Sonntag, 11. Dezember 2016
Als Bott die Sonne föhnte Teil 2





IV

Bott zerreißt seinen Jagdschein



Als Herbert vom Hof zurückkehrte, brachte er auf dem leeren Anhänger einen Stoß alter Steppdecken und einen Henkelkorb mit. Er hatte nach dem Abkippen der Brennholzfuhre Tee für eine Nachmittagspause aufgebrüht. So stellten Bott und Astrid erfreut die Kettensägen aus und gesellten sich zu Regine, die es sich bereits auf dem Hänger bequem machte. Herbert nahm vom Traktor aus die Deichsel. Für seine mehr als 60 Jahre balancierte er nicht schlecht.

Bott war kurzfristig für den erkälteten Kommunarden Jens eingesprungen. Eine Steppdecke unter sich, im Kreuz die Ladeklappe und die Füße auf dem Benzinkanister aufgebockt, genoß er nun sowohl den heißen Tee wie die jähe Stille im Wald. Durch die Lücken, die Umbachs Mannen geschlagen hatten, trudelten einzelne Schneeflocken. Bott sah sie erst jetzt. Die röhrende Kettensäge teilte mächtige Buchenstämme wie Butter, und die verdammten Gehörschutzmuscheln aus Plastik schnitten Säger oder Sägerin von der Umwelt ab. Man wütete unter Milchglas. Obwohl man beim Herumturnen im Kronenholz der gefällten Buchen eher einem Affen ähnelte, hatte man wie ein Luchs aufzupassen, weil die Äste von einem Eisfilm oder vom Tauwasser rutschig waren. Die Säge selber war natürlich auch kein Spielzeug.

Die Kommune hatte dieses Mal einen denkbar kurzen Weg „ins Holz“, weil Revierförster Umbach mit dem Leichenkopf ihren Hausberg hatte auslichten lassen. Vergangenen Winter hatten sie bis zum Bilstein über acht Kilometer gehabt. Regine und Herbert tauschten abenteuerliche Erinnerungen an jene Tage aus. Sie schwärmten von Schneeverwehungen und Fuchsfährten, Rippenquetschungen, die wochenlang wie Schußwunden brennen, zermalmten Picknickkörben, aber auch prasselnden Lagerfeuern in der Mittagspause. Dazu hatten sie im Traktor stets einen Korb mit trockenem Holz dabei gehabt.

Astrid war damals noch nicht mit von der Partie gewesen. Sie und Bott kannten sich jetzt seit anderthalb Jahren. Sie war erst 31 und recht hochgewachsen. Wegen ihres weißen Kittels hatte sie in der Apotheke am Gudensberger Obermarkt die Souveräneität einer Krankenhauschefin auf Bott ausgestrahlt. Ihr kastanienbraunes Haar trug sie in kurzen Fransen. Kräftige Backenknochen verliehen ihrem Gesicht einen slawischen Zug. Jetzt steckte sie wie die drei anderen in einer derben grauen Bauernjacke. Mit der Kettensäge kam sie glänzend zurecht.

Plötzlich unterbrachen sich Regine und Herbert im Schwelgen und hoben ihre Köpfe. Ein Schuß war gefallen. Doch nach einem zweiten Schuß blieb es wieder ruhig. Die Schüsse waren von der Landstraße her gekommen, die im Norden lag. Jenseits erhob sich der Wartberg, der den Leichenkopf deutlich überragte. Allerdings waren Schüsse in verschneiten Wäldern nichts Ungewöhnliches; vermutlich waren Jäger unterwegs.

Bott wollte im Verkünden von Heldentaten nicht nachstehen und erzählte aus seiner Zeit in Riesa. Bevor er eine Lehrstelle zum Polsterer fand, hatte er in der sächsischen Stadt als Schmiedehelfer und Walzwerker gearbeitet.

„Im Walzwerk wurden zum Beispiel bleistift- oder fingerdicke Drähte gewalzt. Man hatte mich ans Ende der Auffangrinne gestellt. Die Rinne war so lang wie die rotglühenden Drähte, die aus den Walzen schlüpften; sieben oder zehn Meter vielleicht. Die Drähte waren verblüffend biegsam. Meine Aufgabe bestand nämlich darin, sie mit einer großen Zange am Kopf zu packen und durch einen kräftigen Schlenker aus der Rinne zu schnellen, bevor der nächste Glühwurm ausschlüpfte. Sie wellten sich wie Taue, die von Matrosen aufs Schiffsdeck geschlagen werden. Allerdings war dieses 'Ablegen' der Drähte, dem ein Außenstehender vermutlich eine gewisse Eleganz ...“

Bott unterbrach sich nun ebenfalls, weil ihn Regine an den Oberarm geboxt hatte. Sie deutete über die Ladeklappe und flüsterte: „Pst! Da kommt ein Wildschwein. Aber irgendetwas stimmt da nicht.“

Sie blickten allesamt in die bezeichnete Richtung. Das Wildschwein war kaum zu übersehen. Es schleppte sich etwa in Steinwurfweite den Hang hinauf – von einem Buchenstamm zum anderen. Dabei hielt es mit stierem Blick auf ein weiter oben gelegenes Fichtendickicht zu. Der Grund enthüllte sich, als sie das Wildschwein schräg von hinten sahen. Hart neben seinem zipfligen Schwänzchen klaffte eine etwa faustgroße Wunde – vor dem Hintergrund des schneebedeckten Laubes geradezu ein Blutpfuhl. Selbst Astrid, die wenig zimperlich war, starrte mit offenem Mund darauf.

Nachdem das Wildschwein von dem Fichtendickicht verschluckt worden war, kam Bewegung in die vier. Sie redeten empört durcheinander. Aber der Sachverhalt war ja klar. Das Wildschwein war offensichtlich waidwund geschossen worden – das kam vor. Nur war jetzt die Frage, wann der Schütze kam, um es von seinen Qualen zu erlösen.

Sie warteten. Bald darauf vernahmen sie Hundegebell. Allerdings tauchte kein Hund bei ihnen auf. Vielmehr war deutlich zu hören, daß sich das Gebell Richtung Landstraße entfernte.

Bott sprang auf. „Sozusagen eine Schweinerei!“ Er sah Astrid fragend an und nickte zur Landstraße: „Kommst du mit? Ich will einmal nachsehen.“

Die beiden liefen los. Auf der dünnen Schneedecke war die Blutspur des Wildschweins vermutlich kaum zu verfehlen. Der Jäger spricht angesichts solcher blutigen Fährten allerdings von „Schweiß“. Das klingt unverfänglicher.

Herbert schüttelte mißbilligend seinen Kopf und goß sich noch einmal Tee ein. Doch Regine deutete wütend auf das Fichtendickicht. „Solltest du dich nicht lieber um das Opfer kümmern? Weiß der Himmel, wann es verreckt!“ Und da ihr Blick auf eine Spaltaxt gefallen war, die am nächsten Baumstamm lehnte, fügte sie mit einem Nicken auf das schwere Beil hinzu: „Da! Mach dich hinterher und setze dem Leiden ein Ende!“

Herbert sah sie entgeistert an. Die etwa 40jährige zierliche Regine war nahe am Heulen. Nur konnte sie ja wohl nicht im Ernst von ihm verlangen, einem Wildschwein mit einer Axt das Leben zu nehmen! „Bist du verrückt geworden ..?“ sagte Herbert mit verkniffenen Augen.

Regine hieb mit ihrem Blechbecher auf die Ladeklappe. „Du bist verrückt! Kurz vor Weihnachten schnappst du dir zwei von unseren Gänsen und hackst ihnen ohne mit der Wimper zu zucken die Köpfe ab!“

„Aber Regine“, erwiderte Herbert ungläubig. „Wildschweine haben doch keine Gänsehälse. Wie stellst du dir das vor?“

Regine schwieg. Sie dachte offensichtlich nach und fand wohl nur haarsträubende Vorstellungen. Sie winkte kleinlaut ab. „Vergiß es!“ Dann goß sie sich ebenfalls noch einmal Tee ein, denn der aus ihrem Becher stak im Schnee.

Nach wenigen Minuten kehrten Bott und Astrid zurück. Zwar war der Feind entkommen, doch sie hatten ihn immerhin identifizieren können. Die blutige Fährte hatte sie zum östlichen Waldrand geführt. Vom Weg aus blickten sie nach Norden, denn am Ende des Waldes war ein schwarzer Geländewagen geparkt, dessen Hecktür offen stand.

Ein Mann in Jagdkleidung ließ gerade seinen Hund – einen schwarzweiß gefleckten Pointer – in den Laderaum hüpfen, warf die Tür zu und setzte sich ans Steuer. An der Landstraße eingetroffen, bog er nach rechts Richtung Gleichen ein. Sein Wohnsitz lag rund 200 Meter über dem Wagendach, denn der Mann konnte nur der neue Eigentümer von Haus Rübezahl sein. Astrid erklomm den Wartberg zuweilen, um den Blick ins Land zu genießen, und kannte von daher sowohl den auffälligen Jagdhund wie den bulligen schwarzen Geländewagen. Der Mann fuhr außerdem einen schwarzen Audi 8, woraus geschlossen werden konnte, er zehre wohl kaum von Sozialhilfe. Sein ausgedehntes Grundstück am Südhang war das einzige bebaute Grundstück auf dem Wartberg. An klaren Tagen konnte der Mann seinen Blick ohne Mühen an die beiden spitzen Türme des Fritzlaer Doms heften. Vielleicht betrieb er ja in Fritzlar ein Autohaus. Die Sauerkonservenfabrik Hengstenberg wäre auch etwas für ihn gewesen – immer saftige Beilagen zum selbst erlegten Braten.

Sie standen am Traktor und berieten sich. Regine meinte, jemand müsse sofort zum Wartberg fahren, den Mann zur Rede stellen und ihn notfalls mit einem Arschtritt zu dem Fichtendickicht befördern. Herbert und Astrid dagegen wollten die Sache lieber auf sich beruhen lassen. Für ein Wildschwein hielt Herbert solchen Aufwand doch für überzogen. Astrid stellte klar, sie habe keine Lust, sich mit einem Jäger anzulegen. Wer könne wissen, welchen Ärger er der Kommune bereiten würde. Immerhin seien sie enge Nachbarn und müßten miteinander auskommen.

Bott sah seine Geliebte zweifelnd an. Er hatte nicht zum ersten Mal den Eindruck, sie entfessele oder knebele ihre durchaus vorhandene Kampfeslust recht willkürlich – um nicht „prinzipienlos“ zu sagen. Doch darauf wollte er im Moment nicht herumreiten. Er sagte zu Regine:

„Vielleicht wäre es geschickter, erst einmal auf dem Wartberg anzurufen. Wer weiß, ob der Mann geradewegs nach Hause gefahren ist. Wenn aber ja, kann ihm auch am Telefon erläutert werden, was wir von ihm erwarten.“

Regine gab ihm recht. Astrid zuckte die Achseln: „Ich kenne zwar den Mann, aber nicht seinen Namen.“

Sie schien die Diskussion für beendet zu halten. Sie ging zu ihrem alten Platz und warf die Kettensäge an. Herbert hatte sich ohnehin schon wieder nach den geschnittenen Meterstücken im Schnee gebückt, um sie auf den Hänger zu werfen. Für ihn war die Sache weder ein Palaver noch einen Streit wert. Sollten Bott und Regine machen, was sie wollten.

Regine machte eine sorglose Handbewegung. „Das mit der Telefonnummer ist kein Problem“, sagte sie zu Bott. „Ich werde einfach zuerst Umbach anrufen. Er wird ja wohl wissen, wer die Jagd am Leichenkopf gepachtet hat.“

Bott nickte. Dann sagte er kurzentschlossen: „Gehen wir? Ich komme mit, wenn es dir recht ist. In einer Stunde wird es sowieso dunkel.“

Sie hatten höchstens 700 Meter bis zur Mühle zurückzulegen. Wo im Westen der Wald aufhörte, führte der Emser Weg entlang, und gleich jenseits schloß sich das Anwesen der Kommune an. Von Hauptgebäude und Scheune flankiert, fiel der Hof leicht zur Ems ab, die das Grundstück nach Westen hin begrenzte. Die Furt in die Felder wurde von einer mächtigen Linde beschirmt.

Umbach war in der Försterei. Er dachte zunächst, sie hätten Schwierigkeiten im Holz. Regine konnte ihn beruhigen.

„Wir haben im verschneiten Laub einen Hirschfänger gefunden“, erklärte Regine. Das ist ein Jagdmesser. „Vielleicht gehört er dem Jagdpächter. Wie heißt denn der Mann? Hätten Sie seine Telefonnummer?“

Sie hatte sozusagen in Notlüge zum Hirschfänger gegriffen, weil die Förster und Jäger meistens unter einer Decke stecken. Umbach gab bereitwillig Auskunft. Er schätzte die Kommunarden, weil sie die Emsmühle erstaunlich gut in Schuß hielten. Ihre Tischlerei hatte ihm neulich ein neues Stalltor gebaut. Im Herbst ließ er in der Emsmühle mosten.

Regine dankte ihm und legte auf. Der Jäger hieß Kallenbreuer, Horst Kallenbreuer. Ein Richter aus Kassel, hatte Umbach noch von sich aus hinzugefügt. Vielleicht wollte er durch diesen Hinweis sein Revier aufwerten.

Leider nahm im Haus Rübezahl niemand den Telefonhörer ab. Es war ja anzunehmen, Kallenbreuer habe Familie. Möglicherweise wandelte seine Gattin gerade auf erotischen Abwegen, weil sie ihren Horst auf der Jagd oder am Stammtisch wußte.

