück als Ereignis der vollständigen Band. Jetzt war er allerdings auf die Idee gekommen, in einem walzerartigen Blues zwei Gitarren einzusetzen, denn bei der Session hatte sich Bott auch einmal als Gitarrist eingeschaltet. Bott ließ es darauf ankommen und fand sich beim Einspielen der ergänzenden Spur besser zurecht, als er befürchtet hatte. Nachdem die Sache im Kasten war, nahmen sie hitzefrei. Es war gegen Eins. In der kühlen Herrenhausküche wartete ein Imbiß. Dann gingen die meisten hinunter zum See. Auch Bott und Holm schlossen sich an. Dieser hatte sich bei Gertrud nach Maltje erkundigt, doch sie wußte auch nicht, wo Maltje steckte. Beim Baden ergab es sich dann, daß Bott mit Kuno unter den Bäumen lag, während sich die anderen im Wasser tummelten. Sie sprachen über Holm.

„Wenn er sich bis über beide Ohren in Maltje verliebt hat – was soll er dann machen?“ sagte Bott.

Kuno lachte auf. „Gar nichts. Bei den Indianern galt die Verliebtheit – ob nun erwidert oder nicht – als eine Art Wahnsinn. Allerdings wurde in der Regel die Jugend davon befallen. Man konnte hoffen, der Betreffende würde älter werden und wieder Vernunft annehmen ... Es wäre natürlich günstig, wenn Holm die Nähe zum unerreichbaren Objekt seiner Begierde miede – aber wir brauchen ihn ja.“

Bott nickte. Nach einer Weile sagte er: „Ich glaube, viele Psychologen halten die Verliebtheit für infantil, weil sie im Grunde der eigenen Mutter gelte. Sie war ja die erste Frau gewesen, die man abgöttisch liebte, ohne sie im geringsten zu kennen.“

„Interessant ... Man liebte sie sozusagen auf Verdacht? Ins Blaue hinein?“

Bott nickte. Doch bevor er näher darauf eingehen konnte, wurde er von Zippo abgelenkt. Das Hündchen kam freudig kläffend angeschossen, um sich von den beiden nackten Männern kraulen, kitzeln und an den eingeknickten Ohren zupfen zu lassen. Dann tauchte Gertrud ebenfalls auf dem Fahrweg auf, der zwischen Schilf und Waldrand ein gutes Stück um den Gutshügel lief, bis er zum nächsten Dorf abknickte. Sie trug ein luftiges kleingeblümtes Kleid. Eingetroffen, zog sie es allerdings mitsamt der Unterhose aus. Dabei erzählte sie, Zippo, der Halunke, hätte beinahe einen Maulwurf totgebissen. Sie habe dem süßen Kerl das Leben gerettet. Statt sich jedoch in die Wiese zu schlagen, sei er nach dem Übergriff planlos auf dem Feldweg umhergeirrt. Dabei sei er sogar rückwärts gelaufen. „Stieß er zum Beispiel mit seiner spitzen Schnauze gegen einen Stein, legte er den Rückwärtsgang ein!“

Kuno verkniff die Augen. „Ich glaube, du willst uns auf den Arm nehmen, Gertrud.“

Sie beteuerte, der Maulwurf habe das Rückwärtslaufen beherrscht, und ließ sich neben Bott im Sand nieder. Im Gegensatz zu dem Maulwurf sei sie ja nicht blind. Er habe vergleichsweise riesige rosige Hände zum Graben und einen fast schwarzen samtigen Pelz zum Küssen gehabt.

Bott und Kuno sahen sich an. „Ah ja“, sagte Kuno zu Gertrud. „Hast du ihn geküßt?“

Gertrud nahm ihre Hand vor den Mund und kicherte.

Um nicht nachzustehen, erwähnte Bott, beim Schwimmen habe er im Schilf den Igelkolben entdeckt. Gertrud meinte jedoch, den gebe es in diesen Breiten häufig. Dafür habe sie neulich in einem Tümpel jenseits des Gutshügels die bezaubernde seltene Doldige Schwanenblume erblickt. „Die Blüten an den hohen blattlosen Stengeln wirken wie zwei aufeinander gelegte, verschränkte Dreisterne – rosafarben, doch zusätzlich dunkelrot geädert.“

„Du bist in der heimischen Flora bewandert?“ fragte Bott.

„Nun ja“, erwiderte Gertrud bescheiden. „Ich bin gelernte Gartenarchitektin.“ Dann sah sie ihn allerdings so eindringlich an, als könne sie sich gut vorstellen, auch an Bott noch gestalterische Hand zu legen.

„Hallo, du Schlawiner!“ keuchte Baby Schwalenhöfer, der gerade im Schneckentempo aus dem Wasser watete. Zippo war an ihm emporgesprungen, daß es spritzte. Schwalenhöfer packte ihn am Schlawittchen und nahm ihn auf den Arm. Das sah recht ulkig aus.

Die Unterbrechung war Bott nur willkommen. Er teilte beiläufig mit, er wolle vor der Abendprobe noch einen Brief schreiben. Dabei wandte er sich bereits von Gertrud ab und angelte nach seiner Hose. Er zog sie an und verschwand auf dem Pfad im Wald.

Ob Gertrud ahnte, warum Bott es plötzlich so eilig hatte, muß offen bleiben. Kuno wußte es genau.


7

Bott setzte sich mit dem Buch von Stefan Zweig in den Garten. Dort gab es im Schatten des Waldes einen Tisch mit mehreren Klappstühlen. Zur Tarnung nahm Bott auch Briefpapier und einen Kugelschreiber mit.

Da ihm das Buch bereits seit Wochen als Frühstückslektüre diente, befand er sich allerdings schon im letzten Kapitel. Nach einer halben Stunde war er durch. Er legte sich zurück und sann eine Weile nach. Vielleicht konnte er sich an einem Tagebucheintrag versuchen; das Bad im See hatte ihn erfrischt. Als er gestern abend von Rons Büro aus mit Ruth telefoniert hatte, war ihm eine alte Schreibmaschine aufgefallen. Er ging ins Haus und holte sie. Wie sich zeigte, tat sie es noch leidlich. Bei dem Gang war ihm auch schon ein zufriedenstellender Auftakt eingefallen.

Ruth van Ginnecken pocht auf die Ausgesetztheit, die einer Frau von ihren Brüsten bereitet wird. Ist diese aber scharf, sieht man es ihren Brüsten in der Regel nicht an. Schaut dagegen einem Mann zwischen die Beine, der zufällig einer nackten Frau gegenübersitzt, die ganz aufgeregt ist, weil sie um ein Haar einen Maulwurf abgeküßt hätte! Dann wißt ihr Bescheid. Und die Frommen unter euch werden zustimmend orakeln, die Götter sorgten stets für Ausgleich.

Ein Mann wie Stefan Zweig war solcher Qualen offenbar enthoben. Bei der Lektüre seines Lebensrückblicks muß man zu dem Eindruck kommen, Frauen hätten im Leben des berühmten Schriftstellers kaum eine Rolle gespielt. Bis Seite 330 ist es sogar so gut wie frauenlos. Dann verblüfft uns der Autor durch einige völlig unvermittelte Erwähnungen, die ihn als Gatten und Familienvater erscheinen lassen. So kommt „meine Frau“ ausgerechnet zum zweiten Mal in einer Passage vor, in der sich der Autor der Kunst des Weglassens widmet (367). Auf Seite 442 hat sich zu dieser Frau vermutlich noch ein Kind gesellt, denn nun erwähnt er „meine Familie“, die an der Salzburger Villa als ihrer Heimat hänge. Auf einer der letzten Seiten schließlich (491) erfahren wir von Zweigs Absicht, „eine zweite Ehe zu schließen“ – nachdem er von der ersten nichts verlauten ließ. Das ist alles. Beider Frauen Namen bleiben ungenannt. Ob ihm diese Frauen gar etwas bedeuteten, vielleicht mehr als nur Beiwerk oder Zutat, können wir nur mutmaßen. Ich finde, für einen Lebensrückblick ist das ein ziemlich starkes Stück.

