Donnerstag, 17. November 2016
Handbuch der SelbstmörderInnen Teil 5

90 - Norbert Poehlke (1951–85), Polizist und mutmaßlicher Serienmörder. Buchautor Fred Breinersdorfer zufolge* war der dunkelhaarige, vollbärtige Schwabe, der sich trotz (oder wegen) eines Lottogewinnes von 36.000 DM stark verschuldet hatte, von massiger, etwas gedrungener Gestalt. Aufgrund einer frühen Erkrankung hinkte er leicht. Breinersdorfer zeichnet ihn als durchaus freundlichen, wenn auch ziemlich verschlossenen Mann, der nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen war. Der Autor, ursprünglich Rechtsanwalt, betont jedoch, über Poehlkes Persönlichkeit lägen nur spärliche Zeugnisse vor, sodaß er, Breinersdorfer, diesbezüglich in seinem „dokumentarischen Kriminalroman“ notgedrungen zu Einfühlungsvermögen und Fiktion gegriffen habe. Ansonsten sei er freilich streng den Tatsachen gefolgt. Danach verübte der Polizeiobermeister einer Stuttgarter Hundestaffel mit Anfang 30 in rund zwei Jahren zunächst wahrscheinlich drei Raubmorde und vier Banküberfälle, dies durchweg im Raum Backnang, wo er mit Frau und zwei Kindern im Dorf Strümpfelbach ein eigenes Haus bewohnte. Die Morde beging er, um sich für die Banküberfälle Tat- und Fluchtfahrzeuge zu verschaffen – falls dies tatsächlich der alleinige oder jedenfalls wesentliche Grund für diesen brutalen Weg der Beschaffung gewesen sein sollte. Bei Breinersdorfer wundert sich Poehlkes Frau im Gespräch mit ihrem Mann zurecht darüber, daß „dieser Typ“ kaltblütig mordet, nur um an ein Auto zu kommen. Das ließe sich doch durch Diebstahl viel einfacher und gefahrloser bewerkstelligen. Dazu sagt ihr Mann nichts – bei Breinersdorfer (S. 100).

Zeugin Inge Poehlke konnte nicht mehr befragt werden. Zwar war Poehlke nach den Überfällen jeweils unerkannt entkommen, doch dann schloß sich das Netz um den fieberhaft gesuchten Gewaltverbrecher (der sich ebenfalls einige „Fehler“ leistete) trotz etlicher „Pannen“ der ErmittlerInnen enger und zudem schöpfte jetzt auch seine Frau ernsthaften Verdacht. Darauf erschoß Poehlke auch diese sowie seinen älteren Sohn Adrian, während er mit dem jüngeren Sohn Gabriel in seinem privaten weißen Mercedes-Kombi gen Mittelmeer flüchtete. Beide Kinder dürften im Vorschulalter gewesen sein. Mitte Oktober 1985 in Süditalien eingetroffen, war dem 34jährigen, noch unentdecktem Schwaben offenbar ausweglos genug zumute, um am Strand der Adria auch den Jüngsten und dann sich selbst zu erschießen. Nach einem Jubiläumsartikel der Stuttgarter Zeitung (20. Oktober 2015, wegen Oberflächlichkeit nicht empfehlenswert) hatte Poehlke einmal als Kind in dieser Gegend, bei Brindisi, Ferien gemacht. Nun hatte er, vor dem letzten Schuß, sehr wahrscheinlich sechs Tote auf dem Gewissen: drei Fremde und drei Angehörige. Dabei hätten zumindest die drei letzten, innerfamiliären Morde möglicherweise vermieden werden können, wenn sich die Kollegen Poehlkes, voran seine Vorgesetzten, weniger Ermittlungsfehler geleistet hätten, wie jedenfalls Breinersdorfer meint (160). Übrigens gestattet sich der Autor (auf S. 46) einen empfehlenswerten Exkurs zur hohen Fragwürdigkeit von Zeugenaussagen, wobei er keineswegs hauptsächlich die Befangenheit von Angehörigen oder NutznießerInnen im Auge hat.

Eigentlich hatte Poehlke auch noch eine kleine Tochter gehabt. Die dreijährige Cordula war im März 1984 qualvoll an einem Gehirntumor gestorben. Breinersdorfer legt die Einschätzung nahe, dieser schwere Schlag habe den Polizisten mit in die Verzweiflung und ins Verbrechen getrieben. Seinen ersten Überfall beging er Anfang Mai. Bei Breinersdorfer stellte er seiner Frau einmal die bekannte Frage, warum der Schicksalsschlag gerade sie erwischt habe, das Ehepaar Poehlke. Die Frage ist nicht nur rhetorisch, sondern dumm und selbstsüchtig. Hätten sich „das Schicksal“ oder der Zufall lieber an einen Nachbarn halten sollen? Vielleicht sollten Personen, deren Gehirn von solchen gefährlichen Gemeinplätzen durchsetzt ist, wenigstens nicht Polizist werden – beziehungsweise Buchautor (79).

Leider ist man, mangels Einblicke, auch verleitet, die Poehlkes als das „typische“, zumal schwäbische, öde Ehepaar zu nehmen. Als Poehlke seine Frau umbrachte, war sie übrigens erneut schwanger gewesen, was ihn (vermutlich) eigentlich erfreut hatte. Andererseits muß man nach Breinersdorfers Darstellung annehmen, Poehlke habe Inge, die Ex-Kollegin und „Schlampe“, die möglicherweise nach Heftromanen süchtig ist, auch gehaßt. Das Eheglück oder -leid bleibt bei Breinersdorfer, vielleicht „naturgemäß“, weitgehend undurchsichtig. Neben Gefühlen klammert der Autor auch Sex oder Erotik völlig aus. Dafür nennt er sein Buch „natürlich“ nach dem griffigen Schreckgespenst, das 1984/85 bundesweit durch die Medien zog: „der Hammermörder“ ging um. In Wahrheit hatte Poehlke seine (mutmaßlichen) Opfer erschossen. Den Vorschlaghammer hatte er „nur“ benutzt, um in den Kassenräumen die Panzerglasscheiben zu zertrümmern.

Der Wild-West-Politiker Dan White (1946–85) wurde ein Opfer seines Temperaments und seines Werdegangs. Er stammte aus dem kalifornischen Proletariat und mauserte sich über seine Vietnamkriegsteilnahme und anschließende Posten bei Polizei und Feuerwehr, trotz oder wegen einiger Verfehlungen, zum Saubermann im Stadtrat von San Francisco. Er hielt Frömmigkeit und Familie hoch, verabscheute Homosexualität und Drogengenuß. In einer Verquickung von Unmut über „liberale“ Verordnungen oder Maßnahmen des Stadtrates und über sein geringes Einkommen, das ihn nicht ernäheren könne, ihm freilich auch andere Posten verbiete, reichte White schon nach gut einem Jahr seinen Rücktritt ein. Das war im November 1978. Seine AnhängerInnen beknieten ihn jedoch weiterzumachen und sagten ihm auch finanzielle Unterstützung zu. Nun verweigerte ihm allerdings Bürgermeister George Moscone (49) die Wiederernennung, worin dieser unter anderem vom Ex-Hippie und offen schwulen Stadtrat Harvey Milk (48) bestärkt worden war. Nun sah White rot. Rund zwei Wochen nach seinem Rücktritt schlich er sich, zwecks Vermeidung des Metall-Detektors am Portal, durch ein Fenster ins Rathaus, spannte den Hahn seines Revolvers und suchte die Büros sowohl von Moscone wie von Milk auf. Beide Widersacher Whites mußten daran glauben. White flüchtete, stellte sich aber bald darauf in einer Polizeistation, wo er einmal als Offizier beschäftigt gewesen war. Diese ortstreue Anhänglichkeit sahen wir bereits bei Poehlke. Der Prozeß gegen White muß eine köstliche Posse gewesen sein. Im Ergebnis kam er mit einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Totschlags davon, was verständlicherweise Proteste hervorrief; sie wurden später White Night riots genannt. Was die Polizei angeht, soll sie dabei im „alternativen“ Castro-Viertel, dortige Schwulen- oder Lesbenbars sowie den Fotoladen des erschossenen Stadtrats Milk eingeschlossen, nicht schlecht gewütet haben. Nach fünf Jahren (Anfang 1984) schon wieder „begnadigt“, mißlang es White, seinen Ruf und seine Ehe (mit Kindern) zu kitten. Er brachte sich Ende 1985, inzwischen 39, in seiner Garage mit Hilfe von Autoabgasen um.

Auch der deutsche Politiker Uwe Barschel (1944–87) sah sich zu einem unerfreulichen Rücktritt gezwungen. Er dankte am 2. Oktober 1987 wegen massiver Vorwürfe, statt der Ostsee den Wahlkampf verschmutzt zu haben, als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ab. Gut eine Woche darauf war er tot. Zwei Tage später hätte er vor einem Untersuchungsausschuß seines Kieler Landtages erscheinen müssen. Die Kunde von seinem angeblichen Selbstmord verbreitete sich schneller, als das Wasser aus der Genfer Hotelbadewanne laufen konnte, in der sich der ehrgeizige 43jährige, mit Medikamenten beziehungsweise Giften vollgepumpte Politiker gefunden hatte. Aber allmählich wuchsen die Zweifel zu alpiner Größe und Höhe an. Seit einigen Jahren zeigt sich sogar Rechtsanwalt Heinrich Wille, bis 2010 Chef der Lübecker Staatsanwaltschaft und damit auch der Ermittlungen im Badewannen-Fall, öffentlich davon überzeugt, Barschel sei ermordet worden.** Als Todesursache gibt er eine Überdosis des Betäubungsmittels Cyclobarbital an. Die TäterInnen kennt oder nennt er verständlicherweise nicht.

Aus einem ausführlichen stern -Artikel, der bereits am 17. September 2007 erschien, ergibt sich gleichfalls ein Umriß des Falles, der die amtliche Selbstmord-Theorie der Beschaffenheit eines Ausgußsiebes annähert. Danach stand der ständig mehr Aufputschpillen schluckende „Kronzprinz Helmut Kohls“ (das war der westdeutsche Kanzler mit dem Schwarzgeld-Blackout) nicht etwa hauptsächlich wegen Verfehlungen im Wahlkampf unter Druck. Sehr wahrscheinlich gingen diese noch nicht einmal auf sein Konto. Vielmehr hatte er im Interesse der bedrohten Kieler Werftindustrie und vermutlich auch der fetten Provisionen etlicher Manager, PolitikerInnen und damit Parteien illegale U-Boot-Geschäfte eingefädelt, die auf keinen Fall ins Stocken geraten oder gar auffliegen durften. Als EmpfängerInnen kommen Iran, Israel, vor allem aber Südafrika in Betracht. Bei dieser Anbahnung waren Barschel hervorragende Kontakte zur DDR zugute gekommen. Nur hatte er zwar bislang viele Millionen erhalten (und teils im Wahlkampf verpulvert), aber dafür noch kaum Ware geliefert. Folglich mußte er möglichst an der Macht bleiben – oder zumindest schweigen, nachdem ihm die Abwahl drohte. Er durfte also keinesfalls „auspacken“, wie er es König Kohl und anderen, die offenbar gewillt waren ihn fallen zu lassen, bereits angedroht hatte. Sollte er in Genf gewaltsam zum Verstummen gebracht worden sein, dann also sicherlich im Interesse gewisser Empfängerstaaten und deren Geheimdienste – und des Geberstaates und seines glorreichen BNDs. Der Artikel zieht das unter „Staatsräson“ zusammen. Sie geht immer vor Menschenwürde – das Leben der betroffenen Menschen eingeschlossen.

* Der Hammermörder. Ein dokumentarischer Kriminalroman, Stuttgart 1986, hier München 2000
** Gespräch mit dem Magazin Cicero, vermutlich 2012




91 - Marcel Werner (1952–86). Ich setze einmal mit seinem Vater ein, Hanns Lothar. Bekanntlich verkörperte dieser bewegliche hagere Schauspieler, 1929 in Hannover geboren, den pfiffigen deutschen Jungen – mal gelassen, mal schnoddrig, zumeist als charmante Nervensäge. Das war genau das Richtige für die westdeutsche Wirtschaftswunderzeit. Lothar gehörte seriösen Bühnen an, zuletzt dem Thalia Theater in Hamburg, trat aber auch gern in Fernsehkrimis auf. Daß er zudem singen konnte, bewies er unter anderem als Christian Buddenbrock in einer Verfilmung des bekannten Romans von Thomas Mann. 1962 gab er, falls mich eine Jugenderinnerung nicht täuscht, den armen Schlucker Axel in Rainer Erlers Film Seelenwanderung geradezu herzzerreißend. Lothar liebte Frauen, Fußball, Boxen, Alkohol. 1967 ereilte ihn bei Bühnenproben in Hamburg eine Nierenkolik, an der er starb. Er war 37. Seine zweite Gattin Gabriele, ein Mannequin von nur 23 Jahren, war gerade auf Reisen.

Was nun Werner angeht, fiel der schon früher bemühte Apfel in der Tat nicht weit vom Stamm. Laut Zeit-Nachruf war der Berliner Schauspieler „ein langer, dürrer, schräger Mensch, immer bekümmert und deshalb immer auch ein wenig komisch“. Dieser Mensch war ein Sohn, den Lothar 1952 mit seiner Kollegin Elfriede Rückert (später Werner) gezeugt hatte. Marcel Werner spielte, sowohl auf der Bühne wie in einigen Filmen, vorwiegend Sonderlinge. Er trat im Juni 1986 in Hannover mit 34 Jahren endgültig ab. Man spricht zumeist von einem Langzeit-Selbstmord durch chronischen Alkoholismus. Die Zeit meinte etwas verwaschener, Werners Drang zur Selbstzerstörung habe seine Lust zur Selbstdarstellung überwogen. Möglicherweise streifte jener erste Drang auch noch andere. Laut Spiegel (19. Oktober 2007) lernte Werner 1978 die Schauspielerin Marion Michael kennen, die 1956 als barbusiges „Dschungelmädchen“ eingeschlagen war. Sie hielt Werner für die Liebe ihres Lebens. Der Spiegel: „Ein schöner Mann, Trinker, gewalttätig. Ein Jahr später flieht sie vor ihm.“

Das Phänomen der Wiederholung ist nicht nur in Stammbäumen auffällig. Im 1982 veröffentlichten Kinderfilm Bananen-Paul von Richard Claus und Petra Haffter versetzt ein ausgerissener Zirkusbär eine Kleinstadt in Panik, obwohl er ein gutmütiger Bursche ist. Werner gab darin einen Fotografen. Das Werk könnte manchen Betrachter an ein Glanzstück meiner Kindheit erinnern: an das 1952 erschienene Jugendbuch Der Löwe ist los von Max Kruse. Als Werner für immer seine Augen schloß, 1986, rief sich der Ex-Scherben-Frontman Rio Reiser mit einem Hit, wie sich rasch zeigen sollte, zum König von Deutschland aus. Über Adolphe Adams Komische Oper Wenn ich König wär’ von 1852 war bereits Gras gewachsen.

Damit sollen keine Vorwürfe erhoben sein. Von nichts kommt nichts; wir sind alle nur Varianten. Eher würde ich über jene Leute Verachtung ausgießen, die sich um jeden Preis mit „Neuigkeiten“ hervortun müssen – im Falle von Produzenten neuer Automodelle selbstverständlich um einen möglichst hohen Preis. Leider gilt das Ganze auch, zu ungefähr 80 Prozent, für die ganze „moderne Kunst“, Literatur eingeschlossen. Jetzt erhoben die Jarrys, Schwabs und Baselitze die Aufgabe zur Norm, von der Norm abzuweichen. Dabei belief sich der Sinn der Aufgabe darauf, Ruhm und Einkommen des Neuerers zu mehren. Auf Schwab komme ich zurück.