Regine machte ein langes Gesicht. Bott zuckte die Achseln: „Vielleicht versuchst du es später noch einmal. Wenn es dunkel geworden ist, hat es natürlich keinen Zweck mehr. Ich kann mir nicht denken, daß Kallenbreuer bereit ist, mit einer Taschenlampe durch das Fichtendickicht zu kriechen.“

Regine bedankte sich für die Belehrung durch eine Fratze. Bott lächelte. „Ich werde inzwischen duschen gehen, wenn du gestattest. Mir reicht es für heute. Ich fahre dann nach Hause.“

Eine Viertelstunde später schwang sich Bott aufs Rad. Dabei kurvte er grüßend um einen Jungen, der gerade über den Hof zur Tischlerei stiefelte. Das war Moritz, der wie immer nichts hörte und nichts sah. Bott dagegen bekam noch mit, wie die Tischlereitür eine Fuhre Geheul von der Abrichte auf den Hof kippte.


2

Östlich von Gleichen warf Bott das Handtuch. Er stieg vom Rad und schob es den Seilerweg zum Nenkel hinauf. Von dort her hörte er einen Waldkauz heulen. Erfreulicherweise hatte das gegenüber liegende Schotterwerk schon Feierabend gemacht. Sobald man sonst den Kopf über die Anhöhe steckte, schlug einem das Rattern der Förderbänder und Siebe ins Gesicht.

Wandte er sich beim Schieben um, konnte er das Abendrot über den Lohner Bergen bewundern. Man brauchte nicht viel Phantasie, um dort ein Weib liegen zu sehen, aus dem die Lüste loderten. Leider verbarg sich darin auch schon die wesentliche Anziehungskraft, die Astrid auf ihn ausübte. Wie ein Obstbaumreiser zu veredeln ist, wußte sie, aber von revolutionären Umtrieben wollte sie nichts wissen. Kräuter kannte sie natürlich, doch schon Physik war ihr zu hoch, von Metaphysik ganz zu schweigen. Ihre historischen Kenntnisse waren dünn wie gepreßte Arzneipflanzen. Bott erinnerte sich an ein Gespräch mit Zülch. Der hatte eingewandt:

„Aber sie hat doch Abitur?“

„Na sicher – muß sie ja, wenn sie Pharmazie studieren will. Aber sie hat keine Bildung. Du glaubst gar nicht, auf wieviele Lücken ich schon bei ihr gestoßen bin: auf Personen, Vorfälle, Phänomene, von denen sie in der Schule oder auf der Universität noch nie gehört hat!“

„Zum Beispiel?“

Bott zuckte die Achseln und begann aufs Geratewohl: „Die Bestattungsriten des Neandertalers ... Marlen Haushofer ... Die Ausrottung der IndianerInnen oder der ArmenierInnen ... Rosa Luxemburg oder Hans Paasche ... Die Affäre Dreyfus ... Das Problem der Willensfreiheit im Lichte von Schopenhauer und Kierkegaard ... Selbst der Umstand, daß Wasser, Glas und Eisen eine verschiedene Dichte haben, ist ihr niemals zur Kenntnis gebracht worden.“

Zülch wollte sich gerade danach erkundigen, ob dieser Dreifuß die Mordwaffe in einem Kriminalfall gewesen sei, als Kunden kamen. Er gab ein Tablett mit Kugeln heraus und zapfte Bier. Dann zogen sie es selber vor, ein paar Runden Snooker zu spielen, statt das Gespräch wieder aufzunehmen.

Inzwischen hatte Bott das Schotterwerk hinter sich gelassen und radelte über die Autobahnbrücke. Die zum Teil bei Volkswagen in Kassel-Baunatal hergestellten Blechkisten fuhren wie am Schnürchen. Er sagte sich, Bildung sei freilich etwas anderes, als eine Menge von Ereignissen oder Sachverhalten aufzählen zu können. Sie ist geradezu das Gegenteil einer Aufzählung, nämlich Abwägung, Einkreisung, Durchdringung. Wer Glück hat, stößt zu so etwas wie einer Weltanschauung vor. Astrid hatte keins gehabt. Allerdings vermißte sie dieses Glück auch nicht, sodaß sie mit Fug und Recht überglücklich genannt werden konnte. Sich jeden Tag einfach nur sauwohl zu fühlen, genügte ihr. Sie war noch nicht einmal auf Leute angewiesen, die ihr Wohlbefinden sahen und beklatschten. Sie war nicht im Geringsten eitel, das mußte Bott ihr lassen.

Er überquerte auch die Landstraße nach Fritzlar. Einen Steinwurf weiter begannen die Häuser von Gudensberg. Im Hintergrund erhob sich der rundliche Schloßberg, an den sich das Städtchen schmiegte. Bei Astrid schmiegte er sich ebenfalls gern an verschiedene Rundungen; ein Verzicht darauf wäre ohne Zweifel schmerzlich, zumal Astrid anders als Gudensberg strahlte. Da sie kein Schloß vorweisen konnten, hatten sie die Stadtkirche angestrahlt – mit einem kupferfarbenen Licht, das sogar einen Erzengel in die Flucht geschlagen hätte. Die Stadtkirche thronte auf halber Höhe des Schloßberges über dem Obermarkt. Bott wohnte fast im Epizentrum ihres Geläuts. Er hielt auf sie zu.

Am Obermarkt hatte die Geschichte mit Astrid ihren Anfang genommen. Obwohl es in Strömen regnete, humpelte Bott zur Apotheke. Der Hexenschuß hatte ihn erwischt. Der Anblick der hochgewachsenen jungen Frau in dem gestrengen weißen Ärztekittel, die hinter dem Tresen stand, bewog ihn zwar, einen möglichst gesunden Eindruck zu machen. Doch andererseits bat er die junge Apothekerin um ein Abc-Pflaster, was in der Regel auf Gebrechlichkeit deutet. Das war ihm etwas peinlich. Er überlegte blitzschnell, ob er Frau Rinninsland oder seinen Großvater ins Feld führen sollte. Astrid war allerdings längst taktlos genug, ihn spüren zu lassen, daß ihr seine Verlegenheit keineswegs entging; sie lächelte spöttisch. Bei seiner Ausrede mit dem Großvater hätte sie sich am Ende noch schiefgelacht. So bezahlte er nur artig. Sie gab ihm Kleingeld und dieses spöttische Lächeln heraus. Es verfolgte ihn gut zwei Tage. Dann kam er wieder an der Apotheke vorbei, als sie zufällig geschlossen hatte.

Bott lehnte sich mit verschränkten Armen an den Marktbrunnen. Er sagte sich, es sei vielleicht am erfolgversprechendsten, mit der Tür ins Haus zu fallen. Astrid kam aus der Seitentür. Sie mußte am Brunnen vorbei. Schon setzte Bott eine gequälte Miene auf und betastete seine Lendenwirbel. Sie grüßte ihn belustigt. Nun erkundigte sich Bott, ob sie vielleicht ein Rezept wüßte, wie sich ein alleinstehender gebrechlicher Greis klebriger Rückstände eines Abc-Pflasters entledigen könnte. Es war ein Volltreffer. Sie hielt inne, setzte ihre Tasche auf dem Rand des Marktbrunnens ab und gluckste mehr als dieser. Keine halbe Stunde später saßen sie im Hessischen Hof und tranken Wein.

Jetzt hatte die Apotheke noch geöffnet. Die Turmuhr an der in Braunlicht getauchten Stadtkirche zeigte kurz vor Sechs. Jenseits des Obermarkts bestieg Bott sein Fahrrad wieder und ließ sich noch 150 Meter bis zum Häuschen der Rinninslands rollen. Er stieg zu seiner Dachstube hinauf, wobei er leider keine Post vorfand. Zülchs Schwiegermutter legte sie ihm immer auf die Treppe. Er machte Licht und zog sich um.

Während er sich in seiner Kochnische ein Abendbrot bereitete, klingelte das Telefon. Es war Regine. Dieser Kallenbreuer sei offenbar die Kaltschnäuzigkeit in Person. Er habe erst eine Weile höflich zugehört, dann sein Befremden über derartige „Ideen“ ausgedrückt. Als amtlich bestellter Jäger wisse er eigentlich, ob und wann er ein Wild waidwund geschossen habe. Das sei schon viele Jahre her. Sicherlich liege ein Mißverständnis vor. Wenn die Dame so gut sein wolle, möge sie ihn nicht länger von der Arbeit abhalten; er habe eine heikle Revision zu begutachten. „Das ließ er ein wenig in der Luft hängen, bevor er kurzerhand auflegte.“

Bott hatte sich schon beim Brotschmieren Gedanken gemacht. „Ich fürchte, da ist wenig auszurichten“, sagte er ins Telefon. „Wir haben ja keine Beweise – falls so eine Sache überhaupt strafwürdig ist. Ich gebe ehrlich zu, daß ich keine Lust habe, an Kallenbreuers Stelle in das Fichtendickicht zu kriechen, das Wildschwein zu obduzieren und die Flintenkugel ans Fritzlaer Amtsgericht zu schicken.“

„Scherzbold“, knurrte Regine. „Aber wir können doch die Sache nicht auf sich beruhen lassen!“

„Zunächst ging es ja lediglich darum, dem Wildschwein Sterbehilfe zu geben. Inzwischen sollten wir berechtigterweise daran glauben, es sei schon von selbst in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Sodann glaubst du ja gar nicht, wie viele Millionen Schweinereien tagtäglich auf sich beruhen gelassen werden. Foltereien in türkischen Kerkern zum Beispiel, oder unauffällige Ölabfüllereien auf hoher See ... Doch davon abgesehen, gebe ich dir recht. Wir sollten Herrn Kallenbreuer zumindest einen Denkzettel verpassen.“

„Und was schwebt dir da vor?“

„Bislang gar nichts. Wir könnten ja beide darüber nachdenken und wieder miteinander telefonieren.“

„Ja. So machen wir es.“

„Hat Astrid irgendetwas gesagt?“

„Nein“, erwiderte Regine. „Zu mir jedenfalls nicht.“

„Hoffentlich ist sie mir nicht böse, weil ich ohne Abschied verschwand. Vielleicht könntest du ihr versichern, ich sei zu zerschlagen gewesen, um noch einmal in den Wald zu humpeln.“

Regine kicherte. „Ich pflege keine Lügen zu überbringen.“

Nachdem sie das Gespräch beendet hatten, konnte sich Bott endlich wieder seinem Abendbrot zuwenden. Bald darauf lümmelte er kauend in seinem knallroten Ledersessel, der in Fensternähe unter der Dachschräge stand. Zu den Schwarzbrotstullen ließ er sich Mandarinenschnitzen, Oliven und eine Flasche Bier schmecken. Auf einem verwitterten Grabstein des Judenfriedhofs zeichnete sich verschwommen sein Balkongeländer ab. Andere Lichter oder Schimmer waren draußen nicht zu sehen.

Mit dem knallroten Ledersessel hatte es folgende Bewandtnis. Vor bald 10 Jahren hatte sich Bott noch einmal unsterblich in eine hinreißende Frau verliebt. Damals arbeitete er noch als Raumausstatter. Für solche weibliche Oberwesen tut man bekanntlich alles. Da er sie aber nicht dauernd auf Händen tragen wollte, machte er Vera eigenhändig einen mit knallrotem Leder bezogenen Clubsessel, wovon sie schon immer geträumt hatte. Nur läßt sich so etwas nicht über Nacht bewerkstelligen. Und als der Sessel fertig war, war Vera leider auch schon wieder mit Bott fertig. O diese Höllenhündin ließ ihn auf seinem in liebestoller Sorgfalt angefertigten Clubsessel sitzen! Nachdem er seinen stechenden Liebeskummer überwunden hatte, schwor Bott sich zu: So etwas machst du nie wieder! Das war natürlich nicht auf den Sessel bezogen.

Soweit sie nicht von Sehnsucht oder Rachedurst durchtränkt waren, kreisten Botts Gedanken bei seinen Abendimbissen um mögliche Tagebuchthemen oder mögliche Witze. Bott hatte sich schon vor etlichen Jahren aufs Witzeausknobeln verlegt. Seine Witze erschienen recht häufig in den unterschiedlichsten Blättern. Sie brachten ihm so ein willkommenes Zubrot ein, denn als Zeitungszusteller verdiente er keine 500 Euro netto im Monat.

Bekanntlich ist ein Mensch, der 20 Jahre zum Heranwachsen braucht, in einer Sekunde erschossen. So ähnlich verhält es sich auch mit den zündenden Witzen. Ihre Erfindung gestaltet sich oft langwierig. Nur selten kommen Erleuchtungen oder Geistesblitze zur Hilfe. So stand Bott einmal mit Astrid vor der Emsmühle, als Herbert mit dem zerbeulten Volvo der Kommune aus der Einfahrt geschossen kam; Herbert hatte es fast immer ausgesprochen eilig – trotz oder wegen seines Alters. Sie winkten ihm zu und blickten ihm nach. Vor der Landstraße mußte er natürlich bremsen. Daraus war beinahe im Handumdrehen der folgende Witz entstanden.

Mählich stoppt vor der Ampel. Ein freundlicher Bürger, der auf den Bus wartet, macht ihn darauf aufmerksam, sein linkes Bremslicht sei kaputt. „Ach du liebe Zeit!“ beugt sich Mählich erschrocken aus dem Seitenfenster. „Dann werde ich selbstverständlich erst wieder bremsen, wenn ich zu Hause angekommen bin.“

Nachdem er abgeräumt hatte, ging Bott zum Kleiderschrank und holte den Aktenordner hervor, der sein spärliches „Archiv“ enthielt. Tatsächlich wurde er unter dem Stichwort „Jagd“ fündig. Er setzte sich an seinen schmalen Schreibtisch. Er hatte zwei Zeitungsartikel und ein paar Notizen abgeheftet, die unter anderem auf literarische Quellen verwiesen. Deschners Tirade Die Nacht steht um mein Haus besaß er nicht selber. Aber den Renard.