Die Unterschlagung gewinnt durch zwei Aspekte noch an Gewicht. Zum einen sind die Frauen in Zweigs Erzählungen oft das Schwungrad oder der Pferdefuß des Ganzen. Dort spielen sie durchaus eine bedeutende Rolle. Zweig verstand es auch, sich in sie einzufühlen; er litt mit ihnen und kannte ihren Stolz.

Zum anderen preist er in seinem Lebensrückblick, den er von allen Frauengeschichten sauber hält, über etliche Seiten hinweg die um 1900 eingeleitete Emanzipation der Frau. Er schildert die Lockerungen im patriarchalen Sittenkäfig farbig und geradezu mitreißend. Graue Theorie! Wann immer er von einem Umschwung in seinem Leben berichtet, lesen wir „Ich entschloß mich“ – oder dergleichen – zu dem und dem. Frauen hatten auf seine Entscheidungen offenbar nie einen Einfluß. „Aber so wollte die Gesellschaft von damals das junge Mädchen, töricht und unbelehrt, wohlerzogen und ahnungslos, neugierig und schamhaft, unsicher und unpraktisch, und durch diese lebensfremde Erziehung von vornherein bestimmt, in der Ehe dann willenlos vom Manne geformt und geführt zu werden ...“

So Stefan Zweig auf Seite 99.



8

Holm hatte auch die heutige Abendprobe vorzeitig verlassen. Doch dieses Mal zog er sich nicht in sein Zimmer zurück, um sein Leid mit Hilfe einer Flasche Rotwein zu ertränken. Vielmehr klopfte er an Maltjes Zimmertür. Sie hatte gerade beschlossen, ihren Borstenpinsel beiseitezulegen, weil das Tageslicht nachließ. Holm schlug ihr einen kleinen Abendspaziergang vor. Dazu hatte sie keine Lust. „Dann laß uns hier ein bißchen plaudern“, sagte Holm verträglich. „Ich kann uns etwas zu trinken holen.“ Sie zuckte mit den Achseln. Während Holm den Wein holte, griff sie noch einmal zum Pinsel, um Zippos Stummelschwanz zu vollenden. Sie malte nicht mit flüssiger Farbe, sondern mit farbigem Kreidestaub. An der Tischlampe lehnte ein Farbfoto, das Zippo zeigte; dieses Foto malte sie ab.

Holm stellte die Gläser auf den Tisch. Er lobte die Ähnlichkeit zwischen dem Kreidebild und dem Foto. Als unverliebter Mensch hätte er angesichts dieser Methode des Porträtierens wohl eher die Nase gerümpft. Sie tranken einander zu. Dann fragte er Maltje nach ihrem künstlerischen Werdegang aus. Er hütete sich, Maltje Zärtlichkeiten aufzudrängen, obwohl er wieder sehr von ihr betört war. Sie merkte es durchaus. Sie war gespalten. Einerseits kostete sie ihre Macht über ihn aus; andererseits fand sie es verächtlich, daß er derart mit sich umspringen ließ. Im Grunde hatte sie Holm die Rolle des schwarzweiß gefleckten Hündchens zugewiesen, das sie gerade abmalte. Obwohl ihr Holms Blondschopf, den er nach hinten kämmte, durchaus besser als Zippos Kuhfell gefiel. Wäre nur dieser kantige Bart nicht gewesen, der ihm den Anstrich eines Oberstudienrates verlieh. In einem Anfall von Mitleid setzte sich Maltje auf seinen Schoß, strich ihm das Haar und seufzte: „Ach, du Dummer ..!“

Holm war gerührt. Wie mutig und großmütig ging sie doch durchs Leben! Durch ihre festen Brüste, die er von der Seite her spürte, wurde das ja nur unterstrichen. So umarmte er Maltje derart ungestüm, daß sie gemeinsam auf das nahestehende Bett kippten. Holm stammelte dabei Liebesbeteuerungen zwischen ihre Brüste. Maltje verwahrte sich nicht rasch genug dagegen; das wurde Holm zum Verhängnis. Immerhin war sie ja auch nicht aus Stein. Holm glaubte den lange ersehnten Ausbruch ihrer Leidenschaft gekommen. Doch als er an ihrem Hosenbund zerrte, fühlte sie sich endlich abscheulich von seinem Bart gestochen. Sie entwand sich ihm geschickt und lehnte sich an die Zimmerwand. „Lassen wir das, Holm!“ sagte sie schnippisch. „Wir bleiben gute Freunde.“

Da lag er – beschämt bis auf die Knochen. Holm rauchte vor Zorn. Am liebsten hätte er die Gardine vom Fenster gerissen, um sie damit zu erdrosseln.

Er setzte sich mit zusammen gekniffenen Lippen auf und begnügte sich damit, ihr eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Dann verließ er das Zimmer.

Holm hatte noch nicht die Treppe erreicht, als ihn die Reue über seine Gewalttat überfiel. Er kehrte um – doch sie hatte bereits den Schlüssel im Schloß herumgedreht. Sein Flehen blieb erfolglos. Sie gab keinen Mucks von sich.

Er ging nach unten. Er wußte, in der Küche gab es Kognak.


9

Bald darauf betrat Bott die Küche. Als er die Flasche Kognak mit dem zerknirschten Holm dahinter sah, konnte er sich leicht ausrechnen, wie es um Holm stand. Er angelte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, deutete Holm ein Prosit an und trank das Bier im Stehen halb aus. Während er sich den Mund abwischte, schlug er Holm einen kleinen Spaziergang vor. Die Luft sei jetzt angenehm draußen.

Holm war einverstanden. „Habe ich vor einer Stunde sowieso schon vorgehabt!“ lachte er bitter.

Nachdem Bott ausgetrunken hatte, verließen sie die Küche. Draußen war es schon dunkel. Allerdings warfen die Studiofenster einiges Licht auf den Hof. Die Musik kam ihnen wie eine Dünung entgegen, während sie auf das Torhaus zuhielten. Es war ein Blues, der Bott irgendwie bekannt vorkam. „John Lee Hooker“, sagte Holm. „Er ist vor einigen Wochen gestorben.“

Holm lachte auf und fuhr fort: „Vor drei oder vier Jahren hatte Ron ein paar Konzerte mit Hooker. Ich war schon mit von der Partie. Der alte schwarze Mann wurde natürlich ständig interviewt. Jedesmal brachte er dabei den Spruch an, wer die Frauen auf seiner Seite habe, sei fein raus. Bei Ron zog das natürlich nicht besonders ...“

In der düsteren Durchfahrt hörte sich der Blues fast wie unter Wasser gespielt an. Bott rief sich Hookers Bariton ins Gedächtnis – eine unglaublich einschmeichelnde Stimme. Da kam selbst Ron nicht mit.

Sie traten erst auf die Lindenallee hinaus, als das Stück verebbt war. Auf der Brücke bewegten sich Gestalten wie im Schattenspiel, denn eins der Studiofenster saß genau über dem Torbogen. Es war seltsam, dieses Schattenspiel zu durchkreuzen. Sie ließen es hinter sich. Dabei blieb es in ihrem Rücken stumm, sodaß nur die Grillen zu hören waren. Offenbar hatten ihre Mitstreiter Feierabend gemacht.