Am 21. Juli 2012 starb die 51jährige Berliner Schauspielerin Susanne Lothar. Sie war eine Tochter Hanns Lothars und eine Halbschwester Marcel Werners. Woran oder warum sie starb, wollte der Rechtsanwalt ihrer Familie, der „Privatsphäre“ der Verstorbenen oder der Angehörigen zuliebe, nicht verraten. „Und so blühten die Spekulationen“, schrieb die Münchener Abendzeitung (vom 26. Juli) nicht ohne Folgerichtigkeit. Anzeichen für eine Krankheit etwa habe man bei Lothar, die 2007 ihren Ehemann Ulrich Mühe durch eine Krebserkrankung verloren hatte, noch am 30. Juni auf dem Münchener Filmfest nicht bemerkt. In Schauspielerkreisen werde von Selbstmord gemunkelt. Und wenn schon? Hat der Rechtsanwalt die von ihm vertretene „Privatsphäre“ verriegelt, weil in dieser ein Selbstmord als Makel gilt? Das würfe kein sonderlich vorteilhaftes Licht auf die von ihm Vertretenen. Wenn aber nicht – was wäre dann in diesem Todesfall noch schützenswert? Jeder, selbst die Münchener Abendzeitung, wußte, daß mit Lothar eine ausgesprochen empfindsame und „verletztliche Charakterdarstellerin“ verstorben war. Da liegt doch ein Selbstmord gleichsam von Jugend an in der Luft. Eine andere Frage ist, warum ausgerechnet ein derart angreifbarer Mensch die Brennpunkte öffentlichen Interesses aufsucht, Theaterbühnen und Filmfeste zum Beispiel. Sie führt vom Thema ab.

Leider ist auch die „Privatsphäre“ ein verdammt weites Feld. Immerhin ist sie, ungeachtet ihrer Abmessungen, nie ein „natürliches“ Feld. Ihre Grenzen werden in jeder Kultur und in jeder Epoche anders gezogen. In kapitalistisch verfaßten Demokratien kreist die „Privatsphäre“ vor allem um die jeweiligen Einkommensverhältnisse, ob sie nun zu Hause im Wandsafe oder auf entlegenen, meerumrauschten Steuerparadiesen geschützt werden. Das hindert freilich die wenigstens GroßverdienerInnen daran, erstens mit ihren Platinuhren zu protzen, zweitens in Talkshows oder gut honorierten Zeitungsinterviews ihr Innerstes nach außen zu kehren, drittens den Bürokraten, Polizeibeamten und Berufsschnüfflern ihres Landes zu gestatten, die menschliche Würde mit Füßen zu treten, sobald einer auch nur einen zwergfichtengroßen Schatten auf die Fassade der kapitalistischen Demokratie wirft.

Wahre Demokratie lebt von Öffentlichkeit, Aufrichtigkeit, Nachvollziehbarkeit. Ich kann den anderen mitsamt seiner Beweggründe und seinen Bedürfnissen umso besser verstehen, je mehr ich von ihm weiß. Erst dadurch kann ich auch mich selber besser verstehen, denn alleingelassene Beschränktheit bleibt immer beschränkt. Aus diesem Hauptgrund – Vertiefung des Verständnisses – schreiben gewisse Leute Theaterstücke oder Portraitbücher. Vielleicht könnte sich durch die Vertiefung des Verständnisses sogar die Erhöhung des Schutzes der „Privatsphäre“ erübrigen, nämlich insofern, als durch diese Bildungs- und Vertrauensbildungsarbeit Angst abgebaut wird. Eine Gesellschaft ohne einschüchternde Strukturen und Drohgebärden würde weder Panzerschränke noch Rechtsanwälte benötigen.

Auf der Linie jener Theaterstücke oder Portraitbücher liegen sicherlich auch Biografien. Oft können diese Biografien allerdings erst einige Jahre nach dem rätselhaften, vielerörterten, von Spekulationen umwucherten Tod der betreffenden prominenten Person erscheinen; gut Ding will schließlich Weile haben. Und weil diese Bücher dann endlich die Wahrheit von den Todesumständen ihrer Gegenstände enthüllen, gehen sie weg wie warme Semmel. Das ist volkswirtschaftlich gesehen sinnvoll, wird doch auf diese Weise ein doppelter Umsatz erzielt, zunächst durch die Spekulationen, später durch die Biografie.



92 - Dalida (1933–87), Schlagersängerin. Eine Ahnung davon, welcherart schützenswerter Privatsphäre der durchschnittliche Wirtschaftswunderdeutsche besaß, erhält man durch den Genuß des musikalischen Werkes Am Tag, als der Regen kam, das 1959 für etliche Wochen die hiesige „Hitparade“ beherrschte. Sieht man gar Videos von der etwas älteren, inzwischen von schwarz auf blond umgefärbten Gesangskünstlerin, könnte man an der Zweckmäßigkeit der Einführung des aufrechten Ganges zweifeln. Fünf Jahre vor jenem Hit war Dalida „Miss Ägypten“ gewesen. Dann ging sie nach Paris – und rasch am europäischen Schlagerhimmel als Star auf. Neben Regen liebte die Hochbeinige, die wohl meist auf Französisch sang, Selbstmordkandidaten, jedenfalls drei. In Wahrheit hatte sie natürlich, bevor sie sich auch selber umbrachte, viel mehr Liebhaber, darunter Alain Delon.

Der frühste Selbstmordfall (1967) war gleich der medienwirksamste. Beim Wettbewerb im norditalienischen Sanremo kommt Dalidas junger Kollege und Geliebter Luigi Tenco (28), der sogar aus dem Gastland stammt, wegen Lampenfiebers völlig aus dem Tritt. Aber selbst seine bereits berühmte Geliebte erreicht nicht das Finale. Beides ist für Tenco zu viel. Er wirft in seinem Hotelzimmer ein paar anklagende Abschiedszeilen aufs Papier und schießt sich in den Kopf. Das wiederum soll Dalida bis ins Mark getroffen haben. Einige Monate später unternimmt sie einen ersten Selbstmordversuch. 1970 scheidet Dalidas „Entdecker“ und erster Ehegatte Lucien Morisse (41) in seiner Pariser Wohnung gleichfalls durch Schußwaffengebrauch aus dem Leben. 1981 trennt sie sich von dem vor allem hochstaplerisch veranlagten Künstler Richard Chanfray (43), der an ihrer Seite als „Graf von Saint-Germain“ den Playboy gab. Zwei Jahre darauf bringt er sich, von Schulden und amtlichen Nachstellungen bedrängt, bei Saint-Tropez mit Hilfe von Abgasen seines Wagens um, wobei er angeblich noch eine ihn liebende „Baronin“ mitnimmt. Dalida selber greift 1987 im Alter von 54 Jahren in ihrer Pariser Stadtvilla zu einer Überdosis Schlafmittel. Falls die sogenannte offizielle Webseite über Dalida weniger lügt als die französische Regierung, beschied sich die ehe- und kinderlose Verstorbene mit einem erfrischend kurzen Abschiedsbrief an die Welt: „Das Leben ist mir unerträglich geworden – vergebt mir.“

Richard Manuel (1943–86), bis zuletzt Keyboarder und Sänger in der US-Rockgruppe The Band, die bekanntlich zeitweise mit Bob Dylan unterwegs war, erhängte sich mit 42 unangekündigt, aber nicht ganz überraschend während einer Tournee der Gruppe in seinem Hotelzimmer in Winter Park, Florida. Stark drogenabhängig (vor allem Alkohol und Kokain), war er seit Jahren das Sorgenkind seiner MitstreiterInnen und des Band-Managements gewesen. Sein 27 Jahre alter Berufskollege Kurt Donald Cobain (1967–94), Frontman der US-Band Nirvana, erschoß sich in seinem Haus in Seattle, Washington, vermittels Heroinspritze plus Gewehr. Cobain hinterließ Frau und Tochter, die steinreich wurden.

Bei Roy Black (1943–91) handelte es sich nicht etwa um einen dunkelhäutigen Bluessänger aus Alabama, vielmehr um einen Augsburger Kaufmannssohn (namens Gerhard Höllerich). Immerhin, schwarze Haare hatte er. Seinen „Durchbruch“ als Schlagersänger und „Traum aller Schwiegermütter“ erzielte der hübsche Bub aus Bayern 1966 ausgerechnet mit dem Lied Ganz in Weiß, bei dem es natürlich um eine ersehnte Hochzeit ging. Die entsprechende Single wurde rund 2,5 Millionen mal verkauft. Black versicherte später wiederholt, er wäre viel lieber „Rocker“ als „Schnulzensänger“ geworden. Aber auf dem felsigen Gelände war gerade keine Marktlücke für ihn frei. Er machte also nicht, wonach ihm der Sinn stand, sondern was den Rubel rollen ließ – das sollte man nicht ganz aus den Augen lassen, dürfte doch Black, ähnlich wie Susanne Lothar und Tausende anderer KünstlerInnen, ein Fall von Schizophrenie gewesen sein. Blacks Ehe (von 1974) hielt bis 1985. Im Laufe der 70er Jahre kam er aus der Mode und verlor sein Massenpublikum. Folglich hatte er nun über Land zu tingeln, denn das clevere Anlegen und Zusammenhalten von viel Geld war offensichtlich sowenig Blacks Stärke, wie es die des Hamburger Boxers Jürgen Blin gewesen war. Auftrieb erhielt Black um 1990 durch sein Auftreten als Hotelerbe in der RTL-Serie „Ein Schloss am Wörthersee“ sowie durch eine neue Lebensgefährtin, mit der er ein Haus im Ruhrgebiet bezog. Sie bekamen sogar ein Kind. Daneben besaß Black eine Fischerhütte in Oberbayern als Rückzugsort. Dort wird er Anfang Oktober 1991, als sein Töchterchen drei Wochen alt ist, tot von seinem Bruder Walter vorgefunden. Für die Behörden war der 48jährige einem „Herzanfall“ erlegen. Laut der Welt vom 5. Oktober 2011 ergab eine Obduktion einen hohen Alkoholpegel. Der von kindan herzkranke, auch schon am Herzen operierte Künstler war seit Jahren alkohol-, möglicherweise auch tablettensüchtig. Ob er sich nun mit Absicht den Rest gegeben hatte, ist umstritten. Der Bruder hält das Selbstmord-Gerede für Blödsinn. Das Magazin Focus fährt am 8. Oktober 2016 eine angebliche, namentlich genannte frühe Geliebte von Black auf, die wenige Tage vor seinem Tod mit ihm telefoniert haben will. Danach habe er „Angst vor einem neuen Karriereknick“ gehabt. Sie sei von Selbstmord überzeugt.

Ex-Gattin Silke Höllerich sprach einmal von Blacks Fehler, die gleiche Verehrung, die ihm das Publikum entgegenbrachte, auch in Familie und Freundeskreis zu erwarten. Das wäre ein anderer Gesichtspunkt jener Schizophrenie. Er war also unzureichend in der Lage, zwischen Bühnen- und Alltagsrolle zu trennen. Das Publikum glaubte „natürlich“ inbrünstig daran, er sei der lautere, unverdorbene, liebenswerte Bub, den er da auf den Bühnen gab, und Black fiel auf diesen Glauben herein. Somit war er noch viel zu wenig verdorben; er war nicht zynisch genug. Der Hauptfehler ist das bürgerlich-kapitalistische System der Spaltung, das wir zuerst und vor allem bei Gebrauchs- und Tauschwert finden. Im künstlerischen oder Unterhaltungs-Bereich nimmt es die gleichermaßen groteske wie gefährliche Form an: hier der Star, dort die Schafe.



93 - Rusty Hamer (1947–90) „ging“ zum Film, als er noch kaum laufen konnte, mit Vier oder Fünf. Durch die Hollywood-„Sitkom“-Serie Make Room for Daddy wird der rothaarige und sommersprossige kalifornische Knabe sogar berühmt. Sie läuft über 12 Jahre. 1971 jedoch, mit dem Abbruch einer erfolglosen Fortsetzungsserie, fällt der inzwischen 24jährige Hamer, der kaum mehr als Hollywood kennt, in ein Loch. Nach einem Gastspiel als Botenjunge zieht er nach Louisiana, wo sein Bruder John lebt. Er scheitert als Ölfeldarbeiter, trägt Zeitungen aus. Er leidet nicht nur an chronischen Rückenschmerzen. Gelegentlich hilft er noch in Johns Restaurant als Koch aus. Wahrscheinlich wird er zum Trinker. Sein Vater ist längst gestorben, seine Mutter, eine ehemalige Stummfilmschauspielerin, hockt verwirrt in einem Pflegeheim. Hamer selber lebt zuletzt in einem Wohnwagen unweit der Kleinstadt DeRidder. In diesem greift er an einem Januartag 1990 nach seinem Magnum-Revolver und beendet sein Leben durch einen Schuß in den Kopf. Da war er 42. Der Bruder meint, Rusty sei seit Jahren unglücklich und verstört gewesen. Er habe wohl nie verwunden, den Sprung in die Erwachsenen-Schauspielerei nicht geschafft zu haben. Man höre auch von vielen anderen Kinder-Schauspielern, die nach ihrer Entlassung aus „der Industrie“ gestrauchelt seien.*

Der britische Filmschauspieler Michael Gothard (1939–92) hatte sich für das Fach Horror erwärmt, in dem er meist das eine oder andere Scheusal gab. Kennern dürften ein paar Stichworte aus der Titelliste genügen: Dr. Mabuse, Drei Musketiere, James Bond, Jack the Ripper, Frankenstein … Wie wenig Gothard für Schizophrenie übrighatte und wie sehr er stattdessen in seinem beruflichen Wirken aufging, beweist sein Ende: Der alleinstehende Künstler wurde, nach einigen Quellen, zunehmend „depressiv“, unterzog sich mit geringem Erfolg entsprechender ärztlicher Behandlung und baumelte schließlich „unerwartet“ in seiner Londoner Wohnung an irgendeinem Balken oder Haken. Der 53jährige hatte sich erhängt.

Auch Gu Cheng (1956–93) erhängte sich, allerdings schon mit 37. In der VR China, wohl im Gegensatz zu seinem angepaßten Erzeuger Gu Gong, geschnitten oder verfolgt, ließ sich der avantgardistische Schriftsteller (vor allem Gedichte) nach einigen Fernreisen 1987 mit seiner Frau, der Lyrikerin Xie Ye, in Auckland, Neuseeland, nieder, wo er an der Hochschule Chinesisch unterrichtete. Nach Dylan Brethour** ist unklar, ob Gu seelisch krank war. Jedenfalls sei er exentrisch gewesen; bei Avantgardisten eigentlich normal. So haßte er Englisch, wahrscheinlich (aus Eiffersucht) auch seinen zu einer einheimischen Pflegemutter abgeschobenen Sohn S., liebte ein abgeschnittenes Hosenbein als Hut und wahrscheinlich auch Li Ying, eine Freundin Gus oder gar des Ehepaars. Auch beide Damen hatten wohl ihre Affären, die Gu aber ungern dulden wollte. Zuletzt soll Xie erwogen haben, sich ihr Söhnchen kurzerhand zu schnappen und Waiheke (eine Golfinsel nahe Auckland) oder gar die ganze neuseeländische Nordinsel zu verlassen. Dem kam Gu an einem Oktobertag zuvor, indem er Xie mit einer Axt erschlug. Anschließend erhängte er sich.

