Donnerstag, 17. November 2016
Handbuch der SelbstmörderInnen Teil 4

65 - Alexander Fadejew (1901–56), sowjetischer Erzähler (Die junge Garde) und langjähriger Chef des quasiamtlichen Schriftstellerverbandes. Nach Stalins Tod (1953) heftig angegriffen, weil er zahlreiche, mehr oder weniger unschuldige Kollegen ans Messer geliefert hatte, zudem seit Langem starker Säufer, griff der einst gefeierte und einflußreiche Funktionär in der erlauchten Datschen- und Künstlersiedlung Peredelkino bei Moskau mit 54 Jahren vermutlich in erster Linie wegen seines ruinierten Rufes, in zweiter wegen seiner Schuldgefühle zu einer Pistole und richtete sie instinktiv auf sein hartes Herz. Einem Freund gegenüber soll er seine schändliche Rolle eingestanden haben. In seinem offiziellen (angeblichen) Abschiedsbrief an die Partei ist davon nichts zu lesen; schuld war „die Bürokratie“. DDR-Dramatiker Heiner Müller behauptet in einem Gespräch mit Alexander Kluge, am Abend vor seinem Abschied sei Fadejew von einem (bei Müller namenlosen) Schriftsteller aufgesucht worden, der auch dank Fadejews Weigerung, ihm zu helfen, 15 Jahre in einem Lager saß. Dort habe der Kollege davon geträumt, Fadejew eines Tages zu ohrfeigen. Nun habe der „wie immer“ betrunkene Fadejew in der Haustür gestanden, und der Kollege habe zugeschlagen. Dann sei er wieder gegangen. Das wäre natürlich eine hübsche Geschichte für diese Arbeit, sofern ich wüßte, wie weit dem Wahrheitsgehalt jenes Müller-Kluge-Dialoges* zu trauen ist. Fadejew war seit ungefähr 1940 mit der berühmten Bühnenschauspielerin Angelina Stepanova verheiratet (zwei Söhne). Laut IMDb erhielt sie auch nach dem Tod ihres Gatten noch etliche renommierte (staatliche) Auszeichnungen und trat bis ins hohe Alter auf, sogar in Filmen. Vielleicht fand man das in Ordnung, weil sie kein schlechtes Gewissen hatte. Sie wurde satte 94 Jahre und nach ihrem eigenen Ableben (2000) neben Fadejew begraben.

* Alexander Kluge: Kulturgeschichte im Dialog, gegen Ende des Transkripts



66 - Douglas M. Kelley (1912–58), kalifornischer Mediziner, Psychologe, Kriminologe, Hochschullehrer und Gutachter, Ende 1945 auch vorübergehend in Deutschland bei der Vorbereitung des bekannten Nürnberger Prozesses gegen führende Faschisten eingesetzt. Hier freundet sich Kelley mit einigen Häftlingen geradezu an, darunter Ex-„Reichsmarschall“ Hermann Göring. Zwei Jahre darauf veröffentlicht er ein Buch mit entsprechenden Erinnerungen: 22 Männer um Hitler. Darin zeigt er für Göring einige Nachsicht, wenn nicht gar Bewunderung. Im übrigen erklärt er unmißverständlich, es gebe keine besondere „Nazi-Psyche“; die Defekte dieser Beschuldigten seien universell.* Das Buch erzielte nur ein geringes Echo. Kelleys Resümee war zu ungemütlich; schließlich legte es die Befürchtung nahe, das Böse könnte auch gut aus nordamerikanischen Böden sprießen.

Erheblich später, 1958, begeht der inzwischen angesehene und 45 Jahre alte Professor, der zu therapeutischen Zwecken auch Zaubertricks einsetzt, in seiner Villa bei San Francisco an Neujahr einen zunächst überraschend, ansonsten nahezu grotesk wirkenden Selbstmord vor den Augen seiner Familie: ebenfalls durch Zyankali, wie damals Göring. Noch kurz zuvor kam Kelley etlichen Zeugen „wie immer“ vor. Ankündigungen oder Abschiedsbriefe fanden sich nicht. Nach Sohn Doug, zur Tatzeit 10, später Gegner des Vietnamkrieges, hatte Feinschmecker Kelley Abendessen gekocht. Er verbrannte sich dabei und erlitt einen Wutanfall. Vielleicht gab es auch Streit mit der Gattin. Plötzlich rief Kelley von der Innentreppe aus, das müsse er sich nicht länger zumuten; er werde jetzt die Kapsel schlucken, und in 30 Sekunden sei es aus mit ihm. Offenbar hatte er die Kapsel mit dem Gift aus seinem Arbeitszimmer geholt. Schon wand er sich in letzten Krämpfen auf den Fliesen des Hausflurs, während Frau und drei Kinder die Hände wrangen und sein alter Vater sinnlos Wasser in seine Kehle zu schütten versuchte. Im folgenden sprach die Witwe stets von einem Rätsel. Der Sohn räumt dagegen (2005) ein, Kelley habe durchaus eine dunkle Seite gehabt, die er der Öffentlichkeit zu verbergen verstand.** Er sei Alkoholiker und bereits öfter gewalttätig gewesen und habe auch schon einen Selbstmordversuch hinter sich gehabt. Vielleicht habe er sich mit seinen vielen beruflichen Aufgaben und der damit verbundenen Verantwortung übernommen, und vielleicht habe er nur zu gut erahnt, welcher stumme Wahnsinn in Menschen lauern kann, die so höflich und gebildet wirken. Sein Vater habe jedoch offensichtlich kein Mittel gegen dieses in ihm schlummernde Potential gewußt.

Göring hatte seinem Gefängnispsychologen sogar ein Porträtfoto mit handschriftlicher Widmung geschenkt: „Major Dr. Kelley in aufrichtiger und herzlicher Dankbarkeit“. Schließlich hatte ihn der vergleichweise junge Mann auch von Opiat- und Freßsucht befreit. So gab man doch im Gerichtssaal ein besseres Bild ab als den bekannten fetten Unhold. Mehrere Quellen weisen auf eine denkbare, zu weit gehende „Identifikation“ des Arztes mit seinem anfänglich zu dickem Sorgenkind hin. Zurück in den Staaten, brachte es Kelley zu Wohlstand und zahlreichen Posten. Er ackerte wie ein Stier, war dabei auch beratend für Hollywood tätig und trat in Fernsehshows auf. Für Fritz Göttler hatte er, neben dem Jähzorn und der Selbstüberschätzung, eine für die USA nicht untypische Neigung zu „Aufklärung als Showbusiness“ und zum „Exhibitionismus“ gezeigt. Kelleys letzten häuslichen Auftritt nennt Göttler „verkorkst“. Aber tot war er schon.

Die jüdische, einst aus Europa geflüchtete Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswik (1908–58) starb drei Monate nach Kelley am selben Ort, Berkeley. Vermutlich kannte sie den namhaften Kollegen, wenn sie auch kaum zu seinem Freundeskreis gezählt haben dürfte. Sie lehrte unter anderem an derselben Universität wie Kelley, allerdings erst kurz vor ihrem Tod als „ordentliche“ Professorin. Früher war sie unter anderem nicht unbeträchtlich an der von Adorno ebendort geleiteten Forschungsarbeit über „autoritären Charakter“ und „Antisemitismus“ beteiligt gewesen. Ende März 1958, inzwischen 49, brachte sie sich mit einem Schlafmittel um. Ihre „Depressionen“ sollen vor allem vom Verlust ihres Gatten und Berufskollegen Egon Brunswik (1903–55) ausgelöst worden sein. Daneben deuten Quellen wie Jewish Women's Archive und Feminist Voices einen Gram der Wissenschaftlerin über mangelhafte Anerkennung an. Ihr Ehemann, immerhin schon seit 1947 in Berkeley auf vollem beziehungsweise vollgültigem Lehrstuhl, hatte sich drei Jahre früher, mit 52, „nach einem langen und schmerzhaften Anfall von schwerer Hypertonie“ das Leben genommen, so die englische Wikipedia. Hypertonie ist der Bluthochdruck; der erklärt alles und nichts.