Nachdem er eine Weile gestöbert und nachgedacht hatte, machte er sich an sein Tagebuch. Es war eine Lose-Blatt-Sammlung im Buchformat, sodaß er die Einträge auf der Maschine schreiben konnte. Sein Ehrgeiz ging dahin, aus dem Ärmel zu schreiben und keine Korrekturen vorzunehmen. Hitzköpfen ist diese Methode nicht zu empfehlen.

Bott umriß den Zwischenfall mit dem Wildschwein, ohne auf Kallenbreuer einzugehen. Dann fuhr er fort: Wenn ich sagte, die klaffende Schußwunde habe dicht neben der Schwanzwurzel des Wildschweins gesessen, ist das allerdings laienhaft ausgedrückt. Korrekterweise saß sie dicht neben dem „Pürzel“ des Wildschweins. Das Jägerlatein besteht darauf. Ein Fuchs dagegen pflegt seine „Lunte“ zu heben; ein Hase seine „Blume“; ein Hirsch seinen „Wedel“. Welche Namensvielfalt für lauter Schwänze – verliehen vom immerselben Jägersmann!

Zartbesaitete mögen seine Veranstaltung im ganzen – zielstrebiges Mästen eines Wildbestandes, um ihn systematisch dezimieren zu können – ein Gemetzel nennen; die Jäger ziehen den Obertitel „Hege mit der Büchse“ vor. Man glaube aber nicht, sie brächten ihre Opfer kurzerhand um. Die Worte Tod und töten sind im Jägerlatein nicht aufzustöbern. Stattdessen wird man erhaschen: der Jäger „schöpft den Überschuß ab“, „entnimmt die Tiere dem Besatz“, „greift in die Altersklasse ein“, „macht Strecke“ und dergleichen. Offenbar wollen sich die Jäger nicht die Tatsache eingestehen, daß sie mit ihren Flinten vernichten, was sie angeblich so lieben und deshalb verklären. Liegen die Säue nach dem Abblasen der Jagd am Waldrand aufgefädelt, stecken sie kleine Fichtenzweige in die Schußwunden. Das dürfte in der Übersetzung heißen: Seht her – so viel Leben haben unsere donnernden Schwänze wieder gespendet! Vielleicht haben die Veras die richtige Witterung. Verherrlicht mich der Kerl – so denken sie vielleicht – wird er mich früher oder später auch zur Sau machen. Was mir Spiel ist, stellt für ihn einen Machtkampf dar, mit dem er steht oder fällt. Da geben wir ihm doch besser den Laufpaß, solange er noch für Liebeskummer anfällig ist.

Das trifft zu: ohne den Kummer hätte ich sie erwürgen können. Ich wußte noch nicht, daß man so um 40 allmählich daran denken sollte, seinen Jagdschein zu zerreißen. Jules Renard im September 1904 in seinem Tagebuch: „Die Lerche fliegt auf und davon. Etwas weiter wird sie sich auf einem kleinen Hügel niederlassen. / Es ist gefährlich, ein Gewehr bei sich zu tragen. Man glaubt, es töte nicht. Ich schieße, nicht um sie zu töten, sondern nur um zu sehen, was dann geschieht. Ich komme näher. Sie liegt auf dem Bauch, ihre Füße zucken, ihr Schnabel öffnet und schließt sich, gähnt: die kleine Schere schneidet Blut. / Lerche, ach, könntest du der feinste meiner Gedanken, das teuerste Schmerz- und Schamgefühl in mir werden! / Sie ist tot für die anderen. / Ich habe meinen Jagdschein zerrissen und mein Gewehr an den Nagel gehängt.“



3

Da es in seine Musikanlage integriert war, besaß Bott zwar ein Radio, doch hörte er niemals Nachrichten. Las er zuweilen Zeitung, dann erstens nie die von ihm ausgetragene Schwalm Eder Post mit dem Kosenamen Sepo, zweitens nie beim Frühstück. Mehr noch, er hatte sich dazu erzogen, schon beim Austragen den bloßen Anblick der Zeitung zu vermeiden, um sich kein blaues Auge zu holen. Denn Schlagzeilen stellten Faustschläge der Gegenwart dar. Bott hatte aber nicht den geringsten Bedarf für Gegenwart, wenn er sich des Morgens damit abzufinden versuchte, dem Schlaf entrissen worden zu sein. Für ihn stand der Schlaf noch über den weiblichen Überwesen. Er war die klassenlose Gesellschaft.Vielleicht stand er auch geringfügig unter den weiblichen Überwesen; dann konnte er als kameradschaftliches Miteinander bezeichnet werden.

Diese Formulierungen tauchten in Botts gegenwärtiger Frühstückslektüre auf. Sein alter Kumpel Kuno Pannen aus Erfurt hatte ihn zu Weihnachten mit Arthur Millers Erinnerungen Zeitkurven überrascht, die hervorragend geschrieben waren. Kuno selber machte sich übrigens wenig aus weiblichen Kurven. Der zeitweilige Gatte Marilyn Monroes wiederum hatte sich nicht anders wie Kuno, Zülch und Bott bereits in seiner Jugend für die Idee des Sozialismus erwärmt. Mit dem vom Wildschwein aufgerührten „Gewalt“-Thema hatte diese Zuneigung offenbar auch schon in Verbindung gestanden, wie Bott auf Seite 150 sah.

„Marx revolutionierte nicht nur meine Vorstellungen, sondern auch die damals für mich wichtigste Beziehung – die zu meinem Vater, denn hinter dem marxistischen Versprechen der kameradschaftlichen Welt liegt der Vatermord. Auf alle, die psychologisch bereit für dieses uralte Abenteuer sind, hat die Sublimierung der Gewalt, die der Marxismus bietet, eine beinahe euphorische Wirkung. Einerseits preist er das Rationale, andererseits befreit er die ödipalen Furien und hüllt ihre Gewalttätigkeit in ein humanes Ideal.“

Bott klappte das Buch zu, zog sich um und verließ das Haus. Offenbar war es über Nacht milder geworden. Die Schneehügelkette, die er vor zwei Tagen am Rinnstein der Gasse angelegt hatte, sackte bereits in sich zusammen.

Nach 10 Minuten hatte er den ehemaligen Bahnhof erreicht – zu Fuß. Auf dem Vorplatz glänzten die nassen grauen Basaltsteine. Zülchs Snookersalon hieß Zugball. Abends leuchtete dieser Schriftzug in kräftigem Lila über der Eingangstür auf. Bott schloß die Tür auf, um seinen Reinigungsdienst zu erledigen, der zweimal in der Woche fällig war.

Kaum hatte Bott zwei Tische abgebürstet, klingelte das Telefon. Es stand auf der Bar. Bott wußte, es war ins Obergeschoß durchgestellt. Aber wenig später rief Zülch die Treppe herab:

„Nimm mal ab, Bott! Es ist Astrid.“

Bott verzog das Gesicht, weil er Unerquickliches ahnte. Wie sich dann zeigte, machte Astrid auch keine Umschweife.

„Lieber Bott! Willst du dich wirklich mit dem Jäger anlegen? Regine sagte sowas. Wir können dir natürlich nichts verbieten. Bedenke jedoch, es fiele auf die Kommune zurück ... Was Regine angeht, wird sie hoffentlich heute Abend auf dem Plenum zurückgepfiffen.“

„Aha“, sagte Bott geruhsam. „Kallenbreuer hat ja auch einen Hund.“

„Rede kein Blech! Was gedachtest du denn gegen Kallenbreuer zu unternehmen?“

„Da bin ich überfragt. Ich kam noch nicht zum Pläneschmieden. Vielleicht unternehme ich einstweilen gar nichts, denn ich habe den Verdacht, bei mir ist ein Schnupfen im Anzug. Möglicherweise verdanke ich das den nassen Füßen, die ich mir im selbstlosen Dienst an einer gewissen Kommune gestern im Wald geholt habe. Von daher fürchte ich auch, mir wird am Sonntag die Lust fehlen, mit nach Kaufungen zu fahren.“

Astrid ignorierte die nassen Füße, die ihr Bott unter die Nase gerieben hatte. „Na wie du meinst, Bott. Erst einmal gute Besserung. Tschüß.“

Da Bott sie kannte, nahm er ihr die Ruppigkeit nicht krumm. Es war ihre Unkompliziertheit. Sie verstellte sich nie. Deshalb nahm er auch nicht an, hinter ihrer sachlichen Attacke – den Jäger betreffend – stecke ein unlauteres Motiv; etwa Wut, weil sich Bott ihr entzogen hatte oder zu entziehen drohte. In ihrem Gefühlshaushalt kamen doppelte Böden, Fußangeln und Tapetentüren nicht vor. An ihr konnte kein Therapeut genesen.

Er war schon beim Bügeln der Tische, als Zülch herunterkam. Die Uhr über der Bar zeigte kurz vor 10. Zülch grüßte ihn mit Handzeichen, schwenkte hinter die Bar ein und setzte die Espressomaschine in Gang. Bott beeilte sich fertig zu werden.

Zülch war ein Glockenstrick, an dem so gut wie alles, was andere Menschen beunruhigt hätte, vorbeiging. Schob er sich, das rund Tablett in der Hand, auf leisen Sohlen durch seinen Salon, wurde sein schmaler Mund von einem unaufdringlichen Lächeln umspielt, das besagte: solange die Schwarze noch auf dem Tisch liegt und die Lampenschirme nicht herunterfallen, besteht kein Grund zur Panik. Sein halblanges dunkles Haar umhüllte ihn symmetrisch von einem Mittelscheitel aus. Auch seine Augen waren dunkel. Es hatte Bott nicht erstaunt, als ihm Zülch einmal gestand, in seiner Jugend sei er drauf und dran gewesen, sich an der CVJM-Sekretärschule in Kassel-Wilhelmshöhe zu bewerben. Wenn er es später zum Snooker-As brachte, könnte man ihn mit Arthur Koestler beinahe einen Irrläufer der Evolution nennen. Am Idealbild des Snookerspielers gemessen, war er nämlich viel zu groß. Allerdings konnte er diesen Makel durch seine Biegsamkeit wettmachen. Verfolgte Bott, wie sich Zülch an der Bande in Stellung brachte, hatte er mitunter den Eindruck, Zülch wickle sich dabei um einen der klobigen gedrechselten Tischfüße. Zülch war mindestens eine Klasse besser als Bott; er war für Breaks um 90 gut. Im Alter dagegen trennten sie nur Monate.

Nachdem er das Bügeleisen verstaut hatte, schwang sich Bott auf einen Barhocker. Zülch stellte zwei Espresso auf den Tresen. Dann kam er heraus, schob sich neben Bott und trank ihm zu: „Auf das Putzproletariat!“

„Danke“, nickte Bott und nahm ebenfalls einen Schluck. Der Espresso war eine Art Trostpreis für sein Säubern der Tische und des Zubehörs.

„Astrid läßt schön grüßen“, log Bott. „Wir waren gestern mit zwei anderen von der Emsmühle zusammen im Wald, Brennholz machen. Wußtest du, daß Astrid mit einer Kettensäge fast so gut umgehen kann wie du mit einem Billardstock?“

Zülch sah ihn strafend an. „Das ist ein sehr gewagter Vergleich. Das einzige Verbindende liegt im Holz, und das ist an den Haaren herbeigezogen.“

Sie blickten zur Tür, weil die ersten Gäste kamen. Es waren zwei Stammspieler, die gern am Vormittag im Salon auftauchten. Sie schälten sich aus ihren Mänteln und traten an die ehemaligen Gepäckschließfächer, wo ihre Queuekoffer verstaut waren. Zülch erhob sich, um sie zu bedienen.

Nachdem er wieder neben Bott Platz genommen hatte, erzählte ihm dieser die Geschichte mit dem Wildschwein. Er berichtete auch das wenige, das sie von Kallenbreuer wußten.

Zülch dachte eine Weile nach. „Wenn er ein waidwund geschossenes Wild im Stich läßt, verstößt er mindestens gegen den 'Ehrenkodex', auf den sich die Jäger so viel einbilden. Warum macht er das?“

„Vielleicht bedarf es dazu keiner gewichtigen Gründe“, hob Bott seine Hände. „Überlege dir einmal, wie oft wir uns Unachtsamkeiten oder Verfehlungen durchgehen lassen, um nur nicht unseren 10-Uhr-Espresso, unser Mittagsschläfchen oder unseren abendlichen Stammtisch im Hotel Zur Spitze am Fritzlaer Marktplatz zu versäumen. Zuweilen reicht schon unsere Faulheit. Gestern am Leichenkopf waren kurz hintereinander zwei Schüsse zu hören. Angenommen, der Pointer bringt Kallenbreuer gerade einen Feldhasen an. Damit ist der Sonntagsbraten gesichert und der Schütze wendet sich zu seinem Geländewagen. Diese hohen Tiere jagen ja nicht aus Erwerbszwecken. Sie machen den Jagdschein und pachten sich ein Revier, weil das staatlich garantierte Tötungsrecht ihr Renommee und ihr Selbstwertgefühl erhöht. Ist Kallenbreuer so kaltschnäuzig, wie er Regine vorgekommen ist, dürfte er noch nicht einmal an chronischem Jagdfieber leiden. Aber nun hat sein Schuß auf den Hasen auch noch ein Wildschwein aufgeschreckt. Kallenbreuer hört es, dreht sich um und gibt gleichsam automatisch einen zweiten Schuß ab. Er trifft schlecht – das Wildschwein schlägt sich ins Unterholz. Kallenbreuer zuckt die Achseln und pfeift seinen Pointer zurück. Die Mühe, einem Wildschwein nachzusetzen und es dann auch noch an einem geschulterten Tau aus dem Wald zu schleifen, kann er sich ersparen. Da hat er als Richter Wichtigeres zu tun.“

Zülch sah ihn stirnrunzelnd an. „Er heißt also Kallenbreuer?“

„Ja – Horst Kallenbreuer.“

„Verdammt“, sagte Zülch und rieb sich die Stirn. „Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor!“

Obwohl er angestrengt nachdenkend in sein geleertes Kaffeetässchen starrte, fiel ihm der Zusammenhang allerdings nicht ein. Bott fragte ihn deshalb, ob er wenigstens eine Idee hätte, wie Kallenbreuer ein Denkzettel zu verpassen wäre.