* Los Angeles Times, 20. Januar 1990
** Magazin Curator, 5. November 2015




94 - Rita Atria (1974–92), Sizilianerin aus Mafiakreisen. Als interne Auseinandersetzungen zunächst zum Tod ihres Vaters, dann ihres Bruders führten, entschloß sich die Jugendliche, wie schon ihre Schwägerin, bei den Behörden „auszupacken“, wobei sie sich auf ein Tagebuch mit gesammelten Informationen über Mafia-Machenschaften stützen konnte. Ihr Befrager (in Palermo) war Richter und Staatsanwalt Paolo Borsellino, ein prominenter „Mafia-Jäger“. Nun war sie freilich selber gefährdet. Das war Ende 1991, ein gutes halbes Jahr vor ihrem Tod mit 17 Jahren. Die Kripo nahm Rita ins „Zeugenschutzprogramm“ auf und brachte sie nach Rom, wo sie mit neuer Idendität eine eigene Wohnung erhielt. Das kam schon fast einer Verbannung nach Teheran oder wenigstens Istanbul gleich und war entsprechend hart für Rita. Zudem war sie von ihrer Mutter, die später auch prompt dem Grabstein ihrer verräterischen Tochter mit einem Hammer zuleiberückte, ausdrücklich verstoßen worden. Andererseits hatte Rita zu Borsellino, der ihre Nabelschnur zur Welt blieb, eine beträchtliche Zuneigung entwickelt. Der Richter, mit einer Kollegin verheiratet, hatte selber zwei Töchter sowie einen Sohn. Doch es war natürlich eine Untergrund-Beziehung. Und am 19. Juli 1992 war sie vorbei, weil der 52jährige Justizbeamte in Palermo per Autobombe, mit anderen Opfern, ins Jenseits befördert wurde. Das soll Rita so stark mitgenommen und eingeschüchtert haben, daß sie sich eine Woche darauf aus einem Fenster ihrer im 7. Stock gelegenen, mehr oder weniger geheimen Wohnung warf. Es gab entsprechende Abschiedsbriefe Ritas. So etwas läßt sich fälschen. Vielleicht sollte man der amtlichen Version (Selbstmord) etwas mehr mißtrauen als die deutsche Wikipedia; schließlich ist auch im Falle Borsellinos bis heute ungeklärt, ob hinter dessen Ermordung nur mafiose, nicht auch staatliche Kreise steckten. „Mafia-Jäger“ wie er und Giovanni Falcone (Ermordung vier Wochen zuvor) hatten sich ja durchaus nicht nur von der Mafia angefeindet gesehen.

In Kapitel 88 meiner Arbeit über Mordopfer habe ich ein paar Verdächtige angeführt, die zufällig allesamt aus Behördenfenstern sprangen oder fielen, darunter Giuseppe Pinelli, der Ende 1969 in Mailand nach einem angeblich „linksradikalen“ Bombenanschlag verhaftet worden war. Rund 30 Jahre nach dem Tod des 41jährigen Anarchisten bequemte sich die Justiz dazu, seine Verwicklung in diesen Anschlag auszuschließen. Das schloß freilich noch immer nicht die Aufklärung seines Fenstersturzes ein. In etlichen Fällen ist es durchaus denkbar, die Betroffenen sprangen tatsächlich aus eigenem Antrieb – weil sie nämlich in die Enge getrieben, gequält und mit weiteren Bestialitäten bedroht worden waren. Insofern wäre es auch im Falle Atrias einerlei – tot ist tot. Aber mit Opfern, die das Etikett „Selbstmord“ tragen, ist der Staat, die große Mordmaschine, stets fein raus. Ich erinnere nur an Barschel.



95 - Peter Pompetzki (1970–93). Als der 21jährige Betriebswirtschaftsstudent am 31. Juli 1991 in der im Keller gelegenen Schwimmhalle seines Goddelsheimer Elternhauses nachsieht, liegen zwei nackte Leichen am Beckenrand. Es sind seine Eltern Annemarie (54) und Walter (55). Angeblich hatte er seit Tagen vergeblich versucht, sie von seinem Studienort Marburg aus telefonisch zu erreichen. Der Vater war ein wohlhabender Architekt und Bauunternehmer, zudem leidenschaftlicher Jäger. Allerdings war er im Begriff gewesen, seine Baufirma aufzugeben. Beide Opfer wurden – wahrscheinlich mit der 635er-Handfeuerwaffe des Vaters – von hinten erschossen. Da in der Villa einige wertvolle Dinge fehlten, darunter Schmuck und Teppiche, sah die Sache zunächst nach Raubmord aus.

Goddelsheim liegt unweit der nordhessischen Kreisstadt Korbach. In dieser hatte Peter Pompetzki sein Abitur als Jahrgangsbester der angesehenen Alten Landesschule gemacht. Er galt als sehr intelligenter Musterschüler und in sich gekehrter, wenn auch ehrgeiziger Einzelgänger. Offenbar hielt er in der Freien Marktwirtschaft schon als Student mit hohen Einsätzen mit, hatte er doch, wie die Kripo feststellte, kurz vor der Tat beim Handel mit Optionsscheinen rund 26.000 DM verloren. Zudem gab der Kripo die unterkühlte Art zu denken, mit der Pompetzki das grausige Geschehen um seine Eltern aufnahm. So verwundert es nicht, wenn sie auf die Theorie verfiel, er habe den angeblichen Einbruchsdiebstahl lediglich vorgetäuscht, um von seiner eigenen Täterschaft abzulenken. Das Motiv vermutete sie in der winkenden Erbschaft, allgemeiner ausgedrückt in Habgier also, einem klassischen Mordmotiv.

Der in Untersuchungshaft sitzende Sohn beteuerte seine Unschuld. In Briefen an Bekannte verwies er auf das stets enge und gute Verhältnis zu seinen Eltern. Die in der Villa verschwundenen Wertsachen einschließlich der mutmaßlichen Tatwaffe tauchten nicht auf. Der Prozeß vorm Kasseler Landgericht (Vorsitz Wolfgang Löffler) fand im Herbst 1992 statt. Die Verteidigung nannte das angebliche Motiv dünn und pochte darauf, am Tatort hätten sich nicht die geringsten Spuren gefunden, die auf ihren Klienten gedeutet hätten. Dagegen sprach die Staatsanwaltschaft von den plump gelegten, offensichtlichen „Trugspuren“ im Haus und hielt dem Angeklagten widersprüchliche Aussagen vor. So habe er nach eigener Aussage nur für fünf Sekunden durch die Kellertür ins Schwimmbad geblickt, den Unfall jedoch der Polizei gegenüber mit den Worten gemeldet, seine Eltern lägen „erschossen“ im Keller. Das hätte er, bei den lediglich erbsengroßen Einschußstellen im Rücken des Vaters, in der geringen Zeit unmöglich von der Tür aus erkennen können. Auch sein Alibi fand die Staatsanwaltschaft wenig überzeugend, zumal eine Goddelsheimer Einwohnerin beschworen hatte, ihn am 29. Juli und damit einen Tag nach der Bluttat in Ortsnähe am Steuer seines Wagens gesehen zu haben – während er nach eigener Darstellung in Marburg gewesen sein wollte.

Am 17. Mai 1993, nach 38 Verhandlungstagen, wurde Peter Pompetzki ausschließlich aufgrund von Indizien schuldig gesprochen und zu Lebenslänglich verurteilt. Seine Verteidiger kündigten sofort Revision an. Aber das hatte sich zwei Tage später erübrigt, als man den inzwischen 23jährigen Untersuchungshäftling am Gitter seiner Zelle erhängt vorfand. Er hatte zu seinem Selbstmord eine Spiegelscherbe zum Aufschneiden der Unterarme und das Kabel seines Fernsehgerätes benutzt. In einem Abschiedsbrief beteuerte er erneut seine Unschuld.

Sein Testament hatte er bereits zwei Tage vor der Urteilsverkündung niedergelegt. Danach war das Sozialempfinden des Unternehmersohnes dominant auf bestimmte Vierbeiner gerichtet. Zwecks Versorgung seines Chow-Chows Askan vermachte er dem Korbacher Tierheim zunächst ein monatliches Unterhaltsgeld von 5.000 DM – über den Rest seines (elterlichen) Vermögens, etwa 4,8 Millionen DM brutto, könne das Tierheim nach Gutdünken verfügen. Askan starb 1996. Außerdem hatte Pompetzki sein Testament benutzt, um Schwarzgeldkonten seines Vaters zu verraten, die in der Schweiz und in Österreich lagen. Zu allem Überfluß wurde in der Villa drei Monate nach dem Tod der Eltern in einem blinden Lüftungsschacht auch noch ein Tresor gefunden, der Wertpapiere und Bargeld im Wert von 800.000 DM enthielt.

Ein im Auftrag des HR gedrehter Dokumentarfilm des Kasseler Regisseurs Klaus Stern von 2000 legt den Verdacht nahe, die Polizei habe dilettantisch gearbeit und das Gericht habe sich ein Fehlurteil erlaubt. Doch gehe es Stern keineswegs um eine „lärmende Justizschelte“, so der Spiegel am 19. Februar 2001, „sondern um den präzisen Blick in die Abgründe eines äußerlich harmonisch erscheinenden Familienlebens“. Der Waldeckischen Landeszeitung zufolge hatte Pompetzkis Mutter Annemarie unter einer Abtreibung und häufigen Depressionen gelitten. Eben deshalb habe sich Walter Pompetzki zur Aufgabe seines Baugeschäftes entschlossen, um seine Zeit „ganz und gar“ seiner Frau widmen zu können. Das glaube, wer Baulöwen liebt. Den Sohn hatte der Unternehmer womöglich noch nie auf der Rechnung. Wie Richter Löffler in seiner Urteilsbegründung behauptet hatte, war es schon in der Schulzeit Peter Pompetzkis „ganzes Bestreben, möglichst schnell zu möglichst viel Geld zu kommen“. Andere Lebensfreuden habe er nicht gekannt. Ein Freund der Familie hatte vor Gericht ausgesagt, in den Auseinandersetzungen um die Zukunft der Baufirma habe Pompetzki seinen Eltern schon einmal versichert, wenn sie das Geschäft aufgäben, brächte er sie um. Ob diesem in diesem Detail einzigem Zeugen zu trauen ist, weiß natürlich keiner.

In einem deutlich jüngeren Artikel* kommt die erwähnte Waldeckische Landeszeitung anläßlich der Pensionierung der Leiterin des Korbacher Tierheims auf den Fall Pompetzki zurück. Im Nachhinein bewerte Hella Klempert-Wilke die Erbschaft „als Fluch und Segen zugleich“. Zwar sei es dadurch möglich gewesen, „das Heim auf hohem Standard zu erweitern“, doch gleichzeitig sei auch die Spendenbereitschaft der Bevölkerung zurückgegangen. „Dabei hatten wir durch das vergrößerte Heim auch mehr laufende Kosten“, stellte die Tierschützerin klar. Moralische Fragen werden in dem Artikel nicht gestreift. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir TierschützerInnen damals den Korbacher Conti-Gummiwerken ihr am Hauptbahnhof gelegenes, säulenbewehrtes, traditionsreiches und geräumiges Verwaltungsgebäude abgekauft, um es in ein ganz neues, fürstliches Tierhotel zu verwandeln, während das schäbige kleine alte Tierheim im Korbacher Industriegebiet sicherlich noch für eine Flüchtlingsherberge gut gewesen wäre.

* 28. Januar 2010



96 - Werner Schwab (1958–94). Der rebellische Schweizer schickte sich um 1990 an, weniger in Friedrich Schillers/Wilhelm Tells, mehr in die Fußstapfen des französischen Frühdadaisten Alfred Jarry zu treten, ohne es freilich seinen „Entdeckern“ von Theater heute auf die Nase zu binden. Aus zerrütteten proletarischen Verhältnissen kommend, hatte sich Schwab zunächst auf der Grazer Kunstgewerbeschule unbeliebt gemacht, weckte dann aber mit provokanten Texten das Interesse von einflußreichen Literaten und Theaterregisseuren, die seine neue, sogenannte „schwabische“ Dada-Sprache als künstlerische Eigenart feierten. Sein jäher Erfolg, der ihn unter die meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker jener Jahre katapultierte, konnte den Kleinbürgerschreck und Alkoholfreund Schwab aber offensichtlich nicht befrieden. Als man Schwab am 1. Januar 1994 als Leiche mit 4,1-Promille-Gehalt in seiner Grazer Wohnung fand, war er knapp 36. Ein Bahrenträger soll einen Dramentitel des Verstorbenen gemurmelt haben: Der Himmel mein Lieb meine sterbende Beute … Die Annahme, Schwab habe sich mehr oder weniger zielstrebig totgesoffen, ist im Gegensatz zum Fall Roy Black Mehrheitsmeinung unter den Quellen.

Der französische „Philosoph“ Guy Debord (1931–94) hielt es mit dem Saufen wohl kaum anders als Schwab (siehe Altweggs FAZ-Artikel über eine Debord-Ausstellung), krönte es jedoch am Ende des selben Jahres als 62jähriger mit Hilfe einer Schußwaffe, wie ich hier in Kapitel 150 erzählt habe.

Die autobiografisch geprägten, angriffslustigen Texte der Asiatin Qiu Miaojin (1969–95) kreisen um die Liebe, speziell der lesbischen Art. In formaler Hinsicht ist auch sie der Avantgarde verpflichtet, der Unruhe. Für ihre Notizen eines Krokodils erhielt sie 1995 den Preis der in Taipei erscheinenden China Times. Der Name Lazi, so heißt die Heldin und Antipodin des Krokodils, setzte sich in chinesischen lesbischen Kreisen rasch als Synonym für Lesbe durch. 1994 vertauschte Qui Miaojin ihre Heimat Taiwan mit Paris, wo sie ihr Studium der Psychologie fortsetzte. Den Krakenarmen der Liebe entkam sie nicht. Qui Miaojins Briefe und Aufzeichnungen aus Montmartre beklagen vornehmlich den „Verrat“ durch ihre Geliebte – offenbar der wesentliche Grund ihres Selbstmordes. Angeblich erstach sich die 26jährige im Juni 1995 mit einem Küchenmesser. Posthum erschienen Tagebücher.

Der Isländer Einar Heimisson (1966–98) machte sich trotz seiner Jugend um den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und seinem Heimatland verdient. Er hatte zunächst Geschichte in Freiburg, dann Film in München studiert. Er arbeitete als Journalist, Übersetzer (Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Inge Aicher-Scholl, Günther Grass) und Autor. Neben zwei Romanen veröffentlichte er viele Beiträge für Fernseh- und Rundfunksender und seinen eigenen Spielfilm Maria, der 1997 sowohl in isländischen wie deutschen Kinos lief. Es geht um eine junge Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg auswandert, um ihr Glück auf Island zu suchen. Einar Heimisson fand das seine möglicherweise nirgends, denn trotz seiner beachtlichen beruflichen Erfolge hier wie dort beging der 31jährige 1998 in München Selbstmord. Die Gründe sind nicht zu erfahren.

Hier die nächste Manga Zeichnerin: Nekojiru (1967–98). Wie es aussieht, liebte die Japanerin Katzen, und ziemlich sicher auch Drogen. Wo sie sich mit 31 erhängte, habe ich nicht herausgefunden, es soll jedoch vermittels eines Handtuchs an einem Türknauf gewesen sein. Damit hatte sie sich, wie ein paar andere LandesbewohnerInnen, möglicherweise als Kopistin verraten, nämlich des Rockstars „Hide“, streckenweise Leadgitarrist der Gruppe X Japan, der eine Woche früher (wahrscheinlich) auf die gleiche Art aus dem Leben geschieden war, wobei als Sterbeort Tokio feststeht. Eine Erklärung hatte die Mangaka offenbar nicht hinterlassen. Autor Yoshiaki Yoshinaga, der mit ihr befreundet war, führt in einem langen Artikel von 2005 zum einen zwar ebenfalls den bekannten Berufs-„Streß“ an, verweist zum anderen aber auf den „depressiven“ Zug der Künstlerin, der einem auch aus ihren Arbeiten entgegenschlage, in denen sie den Tod offensichtlich über das Leben stelle. Ergänzend liefert er entsprechende Anekdoten aus seinen Begegnungen mit Nekojiru, die übrigens mit einem Berufskollegen verheiratet war. Gegen diesen scheint kein Mordverdacht zu bestehen. Immerhin gingen die fertigen Katzenbücher nach dem Tod seiner Gattin weg wie Katzenfutterdosen, und die unfertigen beeilte er sich natürlich zu vollenden.