Die jüdische ungarische Ärztin und Psychoanalytikerin Lilly Hajdu (1891–1960) wäre gern in der Schweiz gestorben. Für die Psychoanalyse hatte sie sich bereits zwischen den Weltkriegen erwärmt. Später sprach sie sich auch für Familien- und Gruppentherapie aus und forschte über Schizophrenie, die sie unter bestimmten Umständen für heilbar hielt. Zu ihren Lehrern zählten Vilma Kovács (weiblich) und Sándor Ferenczi. 1944 wurde ihr Ehemann Miklós Gimes, ein Kinderarzt, von faschistischen Pfeilkreuzlern ins KZ Leitmeritz verschleppt, wo er an Typhus gestorben sein soll. „Lilly Hajdu überlebte diese Zeit dank eines schwedischen Schutzpasses“, heißt es in der einzig nennenswerten Quelle.*** Nach dem Krieg trat sie in die KP ein und verhielt sich zunächst linientreu. Immerhin setzte sie sich als Landeschefin des Psychia-
triewesens „gegen Zwangsjacken und Schocktherapien und für die Behandlung mit Medikamenten und Arbeitstherapie ein – die psychoanalytische Therapie war in der Psychiatrie nicht zugelassen.“ Auch ihr 1917 geborener Sohn Miklós Gimes junior, ein Journalist, gehörte durch Jahre hinweg zu den Stützen des Systems. Dann wandte er sich jedoch den Reformbestrebungen zu, die im bekannten gescheiterten Aufstand von 1956 gipfelten. Er kam mit „Rädelsführer“ Imre Nagy und anderen Anhängern vors Schaugericht und (1958) in einem Budapester Gefängnis an den Galgen. Ein Jahr vorher hatte man seine Mutter „zwangspensioniert, eine Ausreise zu ihrer Tochter [Judit (Juca)] in die Schweiz verweigerte man ihr. 1960 setzte Lilly Hajdu mit einer Überdosis Medikamente ihrem Leben [mit knapp 70] ein Ende.“

* laut Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, 16. März 2015
** Joan Ryan im San Francisco Chronicle am 6. Februar 2005
*** Brigitte Nölleke, Hamburg: Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon, Stand 2016




67 - Gerard Hoffnung (1925–59). Man wird vielleicht einwenden, der deutschstämmige Musiker ließe sich nur mit der Brechstange in dieses Werk hieven. Ich gebe jedoch zu bedenken, eine Tuba ist schließlich auch keine Stricknadel. Als Pimpf in Berlin spielte er vermutlich noch nicht Tuba. Daß ihn jemand an ausgerechnet dieses Instrument gezwungen hätte, wäre mir neu. Lange Rede kurzer Sinn: 1938 wie viele andere Kinder nach England zwangsausgewiesen, sollte sich der kleine Hoffnung zum britischen Exentriker entfalten. Er hatte insofern Glück, als sein Onkel Bruno Adler dort schon Lehrer war und ein Jahr darauf auch seine Eltern nachkommen konnten. Die Familie ließ sich in London nieder, wo Hoffnung die Highgate School besuchte und in seinem Elternhaus die Gäste zeichnete. Im Folgenden gelang es ihm, sich für etliche Jahre wechselweise als Lehrer, Musiker, Büttenredner, Karikaturist, Rundfunksprecher, während des Krieges auch als Milchflaschenwäscher in einer Molkerei über Wasser zu halten. Die Zeit für Malcolm Arnolds, von Hoffnung durchflutetes Stück Die Vereinten Nationen (1958) war noch nicht gekommen. Dabei schmettern vier Blechkapellen, während sie aus den vier Himmelsrichtungen aufeinander zumarschieren, jede für sich die Nationalhymne des eigenen Vaterlandes, daß es nur so kracht ... Zunächst gelang Hoffnung ein bemerkenswerter Brückenschlag zwischen Musik und Bildender Kunst: mit gezeichneten Parodien aus dem Konzertleben, die noch heute Lacherfolge ernten. Sie erschienen auch in Büchern unter Titeln wie Scherzando und Hoffnungslos. Hoffnungs eigenes Hauptinstrument, die Tuba, weist da plötzlich einen Zapfhahn auf, damit sich der arme Backenbläser öfter ein Bier hinter die Binde kippen kann. Gleichwohl spielte Hoffnung die Tuba gut genug, um Ralph Vaughan Williams Tuba Concerto (1954) zu geben und im seriösen Londoner Morley College Orchestra mitzuwirken. Sein Haus entwickelte sich allmählich zum Salon für KünstlerInnen, Literaten und Freunde aller Art.

Seinen durchschlagenden Erfolg hatte der anspruchsvolle Witzbold 1956 aufgrund einer Idee, zu der ihn wahrscheinlich die April Fool's des Liverpooler Flötisten Fritz Spiegl anregten. Hoffnung verstieg sich nun dazu, in der Londoner Royal Festival Hall neuartige Konzerte zu veranstalten, die originelle Musik, beispielsweise von Malcolm Arnold, Francis Baines, Francis Chagrin, Aaron Copland, Franz Reizenstein, William Walton, mit ausgefallenem Dirigat und clownesken Einlagen der MusikerInnen boten. 1958 wurde bereits vor den ersten Orchestertönen ein Hustender erschossen und auf einer Bahre davongetragen. Die Leute waren schockiert – und lachten. Diesen Erfolg konnte der Impresario Hoffnung allerdings keine drei Jahre mehr genießen, weil ihn 1959 ein Tod durch Hirnblutung ereilte. Die beliebte Reihe The Hoffnung Music Festival wurde dann noch für einige Zeit von der Witwe des 34jährigen fortgeführt, Anetta. Ein Jahr zuvor – schon drei Stunden nach der Ankündigung des Konzertes waren sämtliche Eintrittskarten vergriffen – hatte sie in der Royal Festival Hall am Nebelhorn gesessen. Die beiden hatten sich 1950 bei Roland Emmett kennengelernt, der wie Hoffnung für Punch zeichnete. Nebenbei war Anettas Mann, seit 1955 Anhänger der religiösen Quäker-Bewegung, nicht nur für schräge Töne gut gewesen. Er trat gegen Rassismus und atomare Rüstung, für Homosexuelle und Tierschutz ein. Das Jagd- oder Waldhorn etwa fand er geeigneter, auf einen Ständer montiert dem Virtuosen, der ins Mundloch blinzelt, als Weltraumteleskop zu dienen. Als Quäker hatte er auch regelmäßig Häftlinge betreut. Anetta Hoffnung versichert 2011, nach dem unerwarteten Tod ihres Mannes hätten dutzendweise entsetzte Häftlinge angerufen, die nun ohne das gemeinsame Gelächter auskommen mußten, das ihre Zellen bei jedem Besuch Hoffnungs erschüttert hatte. Das Paar hatte zwei Kinder. Während Tochter Emily Bildhauerin wurde, blieb Sohn Benedict der Musik treu: als professioneller Orchester-Schlagzeuger.

Der Zeichner Hoffnung hatte die Pauken einmal als auf dem Rücken sich kugelnde Schildkröten gegeben, die ihre eigenen Bauchfelle betrommeln, während sie sich über die Ränder ihrer Panzer anfeuernd zunicken. Damit deutete er – vermutlich unbeabsichtigt – zugleich die ungesunden, zuweilen auch lebensgefährlichen Verrenkungen an, denen sich BerufsmusikerInnen zu unterziehen haben. Nach Schätzung Professor Christoph Wagners, Leiter des Instituts für Musikphysiologie in Hannover, leiden 50 bis 80 Prozent aller OrchestermusikerInnen an gesundheitlichen Schäden, die unmittelbar auf ihre Berufspraxis zurückzuführen seien.* Ins selbe Horn bläst der Weimarer Musikmediziner Egbert Seidel: „Profimusiker haben einen Knochen- und Muskeljob, vergleichbar dem eines Leistungssportlers“, versichert er ausgerechnet im Blatt Volksstimme.** BlechbläserInnen etwa deformieren nicht nur ihre Münder; sie setzen auch ihr Hirn enorm unter Druck. Ich nehme deshalb an, der vielgerühmte englische „klassische“ Musiker und Lehrer John Fletscher (1941–87) zog sich nicht zufällig im besten Mannesalter eine schwere Gehirnblutung zu, die ihn mit wahrscheinlich 46 ins Gras beißen ließ. Sein Instrument war das von Hoffnung gewesen, die Tuba.

