Montag, 12. Dezember 2016
Als Bott die Sonne föhnte Teil 3





VI

Die Axt im Haus ...



„Meine Güte“, knurrte Bott, nachdem Ruth auf den Balkon zurückgekehrt war. „An Minderwertigkeitskomplexen leidet der ja nicht gerade!“

Ruth nahm ihren Platz wieder ein. „Wer weiß ... Wozu sonst hat er diesen Köter?“

„Und warum hast du diesen verdammten Köter in deine Wohnung gelassen?“ triumphierte Bott.

Ruth winkte unwirsch ab. Dann dachte sie: vielleicht aus Gerechtigkeit. Kürzlich war nämlich Gernhardt bei ihr zu Besuch gewesen und dessen Hündin Bella hatte sie auch erduldet.

Bott hob den Zeigefinger und stach ihn dann nach unten. Ruth beugte sich zum Balkongeländer vor. Litschel verließ gerade das Haus. Den dunkelbraunen Dobermann straff an seiner Seite, durchschritt er den schmalen Vorgarten und wandte sich auf dem Bürgersteig zur Stadtmitte.

Ruth wohnte unterhalb des Bebelplatzes in der Goethestraße, wo sich hohe Jugendstilhäuser aneinander schmiegten. Bott hatte aber Glück gehabt. Ruths Wohnung lag im 1. Stock. So konnte er am Balkongeländer sitzen, ohne es vor Angst zu umkrampfen.

Litschel ging fest und ohne Hast. Als ein freies Taxi kam, ließ er es vorüberfahren. Das ärgerte Bott, hätte es doch ausgezeichnet in sein Bild von Litschel gepaßt, wenn sich dieser nur noch chauffieren ließe. An der Kreuzung bog Litschel nach rechts in die Lasallestraße und entschwand ihren Augen.

Bott tastete mit den Zehen unterm Balkontisch nach Ruths Waden. „Glaubst du, daß du den Entwurf machen wirst?“

Sie wandte sich zu ihm und verstülpte die Lippen. „Schwer zu sagen. Mir behagt ja seine rasante Karriere auch nicht. Ich muß es mir durch den Kopf gehen lassen.“

Sie schenkte Bott und sich selber grünen Tee nach und nahm sich noch ein Stück von dem Kuchenhügel, den Bott aus Gudensberg mitgebracht hatte. Frau Rinninsland hatte in bewährter Qualität und Quantität gebacken. Der Hügel war bei ihrem gestrigen Geburtstag übriggeblieben.

Bott sah Litschel vor sich. Der drahtige Bursche machte wirklich etwas her. Blondgelockt, das Gesicht derb gehauen aber ausgewogen, enge schwarze Lederklamotten, blaue Augen, die Gewißheit verströmten – ein flandrischer Freiheitskämpfer, der gerade De Costers Ulenspiegel entstiegen war. Allerdings kämpfte Litschel in der Postmoderne. Ihre Regeln schien der gut 30 Jahre junge Zimmermannsgeselle aus dem Städtchen Korbach bereits erkannt zu haben. So wohnte er inzwischen in Kassel und war schon weit darüber hinaus als „LL“ bekannt. Mit Vornamen hieß er nämlich Lars. Wenn er an diesem Maitag Ruth aufgesucht hatte, so um sie für weitere Ruhmestaten einzuspannen. Seit dem Oktober waren von Litschels Gedichtband Zornige Wege schon über 30.000 Exemplare verkauft worden – für Gedichte, zumal aus unbekannter Feder, eine Sensation. Jetzt schwebte Litschel eine gemeinsame Veranstaltung mit der Kasseler Bigband Jazz oder Nie vor. Bott besaß deren Scheibe Voices – ein erstklassiges Werk. Litschel wollte im Wechsel mit neuen Einstudierungen der Gruppe Kurzprosastücke aus seinem geplanten zweiten Buch zu Gehör bringen. Von Ruth van Ginnecken versprach er sich das werbewirksame Plakat für diese Veranstaltung.

Ruth hatte genug Kuchen gegessen und wischte sich den Mund ab. „Was mag wohl diese Försterstochter, die Litschel im Wallertal die Zornigen Wege versüßte, für ein Mädchen sein? Vielleicht wäre es nett und aufschlußreich zugleich, sie einmal kennenzulernen. Du hast doch ohnehin vom Wallertal geschwärmt.“

Bott schnalzte anerkennend mit den Lippen. Nach Litschels Anruf hatte er Ruth nur flüchtig in dessen Werdegang einweihen können. Im vergangenen September, als der Brand von Litschels Bude durch die Presse ging, kannten sich Bott und Ruth noch nicht. Es hatte die Künstlerin damals wenig interessiert.

„Gute Idee!“ nickte Bott. „Wenn wir das über Pfingsten machen, können wir sogar eine Übernachtung einschieben.“

Bott hatte selten freie Tage, da er die Sepo auch sonntags austrug. Aber am kommenden Pfingstmontag hatte er frei. Heute war Mittwoch, sie brauchten also nichts zu überstürzen. Ein freies Zimmer in irgendeinem Landgasthof war bestimmt noch aufzutreiben. War aber Aline Nebelsieck da? Und wie kam man zu einer Verabredung mit ihr?

Ruth lachte, als er auf dieses Problem hinwies, und setzte sich unvermittelt rittlings auf seinen Schoß. „Wenn es um Stelldicheins geht, fällt dir doch immer eine Lösung ein ..!“ Sie fuhr ihm durch die schwarze Mähne und umhalste ihn. Offenbar hatte sie schon eine Art Vorfreude. Bott linste um ihren Nacken in ihr großzügiges Wohnzimmer, wo die weißbezogene Couch wie eine dämmernde Segeljacht vor Anker lag.


2

Am frühen Abend fuhr Bott mit dem Bus nach Gudensberg zurück. Da er in seiner Kleidung, die vorübergehend auf Ruths Parkettfußboden verbannt worden war, zwei oder drei eher kurze braune Haare gefunden hatte, mußte er unterwegs immer wieder an Litschel, vor allem freilich an dessen Dobermann denken. Denn von Litschel selber wie auch von Ruth und Bott konnten die braunen Haare nicht stammen.

Zwischendurch sann er über Vorwände nach, die ihm helfen konnten, an Aline Nebelsieck heranzukommen. Denn angenommen, sie hatte der Presse und den Behörden etwas verschwiegen – warum sollte sie es gerade Bott auf die Nase binden?

Sie mußte jetzt 18 oder 19 sein. Womöglich stand sie mitten im Abitur. Mit dem Bus, der jenseits der Waller auf der Landstraße hielt, fuhr sie täglich nach Korbach zum Gymnasium. Während ihrer Liebschaft hatte sie Litschel hin und wieder Zeitungen oder Bücher aus Korbach mitgebracht, denn in Ziegenhagen gab es keine Buchhandlung. Der Umstand, daß Litschel sie hatte sitzen lassen, mußte sie tief gekränkt haben. Von daher verbot es sich auch, mit der Tür ins Haus zu fallen.

Hinter Besse zweigte die Landstraße nach Metze ab. Bott folgte ihr mit den Augen. Sie berührte auf halber Höhe das von Maria und Lothar Wilhelmi bewirtschaftete Gut Gestecke; auf dem bewaldeten Kamm selber streifte sie Umbachs Revierförsterei. Dadurch kam Bott der Gedanke, er könne vielleicht Umbach einspannen. Es war ja anzunehmen, Umbach kannte seinen Kollegen Nebelsieck.

Als Bott die Treppe zu seiner Dachstube hinaufstieg, hatte er bereits einen Plan ausgeheckt. Er rief gleich bei Ruth an. Zwar nannte sie seinen Plan „haarsträubend umständlich“, doch da ihr nichts Besseres einfiel, wollte sie es versuchen. So weihte er vorsichtshalber auch noch Regine aus der Emsmühle ein, die Botts neue Geliebte bislang nur vom Hörensagen kannte.

Bott trat auf seinen Balkon. In der Hängeesche auf dem Judenfriedhof schaukelte der winzige Zaunkönig – was Bott bemerkte, weil der Winzling seinen umso mächtigeren Schellentusch ertönen ließ. Dann hörte Bott einen Seufzer von schräg unterhalb des Balkons. Es war Frau Rinninsland, die sich über das schmale Kräuterbeet bückte, das sie dem Winkel zwischen Friedhofsmauer und Nachbarhaus abgerungen hatte. Als sich die zierliche weißhaarige Frau mit einem Sträußchen aus Petersilie, Schnittlauch und Basilikum wieder aufrichtete, machte sich Bott bemerkbar. Er deutete einen vollgestopften Bauch an und sagte, daran sei Frau Rinninslands köstlicher Kuchen schuld. Sie lachte fast mädchenhaft und drohte ihm mit dem Zeigefinger. Dabei rührte sie ein paar Strahlen der Abendsonne auf. Bott sagte sich, gegen diesen stillen Winkel herrsche in der Kasseler Goethestraße geradezu ein Tosen, obwohl sie gewiß kein Albtraum war.

Bott ging ins Zimmer zurück. Er hatte Frau Rinninsland nicht belogen und holte sich als Abendbrot lediglich ein Schälchen mit schwarzen und grünen Oliven und eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank.

Während er von seinem roten Ledersessel aus Olivensteine über die Friedhofsmauer warf, probierte Bott die unterschiedlichsten Formulierungen eines Witzes durch, der ihm, die Hunde betreffend, zwischen Baunatal und Besse eingefallen war. Am Ende notierte er sich die folgende Fassung.

“Ich brauche einen begabten Begleiter, der mich schützt und dabei noch gut unterhält“, eröffnet die Dame dem Hundezüchter. – „Nehmen Sie diesen kräftigen Rottweiler hier; er kann sogar bauchreden.“ – „Was redet er denn so aus seinem Bauch?“ – „Er imitiert eine helle Frauenstimme, die in einem fort beteuert: Keine Angst, der ist ganz lieb, der tut Ihnen nichts ..!“

Bott entschloß sich, für heute abend beim Thema Hund zu bleiben und das „Aktenstudium“ zum Fall LL erst morgen vorzunehmen. Es eilte ja nicht. So holte er Tagebuch und Schreibmaschine hervor und schenkte sich Bier nach. Schließlich fand er einen Eröffnungssatz, der ihm zusagte.

Der poetisierende Zimmermann Litschel hält sich für einen Rebellen, der jegliche Herrschaft ablehnt. Aber er hält sich auch einen Hund. Wie könnte das zusammenpassen? Der Hund ist seiner Bestimmung nach ein abhängiges Wesen; er wurde von vornherein als der Sklave des Menschen erfunden. Ein Hund bettelt um Liebe. Ein Hund möchte Kommandos hören. Er will in einem fort gezüchtigt und gelobt werden; für ein bißchen Aufmerksamkeit reißt er sich alle vier Beine aus. In seiner Sucht sich zu unterwerfen stellt er genau das Gegenteil eines Rebellen dar.

Man wird vielleicht einwenden, was die Widersacher seines „Herrchens“ angehe, werfe der Hund sich ihnen todesmutig an die Gurgel, ob er nun Dobermann oder Dackel sei. Ist aber Herrschaft nicht immer ein Gewaltverhältnis? Und muß dann, wer Herrschaft ablehnt, nicht auch die Anwendung von Gewalt verpönen? Die anarchistische Kommune Emsmühle hat es immer strikt abgelehnt, ihren nur spärlich umzäunten Hof von einem Hund bewachen zu lassen. Sie ist nicht daran interessiert, EinbrecherInnen, OrdnungshüterInnen oder Faschisten von einem ihr hörigen Rottweiler oder Schäferhund zerfleischen zu lassen. Denn Gewalt gebiert immer nur neue Gewalt. Dagegen könnte ein unvergittertes Fenster die zarten Saiten im Räuber anrühren. Wir ernten, was wir säen, wurde Alain nicht müde zu betonen. Säen wir also Vertrauen. Von dieser Art Kredit hat der Kapitalismus nie viel gehalten; sonst wäre seine chronische Neigung zu Spionage und Aufrüstung unerklärlich.

Damit berühren wir einen anderen Aspekt. Wer angibt, hat's nötig! Dasselbe gilt für Drohungen und Gewalttaten. Ruth hat bereits den Verdacht geäußert, Litschel sei, seiner siegessicheren Art des Auftretens zum Trotz, von den verbreiteten Minderwertigkeitsgefühlen keineswegs frei. Wir können das in unseren Städten in jeder Straße beobachten: einen Hund als Begleiter zu haben, der ungestraft jeden Laternenpfahl anpinkeln darf, erhebt noch das kleinste und erbärmlichste Licht zu nie gekanntem Machtgefühl. Vielleicht hat Litschel instinktiv gespürt, daß er als authentisch hämmernder Dichter nur ein Hampelmann der Medien und des Verlagsimperiums Brinkmeyer ist. Sobald sie ihn fallen lassen, wird er seinen Dobermann auf sie hetzen.

Möglicherweise sollte Aline Nebelsieck sich glücklich schätzen, wenn der verwegene Brückenbewohner Litschel mit seinem „Nest“ auch sie im Stich ließ. In seinem Nest vermißte Litschel keinen Köter. Aber was wäre passiert? Er hätte stattdessen Aline ein paar Kinder gemacht. Denn Kinder sind ihrer Bestimmung nach abhängige Wesen. Sie betteln um Liebe. Sie möchten Kommandos hören. Für ein bißchen Aufmerksamkeit brüllen sie sich die Seele aus dem Leib. Bei Litschel wären sie an der richtigen Leine gewesen.