Am Rätselhaftesten erscheint mir immer noch die Sache mit dem Türknauf. Ich sprach bereits weiter oben von der verantwortungsbewußten Mühe, die sich der englische Henker John Ellis beispielsweise mit der korrekten Berechnung der Stricklänge=Fallhöhe gab. Nun mag Nekojiru, im Verein mit nicht wenigen anderen Asiatinnen, „dünn und klein“ gewesen sein, wie der erwähnte Autor versichert, aber wie viele von denen unter einen Türknauf gehen, bleibt immer noch die große Frage. Vielleicht führt man diese Selbstmordart aus, während man auf dem Fußboden sitzt – dabei entweder an Zimmertür oder Schrank lehnend oder sich, gerade umgekehrt, mit den Füßen gegen diese stemmend. Mitstreiter von Rockstar „Hide“ behaupteten denn auch, es müsse ein Unfall gewesen sein, weil sie in der Band seit Längerem Entspannungsübungen für die Rücken- und Nackenmuskulatur gepflogen hätten, bei denen just ein Handtuch um einen Türknauf gelegt werde. Betrunken, wie „Hide“ wohl in seiner Todesnacht war, habe er sich dabei versehentlich stranguliert. Die Kripo von Tokio war anderer Meinung.

Stoße ich auf solche Risiken, frage ich mich allmählich doch, warum das Erhängen so beliebt ist. Vielleicht kommt es vielen Kandidaten vor allem bequem und billig vor. 2014 zum Beispiel hatte die Geliebte des damals 70 Jahre alten, unverglühlichen Rockstars Mick Jagger nichts weiter zu tun, als ihren Schal vom Garderobenständer zu zupfen. Immerhin, sie tat es; hätte sie sich nämlich an ihrem Garderobenständer erhängt, wäre dieser wahrscheinlich umgefallen. Ich will hoffen, sie brachte den Schal an der alternativen Stelle nicht zu hoch an. Tatsächlich liest man auch in diesem Fall in einigen Quellen von einem Türknauf oder einer Türklinke! Während bei der zu geringen Fallhöhe nämlich die Gefahr des qualvollen Erstickens besteht, was Ellis selbstverständlich wußte, droht der Kandidat, statt sich nur das Genick zu brechen, durch eine zu große Fallhöhe gleich seinen ganzen Kopf einzubüßen. In dem einen oder anderen Fall wäre das vielleicht kein Schaden. Doch im Ernst und mit ungezierten Worten gesprochen: der Kopf reißt ab, was die jeweiligen Lebensgefährten oder die Beamten von FBI/Scotland Yard, mehr noch die unverzichtbaren BestatterInnen, als unhöflich empfinden könnten.



97 - Marshall Herff Applewhite (1931–97). Hätte es der Selbstmord-Lexikograf ausschließlich mit Fällen der Marke Applewhite zu tun, bliebe ihm eine Menge Arbeit erspart. Applewhite war der Guru des vergleichsweise kleinen mönchischen US-Ordens Heaven’s Gate. Bei Erscheinen des Kometen Hale-Bopp und eines ihn begleitenden Raumschiffes Außerirdischer sah der Orden die Chance, endlich die verdammte, ohnehin zum Untergang bestimmte Erde zu verlassen: durch Massen-Selbstmord. So fand die Polizei Ende März 1997 nicht weniger als 39 Kurzgeschorene beiderlei Geschlechts in einer Villa, die unweit von San Diego, Kalifornien, im Luxusvorort Rancho Santa Fe lag und schlappe 7.000 Dollar Monatsmiete verschlang, tot in ihren teils doppelstöckigen Betten vor, darunter den 65jährigen Chef. Als Aushängeschild hatte den heilswütigen Androgynen die durchaus professionelle Software-Firma „Higher Source“ gedient. Da sie im Wesentlichen nur auf die Erlösung ihrer „Seele“ erpicht waren, lebten sie sinnenfeindlich und spartanisch, verschmähten aber die Anschaffung kostspieliger High-Tech-Geräte keineswegs. Ihr Chef Applewhite, reichlich verklemmter Sohn eines presbyterianischen Priesters, fühlte sich offenbar, von seinem Wahnsinn einmal abgesehen, krank und alt werden und wünschte eine Schmälerung seines Ruhmes durch NachfolgerInnen zu verhindern. Er starb unter den vier letzten Sektenmitgliedern. Die „Schläfer“ hatten sich Barbiturate in Wodka eingepfiffen und zusätzlich Plastiktüten über ihre wertvollen Hohlschädel gestülpt. Ein Sektenmitglied durfte überleben, um Agitprop machen zu können. Gegen seinen Berufskollegen Jim Jones war Guru Applewhite allerdings ein Waisenknabe. Dem waren 1978 in Jonestown, Guyana (bei Venezuela), mehr als 900 JüngerInnen ins Nirwana gefolgt.



98 - Frieder Nögge (1955–2001) wuchs in Göppingen auf. Nach Waldorf- und Schauspielschule war er als mystisch eingefärbter Clown und Chansonsänger auf zahlreichen, teils eigenen Bühnen zu sehen. Er unterrichtete auch. Bei Kursen mit dem Personal eines Herdecker Krankenhauses soll er sich sogar zum Thema „Burn-out-Syndrom“ geäußert haben. 1995 ließ er sich, ohne Frau und drei Kinder, dafür mit einer jungen Geliebten, in der Heimat nieder, diesmal in Backnang. Dort, bei Stuttgart, starb er sechs Jahre später denn auch. Die Liebschaft mit Nina Haun, die heute im Filmgeschäft tätig ist, endete 1999. Nögges ältester Sohn Sebastian, auch wieder Komiker, winkt ab: die Frage, warum sich sein 46jähriger Vater 2001 in einer Oktobernacht (angeblich überraschend) erhängt habe, sei „reine Zeitverschwendung“. Offenbar meint er damit, weil es sowieso nicht zu ergründen sei.* Dem Spiegel zufolge (44/2001) sah Nögge seine beruflichen Wurzeln in früher Kindheit beginnen: Als Vierjähriger habe er seine Eltern einmal bei einem Versuch überrascht, sich die Pulsadern zu öffnen, da sei er erschrocken aus dem Zimmer gerannt und habe sich eine Clownsmaske angemalt. Die Mutter soll Eurythmistin (Rudolf-Steiner-Tänzerin) gewesen sein. Fortan lag Nögge die Selbsterkenntnis – seines Publikums am Herzen. Als seine Glanznummer wird meist genannt: Die vier Temperamente. Wolfgang Held führt einen Brief Nögges an**, wonach sich der Künstler und Lehrer selber in jüngster Zeit, wegen ständiger Überforderung, Druck, Angst, Schulden und Auftrittszwang, „müde“ und „depressiv“, also ausgebrannt fühlte. Nina Haun trocken: „Er wollte es so.“ Nögge sei willentlich ständig über seine Grenzen gegangen. Jener Brief (an einen Freund) stammte vom 6. Oktober – am 16. war Nögge tot.

Held führt zudem Nögges Gedicht Heimweh an. Danach war der schwäbische Clown keineswegs Lichtjahre von gewissen kalifornischen Kometenfreunden entfernt: „Ich habe Heimweh nach einem Feuer / Das aus den Sternen kommt und mich verbrennt / Ich find' bei Frauen nicht und nicht bei Freunden / Die Glut der Flamme, die die Welt nicht kennt ...“

Im Gegensatz zu Nögge war der mecklenburgische Liedermacher Daniel Eggers (1975–2001) stark politisch interessiert, und zwar auf der rechtsradikalen Seite. So trat er etwa öfter bei NPD-Veranstaltungen auf. Warum auch er sich erhängte, und zwar Anfang August 2001 im Kiebitzmoor bei Grevesmühlen, gilt als ungeklärt. Die Quellenlage ist schlecht. Der Lokalpresse zufolge fand die Polizei keinen Abschiedsbrief, dafür „indizierte“ CDs in Eggers Wagen. Spekulationen, der 26jährige braune Barde habe einen Ausstieg aus seinem Dunstkreis geplant, blieben Spekulationen.

Die rumänisch-schweizer Künstlerin Aglaja Veteranyi (1962–2002) stammte aus einer Zirkusartistenfamilie, Mutter Akrobatin, Vater Clown. 1967 aus dem „kommunistischen“ Rumänien geflohen, lebte Veteranyi seit 1977 mit ihrer Mutter in der Schweiz. Hier gelang es der faktischen Analphabetin, sich Deutsch beizubringen und eine Züricher Schauspielschule zu besuchen. Ab 1982 war sie sowohl als Schauspielerin wie als Schriftstellerin tätig. Sie unterrichte auch Schauspiel. Doch als ihre wesentliche Überlebens-Waffe erwies sich das Schreiben. Zumal ihre autobiografisch geprägten Texte, in denen ihre schwere Kindheit und ihre Sprachheimatlosigkeit zum Ausdruck kamen, wurden gelobt und mit einigen Auszeichnungen bedacht. 1999 erregte sie bei einem Wettbewerb Aufsehen mit Auszügen aus ihrem „Roman“ Warum das Kind in der Polenta kocht, der noch im selben Jahr bei einem Stuttgarter Verlag herauskam. 2001 geriet sie in eine „psychische Krise“, vielleicht auch „Psychose“, der sie offensichtlich nicht gewachsen war.

Während einige Quellen in unverschämter Allgemeinheit davon sprechen, Veteranyi habe „ihre Ängste“ nicht mehr ausgehalten (hinter welchem Selbstmord stünden keine Ängste?), wird lediglich WDR-Redakteur Ludwig Metzger in einem Filmportrait von 2003 konkreter. Danach*** erlebt das kleine Mädchen die Bukarester Zirkuswelt („Staatszirkus“!) keineswegs als romantisch, vielmehr rauh und hartherzig. Vom Betriebsklima einmal abgesehen, ist der Vater „ein finsterer Clown“, und die Mutter wird an ihren Haaren in die Zirkuskuppel gezogen, wo sie dann, aufgehängt, im Scheinwerferkegel kreist und dabei auch noch jongliert und so weiter. Das ist alles für viel Angst gut. Nach der Flucht und der Scheidung der Eltern wird es nicht unbedingt besser. Veteranyi bleibt bei der Mutter. In Spanien muß die Halbwüchsige als langhaarige, mehr oder weniger entblößte Varieté-Tänzerin auftreten. Ihr letzter Lebensgefährte N., der zunächst, in Zürich, nur ihr Schüler war, spricht im Hinblick auf die ganze Kindheit und Jugend seiner Geliebten nicht unzutreffend von „Mißbrauch“. Aber ihr Schicksal beeindrucke auch durch einen „exotischen“ Zug, räumt er ein. Endlich in der Schweiz an die Schauspielschule gelangt, kommen Veteranyis verdammten Haare endlich ab. Seitdem ist die junge, gut gebaute Künstlerin im schelmischen (dunklen) Bubilook zu sehen. Einmal hat sie, nach 20 Jahren, auch ein Wiedersehen mit ihrem Vater, der beim Münchener Zirkus Roncalli auftritt. Sie sprechen sich aus und versöhnen sich nahezu. Bald darauf stirbt der finstere Clown. Zu spät.

Veteranyis „Psychose“ setzt 2001 nach einer Sommerreise ins heimatliche Rumänien ein. Ohnehin heißer Boden, recherchiert sie dort auch noch über Friedhöfe, Totenkult und Klageweiber. N. meint, eine gewisse „Todessehnsucht“ seiner Gefährtin sei wohl unverkennbar gewesen. Jetzt „zerfällt ihr Gesicht“, statt des Herzens sitzt ihr „ein Loch“ in der Brust, sie hat Angst zu ersticken, ihre Augen werden „trocken“. Wegen ihren Panikattacken und sonstigen Qualen sucht sie zahlreiche Ärzte auf, von der Schulmedizin bis zum Wunderheiler. Mehrere sagen, ihre Beschwerden seien „psychosomatischer“ Natur, sie liege mit sich selber in Unfrieden. Derweil scheint der Wahn zuzuschlagen. So hat sie unter anderem befürchtet blind zu werden, nimmt Salbe – und zuletzt läßt ihr Augenlicht in der Tat nach. KünstlerInnen verfügen meist über eine gute Einbildungskraft. Bei alledem schwindet auch Veteranyis Hoffnung; sie unternimmt erste Selbstmordversuche. Eine in Metzgers Dokumentation abgespielte Tonbandkasette, auf dem sie von ihren Nöten spricht, ist erschütternd. In einer Februarnacht des folgenden Jahres stiehlt sich die 39jährige von der Seite ihres schlafenden Gefährten, klemmt einen Besen in die geöffnete Haustür und geht an einen nahen Steg am Zürichsee, auf dem die beiden schon oft saßen. Dort wird sie vormittags entdeckt, ertrunken im seichten Wasser liegend.

Da die frühere Zirkusartistin durchaus schwimmen konnte, ist anzunehmen, sie trug Sorge dafür, rasch unterzugehen. So liest man beispielsweise von Entschlossenen, sich einen mit Steinen gefüllten Rucksack überzuziehen. Ob Drogen helfen, weiß ich nicht. In Veteranyis Fall hat vielleicht auch die Wassertemperatur „geholfen“. Sie beträgt im Zürichsee im Schnitt für den Monat Februar fünf Grad. Nun stelle man sich einmal die finstere Kälte vor, der sich diese verzweifelte Frau in jener Winternacht „anzuvertrauen“ hatte!

Am Film wirkt auch Veteranyis Schwester mit, eine Zirkusartistin, die vermutlich den selben Vater hatte, eben jenen, für Veteranyi „finsteren Clown“. Die Schwester brachte sich nicht um. Ich vermute stark, der Vater spielte die verhängnisvollste Rolle auf Veteranyis Weg in die „Psychose“. Von ihrem späteren, schweizer Werdegang her hatte sie eigentlich keinen „klassischen“ Anlaß, sich zu ängstigen, mit ihrem Schicksal zu hadern, vor dem Leben zu flüchten. Es war ihr ja gewogen. Sie kam als Künstlerin gut an, hatte einen verständnisvollen Partner und Liebhaber, offenbar auch keine Geldsorgen. Zweifelte sie dennoch „an der Realität“, wie schon als Zirkuskind, dann eben wegen ihrer biografischen und genetischen Wurzeln – die sie offensichtlich anders als ihre Schwester erfährt und mitsichführt.