Der englische „Spätromantiker“ Robin Milford (1903–59), ein verschiedentlich als altmodisch bespöttelter, von Anhängern „bezaubernd“ genannter studierter Komponist, ernährte sich hauptsächlich als Schullehrer, Organist und Musikkritiker, da seine Werke nie rauschenden Beifall fanden. Geboren in Oxford als Sohn eines Verlegers, lebte er überwiegend in London, im Dorf Butcomb bei Bristol und zuletzt im südenglischen Küstenstädtchen Lyme Regis (bei Exeter, Dorset), wo er auch starb. Milford spielte Flöte, Orgel und natürlich auch Klavier und war mit der Sopranistin und Geigerin Kirstie Newsom verheiratet. Nach Peter Hunter*** hing er stark von seiner Frau ab. Ein durchaus freundlicher und humorvoller Zeitgenosse, neigte der dunkelhaarige Komponist entgegen seiner knochig und kantig wirkenden Gestalt doch zu Sanft- und Schwermut, Verklärung seiner Kindheit, wohl auch Wehleidigkeit. Sein Selbstwertgefühl sei gering gewesen. Etliche Schicksalsschläge machten ihn dann offenbar reif für den Selbstmord. Als kurzzeitiges Mitglied der Royal Army erlitt Milford bereits nach einer Woche Dienst in einem Camp einen Nervenzusammenbruch; erste Selbstmordversuche; 1941 kam Milfords knapp sechsjähriger Sohn Barnaby bei einem Straßenverkehrsunfall um; seine Eltern starben früh, die Mutter 1940, der ihn unterstützende Vater 1952; dann der Tod seiner engen Freunde und Kollegen Gerald Finzi (1956) and Vaughan Williams (1958); ferner der Umstand, daß Oxford University Press Milfords Werke aus dem Programm nahm. Er schluckte am Jahresende 1959 eine Handvoll Tabletten, laut Hunter Aspirin. Er war 56. Mein Lieblingsstück auf der CD Chamber Music, London 2014, die ich besitze, ist ein heiteres Trio für Klarinette, Cello und Piano von 1948. Einige andere Stücke dieser Auswahl sagen mir wenig zu.

Da wir über Tubaspieler, Stabhochspringer und ähnliche schwerarbeitenden KünstlerInnen bereits gesprochen haben, brauchen wir über BallettänzerInnen nicht viel Worte zu machen. Die Quellen sind ohnehin so mager wie meist die Tänzerin. Maria Fris (1932–61) war zuletzt Primaballerina an der Hamburgischen Staatsoper und 28 Jahre alt. Spiegel 24/1961: „Sie stürzte sich vom Schnürboden des Opernhauses achtzehn Meter tief auf die Bühne. Nach einer Sehnenzerrung an beiden Fußgelenken hatte sie längere Zeit pausieren müssen.“ Eine andere dürre Quelle behauptet, der Sturz habe bei einer Probe zu Romeo und Julia stattgefunden. Vermutlich ist das bekannte Ballett von Sergei Prokofjew gemeint. In dieser Inszenierung hätte eine gesunde Fris selbstverständlich die Julia gegeben. Nun stelle man sich vor, sie fällt der Ersatzfrau genau vor die Füße oder gar auf den Kopf! Solche Details sind freilich so wenig zu erfahren wie Angaben zu denkbaren weiteren Sorgen der Tänzerin, die nicht nur ihren Knöcheln und ihrer Karriere erwuchsen. Aber kannte sie überhaupt etwas anderes als ihre Knöchel und ihre Karriere? Eine dritte dürre Quelle behauptet, die auch durch Fernsehshows berühmte Bühnenkünstlerin sei bereits „als Baby an der Seite ihrer Mutter“ in verschiedenen Filmen zu sehen gewesen.

* Focus 48/1993
** 31. Oktober 2012
*** Robin’s Life and Temperament, 2009




68 - Clemens Laar (1906–60). Neben holden Prinzessinnen und strammen Nazis galt die Vorliebe dieses Schriftstellers einem Nutz- und Freizeittier, ohne das weder der Wilde Westen noch Ostpreußen Weltaufmerksamkeit errungen hätten: dem Pferd. Das Sportlerfilmdrama … reitet für Deutschland, das sich 1941 in den Kinos des „Dritten Reiches“ als Kassenschlager entpuppte, beruhte auf einer gleichnamigen Olympiasieger-Biografie, die Laar 1936 veröffentlicht hatte. Den Krieg mit Panzern und Bombern überlebte er offensichtlich, wenn auch niemand verrät, wie er das anstellte. Auch den Pferden blieb er treu. 1951 landete er den bekannten Knüller Meines Vaters Pferde, verfilmt 1954 mit den Stars Eva Bartok, Curd Jürgens, Martin Benrath und so weiter. Erstaunlicherweise ist die Quellenlage selbst in Laars Fall schlecht. Vielleicht war er zwar prominent und reich, litt aber an Einsamkeit? Laut Spiegel (25/1960) erhängte sich Laar auf dem Balkon seiner Berliner Grunewaldvilla, als er noch keine 54 war. Auch dabei hätten Pferde ihre Hufe im Spiel gehabt: Am Vortag sei Laar bei einer Schleppjagd durch einen Ast vom Pferd geschlagen und daraufhin bewußtlos mit erheblicher Gehirnerschütterung nach Hause geschafft worden. Vielleicht griff er dann in einem frühen Kohl'schen „Blackout“ zum Strick? Der Held seines ersten Knüllers, der Freiherr und spätere „Sturmbannführer“ der SA Carl-Friedrich von Langen, war übrigens auch schon vom Pferd gefallen: 1934 beim Militaryreiten. Der 47jährige Ex-Olympiasieger mußte aber nicht Hand an sich legen, weil er seinen schweren Verletzungen erlag. Prompt bekam er eine Art Staatsbegräbnis. Laar offenbar nicht, und heute kennt ihn kein Pferd mehr.

Dafür dürfte jeder Ernest Hemingway (1899–61) kennen. Wie man hört, konnte der US-Schriftsteller alles, also auch schießen. Seine Macho-Schultern waren breit genug, um sowohl den erwähnten Wilden Westen wie das republikanische Spanien zu repräsentieren. Seine ganze Sippe war angriffslustig, großmäulig, trinkfreudig, egomanisch, legendengeil und suizidal. Dafür fehlt hier der Platz. Der zerrüttete Nobelpreisträger der Sippe erschoß sich, nach Klinikaufenthalten, Anfang Juni 1961 mit 61 in seinem Hochgebirgshaus in Ketchum, Idaho, mit seiner Lieblingsflinte. Ein Wallfahrtsort, wie sich versteht.

Der westfälische Rechtsanwalt Paul Blomert (1917–61) war auch Weid- und Ehemann. Von seinem Sozius Busso Peus, nebenbei Münsters amtierender Oberbürgermeister, dazu aufgefordert, seine privaten Verhältnisse zu ordnen, wird der ungefähr 44 Jahre alte Emporkömmling in seiner Wohnung am Hindenburgplatz im Blute liegend gefunden, im Arm ein Gewehr. Im Mittelpunkt der angeblichen Unordnung steht Blomerts attraktive, angeblich ehebrüchige Gattin. Die ehrbare Hälfte der lokalen Wählerschaft empfindet den Vorfall als durch und durch peinlich; alle Geschäfte, voran das vom Oberbürgermeister, leiden. Der Totenschein beeilte sich, beschwichtigend von einem „Unfall“ zu sprechen. Tölpelhafte, womöglich auch bösartige ErmittlerInnen bemühen sich redlich, zahlreiche Spuren zu verwischen. Eine Obduktion der Leiche findet erst nach zwei Jahren statt. Spiegel-Gerichtsreporter Gerhard Mauz: „Es geschah alles, was geeignet ist, Mißtrauen zu säen und endlich schwärzesten Verdacht heraufzubeschwören.“ Es folgte eine Eskalation, bei der sich beide Seiten im Werfen mit Schmutz, Legen von Hinterhalten und Tarnen selbstsüchtiger Motive mit Hilfe des weiten Mantels des Wirkens fürs „Gemeinwohl“ kaum nachstehen. Rund fünf Jahre später muß sich ein von Blomerts Vater angeheuerter anrüchiger Rechtsbeistand wegen lautstark vorgebrachter Mordvorwürfe (vor allem gegen die Witwe und den Bürgermeister) entschuldigen und vor einem, wie alle beteiligten Ämter, „brutalen“ Gericht, so Mauz, wegen Verleumdung oder Beleidigung verantworten – zwei Jahre Gefängnis. Das Gericht erkennt beiläufig auf Selbstmord und schließt eine (getarnte) Ermordung Blomerts aus, was die meisten BeobachterInnen, darunter offenbar auch Mauz*, durchaus einleuchtend finden. 1979 wird Günter Weigand, dem querulantischen Rechtsbeistand (auch gern als „Unruhestifter“ verdammt), im Rahmen eines Vergleiches immerhin 13.230 DM Entschädigung wegen eines Gefälligkeitsgutachtens zugesprochen, das ihn, als „gemeingefährlich“, unter anderem für drei Monate in eine Irrenanstalt geführt hatte. Der Todesfall selber blieb ungeklärt.