„Kann es sein“, sagte Bott, „daß du dir ein wenig wie Maltjes Marionette vorkommst ..?“

„Ha!“ schnob Holm. „Diese Ärschin von Goldbärschin! Man sollte sie im See ersäufen!“

Jetzt ließ er seinem Ärger freien Lauf. Allerdings beschimpfte er sich in jedem zweiten Satz auch selbst als Trottel. Das ging fünf Minuten so. Sie hatten inzwischen den buckligen Fahrweg zur Landstraße eingeschlagen. Glücklicherweise schien der Mond, denn es gab weit und breit keine Laterne.

„Was war denn vorhin vorgefallen, wenn ich fragen darf?“ sagte Bott.

Holm erzählte es ihm. Das Schlimmste seien noch seine Schuldgefühle wegen der Ohrfeige, obwohl ein Kinnhaken angemessener gewesen wäre. „Diese Goldbärschin bringt dich zur Weißglut!“ Bott grinste und entsann sich eines ähnlichen Falls. Im Ergebnis habe er mitten in der Nacht eine Küchentür derart heftig zugeworfen, daß in der Wohnung eins tiefer die Kuckucksuhr losgegangen sei. Aus diesen Schilderungen entspann sich ein längeres Fachgespräch über die Tücken leidenschaftlicher Liebe. Sie hatten an der Landstraße kehrtgemacht und näherten sich schon wieder der Lindenallee. Plötzlich spitzte Bott die Ohren. „Warte mal!“ hielt er Holm zurück und winkte mit dem Daumen zum See. „Da tut sich irgendwas!“

Nach einigen Sekunden nickte Holm. Ganz gedämpft war ein Klirren und Quietschen zu hören. Es schien aus der Nähe des Bootsstegs zu kommen.

„Vielleicht sollten wir einmal nachsehen“, sagte Bott. „Immerhin sind wir ja zu zweit.“

Holm war einverstanden. So schlugen sie den Fahrweg ein, auf dem Gertrud dem rückwärtslaufenden Maulwurf begegnet war. Im Näherkommen meinten sie sogar ein Pferdeschnauben zu hören. Sie flüsterten nur noch und ermahnten sich, nicht auf Äste zu treten. Während sich der Wald, in dem es totenstill war, zu ihrer Rechten erhob, begann jetzt auf der anderen Seite der Schilfgürtel. Sie konnten das Wasser glucksen hören. Dann vernahmen sie wieder ein Quietschen; kurz darauf ein unterdrücktes Kommando. Sie hielten sich eng nebeneinander. Von einem Gebüsch gedeckt, konnten sie schließlich die Badestelle einsehen.

In Höhe des Bootssteges hatte ein Pferdefuhrwerk Halt gemacht. Zwei Männer hievten gerade einen Gegenstand vom Wagen, der offenbar so sperrig wie schwer war. Holm und Bott verfolgten mit angehaltenem Atem, wie sie ihn zum Bootssteg schleppten und dann von diesem aus mit einem angestrengten Schwung ins Wasser warfen. Sie hörten das Aufklatschen und dann das Keuchen der Männer, die schon wieder zu ihrem Fuhrwerk eilten. Sie ließen das Pferd auf der Badestelle wenden und entfernten sich in Richtung des Dorfes. Nur ein leises Knirschen und Quietschen begleitete sie.

Im ersten Impuls wollten Holm und Bott den Fremden nachsetzen, doch dann hielten sie es für angebrachter, erst einmal nachzusehen, was sie überhaupt verbrochen hatten. So zogen sie sich rasch aus und wateten ins Wasser. Als sie den Bootssteg hinter sich ließen, überfiel sie allerdings schlagartig Angst, obwohl ihnen das Wasser nur bis zum Nabel ging. Man konnte ja nicht wissen, ob es nur ein Bündel Teerpappe gewesen war. Sie nahmen sich an der Hand und gingen trotz des schlammigen Grundes wie auf umgestülpten Teetassen. Es war Botts Fuß, der zuerst an etwas Hartes stieß. „Hier ist es!“ zuckte Bott zusammen.

Die Stelle lag ungefähr zwei Meter vom Bootssteg entfernt. Das Wasser reichte ihnen hier bis zur Brust. Sie sahen sich an, holten wie auf ein Kommando tief Luft und beugten sich unter Wasser, um das rätselhafte Objekt zu ertasten. Nach 10 oder 15 Sekunden tauchten sie wieder auf. Offenbar hatten sie dasselbe erkannt, denn sie sahen sich entsetzt an.

„Unglaublich!“ preßte Bott hervor.

Während Holm nickte und seiner grauenhaften Vorstellungen Herr zu werden versuchte, gab sich Bott einen Ruck. „Das Ding muß sofort hier raus! Immerhin kommt es vor, daß einer mitten in der Nacht Abkühlung sucht. Meinst du, wir schaffen es?“

Sie schafften es. Schließlich standen sie keuchend neben der umgedrehten Egge, die sie ans Ufer gezerrt hatten. Damit sie höher läge, war sie auf einen Autoreifen gebunden worden. Ihre geschmiedeten Reißzähne, die in der Regel Ackerschollen zerkrümeln sollten, erinnerten so offensichtlich an Dolche, daß der Anblick nur schwer zu ertragen war.

„Komm her!“ stieß Bott hervor. „Wir kippen das Scheißding um!“

Sie taten es. Mit einem dumpfen Laut fuhren die Dolche in den Ufersand. Auf der Nabe des Autoreifens zitterte das Mondlicht.

Sie sahen sich an. Bott ließ die Schultern fallen: „Kognak!“ Holm nickte.


10

Als Bott gegen Neun die Küche betrat, saßen neben Holm auch schon Kuno, Tilman, Ron und Gertrud vor ihren Kaffeetassen. Ihren betroffenen Gesichtern war zu entnehmen, daß sie über den Anschlag mit der Egge im Bilde waren. Bott schenkte sich ebenfalls Kaffee ein. Gertrud legte die Hand auf seinen Arm. „Holm sagt, die Männer waren kaum zu erkennen?“

Bott nickte. „Sie wirkten nur bäuerlich, von ihrer Bewegungsweise her. Ihre Gesichter waren nicht mehr als helle Flecke. Auf dem Kopf hatten sie Schildmützen.“

„Aber wie kommen die auf so etwas?“

„Hm“, machte Bott und rieb sich den Nacken.

Ron hob leicht die Hand und ließ sie wieder auf den Tisch fallen. „Man sitzt in der Dorfkneipe, zerreißt sich das Maul über die Schwuchteln, die auf Lönsbek in der Hängematte schaukeln, falls sie nicht gerade nackt baden ... Einem kommt die Idee mit der Egge, schon bietet ein anderer sein Pferdefuhrwerk an ...“

Der junge Tilman schüttelte sich schon wieder. Holm fuhr ihm über den Rücken: „Genau so ist es mir heute nacht auch ergangen.“

Bott blickte Ron an. „Du hälst die Sache eher für eine spontane Skatbrüderaktion ..?“

Ron blieb ihm die Antwort schuldig, weil Maltje die Küche betrat. Sie hatte feuchtes Haar und ein Handtuch über der Schulter. Unten liege eine Egge mit Schwimmreifen am Ufer, sagte sie, während sie sich eine Kaffeetasse vom Wandbord angelte. „Hat der Scherz eine höhere Bedeutung?“

Sie sah unbefangen in die Runde. Offenbar trug sie Holm die Ohrfeige nicht weiter nach.