Hier drängt sich zuletzt ein Bezug auf, mit dem wir den engen Bezirk der Sozialpsychologie verlassen, um ganz pragmatisch zu urteilen. Bekanntlich besteht die Welt aus einer „westlichen Wertegemeinschaft“ und dem großen Rest, der von jener die „Humanität“ empfängt, notfalls durch Bomben. Und so nehmen wir auch eiskalt in Kauf, daß außerhalb unserer Wertegemeinschaft in jeder Minute soundsoviele Säuglinge verrecken, während wir in unseren Städten wahre Herden stinkender und scheißender Köter mästen und hätscheln.



3

Während Bott die vorstehenden Sätze schrieb, gelang es Ruth, Revierförster Umbach zu erreichen. Sie stellte sich als Malerin und Bühnenbildnerin vor, die händeringend nach einer anziehenden Försterstochter samt Kulisse suche. Ihre Freundin Regine aus der Emsmühle habe erzählt, er selber, Herr Umbach, könne leider nur mit zwei Söhnen glänzen, doch Kollege Nebelsieck aus dem Wallertal habe angeblich eine reizende Tochter.

Umbach war von der kessen Stimme der Anruferin eingenommen. „Ach – Sie meinen Aline Nebelsieck? Weißgott, Frau van Ginnecken, das ist ein anziehendes Mädchen. Übrigens ein bißchen im Gegensatz zu ihrem Erzeuger, im Vertrauen gesagt. Da müssen Sie sich vorsehen, daß Sie dem gestrengen Edmund nicht mißfallen ... Sie wollen also Aline malen. Ja – warum denn nicht? Vermutlich freut sie sich darüber. Rufen Sie einfach mal an, ich gebe Ihnen die Nummer. Berufen Sie sich nur auf mich. Notfalls kann sich Aline ja bei mir vergewissern, daß wir uns kennen.“

Ruth besaß ein schnurloses Telefon. Nachdem sie es befriedigt neben sich auf das Sofa gelegt hatte, umschlang sie ihre Kniee, um den nächsten Schritt zu bedenken. Den Förster hatte sie offenbar recht geschickt überrumpelt. Wahrscheinlich glaubte Umbach schon selber daran, mit Frau van Ginnecken bekannt, ja befreundet zu sein. Doch was Aline betraf, war kaum anzunehmen, sie lasse sich den Bären aufbinden, „samt Kulisse“ als Modell für eine Försterstochter benötigt zu werden. Ruth brauchte sich nur ein Pferdeschwänzchen zu binden und in den Wandspiegel zu gucken, dann hatte sie eine Försterstochter.

Nach einigen Minuten wählte sie die ergatterte Nummer. Sie hatte Glück. Nicht Edmund der Schreckliche – Aline nahm den Hörer ab. Das Mädchen sprach hell und hold wie ein Rotkehlchen sang. Damit wirkte es auf Ruth nur beflügelnd.

Revierförster Umbach, mit dem sie bekannt sei, habe Aline einmal erwähnt – wie sie aussehe, sich bewege und so weiter. Und genau diesen reizvollen, aber leider raren Mädchentypus benötige sie als Modell. Sie nehme es jedenfalls stark an, daß Aline sehr geeignet sei für ihre Zwecke. Selbstverständlich werde sie für ihre Mitarbeit von Ruth entlohnt.

„Ruth van Ginnecken, sagten Sie? Haben Sie diese Comicbücher mit Rotkäppchen und Münchhausen gemacht?“

Wenn sie für Aline kein unbeschriebenes Blatt war – umso besser! Aline war von der Aussicht, Ruth kennenzulernen und vielleicht sogar für sie zu arbeiten, ziemlich angetan. Allerdings hatte sie kaum Vorstellungen, was von einem Modell erwartet wurde; sie sei da ganz unbeleckt. Ruth konnte sie beruhigen.

Sie verabredeten sich für Pfingstmontag. Ruth wollte vormittags gegen 11 eintreffen. Sie gab Aline für alle Fälle ihre Telefonnummer und ließ sich ihrerseits die Lage des Forsthauses beschreiben, obwohl ihr Schwarzmilan längst darüber im Bilde war. Sie beendeten das Gespräch.

Ruth setzte sich noch für zwei Stündchen an ihren Zeichentisch. Dann duschte sie und gab sich im Bett den Nachforschungen Kommissar Maigrets hin. Sie betrafen Die Tänzerin Arlette. Allerdings las sie die Krimis um Maigret nie ohne Unmut. Simenon mochte ihn noch so sympathisch malen und mit allerlei Unzulänglichkeiten ausstatten: Maigret war der Prototyp des Patriarchen. „Bis morgen, Kinder.“ Gemeint war sein Stab. Bott hatte ihr einmal von seinem letzten Chef Euler erzählt, der ihn wie selbstverständlich duzte, obwohl er kaum älter war als Bott. Genauso hielt es Maigret mit seinen Inspektoren, Wachtmeistern, Ganoven. Er hatte es noch nicht einmal nötig, seine Befehle in die Form der Bitte zu kleiden. An ihn gerichtete Fragen, die er für dumm oder belanglos hielt, ignorierte er. Maigret war der herausgehobene Mensch. Der Kummer, den Inspektor Lognon mit seiner Frau hatte, war unwichtig. Das Gesindel, das sich in Monmartre herumtrieb, war Dreck. Der Verdächtige Philippe ist labil, morphiumsüchtig, schwul.

Inspektor Torrence hält sich schadlos, indem er Philippe stundenlang ins Kreuzverhör nimmt. Er darf ihm auch eine kräftige Ohrfeige versetzen; Maigret hat nichts dagegen einzuwenden. Er darf sich das Maul über Philippes „Abnormität“ zerreißen; dem biederen Maigret ist es nur recht. Zuletzt mißt Maigret dem verkommenen, aber unschuldigen Philippe die Rolle eines Lockvogels zu. Er hofft, der mutmaßliche Mörder Bonvoisin werde sich an Philippe heranmachen, um diesen als Zeugen des Mordes zu beseitigen. Er werde Philippe so viele Männer auf den Fersen folgen lassen, wie zu seinem Schutz erforderlich seien, versichert Maigret. „Ja, und wenn er trotzdem daran glauben muß, sage ich mir, ist das kein großer Verlust.“

Ruth klappte das Buch zu, warf es auf ihren Bettvorleger und löschte die Leselampe. Vor ihrem Schlafzimmerfenster stand ein Baum. Im Sommer ließ sie die Innenjalousien selten herunter, weil sie gern in das Laub blinzelte, das wegen der Straßenlaternen nie völlig gestaltlos war. Ihr Lockvogel war im Moment Aline, die mit betörender Stimme nach ihrem blonden Zimmermann rief. An Litschels Stelle hätte sie sich auch in das Mädchen verliebt – allein von der Stimme her. Sie war gespannt, was Aline inzwischen von ihrem Verflossenen hielt. Eine wie Maigrets Gattin war sie ja wohl kaum. Oder wie Litschels Köter.

Ruth schüttelte sich und drehte sich auf die andere Seite.


4

Nach dem Frühstück telefonierte Bott zunächst mit Ruth; dann rief er beim Waldecker Kurier an, der in Korbach erschien. Eine Frau vom Archiv versprach ihm prompte Zusendung der gewünschten Artikel. Litschel hatte sie im Laufe des vergangenen Sommers in dem liberalen Blatt untergebracht, um Pläne zu enthüllen, die das Wallertal zu verwüsten drohten. Damals war ja Litschel selber Bewohner des Wallertals. Mit seinen Artikeln bewirkte er allerhand. Sie waren in den Berichten und Interviews erwähnt oder zitiert worden, die Bott bereits besaß, weil er den Fall LL verständlicherweise mit Interesse verfolgt hatte. Dieses Material stammte aus überregionalen Blättern oder Zeitschriften.

In einer Eingebung hatte sich Bott bei der Archivfrau auch erkundigt, ob es in der Korbacher Altstadt vielleicht ein halbwegs erschwingliches Hotel gebe. Sie empfahl ihm den Gasthof Zur Waage an der Kilianskirche. Dort war – wie Botts nächster Anruf ergab – ein Doppelzimmer mit Frühstück für 35 Euro zu haben. Das war kein Trinkgeld, aber Bott nahm es. Ruth zahlte.

Mit Ruths Namhaftigkeit hatte Bott bislang keine Probleme gehabt. Bei seinem Selbstbewußtsein bereitete es ihm eher ein schadenfrohes Vergnügen, im Schatten einer genauso bewunderten wie beneideten Künstlerin zu stehen. Sie wurde oft belästigt. Da Ruhm und Ruhe selten unter einem Dach wohnten, wie schon Montaigne erkannt hatte, zog Bott seine glanzlose Stube vor.

Hier klopft allerdings doch ein Problem an. Denn etwas heikel war das finanzielle Gefälle zwischen Ruth und Bott. Ruth lebte auf größerem Fuße. Er dagegen konnte sich kaum ein Konzert in der restaurierten Gudensberger Zwergsynagoge leisten, von Übernachtungen in Gasthöfen ganz zu schweigen. Also zahlte Ruth für ihn mit. Es war von vornherein klar, daß sie für beide zahlte. Ihr bereitete dieser Umstand nicht die geringsten Bauchschmerzen. Die Armut gehörte eben mit zu Bott. Sie schätzte sowohl seine Persönlichkeit wie seine konsequente randständige Lebensweise, durch die er seine Unbescholtenheit und seine Unabhängigkeit gewährleistet sah. Nur war ihr bislang nicht aufgegangen, er könne sich womöglich in seinem Stolz verletzt fühlen, weil er sich – da ihm nichts anderes übrig blieb – streckenweise von ihr aushalten ließ.

Darauf belief sich das Problem freilich nicht. Bott hatte beträchtliche Schwierigkeiten, umgekehrt Ruths Lebensstil hinzunehmen. Ihre Wohnung hatte drei große Zimmer und kostete sie 600 Euro Miete – soviel stand ihm ungefähr pro Monat im ganzen zur Verfügung. Wozu brauchte sie drei große Zimmer? Mit Parkettfußboden und Türklinken aus Messing? Auch liebte sie häufige Restaurantbesuche – während Bott Millionen Menschen in Nah und Fern wußte, die am Hungertuch nagten. Darauf hatte Ruth einmal unwirsch erwidert: „Indem du selber darbst, hilfst du doch denen auch nicht!“

Das mochte bereits Zynismus streifen, traf aber noch nicht einmal den Kern der Sache. Für Bott war es eine Frage der Selbstachtung und der Solidarität, wenn er es verschmähte, wie die Made im Speck zu leben. Das war Ruth allerdings kaum begreiflich zu machen. Vielleicht lag es an ihrer Herkunft aus betuchtem Hause. Ihr Vater war Oberarzt in einer Privatklinik in Bad Inzell; vielleicht gehörte sie ihm auch.

Dem Automobil war Ruth ebenfalls verfallen, wie fast jeder Erdenbewohner. Sie fuhr den jeweils nagelneusten VW Golf GTI. Diesbezüglich hatte er bereits einen Seufzer in seinem Tagebuch festgehalten, den er Ruth lieber nicht vortrug: Wenn Kanzler Gerhard Schröder für eine Kontinuität steht, dann für die unbedenkliche Automobilisierung des deutschen Volkes, die unter der Regie von Adolf Hitler und Ferdinand Porsche begonnen hat. Solange die Schäden und Opfer dieses Rollkommandos regelmäßig statistisch erfaßt werden, ist alles in Ordnung. Auch Ruth scheint das so zu empfinden, und das Entwaffnende ist, sie hat die Erfahrung auf ihrer Seite. Sie wird in der Zeitung niemals von ihrem eigenen Tod lesen. Es sind immer nur die anderen, die es erwischt.

Peinlicherweise würde ihn Ruths Auto an Pfingsten in die Lage versetzen, etliche Schauplätze im Dreieck Korbach-Arolsen-Wolfhagen aufzusuchen, und zwar ziemlich komfortabel.


5

Litschels Waldecker-Kurier-Artikel waren gut. Das konnte Bott neidlos anerkennen. Wäre der Zimmermann nur bei dieser schmucklosen journalistischen Prosa geblieben! Denn Litschels Zornige Wege, die er in seinem Brückennest ausgesponnen hatte, atmeten ein unerträgliches Pathos. Ein Wust von Bildern anstelle einiger nachvollziehbarer Gedanken. Warum war so etwas gedruckt und dann sogar gefeiert worden?

Vielleicht gefiel das Kämpferische seines Werdegangs. Immerhin hat Litschel eine halbjährige Durststrecke zu überwinden, während er im Sommer 2000 über der Waller hockt. Von Alines Vater wird er boykottiert. Auch der Deutschen Bahn AG, Eigentümerin der stillgelegten Wallertalbrücke, hat er zu trotzen – so will es jedenfalls die LL-Legende. Dann zieht sich Litschel mit seinen schonungslos geschriebenen WK-Artikeln den Haß Von Gemmichs, zahlreicher GolfspielerInnen und einiger Gasthaus- oder GrundbesitzerInnen zu, darunter ein echter Fürst. Dafür quittieren angesehene literarische Verlage wie Hanser, Klett, Suhrkamp die eingereichten Kostproben aus Litschels Gedichtzyklus mit Schweigen. Die ganze Welt hat sich gegen den Brückenbewohner verschworen. Der „Gipfel der Niedertracht“ (LL) ereilt ihn im September. Kaum hat er der Verschwörung die letzten Verse oder Pfützen seiner Zornige Wege abgerungen, kann er sich „nur um ein Haar“, wie er später gern in jedem Interview betont, vorm Flammentod retten! Hier wird die Faszination des Bildes vom dichtenden Zimmermannsgesellen verständlich, der sich seine blonden Locken rauft. Frau Isolde Ohlbaums Kamera sollte ihm noch im selben Herbst höhere Weihen verleihen.