Zülch hob mäßig interessiert die Schultern. „Stellt euch auf die Felsen und schmeißt ihm ein Dutzend mit Schweineblut gefüllte Blasen aufs Dach. Oder ist das Haus nicht mehr weiß verputzt?“

Bott zeigte ihm einen Vogel. „Der Mann ist Richter! Er bläst das glatt zum Mordanschlag einer Roten Zelle auf, während er den armen nordhessischen Rinderwahnsinnzüchtern eine große Unzurechnungsfähigkeit nach der anderen bescheinigen läßt ...“

Zülch hob den Zeigefinger und lächelte befreit. „Jetzt hab ichs: Kallenbreuer! Er saß oder sitzt in einer Zivilkammer des Kasseler Landgerichts. Damals ließen sie zwei Naziärzte, die Tausende von Menschen auf dem Gewissen hatten, nahezu ungeschoren davonkommen. Das muß vor ungefähr 10 Jahren gewesen sein. Die Stattzeitung berichtete damals ausführlich über den Prozeß. Sie stellte auch die drei Richter vor, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht sollte man einfach mal bei der Stattzeitung anrufen.“

Bott hatte mit Interesse zugehört. Er nickte: „Selbstverständlich. Ich werde der Sache nachgehen. Das mache ich aber lieber von zu Hause aus.“

Dann winkte er mit dem Daumen zu Tisch 1 und erkundigte sich lauernd: „Was ist? Bist du in Form? 20 Punkte Vorgabe würden mir genügen. Dann mache ich dich fertig!“

Zülch grinste. Er angelte sich ein Kräuterbonbon aus dem bauchigen Glas und rutschte vom Hocker, um sein Queue zu holen.


4

Als er den Zugball gegen Eins verließ, brauchte Bott mindestens die Strecke bis zur Untergasse, um Zülchs Packung und eine verschossene Pink zu verdauen, die einladend vor einer Ecktasche gelegen hatte. Dann meldete sich anderer Ärger. Bott hatte ja das Prickeln in der Nasenwurzel, das gewöhnlich einen deftigen Schnupfen ankündigte, schon am Morgen verspürt. Während er die Hundgasse zum Obermarkt hinaufstapfte, nahm er die Ankündigung ernst. Das bedeutete zunächst, an einer dafür geeigneten Vortreppe Halt zu machen, um deren schmiedeeisernes Geländer zu umkrallen, bis der obligatorische Wutanfall abgeklungen war. Bott knirschte mit den Zähnen und schäumte wie ein Ackergaul des seligen Anselm Scheuermann. Wäre er nicht schon so geschwächt gewesen, hätte er das Geländer wahrscheinlich aus den Sandsteinstufen gerissen. Er hätte auch gern durch die Hundgasse bis zur Einkaufs- und Behördenburg hinunter gebrüllt:

So eine Scheiße! Jeden Winter das gleiche! Seit über 50 Jahren geht das nun schon so. Aber was sage ich? Seit 50.000, seit zwei Millionen Jahren! Sie erfinden Töpferscheiben, Dampfmaschinen, Atomkraftwerke, Klonschafe, Marsfähren – den schnöden Schnupfen kriegen sie nicht in den Griff ! Die Welternährung allerdings auch nicht ...

Bott fing sich und ging weiter. Wo die Hundgasse in den Obermarkt mündete, lag die Apotheke, in der ihm die Pharmazeutin Astrid ein wunderwirkendes Abc-Pflaster verkauft hatte. Sie selber hätte damals um ein Haar die ganze Apotheke gekauft. Ihr Chef hatte ihr angeboten, seine Nachfolgerin zu werden. Ihre in Verden an der Aller lebenden Eltern hatten ihr bereits einen Kredit zugesagt. Aber dann lernte sie Olga aus der nahen Emsmühle kennen und binnen weniger Wochen war sie Kommunardin statt Kapitalistin geworden.

Bott betrat die Apotheke und bat um ein Fläschchen Olbas. Der neue Inhaber bediente ihn persönlich. Bott schätzte ihn auf 40. Er hatte rotgeränderte Augen, eine dunkle Rotzbremse auf der Oberlippe, wirkte jedoch ansonsten rundum blaß. Eine im rückwärtigen Teil des Ladens gelegene Schrankwand mit Schubfächern lief er wie ein Duckmäuser an. Er kam zurückgeschlichen und kassierte Bott ab. Sein leutseliges Lächeln besagte: Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Hüne, habe ich Duckmäuser mir das Recht erkämpft, Geld einzunehmen. Bott dankte verbindlich und ging.

Zu Hause eingetroffen, rieb sich Bott mit dem kleinen Finger etwas Olbas in die Nasenlöcher und streckte sich für ein paar Minuten rücklings auf seinem Bett aus. Die Einstiche in der ehemals blendend weißen Dachschräge über ihm stammten vermutlich noch von Giselas angepinnten Bravo-Boys. Durch das gekippte Fenster neben der Balkontür ließen sich Kleiber, Rotkehlchen, Zaunkönig vernehmen. Offenbar war der Frühling schon ausgebrochen. Das rüttelte freilich weder an Botts Schnupfen noch an der haarsträubenden Tatsache, daß er eine kinderleichte Pink verschossen hatte, die ihm sonst dazu verholfen hätte, das 1:4 gegen Zülch zu einem 2:3 abzumildern! Seine mentale Verfassung war zu fatal gewesen. Der Schnitzer wäre ihm nicht unterlaufen, wenn er an seinen Billardstock so fest wie an das Fläschchen Olbas glaubte. Die farblose Flüssigkeit dieser Wunderdroge setzt sich aus ätherischen Ölen zusammen, die Astrid wahrscheinlich im Schlaf auf lateinisch hätte herunterbeten können. Sie wirkte wirklich Wunder – die Droge. Ob Mückenstich, Magenverstimmung, Muskelzerrung – ein paar Tropfen fegten alles weg. Natürlich funktionierte das nur bei gläubigen Menschen. Bekanntlich ist das Ganze mehr als die Summe seiner ätherischen Bestandteile; dieses Mehr verdankt sich eben dem Glauben.

Eine Warnung ist trotzdem angebracht. Kommen ätherische Öle über den kleinen Finger, der zum Eintupfen der Nasenlöcher benutzt worden ist, mit irgendwelchen Schleimhäuten des betreffenden Menschen in Berührung, brennen diese arg. Man sollte also davon Abstand nehmen, mit diesem kleinen Finger aus Versehen seinen Augenwinkel zu säubern, sich in der Gesäßfalte zu kratzen oder gar seine Penisspitze zu liebkosen. Das Letzte ist natürlich nur ein theoretisches Beispiel.

Bott seufzte grimmig und erhob sich. Er kochte Salbeitee und telefonierte mit der Stattzeitung. Eine im Archiv wühlende Frau wurde fündig. Da Bott kein Faxgerät besaß, entschloß er sich kurzerhand zu einem Ausflug nach Kassel. Die Frau hatte nichts dagegen. Bis 20 Uhr sei jemand da.

Bott suchte sich aus dem Fahrplan einen Bus heraus, der in einer halben Stunde vom Untermarkt abging. So konnte er sich noch eine kleine Wegzehrung zurechtmachen.


5

Eins mußte Bott den überteuerten Nahverkehrsbussen lassen: sie hatten fast Taxiqualität. Es gab Armlehnen und Liegesitze; zudem konnte man zwischen 30 oder 40 Plätzen wählen oder diese wechseln, sofern ein Feldhase über die Landstraße sprang. Eine verhärmte Diakonisse und Bott selber waren bis Baunatal die einzigen Fahrgäste. Vermutlich war das dem Stiesel, dessen Schmerbauch vom Steuerrad eingekerbt wurde, nur recht. Je weniger Fahrgäste, desto weniger Mühe hatte er mit dem Kassieren. Solange er sein Gehalt bekam, würde er mit dem leeren Bus auch Kreise im leeren Kasseler Auestadion ziehen.

Während Bott abwechselnd in seine Klappstulle und in einen dicken roten Apfel aus der Emsmühle biß, sah er aus den Fenstern. Langweile kannte Bott nicht. Odenberg und dann jenseits der Langenberg zeigten noch weiße Baumwipfel. Die Landstraßenränder waren matschig. Kurz vor Besse überholte der Stiesel ein bemerkenswertes Nutzfahrzeug. Der winzige Unimog glänzte mit einem seitlichen Ausleger, der an ausgestreckte Arme mit senkrecht gestellten Handflächen erinnerte. Eine Ohrfeigen- oder Watschenmaschine also? Weit gefehlt. Der Fahrer tuckerte von einem Leitpfosten zum anderen, um ihn jeweils in seinen Ausleger zu klemmen und durch eine doppelte kräftige Auf- und Abbewegung gleichsam von Kopf bis Fuß zu waschen. Damit hatte Bott wieder einen interessanten Arbeitsplatz mehr kennengelernt: den des Leitpfostenreinigers.

Das Gerät faszinierte Bott. So fügte er auf den nächsten Kilometern noch einige Verwendungsmöglichkeiten hinzu, etwa als Busfahrerverschlankungsmaschine. Auch der nackte Herkules, der vom Habichtswald herab das gesamte Kasseler Becken beherrscht, regte Bott an. Für die mächtige Keule, auf die sich der Recke stützt, war das Gerät wahrscheinlich zu klein. Es mochte aber für die wurzelknollige Keule zwischen den Beinen reichen, die man ja ohnehin viel peinlicher sauber halten sollte.

Der Bus endete am Bahnhof Wilhelmshöhe. Als Bott ausstieg, traf ihn auch das Getümmel auf dem Vorplatz wie eine Keule. Immerhin fiel ihm gleich die passende Antwort ein: „Autos auf den Straßen, Jäger in den Feldern; die Erde ist unbewohnbar geworden.“

Auf diese Bemerkung war er am Abend zuvor in Jules Renards Tagebuch gestoßen. Sie stammte von 1907.


6

Obwohl sie kaum noch dem Monatsblatt der Kasseler Spontiszene ähnelte, saß die Stattzeitung nach wie vor in dem Ladenlokal unweit des Bebelplatzes, das ihm Zülch beschrieben hatte. Bott erhielt die gewünschten Unterlagen. Bis zum Rammelsberg hatte man keine Viertelstunde Fußweg. Bott entschloß sich deshalb, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und die Unterlagen in der Wasseramsel bei Kaffee und Kuchen zu studieren. Er marschierte los.

Kurz vorm Friedhof am Rammelsberg wurde die Lange Straße von der Drusel unterquert. Hier stand ein großes Eckgebäude aus der Jugendstilzeit, das vor einigen Jahren erfreulich behutsam instandgesetzt und auch um einen gelungenen Anbau erweitert worden war. Das hübsche Cafe Wasseramsel lag im Erdgeschoß. So weit die großen, leicht geschwungenen ehemaligen Ladenfenster nach Westen gingen, konnten die Gäste unmittelbar in die Drusel blicken, die am Haussockel vorbeifloß. Die Wasseramseln der Drusel hielten sich allerdings ungern vor den Nasen der Gäste auf. Sie fischten oberhalb Richtung Waldorfschule, unterhalb an der ehemaligen Druselmühle.

Obwohl recht gut besucht, gab es in Wassernähe noch einen freien Tisch. Bott nahm Platz und bestellte nach Zülchs Empfehlung. Kaum hatte er sich nach dem Rückzug der Bedienung ein wenig umgesehen, wechselte er allerdings knurrend den Stuhl, damit er mit dem Rücken zur Drusel säße. In ihrem Hintergrund, den Saum des Habichtswaldes zerschlitzend, ragte nämlich der keulige Herkules auf. Das hatte ihm Zülch nicht verraten. Bott nutzte das Warten auf die Bestellung zur Formulierung einer eidesstattlichen Erklärung, die künftig alle BewerberInnen um das Amt des Kasseler Oberbürgermeisters abzugeben hätten. „Im Falle meiner Wahl wird meine erste Amtshandlung darin bestehen, das Herkules-Denkmal zu schleifen.“

Der Cappuccino und zwei Hagebuttenschnittchen kamen. Zülch hatte nicht übertrieben: köstlich! Botts Behagen wurde lediglich durch den Umstand getrübt, daß er sich immer häufiger die prickelnde Nase zu schneuzen hatte. Die Nacht würde lästig werden. Nach einigen Minuten schob Bott das Kaffeegeschirr beiseite und nahm sich die Kopien aus den Jahrgängen 1986 und 88 der Stattzeitung vor.