Durch eine merkwürdige Besessenheit des „finsteren Clowns“, auf seinen Urlaubsreisen mit Kind und Kegel kilometerweise (teure) „Super-8“-Schmalfilme zu drehen, wird er nicht gerade lichter. Er dreht überwiegend Horrorfilme, wo er zischende Schlangen zertreten und seine Töchter aus den Klauen dunkelhäutiger, sie entführenden „Buschmänner“ retten muß. Möglicherweise hatte Veteranyi auch jene „Todessehnsucht“, von der N. spricht, von ihrem Erzeuger – aus Angst vor ihm. Aber wer weiß das schon. Theoretisch käme ja auch N. selber als „Unhold“ in Frage, obwohl er im Film sowohl tapfer wie souverän auftritt. KritikerInnen könnten Metzgers Film vorwerfen, zu einseitig vorzugehen, weil er keine (vergleichweise) unbefangenen Zeugen zu Wort kommen läßt und damit zum Beispiel auch nicht beleuchtet, wie glücklich oder unglücklich Veteranyi in ihrer letzten großen Liebschaft war. Sollte N. aber kein Unhold gewesen sein, hatte er viel auszuhalten, und das vermutlich schon vor jenem Besuch rumänischer Friedhöfe. Ich habe den Verdacht, mit Veteranyi hätten wir im Grunde „nur“ den klassischen unbefriedeten, jederzeit von Zerfall bedrohten Künstlertypus vor uns, der alle Mühe hat, sich für ein paar Jahre oder Jahrzehnte zusammenzuhalten. Das schlösse dann viel Widersprüchlichkeit und viel Schwanken ein. Es deutet sich auch auf der erwähnten Tonbandkasette an. Bleibt solch ein Mensch ungeliebt (erfolglos), leidet er; wird er aber geliebt und gefeiert, leidet er ebenfalls: an seinen Schuldgefühlen seiner Bevorzugung wegen. Prompt grämt er sich auch dann, wenn einer seine Bedrängnis zu teilen und zu lindern versucht: weil er diesem zur Last fällt. Und es stimmt ja leider auch. Die Anstrengung, die man mit solchen Menschen hat, ist so wenig eingebildet, wie es die „Schmerzen“ sind, von denen Veteranyi auf dem Tonband spricht. Furchtbar. Aber vielleicht hat sie ja Frieden gefunden.

* Stuttgarter Zeitung 18. Oktober 2011
** Forschungsstelle Kulturimpuls o. J.
*** Hier Himmel – Aglaja Veteranyi, rund 70 Minuten, erstmals im Oktober 2003 auf 3sat zu sehen.




99 - Robert Steinhäuser (1983–2002), thüringer Schüler & Amokläufer. Das altehrwürdige Erfurter Gutenberg-Gymnasium, Tatort dieses Falls, wird nach zeitweiliger Schließung und einer Renovierung seit 2005 wieder als Höhere Lehranstalt genutzt. Kommt den SchülerInnen gelegentlich zu Ohren, die Streitkräfte und PolitikerInnen etlicher großer zivilisierter Nationen sorgten durch nie erklärte Kriege, einträgliche Geschäfte mit Waffen, Sojabohnen, Aufputschpillen und sogenannte wirtschaftliche Sanktionen nahezu ununterbrochen für jährlich Millionen von unschuldigen Todesopfern weltweit, können sie sich mit dem Gedanken beruhigen: das ist Politik, das ist legal, das ist normal. Bringt dagegen der 19jährige, kurz vor seinem Amoklauf gefeuerte Robert Steinhäuser an „ihrem“ Gymnasium in rund 20 Minuten 16 Personen um und anschließende auch sich selbst, sind sie zeitlebens „traumatisiert“ und ähnlich behandlungsreif wie Steinhäuser. Dafür wälzt sich das restliche Deutschland durchaus quicklebendig jäh in Entsetzen, „Trauer“ und Empörung.

Der schlechte, unzugängliche, etwas schwerfällige und linkische Gymnasiast, zärtlicher Umsorger seiner Katze Susi*, ansonsten knallharter süchtiger Computerspieler, hatte sich parallel zu Schulschwänzen und Schulverweis in einem Erfurter Schützenverein ausbilden lassen. Auch Schützenvereine sind normal; Scheiben- und Totschießen muß sein. Soweit ich sehe, rächte sich Steinhäuser dann am Vormittag des 26. April 2002 für seine ganze unglückliche Existenz, eingeschlossen etliche an ihm begangene Versäumnisse. Für dies alles konnte er selbstverständlich nichts. Fehlt nur noch, jemand würfe ein, an den US-Mörderdrohnen, die Merkel und Steinmeier von Deutschland aus zu steuern gestatten, hätte auch keiner schuld. Im Übrigen wird die Gefahr der Traumatisierung ganzer Schülerschaften oder Nationen in naher Zukunft gebannt sein, weil man heutzutage, wie ich gerade von Götz Eisenberg höre, schon die aufmüpfigen Säuglinge mit Hilfe geeigneter Pharmazieprodukte „ruhigzustellen“ und auf ein glückliches leistungsorientiertes Leben vorzubereiten pflegt.

* Spiegel 19/2002



100 - Gary Webb (1955–2004), kritischer US-Journalist. Nach einigen Auszeichnungen erregte Webb 1996 mit der Artikelserie Dark Alliance kontinentweit Aufsehen. Sie kreiste um den durch die CIA gedeckten oder geförderten Kokain-Schmuggel in die USA, durch den die „Contra-Rebellen“ in Nicaragua ihren Krieg gegen die Sandinisten finanzierten. Die Sache war nicht ganz neu, kam aber jetzt an die große Glocke. Der geschmuggelte Stoff wanderte vor allem in die Blutbahnen schwarzer Nordamerikaner und ließ den vollmundigen „Kampf“ Präsident Reagans und seiner Gattin gegen Drogen eher wie einen Krampf aussehen. Im Gegenzug wurde Webb von den etablierten Medienhäusern gesperrt, dazu noch verhöhnt oder verleumdet. Nachdem er 1998 ein Buch über jenes Thema veröffentlicht hatte, kündigte er, laut deutscher Wikipedia, für 2005 weitere Enthüllungen in einem Film und einem nächsten Buch an. Dazu kam es aber nicht mehr. Ende 2004 wurde der 49jährige „Muckraker“ in seinem Haus in Sacramento, Kalifornien, tot aufgefunden – erstaunlicherweise mit zwei Schußwunden im Kopf. Auch das sei nicht unbedingt völlig neu, meinte Coroner Robert Lyons, und erkannte auf „Selbstmord“. Webbs Ex-Frau und Erbin Sue Bell (drei Kinder) unterstützte Lyons Urteil. Ihr Ex-Gatte habe sich über seine Erwerbslosigkeit gegrämt, bereits sein Haus verkaufen müssen und Verwandten Abschiedsworte geschrieben. Ein solches (handschriftliches, bekennendes) Abschiedswort will Lyons sogar am Tatort gefunden haben.* Webbs deutscher Berufskollege Ulrich Teusch glaubt Lyons ebenfalls**, macht aber in einer recht ausführlichen Darstellung immerhin zweierlei klar: Webbs Enthüllungen wurden inzwischen selbst von Eingeweihten bestätigt / Sollte er sich auf jene kunstvolle, zweischüssige Weise umgebracht haben, dann deshalb, weil er zielstrebig in den wirtschaftlichen und seelischen Ruin getrieben worden war.

* The Sacramento Bee, 15. Dezember 2004
** Private Webseite, 7. Mai 2016




101 - Jessie Gilbert (1987–2006), britische Schachspielerin. Der buchstäbliche Fall der 19jährigen (aus einem ostböhmischen Hotelfenster während eines Turniers) ist ungeklärt. Ich selber tendiere in Kapitel 176 meines Mordopfer-Reigens zu Selbstmord.



102 - Anna Halman (1992–2006), polnische Schülerin. Das seit Urgedenken beliebte Schneiden, Tyrannisieren, Demütigen von Außenseitern, neuerdings mobbing genannt, hat durch Video, Internet und Handy ohne Zweifel belebende neue Folterwerkzeuge und Foren gefunden. Allgemein gesprochen handelt es sich dabei sowohl um Erweiterung wie Beschleunigung der Bloßstellungsmöglichkeiten. Der 14jährigen Anna, auch Ania gerufen, Schülerin eines Danziger Gymnasiums, wurde am 20. Oktober 2006 die Ankündigung der Lehrerin zum Verhängnis, sie habe für 20 Minuten auf dem Sekreteriat zu tun, die Klasse möge sich beschäftigen. Kaum war die Lehrerin verschwunden, wurde das als „schüchtern“ bekannte Mädchen von fünf aus Anias Dorf stammenden Mitschülern ergriffen, ausgezogen und betastet, wobei die Angreifer eine Vergewaltigung vortäuschten. Einer von ihnen nahm den ganzen Spaß per Handy auf, um ihn ins Internet stellen zu können. Anias Flehen um Gnade oder Hilfe fand auch beim gesamten Rest der Klasse kein Gehör: er amüsierte sich. Der zurückkehrenden Lehrerin wagte sich Ania nicht anzuvertrauen. Selbst ihrer Mutter gab sie, nach Hause gekommen, ausweichende Antworten. Am nächsten Tag erschien Ania nicht in der Schule – sie hatte sich inzwischen in ihrem Elternhaus mit einem Springseil* erhängt. Einige Psychologen meinten in der folgenden erregten landesweiten Debatte, nach Lage der Dinge sei dem Mädchen auch kaum etwas anderes übrig geblieben. Die Täter kamen mit glimpflichen drei Monaten Jugendhaft davon.

Im Falle des gleichaltrigen US-Teenagers Jamey Rodemeyer (1997–2011) stellte das Internet bereits das wesentliche Forum dar. Er hatte sich in formspring und YouTube offen zu seinen homosexuellen Neigungen bekannt, zudem gegen Mobbing ausgesprochen und selber um Beistand gebeten. Der frischgebackene Highschüler war schon seit Monaten von Mitschülern als dumm, dicklich, schwul und so weiter gehänselt worden. Nun wurde ihm erst recht von mehreren Seiten zugepostet, er sei lästig und überflüssig. Einer schrieb: „I wouldn’t care if you died. No one would. So just do it. It would make everyone way more happier!” Und in der Tat, auch Rodemeyer erhängte sich: am 18. September 2011 in seinem Heimatort Buffalo, einer Vorstadt von Amherst, New York. Der Washington Post zufolge war er damit einer von rund 4.500 US-Bürgern zwischen 10 und 24 Jahren, die sich in einem Jahr (2008) umbringen.

Die gebürtige Inderin Jacintha Saldanha (1966–2012) war zuletzt als Krankenschwester in einer Londoner Privatklinik beschäftigt. Weil dort Ende 2012 eine sogenannte Prominente behandelt wurde, die „Duchess of Cambridge“, verfielen Moderatoren einer australischen Radiosendung auf den „Scherz“, sich am Telefon der Klinik als britisches Königspaar nach dem Befinden der 30jährigen, gegenwärtig schwangeren und deshalb höchst wichtigen „Herzogin“ zu erkundigen. Saldanha (46), gerade im Empfangsdienst, fiel auf den Anruf herein und stellte die Scherzbolde zu einer Kollegin durch. Das Ganze kam brühwarm in den Äther. Während der Streich in anderen Medien breitgetreten wurde, schämte sich die verheiratete Mutter zweier Kinder in Grund und Boden. Nach drei Tagen erhängte sie sich in ihrer Wohnung mit Hilfe eines Schals. Sie hinterließ entsprechende Abschiedsworte. Immerhin wurde 2Day FM, der Radiosender, nach diesem Todesfall mit Vorwürfen bombardiert. Er beeilte sich, die beiden Moderatoren zu „suspendieren“, während diese zunächst nichts Dringenderes zu tun hatten, als ihren Twitter-Account zu löschen.**

Knapp drei Jahre später betonte*** Saldanhas inzwischen 19jähriger Sohn Junal, ein angehender Architekturstudent, seine Mutter habe nie „aus der Klinik geplaudert“. Er rühmte sie auch in anderen Belangen. Doch er hege keine Rachegedanken: „Anger is a wasted emotion.“ Das sind solche Sätze, bei denen man spontan zu nicken pflegt. Wahrscheinlich nickte die amtierende Regierung des Britischen Imperiums ebenfalls.

* Agnieszka Domańska im Magazin The Warsaw Voice am 20. Dezember 2006
** International Business Times, 7. Dezember 2012
*** im Portal SomersetLive, 17. August 2015. „Wasted“=verschwendet. „Anger“ kann Zorn, Wut, Ärger, Groll heißen.




103 - Ruslana Korshunova (1987–2008). Die „russische Rapunzel“ – haselnußbraunes Haar bis zu den Kniekehlen, grüne Augen, gertenschlank, wenn auch leider „nur“ 1,74 groß – war im November 2005 mit 17 Jahren von modeling scout Tatyana „entdeckt“ worden, weil Fotos von Ruslana einen Magazinbericht über ihre kasachische Heimatstadt Almaty illustrierten. Möglicherweise bildete sich dadurch bei Ruslana der Eindruck, die Welt habe fiebernd auf sie gewartet. Jedenfalls schaffte es das Mädchen aus dem entlegenen „Zentralasien“ nach einiger erbarmungsloser „Fotostreckenarbeit“ auf die Titelseiten von Vogue und Elle. Ruslanas Tagessatz betrug zuletzt 7.500 Dollar. Ihr Manager: „Ruslana war super im Geschäft. Sie stand kurz davor, eine Million im Jahr zu machen. Bringt man sich da um?“ Das sagte er im Sommer 2008, keine vier Jahre nach Ruslanas Entdeckung.

Ruslanas Gedanken kreisten nicht nur um Dollars, sondern wie die so vieler anderer junger Menschen, die vielleicht nur Postbotin oder Aufsteller von Feuerlöschern geworden waren, auch um die Liebe. Leider war ihr Vater schon in ihrer Kindheit gestorben. Bei ihren Moskauer „Selbsterfahrungs“-Kursen soll sie davon erzählt haben. Die begabte Schülerin erlernt etliche Fremdsprachen, darunter Deutsch. Sie ist trotz ihrer Illustriertenschönheit eher in sich gekehrt, neigt zur Ängstlichkeit, auch um den Lebensunterhalt. Deshalb arbeitet sie hart, kämpft sich ins Model-Viertel von Manhatten vor. Konkurrenz und Ausbeutung in dieser Branche sind atemberaubend – entsprechend sieht die Selbstmordrate aus. Die Agenturen behalten von den Honoraren ihrer Models bis zu 70 Prozent ein. In New York City lernt Ruslana zunächst den Russen Artem lieben, der als selbstständiger Handwerker Feuerlöscher installiert. Aber im Herbst 2007 trennt sie sich von ihm, weil sie sich zu wenig geliebt fühlt. Dafür verliebt sie sich in Moskau unglücklich in Vladimir, Manager des Roza-Mira-Trainingscenters. Der Name geht auf das Hauptwerk Die Weltrose des russischen Mystikers Daniil Andrejew zurück, 1906–59. In diesem Center werden Selbsterfahrungskurse für Reiche angeboten. Pomerantsev stellt seinen LeserInnen Manager Vladimir als „einen der gutaussehendsten Tycoons der Stadt“ vor. Jeder sage, alle Girls hätten ihm zu Füßen gelegen, „und er hatte sie alle.“ Sein Sekretär soll die schmachtende Ruslana schließlich unmißverständlich aufgefordert haben, den Boß gefälligst in Ruhe zu lassen. Sie versucht es. Im April 2008, einige Wochen vor ihrem Tod, bändelt Ruslana mit dem New Yorker Autohändler Mark an, obwohl oder weil sie noch immer an Vladimir hängt, der inzwischen geheirat hat. Sie erwähnt ihre Turbulenzen oder ihren Liebeskummer im Internet. Sie telefoniert mit Vladimir, auch mit ihrer Mutter, Managerin in einer Kosmetikfirma. Für den 28. Juni, einen Samstag, ist Ruslana mit Mark, wie er später versichert, zu einer Abendparty verabredet. Aber die knapp 21jährige „Rapunzel“ betritt bereits am frühen Morgen den Balkon ihres im 9. Stock gelegenen Apartements und läßt nicht nur ihr Haar hinab. Ohrenzeugen vergleichen den Aufprall auf der Water Street mit einem Gewehrschuß.