Vor seinem „Durchbruch“ mit Zornige Wege hatte Litschel lediglich eine in seinem Arbeitsmilieu angesiedelte Erzählung veröffentlicht, die 1999 in der Vierteljahresschrift Umbruch erscheint. Diese Erzählung nebst einer Skizzierung seines geplanten Gedichtzykluses reicht Litschel beim Literaturfond des Landes Hessen ein. Im Frühjahr 2000 kommt die frohe Botschaft, Litschel sei ein Förderstipendium zuerkannt worden. Damit stehen ihm für sechs aufeinander folgende Monate seiner Wahl 6.000 Euro zur Verfügung. Siegesbewußt kündigt er auf der Stelle Wohnung und Arbeitsplatz. Da ihm noch Urlaub zusteht, ist er sofort frei. In der Frühe bricht er zu Fuß von Korbach Richtung Waroldern auf, denn er hat es sich in den Kopf gesetzt, im jenseits gelegenen Wallertal eine geeignete Klause für seine geförderte lyrische Arbeit aufzutreiben. Kaum hat er nördlich von Gut Espenborn die mächtige rote Backsteinbrücke erblickt, verliebt er sich „spontan“ in sie. Der Brücke auf den Fuß folgt die Försterstochter.

Für Bott lag die eifrige Legendenbildung um Litschels unerschrockenes Kläusnertum im Wallertal auf der Hand. Federführend war dabei die ehrgeizige Literaturzeitschrift Umbruch, die alles, was aus Litschels Mund kam, für bare Münze nahm. In der Tat profitierte sie dann nicht wenig von dem kometenhaften Aufstieg des von ihr „entdeckten“ Zimmermanns. Sie machte sich auch gerne dessen griffiges Logo LL zu eigen, spielte es doch auf den großen Schlawiner BB an.

Von Aline einmal abgesehen, war Litschels einziger Verbündeter im Wallertal der Müller Wondretsch aus der unweit der Brücke gelegenen Grundmühle. In einem Interview versichert Litschel, sie seien sich auf Anhieb sympathisch gewesen – wann genau, läßt er allerdings offen. Jedenfalls konnte dem Müller ein Zimmermann nur gelegen kommen, drohte doch die Scheune der Grundmühle über kurz oder lang einzufallen. Litschel ging ihm den Sommer über zur Hand. Sieht man einmal von den Gartenerzeugnissen ab, die ihm die Müllerin in den Rucksack steckte, tat er dies natürlich unentgeltlich. Schließlich war es Wondretsch gewesen, der Litschel zunächst ein Stück Wiese abtrat und der ihm dann bei der Durchführung eines recht ungewöhnlichen Bauvorhabens behilflich war.

Wondretsch besaß eine Wiese, die sich vom Ufer der Waller bis zum Waldrand hochzog. 4 der 10 Pfeiler der Wallertalbrücke standen auf dieser Wiese. Litschel hatte sich für den höchsten Brückenbogen entschieden. Von dort aus konnte er fast in die Waller spucken. Nur ein holpriger Fahrweg verlief zwischen dem Flüßchen und dem Brückenpfeiler, der Litschels hängender Behausung die Westwand stiften sollte.

Wondretsch war von dem Plan begeistert. Da er Traktor nebst Hänger besaß, konnten sie sich im Ziegenhagener Sägewerk mit dem erforderlichen Bauholz eindecken. Auf Maschinen – die Strom oder Benzin benötigten – verzichtete Litschel gern. „Wir sägten alles mit der Hand“, erfuhren Umbruch-LeserInnen einige Wochen später durch Litschels Brief aus dem Wallertal. „Die tragenden Balken genauso wie die Bretter, die wir als Dielen aufnagelten oder in die beiden Außenwände verwandelten. Es war ein ziemlich kühler Apriltag, doch liefen wir kaum Gefahr zu frieren. Gegen Abend, bevor noch die Sonne unterging, war von Wondretschs saftiger Wiese zumindest im Umkreis des höchsten Brückenbogens nichts mehr zu sehen. Alles lag unter einem dicken Teppich aus Sägespänen. Obwohl ihn Eimer von Schweiß tränkten, roch er kaum schlechter als eine Aprilwiese. Als sich Wondretsch einmal prustend vom Sägebock aufrichtete, nickte er grinsend gen Espenborn: 'Wir sollten die Kur Von Gemmich empfehlen! Auf den paar Treppenstufen vor seinem sogenannten Schloß stöhnt er vor lauter Feistigkeit, während Nebelsiecks Mannen auf sein Geheiß mit Jeeps und Kettensägen durch die Wälder rasen.' Man sieht, wir verstanden uns.“

Nach zwei langen Arbeitstagen war das Werk getan: im oberen Teil des Brückenbogens hing eine nagelneue Bretterbude. Die tragenden Balken waren in bald vier Metern Höhe über Wondretschs Wiese in die beiden Pfeiler eingelassen. Das Brückengewölbe – Litschel tünchte es anderntags weiß – gab die Decke seiner Bude ab, die in der Mitte knapp drei Meter hoch war. Die beiden Außenwände gingen nach Norden und Süden und zeigten – versetzt zueinander – je ein Fenster. Die Falltür im Fußboden war beiderseits mit Riegeln versehen – „ein Umstand, der mir noch zum Verhängnis werden sollte“, dramatisierte Litschel später in einem Spiegel-Interview.

Litschel pflegte den äußeren Riegel mit einem Vorhängeschloß zu sichern, sobald er die Brücke verließ, um eine Besorgung zu machen oder irgendwo im Unterholz Aline mit seinen heißen Küssen zu bedecken. Es gelang ihm nur selten, Aline in sein Brückennest zu schmuggeln, denn Edmund Nebelsiecks Feldstecher war ein professionelles Gerät. Da er die Luke auf Wondretschs Vorschlag hin in Höhe des Nordfensters eingerichtet hatte, war Litschel in der Lage, die Leiter abends einzuziehen und morgens wieder hinabzulassen. Ohne die Fensteröffnung wäre die Leiter zu lang gewesen. Tagsüber lehnte sie an einer Leiste unter der Luke. Ging Litschel weiter weg, schloß er die Leiter mit einem zweiten Vorhängeschloß am Brückenpfeiler an. Dort hatte Wondretsch vor Jahren, als er noch Kühe besaß und diese im Sommer auf der Weide molk, etliche Eisenringe eingelassen.

Binnen weniger Tage hatte sich Litschel „eingerichtet“ und seine wesentlichen Rituale gefunden. So schlief er etwa auf einer nur von einem Schaffell bedeckten Schütte aus Fichten- und Lärchentrieben. Zu seinen Ritualen zählte bereits im April das Morgenbad in der Waller, das ihn für seine zornigen Verse stählte. Er trank ausschließlich Kräutertee, auf einem Propangaskocher bereitet. Das Trinkwasser schaffte Wondretsch hin und wieder im Faß zur Brücke. Alkohol und Nikotin hatte Litschel über Nacht geächtet. Auf einem alten Küchentisch aus der Grundmühle, an dem er auch schrieb, stand eine Petroleumlampe. Zum Telefonieren suchte er die Mühle auf. Bücher und Zeitungen besorgte ihm Aline. Hin und wieder radelte er nach Ziegenhagen, um ein paar Lebensmittel einzukaufen oder auf der Post Geld abzuheben. Das Rad lieh ihm Wondretsch aus.

In einem Beitrag für die SZ am Wochenende, der im März 2001 erschien, erläuterte Litschel: „Als ich im September fliehen mußte und in der Kommune Niederkaufungen, die mir freundlicherweise Obdach gewährt hatte, Kassensturz machte, besaß ich von jenen 6.000 Euro aus der Hessischen Landeskasse noch über 3.500. Dabei hatten mich allein das Baumaterial und ein paar Werkzeuge rund 500 Euro gekostet. Jetzt konnte ich Thoreaus Walden nachvollziehen. Allerdings gab ich auf meine stolzen 3.500 Euro zunächst nicht viel, hatte ich doch täglich mit Miet- und Schadenersatzforderungen der Bahn zu rechnen; von der Klage, die mir der Fürst angehängt hatte, ganz zu schweigen. Ich besaß damals weder eine Brandschutz- noch eine Rechtsschutzversicherung. Daß meine Zornigen Wege noch im Oktober erscheinen und allein bis zum Jahresende 20.000 KäuferInnen finden würden, konnte ja niemand ahnen.“


6

Astrid hielt sich in jüngster Zeit öfter in der Kommune Niederkaufungen auf, denn ihr neuer Geliebter lebte dort. Die ungewöhnlich große Kommune – mit Kindern und Jugendlichen umfaßte sie bald 80 Personen – bewohnte einen ehemaligen Gutshof am Ostrand des Kasseler Beckens. Holger war gelernter Maschinenschlosser und arbeitete in der Komm-Bau GmbH mit. Er lebte schon länger in Niederkaufungen. Bott hatte sich einmal in der Emsmühle angeregt mit ihm unterhalten. Jetzt rief er ihn im Zug seines „Aktenstudiums“ an, um ihn ein wenig über Litschel auszuholen, der ja im zurückliegenden Herbst für immerhin drei Wochen Gast der Kommune an der Losse gewesen war.

Holger erinnerte sich auf Anhieb. Das sei bei Litschels Geltungsdrang auch kaum verwunderlich. So habe sich Litschel schon auf dem ersten Wochenplenum, an dem er als Gast teilnehmen durfte, mit vorwitzigen Stellungnahmen eingemischt und später sogar angefangen, aus seinem Gedichtzyklus zu zitieren.

„Hat euch der versdrechselnde Zimmermann erzählt, daß er im Wallertal ein blutjunges Mädchen sitzen ließ?“

„Nein. Jedenfalls ist mir nichts davon bekannt. Aber von unseren eigenen Frauen kamen Klagen.“

„Wieso?“

„Während einiger warmer Septembertage lief er nicht nur in kurzen Hosen, sondern auch stets mit entblößtem Oberkörper im Hof herum. Selbst zum Mittagessen zog er sich nichts über. Man konnte den Eindruck haben, als Zimmermann wolle Litschel mit seinem kräftigen und wohlproportionierten Gebälk prahlen. Jedenfalls beschwerten sich etliche Frauen, und Tom, der sich um Litschel zu kümmern hatte, unterband seine halbnackten Auftritte.“

Bott runzelte die Stirn, weil er nicht recht verstand, wo hier die Verfehlung lag. Er hütete sich allerdings, darüber mit Holger zu diskutieren. So wechselte er das Thema, indem er sich bei Holger nach der Lage in der Komm-Bau erkundigte, wo der Weggang von Jürgen eine empfindliche Lücke gerissen hatte. Schließlich dankte er Holger und bat ihn Astrid zu grüßen, die Holger ja vermutlich inzwischen etwas häufiger sehe als er selber. Holger kicherte.


7

Litschels Brückennest war in der Nacht vom 4. auf den 5. September in Flammen aufgegangen. Neben einem Haufen aus Asche oder Holzkohle blieben kaum mehr als Gasflasche, Petroleumlampe und Schreibmaschine unter dem Brückenbogen zurück. Wondretsch und Aline bezeugten, Litschel habe nie geraucht. Litschel selber beteuerte, er habe die Petroleumlampe stets sorgfältig gelöscht. Da sich Litschel genug Feinde gemacht hatte, war auch die Polizei geneigt, Fahrlässigkeit oder Zufall als Brandursache auszuschließen. Sie bequemte sich nach Rücksprache mit der Brückeneigentümerin zu einigen Ermittlungen, die natürlich im Sande verliefen. Schließlich war im Wallertal keine Villa abgebrannt. Händel um Versicherungen drohten ebenfalls nicht.

Die Deutsche Bahn AG hatte sich verblüffend unbürokratisch gezeigt. Ein Sprecher ihrer Paderborner Liegenschaftsverwaltung wurde im Rundfunk mit der Erklärung zitiert: „Die Deutsche Bahn AG fühlt sich durch Herrn Litschels eigenmächtige Quartiernahme in der stillgelegten Wallertalbrücke nicht ernstlich verletzt. Sie bittet lediglich darum, von Nachahmungen abzusehen.“ Wenn Litschel noch im Jahr darauf – etwa in der SZ am Wochenende – von drohenden Miet- und Schadenersatzforderungen der Bahn sprach, war ihm also der erfrischende Großmut der Paderborner Verwaltung entweder nicht ans Ohr gedrungen – oder er hatte ihn geflissentlich überhört, um sich immer mal wieder als Drachentöter aufblasen zu können.