Leute wie Zülch waren um 1968 nicht zuletzt wegen der systematischen Verschleppung, wirkungslosen Verpuffung, im Grunde Vereitelung antifaschistischer Prozesse zu Rebellen geworden. Insofern stellt der Fall Aquilin Ullrich / Heinrich Bunke nichts Besonderes dar, sodaß er hier rasch zusammengefaßt werden darf. In Anstalten der Städte Brandenburg (Havel) und Bernburg (Saale) hatten sich die beiden leitenden Naziärzte der sogenannten Euthanasie befleißigt, also „minderwertiges Menschenmaterial“ vernichtet. Erst 1961/62 gestellt, blieben sie von jeder Untersuchungshaft verschont und durften auch weiterhin ihren so heilsamen, segensreichen und einträglichen Beruf ausüben. 1967 erwirkten sie sogar einen Freispruch. Fast 20 Jahre später sah sich allerdings der Bundesgerichtshof zu einer Revision genötigt. Deshalb standen Ullrich und Bunke 1986 vorm Kasseler Landgericht. Deren Zivilkammer – ein Dreigespann mit dem passionierten Weidmann Horst Kallenbreuer an der Spitze – hatte nun Recht zu sprechen. Sie erkannte Ullrich und Bunke der „Beihilfe“ zu jeweils mehreren Tausend Mordtaten für schuldig und mutete ihnen dafür vier Jahre Haft zu.

Demnach hieß, Recht für Rechte zu sprechen, aus dem Führungspersonal von Tötungsanstalten „Mordbeihelfer“ zu machen und einen wahren Massenmord mit kaum mehr als der Mindeststrafe für nur eine Beihilfe zum Mord zu ahnden, nämlich drei Jahre Haft laut § 49 StGB.

Selbst dazu kam es übrigens noch. Denn 1988 wurde der Prozeß noch einmal vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe aufgerollt, der die von Kallenbreuer & Konsorten verhängte „Strafe“ nach einigen zynischen Zahlenspielereien von vier auf drei Jahre senkte. Das war die letzte Instanz. Ullrich und Bunke waren inzwischen um 75. Nach rund anderthalb Jahren wurden sie vorzeitig aus der Haft entlassen. Immerhin war die Stattzeitung damals nicht schlecht auf Draht. Sie wies darauf hin, wenige Tage nach der Karlsruher Urteilsverkündung sei in Berlin – in völlig anderem Zusammenhang – ein Steinwurf in eine Fensterscheibe des Schöneberger Rathauses mit zwei Jahren Haft vergolten worden.

Verständlicherweise fühlte sich Bott auch an jene „Wende“ in der Verfolgung finsterster Untaten erinnert, die sich 1989/90 unter seinen eigenen Augen vollzogen hatte. Auf westlicher Scholle waren es in der Tat Untaten gewesen. Es gab sie nicht. Auf der östlichen Scholle dagegen, die sich Kohl & Konsorten an Land gezogen hatten, sollte plötzlich nichts mehr unaufgeklärt bleiben; niemand dürfe ungeschoren davonkommen, ob groß oder klein. „Diesen Berg von Schuld rührt niemand an“, hatte Martin Niemöller, Pfarrer und KZ-Insasse, in den Nachkriegsjahren der BRD verbittert festgestellt. Nun jedoch wurde eigens eine hohe Behörde eingerichtet, um den riesigen Stasiaktenberg ohne Unterlaß betrommeln zu können. Ein blasser Pfarrer namens Gauck, den sie an die Spitze dieser Behörde hievten, durfte sich einbilden, er sei die Reinkarnation des Erzengels Michael. Der Aktenberg wurde zu einem feuerspeienden Drachen aufgeblasen, angesichts dessen das ungeheuerliche Verbrechen des Faschismus zur Ratte schrumpfte.

Zivilkammerjäger Kallenbreuer hatte die Ratte also auch ein wenig gestreichelt. Nach der biografischen Recherche der Stattzeitung mußte er inzwischen Mitte 40 sein – älter nicht. Der Vater war unter den Nazis Hauptmann gewesen. Kallenbreuer hatte ihn gelegentlich zu den Waffenbrüderschaftstreffen begleitet, die regelmäßig in Arolsen unter den Fittichen des Prinzen Wittekind zu Waldeck und Pyrmont stattfanden. Offenbar fiel der Apfel nicht weit vom Stamm. Kallenbreuer bringt es zum Leutnant der Reserve und einem Jagdschein. Landrichter wird er bereits mit 32. In breiten, eher konservativen Kreisen wird er wegen seiner ausgesuchten Höflichkeit und seiner „kompromißlosen“ Strenge geschätzt. Die Frankfurter Rundschau unkt, bei gewissen Krähenarten bestehe die Höflichkeit darin, nur nach links zu hacken.

Während Bott sein letztes Papiertaschentuch entfaltete, verwandelte sich sein Lächeln in ein langes Gesicht. Ihm wurde klar, daß Kallenbreuer auch in diesem Fall nicht das geringste zu „beweisen“ war. Außer den drei Landrichtern selber – ließ man einmal ihre Gattinnen, Söhne, Busenfreunde, Parteigenossen beiseite – wußte niemand, ob die Zivilkammer ihren Spruch über Ullrich und Bunke einstimmig oder 2:1 gefällt hatte. Das war „Beratungsgeheimnis“. Soferns ihm gefiel, konnte sich demnach jeder der drei Landrichter darauf zurückziehen, er habe das Urteil nicht gewollt. Das war der freiheitliche Zug am demokratischen Rechtsstaat.

Da die Bedienung – eine weibliche – in stets kürzeren Abständen zu seinem geleerten Kaffeegeschirr blickte, kam Bott der Gedanke, sie könnten sich vielleicht Frau Kallenbreuer vorknöpfen, falls es eine gab. Als Versteck für die Entführte böten sich die Schirnen am Gudensberger Obermarkt, aber auch das Züschener Steinkammergrab an. Dort war es etwas freundlicher. Bott würde sich bereit erklären, die Entführte in der Tagesschicht zu bewachen und zu verhören. Er mußte ja Zeitung austragen. Vielleicht stellte sich heraus, daß die Geisel von untadeligem Charakter, unter 40 und von einer entwaffnenden Anschmiegsamkeit war. Die Aussicht, Regine für die Nachtschicht zu gewinnen, war allerdings gering.

Vielleicht hatte Kallenbreuers schwarzer Audi 8 ein Schiebedach. Wenn ja, konnten sie auf Zülchs eher lahmen Vorschlag zurückkommen, einen Bombenanschlag mit Flüssigkeit zu verüben. Sie mußten nur bis zum Sommer warten. Sie verbargen sich zu der bekannten Stunde am Fritzlaer Markt. Kallenbreuer kam und parkte. Wegen der Hitze ließ er das Schiebedach schrägstehen. Während er um die Ecke und dann im Hotel Zur Spitze verschwand, spazierten sie unauffällig an seiner Luxuslimousine vorbei, zwischen sich die große blaue Aldi-Tüte voller Schweineblut ...

Bott sah zur Tür. Zwei Frauen betraten das Cafe. Das paßte ja. Er überlegte sich, welche von den beiden Frau Kallenbreuer war. Sie nahmen unweit der Garderobenständer Platz. Bott ruckte seinen Stuhl, um zwischen einem Hals und einer Palme ein leidlich gedecktes Blickfeld zu haben.

Dame 1 war zu alt. Bott schätzte sie auf 50. Er fand die schwarzhaarige Frau recht sympathisch, obwohl sie ein Textilhersteller „vollschlank“ und nicht etwa „halbdick“ genannt hätte. Dame 2 war eher zierlich. Ihre aschblonden Locken quollen unter einem kecken knallroten Hütchen hervor, reichten aber nur bis zum Jackenkragen. Um nicht wie ein Püppchen auszusehen, hatte sie eine von Sommersprossen umtanzte kräftige Nase. Ihr Blick wirkte aufgeweckt. Zwar hätte das Hütchen vermutlich auch der schwarzhaarigen Dame 1 gut gestanden, doch Dame 2 entsprach auch im Hinblick aufs Alter – keinesfalls über 40 – den Erwartungen. Dame 2 mußte somit Frau Kallenbreuer sein.

Bott lehnte sich befriedigt zurück, obwohl seine Nase schon wieder lief. In Ermangelung von etwas Geeigneterem griff er nach einer der lindgrünen Papierservietten des Hauses. Er schneuzte sich ausgiebig, wenn auch möglichst verhalten. Dame 2 bekam es trotzdem mit. Und Bott sah, daß sie es sah. Ihr Gesichtsausdruck konnte nur belustigt genannt werden. Was Wunder, wenn sich die Gattin des Herrn Landrichters für besonders gesittet hielt! Bott verbarg seinen Ärger, indem er trotzig nach der nächsten Serviette griff, denn er hatte sich ohnehin noch nicht freigeblasen. Wie er beim Schneuzen sah, hätte ihn die Bedienung am liebsten vor die Tür gesetzt. Das war auch genau die richtige Idee. Da verbiß er sich in heikle politische und taktische Fragen, während ihm die Bazillen die Stirnhöhle benebelten! Er mußte sofort ins Bett.

Bott versenkte die geknüllten nassen Servietten in den Außentaschen seiner Jacke, die hinter ihm über der Stuhllehne hing. Dann rutschte er wie ein Scheibenwischer auf der Stuhlfläche hin und her, um den Zettel, auf den er sich die Abfahrtszeiten des Busses geschrieben hatte, aus den Innentaschen der Jacke zu kramen. Dort fand er sich allerdings nicht. So tauchte Bott seine Hände wieder in die Außentaschen und spielte mit den Servietten Billard. Vergeblich! Schließlich zog er den Zettel aus der Brusttasche seines Hemdes, um wütend auf ihn zu stieren.


7

„Darf ich Sie stören ..?“

Bott sah verdutzt auf und brachte sich wieder parallel zur Tischkante. Ihm gegenüber nahm gerade Dame 2 Platz. Er blickte unwillkürlich zu dem Tisch unweit der Garderobenständer: er war leer.

Sie hob bedauernd die Hände. „Heidrun mußte aufbrechen. Sie muß ihre Kinder abholen.“ Sie setzte ihre Ellbogen auf den Tisch, faltete ihre Hände und hakte mit unschuldigem Lächeln nach: „Sind Sie sicher, daß ich Sie nicht störe?“

Sie hatte schiefergraue Augen mit ein paar grünen Kristallen darin. Botts Ärger war selten so schnell verflogen. Zurücklächelnd, erwiderte er: „Worin kann sich ein Mensch schon sicher sein? Schauen Sie: Ich zum Beispiel hätte darauf gewettet, Sie seien Frau Kallenbreuer. Jetzt wäre es mir allerdings lieber, ich hätte mich geirrt.“

„Was haben Sie denn gegen diese Frau Kallenbreuer?“

Bott umriß ihr das Erlebnis beim Brennholzmachen. Seine Zuhörerin konnte die Empörung über ein im Stich gelassenes Wildschwein durchaus nachvollziehen; sentimental schien sie aber nicht zu sein. Sie zog einen Bleistift aus ihrer Handtasche und griff sich eine der Bott wohlbekannten lindgrünen Papierservietten des Hauses. Dabei stellte sie fest:

„Wildschweine habe ich ewig nicht gezeichnet. Man trifft sie allerdings auch nicht an jeder Straßenecke.“

Sie blinzelte einen Moment auf die viermal gefaltete Serviette, wobei sie ihren Bleistift zwischen Daumen und Zeigefinger in ein Metronom verwandelte, und fügte mehr für sich gesprochen hinzu:

„Keuchte das Wildschwein von Ihnen weg den Berg hinauf, haben Sie es von unten gesehen. Riesenhinterteil!“

Darauf fing sie an, ihre sparsamen Striche auf das Serviettenpapier zu setzen. Bott sah mit einiger Verblüffung zu. Sie hielt den Bleistift, von oben gegriffen, locker zwischen ihren Fingerspitzen. Die weiche Bleistiftspitze kreiste oder huschte mal über, mal auf dem Papier. Hin und wieder schüttelte sie unwirsch den Kopf, ohne daß ihr knallrotes Hütchen nennenswert verrutscht wäre. Da ihre ersten Striche mehr tastend gewesen waren, konnte sie, korrigierend oder bestätigend, kräftigere Striche darüberlegen. Nach knapp einer Minute hatte sie einen borstigen Fleischberg aufs Papier geworfen, der sich offenbar im Walde einen Hang hochschleppte. Sie hatte den Wald durch eine halbe Baumscheibe und drei lückenhafte Fichtenumrisse angedeutet. Das Wildschwein erschien in leichter Schrägansicht. Am winzigen Schädel bog sich der Rüssel vom Hang weg; das rechte Auge war nur ein hochgerutschter Punkt. Dadurch sprang einem die Qual des Wildschweins ins Gesicht. Jetzt sah die Zeichnerin auf, tippte mit der Bleistiftspitze auf das wuchtige Hinterteil und erkundigte sich bei Bott:

„War es hier ..?“

Da Bott nickte, setzte sie einen Kringel neben den Zipfel, der im Jägerlatein der „Pürzel“ des Wildschweins war. Dann langte sie nach Botts Kuchenteller, tupfte ihren kleinen Finger in einen Überrest des Hagebuttenbelags der vertilgten Schnittchen und beschrieb damit den Kringel noch einmal. Das Ergebnis schmerzte. Bott grummelte beeindruckt. Sie dagegen verzog ihr Gesicht, weil sie zwei oder drei Schwächen der Skizze ärgerten, auf die sie ihren Bewunderer aufmerksam machte. Ihr verzogenes Gesicht entzückte ihn natürlich noch mehr.

Sie bestätigte Botts Vermutung, sie sei von Beruf Künstlerin. Einzelheiten wurden zunächst von der weiblichen Bedienung zertreten, die plötzlich am Tisch emporwuchs. Dame 2 bemerkte Botts Verunsicherung. „Sie sind eingeladen!“ Da sie Bananensaft mit Campari bestellte, schloß sich Bott der Einfachkeit halber an. Der weiblichen Bedienung war die Einschätzung anzusehen, jetzt habe er eine Dumme gefunden. Bott schluckte, als er etwas später aus den Augenwinkeln heraus der Getränkekarte entnahm, ein Bananensaftcampari koste vier Euro.