* Nr. 50/1979



69 - Marilyn Monroe (1926–62). Was Wunder, wenn sich ein Kind ausgesprochen liebloser und armer Leute zeitlebens nach Zuneigung und Reichtum verzehrt. Zur Klassenkämpferin taugte die blonde „Sexbombe“ nicht. Allerdings hielt sich, soweit ich weiß, auch das soziale Engagement ihres zweiten Gatten Arthur Miller, den sie 1956 geheiratet hatte, in Grenzen – Geld eingeschlossen. Nach dem Einschlag seines überragenden Dramas Der Tod des Handlungsreisenden (1949) machte er, was fast alle in dieser Lage machen: er kaufte sich einen neuen Wagen, einen Studebaker. Aber Marilyns Schmerz über die Einfahrt ihres neuen gemeinsamen Landhauses in Connecticut war Miller dann doch zuviel, wie seinen Erinnerungen Zeitkurven zu entnehmen ist. Danach hätte sie hier zu gern „das elegante Knirschen von Kieselsteinen unter den Reifen“ vernommen, „das sie aus Kalifornien kannte.“ Millers Erklärung, in Connecticut schneie es im Winter öfter, sodaß der Schneepflug den Kies nur auf die Landstraße hinausschöbe, parierte sie mit der Bemerkung, man könne doch immer wieder neuen Kies bekommen. Darauf sagte er lieber nichts, sagt er.

Gleichwohl dürfte die Eitelkeit des bestaunten Filmstars auch mit Gerechtigkeitsempfinden gepaart gewesen sein. 1966 bittet P.E.N.-Präsident Miller den britischen Geschäftsmann Davies, der gerade nach Nigeria reist, sich in seinem Namen bei General Gowon für den vom Tode bedrohten Schriftsteller Soyinka zu verwenden. Als Gowon den Bittsteller ungläubig fragt, ob dieser Miller der Dramatiker sei, der mit Marilyn Monroe verheiratet war, nickt Davies. Daraufhin ordnet der General die Freilassung Soyinkas an. Millers Kommentar: „Das wäre etwas für Marilyn gewesen!“

Das war vier Jahre nach ihrem Tod. Die 36jährige war an ihrem exzessivem Medikamentenkonsum und ihrer schon angedeuteten Kindheit gestorben. Amtlicherseits hieß es, nach einer Autopsie, „wahrscheinlich Suizid“. In Millers Erinnerungen hat sie sicherlich nicht das schlechteste Denkmal gefunden, war dieser Mann doch als Schriftsteller wie als Psychologe gleichermaßen gut beschlagen.

Damit zu einem angeblichem „Trivialroman“. Ich habe ihn nicht gelesen. Dafür halte ich es nicht für unwahrscheinlich, daß Grace Metalious' (1924–64) „aufregender, schmutziger“ Erstling, so Biografin Emily Toth, auch von Monroe verschlungen worden war. Peyton Place hatte 1956, im Jahr ihrer Heirat mit Miller, beträchtliches Aufsehen erregt. Der Roman schilderte den in Heuchelei gebundenen Strauß aus sexueller Ausschweifung, Abtreibung, Drogenkonsum, Korruption und Gewalttätigkeit, der in den Häuschen der fiktiven neuengländischen Kleinstadt, wo sich sein Geschehen zutrug, nicht gerade in den Fenstern stand. Kinder wie Greg Hatfield mußten das Buch im Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke lesen, wie er 2013 erzählt. Ihm zufolge wurden bis heute rund 40 Millionen Exemplare von Peyton Place verkauft. Schon ein Jahr nach Erscheinen brachte Hollywood eine wenn auch entschärfte Fassung in die Kinos (Regie Mark Robson).

Anläßlich der deutschen Rowohlt-Ausgabe (Die Leute von Peyton Place) sprach der Spiegel 1958 von einem forsch und kunstlos erzählten Schlüssellochroman. Grace Metalious, die Schöpferin des Verkaufsschlagers, bis dahin Hausfrau und Mutter mit abenteuerlichen Träumen und sogar Affären, hielt Literaturkritikern entgegen, wenn sie eine erbärmliche Schriftstellerin sei, dann besäßen eine Menge Leute einen erbärmlichen Geschmack. Metalious war aus ärmlichen und zerrütteten Verhältnissen gekommen. Als ihr Vater, ein Matrose, auf Nimmerwiedersehen vom häuslichen Deck verschwand, war sie 10. In den gleichen Verhältnissen endete sie auch wieder, nachdem sie vorübergehend ähnlich wohlhabend und glücklich verheiratet wie Monroe gewesen war. „Warm“ Novel Raises Cain in N.H. Town, titelten die Blätter beim Debüt der 32jährigen. MitbürgerInnen aus Gilmanton, New Hampshire, und andere Leute, die sich selbst, ihr Heimatstädtchen oder die ganze US-Ostküste durch Metalious' Werk in Verruf gebracht wähnen, überziehen sie mit Beschimpfungen oder gleich Verleumdungsklagen, darunter sogar ihre eigene Mutter. Ihr Gatte verliert seinen Posten als Schuldirektor, die Ehe (drei Kinder) zerbricht. Auch ihre nächste Ehe, mit einem Disk Jockey, hält nicht lange. Versuche, weitere Bestseller zu schreiben, mißlingen ihr, wie zumindest die Kritik befindet. Die stämmige Frau, die sich meist in Blue Jeans zeigt und von Bekannten als ungezügelt und freigeistig, aber auch gutgläubig und einfältig beschrieben wird, verfällt dem Alkohol, häuft Schulden und Liebschaften an. Toth zufolge seufzt sie einmal in hübscher Verharmlosung ihres tristen Vorlebens: „Könnte ich die Sache noch einmal tun, wäre es einfacher arm zu bleiben. Vor meinem Erfolg war ich glücklich wie fast jedermann.“

So erstaunt es wenig, wenn eine Wiederverheiratung mit ihrem ersten Mann keine Wende bringt. 1964, zwei Jahre nach Monroes Abgang, ist Metalious' Gesundheits- und Gemütszustand für ein verfrühtes Ableben reif. Die Lexika sprechen von einer Leberzirrhose oder gleich davon, sie habe sich zu Tode gesoffen. Sie wurde 39. Die berühmtesten Sätze ihres Hauptwerkes sollen dessen Auftaktsätze sein: „Indian summer is like a woman. Ripe, hotly passionate, but fickle*, she comes and goes as she pleases so that one is never sure whether she will come at all, nor for how long she will stay.“

* wechselhaft, launisch, unzuverlässig u.ä.



70 - Philip Graham (1915–63), Rechtsanwalt und „demokratisch“ gestimmter US-Medienzar. Sein Aufstieg wurde 1940 erheblich beschleunigt, als er sich die steinreiche Eignerin der Washington Post zur Gattin angelte. Im Weltkrieg bringt es Graham als „Nachrichtenspezialist“ (sprich: Geheimdienstler und Gehirnwäscher) bis zum Major. Bald gebietet er auch über einige Rundfunk- und Fernsehstationen. In der Bundeshauptstadt ansässig, ist er unter anderem Freund oder Strippenzieher von J. F. Kennedy, L. B. Johnson, Douglas Dillon. Aber wohl auch der CIA, der Kennedy bekanntlich eher ein Dorn im Auge war. Dabei habe Graham auch „eng“ mit Frank Wisner zusammengearbeitet, heißt es bei Spartacus Educational*. Auf Wisner komme ich gleich zurück. Spätestens im Lauf der 50er Jahre soll Graham zunehmend Anzeichen seelischer Erkrankung gezeigt haben, „manisch-depressiv“, verbunden mit Trunksucht, worunter verständlicherweise auch seine Ehe litt. Ein Gipfel muß seine um 1962 eingegangene „Affäre“ mit Newsweek-Reporter Robin Webb, also einem Mann, gewesen sein. Als er sich einmal in Webbs Begleitung und mit einem Mikrofon vor der Nase anschickte, auf einer Konferenz in Phoenix, Texas, in angeblich „manischer“ Verfassung über Kennedys (mutmaßliche) Liebesgeschichten zu „referieren“, arrangierten Grahams Assistent James Truitt und Kennedy aus der Ferne blitzschnell einen Kaperflug der Präsidentenmaschine, um Plaudertasche Graham aus Texas zu entfernen und in die bekannte Nervenklink Chestnut Lodge in Maryland zu verfrachten.** Es folgten weitere Klinikaufenthalte. Im August 1963 vorübergehend entlassen, erschießt sich der inzwischen 48jährige Graham in einem Badezimmer seiner Farm in Marshall, Virginia, mit einer Flinte. So jedenfalls die amtliche Version.