Durch die lokalen Rundfunksender und den Waldecker Kurier, deren freier Mitarbeiter Litschel schließlich war, hatte sich trotz der lustlosen polizeilichen Ermittlungen eine gewisse Öffentlichkeit hergestellt. Aus Kassel bemühten sich sogar die Fernsehleute der Hessenschau zum Tatort. In dieser „Öffentlichkeit“ wurden mehrere Personen, mit denen Litschel auf Kriegsfuß stand, als mögliche TäterInnen gehandelt. Die meisten Tips fielen auf Von Gemmich, wobei man sich darüber einig war, er habe sich natürlich nicht selber die Hände schmutzig gemacht. In dieser Hinsicht kam auch Alines Vater ins Gerede. Falls Von Gemmich den Anschlag tatsächlich auf dem Kerbholz hatte, mußte ihm allerdings eine beachtliche Kaltblütigkeit bescheinigt werden. Er hatte nämlich aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Vor dem Aschenhaufen unter der Brücke stehend, versicherte er einer Reporterin der Hessenschau mit Ingrimm: „Herr Litschel wäre mir, das räume ich gerne ein, als Leiche noch lieber gewesen.“ Dieser Satz wurde damals oft zitiert. Dem Justitiar des Verlagshauses Brinkmeyer hatte Von Gemmich damit dummerweise eine entscheidende Abwehrwaffe in die Hand gegeben. Mit Verweis auf diesen Satz konnte jener nämlich den Fürsten Wittekind zu Waldeck und Pyrmont aus Arolsen dazu bewegen, seine Verleumdungsklage gegen Litschel zurückzuziehen. Der Fürst und Von Gemmich waren eng befreundet. Und es steht zu vermuten, daß der Fürst auch mit Von Gemmichs Plänen sympathisierte, das Wallertal recht rüde umzugestalten.

Von Gemmich – der daneben immerhin noch rund 1.000 Hektar Wald besaß – hatte sich entschlossen, die Landwirtschaft aufzugeben und das ganze Gelände zwischen Gut Espenborn und der Försterei an den Golfplatzkönig Hubert Kleim zu verkaufen, der im Wallertal die modernste und reizvollste Anlage Europas zu schaffen gedachte. Für die PolitikerInnen in Korbach und Kassel winkte damit das große Glück zahlreicher Arbeitsplätze. Leute wie der Müller Wondretsch dagegen sahen die Verwandlung des Wallertals in eine Wüste auf sich zukommen: durch Entwässerung, Verarmung der Tier- und Pflanzenwelt, Lawinen von Limousinen – „aus einer noch nahezu bezaubernden gewachsenen Landschaft“, resümiert Litschel in seinem ersten WK-Artikel, „wird ein Tablett gemacht, damit sich die Bonzen und Schicksen der Nation ungehindert um sich selbst drehen können.“ Nach diesem treffenden Vergleich schoß sich Litschel auch gleich auf seinen und des Müllers mächtigen Nachbarn ein:

„Der Baron Albert von Gemmich hält sich viel darauf zugute, in einem Schloß oder Herrenhaus zu wohnen, darin sein seliger Urgroßvater Winfried so manchem abgerissenen romantischen Künstler Obdach gewährte, der dann zu großem Namen kam. Gedenken wir also des Dichters Emanuel Geibel. Just auf Gut und Schloß Espenborn schrieb er um 1850 sein wohl bekanntestes Gedicht, das in den Schatz unserer Volkslieder einging. Wie aber hätte es Geibel ohne Zweifel im Mai 2000 formuliert? Die Nordhessen werden es demnächst von allen Hüttendächern schmettern: Der Kleim ist gekommen, die Leute schlagen aus ...“

Der Hieb war durchaus geistreich, ließ allerdings für Botts Empfinden auch erkennen, wie sehr sich Litschel in der reichlich antiquierten Rolle des Volkstribun gefiel. Wenn sich Litschel zudem mit dem Fürsten anlegte, der jenseits des Twistesees in dem von allen Kunstführern gepriesenen Barockstädtchen Arolsen residierte, entsprang es wohl demselben Trieb. Im Vergleich zu Von Gemmich war der Fürst eine Berühmtheit, und Litschel gedachte sie vor allem deshalb anzupinkeln, damit sie auf ihn abfärbe. Auf pure Vermutung gegründet, stellte er den Fürsten dreist als den Drahtzieher der beabsichtigten Zerstörung des Wallertals hin. Zum „Beweis“ dafür zog er kurzerhand herbei, was alles der Fürst noch sonst an Dreck am Stecken habe. So ritt er ausgiebig auf der Sanierung des Arolser Schlosses herum, deren Kosten auf rund 20 Millionen Euro veranschlagt worden waren. Wittekind, Mitte 60, blieb es erspart, hierzu auch nur 20 Cent beizusteuern, hatte er doch seine heruntergekommene Residenz wohlweislich in die mildtätige Öffentliche Hand geschoben, die ihm dafür ein Wohnrecht auf Lebenszeit einräumte. Jetzt konnte der Fürst nur noch rund 3.200 Hektar Land sein Eigen nennen, vor allem Wälder. Sein Vermögen wurde auf ungefähr 30 Millionen Euro geschätzt.

„Es gibt keine Klassengegensätze mehr“, spottete der scharfzüngige Zimmermann Litschel. „Legt meine Mutter Rosemarie ein neues Stück Kernseife aufs Waschbecken, feuchtet sie es an und drückt den winzigen dünnen Rest des vorangegangenen Stückes auf es, damit nur nichts verloren gehe. Ihre Rente beträgt keine 600 Euro. Anderswo duscht man mit Champagner.“

Zudem machte sich Litschel natürlich zunutze, mit Arolsen einen bundesweit bekannten Hort der Reaktion vor der Nase zu haben. Bis in die 90er Jahre hinein fanden dort in schöner Regelmäßigkeit die „Kameradschaftstreffen“ diverser SS-Einheiten und Wehrmachtsverbände statt. Die Kasseler Richterfamilie Kallenbreuer hatte sich ja ebenfalls gern nach Arolsen aufgemacht. Als mehr oder weniger heimlicher Schirmherr dieser Zusammenkünfte galt Fürst Wittekind. Dessen Rolle konnte Bott nicht mehr verblüffen, nachdem er sich mit der jüngeren Familiengeschichte derer zu Waldeck und Pyrmont beschäftigt hatte. Wittekinds Vater Josias zählte zu den 47 Höheren SS- und Polizeiführern des „Dritten Reiches“. Als im Frühjahr 1945 die Rote Armee nahte, befahl er die Evakuierung des KZ Buchenwalds. Er selber kommt – wie zahlreiche andere faschistische Schwerverbrecher – mit einem blauen Auge davon. Von einem US-Militärgericht ursprünglich zu lebenslanger Haft und hoher Geldstrafe verurteilt, wird er schon 1950 zum „Hausarrest“ auf sein fürstliches Anwesen in Arolsen entlassen. Auch sein Vermögen bleibt nahezu unangetastet. So braucht sich Sprößling Wittekind nicht nach der Decke zu strecken. Wird er gelegentlich auf zwei berühmte Männer angesprochen, die 1936 als seine Taufpaten fungierten, sieht er keine Veranlassung, sich von ihnen zu distanzieren. Sie hießen Heinrich Himmler und Adolf Hitler.

Die Ermittlungen im Wallertal wurden schon Ende September eingestellt. Eine Journalistin, die für die Frankfurter Rundschau vor Ort war, faßte sie gut zusammen. Danach rollten der oder eher die Täter in den frühen Morgenstunden des 5. September von einem nahegelegenen Stoppelfeld vermutlich mehrere Strohwalzen unter Litschels Brückennest. Sie bildeten daraus eine Art Zwergpyramide, mit deren Hilfe sie den äußeren Falltürriegel vorschieben konnten, übergossen das Stroh mit Benzin, entfachten es und suchten das Weite. Die Journalistin schließt:

„Zum Glück erwacht Litschel vom ersten Rauch. Zwar findet er zu seinem Schrecken die Falltür verriegelt, doch dann läßt er die eingezogene Leiter geistesgegenwärtig zum Fenster heraus, um sich auf diesem Wege zu retten. Unten angekommen, rennt er zur Mühle und alarmiert die Feuerwehr.

Wie Litschel bestätigte, war die Propangasflasche, die man in den verkohlten Überresten seiner Klause fand, zufällig fast leer gewesen; andernfalls – so die Feuerwehr – wäre es wohl zu einer Explosion und dem Einsturz der halben Brücke gekommen. Die beiden Falltürriegel fanden sich ebenfalls in der Asche – leider auch die Schreibmaschine, was Litschel am meisten bedrückt. Immerhin: das Manuskript seines in Kürze erscheinenden Gedichtzyklus Zornige Wege konnte er retten.“


8

Ruth hatte Bott am Pfingstsonntag zeitig abgeholt, denn sie wollten ein gutes Stück des Wallertals durchwandern. Sie stellten Ruths Wagen in Ziegenhagen ab. Der Golf GTI war in einem metallischen, etwas kalten Hellblau lackiert. Für Ruths Empfinden paßte das gut zu ihren aschblonden Locken. Einige Männer, die in Ziegenhagen aus ihren Fenstern hingen, sahen das offenbar ähnlich. Es war noch wärmer als am Mittwoch. Sie trugen beide schon kurze Hosen. Um die Landstraße von Ziegenhagen nach Unschlitt zu meiden, schlugen sie einen gerölligen Fahrweg längs des Wallerufers ein. Das gewundene Tal präsentierte ihnen abwechslungsreich bewaldete Hänge. Auch die Waller selber schlängelte sich – zumeist durch Wiesen, die an feuchten Stellen mit Sumpfdotterblumen funkelten. Über ihren Köpfen flammte zuweilen der gegabelte Schwanz eines Rotmilans auf.

Die Landstraße jenseits der Waller war zwar im Grunde spärlich befahren, doch brachte sich immer mal wieder das unvermeidliche Pfingstrudel aus Motorrädern zu Gehör, das sich berufen sah, Mutter Natur mit Heiligem Geist zu schwängern. Bott fiel Gudrun ein. Vor bald 10 Jahren hatten sie auf deren BMW das Departement Gard unsicher gemacht. Er erzählte Ruth davon, wobei er vielleicht ein wenig dick auftrug, weil sie das als Comiczeichnerin brauchte. Sie amüsierte sich jedenfalls. Ob Gudrun noch Motorrad fuhr, ja ob sie überhaupt noch lebte, konnte ihr Bott allerdings nicht sagen.

Um Mittag tauchte Gut Espenborn vor ihnen auf. Es lag zwischen der Waller und der Landstraße. Das Trafohäuschen am Straßenrand glich einem vorgeschobenen Wachturm: aus Sandstein gemauert und mit einem Schieferhelm versehen. Dann kam der verwunschene Schloßpark, der mit einigen mächtigen Bäumen aufwarten konnte. Sie entschlossen sich zu einer Rast am Ufer. Mit dem Rücken an eine dicke Weide gelehnt, konnten sie in die Waller und den jenseits gelegenen Park blicken, während sie von den Stullen aßen, die Bott am Morgen zurechtgemacht hatte. Hier und dort blinkte das gelbgetünchte Schloß zwischen den Bäumen auf. Sein hohes Walmdach aus Schiefer wurde von einem Glockentürmchen gekrönt. Die Musik kam freilich aus einer nicht minder hohen Esche, in der ein Trauerschnäpper nach Insekten jagte. Zwischen den Happen schlug er jedesmal die eigenen, ein wenig verquollen klingenden Glocken an.

Ruth nahm eine Bewegung am Haus wahr. Wenn sie sich auf 80 Meter und bei einigen Gebüschen nicht täuschte, war ein untersetzter dicker Mann auf die Schloßterrasse getreten. Sie stieß Bott an und raunte mit einem Nicken: „Litschels Erzfeind vielleicht!“

Bott grummelte nur. Doch als sie über seine Beine nach seinem Taschenfernglas angelte, das auf der Wanderkarte lag, hielt er ihr Handgelenk fest und sagte: „Das würde ich nicht tun, Ruth.“

Sie war verdutzt. „Wieso denn nicht?!“ protestierte sie.

Bott ließ ihr Handgelenk los und erklärte ruhig: „Ich pflege mein Fernglas nie auf Menschen zu richten. Es ist für Sumpfdotterblumen, Rotmilane, Trafohäuschen da, denn solche Dinge droht es kaum zu verletzen.“

Ruth sah ihm eine Weile forschend ins Gesicht. Dann legte sie das Fernglas zurück und nahm sich stattdessen einen Apfel, um ihn als Nachtisch zu verzehren. Dabei blickte sie wieder zu dem Mann, in dem sie den Schloßherrn Von Gemmich vermutet hatte. Er fingerte an irgendwelchen hochstämmigen Topfpflanzen herum. Ob er im Umfang 120 oder 150 Zentimeter maß und ob sein weißes Hemd unter den Achselhöhlen dunkle Flecke zeigte, war für den Fall LL natürlich nicht gerade von beträchtlicher Bedeutung. Und das Wesentliche von diesem hatte ihr Bott bereits auf der Herfahrt auseinander gesetzt. Somit war es nicht mehr als eine recht niedrige Neugier, die sie zur Spionage verlockt hatte.

„Schon gut“, sagte Ruth, während sie an ihrem Apfelgrips nagte. „Allerdings frage ich mich zuweilen, wie man mit deinen hohen Moralvorstellungen heutzutage noch durchs Leben kommen will.“

Sie hatte den Apfelgrips blank genagt und warf ihn in die Waller. Kurz darauf schoß eine Wasseramsel über die Stelle, ohne sich um den schaukelnden Apfelgrips zu scheren, den die Waller widerwillig der Twiste zuführte.