Ihre Männer, der Manager, die Mutter – niemand glaubt an Selbstmord. Die Polizei habe schlampig ermittelt. Die Polizei kontert: Es gibt weder Einbruchs- noch Kampfesspuren; das Opfer schrie beim Sturz in die Tiefe nicht; mehrere Vertraute bestätigen, die junge Frau war unglücklich – was wollen Sie noch mehr? Zeit-Autorin Kerstin Kohlenberg (27. November 2008) hat den Eindruck, die Genannten wiesen die Selbstmord-Erklärung zurück, weil sie schädlich fürs Geschäft oder schlecht fürs Gewissen sei. Der britische Fernsehproduzent und Autor Peter Pomerantsev, der den Fall drei Jahre lang untersucht haben will, fragt sich (am 1. Mai 2011 in Newsweek), wie ein abgemagertes Mädchen, laut Polizeibericht, nach dem Absprung in einem Abstand von 8 Meter 50 zum Haus auf der Straße landen kann. Und warum es keine Nachricht hinterlassen habe, wo es doch sonst gern über sich schrieb? Für Pomerantsev erinnert das Moskauer „Trainingszentrum“ Roza Mira stark an das Hauptquartier einer geschäftstüchtigen Sekte. Ein Kurs über drei Tage koste knapp 1.000 Dollar. Ruslana Korshinova habe das Zentrum drei Monate lang besucht und sich dabei völlig verändert. Sie habe Zuversicht, Sicherheit, auch Gewicht verloren und sei aggressiv geworden. Zurückgekehrt nach New York, habe sie notiert: „I’m so lost, will I ever find myself?“ Kohlenberg verfolgt im Apartment in der Water Street, wie Ruslanas Freundin Kira das letzte Buch nimmt, um es einzupacken: The Secret, ein Selbsthilfebuch, das dem Leser verspreche, er könne alles erreichen, was er sich wünsche. Pomerantsev schreibt, zweieinhalb Jahre nach Ruslanas Tod werde „ihr“ Nina-Ricci-Parfüm in Moskau nach wie vor mit großem Erfolg an Teenager verkauft – den Anzeigen mit Ruslanas Bild zufolge als „Versprechen der Verzauberung“ (a promise of enchantment). Gemeinsam mit Ruslana Korshunova soll übrigens auch das ukrainische Model Anastasia Drozdova an Roza-Mira-Kursen teilgenommen haben, das sich 2009 in Kiew ebenfalls, mit 20 Jahren, aus einem Fenster warf – falls es Selbstmord war. Dem US-Zweig der „Sekte“, hier unter Lifespring firmierend, werden kriminelle Machenschaften nachgesagt, darunter Zwang zur Prostitution.

Wie auch immer: sogar Bild räumt ein, das Modelgeschäft sei brutal, zumal in New York City. Bild-Korrespondent Heiko Roloff erzählt von einem Freund, der Produzent beim Sender MTV sei. Diesem Insider zufolge soll Ruslana um 5 Uhr morgens nach Hause gekommen und um 6 Uhr in den Tod gesprungen sein. Das klinge „verdammt nach Kokain-Depressionen“, so Roloffs Freund. Er sei gespannt auf den toxikologischen Bericht. Doch diesem zufolge wurden in Ruslanas Blut und Urin keine Spuren von Drogen gefunden, einschließlich Alkohol. Gleichwohl soll sie, nach verschiedenen Zeugen, vor ihrem Tod über Magenschmerzen geklagt haben. Aber wer hätte sie nicht, aus immer anderen Gründen, etwa Magersucht oder Aufklärungswut? Sowohl Kohlenberg wie Pomerantsev versichern, das Model aus Almaty habe öfter mit dem Gedanken gespielt, „etwas Ordentliches“ zu studieren, spätestens nach der Zeit des Goldrausches, die bekanntlich in Fällen, wo auf Attraktivität und Jugendlichkeit gesetzt wird, ziemlich kurz bemessen ist. Für Ruslana und ihre nicht raren Schicksalsgenossinnen fiel sie noch kürzer aus. Vielleicht kommen hier einem „Sternchen“ am Kaufhaus- und Medienhimmel vor allem die Minderwertigkeitsgefühle in die Quere: weil es in der angebeteten „Leistungsgesellschaft“ nur eine zufällig erteilte, auch durchaus umstrittene Eigenschaft zu bieten hat. Wenn sich ein junger Mensch nicht besser fühlt wie die Flaschen mit Schönheitstinkturen, auf denen sein Foto prunkt, ist er eigentlich ähnlich überflüssig – und kann sich auf die Water Street werfen.

Wie ein dünner Nachhall mutet die Geschichte von Claudia Börner (1979–2012) aus Vellmar bei Kassel an. Sie wurde nicht so berühmt, dafür etwas älter als Ruslana Korshunova, 33. Ende März 2012 wirkt die Bürokauffrau als Kandidatin in der beliebten VOX-Fernsehsendung „Das perfekte Dinner“ mit, sieht sich freilich anschließend in verschiedenen Medien und Internetforen als Dummkopf hingestellt oder als einfältige Selbstdarstellerin gehänselt. Eigentlich hatte sich Börner von diesem Auftritt, bei dem sie sich ausgelassen gab und sogar freimütig erzählte, sie lebe mit einer Geliebten zusammen und habe sich kürzlich von Chirurgen die Nase richten und die Brüste vergrößern lassen, einen Durchbruch in die Model-Branche versprochen.* So aber nahm sich die unglückliche Fernsehköchin am 3. April, wenige Tage nach der Ausstrahlung der Sendung, in ihrem häuslichen Badezimmer mit Hilfe eines Gasgrills das Leben. Der Kasseler Lokalpresse zufolge heißt es allerdings in ihrem Bekanntenkreis, Börner habe schon vor jener für sie mißglückten Fernsehshow unter seelischen Problemen gelitten, unter anderem wegen der Trennung von ihrer Geliebten und dem Verlust einer Arbeitsstelle. Bei Korshunova fing es ja wahrscheinlich auch schon früh an, mit dem Verlust des Vaters.

Als Stellvertreterinnen der Magersüchtigen dieser Welt mögen die Schwestern Luisel und Eliana Ramos aus Uruguay dienen, Töchter eines ehemaligen Fußball-Nationalspielers. Als Luisel im August 2006 bei einer Modenschau in Montevideo zwischen Laufsteg und Umkleideraum tot zusammenbrach, war sie 22. Je nach Quelle wog sie bei einer Körpergröße von 1,75 zwischen 44 und 54 Kilogramm. Laut Vater hatte sie seit mehreren Tagen nichts gegessen. Ihre 18jährige Schwester und Berufskollegin Eliana blieb eisern – und folgte ihr ein halbes Jahr später durch ein sehr ähnliches „Herzversagen“ ins Grab. Dadurch bekam das Feilschen von Journalisten, ModeschöpferInnen und WHO-Bürokraten um den in dieser Wahnsinnsbranche noch vertretbaren Pegelstand des sogenannten „Body-Mass-Index (BMI)“ wieder neuen Auftrieb. Auf den Kapitalismus im Ganzen bezogen ist das Verfahren, ihn durch „Richt- oder Grenzwerte“ zu zähmen, unter allen Reformisten und sogenannten Ethikern seit vielen Jahrzehnten bekannt: dürfen die Reißzähne unseres Haus- und Hofhundes 2,8 oder 3,2 Zentimeter lang sein? Darf der Radius seiner Laufkette den Äquator übersteigen? Ist es zulässig, ihn zu frisieren, oder sollte man ihm eine warnende Bauchbinde verordnen: „Der Umgang mit einem scharfen Hund kann lebensgefährlich sein“?

* Hamburger Morgenpost, 11. April 2012



104 - Robert Enke (1977–2009). Als sich der 32jährige Sohn eines sportbegeisterten Psychotherapeuten im November 2009 mitten in einer zwar bewegten, im Ganzen jedoch sehr erfolgreichen Karriere als professioneller, 1,86 messender Fußballtorhüter an einem Bahnübergang in Niedersachsen vor einen Zug warf, löste er nahezu eine Staatskrise aus. Für den Augenblick war die Nation vor Entsetzen gelähmt. Natürlich nicht aus Mitgefühl für die Zuginsassen, LokführerIn voran. Vielmehr hatte die Nation nicht nur einen wichtigen Wirtschaftskapitän verloren, wie etwa im Falle des Industriellen Adolf Merckle, der sich ein knappes Jahr vor dem Startorwart auf die selbe soziale Weise das Leben nahm. Sie hatte den publikumswirksamen und einschaltquotenmagnetischen Hüter der häuslichen Heimatfront verloren. Die außerhäusliche lag bekanntlich in Afghanistan.

Am nächsten Tag nahmen 35.000 Menschen an einem Trauermarsch, vier Tage später 40.000 an einer Trauerfeier im Stadion des Bundesligisten Hannover 96 teil, für den der Thüringer Enke zuletzt zwischen den Pfosten gestanden hatte. Er war beliebt gewesen. Und wenn er in den zurückliegenden Jahren wiederholt mit „Depressionen“ zu kämpfen hatte, wie nun von den Angehörigen eingeräumt wurde, hatte er dies den Fans und Managern, denen er seine gehobene Lebensführung verdankte, verständlicherweise nicht auf die Nase gebunden. Da war dann eher von „Infektionen“ die Rede gewesen. Dabei hatte Enke, mit seiner Frau Teresa, nicht nur den Gram um eine schwerkranke und nach zwei Jahren verstorbene Tochter zu tragen; vielmehr fiel es ihm offenbar grundsätzlich schwer, das Hauen und Stechen um Ehre, Geld und das berüchtigte Nummer-1-Podest in der Fußballnationalmannschaft als Deckchensticken zu begreifen. Sein Vater Dirk sagt dem Spiegel (14. November 2009), Gesprächsangebote habe Robert wiederholt ausgeschlagen. Für ihn, den Vater und Seelenfachmann, sei die Angst der wesentliche Nährboden von Roberts Depressionen gewesen. Der Sohn habe bereits als jugendlicher Fußballer immer wieder Angst davor gehabt zu versagen, also den Ansprüchen der Kameraden, Trainer, Bewunderer, die man sich bekanntlich auch selber gern zu eigen macht, nicht zu genügen. Zwar habe Robert in jüngster Zeit einen Klinikaufenthalt erwogen – aber auch davor habe er sich gefürchtet. Zum einen nahm er wohl nicht zu unrecht an, damit wäre der schöne runde Ball, der die Rubel oder Dollars gezielt in wenige Taschen rollen läßt, für ihn garantiert im Aus gewesen. Und zum anderen, deutet der Vater an, dürfte Robert den Blick auf die Wurzeln seiner Angst, seine wunden Stellen, seine „Schwäche“ befürchtet haben. Schließlich stehen zwischen den Pfosten ausschließlich Helden.

Dem baumlangen australischen Abwehrspieler Tyler Simpson (1985–2011), zuletzt bei den Blacktown City Demons unter Vertrag, war es nicht gelungen, in der Ersten Liga Fuß zu fassen. Auch ein Versuch, sein Glück in Europa zu machen, scheiterte. Zwar zählte er beim Zweitligameister des Jahres 2010 Blacktown (ein Vorort von Sydney) zu den sogenannten Leistungsträgern, aber wie es aussieht, genügte ihm das nicht. Im Mai 2011 brachte sich der 25jährige um. Wie der frühere Erstligastar Chad Gibson (34), der Simpson kannte und schätzte, in einem Blog-Beitrag durchblicken ließ, waren es auch in diesem Fall vor allem die „Dämonen“ des Ruhmstrebens, die den oft fröhlichen Hünen in den Tod geritten hatten – nicht etwa Liebeskummer oder Krebs. Die Krankheit heißt mindestens Karrierismus.

Enkes Frau Teresa setzt sich inzwischen in der neugegründeten Robert-Enke-Stiftung unermüdlich gegen „Depressionen im Spitzensport“ ein. Gegen den Spitzensport, wäre vielleicht zuviel verlangt. Aber sie könnte bei ihren Beratungen selbstmordgefährdeter SchwerverdienerInnen immerhin Bahnübergänge, Autobahnbrücken und dergleichen Tummelplätze zu „Tabuzonen“ erklären. Eine entsprechende Aufklärung läßt nebenbei auch der Psychotherapeut Dirk Enke vermissen, falls ich sie nicht übersehen habe. Zudem könnte Schwiegertochter Teresa vielleicht empfehlen, einmal über Javi Poves' Schritt nachzudenken. Der 24jährige Nachwuchsstar des spanischen Erstligisten Sporting de Gijon reichte 2011, wenige Wochen nach Simpsons Selbstmord, seinen Abschied ein. Er soll schon immer ein kritisch gestimmter Kopf und Gegner des Kapitalismus gewesen sein. Jetzt gedenke er zu studieren und die Realitäten solcher Konfliktherde wie dem Nahen Osten mit eigenen Augen zu erkunden. Da hat er freilich ebenfalls gute Chancen umzukommen. Laut dpa-Meldung vom August 2011 nannte Poves den Fußballbetrieb einen nicht unerheblichen Bestandteil der „Welt der Täuschung“, in der wir lebten. Von der Habgier und der Korruption einmal abgesehen, sei der ganze Zirkus darauf angelegt, die Menschen von ihren eigentlichen Sorgen und Bedürfnissen abzulenken. Brot & Spiele eben, wie seit altersher.

Bei seinem letzten großen Auftritt hatte der 40 Jahre alte kanadische „Wrestler“ (Catcher, Schaukämpfer) Chris Benoit (1967–2007) kein Publikum. Nach Ansicht der Polizei hatte er auf seinem Anwesen in Fayetteville, Georgia, innerhalb von drei Tagen zunächst seine Frau erwürgt und seinen siebenjährigen Sohn erstickt, bevor er sich in seinem Trainingskeller an einem Kraftgerät erhängte. Benoit zählte zu den Berühmtheiten seiner Branche. Laut Spiegel (27. Juni 2007) hinterließ er keinen Abschiedsbrief. Nach verschiedenen Untersuchungen und Vermutungen hatten intensives Doping und häufige Gehirnerschütterungen zu Benoits zunehmender Verwirrung und seinem schließlichen „Ausrasten“ erheblich beigetragen. Ein Gerichtsmediziner verglich das Gehirn des Muskelberges mit dem eines 85jährigen Alzheimer-Patienten. Prompt verkündete* Benoits Vater: „Die Person, die das getan hat, ist nicht der Mann, den wir kennen und lieben.“

2006 hatte der belgische Radrennfahrer Dimitri De Fauw (1981–2009) einen für diesen tödlich endenden Zusammenstoß mit seinem spanischen Berufskollegen Isaac Gálvez. Das kann bei Bedarf unter Gillett, Amy in meinem LdU nachgelesen werden. Obwohl ihm niemand die Schuld gab, hatte De Fauw den Zwischenfall nie so richtig verwunden, wie er auch in Interviews eingeräumt hatte. Er werde „zeitlebens“ daran zu tragen haben. Drei Jahre nach Gálvez' Tod starb der erfolgreiche, inzwischen 28jährige Radprofi in Heusden bei Gent nach einem Rennen in Grenoble außer Dienst von eigener Hand. Wie, blieb unbekannt. Vielleicht spielte auch De Fauws „Leistungsabfall“ eine Rolle, hatte er doch zuletzt Schwierigkeiten gehabt, überhaupt noch Verträge zu bekommen. Außerdem soll er zu den Quellen des Abgeordneten Jean-Marie Dedecker** gehört haben, der (angeblich haltlose) Anschuldigungen über Doping-Kuren prominenter belgischer Radprofis in Italien vorgebracht hatte. Dagegen verwahrte sich De Fauws Mutter Claudine Verhoeven: ihrem Sohn seien von „Enthüllungs-Journalisten“, die sich als Kumpels ausgaben, die Worte im Munde herumgedreht worden. De Fauw hinterließ seine Gefährtin Joke.