Bei solchen Fällen der Kombination von Wahnsinn und Machtpolitik läßt sich natürlich häufig kaum feststellen, was eher da war, Huhn oder Ei. Tritt noch „Selbstmord“ hinzu, darf man wohl darauf wetten, in sieben von 10 Fällen hätten gemeinnützige sogenannte „Dienste“ ihre Finger im Spiel oder gar am Abzug gehabt. Beweisen läßt sich da naturgemäß wenig; andernfalls hätte das Wort Geheimdienst seinen Gehalt verfehlt. Den führenden CIA-Spion Frank Gardiner Wisner (1909–65) erwischt es zwei Jahre nach Graham mit 56 Jahren auf seinem Landsitz an der Atlantikküste Marylands. Er war leidenschaftlicher Weltverbesserer und Kalter Krieger. Knapp 10 Jahre voher, möglicherweise nicht unbeeinflußt vom Scheitern des ungarischen „Volksaufstandes“ (1956), soll er einen Nervenzusammenbruch erlitten haben, worauf ihm die Weißkittel eine „psychotische Manie“ bescheinigten. Er blieb in Behandlung, Elektroschocks eingeschlossen. 1959 wurde er nach London abgeschoben, wo er, bis 1962, das dortige CIA-Büro leitete. Dann wurde er, Tim Weiner zufolge***, wegen (angeblich) fortschreitender Verwirrung zurück in die Heimat geschickt und zwangspensioniert. Auf seinem Landsitz war er Ende Oktober 1965 mit einem (jüngeren) alten Freund und Arbeitskollegen zur Jagd verabredet. Bei diesem Aufenthalt versetzte sich Wisner mit seiner Schrotflinte einen Schuß in den Kopf, falls es so war. Der Freund soll William Joseph „Joe“ Bryan gewesen sein, ausgerechnet ein Militär-Psychiater, der bei seinen Patienten auch Hypnose einzusetzen pflegte. Laut Annie Jacobsen (2011) traf er aber erst nach Wisners Kopfschuß auf dem Landsitz ein – vielleicht diesmal von der Seeseite her … Man wundert sich nicht, wenn Bryan ebenfalls nicht alt wurde. Der vermutlich 51jährige sei 1977 tot in einem Hotelzimmer in Las Vegas, Nevada, aufgefunden worden, heißt es in der englischen Wikipedia.

* John Simkin, 1997/2014
** Matt Bevilacqua, Washington City Paper, 3. August 2011
*** CIA. Die ganze Geschichte, deutsche Ausgabe Ffm 2008, S. 214 & 355




71 - Martha Hadinsky (1911–63), eine Schicksalsgenossin von Emil Büge, siehe oben. Ich habe sie 2012 hier behandelt.



72 - Hans Gruhl (1921–66), Arzt & Krimiautor – mit 44 gestorben an einem unglücklichen Oktobertag in München durch angebliche Probe einer Erschießung am Schreibtisch: Dabei habe er wohl übersehen, daß zwar die Trommel, nicht aber der Lauf der Pistole patronenfrei gewesen sei. Für diese Sicht wirft Lexikograf* Reinhard Jahn (H. P. Karr) lediglich eine undatierte angebliche „Autorennotiz“ des (Berliner) Senders Radio 88.8** in die Waagschale, die wiederum verschwommen davon spricht, diese Darstellung sei nach dem Unglück „Freunden“ gegeben worden … Ja, von wem denn welchen denn? Standen die Gewährsleute neben dem Schreibtisch? Es müßte sich bei dem Opfer wohl noch nicht einmal um einen Mediziner und Kriminalschriftsteller handeln, wenn hier nicht jeder aufgeweckte Mensch die Stirn runzeln würde. Somit ziehe ich der Unfallmeldung einstweilen die Annahme vor, Gruhl, von dem außer Beruflichem buchstäblich nichts zu erfahren ist, habe sich am schicksalsträchtigen Tage mit einem eigenen Titel von 1964*** gesagt: Nimm Platz und stirb, mein Freund ...

* Lexikon der deutschen Krimi-Autoren, Stand 2012
** Bis 1992 SFB, also auf keinen Fall eine zeitgenössische Quelle
*** als Hörspiel erstmals ausgestrahlt – ausgerechnet vom SFB




73 - Brian Epstein (1934–67), erster Manager und Melker der Beatles, offiziell verunglückt, daher Artikel im LdU.



74 - Al Mulock (1926–68), kanadischer Schauspieler. Zwar konnte er nach Bühnenmißerfolgen im Filmgeschäft Fuß fassen, doch nie als Star. Die Italo-Western-Welle schwemmte den Mann, dem gelegentlich ein unglaubliches Gesicht bescheinigt worden war, immerhin noch in erhebende Nebenrollen. Die Krönung stellte 1968 Sergio Leones vorwiegend in Spanien gedrehter Streifen Spiel mir das Lied vom Tod dar. Hier hatte Mulock gleich im Vorspiel am legendären Wüstenbahnhof als 3. Pistolenheld „Knuckles“ im Verein mit zwei anderen, genauso schweigsamen Galgenvögeln die Ankunft des Stars Charles Bronson alias „Mundharmonika“ zu erwarten. Es war sein letzter Film. Gegen Ende der Dreharbeiten warf sich Mulock im andalusischen Städtchen Guadix aus zunächst rätselhaften Gründen, dafür in seinem wohlbekanntem Filmkostüm vom Dach eines wahrscheinlich viergeschossigen Gebäudes, das der Crew als Herberge diente. Kollegen beobachteten den Sturz oder den Aufprall. Mulock war 41 und starb auf der langen, holprigen Autofahrt zum nächsten Hospital. Von seiner Ehefrau, die im Vorjahr einer Krebserkrankung erlegen war, lebte er schon seit längerem getrennt. Drehbuchautor Mickey Knox enthüllte oder behauptete später (2004) in einem Buch, Mulock sei drogensüchtig und am Todestag verzweifelt darüber gewesen, daß in der verdammten Wüstengegend kein Stoff mehr zu bekommen war.

Alkohol wird es wohl kaum gewesen sein. Da hatte es der britische Komiker Tony Hancock (1924–68) leichter. Aufgewachsen in Birmingham, anfänglich Bauchredner, wurde er im Laufe der 50er Jahre durch Rundfunk- und Fernsehsendungen der Londoner BBC bekannt, die Situationskomik boten. Einerseits sah Hancock ohne Zweifel knuffig aus. Andererseits hatte er ständig mit der Flasche in der Hand zu tun, to Send Away The Tigers, so ein Spruch von ihm, den eine walisische Rockgruppe 2007 zum Albumtitel erhob. Wie er einmal erläuterte, meinte der Komiker mit den Tigern die „inneren Dämonen“, die zu entfernen ihm mit Hilfe des Bauchredens offensichtlich noch nicht gelungen war, weshalb er sie im Alkohol zu ertränken suchte. Hancock war gespalten und größenwahnsinnig wie alle „genialen“ KünstlerInnen, dazu, im Suff, aggressiv. Ein Autounfall, bei dem er durch die Windschutzscheibe flog, Zerwürfnisse mit Filmpartnern oder Skriptautoren, Beutelungen in etlichen Ehen oder Liebschaften und ständig abnehmende Nachfrage waren wenig geeignet, seinen Alkoholkonsum einzudämmen. Seine zweite Ehefrau Freda „Freddie“ Ross, die auch seine Managerin war, verließ ihn nach langen Kämpfen gegen seine Tiger 1966. Hancock wechselte die Tapete über den Tigern: er ging nach Australien, um fürs dortige Fernsehen zu arbeiten. Er schlug aber nicht mehr ein. Freddie rang sich schließlich auch zur Scheidungsklage durch und ging zum Gericht. Drei Tage darauf, Ende Juni 1968, brachte sich der 44jährige „Absteiger“ in seinem angeblich recht verwahrlosten Apartement in einem Vorort von Sydney um. Laut Olga Craig* war es „as in life, so in death, his best friends sat at his bedside: vodka by his right hand, amphetamines by his left.“