„Das war eine Verschiebung“, stellte Bott nüchtern fest. „Der Apfelgrips galt mir. Du beantwortest eine sanfte Unterbindung mit einem Mordanschlag.“ Ruth gluckste, ohne ihn anzusehen.

„Im übrigen solltest du dich mit dem Gedanken beruhigen, daß ich bereits auf die 60 zugehe. Ich will nicht mehr viel durchs Leben kommen. Unsereins stirbt aus.“

Ruth seufzte nur. Unterdessen blinzelte Bott über das Wasser. Die Waller floß gemächlicher als die Drusel in Kassel, die „die Eilige“ hieß. Was wären wir ohne Wasser? dachte Bott. Dann seufzte er selber und sagte: „Sogar im Schatten wird es schon heiß ... Hättest du etwas dagegen, wenn ich mein Hemd auszöge?“

„Willst du mich auf den Arm nehmen? Warum denn nicht?“

„Weil einige Frauen aus der Kommune Niederkaufungen Anstoß an Litschels entblößtem Oberkörper genommen haben.“

Bott behielt sein Hemd an und erzählte Ruth von dem Telefongespräch mit Holger. Ob sie eine Ahnung habe, was die Kommunardinnen zu ihrem Protest bewogen hatte?

Ruth hatte eine Ahnung. „Vermutlich geht es um Gerechtigkeit. Die Frauen können sich nicht unbedenklich ihrer Hemden entledigen. Tun sie es trotzdem, sind sie natürlich ungleich verletzbarer als der Mann. Also sagen sie konsequent: dann haben eben beide Geschlechter zu schwitzen.“

Da ihm Ruths Erklärung einleuchtete, schwieg Bott. Er versuchte sich vorzustellen, er habe Ruths Brüste zur Schau zu stellen, die erfreulicherweise ähnlich kess wie ihre Stimme waren. Doch es gelang ihm nur unbefriedigend, ein Gefühl dieser Ausgesetztheit zu gewinnen, so sehr er auch seine Brust anschwellen ließ und in sie hineinhorchte. Er war eben keine Frau. Allerdings hatte sein Versuch den Effekt, ihn ein wenig an anderer Stelle zu erregen. Von daher sagte er sich, wahrscheinlich hätte er das vermißte Gefühl, wenn er mit unverhülltem erigierten Geschlechtsteil in Kassel über die Goethestraße laufen müßte – was ja durchaus zu dem Weimarer Oberschürzenjäger paßte.

Plötzlich warf sich Ruth an ihn, wodurch sie beide von dem Weidenstamm weg ins Gras kippten. Ihr waren nämlich die Vorgänge in Bott nicht entgangen. Sie konnte sie sozusagen nachvollziehen.

„Mach keinen Unfug!“ quetschte Bott hervor, während Ruth ihn unter sich begrub. „Wie soll das ausgehen, wenn Von Gemmich zum Fernglas greift?“

„Soll er vor Neid platzen!“ knurrte Ruth.


9

Sie näherten sich der Wallertalbrücke. Ein Wald- und Wiesendichter hätte sie vielleicht mit einer riesigen roten Raupe verglichen, die gerade vom östlichen zum westlichen Talrand buckelte. Litschel hatte es getan. Der Vergleich fand sich in seinen Zornigen Wegen.

Wenige hundert Meter vor der Brücke schmiegte sich die Grundmühle an den Hang. Die Landstraße verlief an dieser engen Stelle knapp über der Mühle durch den Wald. Auf dem abschüssigen Hof, der mit unförmigen Steinen gepflastert war, hätten die jungen Leute, die auf Dampfbügeleisen durch die städtischen Fußgängerzonen stakten, keine Chance gehabt. Dagegen stolzierten ein paar Hühner sicher über ihn. An den Wänden der Gebäude wucherte Holunder, der kurz vor der Blüte stand. Dem Dachstuhl der Scheune war tatsächlich anzusehen, daß er zum Teil erneuert worden war. Das Wohnhaus lag unmittelbar an der Waller. Die Fachwerkbalken waren rot, der Putz dazwischen weiß gehalten. In einem kleinen niedrigen Vorbau unterströmte die Waller eine Turbine, die kaum Lärm verursachte. Menschen ließen sich nicht blicken. Zwar führte von ihrem Fahrweg eine alte Sandsteinbrücke zum Hof der Mühle, doch sie scheuten sich, Wondretsch und seine Frau womöglich in der Mittagsruhe zu stören. Ruth befürchtete zudem, sie könnten in Unschlitt den Bus verpassen, der sie wieder nach Ziegenhagen bringen sollte. Sie drohte, dann habe Bott sie zu tragen.

Während sie auf die Talbrücke zuhielten, sagte Bott: „Wir könnten nachher in Korbach versuchen, bei Litschels Mutter vorbeizuschauen. Was ich von Wondretsch wissen wollte, kann sie uns vermutlich ebenfalls oder gar noch besser sagen. Ist sie nicht da, können wir morgen immer noch zu Wondretsch gehen.“

In dem Brückenbogen, der Litschel beherbergt hatte, waren die sechs ausgestemmten Löcher für die tragenden Balken nicht zu übersehen. Das Gewölbe, von Litschel weiß getüncht, war verständlicherweise rabenschwarz. Auch die Außenmauern ließen erkennen, daß die Flammen hochgeschlagen waren. Am Brückenpfeiler entdeckte Bott sogar die Eisenringe, an denen Litschel seine Leiter angeschlossen hatte.

Laut Karte lag das Forsthaus keinen Kilometer entfernt am Osthang des Tales. Allerdings war es nicht zu sehen, weil das Tal einen mit hohen Eichen besetzten Knick beschrieb. Von dieser Waldspitze wurde das Forsthaus verborgen.

Sie gingen zu einem dicken Erlenstamm, der fast im Brückenschatten quer über der Waller lag. Möglicherweise hatte Litschel die Erle gefällt und entästet. So kam er trockenen Fußes auf die Westseite, ohne erst zur Mühle laufen zu müssen. Sie zogen Schuhe und Strümpfe aus, um sich sitzend über die Behelfsbrücke zu stemmen. In der Mitte hielten sie inne und ließen die Beine baumeln, was für ihre brennenden Füße sehr erquickend war. Sie hatten dabei Gelegenheit, sich Litschel am Fenster seines Brückennestes, auf der Leiter oder beim Morgenbad vorzustellen. Bott mußte zugeben, der Winkel war ein Paradies.

Als sie sich die Füße abtrockneten und schleunigst wieder in ihre Schuhe schlüpften, meinte Bott beiläufig: „Wäre Litschel kein Liebhaber für dich? Blond zu blond, das paßt doch. Ein Herz und eine Seele ...“

Sie warf ihm einen belustigten Blick zu und zeigte ihm einen Vogel. Während sie ihre Schnürsenkel band, stellte sie fest: „Sollte er eine Seele haben, wäre sie mir bestimmt zu markig. Bist du soweit?“

Sie befanden sich jetzt auf dem westlichen Ufer der Waller, weil sie beschlossen hatten, die Nähe des Forsthauses für heute zu meiden und auf einem Waldweg oberhalb der Landstraße nach Unschlitt zu laufen. Dadurch kürzten sie auch ab – der Bus mahnte.


10

Bott fädelte sich in den Wagenstrom auf der B 251 ein. Er hatte sich in Ziegenhagen ans Steuer gesetzt, weil sich Ruth recht erschöpft fühlte. Bis Korbach hatten sie keine 20 Kilometer zu fahren. Der GTI lief wie eine Nähmaschine, die ihr Düsentriebwerk verheimlicht.

Nachdem sie den Bus noch erwischt hatten, drängte sie eigentlich nichts mehr. Trotzdem ertappte sich Bott bei dem Unmut darüber, immer wieder hinter irgendeiner lahmen Ente zockeln zu müssen. Einmal kam eine übersichtliche Linkskurve. Bott schaltete herunter, gab Gas und zeigte gleich vier Enten auf einmal ein hellblau aufblinkendes Heck, das sogleich mit der Ferne verschwamm. Nach dieser Strafaktion richtete er seinen Ärger lieber auf Ruths schmeichelnd surrenden, kraftstrotzenden Wagen. Die Mistkiste erpreßte ihn. „Du brauchst bloß mein Gaspedal anzutippen“, flüsterte sie, „dann wirst du sehen, welche Potenz in dir steckt ... Reiz mich voll aus!“ stachelte sie ihn an. „Jede Beschränkung ist mir zuwider ...“ Die Mistkiste wollte Botts Charakter brechen. Aber Bott war alarmiert; er ermahnte sich zur Besonnenheit und hielt die Tachonadel um 90.

Er kannte das Spiel bereits. Vor einigen Wochen hatte Ruth ihm den GTI ausgeliehen, weil er noch ein paar Sachen aus Erfurt zu holen hatte. Als er ein kaum befahrenes, übersichtliches Stück Autobahn vor sich sah, wollte er es einmal wissen. Er gab Gas. Er war im Nu bei 150 und dachte: meine Güte. Bei 170 fühlte er sich zwar noch immer als der Herr über den Wagen, doch kam ihm auch der Gedanke, daß er nicht allein auf einer Planetenumlaufbahn dahinraste; er dachte an Zwischenfälle. So begann sein Herz zu hämmern und sein Atem flog. Doch bei 190 hörte er auf. Er ließ den Wagen auf die rechte Spur zurückfallen. Wieder unter 100, fühlte er sich mehr als erleichtert – nämlich als hätte ihm irgendein Schutzengel in letzter Sekunde das Leben gerettet. Dabei war die Autobahn so gut wie frei gewesen.

Ruth sah vom Korbacher Stadtplan auf, den sie auf ihrem Schoß ausgebreitet hatte. „An der Ampel müssen wir links ab.“


11

Rosemarie Litschel wohnte im Korbacher Westen am Ende einer ausgedehnten Grünanlage. Dort erhoben sich drei achtgeschossige, mit weißen Platten verkleidete Klötze, die Botts Busenfreund Zülch sofort dazu veranlaßt hätten, in den Gudensberger Schirnen zwei Plätze für Dunkelhaft reservieren zu lassen, nämlich für den Bauherrn und für den Architekten. Frau Litschel wohnte im hintersten Klotz. Bott hatte vom Gasthof Zur Waage aus mit ihr telefoniert, während Ruth sich duschte. Als Vorwand hatte Bott ihres Sohnes Plakatauftrag an Ruth benutzt. Frau Litschel hatte gesagt, sie könnten gern vorbeikommen. Jetzt war es kurz nach 17 Uhr.

Als Bott den Namen auf dem Klingelbrett gefunden hatte, wurde er blaß. Rosemarie Litschel wohnte im 6. Stock.

Ruth lächelte süßlich. „Keine Bange, lieber Bott. Ich werde dich gleich auf ihrem Sofa anschnallen.“

Es summte; Bott hielt Ruth die Tür auf. „Das ist es ja gar nicht“, sagte er verdrießlich und deutete auf den Fahrstuhl. „Jetzt muß ich wieder sechs Treppen steigen, und das bei meinem Alter.“

Die Fahrstuhlkabine war bereits da. „Wieso denn das?“ erwiderte Ruth, ohne ihn ernst zu nehmen.

Sie zog die Tür auf, betrat die Kabine und wandte sich in der Annahme um, Bott werde sich die Fahrstuhltür schon selber aufgehalten haben und ihr folgen. Aber das war nicht der Fall. Die Tür fiel zu, und durch das schmale Fenster sah sie Bott, der seinen grauen Filzhut lüftete und ablehnend mit dem Kopf schüttelte.

Ruth drückte die Tür auf und sah ihn an, als sei er krank.

„Ich fahre keinen Fahrstuhl“, stellte Bott mit freundlichem Lächeln fest.

„Grundsätzlich nicht?“

„Richtig. Es bekommt meinem Freiheitsdrang nicht so gut.“

Also war er krank. Himmel, schon die zweite Phobie! dachte Ruth und zog die Tür wieder zu.

Bott winkte durchs Fenster und wandte sich zur Treppe.

Im Gegensatz zum Schwindelgefühl schien die Platzangst nicht an bestimmte Höhenlagen gebunden. Um Bott in Panik zu versetzen, genügte nämlich schon die klemmende Tür einer Bahnhofstoilette oder eines Kartoffelkellers. Sobald er sich gefangen und von allen Fluchtwegen abgeschnitten wähnte, wurde er zusätzlich von seiner Angst eingeschnürt. Erfurter Kollegen und Freunden gegenüber, darunter Susanne, hatte er zur Erklärung oder genauer zur Rechtfertigung seiner Phobie eine betrübliche Geschichte aus seiner Kindheit herangezogen. Bott war in der Siedlung Peterborn aufgewachsen, wo es damals ein großes Trümmergrundstück mit Schuttbergen gab. Dort hatten sie immer Indianer gespielt. Eines Tages banden sie den kleinen Berti an den Marterpfahl und machten sich aus dem Staub. Mindestens 20 Minuten lang mußte sich Berti alias Bott die Lunge aus dem Halse brüllen, bis eine Frau herbeieilte, die gerade Wäsche aufhängen wollte. Daß ihn eine „Squaw“ befreite, war eine zusätzliche Schmach. Kaum hatten seine Peiniger davon erfahren, begannen sie den kleinen Berti „Weiberheld! Weiberheld!“ zu rufen. Diese Geschichte war plakativ und klang durchaus plausibel. Je öfter Bott sie wiederholte, desto mehr war er geneigt, auch selber an sie zu glauben.