Da niemand antwortete, gab sich Kuno einen Ruck. „Sag mal, Maltje – bist du heute zufällig schon vom Bootsteg aus ins Wasser gesprungen?“

„Ja, sicher. Warum denn nicht? Du stellst komische Fragen. Was ist nun mit der Egge?“

Kuno warf einen Blick zu Holm. Der starrte auf den Tisch, während er seine Kiefer fest zusammenpreßte. Unter dem Tisch tat er das gleiche mit seinen Händen.

„Tja weißt du, Maltje ... Holm mußte einem gewissen Ärger Luft verschaffen, da ging er in die Scheune, um ein halbes Stündchen mit der Egge zu jonglieren ... Anschließend hat er sie auf das Autorad gebunden, weil er mal sehen wollte, ob sie es selbstständig durch den Wald bis zum Bootssteg schafft ...“

Maltje hatte ihre Brauen gehoben. Jetzt sah sie wieder forschend in die Runde. Dann stellte sie die Tasse aufs Wandbord zurück und verließ die Küche.

Kuno kratzte sich hinterm Ohr. Am Tisch herrschte eine gewisse Betretenheit. Gertrud erhob sich mit der Thermoskanne, um neuen Kaffee aufzubrühen. Tilman nahm Zippo auf den Schoß; ein anderer ging aufs Klo. Nachdem sich die dicke Luft gelockert hatte, wurde erwogen, welche Maßnahmen bezüglich der Egge vielleicht zu treffen seien. Bald fanden sich auch Thorsten, Sam und Schwalenhöfer in der Küche ein. So mußte die Geschichte vom nächtlichen Anschlag mehrmals nacherzählt werden. Sam war mit einem in der Berliner Schwulenszene aktiven Rechtsanwalt befreundet; er schlug vor, sich telefonisch mit dem Mann zu beraten. Das fand allgemeine Zustimmung. Sie kamen auch überein, sich von dem Zwischenfall nicht die Aufnahmearbeiten durchkreuzen zu lassen.

Unvermutet steckte Maltje ihren Kopf in die Küche. Sie habe gerade mit einer Schweriner Freundin telefoniert. Wenn jemand so nett wäre, sie zum Bahnhof zu bringen, würde sie sich gern mit der Freundin treffen.

Ron sah in die Runde. Die Betretenheit war zurückgekehrt. Er winkte ab. „Kein Problem, Maltje. Ich fahre dich. Wann geht denn der Zug?“

„Wir müßten spätestens in 10 Minuten los.“

„In Ordnung.“ Ron wandte sich an seine Mitstreiter. „Ihr könnt euch ja schon mal den Raben vornehmen. Bott vertritt mich an der Gitarre. Einverstanden?“

Die Musiker erhoben sich, um über den lichtdurchfluteten Hof zum Torhaus zu schlendern.

Tilman – er hatte keinen Führerschein – wollte Ron im Auto Gesellschaft leisten. Gertrud machte einen Einkaufszettel fertig.

Die Musiker spielten bereits, als Kuno Bott ansah und mit seinem Trommelstock zum Herrenhaus deutete. Maltje ging gerade auf Rons Wagen zu, der unter dem Walnußbaum stand. „Für einen kleinen Stadtbummel trägt sie aber einen verdammt großen Rucksack!“ rief Kuno.

Bott schabte mit seinem Plektrum über sein unrasiertes Kinn. Er hatte gleichfalls den Verdacht, er sähe Maltje soeben zum letzten Mal. Er vermied es, einen Blick zum Mischpult zu werfen. Er schlug die Saiten wieder an. Rons Wagen löste sich aus dem Baumschatten. Bott äugte zu Kuno.

Kuno grinste und hieb auf die Glocke.




VIII

Bott mistet aus



Der scharfe Geruch im Stall der jungen Mastschweine war kein Vergnügen. Dann mußte Bott beim Ausmisten auch noch über einen Leichnam stolpern. An der Schnauze des schwarzgefärbten „Waldecker Weideschweins“ waren ein paar geronnene Blutfäden zu sehen. Bott hatte bereits mitbekommen, die Schweine zankten sich gern und gingen dabei nicht gerade zimperlich vor. Allerdings konnte er keine Bißwunde entdecken. Vielleicht hatte das Schwein an Herzschwäche gelitten. Da fällt einer, der gar zu sehr „gestreßt“ oder „gemobbt“ worden ist, irgendwann wie von selber um.

Bott rief Lothar herbei. Der musterte das tote Schwein nur kurz und zuckte die Achseln. „Da weiß man wenigstens, wofür man die Prämie zahlt.“

Lothar war selber angeschlagen. Sein rechter Arm war vergipst und ruhte in einer Schulterschlinge. So nahm er den Strick, den er Bott dann zuwarf, mit der linken Hand vom Balken. Er nickte auf das Schwein und bat Bott, den Strick um die Haxe zu knoten.

Bott verstand. Kurz darauf schleiften sie den rund 80 Kilogramm schweren Versicherungsfall mit vereinten Kräften durch den Stallgang auf den Hof. Jule war offenbar schon im Bilde, denn sie kam mit dem kleinen Stalltrecker angefahren. Sie wälzten das tote Schwein in die Schaufel. Während Jule die Schaufel anhob, stieg Lothar hinten auf. So fuhren die beiden über den abschüssigen Hof Richtung Pumpenhäuschen.

Gut Gestecke – auf dem mittleren e betont – lag südwestlich von Besse am Hang des Langenbergs. Botts Anfahrt betrug nur vier Kilometer. Durch den Saugraben, der auf der Höhe nahe Umbachs Försterei entsprang, verfügte Gut Gestecke über eine gute Wasserversorgung. Der Bach speiste den Gutsteich und tränkte auch die Rinder auf den umliegenden Viehweiden. Das Pumpenhäuschen gehörte zur gutseigenen Kläranlage, die Lothar – wie seinen gesamten Bioland-Hof – nach ökologischen Gesichtspunkten betrieb.

Der Container, der am Pumpenhäuschen stand, pflegte auf Anforderung von einer sogenannten Tierverwertungsanstalt abgeholt zu werden. Bott verfolgte von der Stalltür aus, wie Lothar den gewölbten Deckel zurückzog. Jule hatte inzwischen die Schaufel hochgefahren. Jetzt kippte sie ihre Ladung ab. Das Poltern im leeren Behälter bescherte Bott ein etwas mulmiges Gefühl. Denn mit wievielen Menschen, die als Abschaum galten, war man nicht schon auf diese Art verfahren?

Bott versuchte sein Unbehagen zu verscheuchen, indem er seinen Blick über die herbstlichen Hänge gleiten ließ, an denen Hagebutten und erste gelbe Blätter aufleuchteten. Das Leben ging gnadenlos weiter. Nur waren die Einwände nicht so leicht abzustreifen wie das verklumpte Stroh von der Forke.


2

Botts Gastspiel als Knecht war sicherlich kein Deckchensticken, dafür aber mit einigen Annehmlichkeiten verbunden, die er später schmerzlich vermissen würde. Das tägliche Mittagessen in der großen Diele des Gutshauses zählte dazu. Es wurde federführend von Lothars Frau Maria gekocht, einer gebürtigen Elsässerin; Lothars Mutter sorgte jedoch für den gebührenden hessischen Einschlag. Weiter saßen Lothars asthmakranker Vater („der alte Wilhelmi“) und natürlich Jule mit am Tisch, die bei Lothar ihre Lehre absolvierte. Die Größe der Runde wurde vor allem vom Nachwuchs der Wilhelmis ausgemacht. Vielleicht war es ihrer erfreulichen musischen Neigung geschuldet, wenn sich Lothar und Maria Kinder wie die Orgelpfeifen leisteten. In Marias Bauch reifte derzeit Nr. 6 heran.