Die Münchener Fernsehansagerin Ulla Melchinger (1932–69), ursprünglich Bürokraft und Mannequin eines Sportartikelherstellers, gehörte in den 5oer Jahren zu den bevorzugten Adretten des Bayerischen Rundfunks (BR). „Knuckles“ wollte man da nicht. Durch eine Rolle in einem Lehrfilm wurde Melchinger dazu verführt, eine Laufbahn als Schauspielerin einzuschlagen, was ihr aber, nach einigen Nebenrollen um 1955, offensichtlich mißglückte. Der Weg zurück in die Ansagerei war ihr inzwischen versperrt. Möglicherweise blieb ihr nur die Ehe. Seit 1966 soll sie mit einem etwas jüngeren Dr. Klaus L. verheiratet gewesen sein, der erst 2005 starb. Sie selber warf sich, angeblich und wenig vorbildlich, im Mai 1969 vor einen Zug. Wo und warum, war nicht zu ermitteln. Die ungefähr 37jährige hinterließ, neben dem Witwer, ein Kind. Dessen Name ist ebenfalls unbekannt, sonst hätte ich es, wahrscheinlich vergeblich, angeschrieben.

* im Londoner Telegraph am 10. November 2004



75 - John Kennedy Toole (1937–69), US-Schriftsteller, der seinen Ruhm nicht mehr erlebte.

Sein polnisch-stämmiger Berufskollege Marek Hłasko (1934–69) hatte neben Ruhm Schuldgefühle, siehe im LdU unter >Komeda, Krzysztof.

Der peruanische Anthropologe und Erzähler José María Arguedas (1911–69), ein Mestize (=Mischling), war in einem knapp 3.000 Meter hoch gelegenen Andenstädtchen unter Indios aufgewachsen und sprach sowohl Quechua wie Spanisch. Der indigenen Kultur und Würde galt denn auch seine Hauptarbeit, ob als Lehrer, Ministerialbeamter oder Hochschulprofessor (in Lima). Als Sohn eines Rechtsanwaltes und Richters, der oft außer Haus war, hatte er vor allem unter seiner Stiefmutter und seinem Stiefbruder gelitten. Die leibliche Mutter war gestorben, als er zwei war. 1925, als Knabe, schlug ihn ein Unfall an einem Mühlrad oder dergleichen mit einer verkrüppelten Hand. Zu allem Unglück soll er in körperlicher Hinsicht nie groß geworden sein, siehe unten. Arguedas stand zumindest zeitweise der KP nahe. 1937/38 saß er für acht Monate wegen Straßenprotesten gegen Abgesandte Mussolinis im Gefängnis. Seit ungefähr 1944 wurde er wiederholt von seelischen, mit Angst und Schlaflosigkeit verbundenen Tiefs heimgesucht. Einen ersten Selbstmordversuch unternahm er 1966 mit Barbituraten. Ende 1969 schließt er sich in einem Badezimmer der Hochschule ein und schießt sich in den Kopf. Der 58jährige gelehrte Mentor der Eingeborenen stirbt erst nach fünf qualvollen Tagen.

Arguedas konnte sich etliche Auslandsreisen leisten, darunter nach Westberlin, Kuba, Chile. Hier ist er bei einer Psychotherapeutin in Behandlung. Der Schriftsteller war 1966, nach 1939, eine zweite Ehe eingegangen. Als sein „Meisterwerk“ wird in der Regel sein preisgekrönter autobiografisch geprägter Roman Die tiefen Flüsse (Los ríos profundos) von 1958 genannt, der auf Spanisch geschrieben ist. Habe ich richtig verstanden, deuten Arguedas' Abschiedsbriefe auch Unzufriedenheit mit seinem literarischem Schaffen, vielleicht auch nur dem Echo darauf an. Nach dem Übersetzer und Herausgeber Luis Harss* hatte er mit „modern“ gestimmten, gefeierten Kollegen wie dem argentinisch-stämmigem Pariser Julio Cortázar und dem Landsmann Mario Vargas Llosa Streit gehabt, wohl wegen seines „indigenen“ Hinterwäldlertums, aber da mische ich mich lieber nicht ein. Interessant ist ein persönlicher Eindruck von Harss aus Kalifornien, der freilich mehr gegen Harss als gegen Arguedas sprechen könnte.
In einer Ecke stand ein sehr seltsamer, sehr kleiner und dunkler Mann und spielte auf einer Flöte. Er wirkte wie jemand aus dem Himalaja oder aus den Anden ..[..].. Seine Gegenwart löste ein Gefühl der Beklemmung in mir aus, geradezu tödliche Angst. Ich habe ihn nie wieder gesehen, aber dieses Bild eines einsamen Menschen ist mir geblieben. Arguedas ist nie aus dem Schatten herausgetreten, er wirkte verloren und hilflos, als wäre er an dem Versuch, seine Welt in Worte zu fassen, zugrunde gegangen.
Übrigens erwähnt Harss schon wieder den nächsten Selbstmörder, über den allerdings so gut wie nichts zu erfahren ist: den auf Lateinamerika spezialisierten Lektor des New Yorker Verlages Harper & Row Roger Klein. Als Schwuler habe Klein unter der damals üblichen Ächtung der Homosexualität gelitten und sich umgebracht, offenbar um 1965.

* NZZ, 21. Juni 2008



76 - Herbert Huber (1944–70), österreichischer Skirennläufer, zeitweise vor allem im Slalom auch international erfolgreich. 1968 noch Olympiazweiter („Silber“) in Grenoble, Frankreich, wurde der 25 Jahre alte Leistungssportler Mitte Juli 1970 in seiner Kitzbühler Wohnung erhängt aufgefunden. Da die Angehörigen, Braut eingeschlossen, beteuerten*, er sei in jüngster Zeit wieder recht guter Dinge gewesen, scheint sich in Hubers Fall eine empfindliche „Niederlage“ auf Schnee mit einem Wasserunglück verbunden zu haben, das ihn nur mittelbar betraf. Im Februar war der Tiroler bei der Weltmeisterschaft in Gröden, Italien, in einem Qualifikationslauf gescheitert, sodaß er wieder, diesmal vom Teamarzt begleitet, nach Hause fahren mußte, wo er sich mit „Nervenzusammenbruch“ in die Obhut seines Hausarztes begab. Mit Sommerbeginn konnte er immerhin seine Berufstätigkeit als Bademeister im Schwimmbad Schwarzsee wieder aufnehmen. Doch wenige Tage vor seinem Griff nach dem Strick ertrank ebendort ein Badegast. Obwohl er daran „keinerlei Schuld“ getragen habe, dürfte sich Bademeister Huber den Vorfall „so sehr zu Herzen genommen haben, daß er Selbstmord verübte“, schreibt das Wiener Blatt. Da auch sein Hausarzt, angesichts des Erhängten, „vor einem Rätsel“ stand, nehme ich an, Huber hatte keine Erklärungen abgegeben. Dies alles war der Webseite seines Heimatvereins KSC zu detailversessen, weshalb sie in einem Gedenkartikel** schlicht davon spricht, Huber sei am 15. Juli 1970, offenbar aus heiterem Himmel, „verstorben“. Vielleicht hat den Artikel kein Leistungssportler, vielmehr ein Schlappschwanz verfaßt.