Eine Comiczeichnerin würde er allerdings mit so etwas kaum hinters Licht führen können. Ruth würde bestimmt nach der Wahrheit bohren. Sie stand vor Frau Litschels Wohnungstür und sah ihm hämisch entgegen. Denn er rang natürlich nach Atem.

„Entschuldige bitte“, keuchte er, „wenn du warten mußtest. Aber wer einmal für geschlagene zwei Stunden in einem steckengebliebenen Fahrstuhl auszuharren hatte, ist von dieser angenehmen Erfindung kuriert.“

Ruths Schadenfreude verflog. „O wei!“ umfaßte sie ihr Kinn. „Wo war denn das?“

Bott winkte ab und drückte den Klingelknopf. „Ich erzähle dir die Einzelheiten später.“

Sie hatte die Mär gefressen! Er war noch nie in einem Fahrstuhlschacht steckengeblieben. Ihm hatte stets die Vorstellung dessen ausgereicht.


12

Frau Litschel war eine kleine rundliche Frau Ende 50. Sie nuschelte ein wenig. Ihre ärmliche, wenn auch reinliche Wohnung machte die schmale Rente, die ihr Sohn Lars in der Zeitung erwähnt hatte, durchaus glaubhaft. Um einen runden Tisch, der Frau Litschel offensichtlich auch zum Essen diente, saßen sie in eingesunkenen Wracks, die einmal Polstermöbel gewesen waren. Sie ließen Bott an Riesenhamster denken, die unter Haarausfall litten, denn der gelbgrünliche Bezugstoff, ein Velour, hatte schon jeglichen Flor eingebüßt. Von Vorraum und Dusche abgesehen, belief sich Frau Litschels Wohnung auf das Zimmer mit Koch- und Bettnische, in dem sie gerade saßen. Der Kühlschrank brummte lauter als Ruths Wagen. Das grüne eckige Telefon besaß noch eine Wählscheibe. Die Platte der Kommode, auf der es stand, war mit einer Folie beklebt, die Nußbaummaserung vortäuschen sollte. Recht merkwürdig für die Mutter eines Zimmermanns.

Frau Litschel hatte eigens Kaffee gekocht für Lars' Freunde; sie konnten ihn unmöglich zurückweisen. Er war fadenscheinig wie der Möbelvelour. Sie sprach über den unerwarteten Erfolg ihres Sohnes – gewiß mit Stolz, doch ließ sich auch spüren, daß ihr dieser Erfolg nicht ganz geheuer war. Als Zimmermann – der vielleicht seinen Meister macht – wäre ihr Lars wohl lieber gewesen.

Frau Litschel deutete lachend und kopfschüttelnd auf ihr Fernsehgerät. „Da war er doch kürzlich bei dieser Frau ... bei dieser Frau ... na, sagen Sie doch schon ... war er da in der Tollk-show ... Also sowas! Die Leute haben dauernd Beifall geklatscht ... Und am Schluß hat er dieser Frau ... na, sagen Sie schon ... da hat er ihr etwas in sein eigenes Buch geschrieben, wovon sie richtiggehend errötet ist, und dann meinte sie, das bliebe aber ein Geheimnis ... vorläufig. Da haben die Leute noch mehr geklatscht – verstehen Sie? Sie wollten das Geheimnis erfahren! Aber Lars verschwand schon in einer Tür, wobei er noch einmal ganz lässig die Hand hob, und dann war die Sendung zuende ...“

Ruth lächelte und nickte tapfer. Insgeheim verwünschte sie Bott, der sie zu diesem fahrlässigen Besuch verleitet hatte. Während sie Tollk-shows nur vom Hörensagen kannte, sah sie sich umso deutlicher mit einem ziemlich bedrückenden Frauenschicksal konfrontiert, an dem sie nichts ändern konnte.

Bott gab sich als Herr der Lage. Außer dem Telefon standen Litschels Zornige Wege und einige Fotografien auf der mit Nußbaumfolie beklebten Kommode. Darauf deutend, erkundigte sich Bott bei Frau Litschel:

„Lars hat noch einen Bruder? Er hat ihn nie erwähnt.“

„Ja“, erwiderte Frau Litschel erfreut. „Das ist der Georg. Er hat eine Autolackiererei. Viele Leute sagen, es wäre die beste Korbacher Autolackiererei.“

Frau und Töchter waren offenbar ebenfalls Spitze – eingeschlossen die Fürsorge um Frau Litschel, die sie ausführlich schilderte. Die beiden Enkelinnen zeigten ihr stets die guten Zeugnisse. Frau Litschel deutete auf ein Sparschwein, das zwischen den Geranien- und Petunientöpfen auf der Fensterbank hervorlugte. „Die Mädchen dürfen es zu Weihnachten schlachten“, gluckste sie. „Und dann müssen sie sich den Inhalt unter meinen Augen ganz gerecht teilen! Das ist das Vermächtnis von Erwin, meinem Mann. Er war bei der Conti ein gefürchteter kommunistischer Vertrauensmann, falls Sie es noch nicht von Lars wissen.“

Während Ruth ihr Knie schon mehrmals in Botts Oberschenkel gebohrt hatte, hakte dieser ungerührt ein: „Wollte denn Lars nie Kinder? Eine Familie gründen?“

Frau Litschel schüttelte etwas verlegen den Kopf. „Das paßt wohl nicht zu seiner Art. Er war schon immer ein Einzelgänger – Sie wissen es ja. Wozu sonst hätte er sich dieses komische Brückenhäuschen in den Kopf gesetzt, das sie ihm dann angesteckt haben.“

„Seit wann trug er sich denn mit dem Gedanken, in die Wallertalbrücke zu ziehen?“

„Ach, bestimmt seit Jahren. Er liebte das Wallertal und kannte es vom Wandern her wie seine Westentasche. Von dem Brückenhäuschen hat er öfter geschwärmt. Bei dem Müller aus der Grundmühle, der sich dann von Lars' närrischem Plan anstecken ließ, hat er einige Male Sommerurlaub gemacht. Aber warten Sie mal, da fällt mir ein ...“

Sie erhob sich etwas mühsam, zwängte sich zur Kommode und kramte murmelnd in einer Schublade. Schließlich fand sie das Blatt und überreichte es Ruth, die ihr am nächsten saß. Sie schloß die Schublade und ging seufzend zu ihrem Sessel zurück.

Ruth war überrascht. Litschel hatte einen Ausschnitt der Wallertalbrücke in einer kühnen schrägen Untersicht gezeichnet, die sein Brückennest recht gut zur Geltung brachte. Sogar die Falltür war zu sehen. Dabei handelte es sich keineswegs um eine technische Zeichnung, wie sie jedem Handwerker abverlangt wird; vielmehr war die Filzstiftskizze voller Schwung und trotz einiger Mängel nicht ohne Reiz. Das sagte Ruth auch Frau Litschel, während sie das Blatt an Bott weiterreichte. Frau Litschel nahm es als Kompliment und errötete leicht.

Bott hatte das Wesentliche längst erspäht – das Blatt war mit „LL '98“ signiert – und legte Litschels Frühwerk auf dem Sofa ab, wobei er sich erhob. Mit einem Nicken zur Wanduhr sagte er zu Ruth:

„Wir dürfen unsere Verabredung mit Aline und Edmund Nebelsieck nicht vergessen.“

„Ah ja ...“ murmelte Ruth und stand ebenfalls auf.

Die beiden Namen schienen Frau Litschel nichts zu sagen. Sie dankten ihr herzlich und verabschiedeten sich.


13

Während sie durch die Grünanlage zurück Richtung Altstadt gingen, dozierte Bott über Litschels offenbar alles umfassenden Willen, seine Wandlung vom schnöden Zimmermann zum dichtenden Volkstribun als jähe Erweckung a lá Luther hinzustellen. Wahrscheinlich habe er nur aus denkmalschützerischen Erwägungen darauf verzichtet, seine Zornigen Wege ans Portal der Kilianskirche zu nageln. „In Gedanken war er längst in Kassel. Er hatte nie vor, sich im Wallertal etwa niederzulassen. Seine Mutter weiß nichts von Aline, weil sie ohnehin nur als Intermezzo gedacht war. Kannst du mir folgen?“

Ruth sah ihn wütend an. „Mein Bott! Da läßt er mich in diesem furchtbaren Sessel wie auf glühenden Kohlen sitzen, und jetzt hält er mir auch noch Vorträge!“

Bott grinste. Ruth hatte im Gasthof ein purpurrotes Kleid angezogen, das bald den Glanz ihrer Autohaube übertraf. Mit Frau Litschels abgewetztem gelbgrünen Möbelstoff hatte es sich erheblich gebissen.

Nach einem Weilchen wirkungsvollen Schmollens trumpfte Ruth auf. „Und was machst du, wenn sie jetzt mit Litschel telefoniert, um ihm brühwarm von dem netten Besuch zu erzählen, der ihr die Würmer aus der Nase zog?“

Bott machte eine wegwerfende Handbewegung. “Na und? Von mir aus soll er denken, was er will. Im übrigen glaube ich, daß er schon bald wieder in der Versenkung verschwinden wird. Verlagskraken wie Brinkmeyer leben von Eintagsfliegen.“

Damit lag er wohl nicht so schief. Ruth dachte an Litschels Mutter. Die „proletarische“ Herkunft, mit der sich Dichter LL gern brüstete, verdankte er letztlich ihr, doch die handfeste Sorge um sie überließ er offenbar gern seinem Bruder und dessen Frau. Wenn er ihr sofort ein druckfrisches Exemplar seiner Zornigen Wege geschickt hatte, dann natürlich als Beweisstück seiner Karriere. Gewiß rief er sie auch an – sobald mal wieder ein „Tollkshow“-Termin anzukündigen war. Ruth verspürte plötzlich ein fast schmerzhaftes Mitleid. Die Vermutung lag ja nahe, Frau Litschel fühle sich oft einsam oder überflüssig. Allerdings mußte Ruth auch wieder lächeln, wenn sie an das Sparschwein dachte, das schräg hinter Frau Litschels Kopf auf der Fensterbank gestanden hatte. Sobald Ruth ein wenig mit dem eigenen Kopf wackelte, schien das Sparschwein seinen Rüssel in Frau Litschels Ohrmuschel zu stoßen, um ihr lauter zärtliche Ding zu sagen. Ruth behielt diese Beobachtung lieber für sich.

Die Korbacher Altstadt war von einem doppelten Stadtmauerring umschlossen gewesen, der noch zu einem guten Teil erhalten war. Zwischen den Sandsteinmauern zog sich der ehemalige „Wall“ als ein grünender und blühender Gürtel, gegen den Frau Litschels Grünanlage eine Wüste war, vom Amtsgericht bis fast zum Bahnhof. Diesen Weg hatten Ruth und Bott eingeschlagen. Da das Schußfeld auch von etlichen mächtigen Bäumen beschattet wurde, lag die Zeit der Feuergefechte offenbar schon länger zurück. Man hatte die Waffen in der Türkei gegen Tauben und im Libanon gegen Klappergrasmücken eingetauscht. Hier und dort ragte noch ein alter Wehrturm auf. Außerdem lugten schmucke Hausgiebel über die innere Stadtmauer. Alles beherrschend freilich der Turm der Kilianskirche, der sie wie an der Leine um die Altstadt führte. Er war ständig zu sehen. Er lief in vier Giebeln aus, die sich dann noch einmal zu einem schlanken achteckigen Schiefertürmchen verjüngten, das Bott an das Espenborner Trafohäuschen erinnerte, weil es einen ähnlichen Helm trug. Wiehernde Falken umflatterten den Turm.

„Ich frage mich, wie sich deine Angst vor Abstürzen mit deiner Angst vorm Eingesperrtsein verträgt“, sagte Ruth. „Bist du eingesperrt, kannst du nicht fallen.“

Bott hob die Brauen – und lächelte. „Wer die Leute verblüffen will, sollte kurzerhand zu einer unzulässigen Analogie greifen. Würdest du einem Ertrinkenden eine Ritterrüstung zuwerfen, damit er vor allen Armbrustpfeilen sicher sei?“

Jetzt war das Grinsen an Ruth. Bott fuhr fort, indem er von Susannes Balkon über der Gera und seiner Angst erzählte, auch dann zu fallen, wenn faktisch gar kein Absturz möglich sei. „Du kennst doch sicherlich dieses verbreitete 30er-Jahre-Foto von der Baustelle eines Wolkenkratzers in den USA?“

Ruth verkniff die Augen. „Wo die Arbeiter mit den Beinen baumelnd Brotzeit auf einem Eisenträger machen?“

Bott quetschte einen Laut des Elends hervor, faßte sich an die Magengrube und wich unwillkürlich zurück. „Da siehst du es!“ stöhnte er. „Schon die bloße Vorstellung macht mich sterbenskrank.“

Schließlich lag jener Eisenträger nicht über der Waller. Er ragte frei in die Luft – und mindestens 100 Meter tiefer waren die Straßenschluchten zu sehen.