Tatsächlich stand in der Diele auch ein gutes Klavier. Die älteren Kinder besuchten durchweg die Waldorfschule in Kassel-Wilhelmshöhe, wo sie unter anderem von Marianne aus der Emsmühle unterrichtet wurden. Zwar schmeckte Bott die Anthroposophie weniger als das Essen, doch beides entzog sich seinem Einfluß. Er hatte von Marianne ebenfalls etwas gelernt: wie müßig es ist, mit Gläubigen über ihren Glauben zu diskutieren.

Heute gab es grüne Soße und Bratkartoffeln zum Fleisch. Jule war die einzige, die das Fleisch nicht anrührte. Dafür stand noch Käse auf dem Tisch. Obwohl das gekochte fasrige Fleisch vom Rind stammte, kam Bott wiederholt der pralle Leib des gestorbenen Schweines in den Sinn. Freilich verdankten sich die Braten und Würste der gutdeutschen Küche nicht jenen Leichen, die im Container enden. „Schlachtvieh muß ausbluten“, hatte der Metzger in Besse Bott ziemlich erschöpfend erklärt. Man kennt ja die Bilder. Schlächter in weißen Gummistiefeln waten vor weißgekachelten Wänden durch das Blutbad, das sie Tag für Tag ungerührt anrichten. Trotzdem wurde Bott auch beim heutigen Mittagessen nicht schlecht.

Wie zur Buße, tauchte er gegen Ende der Mittagspause in den Stall der Sauen. In diesen Herbstwochen, da Bott dem invaliden Lothar für rund fünf Stunden täglich unter die Arme griff, warf auch fast jeden Tag irgendeine Sau Ferkel – ob 7, 11 oder 15, sie waren in allen Stadien vorhanden. Manche existierten allerdings gar nicht mehr, weil sie von ihrer Mutter versehentlich plattgedrückt worden waren. Wer das Ausmisten versah, klaubte diese vierbeinigen Pechvögelchen auf, um sie auf die Miste zu schmeißen. Gegen die Ratten legte Lothars Vater regelmäßig Gift. Bott gingen dabei immer griffige Zahlen der UNO durch den Kopf; zum Beispiel sterben jährlich weltweit 10 Millionen Kinder aufgrund von Krankheit, Hunger oder Gewalt, bevor sie fünf Jahre alt werden. Anderen zu kurz gekommenen Ferkeln – an den Zitzen immer wieder abgedrängt – wurde Lothar zum Verhängnis. In solchen Fällen stellte Lothar nach kurzer Musterung der Lage fest: „Dieses da hat keine Chance.“ Schon griff er sich das schmächtige Ferkel aus der Bucht, nahm es an den Hinterläufen und schlug es einmal kurz und kräftig gegen die Stallwand. Dann landete es ebenfalls auf der Miste.

Im Moment gab sich Bott der Komik hin, die unter Ferkeln herrscht. Die älteren stöberten im Stroh, flitzten abrupt hin und her, balgten sich wie Möpse. Die jüngeren traktierten die Zitzen der sich grunzend räkelnden Sau als gelte es, ihre Mutter im ganzen zu verschlingen. Waren sie alle vollgesogen, bildeten sie in der Ecke, wo die Rotlichtlampe hing, den berüchtigten Ferkelhaufen. Sie drängelten und keilten sich ineinander, wobei die Ecke für ihre zunehmende Aufgipfelung sorgte. Wären sie 50 statt nur 15 Ferkel gewesen, hätten sie auf diese Art die Buchtwände überwinden können, um sozusagen über Bord zu gehen. Die lustigen Winzlinge ahnten nicht, wie bald sie von eben diesem Schicksal ereilt werden würden – in acht oder zehn Monaten vielleicht. Ungefähr 100 Kilogramm „Lebendgewicht“ sollten sie dem Schlachter präsentieren.

Bott wurde ein wenig weh ums Herz. Er griff sich ein geflecktes Ferkelchen aus der Bucht, das ihm besonders zerbrechlich und schutzbedürftig vorkam. Auf einer Hand in Brusthöhe gehalten, ragte es kaum über seine Fingerkuppen hinaus. Da es weder quiekte noch Bott das Flanellhemd näßte, schloß er auf ein furchtloses Gemüt. Bott strich ihm bewundernd und dankbar den Kopf, zupfte an seinen verstülpten Ohren und rühmte seinen unterentwickelten Schwanz, der einem verkohlten Streichholz ähnelte. Das Ferkel schien sich tatsächlich wohlzufühlen, denn es begleitete Botts Liebkosungen mit dünnem Grunzen. Vermißte es weder den Ferkelhaufen noch seine Mutter? Kannte es keinen Trennungsschmerz?

Wenn ja, war das sogenannte Geburtstrauma an ihm vorübergegangen. Darwins Großvater Erasmus hatte es erstmals in Band I seiner Zoonomia beschrieben. Danach lassen sich die bekannten Symptome der Angst bereits unmittelbar nach der Geburt beobachten: Erblassen, Zittern, Atemnot, Entleerung von Blase oder Darm. Nur der Schweißausbruch fehlte in Darwins Liste. Möglicherweise stellte das Schwitzen eine spezifisch menschliche Domäne dar, während Darwin ausschließlich von Tierjungen sprach. Weder die Ziegen der Kommune Emsmühle noch die Schweine und Kühe der Wilhelmis zeigten verschwitzte Züge. Am Gutsbach hatte Bott kürzlich ein braunes Wiesel mit weißer Kehle ertappt, das erschrocken Männchen machte; aber nach Schweißausbruch hatte es auch nicht ausgesehen.

Aus dem Erleben jener Symptome entstehe im Neugeborenen der Angstaffekt, der nichts anderes als „die Erwartung unlustvoller Sensationen“ sei, hatte der Urdarwin erläutert. Doch nach Forschern wie Freud, Erich Fromm, H. E. Richter stellte sich die Sache inzwischen unerbittlicher dar. Immerhin war mit dem Enkeldarwin Gott gestorben, der doch vielen Menschen ein erheblicher Trost gewesen war. Um es mit einer fast paradoxen Wendung zu sagen, die Bott bei Wolfgang Schmidbauer belustigt hatte: in der Trennungsangst haben wir „die Mutter aller Ängste“ zu sehen. Was aber bedeutete es für einen Säugling, radikal von Mutter oder Amme getrennt zu werden? Er ging jämmerlich zugrunde. So lauerte in aller Angst durchaus mehr als die eine oder andere „unlustvolle Sensation“ – nämlich der eisige Anhauch des Nichts. Da hat so mancher zartbesaitete Zeitgenosse die Wahrheit des Sprichworts zu erfahren, der Ängstliche sterbe tausend Tode.

Bott schüttelte sich und warf das gefleckte Schweinchen auf den Ferkelhaufen zurück. Dann erklomm er den großen Fendt-Schlepper, um zur Gerätehalle hinüberzufahren.

Lothar hatte die meisten Äcker noch pflügen können, bevor er sich den Arm brach. Das Pflügen hätte sich Bott auch nicht zugetraut. Jetzt spannte er die Walzen an die vordere und die Kreiselegge an die hintere Hydraulik des Fendts, verließ den Hof und fuhr auf einem gepflügten Acker, der zwischen dem Obstgarten des Gutes und dem Waldrand am Hang lag, immer rauf und runter. Während die Walzen die aufgeworfenen Schollen gleichsam zu bändigen hatten, sorgte die Kreiselegge für deren Zerkrümelung. Dadurch wurde der Acker fürs Aussäen des Wintergetreides vorbereitet. Allerdings gab es bereits Schlepper, die alles in einem Aufwasch erledigten. Lothar hatte ihm neuste Prospekte gezeigt. Sie verfügten am Heck über eine doppelte Hydraulik, sodaß der Kreiselegge gleich noch die Drillmaschine folgen konnte. Bott hatte Zülch beim Bier gefragt, wo das alles enden sollte. Bei Schleppern von der Größe eines Gutshauses?