* laut Wiener Arbeiter-Zeitung vom 17. Juli 1970
** vom 14. Dezember 2014, Stand Oktober 2016




77 - Janis Joplin (1943–70). Wer hätte von dem wenig attraktiven, etwas pummeligen Teenager aus Texas geglaubt, er werde sich 1966, von San Francisco aus, gleichsam über Nacht zur Hippi-Ikone und zur angeblich größten weißen Bluessängerin aller Zeiten mausern? Joplins brave Mittelstandseltern bestimmt nicht. Die strichen nur gern die Tantiemen ein, als die 27jährige 1970 schon wieder abgetreten war, endgültig. „Janis starb nicht an einer Überdosis Heroin. Sie starb an einer Überdosis Janis“, soll ihr Kollege Eric Burdon bemerkt haben. Die Eltern hatten Janis nur als aufmüpfig und eigensinnig, unsicher und geltungssüchtig gekannt. Nach den ersten Hits kauft sich die häufig betrunkene Beschwörerin von Liebe und Frieden einen raketenschnellen Porsche, der sie freilich auch nicht stromlinienförmiger macht. Aus dem Abstand (des Alt-Hippis) heraus betrachtet, haben Joplins Auftritte etwas Peinliches. Sie wirken aufdringlich und unterwürfig zugleich. Eine Mischung aus Hure und Heilige, ohne daß sie für beide Rollen das Zeug gehabt hätte. Aber sie wurde angehimmelt. Vielleicht nahmen die Kids sie einfach als Inkarnation der wunderbaren Aussicht, man könne es auch mit fast nichts zu großer Aufmerksamkeit und großem Ansehen bringen. Fast nichts, außer der hysterischen Reibeisenstimme. Oder man könne es trotz der ungünstigen Mitgift, trotz breitem Gesicht, Akne, dürrer Brust und so weiter. Aber die Unsicherheit bleibt. Das Mißtrauen, die Schlabber-Kleidung würde durchschaut, die Blues-Röhre genüge den Ansprüchen nicht, man heuchele die Bewunderung nur. Das Mißtrauen höhlt aus und ins Loch wird Alkohol geschüttet oder Heroin gepumpt. Es konnte nie zweifelsfrei festgestellt werden, ob ihr die Dealer die Überdosis nicht doch von sich oder Dritten aus unterjubelten, aber Joplins Gemütszustand und dazu die Tatsache, daß sie vier Tage vor ihrem Tod ihr Testament unterzeichnete, machen einen Selbstmord sehr wahrscheinlich.

Möge sie hier als Stellvertreterin genügen, denn es gibt ja viel zu viele BühnenabstürzlerInnen dieser Art. Eine Heraushebung verdient vielleicht noch US-Protestsänger Phil Ochs (1940–76), ein wichtiger Vietnamkriegsgegner und Allendeanhänger. Allerdings hatte der Arztsohn neben einer hübschen klangvollen Stimme einen Zurück-zu-John-Wayne-Knopf im Kopf. In seinen letzten Jahren verfiel er zielsicher dem Alkohol und, wahrscheinlich in der Nachfolge seines kranken Vaters, der Geistestrübung und erhängte sich mit 35 im Haus seiner Schwester in New York City. In seinen Anfängen war er mit Bob Dylan befreundet gewesen. Der hat sich bislang, soweit ich weiß, noch nicht erhängt, obwohl er neuerdings sogar zu den Literaturnobelpreisträgern zählt.



78 - Bernward Vesper (1938–71). Der Apfel fällt nicht immer nah am Stamm. Zwar wurde Vesper wie sein Vater Schriftsteller, doch auf der anderen Seite der Barrikade. Der lieblose Wilhelm „Will“ Vesper war nämlich „völkisch“ gestimmt gewesen. Im faschistischen Berlin hatte Vesper senior neben dem oben behandelten Von Münchhausen in der gesäuberten „Akademie der Künste“ gesessen; auf seinem niedersächsischen Gut Triangel bei Gifhorn seinen Sprößling geknechtet. Also entwickelte sich dieser zum „Antiautoritären“ und „Linksradikalen“. Nach einer Verlagsbuchhändlerlehre studierte er in Tübingen und Berlin Germanistik. In Berlin, im Mai 1967, wurde auch sein Sohn Felix Ensslin geboren. Seinen bis dahin zurückgelegten Weg der Befreiung versuchte er nun in seinem Prosamanuskript Die Reise darzulegen, das unvollendet blieb, 1977 gleichwohl posthum veröffentlicht wurde und seitdem als wichtiges Dokument „der 1968er“ gilt. Aus Gründen, die ich nicht beurteilen kann, gelang es dem stets um Beachtung buhlenden, streckenweise größenwahnsinnigen Vesper („Ich bin ein kaputter Typ“) allerdings nicht, seine Desintegration, seinen Zusammenbruch zu verhindern. Wahrscheinlich bietet in dieser Hinsicht das 2005 veröffentlichte Erinnerungsbuch Vor der Reise von Henner Voss Aufschluß, der mit Vesper zeitweilig befreundet war. Daneben liegt das Bild vom langen Baumschatten des Vaters auf der Hand. Nachdem er Anfang 1971, vermutlich auf LSD-Trip, die Wohnung von Münchener Freunden verwüstet hatte, wurde Vesper in die Psychatrie in Haar eingewiesen. Etwas später brachte man ihn in eine Hamburger Anstalt. Dort nahm sich der 32jährige im Mai des Jahres mit Hilfe von Schlaftabletten das Leben.

Die Mutter von Sohn Felix war Gudrun Ensslin (1940–77). Vespers Beziehung mit ihr zerbrach bald nach der Geburt. Anfang 1968 ging Ensslin zu Andreas Baader (1943–77) und dem gemeinsamen politisch-militärischem Projekt RAF über, während Vesper die Aufgabe der persönlichen Befreiung hochhielt – vor allem im Schreiben. Die beiden UntergrundkämpferInnen, 37 und 34 Jahre alt, kamen bekanntlich im Oktober 1977 im Stuttgarter Hochsicherheitsgefängnis Stammheim um, offiziell durch „Suizid“.

Die heikle Kindheit, die Felix Ensslin (durch Geburt) zugewiesen worden war, sollte man niemandem wünschen. Als Pate wurde ihm Rudi Dutschke verordnet. Auch diese Nähe, um im Bild des Apfels zu bleiben, hat offenbar wenig auf ihn abgefärbt; eher wirkte sie abschreckend. Zunächst entfachten die Eltern des Knirpses einen längeren Sorgerechtsstreit. Mit vier Jahren kam er in eine Pflegefamilie im schwäbischen Undingen. In einem dortigen Steinbruch ereilte ihn als Schulbub bei der Suche nach Fossilien das nächste Unglück, wie er 2010 in einem Interview berichtet.* Er habe aus Versehen mit seinem Hammer „auf eine Kanüle mit konzentrierter Salzsäure gehauen, die vermutlich aus einem alten Feuerlöscher stammte. Das Ding ist mir ins Gesicht explodiert. Daher stammen meine Narben.“ Aus Ensslins übrigen Äußerungen läßt sich schließen, dies alles habe weder zu seiner eigenen Explosion noch zu Demut geführt. Er wurde ein schulmeisterlich klingender, wenn auch offenbar leicht reizbarer Professor für Ästhetik und Kunstvermittlung an der Stuttgarter Kunstakademie. Außerdem ist er Patriot. Am Ende des Interviews drückt er der deutschen Fußball-Nationalmannschaft die Daumen für den Kampf um die Weltmeisterschaft.

Der Mann, der auf Felix Ensslins Paten schoß, hieß Josef Bachmann (1944–70) und erstickte sich im Gefängnis, siehe Erledigt? Kapitel 141.

Der weltberühmte Wiener Psychoanalytiker Bruno Bettelheim (1903–90), Jude und zeitweilig KZ-Häftling, erstickte sich in seiner zweiten Heimat USA mit 86 Jahren, nachdem ihn ein Schlaganfall ereilt hatte. Etliche Gründe für diesen Schritt, darunter die Schuldgefühle und die Niedergeschlagenheit des KZ-Überlebenden und die Ohnmacht des Alternden, gehen aus einem Aufsatz** seines Berufskollegen und Freundes David James Fisher aus Los Angeles, Kalifornien, hervor, den ich zur Lektüre empfehle. Der Aufsatz ist auch in allgemeinerer Hinsicht aufschlußreich. Bettelheims Denken kreiste bereits seit einigen Jahren um die Frage, ob und wie er sich umbringen könnte. Er erwog zahlreiche Methoden; Fisher nennt ein paar. Bettelheim verwarf sie allesamt, weil sie ihm zu unsicher erschienen und ihm womöglich noch mehr Leid eingetragen hätten, als er sowieso schon hatte. Zuletzt plante er eine Reise nach Holland in Begleitung seines Sohnes, um sich dort von einem Arzt „legal“ einschläfern (vergiften) zu lassen, doch ärgerlicher- und witzigerweise wurde der betreffende Arzt überraschend Opfer eines tödlichen Herzinfarktes. Darauf griff Bettelheim (im März 1990) zu Hause nach Alkohol, Tabletten und einer Plastiktüte und erstickte sich. „Medizinische Experten“, so Fisher, „widersprechen sich in der Beurteilung dieser Selbstmordmethode.“ Manche sagten, es gehe relativ rasch und schmerzlos; andere verträten die Ansicht, Ersticken sei eine schrecklich gewaltsame und schwere Todesart.