Ruth schüttelte ihren Kopf, fächelte Bott mit dem Stadtplan Luft zu und bewog ihn zum Weitergehen. Bald darauf fragte sie ihn, ob es Erklärungen für diese Form der Angst gebe. Bott erwiderte:

„Ich kenne nur einen Hinweis aus Wolfgang Schmidbauers Buch Altern ohne Angst. In einem Abschnitt spricht er von unseren Größenphantasien. Obwohl sie uns manche Reinfälle und manches böse Erwachen bescherten, seien sie in allen Altersstufen unvermeidlich und sogar wichtig. Sie machen uns aktiv. Als Kleinkind etwa drängen sie uns, den engen und fesselnden Bezirk der elterlichen Obhut zu sprengen. Aber dann wollen wir auch gleich vom Küchentisch hüpfen oder uns gar aus dem Fenster werfen, um den seltsamen Zauber zu versuchen, der die Schmetterlinge zu tragen scheint. Aus dieser Dynamik – so Schmidbauer – speisten sich die schützenden Angst- und Schwindelgefühle, mit denen das bewußte Ich die Flugphantasie einschränkt.“

Ruth kannte weder Schwindelgefühle noch Flugphantasien. Bott beschrieb ihr deshalb gern, wie er mitunter im Traum an der Zimmerdecke oder über den Dachfirsten zu schweben pflege. Sie fand das recht ergötzlich.

Die Wallanlage endete mit einer Reihe von Spielplätzen für Halbwüchsige und Kleinkinder. Die Zeiger am Ostgiebel des Kiliansturmes gingen gegen 19 Uhr. Sie setzten sich auf eine Bank. Während Bott den Stadtplan studierte, fiel Ruths Blick auf einen Trupp behinderter Menschen, die sich zielstrebig der Sandmulde näherten. Offenbar machten sie mit ihren Betreuern einen Pfingstausflug. Die untersetzten, stämmigen Frauen und Männer mit ihren mongoloiden Gesichtern tippelten oder tapsten fast wohlgeordnet wie ein Spähtrupp. Ein Rollstuhlfahrer deckte die Flanke. Dieser eher schmächtige Mann ruckte aufmerksam mit dem Kopf, während ihn sein Betreuer auf den Dinosaurier zuschob. Merkwürdigerweise war sein Kopf mit einem geschlitzten, gepolsterten Fahrradhelm bewehrt – für Ruth fast comicreif. Der Dinosaurier bestand aus zwei bemalten Bretterwänden, zwischen denen sich die Rutsche des Spielplatzes versteckte. Die Kinder rutschten dem Dinosaurier gleichsam den Buckel und den Schwanz hinunter. Die Behinderten dagegen bezogen vor dem Dinosaurier Stellung. Sie gingen ihm kaum bis zum Bauch. Der Betreuer, der den Aufmarsch dirigiert hatte, nahm seinen Fotoapparat vom Hals und blickte sich hilfesuchend um, weil er selber auch gern mit auf das Erinnerungsfoto wollte. Seine Miene hellte sich auf, als er Ruth und Bott erblickte. Mit entsprechender Gestik bat er sie um Beistand.

Ruth schüttelte ihren Kopf. Bott sah sie seufzend an – bevor er sich erhob, um dem Mann seinen Wunsch zu erfüllen.

Dieser bedankte sich überschwenglich, nahm seine Minibox entgegen und formierte die Behinderten zum Abmarsch. Der Trupp setzte sich in Richtung eines Parkplatzes in Bewegung, auf dem vermutlich ein Kleinbus wartete. Während Bott ihm nachblickte, kam Ruth zu ihm. Sie deutete auf den Dinosaurier:

„Ich hoffe, du bist mir nicht böse. Ich brachte es nicht übers Herz, solche beklagenswerten Menschen ausgerechnet vor diesem Hintergrund zu fotografieren. Ihre BetreuerInnen scheinen ein enormes Fingerspitzengefühl zu besitzen.“

„Ja“, sagte Bott und nahm Ruth bei der Hand. „Das von Dinosauriern eben.“


14

Sie gingen quer durch die Altstadt zum Gasthof Zur Waage zurück, wo sie zu Abend essen wollten. Er lag unterhalb der Kilianskirche am ehemaligen Korbacher Markt. Der abschüssige Platz hatte neben einigen jüngeren Linden und dem üblichen Brunnen einen echten freistehenden Pranger zu bieten. Auf der kreisrunden Plattform hätten der Bauherr und der Architekt jener drei weißen Wohnklötze, die den Korbacher Westen zierten, ihre Verschwörung fortsetzen können, hingen doch an der Sandsteinsäule des Prangers zwei Halseisen an Ketten herab. An der Grundmauer des Gasthofes – früher Rathaus – ergab sich auch noch eine kleine Strafe für Litschel und den von ihm in Verruf gebrachten Fürsten Wittekind. Auf eingelassenen Eisendornen ruhten dort zwei sogenannte Schandsteine. Von der Gestalt her ähnelten sie Käserädern, nicht aber im Gewicht, denn sie waren aus hellem Sandstein gemeißelt; dazu durch wenige tieffurchende Striche mit hämischem Gesichtsausdruck versehen. Wer sich einer üblen Nachrede schuldig gemacht hatte, mußte dereinst einen solchen Schandstein durch die Korbacher Gassen schleppen. Litschel jedoch hätte ihn bis nach Arolsen tragen können (knapp 20); der Fürst dann bis auf den Wartberg, wo bekanntlich der Kasseler Landrichter Horst Kallenbreuer residierte (gut 40 Kilometer).

Zur Straße hin hatte der Gasthof einen schmalen Biergarten. Dort fanden sie noch einen freien Tisch, an dem ihnen der Wirt erfreut die Karte präsentierte.

Sie aßen Forelle und tranken kühlen Weißwein dazu. Der Autoverkehr war gering. Vor der Kilianskirche standen zwei wie vom Pfarrer bestellte Kastanien: Leuchter mit weißen Kerzen. Da der Biergarten nicht mit Musik beschallt wurde, hatten die Amseln freie Bahn, die auf den Kastanienkronen oder den Dachfirsten hockten, um einander nur mit Liedern auszustechen. Die schmale Straße, die zwischen dichtgedrängten Fachwerkhäusern um den Kirchhof kurvte, hieß nämlich „Stechbahn“. Die Eßbestecke klirrten, und Bott sah die Ritter, von Lanzen durchbohrt, reihenweise auf die Straße kippen. Während ihre Helme den Markt hinabrollten, stürzten sich die Kirchturmdohlen auf die Ritter, um sich deren dürftiges Gehirn zu holen.

Da sie keine Gedanken lesen konnte, trank Ruth ihm ermunternd und augenzwinkernd zu. „Selbst der Weißwein wirkt wie flüssiges Gold!“

Bott lächelte. Sie spielte auf Korbachs einfältige Masche an, sich an allen Ecken und Enden als Goldgräberstadt zu geben, weil im nahen Eisenberg einmal ein paar Unzen abgebaut worden waren. Auf der Vorsuppe schwammen goldene Sternchen, und die Bäcker boten Goldgräberbrot an. Nur die Hundehaufen hatten sie in Korbach noch nicht vergoldet.

Als Ruth dem Wirt ein Zeichen gegeben hatte, um für sich und Bott das dritte Glas Wein zu bestellen, dachte Bott mit einem gewissen Grimm daran, daß sich manche Zeitungszusteller eine Goldeselin hielten. Aber für diesen Tag war es wieder einmal zu spät, um mit seiner Gönnerin reinen Tisch zu machen – da mußte man nüchtern sein. Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen. Um den Kirchturm gellten die unvergoldeten Dohlen, als seien ausgerechnet sie dazu berufen, mit ihrer Schwärze die Nacht aufzuhalten. In der „Stechbahn“ gingen ein paar Laternen an. Bott hob sein Glas und sagte:

„Wenn du dir einmal diese mittelalterlichen Einrichtungen vor Augen hälst – die Pranger und Schandsteine etwa, oder die Pechnasen über den Stadttoren – mußt du dich doch eigentlich an den Kopf fassen. Auf was für Ideen diese Leute gekommen sind!“

Ruth dachte nach. „Schon richtig ... Aber warum sprichst du lediglich vom Mittelalter?“

„Du meinst, es habe mit den irrwitzigen Ideen und Einrichtungen nie aufgehört?“

„Jawohl. Eine Stechuhr zum Beispiel ist mindestens so grotesk wie der Pranger dort. Sie erzwingt Erwin Litschels Anwesenheit bei der Conti, ohne daß es eines Halseisens bedürfte ... Oder nimm unsere befremdlichen mobilen Gefängnisse, die du mir so gern unter die Nase reibst. In verchromten Blechkisten an die Sitze gefesselt, rasen wir auf sechs oder acht Spuren zwischen haushohen Schallschutzmauern dahin – freiwillig!“

Bott nickte. Dann mußte er an Frau Litschels Enkelinnen denken und ergänzte: „Die Weiterentwicklung und Ausbreitung der Ritterrüstung nehmen unsere zeitgenössischen Eltern ja ebenfalls fraglos hin. Schau dir einmal an, in welchem Aufzug ihre Kinder zum Fahrradfahren erscheinen müssen! Die Eltern bezahlen diese peinigende Panzerung sogar. Sie kaufen sie pfiffigen Sportartikelhändlern ab, die sich angesichts der Ergebenheit in offenbar gottgewollte 'Sachzwänge' in einem fort die Hände reiben.“

Ruth faßte sich kichernd ans Kinn. „Erinnerst du dich an den Rollstuhlfahrer vorm Dinosaurier? Ich hätte es fast vergessen. Selbst er trug einen Sturzhelm!“

Bott ruckelte mit gespreizter Hand, weil er Vorbehalte hatte. „Möglicherweise gibt es gute Gründe dafür. Zum Beispiel könnte er hin und wieder epileptische Anfälle haben, bei denen er sich selbst zu verletzen droht. Jedenfalls paßt er nicht recht in unseren Zusammenhang.“

„Wie meinst du das?“

„Ein behinderter Mensch hat nichts Groteskes. Er ist das Opfer eines zum Himmel schreienden Zufalls: die Mißbildung oder der Wahnsinn befielen gerade ihn. Ähnliches gilt für die Krankheiten oder Ängste, mit denen sich unzählige 'normale' Menschen abzuplagen haben. Ob der liebe Gott oder die kapitalistische Warenproduktion dahinterstecken, tut nichts zur Sache. Im Gegensatz zu Prangern oder Stechuhren sind jene Geißeln nicht bewußt vom Menschen erfunden und eingeführt worden. Es ist ja auch nicht so, daß sich um 1750 ein paar beleibte Herren – Damen schon gar nicht! – mit Zylinderhüten und dicken Zigarren zusammengesetzt hätten um zu beschließen: So, jetzt rufen wir die kapitalistische Warenproduktion ins Leben. Vielmehr sind hier unerfindliche böse Gewalten am Werk. Nenne sie die Mächte der Finsternis, wie Ernst Kreuder, oder nenne sie absurd, wie Albert Camus – es gibt hier nichts zu lachen. Gegen dieses grausame Spiel, das so gut wie nicht zu beeinflussen ist, kann man sich nur verwahren.“

Botts eindringliche Rede gab Ruth eine Weile zu denken. Dabei wurde ihr fast unbehaglich. Sie erwiderte:

„Aber läuft das nicht darauf hinaus, du lehnst das Leben ab?“

Bott hob sein viertes Glas Wein und nickte anerkennend. „So ist es, holde Gefährtin. Es mag mir selber gut oder gar glänzend gehen – angesichts der umrissenen Lage lebe ich nur unter Protest.“

Ruth hatte ihn prüfend angesehen. Jetzt blickte sie zu dem haushohen Kirchenportal, das durch die Kastanien schimmerte. Es war aus etlichen, in der Tiefe gestaffelten Spitzbögen aus hellem Sandstein gemauert, die ein Gewirr von gemeißelten Figuren zeigten. In den Bodenplatten versteckten sich offenbar Scheinwerfer, denn inzwischen war das ganze Portal in rötliches Licht getaucht. Man konnte sich aussuchen, ob es die Pforte zum Himmel oder zur Hölle war.

„Nur unter Protest“, wiederholte Ruth murmelnd, während ihr Blick auf dieses Schauspiel geheftet war.


15

Östlich von Unschlitt zweigte eine schmale Waldstraße ab, die sie zum Forsthaus führte. Als sie die Einfahrt nahmen, tobte ein brauner Vorstehhund in seinem Zwinger. Der Hof lag im Rücken des gelb getünchten Forsthauses, das an den Hang gebaut war. Sie stellten den Wagen vor einem kleinen Stallgebäude im Schatten der Hoflinde ab. Die ungewöhnlich spitzen Forsthausgiebel wiesen zum Stall und ins Tal. Sie waren mit grün gestrichenen Brettern verkleidet, von denen sich die Fensterrahmen wiederum gelb abhoben. Im Talgrund blinkte die Waller wie eine Kreuzotter auf.

Aus dem Wohnhaus trat eine junge Frau. Sie rief zunächst den Hund zur Ordnung. Ruth erkannte sofort die helle Stimme Alines. Deren gebauschte kurze Hose hatte die Farbe eines gekochten Artischockenherzens – fast auch die Form. Die Hände in den Hosentaschen versenkt, lächelte sie unbefangen, während sich die BesucherInnen von ihrem unerwartet noblen Auto lösten. Der Mann trug sogar Hut.