„Nein“, hatte Zülch entgegnet. „Bei Äckern, die sich im Jahreslauf um eine fest installierte Superbearbeitungsmaschine drehen.“

Jetzt war Bott jedoch ehrlich genug, um sich sein Wohlbehagen einzugestehen. Die fettigen braunen Lehmschollen funkelten in der Sonne. Die Luft roch nach geräucherten Schinkenhöckern, Pilzen, Walnüssen. Der 150-PS-Dieselmotor des Fendt-Schleppers schnurrte wie ein Luchs. Der Schlepper war auch hervorragend gefedert. Man konnte sich einbilden, über Besse ins Kasseler Becken zu entschweben – sozusagen in den Mutterschoß.


3

Jule ist der Ansicht, einem Menschen, den es vorm Schlachten graust, dürfe auch das Ergebnis nicht schmecken, nämlich der Braten. Jule ernährt sich streng vegetarisch.

Ich werde mich hüten, das Für und Wider des Fleischgenusses zu erörtern. Aber Jules Logik greift doch ein wenig kurz. Zum einen leben wir in einer hochdifferenzierten Gesellschaft. Selbst in anarchistischen Landkommunen – ich kenne eine persönlich – wird arbeitsteilig vorgegangen. Der macht mir Schuhe; ein anderer Stühle. Beide dürfen Betrachtungen von Montaigne oder Hölderlin-Gedichte lesen, obwohl sie keinen Schimmer davon haben, wie so etwas gemacht wird. Zwar sind wir alle Produzenten von Kot, werden aber nicht alle für die nächste Kläranlage dienstverpflichtet. Komplexe Gesellschaften kommen ohne Delegierung schwerlich aus. Während Gott den Papst zwischen sich und seine Schafe schaltet, vertritt mich der Metzger in Besse vor Schwein oder Rind.

Zum anderen liegt in Jules strengem Vegetarismus die Anmaßung, die Tiere aus aller übrigen Natur herauszuheben. Woher nimmt sie das Recht, der Petersilie, die dann gehackt in der grünen Soße schwimmt, oder der gefällten Pappel am Saugraben draußen weniger Daseinsberechtigung, Lebensfreude, Schmerzempfindlichkeit zuzubilligen als einer Sau? Dahinter steckt natürlich der unselige Fortschrittsgedanke, der in großer Klarheit von einer am Boden krauchenden Flechte bis zu unserer vernagelten Birne führt. Rudolf Steiner vertrat ihn auch.

In Wahrheit sind wir befangen und müßten uns deshalb jeden Urteils enthalten. Wir sind einer Existenzform verhaftet, von der wir noch nicht einmal wissen, ob sie eine von zweien – die andere könnte zum Beispiel im Nichtsein bestehen – oder eine von Millionen ist. Das heißt aber auch, es hilft nichts, gegen den Anthropozentrismus zu wettern. Der Mensch kann sich auf den Kopf stellen: er hat keinen anderen Maßstab als sich selbst. Die Verrenkungen unserer vielen Naturphilosophen und Bioethiker wirken deshalb nur lächerlich. Es geht nicht darum, sich den Kopf über den Glücksanspruch der Tomate zu zerbrechen, aus Läusen Rechtsempfinden zu melken oder ein Jauchefaß voll Mitleid über einem plattgefahrenen Igel auszugießen. Sondern auf ein möglichst gedeihliches Miteinander kommt es. Da genügt die Beobachtung, daß die Dinge, Wesen, Naturkräfte offensichtlich schädlich bis verheerend auf uns zurückschlagen, wenn wir sie allein unter dem Aspekt maximaler Verwurstung betrachten. Die Hochwasser an Mulde und Elbe sangen erst kürzlich das Lied davon.

Gewiß haben schrankenlose Ausbeutung und unersättlicher Raubbau viel mit kapitalistischer Warenproduktion und deren Tauschwertdenken zu tun, das keine Eigenarten und keine Grenzen mehr duldet. Aber auch dieser Hut ist altbekannt. Nur die Medien schwenken ihn alle paar Wochen, als sei er vom Himmel gefallen. Seit Jahrzehnten schwelen die Skandale um Nutztierhaltung und verseuchte Futter- oder Lebensmittel unter dem Wirtschaftswunderteppich. In der DDR blieben sie gleich im Keller. Was die industrielle Fleischproduktion angeht, deckte Upton Sinclair bereits 1906 die Unerbittlichkeit der riesigen Chicagoer Schlachthöfe auf, nämlich in seinem damals durchaus vieldiskutierten Roman
Der Dschungel. Im Dschungel hat sich denn auch die Empörung verlaufen.

Die rapide zunehmende Vergeßlichkeit zählt zu den wichtigsten Zügen des vergangenen Jahrhunderts. Natürlich hängt sie mit der ständigen Beschleunigung des befremdlichen „Wertschöpfungsprozesses“ und des Lebenstempos überhaupt zusammen. Pauschal gesagt, sorgt dieser Prozeß für Zerstörung und Verwüstung. Er nährt auch Krebs, Magersucht – Altersdemenz. Statt sich des Schnitzels zu enthalten, sollte man vielleicht eher das tägliche Trommelfeuer aus angeblichen Neuigkeiten meiden, das uns zu Vollidioten macht.



4

Botts Mitarbeit auf Gut Gestecke klang gleichsam vegetarisch aus; die letzten Tage waren nämlich überwiegend der Apfelernte gewidmet. Die Wilhelmis hatten unglaublich viele Sorten angepflanzt. In den Farben ging das vom kalten Rot der Pfaffenhütchen bis zum blassen Gelb der Strohhalme. Die Bäume waren jung und kurzstämmig. So pflückte Bott bei seinen knapp 1,80 von unten, während sich Jule den Spaß machte, von der hochgefahrenen Schaufel des Fendt-Schleppers aus zu pflücken, wobei auch die Kiste gleich neben ihr in der Schaufel stand.

Jule hatte darum gebettelt, den Fendt fahren zu dürfen. Sie war noch nicht sonderlich geübt auf dem Mammuttier. Da er ihre Begierde durchaus nachvollziehen konnte, ließ er sie gern gewähren. Prompt vergaß Jule, den Klotz anzuspannen, bevor sie zum Obstgarten fuhren. Bott erinnerte sie daran. Der Klotz war ein Quader aus Beton, der nach Bedarf an die vordere oder hintere Hydraulik gespannt wurde, um als Gegengewicht zu dienen. Bei Jules Apfelernte von der hochgestellten Schaufel aus empfahl sich dies umso mehr, als das Gelände abschüssig war. Dafür mußte Bott zugeben, er selber wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, statt einer Leiter den Frontlader zu nehmen.

Bott hatte sich bereits mit Zülch darüber unterhalten, wodurch das Glücksgefühl beim Schlepperfahren eigentlich ausgemacht werde. Am Geschwindigkeitsrausch konnte es ja nicht liegen. Während Ruths Golf GTI auf ungefähr 230 Stundenkilometer kam, durften landwirtschaftliche Schlepper auf der Straße höchstens 60 fahren. Auf dem Acker krochen sie. Aber welche Kraft und welche Größe! Solche Ungetüme gebändigt zu haben und somit zu beherrschen, führte verständlicherweise zu Genugtuung und Stolz, war man selber doch nur ein Zwerg.