* Welt 6. September 2007
** „Dimitri De Fauw is kapot gemaakt door het milieu“, laut Express.live, 9. November 2009
ZuganhalterInnen empfehle ich zugabeweise schock lass nach (mp3, 938 KB)




105 - Florian Hufsky (1986–2009). Der Wiener Grafikstudent und Hacker war Gründer (2006) und Vorstandsmitglied der österreichischen Piratenpartei und Initiator verschiedener Medienkunstprojekte. Er machte sich unter anderem für den ungehinderten Zugriff auf das im Internet versammelte Wissen für private, nichtkommerzielle Zwecke stark, warnte freilich auch vor einer „Big-Brother“-Gesellschaft, die er aufgrund der allgemeinen Digitalisierung drohen sah, vor der Zerstörung von Privatsphäre also. Die deutschsprachige Wikipedia übertrifft ihn darin, indem sie zum erstaunlich frühen Ableben des 23jährigen (vom Dezember 2009) kein Wort und kein Komma schreibt (Stand Oktober 2016). Nach Äußerungen von Bekannten lagen übliche Motive wie Liebeskummer, Beschämung, Schulden, Verbrechen, unheilbare Krankheit nicht vor. Man vermutet freilich, der junge „Pirat“ habe an einer Depression gelitten. Von den konkreten Todesumständen oder einer polizeilichen Untersuchung ist in den Quellen nicht die Rede.

Das war bei Karl Koch (1965–89) aus Hannover anders gewesen. Auch er war bei seinem Tod erst 23, und er kann als ein Urahn Hufskys oder als Pionier der deutschen „Hacker“- und „Chaos-Computer-Club“-Bewegung angesehen werden. Man fand seinen verkohlten Leichnam Anfang Juni 1989 bei Gifhorn, Niedersachsen, in einem Wald. Neben ihm lag ein zerschmolzener Benzinkanister. Der knochentrockene Wald stand noch unversehrt im Hahnenmoor. Die Geschichte wurde ein Jahr darauf Gegenstand des Spielfilms 23 – Nichts ist so wie es scheint von Hans-Christian Schmid. Der berufslose Koch, 1984 durch den Tod seines Vaters zu Geld und einem neuen, damals noch sehr neuen Computer gekommen, und ein paar MitstreiterInnen hatten durch einige spektakuläre, meist von Telefonzellen aus vorgenommene „Einbrüche“ in Computernetzwerke Aufsehen erregt und sich dann wahrscheinlich in geheimdienstliche oder andere kriminelle Aktivitäten verstrickt. Möglicherweise waren sie von ihrer „Allmacht“ berauscht und insofern vom „anarchistischen“ Pfad abgekommen. Jedenfalls hatte sie nun das BKA am Wickel. Hinzu kamen, zumindest bei Koch, zunehmender Aberglaube und Drogenkonsum und seelische Probleme, die den jungen Mann aus zerrüttetem Elternhaus bereits in eine Klinik geführt hatten. Ob er sich das Benzin eigenhändig über den geplagten Kopf goß oder aber „beseitigt“ wurde, damit er nichts ausplaudere, ist bis heute ungeklärt.

Ilya Zhitomirskiy (1989–2011) war noch jünger, 22. Der US-Mathematikstudent, Mitentwickler der frei verfügbaren Software Diaspora und des gleichnamigen „sozialen Netzwerks“, brachte sich im November 2011 in San Francisco durch Einatmen von Helium um. Auch hier heißt es, er habe schon seit Längerem an Depressionen gelitten. Andererseits glaubt Zhitomirskiys Mutter, ohne das geldverschlingende und nervenzehrende Geschäft, ein „alternatives“ Computerprogramm unter möglichst geringem Verlust an Idealen durchzusetzen, hätte ihr Sohn sicherlich länger gelebt.

Für dessen Landsmann und Geistesverwandten Aaron Swartz (1986–2013), als Programmierer in verschiedenen Projekten frei verfügbaren Wissens tätig, kam es sogar knüppeldick. Obwohl er sich mit einem angeblich bestohlenen Institut gütlich geeinigt hatte, warf ihm die Justiz 2011 Datenraub im großen Stil vor und setzte ihn nur gegen eine Kaution von 100.000 Dollar wieder auf freien Fuß. Damit hing das Damoklesschwert einer Haftstrafe bis zu 35 Jahren zuzüglich saftiger Geldstrafe über dem dunkelbraunen Schopf des körperlich kleinen jungen Mannes, der oft als „brillianter“, manchmal auch „arroganter“ Kopf geschildert wird. Der Gerichtsprozeß war für April 2013 angesetzt. Am 11. Januar wurde der 26jährige in seinem New Yorker Appartement von seiner Gefährtin erhängt aufgefunden. Eine Nachricht hatte er (angeblich) nicht hinterlassen. Auch von Swartz heißt es allerdings, er sei von Hause aus depressiv gestimmt gewesen. Ein Gummihammer, der wahrscheinlich auf 90 von 100 Köpfen paßt. Angehörige und Freunde sahen ihn vornehmlich als Opfer der kombinierten IT- und Staatsmaschinerie.

Die Schwierigkeit, das Mosaik eines Selbstmordmotivs zu bestimmen, erinnert an den Umstand, daß grundsätzlich viele Phänomene der Menschenwelt ambivalent sind, wie ich glaube. Aber manche sind es eben auch nicht. Für mein Empfinden gibt es so wenig böse oder gute Schützenpanzer wie es böse oder gute Vergewaltigungen gibt. Das Gleiche würde ich von Politikern behaupten. Hier weiß ich mich mit der Definition aus E. G. Seeligers Handbuch des Schwindels einig: „Der Politiker ist der Zweihänder, um dessentwillen die Politik da ist.“ Das schließt selbstverständlich auch politische Parteien ein. Diese Dinge sind immer schlecht. Dagegen kann der selbe Hammer einmal dazu dienen, eine gefährlich schwankende Deckenbohle festzunageln, ein andermal dazu, der Witwe Couderc (Krimi von Georges Simenon) den Schädel zu zertrümmern. Entsprechendes gilt für Faustregeln oder Schmerztabletten: dem einen schaden sie, dem anderen nicht. Nur hat leider noch niemand die doppelbrennweitige Lupe erfunden, mit der sich das jeweils zur Diskussion stehende Phänomen zweifelsfrei nach „eindeutig“ oder „ambivalent“ sortieren ließe. Was sich bestenfalls aufstellen läßt, wäre eine Rangliste der Phänomene nach Verleitungsgrad. Hier stünde das Handy weit über dem Hammer. Die „Benutzerfreundlichkeit“ eines lediglich schokoladentäfelchengroßen Computers, der uns mit sämtlichen Einsichten und Winkeln der Welt zu verbinden scheint, verleitet fast jeden, dem Nachdenken das Nachschlagen vorzuziehen sowie seine Lieben oder InteressenvertreterInnen unablässig totzureden oder ihnen wenigstens die Muße oder die Konzentrationsfähigkeit zu stehlen. Das streift allerdings den altbekannten Zuständigkeitsbereich des Sprichworts, Gelegenheit mache Diebe.

Wahrscheinlich stehen wir bei sozialen Netzwerken oder dem Internet überhaupt vor der gleichen Schwierigkeit des Urteilens. Vielleicht sind sie ambivalent. Was hieße, es käme auf die Umstände der Nutzung an. Für mich ist nur eins klar: von Energieriesen und Megasuchmaschinen abhängig, die Strom und Daten wahlweise liefern oder sperren, dabei vom Laien kaum durchschaubar, geschweige denn beeinflußbar sind; nahezu lückenlos unter geheimdienstlicher Aufsicht und staatlicher Bedrohung stehend und überdies zu 99 Prozent kommerziell genutzt, übertrifft ihre verheerende Wirkung ihre segensreiche Wirkung eindeutig. Kapitalismus und Zentralisierung sind immer schlecht.



106 - Christian Kandlbauer (1987–2010). „Im Zuge einer Mutprobe“, wie es in der deutschen Wikipedia heißt, war der damals 18jährige österreichische Kfz-Mechaniker-Lehrling 2005 auf einen Strommast geklettert und dabei mit den Armen in einen 20.000-Volt-Stromkreis geraten. Sie wurden ihm amputiert. Aber dabei blieb es nicht. So konnte Mandana Razavi am 19. Juli 2010 auf der Webseite der Credit Suisse – einer Schweizer Großbank, die gewissen deutschen Steuerbetrügern ein guter Begriff ist – verkünden: „Ein Unfall veränderte Christian Kandlbauers Leben auf radikalste Art und Weise. Die Amputation beider Arme beraubte ihn seiner (Bewegungs-)Freiheit und Selbständigkeit. Ein Wunderwerk der Technik, die gedankengesteuerte Armprothese, gab dem jungen Mann jedoch sein Leben zurück – eine Geschichte aus der Cyber-Welt.“

Genauer gesagt, trug Kandlbauer links eine Standard-Armprothese, die nur zwei Elektroden hatte und von seinem Armstummel per Muskelkraft gesteuert wurde; rechts dagegen jenen atemberaubenden Bionik-Arm, der nach einigen aufwendigen Operationen über Nervenbahnen vom Gehirn des Kfz-Mechanikers befehligt werden konnte. Diese technischen Hilfen versetzten ihn sogar in die Lage, sich wieder einer anderen Prothese zu bedienen, die den Volkswirtschaften dieses Planeten auch schon manche Verluste beigebracht hat: des Autos. So kam es, daß Kandlbauer, der seit 2009 als Lagerist berufstätig war, am Morgen des 19. Oktobers 2010 auf der L 401 bei Leitersdorf (Bezirk Hartberg) mit seinem Subaro frontal gegen einen rechts an der Straße stehenden Baum prallte. An den Folgen starb der 22jährige Steiermärker zwei Tage darauf. Die Grazer Staatsanwaltschaft erkannte nach Abschluß ihrer Ermittlungen auf Selbstmord, da sich auch entsprechende SMS-Nachrichten an Kandlbauers Familie gefunden hatten. Man darf vermuten, das Wunderwerk hatte ihn nur vorübergehend glücklich gemacht.



107 - Janko Ehrlich (1980–2010). Der gebürtige Kärntner (aus Villach) wurde Skispringer, starb jedoch nicht bei der Ausübung seines waghalsigen Sportes. In den 1990er Jahren gehörte er der Nationalmannschaft Italiens an und erzielte als seinen größten Erfolg einen siebten Platz bei den Juniorenweltmeisterschaften von 1997 in Canmore, Kanada. Ein Jahr darauf kehrte er den Sprungschanzen den Rücken, um in der norditalienischen Stadt Udine Rechtswissenschaft zu studieren. Anschließend war er im benachbarten Ljublijana, Slowakei, als Referendar tätig. Die Olympischen Spiele von 2006 in Turin nutzte er, um die Schanzenwettbewerbe für den Sender RAI zu kommentieren. 2007 bewarb er sich in dem grenznahen norditalienischen Städtchen Tarvisio um das Amt des Bürgermeisters, zog freilich „nur“ für die mehr oder weniger „grüne“ Lista Civica in den Stadtrat ein. Seit Anfang 2010 aus angeblich beruflichen Gründen in Berlin zu Gast, wurde der 29 Jahre alte Ex-Leistungssportler am 2. Februar, vermutlich in einem Hotel, tot aufgefunden. Laut Pressemeldungen hinterließ er eine Notiz, aus der auf Selbstmord geschlossen werden muß. Alles Nähere ist unbekannt.

Nachdem es dem tschechoslowakischen Skispringer Vladimír Podzimek (1965–94) trotz einiger Erfolge nicht gelungen war, in der Weltspitze Fuß zu fassen, hängte er seinen gefährlichen Beruf 1991 mit 25 Jahren bewundernswerterweise aus freien Stücken an den Nagel. Allerdings läßt sich kaum beurteilen, ob ein Stachel zurückblieb und wie tief er saß. Wenn sich Podzimek drei Jahre darauf mit 29 erhängte, dann offiziell deshalb, weil ihn seine Frau nebst Tochter verlassen hatte. Dem Weltmeister von 1987 Jiří Parma zufolge hatte sie sich in einen anderen Mann verliebt.

Dem erfolgreichen argentinischen Straßenradrennfahrer Armando Borrajo (1976–2010) kostete ein Ausflug in die Verbandspolitik das Leben. Er hatte sich entschlossen, die Wahlkampagne eines Bekannten oder Gönners zu unterstützen, der Präsident des nationalen Radsportverbandes werden wollte. Bei einer entsprechenden Reise, die vermutlich sowohl Bus- wie Radfahrten einschloß, wurde Unterstützer Borrajo jedoch entführt. Das dürfte irgendwo in der nördlichen Landesprovinz Catamarca gewesen sein. Nach zwei Tagen sei Borraja, mit blutigem Hemd und zerschlagenen Händen, bei einer Polizeistation wieder aufgetaucht. Heimgekehrt, sollen ihn seine Verletzungen, vor allem aber der Schock oder die Angst vor weiteren Angriffen in den Selbstmord getrieben haben. Offenbar warf sich der 34jährige Berufssportler am 18. Dezember in Buenos Aires aus einem Fenster, wovon ihn auch sein Bruder Alejandro nicht abhalten konnte, der sich dabei sogar den Arm brach.* Die Sache riecht weniger nach Raub oder Erpressung, vielmehr danach, Widersacher des Präsidentschaftskandidaten hätten Borrajo eingebläut, jener sei an der Verbandsspitze fehl am Platze. Dabei dürfte es freilich doch wieder um viel Zaster gegangen sein. Die für den 22. Dezember angesetzte Wahl wurde verschoben. Borraja hinterließ seine Frau Veronica und mindestens ein Kind. LeserInnen aus Südamerika oder Spanien, die zur Verbesserung dieses Artikels beitragen möchten, seien zunächst auf eine ausführliche Stellungnahme** hingewiesen, die Veronica Borraja vier Wochen nach dem Vorfall abgab.

* Ovación online 22. Dezember 2010
** Taringa! 18. Januar 2011




108 - Thomas Marxhausen (1947–2010), DDR-Philosoph, lehrte Politische Ökonomie in Halle und arbeitete an prominenten Marx-Engels-Ausgaben oder Wörterbüchern mit. 1988 geht der Hallenser Professor nach Aden, Jemen, um an der dortigen Universität wissenschaftliche Aufbauarbeit zu leisten. Er war Marxist-Leninist, aber offenbar nicht unbedingt der dogmatischste der DDR. Er schätzte Brecht und beanspruchte Kritik als Lebensform, so ein Aufsatztitel von ihm aus dem Jahr 1985. Den Zusammenbruch seines Staates erlebte er aus der Ferne. Kaum zurückgekehrt (Sommer 1990), wurde seine Fakultät in Halle „abgewickelt“, also ausgemerzt. Im Juni 1991 sah sich Marxhausen offiziell entlassen. Er war in zweiter Ehe verheiratet und hatte ein kleines Kind. Zwischenspiele in der Vermögensberatung und der Erwachsenenbildung konnten ihm keinen Auftrieb geben, ganz im Gegenteil. Einigen kollegialen Nachrufern zufolge sah er seine Lebensaufgaben zerstört oder war zumindest des Kampfes „müde“, so Wolfram Adolphi. Wohl deshalb habe sich der 63jährige im September 2010 umgebracht, offenbar in Halle. Näheres wird nicht mitgeteilt.