Sie trafen an der Haustür ein. „Hallo“, sagte Ruth mit einem Lächeln, das um Verzeihung bat. „Das hier ist Berthold Ott, ein guter Freund von mir. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, daß er mitgekommen ist. Er hatte in Korbach etwas zu erledigen.“

„Ach woher“, winkte Aline ab. Da sie ihre Rechte ohnehin aus der Hosentasche gezogen hatte, deutete sie über den Hof und fügte hinzu: „Das ist ja ein hübscher Wagen! Wie schnell fährt denn der?“

Ruth und Bott warfen sich einen verdutzten Blick zu. „Naja“, sagte Bott und schob seinen Hut zurecht. „220 oder 230 macht er schon. Das ist aber nur eine Werksempfehlung. Wer das Leben liebt, darf auch langsamer fahren.“

„Ach. Was Sie nicht sagen ..!“

Sie bedachte Frau van Ginneckens Begleiter mit einem zwiespältigen Lächeln, trat dann aber aufgeräumt beiseite und nickte in den Hausflur: „Kommen Sie doch endlich herein! Einfach geradeaus, dann können wir auf dem Balkon sitzen, falls es Ihnen recht ist.“

Vom Wohnzimmer aus fiel Ruths Blick durch eine geöffnete Flügeltür in Nebelsiecks Arbeitszimmer. Da sie den Förster weder an dem wuchtigen eichernen Schreibtisch noch auf dem Balkon entdeckte, erkundigte sie sich nach ihm.

„Er ist nach dem Frühstück fortgefahren. Er hat in Arolsen irgendeine Verabredung. Soll ich uns aus dem Keller eine Flasche kühlen Apfelmost holen?“

„Sehr gern!“ erwiderte Ruth.

Der Balkon nahm die gesamte Breite des Westgiebels ein. Durch eine hohe Blutbuche, die zur Linken am Hang stand, erübrigten sich Sonnenschirme. Den grüngestrichenen Klappstühlen waren weißrot karierte Sitzkissen aufgebunden. Sie nahmen an den beiden Stirnseiten des Balkontisches Platz. Ruth nickte auf die Kästen mit rotblühenden Geranien, die die gesamte Balkonbrüstung umliefen:

„Ob das Nebelsieck selber macht? Aline ist doch nicht der Typ für Geranien!“

Bott zuckte die Achseln. „Vielleicht gibt es eine Haushälterin.“ Sie wußten, Alines Eltern hatten sich vor einigen Jahren voneinander getrennt.

Aline kam mit dem Most und schenkte ein. Bott mußte seinen Blick zügeln. Das Bezaubernde an ihr ging wahrscheinlich nicht von ihrer Erscheinung aus, sondern von ihrer Bewegungsweise. Sie wirkte traumhaft sicher. Es mußte eine dünne schäumende Luftschicht zwischen dem Fußboden und ihren Schuhsohlen geben, die alles Mißliche auffing.

Aline trank Ruth zu. Dann stellte sie Fragen zu Ruths Comics und überhaupt ihrem ungewöhnlichen Beruf. Sie war ein aufgewecktes Mädchen. Doch bald griff Ruth nach Bleistift und Skizzenblock und sagte bestimmt:

„So – dann wollen wir einmal anfangen!“

Sie stellte ihren Stuhl ein paar Schritte zurück, schlug dann die Beine übereinander und klappte den Block auf. Aline war jetzt doch ein wenig verlegen. „Ja ... denken Sie denn, daß ich für Ihre Zwecke geeignet bin?“

„Unbedingt“, nickte Ruth, während ihr Bleistift bereits über das Papier huschte.

„Wie soll ich mich denn präsentieren?“

„Gar nicht. Bleiben Sie bitte so sitzen. Ich benötige immer nur wenige Minuten für eine Ansicht, dann sprechen wir uns ab.“

So sah Aline mit Sympathie und Neugier zu, wie die renommierte Cartoonistin sie zeichnete.

Bott konnte keine Verkrampftheit an ihr bemerken. Einmal hob sie den Kopf und äugte zum Dach hinauf. Aus dem Wald war ein schrilles, wütendes Giggern aufgestiegen. Ruth war so sehr bei der Sache, daß sie es gar nicht hörte.

„Der Habicht“, sagte Bott.

Aline warf ihm einen überraschten Blick zu. „Sie kennen sich aus!“

Sie hatte große braune Augen. Ihr schwarzbraunes Kopfhaar trug sie sehr kurz, fast wie einen Maulwurfspelz. Ihr ovales Gesicht wurde von einer wunderschönen Nase geprägt – die Nüstern hätten jedes Vollblutpferd geehrt. Doch aus ihrem sandfarbenen Hemd schien hin und wieder ein Rascheln zu dringen; das mußten dann wieder Maulwürfe sein – zwei miteinander spielende nackte ...

Ruth vergaß, warum sie eigentlich hier waren. Es machte einfach Vergnügen, dieses Mädchen zu zeichnen. Aline hatte ihre Haltung am Tisch schon mehrmals verändert. Im Moment stützte sie ihren Kopf mit einem Arm ab, wobei die Hand einen Teil ihrer Stirn umschloß. Man konnte Nachdenklichkeit, vielleicht auch Niedergeschlagenheit darin sehen.

Bott tat es. Er hatte sich mit Ruth nicht abgesprochen und besaß auch selbst keine Strategie; nun bewog ihn der Anblick, den Aline bot, binnen weniger Sekunden, die Karten auf den Tisch zu legen. Er begann seinen Vorstoß mit einer Frage.

„Hat sich eigentlich Lars Litschel von Ihnen verabschiedet, ehe er vor den Flammen floh, Aline?“

Sowohl Aline wie Ruth hatten gleichzeitig ihre Brauen gehoben. Doch wie Ruth nicht zu zeichnen aufhörte, gab Aline ihre Haltung nicht auf, bei der ihr Blick auf die grünlackierte Tischplatte geheftet war. Allerdings arbeitete es sichtlich in ihr. Schließlich erwiderte sie:

„Nein, Lars hat sich nicht von mir verabschiedet. Er hat mir später einen Brief geschrieben. Wie kommen Sie darauf?“

Ruth spähte zu Bott. „Danke, Aline“, sagte sie freundlich und klappte ihren Skizzenblock zu. „Ich brauche vorläufig nichts mehr.“

Aline lehnte sich zurück und musterte den bohrenden Schwarzspecht an ihrer Seite. Normalerweise hätte sie Botts Stimme als angenehm empfunden. Jetzt wirkte er streng.

Bott hob lächelnd sein Apfelmostglas, um ihre Verunsicherung vielleicht auf scherzhaftem Wege zu glätten. Er wolle ihr lieber reinen Wein einschenken, sagte er und erzählte auch gleich von dem Plakatauftrag und von Ruths Unbehagen an Litschels Person und Karriere. Dies habe er selber dann zum Anlaß genommen, sich mit der ganzen Affäre im Wallertal noch einmal gründlich zu befassen. Er habe einen Stoß Unterlagen studiert.

„Daraus habe ich nach einigem Grübeln nur den folgenden Schluß ziehen können, Aline: Nicht Ihr Vater oder sonst ein Bösewicht hat Lars' Brückennest in Brand gesteckt, vielmehr er selber.“

Aline sah ihn ernst und regungslos an. „Sind Sie von der Polizei?“ fragte sie schließlich erstaunlich ruhig.

„Um Gottes willen!“ erwiderte Bott. „Ich verabscheue die Polizei. Ruth wird es Ihnen bestätigen.“

Da Ruth nur aufmunternd nickte, sagte sich Aline, vielleicht sei die Gelegenheit, sich das Herz zu erleichtern, gar nicht so ungünstig. Ruths Nase vertraute sie sozusagen uneingeschränkt.

„Also Polizei“, begann Aline kurzentschlossen. „Ein Polizeibeamter hatte mit meinem Vater gesprochen. Bevor er ging, fragte er auch mich, ob ich in der Brandnacht irgendetwas Verdächtiges bemerkt hätte. Ich erwähnte nur die Feuerwehrsirenen. Das genügte ihm. Doch in Wahrheit war ich sogar Augenzeugin des Brandes. In jenem Spätsommer fand ich wegen der allmählich schmerzhaften Zurücksetzung durch Lars oft keinen Schlaf. Er schien nur noch für seine Verse und Buchpläne zu leben. Manchmal trieb es mich mitten in der Nacht zur Waldspitze hinaus, wo ich mit dem Feldstecher nach Lars' Petroleumlampe guckte. Brannte sie, verwünschte ich seine Schreibmaschine, mit der er sich offenbar verheiratet hatte. Brannte sie nicht, versuchte ich ihn gleichsam durchs Glas aus seinen eigensüchtigen Träumen zu ziehen. Die Brandnacht sah mich ebenfalls dort. So werden Sie sich denken können, wie sehr ich plötzlich frohlockte, als Lars tatsächlich die Leiter in der Luke hinabließ. Es war im Mondlicht deutlich zu sehen. Er hatte mich ja zuweilen mit einem vereinbarten Vogelruf ans Fenster meiner Dachstube gelockt. Jetzt verriegelte er die Luke hinter sich und kletterte nach unten. Nur zog er die Leiter nicht weg. Stattdessen ging er zu einem nahen Stoppelfeld und schaffte eine Strohwalze herbei, um sie am Fuß der Sprossenleiter abzulegen. Da begriff ich, was er plante, und mir stockte fast das Herz. Kaum hatte er Petroleum ins Stroh gegossen, loderten die Flammen auf. Er warf sich den Rucksack über und sprang in federnden, keineswegs stürmischen Sätzen in Richtung Grundmühle davon ... Wie ein Fuchs ... Ja, so federnd flüchten die Füchse.“

Aline seufzte, nahm einen Schluck aus ihrem Mostglas und blickte schon fast amüsiert in die Gegend. Auf der Blutbuche trällerte ein Stieglitz. Sonst war es still.

„Auch Ihr Vater stand ja im Verdacht, Aline“, sagte Bott nach einer Weile. „Sie konnten ihn aber nicht in Schutz nehmen, weil Sie dadurch Lars verraten hätten. Sehe ich das richtig?“

Sie bestätigte es mit einem herausfordernden Nicken.

„Wie stehen Sie denn zu Ihrem Vater, wenn ich fragen darf?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt. Bald ziehe ich ja sowieso aus. Und den Sommer werde ich wieder bei meiner Mutter in Finnland verbringen. Im vergangenen Sommer war ja etwas dazwischen gekommen ...“

„Ihr Mutter ist Finnin?“ fragte Ruth erstaunt.

„Ja“, strahlte Aline. „Stellen Sie sich vor, sie heißt Suvi. Suvi, das ist im Finnischen der Sommer!“

Ruth war begeistert. Aline hatte gleich noch eine Idee. „Wollen Sie nicht ein bißchen Musik hören? Sie werden staunen.“ Schon war sie im Wohnzimmer verschwunden.

Ruth stand ebenfalls auf, um ihren Stuhl wieder an den Tisch zu rücken. Dabei tuschelte sie zu Bott, seine inquisitorische Neigung scheine Wunder zu wirken. Bott lächelte undurchsichtig und schwieg. Dann ging im Wohnzimmer die Musik auf – gerade so wie die Sonne. Ein Akkordeon entfaltete enorme Weiten. Aline kehrte an ihren Platz zurück und legte die CD-Hülle auf den Tisch. Offenbar wurde das Akkordeon von einer gewissen Maria Kalaniemi gespielt, die sich mit Ruth die Haarfarbe teilte.

Die Finnin ließ sich von Männern an Baß, Klavier, Saiten- und Blasinstrumenten begleiten. Neben Lyrischem und einem schlitzohrigen Tango herrschte der Jazzrock vor. Die Musik hatte Feuer. Trotzdem fügte sie sich den Wäldern und Wiesen nahezu gewaltlos ein. Das Milchvieh, das wie Hünengräber aus roter lehmiger Erde im Gras lag, durfte mahlend wiederkäuen, während die Forelle fast unbewegt im leise schwankenden Kraut der Waller stand.

Als Kalaniemi und ihre Mitstreiter ein getragenes Stück anstimmten, klopfte Ruth mit dem Zeigefinger auf die CD-Hülle und erkundigte sich bei Aline, was denn Ahma heiße? So lautete der Titel der CD. Aline lachte. „Man spricht das Wort mit c-h aus, also Achma. Achma ist der Vielfraß.“

Ach“, sagte Ruth. „Dieser nordische Nasenbär ist gemeint, der so unersättlich sein soll?“

„Ich nehme doch an. Die Stücke haben ja keine Texte.“

Das nächste Stück ging wieder ab wie die Post. Ruth bedauerte die Geranien, die nicht aus ihren Kästen kamen. Plötzlich fiel ihr etwas ein. Es war ihr natürlich nicht entgangen, daß ihr Begleiter Litschels Verflossene schon mehrmals mit den Augen verschlungen hatte. Um das Mädchen zu schützen und Bott zu trösten, hob sie deshalb ihren Zeigefinger und sagte zu Aline:

„In meiner Kindheit gab es einen hübschen Abzählvers, den man auch auf gewisse Männer münzen könnte, die durchaus nicht so fett wie der Schloßherr Von Gemmich sind.“

„Und wie ging der?“

„Vielfraß nennt man dieses Tier / wegen seiner Freßbegier.“

Aline hielt sich die Hand vor den Mund.

Ruth nickte heftig.

Dann lagen sie beide vor Lachen auf dem Tisch, während Bott sich ohrkratzend dem Blick in die fernen Wälder widmete.


Fortsetzung Teil 4
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