„Richtig“, hatte Zülch gegrinst. „Bübchen möchte nicht mit Puppen spielen; es möchte einen Kran bedienen.“

In der Tat waren moderne Schlepper unter anderem auch Kräne. Wer an dem entsprechenden Knüppel oder Schalter die Richtung verwechselte, konnte mit dem Frontlader des Schleppers mühelos den Dachstuhl der Scheune lüften. Bott erzählte Zülch eine Episode von seinen Anfängen auf Gut Gestecke.

„Ich hatte lediglich einen Rundballen Stroh auf der Gabel. Ich schlug das Lenkrad jäh nach rechts ein, um zwischen Jauchegrube und Kuhstall hindurchzukommen. Dummerweise hatte ich den Ballen nicht abgesenkt. So hob der Fendt das eingeschlagene rechte Vorderrad und wäre um ein Haar zur Linken in die Jauchegrube gekippt, weil die Last mit Macht dort hindrängte. In diesem Fall hätten 65.000 Euro in Lothars Jauchegrube gelegen – von mir einmal abgesehen.“

Zülch schmunzelte. Als Snookerspieler wußte er natürlich, die Meister fallen nicht vom Himmel. Wie Bott ein paar Tage später bei seiner gegenwärtigen Frühstückslektüre feststellte, wußte es Wilhelm Genazino auch. Dessen Roman Fremde Kämpfe von 1984 kreist um den überwiegend arbeitslosen Werbegrafiker Wolf Peschek, der sich auch als Hehler gestohlener Lederjacken versucht. Einmal hockt er zerknirscht am Zeichentisch und sagt sich, der brennende Wunsch, etwas zu können, sei offenbar noch nicht das Können selbst. Als Hehler scheitert er auch.

Ein rauhes Gäckern ließ Bott zum Gutsteich blicken. Zwar versperrte das Apfellaub ihm die Sicht, doch von Kennern werden Na- wie Literatur gleichermaßen mit den Ohren gelesen. Der Rufer war der Raubwürger, der auf den Erlen und Eschen am Teichufer oder auf der Stromleitung gern seinen Ansitz nahm. Das sprach durchaus für die Wirtschaftsweise der Wilhelmis, denn im Vergleich zum Neuntöter mußte der größere Raubwürger bereits als Rarität gelten. Es verblüffte Bott nebenbei immer wieder, daß ein Würger – der beispielsweise Libellen oder Mäuse verschlingt – so schön sein durfte. Der Vogel war schlicht und edel gekleidet in Schwarz-Weiß-Grau. Allerdings war George W. Bush, der im Auftrag der nordamerikanischen Ölscheichs gerade dem Irak an die Kehle ging, ebenfalls stets tadellos gekleidet. Bott hatte gelesen, jeder Maßanzug, den sich der feine Präsident von Georges de Paris anfertigen lasse, koste ihn 3.000 Dollar. So viel hatte Bott seit der „Jugendweihe“ nicht einmal für Bekleidung überhaupt ausgegeben.

Zum Hof hin war der Gutsteich von einem Zaun abgesperrt, damit die beständig vorhandenen Kleinkinder der Wilhelmis nicht im Teich ertränken. In diesem Frühjahr war der morsche Staketenzaun durch einen Maschendrahtzaun ersetzt worden. Jule hatte Bott von dieser Aktion erzählt. Während sie mit dem Rundspaten die Löcher für die Pfahlspitzen bohrte, habe sie sich gefragt, wer wohl die hölzernen Pfähle mit dem Vorschlaghammer einzuklopfen hätte. Da Lothars Vater mit seinem Schwerbeschädigtenausweis nicht in Frage kam, blieben nur Lothar oder Jule. Doch dann sei Lothar mit dem Fendt aufgetaucht. Am Frontlader saß die Schaufel – als Presse offenbar auch bewährt. Kaum hatte Lothar sie auf dem ersten Pfosten abgesenkt, war dieser auch schon ins Erdreich gedrückt. Um die Flucht und die gleiche Höhe einzuhalten, hatten sie eine Schnur gezogen – und es sei in der Tat wie am Schnürchen gegangen. „So kam ich vielleicht um einen Muskelkater herum!“ freute sich Jule.

Jetzt betteten sie Apfel für Apfel wie rohe Eier in die Stiegen aus Pappe, während eine andere Presse in der Emsmühle Fallobst in Maische verwandelte. Um abzustreiten, daß viele technische Erfindungen ohne Zweifel ihre guten Seiten hatten, war Bott nicht engstirnig genug. Bei Schreibmaschine und Dusche schienen ihm die Vorzüge sogar zu überwiegen. Auch der „Rollator“ war eine überaus erquickende Erfindung. Zumal im Stadtpark, an dem ein Altenheim lag, wimmelte Gudensberg seit einigen Jahren von hübsch lackierten Gehwagen. Man konnte sich sogar wundern, warum diese so naheliegende Erfindung von Krücken auf vier Rädern nicht schon im Mittelalter gemacht worden sei. Aber wer weiß; vielleicht war sie nur in der Romantik in Vergessenheit geraten.

Wie sich versteht, wären die Bulldozerräder, die Ruths Golf GTI zum Kinderspielzeug machten, so oder so auf die Menschheit gekommen. Jetzt erstickten sie das Kleintierleben in unseren Äckern – wie selbst Lothar eingeräumt hatte – oder machten ganze palästinensische Häuser platt. Das unlösbare Problem lag in dem reißenden Zug, der dem Fortschritt innewohnt. Was anwendbar war, wurde auch angewandt. Es war ein selbstherrlicher imperialer Zug, der immer weniger gestattete, einzelne Ausgestaltungen zu erwägen. Das Wägen hatte zu viel von Besinnung oder gar Beschaulichkeit, sagte sich Bott beim geruhsamen Abschrauben der Äpfel – Birnen gab es leider nicht. Ginge es nicht immer schneller, weiter und höher mit dem Menschen hinaus, könnte er womöglich seiner Verwundbarkeit und letztlich seiner Hinfälligkeit gewahr werden. Hier fand Bott auch die Erklärung für den postmodernen Sportskanonenwahn, den Zülchs ehemaliger Mitstreiter Fischer inzwischen als deutscher Außenminister repräsentierte. Erst kürzlich war Fischer als Bundestagswahlkämpfer durchs nahe Korbach gejoggt.

„Bett- wie Fitnessern sitzen die Ängste im Nacken!“ knurrte Bott vor sich hin. Jule ließ ihn knurren. Sie hatte in ihrer Schaufel schräg über ihm lediglich etwas von „Mitessern“ vernommen. Wahrscheinlich schimpfte er auf die Maden.

Von Fischer zu den Ferkeln im Sauenstall war es nicht weit. Bott wunderte sich über Lothars Ausübung des Christentums. Las Lothar die Schwächlinge aus, indem er sie an die Stallwand schlug, konnte ihm der liebe Gott ohne Weiteres eine „Wettbewerbsverzerrung“ vorwerfen. Das war ähnlich amüsant wie „Lebendgewicht“ für den Schlachter. Ferkel Joschka dürfte sich allerdings erneut durchsetzen, wie die Prognosen standen. Bott sah die Möglichkeit, in seinem Tagebuch darüber zu schreiben. Doch es kam dann anders.


5

Statt sich viermal täglich die Zähne zu putzen, sollte man sich ebenso oft wundern, daß man noch lebt. Ruth ist von ihrem Besuch in Belgien zurückgekommen. Sie erzählt mir am Telefon, in der flämischen Stadt Torhout sei ein 12jähriger Junge beim Spielen in eine Halde aus Maiskörnern gesprungen. Er erstickte, weil sich der Mais wie Treibsand verhielt. Als ich mir diesen Todeskampf vorzustellen versuchte, fing Ruth zu weinen an.