Dame 2 zeigte sich schon wieder belustigt. Er hatte etwas vom Rappen des Don Quichott. Sein schmales, streng geschnittenes Gesicht wurde von einer in den Nacken gekämmten Mähne beherrscht, die noch schwärzer war als Heidruns Haar. Seine Augen bildeten einen eigentümlichen Gegensatz zu dieser Finsternis, denn sie waren von einem sehr hellen, fast wässrigen Blau. Allerdings war er, gelinde gesagt, nicht sehr vorteilhaft gekleidet. Aus der braunen Cordjacke mit Reißverschluß, die abgewetzt um seine Stuhllehne schlotterte, konnte er wahrscheinlich auch die Eintrittskarte zum legendären Abschiedskonzert von The Band in San Francisco kramen. Das war 1976 gewesen. Die Bedienung brachte die Bananencamparis. Während Dame 2 an ihrem Strohhalm sog, nickte sie auf das hinter Bott sich erhebende Schloß Wilhelmshöhe und nuschelte:

„Wenn ich mir vorstelle, wie Sie mit Ihren Enkelkindern an der Hand vor Jakobs Segen stehen, könnte mir glatt ein Comic einfallen, der sich um den Ödipuskomplex rankt ...“

Zwar konnte Bott nicht wissen, daß sie von seiner Jacke zu den Grundtönen des Rembrandtgemäldes geführt worden war, doch die Beleidigung hörte er sehr wohl. So verstülpte er die Lippen und bemühte sich um einen strafenden Blick, bevor er erwiderte:

„Ich kann Ihnen noch nicht einmal mit Kindern dienen ... Sie zeichnen oder malen Comics?“

„Ja, auch.“

„Und Sie veröffentlichen sie?“

„Ja, auch.“

„Das ist ja erfreulich“, sagte Bott und verkniff seine Augen. „Wie heißen Sie denn — falls ich fragen darf?“

Sie hob ihre Hände, als müsse sie sich für ihren Namen entschuldigen: „Ruth van Ginnecken.“

Bott hob die Brauen. Leider konnte er sich auch nicht verkneifen, durch die Zähne zu pfeifen. Sogar in seinem spärlich bestückten Bücherschrank stand ein Werk dieser Dame. Ihr zweites oder drittes Buch, wenn er sich recht erinnerte. Rotkäppchen und der blöde Wolf hieß es. Die Verwandtschaft zwischen diesem Comicbuch und seiner keck gekleideten Gastgeberin hätte er eigentlich wittern müssen. Er warf einen Blick auf die bemalte Serviette und sagte:

„Dann wundert mich sowas allerdings nicht mehr.“

„Hm“, machte Ruth. „Und mit wem habe ich die Ehre?“

Bott winkte ab. „Berthold Ott – in Kurzform üblicherweise Bott genannt.“

Der Name sagte ihr natürlich nichts. Sie überlegte einen Moment. Dann nickte sie auf den freien Stuhl, der lediglich die Kopien aus der Stattzeitung trug:

„Wenn Sie sogar im Cafe Dokumente studieren, sind Sie vielleicht Journalist, Rechtsanwalt, Richter ..?“

Bott wieherte. „Das wäre der Hammer! Nein. Ich bestreite meinen bescheidenen Lebensunterhalt als Zeitungszusteller. Ich trage täglich die Schwalm Eder Post aus, in Gudensberg. Da wohne ich auch.“

Sie staunte, zumal er es bei dieser Auskunft beließ. Trotz der Jacke und den vollgerotzten Servietten wirkte er ja nicht gerade wie ein Proletarier. Plötzlich spürte sie, es wäre schade, sich hier gegenseitig weiter auszufragen. Botts rechter Arm lag auf dem Tisch. Sie pickte wie eine Wasseramsel mit ihrem Zeigefinger darauf und deutete dann aus dem Fenster:

„Was halten Sie von einem kleinen Spaziergang? Wir könnten einmal um den Rammelsberg laufen. Wenn Sie wollen, rennen wir auch. Dann streunen wir durch die Straßen und treiben dabei sicherlich ein Lokal auf, in dem wir etwas Handfestes zu essen bekommen. Dann sehen wir weiter.“

In Bott klingelte ein Alarmglöckchen. Zum Glück vernahm er es. Ob der Campari, sein Schnupfen, das tänzelnde rote Hütchen vor seiner Nase – irgendetwas hatte ihm ja offensichtlich die Sinne aufgewühlt und sein Gehirn getrübt. Es kam überhaupt nicht in Frage, sich in ein Abenteuer zu stürzen – mochte die Anstifterin so betörend oder so prominent sein, wie sie wollte. Außerdem war Bott nicht der Mann, der einer unschuldigen kreuzfidelen Dame Schnupfenbazillen anhing! Bott schob eine Verabredung mit Zülch zum Snookerspielen vor, so leid es ihm tue. Sein Bus nach Gudensberg gehe um 18 Uhr 20 am Bahnhof Wilhelmshöhe ab. Bis dahin war es noch eine knappe halbe Stunde. Falls es Ruths Richtung sei, könne sie ihn vielleicht bis zum Bus begleiten.

Sie ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken. Sie nickte und gab der Bedienung ein Zeichen.

Die Bedienung erkundigte sich, ob die Dame auch den früheren Verzehr des Herren übernehme. Ruth nickte abwesend. Botts Protest schnitt sie mit einer unwirschen Handbewegung ab. Nachdem sie ihre Geldbörse wieder verstaut hatte, deutete sie auf die Serviette mit dem Wildschwein:

„Möchten Sie das mitnehmen? Ich habe keine Verwendung dafür.“

Bott nickte überrascht. Er faltete die Serviette nochmals zusammen und schob sie in die Innentasche seiner Jacke zu den längsgeknickten Fotokopien. Er dankte Ruth und half ihr an der Garderobe sogar in den Mantel. Sie verließen das Café.

Inzwischen war es dunkel geworden. Während des siebenminütigen Fußwegs zum Bahnhof erkundigte sich Ruth nach Einzelheiten des Snookerspiels. Sie wußte nur, daß diese Variante des Billard ungleich weniger verbreitet war als das Poolbillardspiel, das sie aus diversen Kneipen kannte.

„Die Tische sind arg groß“, sagte Bott. „Mein Freund Zülch, den ich erwähnte, betreibt im ehemaligen Gudensberger Bahnhof vier Tische. Den Stoßraum für die Spieler eingerechnet, beansprucht ein Snookertisch mindestens vier mal sechs Meter – also schon fast die leergefegte Wasseramsel, wenn wir die Nischen abziehen.“

Ruth hatte sich an dem Wort Stoßraum gestoßen. „Wird Snooker nur von Männern gespielt?“

„Nein. Aber vorwiegend leider doch.“

Prompt ließ sich Bott auch über verschiedene Stoßarten, außerdem über die Rolle des namensgebenden „Snookers“ und die Werte der farbigen Kugeln aus. „Pink“ schien die Bösartigste zu sein. Er trauerte irgendwelchen Chancen nach. Ruth fragte sich, ob sie ihm ihre Adresse unterjubeln sollte, falls er nicht von sich aus darum bitte. Aber er war ja nicht auf den Kopf gefallen. Sie stand im Telefonbuch. Den Namen Van Ginnecken gab es in ganz Deutschland lediglich zweimal: einmal in Bad Inzell und einmal in Kassel.

Sie erreichten die riesenhohe Bahnhofsvorhalle mit den vielen schlanken Säulen, die womöglich einen Wald darstellen sollten. Abgeteilt durch Warteinseln, hielten hier sowohl die Straßenbahnen wie die Busse. Sie blieben stehen. Bott trat etwas zurück, um seine Begleiterin in Ruhe von Kopf bis Fuß zu mustern. Sie steckte in einem leuchtend blauen Mantel und dann wieder, korrespondierend zum Hut, in knallroten Stiefeln. Man konnte sie alternativ zum Rotkäppchen auch als Erich Kästners Pünktchen oder Astrid Lindgrens Eva-Lotte ausgeben. Er sagte das auch. Sie nickte erfreut. Eva-Lotte war eine blondzöpfige Bäckerstochter, die von Kalle Blomquist, dem Meisterdetektiv, angebetet wurde. Ruth kannte sie selbstverständlich. Allerdings war sie Belgierin – Ruth.

Botts Bus lief ein. Er dankte Ruth für den unterhaltsamen Nachmittag und erklomm den Bus. Nachdem er bezahlt hatte, wandte er sich noch einmal zu Ruth um, die nun in der Tat als Pünktchen auf der Warteinsel stand. Sie lächelte spöttisch; Bott hob die Hand, als gelte es, den Papst zu karikieren. Der Bus fuhr an.


8

Jedesmal, wenn sein Blick auf den Deckel des Buches Rotkäppchen und der blöde Wolf fiel, drohte Bott es mit Bestandteilen von Bratkartoffeln und Bratheringen zu beregnen, weil er schon wieder lauthals lachen mußte. Er hatte sich einen Abendimbiß gemacht und lag in seinem roten Ledersessel. Neben dem Comicbuch standen eine Flasche Bier und eine Rolle Klopapier auf dem niedrigen Tisch. Die Stehlampe brannte.

Bott dachte über die Künstlerin nach, während er aß. Er warf sozusagen Fleisch an die Gräte, denn im Nachspann des Buches hatten sich spärliche biografische Angaben gefunden. Geboren 1964 in Liége (Lüttich). Demnach war sie 36 oder 37. Studium bei Fritz Weigle in Berlin; Meisterschülerprüfung 1990. Soweit Bott wußte, hatte der begnadete Zeichner Fritz Weigle alias F. W. Bernstein in Berlin den einzigen deutschen Lehrstuhl für Karikatur und Bildgeschichte inne. „Ein erstes großes Echo weckte Van Ginnecken 1992 auf der 2. Caricatura in Kassel, wo sie seit 1994 auch lebt.“ Somit hätte ihm das Rotkäppchen oder Blaukehlchen bis 1997 mindestens dutzendmal über den Weg flattern können – aber Pustekuchen! Sie wartete den Tag ab, da er sich aus seiner Gudensberger Höhle begab, um einem Landrichter an die Gurgel zu gehen und sich in der Wasseramsel an zwei Hagebuttenschnittchen zu vergreifen. Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Bott knirschte mit den Zähnen, langte nach der Rolle Klopapier und riß sich zwei Blätter davon ab. Nachdem er sie trompetend in einen Schleimbeutel verwandelt hatte, warf er sie Richtung Kochnische und schenkte sich Bier nach. Es war blond. Und sein bevorzugtes Sitzmöbel war natürlich nur rein zufällig rot.

Bott ging zum Kleiderschrank und zog mit den Fotokopien über den Fall Ullrich/Bunke auch die Serviette mit dem rotbetupften Wildschwein aus der Innentasche seiner Jacke. Er legte beides auf den Tisch. Während er mit rücklings gefalteten Händen durchs Zimmer wanderte, warf er immer mal wieder einen Blick auf die beiden Dokumente.

Vielleicht ließ sich Ruth van Ginnecken gegen eine Einführung ins Snookerspiel als Sprayerin anheuern. Sie brachten zunächst in Erfahrung, wann im Haus Rübezahl niemand anwesend wäre. Der Rest war kinderleicht. Sie schleichen sich zum Zaun, worauf natürlich der Pointer herbeistürzt. Sein Fell war überwiegend weiß und nur hier und dort schwarz gesprenkelt. Während er wütend bellend den Zaun bespringt, zückt Ruth die Sprühdose mit roter Ölfarbe, um den Pointer in ein mahnendes Kunstwerk zu verwandeln.

Bott verwarf den Plan mit einem Fluch, weil er schon die TierschützerInnen schreien hörte, ein Wildschwein und 15.000 euthanisierte Anstaltsinsassen seien das Opfer eines solchen herrlichen Pointers nicht wert. Im übrigen hielt er von Vergeltung wenig. Dient eine Strafe weder dem Schutz noch der Besserung, hat sie keinen Sinn, denn Rache verleiht keinen Sinn. Einzig sinnvoll wäre es, Kallenbreuer & Konsorten aus der Zivilkammer des Landgerichts zu zerren. Aber das würden sie mit 10 Pferden nicht schaffen.

Als er wieder die Serviette mit dem Wildschwein musterte, fiel ihm erstmals auf, man könnte der Zeichnung auch etwas Anzügliches bescheinigen. Er sah zur Fensterbank, auf der Astrids Geschenk stand. In der Apotheke hatte er einmal verfolgen können, wie sie auf irgendeine ärztliche Anweisung hin eine ausgefallene Salbe bereitete. Sie rührte sie in einem Mörser mit Hilfe eines Stößels an. Beide – das Gefäß und der Stampfer – waren aus weißem Porzellan und recht groß. Astrid klärte ihn allerdings darüber auf, unter Pharmazeuten heiße der Stößel Pistill, was sie auf den Versuch zurückführte, diesem Gerät den erotischen Zug zu rauben. Als stünde ein Blinder neben ihr, hatte sie ihn dabei tatsächlich zwischen die Beine gefaßt!

Bott war von Mörser und Pistill beeindruckt gewesen wie von einem besonders gelungenen Bildhauerwerk. Er kam mehrmals darauf zurück. Schließlich besorgte Astrid das Gerät und schenkte es Bott zum Geburtstag. Seitdem stand es auf seiner Fensterbank. Er bewahrte aktuelle Briefe oder Zettel im Mörser auf und benutzte das Pistill als Beschwerer. Jetzt hob er es an, um die Serviette auf die Papiere im Mörser zu schieben, und setzte es wieder ab. Damit stand oder lag es schräg auf dem Hinterteil des Wildschweins, das Ruth mit einem roteingefärbten Kringel versehen hatte.