109 - Veronika Fischer (1964–2012), gebürtige Westfälin, gelernte Juristin, ehrgeizig und sogar filmbar. Prompt mausert sich das blonde „Frauchen“ um 2000 zur „knallharten“ Politikerin, wie es überall heißt, aber man ahnte auch vielerorts, „innen“ glich Fischer eher einer empfindlichen Schwimmblase. Und das sah man dann ja auch. Man sah es am Sonntag den 5. Mai 2012, als die amtierende CDU-Oberbürgermeisterin der Eifelstadt Mayen (knapp 20.000 EinwohnerInnen, westlich von Koblenz) aus ihrer am Marktplatz gelegenen kleinen Wohnung getragen wurde. Sie war 47, lebte „seit einiger Zeit“ von ihrem Mann und zwei halbwüchsigen Kindern getrennt. Schon am Samstag als vermißt gemeldet, war sie anderntags in ihre bereits durchsuchte Wohnung zurückgekehrt, wo sie abends nur noch tot vorgefunden wurde. Die Art des Selbstmordes wird nirgends genannt. Kummer mit Nahestehenden wird allenfalls gemutmaßt; vornehmlich habe Fischer unter dem von ihr mitgeschaffenen Arbeitsklima gelitten, den meist versteckt vorgebrachten Angriffen auf diese „Chefin“ also, die es angeblich liebte, ihre Kollegen im Stadtrat entweder stundenlang an die Wand zu reden oder mit knappen bissigen Kommentaren an derselben aufzuspießen. Das Magazin Focus wußte auch, Fischer hatte erst Ende März einen „schweren“ Autounfall gehabt, bei dem ihr Wagen in Brand geriet; sie habe sich aber noch aus diesem befreien können. Denkbare andere brennende oder nicht brennende Unfallopfer übergeht das Magazin (7. Mai 2012). Diesen Crash überstand sie also glimpflich. Dafür glaubt die Rhein-Zeitung (vom 8. Mai), das größere Übel habe die zierliche Frau, die so gern Machthaberin war, bereits wenige Tage vor ihrem Tod geahnt, als sie seufzte: „Dieser Job bringt einen um.“



110 - Christopher Dorner (1979–2013). Vermutlich hat dieser spektakuläre Amoklauf aus Kalifornien keine nennenswerten Läuterungen im Berufsgebaren der Polizei von Los Angeles bewirkt, dafür führte er aber zur raschen „unbürokratischen“ Auslobung eines Kopfgeldes in Höhe von einer Million Dollar, um das sich verschiedene Kandidaten später noch ausgiebig raufen konnten. Die Summe war im Februar 2013 auf den dunkelhäutigen Christopher Dorner ausgesetzt worden, nachdem er (angeblich) vier Polizisten oder deren Angehörige ermordet und die Flucht ergriffen hatte. Die von allen verfügbaren Massenmedien verfolgte „Jagd“ nach ihm erstreckte sich über mehrere Tage und beförderte, durch die VerfolgerInnen, mehrere Zivilisten ins Krankenhaus. Am 12. Februar wurde Dorner in einer Waldhütte der San Bernardino Mountains gestellt. Es kam zu einem Feuergefecht. Nachdem die Hütte in der Tat in Flammen aufgegangen war, entzog sich der 33 Jahre alte Flüchtige (angeblich) seiner Festnahme, indem er sich selbst erschoß. Damit waren die Akten so gut wie geschlossen.

Bemerkenswerterweise hatte Dorner, der nach einer Scheidung wieder bei seiner Mutter in La Palma wohnte, den geplanten Rachefeldzug sogar im Internet angekündigt. Als Grund gab er das ihm widerfahrene Unrecht, zudem allgemein das im Polizeiapparat herrschende rassistische und korrupte Klima an. Die Vorgeschichte: Dorner, sowohl Akademiker (Politikwissenschaft und Psychologie) wie Ex-Soldat (Leutnant), war 2005 in Los Angeles als Polizist eingestellt, allerdings 2008 schon wieder entlassen worden. Man warf ihm vor, fälschlich eine Kollegin beschuldigt zu haben, sie hätte einen psychisch kranken Verdächtigen mißhandelt. Dieser und dessen Vater bestätigten das immerhin, andere (sogenannte) Zeugen jedoch nicht. Seine Vorgesetzten, die meisten Kollegen und die zuständigen Gremien hatte Dorner ohnehin gegen sich. Als er dann auch im Zuge einer langwierigen gerichtlichen Untersuchung mit seiner Sicht den Kürzeren zog, verfaßte er das erwähnte Internet-„Manifest“ und lud seine Waffen.

Die beiden kalifornischen Zeitungszustellerinnen Margie Carranza und Emma Hernandez dürften am 7. Februar 2013 das Geschäft ihres Lebens gemacht haben. Als sie mit ihrem Pick-Up in Torrance, einer Vorstadt von LA, wie immer auf der falschen Straßenseite im Schrittempo die Häuserfronten abfuhren, wurden sie im Rahmen der „manhunt“ auf Dorner hinterrücks von einem Rudel Polizisten beschossen. Der jähe Kugelhagel brachte ihnen, neben dem Schrecken, heilbare Schüsse in Hals und Schultern – und eine Entschädigung seitens der lokalen Behörden von 4,2 Millionen Dollar ein, zuzüglich der Erstattung der Kosten für die Instandsetzung ihres durchsiebten Pick-Ups. Selbst die beteiligten acht Polizisten hatten Glück, wie sich drei Jahre nach dem Vorfall erwies.* Die zuständige Staatsanwaltschaft verwarf eine Anklageerhebung gegen sie, denn sie hätten „irrtümlich“ und „nicht unangemessen“ gehandelt.

* NBC Los Angeles, 27./28. Januar 2016



111 - Helric Fredou († 2015), französischer Polizeichef. An den Ermittlungen zum berüchtigten Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris beteiligt, griff der pausbäckige, bieder wirkende 45jährige, laut Focus, „nur Stunden“ nach dem „Terrorakt“ zu seiner Dienstpistole, um sich selber umzubringen. Das begab sich am 8. Januar 2015 frühmorgens in seinem Büro in der Polizeidirektion von Limoges, von der er Vizechef war. Die Großstadt liegt in Mittelfrankreich. Fredou hatte am späten Abend Bereitschaftsdienst, Besprechungen mit Kollegen aus Paris und „wichtige“ Telefongespräche gehabt. Er stand im Begriff, einen Bericht zu verfassen, wozu es dann nicht mehr kam. Für einen Selbstmord aus Liebeskummer, Melancholie oder aus dem Gefühl des Verkanntseins heraus hätte er sich wirklich keinen günstigeren Ort und Zeitpunkt aussuchen können. Schließlich war gerade das Auge der Welt auf Frankreich gerichtet. Nur auf ihn nicht.

Nach Marco Maier* wurde den Angehörigen Einblick in den Autopsiebericht verweigert. Zudem finden diese es merkwürdig, daß der Schuß angeblich ungehört blieb, obwohl kein Schalldämpfer benutzt worden war. Laut Polizei schoß sich Fredou „frontal“ in die Stirn, was bei Selbstmorden, der Verrenkungen wegen, ebenfalls als seltsam gilt. Kein Abschiedsbrief. Während Focus schrieb, der Vizepolizeichef sei alleinstehend, kinderlos und überarbeitet gewesen und habe an Depressionen gelitten, behauptet Maier, Fredous Mutter habe vom Hausarzt ihres Sohnes keine Bestätigung für die Unterstellung bekommen, er sei „ausgebrannt“ oder „depressiv“ gewesen. Bemerkenswerterweise hatte im November 2013 schon Fredous Vorgänger Christophe Rivieccio Selbstmord begangen. Warum, müßte man untersuchen. Damals habe Fredou seiner Mutter im Gegenteil versichert: „So etwas würde ich dir nie antun.“ Als er aber tot war, beschlagnahmten Kollegen in seinem Hause Computer und Smartphone. Mit Maier darf man also getrost argwöhnen, Fredou sei wieder einmal einer gewesen, der zuviel oder das Falsche wußte.

Was den Pariser Anschlag angeht, hatten Fredous Leute in der Stadt Châteauroux die Eltern der Rechtsanwältin und UMP-Politikerin Jeannette Bougrab vernommen, von der noch umstritten ist, ob sie einmal Geliebte des ermordeten Charlie-Hebdo-Chefredakteurs war. Die Dame hatte es unter Sarkozy (bis 2012) zur Staatssekretärin gebracht. Soweit ich sehe, tun die Mainstream-Medien alles, um den Fall Fredou den Weg von 99,9 Prozent aller „Ereignisse“ gehen zu lassen: ins Nichts.**

* Contra Magazin, 30. Januar 2015
** Romanisten weise ich auf eine etwas jüngere Darstellung des Falles hin: Panamza, 16. November 2015




112 - Holger S. († 2015), Elektriker aus Parchim, Mecklenburg. Einige Jahre vor seinem Tod, als er gerade ein Haus baute, hatte sich seine Ehefrau von ihm getrennt. Seitdem lebten die gemeinsamen Kinder, Tim (9) und Lisa (10), hauptsächlich bei ihrer Mutter in Bützow. Nun aber machten sie eine makabere „Sommerferienreise“ mit ihrem Vater per Auto. Der 37jährige galt als hilfsbereiter Nachbar und liebevoller Vater; man beteuert, er habe nie auch nur ein böses Wort über seine Ex-Gattin verloren. Am 2. August 2015 betrat er mit seinen Kindern die bis 95 Meter hohe ICE-Rombachtalbrücke bei Schlitz in Oberhessen, stach auf beide Kinder mit einem Messer ein und schubste sie dann vermutlich in die Tiefe, eher er selbst hinterher sprang. Spaziergänger fanden die drei Leichen unter der Brücke auf einer Landstraße. Da die heimische Presse* auch nach einer Woche keine Erklärungen des Holger S. oder zumindest seiner geschiedenen Frau erwähnt, steht zu befürchten, jener nahm seine Beweggründe nebst den Kindern mit ins Grab. Man vermutet jedoch, es ging um einen Sorgerechtsstreit. Vielleicht stand die Sache gerade so, daß sich der Vater sagte: na gut, wenn ich die Kinder nicht bekomme, dann sie auch nicht.

* Bützower Zeitung 11. August 2015



Nachwort

Neulich kam mir ein Spiegel-Artikel aus 2007 unter, der von den bekanntlich nicht seltenen Hinrichtungen mittels Giftspritze in dem freiheitsliebendsten Land der Erde, den USA, handelte. In China ist es vermutlich kaum anders. Es komme dabei auch deshalb immer wieder zu ausgefallenen Grausamkeiten, weil die Betäubung vor oder bei der Hinrichtung versage. Das liege mal an schlampiger Verabreichung, häufiger aber daran, daß die für den subjektiven Fall angemessene Auswahl und Dosierung der Betäubungsmittel sehr schwierig, im Grunde sogar unwägbar sei. Das selbe Problem hat ersichtlich jeder Selbstmörder, der sich zu vergiften beabsichtigt. Im mittelalterlichen Häuptlingtum der Natchez (am Mississippi) scheint die Sache noch unbedenklicher gewesen zu sein. Starb Große Sonne, hatten ihm „selbstverständlich“ seine Frauen, Wächter, Bedienten in den Tod zu folgen. Doch auch in der restlichen Bevölkerung wurde um das Privileg gewetteifert, Große Sonne auf seinem letzten Weg zu begleiten. Jeder, der ihm also freiwillig folgte, verließ sich auf ein Gebräu aus Tabak und auf seine Freunde oder Verwandten. Jenes ließ ihn das Bewußtsein verlieren; diese erwürgten ihn. Auch die Frauen dieser hartgesottenen Prä-Südstaatler fackelten nicht lange. Fuhr der Blitz in einen Tempel, mußte die Gottheit besänftigt werden – indem die Frauen auch noch ihre Säuglinge in die Flammen warfen.*

Somit kann ein schlecht erwogener und ausgeführter Selbstmord leidvoller sein als das Übel, das ihn veranlaßt hat. Das schließt natürlich auch das drohende Scheitern des Selbstmordversuches ein. Neben den eingangs erwähnten 800.000 Suiziden jährlich kommt es nach Schätzung der WHO überdies zu „mehreren Millionen“ Selbstmordversuchen jährlich, also zu Fehlschlägen. Und nicht selten haben diese für den Gescheiterten äußerst unangenehme gesundheitliche und soziale Folgen, von Gewissensqualen einmal abgesehen. Konnte er beispielsweise vorher noch durchs Zimmer schlurfen, hockt er nun im Rollstuhl. Und so weiter. Kann er aber doch noch laufen, wird der Gescheiterte, soweit ich weiß, zumindest in Deutschland wegen „erheblicher Selbstgefährdung“ sofort in die Psychatrie gesteckt. Aufgrund seines Suizidversuches wird ihm nämlich eine psychische Erkrankung unterstellt, die zu diagnostizieren, zu bekämpfen und möglicherweise zu heilen ist – wahrscheinlich mit Medikamenten und Methoden, von denen der Gescheiterte bei seinem Suizidversuch nur träumen konnte.

Ich wäre also der Letzte, der Empfehlungen darüber abgäbe, ob und wie sich einer das Leben zu nehmen hätte. Ich empfehle jedoch zweierlei. Erstens würde ich versuchen, meine Mitmenschen sowenig wie möglich in Mitleidenschaft zu ziehen. Sie haben nämlich mein Hirn von der Kühlerhaube ihres Wagens oder von der Wand meiner Mietwohnung zu kratzen und diverse schlaflose Nächte zu durchstehen, in denen ich ihnen erscheine. Möglicherweise wäre es ideal, sich zum Zwecke des Umbringens in abgelegene Gefilde zu verziehen, etwa in eine kaum bekannte Höhle, wo man vielleicht erst nach Jahren entdeckt wird, und dann nur als säuberlich abgenagtes Skelett. Da hätten sich auch gleich die Bestattungskosten erledigt. Aber wieviel Mühe und Geld dürfte es dafür heutzutage verschlingen, solche abgelegenen Gebiete und unbesuchten Höhlen überhaupt noch aufzutreiben und zu erreichen!

Zweitens empfehle ich, sich die Sache rechtzeitig zu überlegen und gegebenenfalls gewisse Vorkehrungen zu treffen. Eine jüngere Bekannte hat mich ausgelacht, weil ich mir „jetzt schon“ den Kopf über den „Ernstfall“ zerbreche. Sie will lieber warten, bis sie gelähmt, völlig aufgelöst oder bereits halb verblödet ist. Oder bis sie von einer Drohne aufgepickt wird, die sie in einen netten Folterkeller ausführt, wo es türkische Spezialitäten und knackige junge BKA-Mitarbeiter gibt. Ich kann sie aber nicht wirklich verurteilen, denn ich war auch einmal jung und unsterblich. Zudem ist das Ganze eine Frage des Naturells. Der eine liebt die Vorsorge, der andere die Überraschung.

Man könnte im Falle meiner Bekannten freilich auch ein Ausweichen wittern. Mein Eindruck nach getaner Arbeit ist nämlich der, aller Aufklärung zum Trotze sei die Mißbilligung des Selbstmordes, ja bereits die Mißbilligung einer Auseinandersetzung mit dem Thema Selbstmord nach wie vor verbreitet und tief verwurzelt. Dafür sehe ich im wesentlichen zwei Gründe: Angst und Anmaßung. Die Angst geht der Auseinandersetzung aus dem Wege, weil alles, was mit dem Tod zusammenhängt, unerfreulich, vielleicht sogar erschütternd oder erschreckend ist. Die Anmaßung, die dem Selbstmord etwas Anrüchiges verleiht, kommt von der uralten beliebten Überzeugung, der Mensch sei besonders wertvoll, sein Fortleben sei für das Wohlergehen des Universums unabdingbar. Damit trifft sich diese Mißbilligung nebenbei mit der über Jahrhunderte, besonders vor der Schwelle zum Kapitalismus gepflogenen Ächtung und Verfolgung der Geburtenkontrolle.** Wo jedoch steht jene Wertzuweisung geschrieben, außer in anmaßenden und dummen Büchern? Eher ist doch das Gegenteil der Fall. Unser Planet und ein paar Nachbarplaneten werden aufatmen, sobald wir endlich verschwunden sind.

* Peter Farb: Man's Rise To Civilization, USA 1968, hier als Die Indianer, München 1988, S. 195/197
** Heinsohn/Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen, 1985, Neuausgabe München 1989




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