Das Verhängnis lauert überall. Durch die Bremelbachstraße in Kassel-Wilhelmshöhe fährt ein Bagger, an dessen Ausleger eine schwere Eisenbohle baumelt. Da sich ein Befestigungsbolzen löst, kippt die Bohle zur Seite und erschlägt zwei Fußgänger. Ein Kollege von Umbach, der bei Zierenberg durch den Wald streift, tritt auf ein Wespennest. Dadurch zieht sich der Förster rund 150 Stiche zu, an denen er jämmerlich zugrunde geht. Beim Altstadtfest in Korbach rempeln sich ein Schülertrupp und ein Motorradclub an, beide angetrunken. Im Ergebnis wird Tobias Ropel erstochen, gerade einmal 16 Jahre alt.

Bei solchen Vorfällen übt sich die Bevölkerung gern in Bestürzung. Danach, daß es auf den Straßen des Schwalm-Eder-Kreises Woche für Woche Verkehrsunfälle, Schwerverletzte, Tote hagelt, kräht kein Hahn. Die unzähligen Opfer der Betriebsunfälle unserer – nach Adam Smith – schönen Gesellschaftsmaschine werden in Kauf genommen. Und zwar von den einen kaltblütig und von den anderen aus Dummheit. Bei Meister Euler lag ja das Phänomen des eigenen Totseins auch schon außerhalb des Vorstellungsvermögens.

Des flämischen Jungen eingedenk, drängen sich allerdings Millionen Kinder in Afrika oder Asien auf, die bereits mit Drei oder Fünf verrecken. Von daher bin ich als Mensch, der zufällig kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Mitteleuropa geboren wurde, beschämend bevorzugt. Hungersnöte, Seuchen und Bombardierungen sind bis heute an mir vorbeigegangen. Selbst die russische Raumsonde, die im November 1996 eigentlich den Mars ansteuern sollte, blieb mir erspart. Da es ihr wegen Antriebsproblemen mißlang, die Erdumlaufbahn zu verlassen, verlor sie zunehmend an Höhe. Während ihres 28stündigen Irrfluges brach der Funkkontakt ab; damit war die Flugbahn von „Mars 96“ nicht mehr zu beeinflussen. Insbesondere befanden sich die BewohnerInnen an der Ostküste Australiens in Angst und Schrecken, hatte es doch zunächst danach ausgesehen, Teile der fast sieben Tonnen schweren Raumkapsel, die 270 Gramm hochgiftigen Plutoniums 238 an Bord hatte, würden eben dort aufprallen. Tatsächlich stürzte die Sonde dann unweit der chilenischen Osterinseln in den Pazifik. Dort tickt das nette Osterei seitdem in rund 6.000 Meter Tiefe.

Was hier fasziniert und erschüttert, ist die absolute Zufälligkeit des Überlebens. Doch die wenigen Greise oder Greisinnen, denen das Verfassen ihrer Memoiren vergönnt ist, sparen dieses Phänomen hartnäckig aus. Sie erwecken den Eindruck, ihr Leben habe sich in undurchkreuzbaren Bahnen abgespult. Sie geben das Besondere für das Allgemeine aus. Ich persönlich bin; ergo ist das Dasein köstlich.



6

Nachdem er von Lothar in seinem Büro ausgezahlt worden war, schnallte Bott den großen Spankorb auf seinen Gepäckträger, den ihm Maria aufgenötigt hatte. Er war zu zwei Dritteln mit diversen Äpfeln gefüllt. Auf diesen erstreckte sich zudem eine mordsdicke Dauerwurst – wie sich versteht, vom Waldecker Weideschwein.

Bott schlug den Feldweg zum Obstgarten ein. Beim Pflücken hatte er auf einer Wiese ein paar fette Schafchampignons ausgemacht, die er sich nicht entgehen lassen wollte. Sie standen noch. Da im Lenkerkorb noch Platz war, schob er sein Rad zum Waldrand hinauf, um nach weiteren Pilzen zu spähen. Er hatte Glück. Er fand zwei hohe Parasolpilze und drei kleinere Exemplare des verwandten Safranschirmlings.

Mit dieser üppigen Ausbeute auf der Landstraße von Besse nach Gudensberg unterwegs, entschloß sich Bott, am Bahnhof vorbeizufahren, um Zülch für den Abend zu einem kleinen Festessen einzuladen. Immerhin war er nicht böse darum, die Ackerei bei Lothar hinter sich zu haben, hatte er doch frühmorgens wie üblich brav die Zeitung zugestellt. Zülch war erfreut. Sie vereinbarten 18 Uhr.

Zülch roch die bratenden Pilze bereits, als er den Kopf bei seiner Schwiegermutter hineinsteckte. Dann erklomm er die Stiege zu Bott hinauf. Die Pilze dufteten wirklich verlockend. Zülch setzte zwei Weinflaschen auf Botts Tisch ab, die auch nicht ohne Feuer waren. Da Bott noch in der Kochnische beschäftigt war, unterhielt sich Zülch mit Selbstbeschimpfung:

„Ich will nicht mit dem Preis dieses köstlichen Weines prahlen, Bott! Ich bin ein Idiot, so viel Geld zu opfern. Weißt du, was wir um 1970 in den Frankfurter Supermärkten gemacht haben? Nein, als DDR-Fuzzi weißt du das natürlich nicht. Wir haben am Weinregal einfach die Etiketten umgeklebt! So wurde aus einem glutvollen Schwarzriesling für sechs oder sieben Mark ein spottbilliger Amselfelder. Die Kassiererinnen hatten ja von Tuten und Blasen keine Ahnung, geschweige denn von Wein!“

„Was heißt wir?“ erkundigte sich Bott sachlich, während er mit der dampfenden Pfanne am Tisch erschien.

„Na, die ganze oder halbe WG eben, Lunkewitz, Cohn-Bendit, Mihnchen Rempler, Fischer, Claudia Roth, manchmal auch dein Namensvetter Dieter Bott ...“

„Ach so“, nickte Bott und füllte auf.

Auf dem Tisch lagen bereits eine Stange Weißbrot und die Salamiwurst von Gut Gestecke. Die Pilze hatte Bott mit Butter, Zwiebeln, Thymian und etwas zerdrücktem Knoblauch gebraten – mit Salz und Zitrone zerdrückt. Gepfeffert und gesalzen hatte er sie natürlich auch.

Zülch schnupperte durchaus lüstern an seiner Portion. Doch plötzlich erschien Argwohn auf seinem Gesicht, und er ließ sich in Botts rotem Ledersessel zurücksinken. Bott sah ihn fragend an. Zülch erklärte streng:

„Mir ist gerade eingefallen, lieber Bott, daß ich nicht die geringste Gewähr dafür besitze, in deiner Person einen ausgewiesenen Pilzkenner vor mir zu haben. Wie steht denn Gisela da, falls du mir hier einen Knollenblätterpilz unterjubelst statt des Schafchampions, den du erwähnt hast?“

Bott zeigte ihm einen Vogel. „Die Champignons, Schirmlinge, Birkenpilze sind so bekannt – die kann höchstens ein Esel verwechseln!“

„Und wenn du nun einer bist? Und dich geirrt hast?“

Bott dachte einen Moment nach, bevor er mit süßlichem Lächeln erwiderte: „Dann haben wir Schwein, mein lieber Zülch! Wir werden dem sozialen Kahlschlag der rotgrünen Ministerriege, dem Dritten Weltkrieg oder zumindest der Altersdemenz entgehen.“

„Das ist dein letztes Wort?“

Bott nickte.

Zülch gab sich geschlagen, entkorkte die erste Flasche Wein und schenkte ein.


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