Bott vergrub seine Hände in den Hosentaschen und starrte auf die dunklen Bäume jenseits des Judenfriedhofs. Verstörend war immer mal wieder, wie verschwistert und wechselbälgisch Liebe und Haß – oder Gewalt und Zärtlichkeit waren. Das drückte sich selbstverständlich nicht nur im Bett aus. Die Juden mochten Krippenkinder anhimmeln, Lämmer oder Ferkel vorm Schlachter verstecken, aus dem faschistischen Deutschland unsägliches Leid kennen – seit Jahrzehnten schwangen sie selber mit Lust das Kriegsbeil. Am liebsten würden sie ihre der Wüste und gewissen gottlosen Stämmen abgerungenen Felder nur mit Palästinenserblut düngen.

Ehe sich Bott in heiligen Zorn denken konnte, klingelte das Telefon. Er bückte sich danach, denn es stand auf dem Teppichboden. Es war Zülch.

„Ach“, sagte Zülch. „Du bist zu Hause?“

„Wie du siehst. Warum denn nicht?“

„Weil mich eben eine Frau angerufen hat, die mir sagte, du seist leider nicht zu Hause. Sie müsse dir aber dringend etwas mitteilen. Du hättest erwähnt, für heute abend mit mir verabredet zu sein. Ich erwiderte natürlich, sie müsse dich mißverstanden haben; mir sei von dieser Verabredung nichts bekannt. Daraufhin bat sie um Entschuldigung; sie werde es eben später noch einmal bei dir versuchen. Das kam mir dann etwas merkwürdig vor. Deshalb sagte ich mir, du rufst ihn vorsichtshalber mal an.“

„Diese rotblau gestreifte Mißgeburt!“ knurrte Bott. „Sie hat Ausflucht gewittert und betätigt sich als Detektivin. Wie nannte sich denn die Dame?“

„Eva-Lotte Isländer oder so ähnlich.“

Bott gluckste. „Willst du behaupten, du kennst Eva-Lotte nicht, das Töchterchen des Bäckermeisters Lisander ..? Schlimm genug. Sie ist der Schwarm von Meisterdetektiv Kalle Blomquist. Ich kann dir das Buch mitbringen.“

Zülch hatte nichts dagegen. Bott dankte ihm für die Benachrichtigung und versicherte ihm, weder an Leib noch an Seele in Gefahr zu sein. Sie beendeten das Gespräch.

So sicher war er sich allerdings nicht. Er wanderte wieder in seiner Stube umher. Nach einer Weile griff er zum Telefonbuch. Himmel, sie wohnte in der Goethestraße! Vor diesem Geheimrat war man jedenfalls nirgends sicher. Immerhin, sie stand mit Anschrift drin. Dadurch entschloß er sich zu einem eilends hingeworfenen Briefchen. Seine Wanduhr ging gegen Neun und der Nachtbriefkasten am Untermarkt wurde um 21 Uhr 30 geleert.

Er schaffte es, ohne sich die Beine ausreißen zu müssen, und warf den Umschlag in den Kasten. Seine Botschaft lautete: Auf Spionage im Umfeld alleinstehender und ruhebedürftiger Männer steht normalerweise Todesstrafe. Aber ich verzeihe Ihnen für dieses Mal. Zülch meinte, Ihre Stimme habe zu betörend geklungen. Vermutlich hatten Sie Ihre Stimmbänder eingekreidet. Grüße vom blöden Wolf.

Auf dem Rückweg in die Schirnen machten ihm Anstieg und Schnupfen nicht sonderlich zu schaffen. Die Luft war noch milder geworden; vielleicht hatte ihn seine Frühlingsahnung nicht getrogen. Er war gut gelaunt genug, um erst den Antibazillen-Werbetafeln im Apothekenschaufenster, dann der angestrahlten Stadtkirche einen Vogel zu zeigen.

Als er seine Stube wieder betrat, hob er die Brauen. An der Fensterbank lehnte Kalle Blomquist. Statt mit dem Zeigefinger drohte er Bott mit dem Pistill. Er machte sich offenbar Sorgen, Bott könnte zu übermütig werden.




V

Auf Demontage



Im Zugball herrschte mäßiger Betrieb. Bott befaßte sich an Tisch 1 mit den Kugeln, wobei ihm Gisela von der Bar aus zuweilen einen Kommentar zuwarf. Sie versah in dieser Woche den Frühdienst, der von 10 bis 17 Uhr ging. Die Arbeit belief sich im Wesentlichen darauf, die mit bunten Kugeln gefüllten Tabletts auszugeben und Getränke zu servieren. Bott nahm sich vor, Gisela in Kürze ein Blitzspiel vorzuschlagen, denn sie hatte genug Arbeitspausen und dazu, wie es aussah, gute Laune. Beim Blitzspiel wurde lediglich um eine Rote gespielt, bevor man daranging, die Farben abzuräumen. Die Rote wurde zu diesem Zwecke in Höhe der Pink unmittelbar an die Seitenbande gelegt; der Anstoß erfolgte wie immer vom „D“ aus. Botts Herausforderung zerschlug sich jedoch, weil plötzlich Giselas Gatte neben ihm stand. Es war gegen Drei. Zülch stellte mit leicht verknitterter Miene fest:

„Günstig, daß du da bist. Könntest du für einen Augenblick mit nach oben kommen? Ich brauche den Ratschlag eines erfahrenen Handwerkers.“

Bott zuckte die Achseln und ging mit Zülch zur Innentreppe. Im Oberstock eingetroffen, überließ ihm Zülch den Vortritt:

„Die zweite Tür links bitte!“

Dort mußte Giselas Zimmer liegen, falls sich nichts geändert hatte. Doch es hatte sich etwas geändert. Giselas breites Bett war von Kleidern und Wäsche überhäuft. Ringsum an den Wänden lehnten die Einzelteile eines größeren Möbelstücks; offenbar handelte es sich um einen neuen Kleiderschrank. Die Verpackungen der Einzelteile hatte Zülch in einer Ecke auf Giselas Eichentruhe gestapelt. Giselas bisheriger Kleiderschrank war weg. Zülch hatte ihn am Vormittag abgeschlagen und hinters Haus auf Gudensbergs einzigen Bahnsteig geschleppt; schließlich benötigte er in Giselas Zimmer Platz für den Aufbau des neuen Schrankes.

Bott wandte sich in der Tür um und sagte: „Na und ..?“

Zülch nickte ins Zimmer und erwiderte lauernd: „Du bist doch längere Zeit als Raumausstatter tätig gewesen? Bau ihn mal auf!“

Sie standen jetzt nebeneinander an der Tür. Bott blickte seinen Busenfreund mit verkniffenen Augen an, als habe er sich verhört. „Hast du dein Architektur-Diplom verlegt? Diesen Bahnhof nie saniert? Ich glaube, du hälst mich zum Narren.“

Zülch schüttelte seinen Kopf. „Ich schaffe es nicht allein, lieber Bott.“

Nachdem er Zülch noch eine Weile angeglotzt hatte, winkte Bott unwirsch ab und schalzte mit den Fingern. „Also los mal – die Bauanleitung her!“

„Es gibt leider keine“, erwiderte Zülch mit feinem Lächeln.

Bott schluckte. Zülch erläuterte ihm, er habe die einzelnen Pakete, die Gisela um Mittag von einem Fritzlaer Möbelhaus geliefert worden waren, vergeblich nach der üblichen Bauanleitung durchsucht.

„Na gut“, winkte Bott erneut ab. „Zeige mir mal die Beschläge. Das kriegt man auch so hin.“

„Es gibt leider keine.“

„Was denn – die Beschläge fehlen auch?“

„So ist es. Kein Scharnier, keine Dübel oder Verschlüsse, nicht eine Schraube ...“

Bott ließ sich mit einem Kichern in Giselas Armlehnstuhl sinken, dessen Sitz er vor rund einem Jahr eigenhändig neu gepolstert hatte, und sah Zülch erwartungsvoll an.

Zülch berichtete. Selbstverständlich hatte er sofort zum Telefon gegriffen, um die vermißten Dinge anzumahnen. Allerdings wußte er bereits, daß Gisela in dem Fritzlaer Möbelhaus ein preisgünstiges Auslaufmodell ergattert hatte. Es gab nur noch ein weiteres Exemplar dieses Schrankmodells im Machtbereich des Möbelhauses, nämlich das unverpackte Ausstellungsstück. So verblüffte es Zülch wenig, als ihm der zuständige Verkäufer mitteilte, Zülch möge sich ein wenig gedulden, man müsse den Satz Beschläge erst bei der Lieferfirma anfordern. Auch die Bauanleitung habe sich in dem Ausstellungsstück leider nicht finden lassen. Man werde sofort telefonieren und auf Express-Lieferung dringen. Spätestens übermorgen halte Zülch die Sachen in Händen.

„Wo liegt denn diese Möbelfabrik?“ fragte Bott nicht ohne Vorahnung.

Zülch grinste, ging zur Eichentruhe und deutete auf ein Schildchen, das auf der Wellpappe klebte.

Bott beugte sich vor. Das Schildchen war in englischer Sprache und in kyrillischer Schrift abgefaßt, wimmelte von Druckfehlern und nannte verschiedene rätselhafte Namen, deren Bezug recht unklar blieb.

„Offenbar irgendwo zwischen Oder und Ural?“ zwinkerte Bott zu Zülch hinauf.

Zülch nickte. „Das sehe ich auch so.“

„Na prima!“ lehnte sich Bott zurück. „Du darfst gespannt sein, was es nicht mehr gibt: die Schränke, die Beschläge – oder gleich die ganze Möbelfabrik? Von den Transportwegen einmal zu schweigen. Hast du Pech, müssen wir uns Giselas Beschläge notdürftig in sämtlichen nordhessischen Baumärkten zusammensuchen!“

Zülch nickte.

„Hast du es Gisela schon gesagt?“

„Ach woher!“ schnaubte Zülch. „Meinst du, dann hättest du sie in dieser guten Laune hinter dem Tresen gesehen? Sie wiegt sich natürlich in dem Glauben, wenn sie um 17 Uhr heraufkomme, könne sie ihre Klamotten in ihren schönen neuen Kleiderschrank einräumen. Toben wird sie!“

Bott kratzte sich hinterm Ohr, während sein Blick über die ausgepackten Schrankteile und den Berg aus Kleidern und Wäsche auf Giselas Bett glitt. Schließlich nickte er auf den Berg und erkundigte sich ähnlich lauernd wie Zülch vor wenigen Minuten: „Wäre es nicht eine Chance, wieder einmal für ein paar Nächte gemeinsam in einem Bett zu schlafen ..?“

Zülch setzte sein verknittertes Gesicht wieder auf; dann nickte er allerdings versöhnlich. „Ehrlich gesagt, daran habe ich auch schon gedacht.“


2

Zwei Tage später fuhr Bott mit dem Bus nach Fritzlar, weil er wegen einer Urkunde aufs Amtsgericht mußte. An die Busscheiben schlug Aprilregen. Vor Werkel führte die Landstraße über die Ems. Das Flüßchen war auch in diesem Frühjahr über die Ufer getreten, sodaß die Wiesen unter Wasser standen. Trotzdem gab es nicht einen Storch. Das traditionsreiche Storchennest in Werkel – auf dem hohen Stumpf einer abgestorbenen Weide angebracht – war seit vielen Jahren unbesetzt. Dafür hatten vermutlich die neue Autobahn und die moderne Landwirtschaft gesorgt, die aus Vogelrevieren Rollfelder für Riesentraktoren machte.

Neben der Ems mündete unweit von Felsberg auch die Schwalm in die Eder. Daher der Name Schwalm-Eder-Kreis. Homberg war die Kreisstadt. Fritzlar war – bei rund 15.000 EinwohnerInnen – nicht kleiner und konnte zudem eine nahezu einzigartige Altstadt vorweisen, weil es weder unter den Bomben des Zweiten Weltkrieges noch an den Waschbetonköpfen der Baudezernenten aus den 60er Jahren zu leiden hatte. Frau Rinninslands Verkündung, der langgestreckte Marktplatz stelle Fritzlars schöne Seele dar, hatte Zülch mit der Bemerkung gekontert, dann müsse es sich bei dem benachbarten Dom um Fritzlars Klumpfuß handeln. Aber selbst die Fußgängerzone war aus den genannten Gründen erträglich. Westlich des Marktplatzes erhob sich mit dem mächtigen Hochzeitshaus das größte noch erhaltene Fachwerkgebäude ganz Nordhessens. Es stammte von 1590. Hätten Bott und Ruth van Ginnecken heiraten wollen, hätte letztere sogar die Mittel dazu gehabt, das rauschende Hochzeitsfest in diesem Prunkbau auszurichten, wie es vor ihnen – im späten Mittelalter – die schwerbetuchten Fritzlaer Pfeffersäcke und Zimtzicken getan hatten. Doch im Prunkbau war inzwischen ein Heimatmuseum untergebracht.

Als sich der Bus dem Fritzlaer Gewerbegebiet näherte, hatte Bott eine Idee. Da das Amtsgericht noch für gut zwei Stunden geöffnet hatte, stieg er kurzerhand aus, um einmal einen Blick auf Giselas Kleiderschrank zu werfen. Das Möbelhaus war von der Bushaltestelle aus nicht zu übersehen und auch nach dem Schrank brauchte Bott nicht lange zu suchen, wies dieser doch zwei eher ungewöhnliche „Falttüren“ auf. Sie werden mit Hilfe eines an der Mittelnaht angebrachten Griffes auf- und zur Seite geklappt; Bott kannte das Prinzip von Erfurter Straßenbahntüren her. Im Schrank sorgt ein Schwenkarm aus Metall für die Führung. Die beiden Schwenkarme zählten ebenfalls zu den von Zülch vermißten Beschlägen.

Erfreulicherweise stand der Schrank in einer der zahlreichen Seitengassen des Möbelhauses. Bott konnte ihn in Ruhe mustern, ohne von einem Verkäufer belästigt zu werden. Der von den beiden Falttüren flankierte Mittelteil des Schrankes zeigte über drei Schubladen eine Spiegeltür. Geschreinert war er aus Astkiefer. Die einzelnen Leisten waren durchaus eben und sorgfältig miteinander verleimt. Die Flächen gefielen trotz der lebhaften Maserung durch eine Art Waldbienenhonigfarbe. Der Schrank roch auch gut. Bott steckte nämlich ausgiebig seinen Kopf hinein, um sich die Art und den Sitz der Verbindungsstücke einzuprägen, die sie womöglich in den Baumärkten aufzutreiben hatten. Im Ganzen konnte Bott an Giselas Geschmack nicht zweifeln; der Schrank machte sich in ihrem Zimmer sicherlich gut.

Bott spannte den Schirm auf, weil es noch immer regnete. Bis zum Amtsgericht hatte er nur eine knappe Viertelstunde zu gehen. Es lag am Ostrand der Altstadt mit Blick zur Eder hinab. Im Liebreiz stand es dem ehemaligen, von ihm geschluckten Gudensberger Amtsgericht nicht nach. Für Bott wirkten diese 60 oder 90 Jahre alten Amtsgerichtsgebäude, die es in fast jeder Stadt gab, wie Festungen oder Gefängnisse, was sich ja in der Tat mit keinem geringen Ausschnitt ihres Wirkungskreises deckte. Südwind vorausgesetzt, vollendete sich diese Aura in jedem Herbst mit Hilfe der jenseits der Eder gelegenen Hengstenberg-Fabrik. Da ratterten von früh bis spät die Traktor-Gespanne mit Weißkohlköpfen über die Waage der weithin bekannten, berüchtigten Sauerkonserven-
fabrik.

Als Bott das klobige Amtsgericht mit der gewünschten Urkunde im Rucksack wieder verlassen wollte, kam er zufällig an der Zimmertür seines Direktors vorbei, was ihm erneut eine Idee eingab. Er ging die paar Schritte zurück und klopfte bei dem Mann.

Er war in Botts Alter. In der Ecke des langgestreckten Raumes hinterm Schreibtisch sitzend, hatte er nicht unfreundlich aufgeblickt. Bott blieb in Türnähe vor einem riesigen Konferenztisch aus Eiche stehen, an dem zwei anarchistische Landkommunen vom Umfang der Emsmühle ihre Fusionsverhandlungen hätten führen können. Bott stellte sich über die Länge des Tisches hinweg vor. Er habe zufällig im Haus zu tun gehabt, vielleicht könne ihm der Herr Richter mit einer kleinen juristischen Auskunft dienen. Der Herr Richter deutete einladend auf einen Armlehnstuhl am Kopf des riesigen Tisches. Bott nahm Platz und trug seine Frage vor.

In Mecklenburg war kürzlich gegen zwei Männer aus der neofaschistischen Szene verhandelt worden, die mit ihren Springerstiefeln einen Obdachlosen totgetreten hatten. Der Umstand, daß sie dabei betrunken waren, wurde ihnen strafmildernd angerechnet. Diesen Strafmilderungsgrund habe Bott schon immer ziemlich befremdlich gefunden. Wer nach einer Flasche Bier greife – und in der Folge nach vielen Flaschen Bier – wisse doch genau, was er tue. Die enthemmende Wirkung von übermäßigem Alkoholgenuß sei allgemein bekannt. Daraus einen strafmildernden Grund der „Unzurechnungsfähigkeit“ zu machen, lade doch förmlich zum übermäßigen Alkoholgenuß ein. „Schwebt Ihnen also etwa vor, Ihre Schwiegermutter zu erschlagen“, hob Bott seine Hände über den mattierten Eichentisch, „sind Sie gut beraten, vorher einen halben Kasten Bier zu trinken. So kommen Sie glimpflich davon.“

Der Direktor hatte Bott aufmerksam zugehört. In seinem prüfenden Blick schwang sogar ein gewisses Erstaunen mit.

„Sind Sie Journalist, Herr Ott?“

„Nein. Ich bin gelernter Polsterer. Aber ich hatte schon immer eine Neigung zur Philosophie – was bedeutet, Ungereimtheiten aufzudecken.“

Der Direktor lächelte leise und nickte. „Sie sind kein dummer Kopf, Herr Ott. Die Bestimmung des Paragraphen 323 a StGB, wonach man in solchen Fällen lediglich für den vorsätzlich oder fahrlässig eingegangen Rausch, nicht aber die in diesem Zustand rechtswidrig begangene Tat bestraft werden kann, ist in der Tat heikel. Entsprechend ist sie unter Juristen durchaus umstritten. Allerdings bin ich als Richter auf Familienangelegenheiten und Betreuungsfälle – früher Vormundschaften – spezialisiert; im Strafrecht – und seiner Praxis – kenne ich mich wenig aus. Wenn ich nicht irre, gewährt jene Bestimmung einigen Spielraum; so spricht sie von Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe. Es kommt also auf den konkreten Fall an. Und freilich: auf die mit dem Fall betrauten Richter ebenfalls. Unsere Vorurteilslose fallen mal so, mal so, wenn ich einmal Tucholsky zitieren darf. Immerhin herrscht Konsens, den von Ihnen angeführten Strafmilderungsgrund – Sturzbesoffenheit also, proletarisch gesprochen – im Wiederholungsfall nicht mehr anzuwenden.“

Bott beugte sich vor. „Im Wiederholungsfall? Der Obdachlose hatte nur ein Leben. Er ist tot!“

Der Direktor sah ihn fest an, hob seinerseits die Hände. „Ich kann Ihnen nicht widersprechen, Herr Ott. Aber ich kann Ihnen auch keine nützlichen Auskünfte mehr geben. Möglicherweise erfahren Sie beim Staatsanwalt mehr. Ich bitte Sie deshalb, mich zu entschuldigen. Ich habe zu tun.“

Bott nickte beschwichtigend, dankte dem Direktor im Aufstehen für sein Entgegenkommen und zog sich auf den Flur zurück.

Am oberen Ende der steilen Eingangstreppe lag der Durchguck in die Pförtnerloge. Sie war schon wieder leer. Niemand interessierte sich dafür, ob er außer seinem gefährlichen Stockschirm vielleicht im Rucksack einen Weißkohlkopf und eine Pulle mit Kümmelschnaps oder Benzin mit sich führte. Man lebte eben in der Provinz.


3

„So ein Scheißhaus!“ blökte Zülchs Stimme noch einmal zwei Tage später aus Botts Telefon. „Sie vertrösten mich von einem Tag auf den anderen! Sollten wir da nicht mal hinfahren und die Feuerlöscher überprüfen?“

Offenbar meinte er das Möbelhaus. Bott war ohnehin davon überzeugt, die vermißten Beschläge seien längst in Zloty oder Rubel verwandelt worden. So lobte er Zülch, seine Idee decke sich schon fast mit Botts eigenem Plan. Er legte ihn dar, wobei er sich bemühte, Zülch bei seinem handwerklichen und sportlichen Ehrgeiz zu packen.

Zülch war rasch gewonnen. Eine halbe Stunde später hielt er in seinem zerbeulten Renault-Kastenwagen vor dem Haus seiner Schwiegermutter. Im Heckraum lag ein roter Plastikkoffer, der normalerweise Zülchs Hilti-Schlagbohrmaschine enthielt, die mit rund 500 Euro nebenbei teurer als Giselas neuer Kleiderschrank war. Bott stellte seine große Werkzeugtasche aus schwarzem Leder daneben und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.

„Gut sieht man heute wieder aus!“ nickte Zülch ihm zu, während er die Kupplung kommen ließ.

Bott steckte in einem weinroten Kittel, den er noch von seiner Zeit bei Euler her besaß. Auf der Brusttasche prunkte – schwarz auf weiß – das warenrechtlich geschützte große R, das für „Raumausstatter“ stand. Am Untermarkt bremste Zülch schon wieder. Bott verschwand in Gudensbergs einziger Raumausstattung Wilke & Rühmling. Er pflegte Wolfgang Rühmling von Zeit zu Zeit bei Polsterarbeiten auszuhelfen. Als Bott wieder aus dem Laden kam, hielt er genau den gleichen Kittel, wie er ihn trug, noch einmal in der Hand. Er warf ihn auf den Rücksitz. Zülch gab Gas.

Bott nutzte die knapp 10 Kilometer bis Fritzlar, um Zülch die zu erwartende Lage im Möbelhaus sowie im Kleiderschrank haarklein auseinander zu legen. Dann besprachen sie ihre Vorgehensweise. Alles kam auf Reibungslosigkeit und Geschwindigkeit an. Je schneller, desto besser.

„Hast du die Stoppuhr?“ fragte Bott.

Zülch nickte und hob sein Handgelenk. Seine Armbanduhr besaß eine Stoppvorrichtung.

Bott klappte die Sonnenblende herunter, um sich den dunklen Schnurrbart anzukleben, den er aus seiner Kitteltasche gezogen hatte. Dann schob er sich eine Brille, die nur Fensterglas enthielt, auf die Nase und sah Zülch erwartungsvoll an.

Zülch pfiff durch die Zähne. „So solltest du mal bei deiner neuen Flamme in Kassel aufkreuzen! Sagtest du nicht, sie macht Comics?“

Von dem geliehenen weinroten Kittel einmal abgesehen, begnügte sich Zülch selber mit einer grünen Basketballmütze, die seinen auffälligen Mittelscheitel verbarg. Zülch hatte das Möbelhaus noch nie betreten.

Sie parkten zwei Straßen weiter und gingen, je einen Koffer schleppend, zu Fuß zum Möbelhaus. Die Dame an dem halbkreisförmigen Empfang, der zugleich Kassenschalter war, sah nur flüchtig auf, als die beiden Handwerker auf die Innentreppe zustrebten. Die Schlafzimmermöbel standen im 2. Stock. Durch dessen breiten Hauptgang schlenderten Dutzende von Möbelsuchenden. Als Bott in den ihm bereits vertrauten Nebengang einbog, fluchte er unterdrückt, weil der einzige Anwesende im Gang gerade die rechte Falttür von Giselas Schrank prüfte, indem er sie ausgiebig hin- und herbewegte.

„Frechheit siegt!“ raunte Bott über seine Schulter zu Zülch, der sich in seinem Fahrwasser hielt.

Nachdem er seinen Werkzeugkoffer fast auf dem Schuh des Kunden abgesetzt hatte, erklärte Bott mit seinem gewinnendsten Lächeln: „Das tut mir aber leid! Dieses Ausstellungsstück müssen wir Ihnen jetzt vor der Nase wegschnappen! Die Serie ist ausverkauft.“

„Ach so“, maulte der Mann und trollte sich.

Zülch hatte den Schrank bereits von der Wand gerückt, seine Stoppuhr betätigt und den Kreuzschlitz-
schraubenzieher aus Botts Werkzeugkoffer gezogen. Im Nu waren die oberen Verriegelungen gelöst, sodaß sie das Verdeck abnehmen konnten. Dann schraubten sie die dünnen Rückwände aus Hartfaserplatten ab.

Nach rund drei Minuten lagen die Seitenteile mit den Falttüren auf dem Teppichboden. Während Bott die Scharniere und Griffe der Türen abschraubte, demontierte Zülch den Mittelteil des Schrankes. Jeder geerntete Beschlag landete in Zülchs rotem Hilti-Koffer – der selbstverständlich leer gewesen war. Alle geplünderten Schrankteile lehnten sie ordentlich an die Wand.

Nach elf Minuten beugten sie sich über das dreiteilige Fußbrett, um auch hier die Verriegelungen auszubauen. Plötzlich durchfuhr es Bott heiß. Aus den Augenwinkeln heraus sah er einen Verkäufer auf sie zukommen. Er trug sein Namensschild mit dem Möbelhauslogo am Revers.

Der Mann gab sich kumpelhaft. „Was macht ihr denn da?“ erkundigte er sich stirnrunzelnd.

„Was denn“, sagte Bott, ohne sich im Schrauben zu unterbrechen. „Hat man Sie nicht informiert? Das Ding kommt nach Kassel.“

„Nach Kassel? Warum denn das? Zu wem denn?“

Raumausstattung Euler, Friedrich-Ebert-Straße“, erwiderte Bott wie aus der Pistole geschossen. „Sie können ja mal in Ihrer Verwaltung nachfragen.“

Der Mann rieb sich das wohlrasierte Kinn und nickte. „Ja. Ich muß ohnehin noch ein Fax rausschicken.“

Darauf entfernte er sich ohne sonderliche Eile.

„Feuer!“ raunte Bott, während er die Fußstücke an die Wand lehnte. „Nur noch die Schubladengriffe abschrauben, dann haben wir's!“

Zülch atmete aus. Selbst für seinen in Snookerkreisen berüchtigten Stoizismus war dieser geschniegelte Möbelhauslakei eine echte Prüfung gewesen.

Nachdem die Schubladengriffe im Hilti-Koffer lagen, drückte Zülch die Stoppuhr. „Keine 15 Minuten! Das müßte fürs Guinness Buch der Rekorde ausreichen.“ Sie traten den Rückzug an.

Bevor sie in den Hauptgang bogen, spähten sie nach Verkäufern. Die Luft war rein. Sie mischten sich unter das Publikum.

Als sie sich mit ihren Koffern dem halbkreisförmigen Empfangstresen näherten, zuckte Bott jäh zusammen, weil die Dame gerade den Telefonhörer abnahm. Jetzt kommts! dachte er schicksalsergeben.

Die Dame nickte ihnen routinemäßig zu, ohne sich im Telefonieren zu unterbrechen.


Fortsetzung Teil 3
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