Da Bettelheim bei seinem erfolgreichem Selbstmord offensichtlich ohne Beistand war, weiß kein Mensch, wie gering oder hoch er diesen Erfolg bezahlte. Im Internet kursieren Zeitangaben über das Ersticken von ein oder zwei Minuten bis ein oder zwei Stunden. Viel Vergnügen! Beruhigungs- oder Schlaftabletten werden, für alle Fälle, wiederholt empfohlen. Jemand schlägt vor, die Tüte mit Gas, etwa Helium zu füllen; ein anderer warnt vor einer dünnen Tüte, weil, durch die letzten Atemzüge des Todeskandidaten, andernfalls Einzugsgefahr bestünde. Dann hat man die Tüte vielleicht in der Stirnhöhle und atmet immer noch. Ich möchte dadurch lediglich erneut dem Märchenglauben entgegentreten, sei der Selbstmörder erst einmal entschlossen, sei die Tat, „in technischer Hinsicht“, ein Kinderspiel. Pustekuchen ist sie. Wobei sich die Frage der Ausführung selbstverständlich gar nicht von der Frage des Entschlusses trennen läßt. Bei manchen Selbstmordkandidaten hat man den Eindruck, ihr Sichdurchringen zu der einen oder anderen, hoffentlich „todsicheren“ Methode beschere ihnen mehr Qualen als ihr Sterben. Am einfachsten haben es die Optimisten. Sie lassen es sein, beißen die Zähne zusammen und hoffen auf ein Wunder. Vielleicht haben ja Hillary Clinton oder Donald Trump ein Einsehen und schicken ihnen schon anderntags eine Drohne.

* Stuttgarter Zeitung, 10. Juni 2010
** „Der Selbstmord eines Überlebenden: Einige private Wahrnehmungen zu Bruno Bettelheims Freitod“, 2010




79 - Jean Bosc (1924–73). Der Sohn von südfranzösischen Weinbauern war als Soldat des Indochinakrieges für sein restliches Leben gesundheitlich geschädigt, im übrigen Antimilitarist geworden. Ab 1952 machte er in Paris, obwohl oder weil „Autodidakt“, als Zeichner, zunächst nur für Paris Match, rasch Karriere. Seine dicknasigen Strichmännchen kamen meist ohne Worte aus. Sie gingen um die Welt. 1965 zog sich der eher hagere Künstler in seine Heimat zurück, genauer nach Antibes, Côte d’Azur. Hier stellte er das Kunstschaffen bald ein, ohne dadurch, wie es aussieht, der Ungeselligkeit oder dem Hungertod anheimzufallen. Stattdessen brachte er sich, nicht unbeeinflußt von seiner „Indochina-Depression“, im Mai 1973, inzwischen 48 Jahre alt, mit Hilfe einer Schußwaffe um. Wenige Tage vorher soll er die damals noch eher prophetischen Worte gesprochen haben: „Was einen so entmutigt, ist die Tatsache, daß alles, was wir in unseren Zeichnungen andeuten und propagieren wollen, im Gelächter der Verblödung und Gleichgültigkeit untergeht. Alles perlt glatt und spurlos ab wie ein Regentropfen von einem Ölmantel.“ 1959 hatte Bosc Passanten, darunter auch Kinder, gezeichnet, die durchweg mit umgehängter Musikquelle und Kopfhörer auf den Ohren aneinander vorbeilaufen – eine hellsichtige Smartphonie. Auch die beiden Bosc-Arbeiten, die angeblich alternativ als Grabschmuck vorgesehen waren, haben es in sich. Links die Lächerlichkeit des Lebens, rechts die Einsamkeit des Todes. Die Kuh entnahm Bosc der zeitgenössischen Käsewerbung. Die Wegkreuzung war schon älter.

Kollege Chaval (1915–68) blieb in Paris. Ebendort brachte er sich mit knapp 53 Jahren gleichfalls um. 1942 soll er sich durch antisemitische Karikaturen in einem nazifreundlichen Blatt bei Linken unbeliebt gemacht haben. Das wurde ihm aber offenbar verziehen. Ab ungefähr 1954 brachte er Buch um Buch auf den Markt. 1968, bald nach dem Selbstmord seiner Frau, die er angeblich langjährig „betrogen“ hatte, folgte er ihr, indem er ein Warnschild vor Explosionsgefahr an die Wohnungstür hängte und das Gas aufdrehte.

Die japanische Manga-Zeichnerin Hanako Yamada (1967–92) war noch keine 25, als sie sich, wohl in Tokio, aus einem im 11. Stock gelegenen Apartementfenster warf. Angeblich war ihr vorher in einer psychiatrischen Klinik „Schizophrenie“ bescheinigt worden. Sie soll schon früher Selbstmord versucht haben. Neben Comics hatte sie auch Kurzgeschichten veröffentlicht. Der besonderen Härte in der japanischen, fast industriell organisierten Bildgeschichten-Branche, von der öfter zu lesen ist, sind freilich nicht viele junge KünstlerInnen gewachsen. Drogenkonsum aller Art ist weit verbreitet.



80 - Christine Chubbuck (1944–74). Die studierte US-Journalistin aus Ohio war zuletzt, bis zu ihrem Tod, als Reporterin und Moderatorin in Sarisota, Florida, beim Fernsehsender WXLT-TV tätig, auch Channel 40 genannt. In ihrer Vormittagssendung Suncoast Digest des 15. Juli 1974, einem Montag, faßte die 29jährige einen folgenschweren, offensichtlich halb spontanen Entschluß. Als die Filmrolle mit dem Bericht über eine Schießerei in einem Restaurant des örtlichen Flughafens klemmte, schaltete Kamerafrau Shay Taylor zur Moderatorin der Show zurück. Daraufhin teilte Chubbuck ihrem Publikum schlagfertig mit, gemäß der Tradition des Senders, sie stets mit den frischsten Blut- und Ekelvorfällen „in living color“ zu versorgen, sähen die Damen und Herren zu Hause nun alternativ einen Selbstmordversuch. Schon setzte sie sich, laut Sarasota Herald-Tribune vom nächsten Tage, den Lauf einer Pistole hinters rechte Ohr, drückte ab und fiel, von ihrem wehenden langen schwarzen Haar begleitet, mit dem Oberkörper vornüber, also gleichsam dem Fernsehpublikum in den Schoß. Dann sorgte der geistesgegenwärtige Technische Leiter dafür, daß auch der Bildschirm schwarz wurde. Aber von dem vorausgehenden Knall dürften noch alle Teelöffel in Floridas Küchen gezittert haben. Chubbuck hatte die Pistole aus einer unter ihrem Pult verborgenen Einkaufstasche gezogen. Nun tobten die Telefone des Senders. Chubbuck starb noch am selben Tag im Krankenhaus.

In den zurückliegenden Wochen hatte sie in Übereinstimmung mit ihren Vorgesetzten an einer Sendung zum Thema Selbstmord gearbeitet und sich in diesem Rahmen beiläufig beim Sheriff nach der sichersten Methode des Sicherschießens erkundigt. Angeblich hatte sie seit Jahren mit „Depressionen“ zu kämpfen und war deshalb auch schon häufig in Behandlung gewesen. Ihr jüngerer Bruder Greg sprach oder spricht* von „bipolar disorder“. Sie sei Perfektionistin mit makaberem Humor gewesen; vielseitig begabt, jedoch unstet; viel bewundert, aber mit Selbstzweifeln geschlagen. Die attraktive Frau habe nicht verhehlt, noch immer „Jungfrau“ zu sein, doch entsprechende Annäherungsversuche zerstoben. Wahrscheinlich litt sie an diesem Mangel an engen Freundschaften am meisten. Dem Bruder zufolge bastelte sie Kinderpuppen, von denen sie immer welche mitsichführte. Auch in der Einkaufstasche mit der Pistole hätten sich zwei Puppen gefunden.

Horatia Harrod** glaubt, die „Krankengeschichte“ von Chubbuck werde meist überbewertet. Man gehe dabei den Vorurteilen der zeitgenössischen Quellen auf den Leim. Dagegen sprächen Chubbucks letzte Worte (vor der Kamera) deutlich von ihrem Unbehagen an dem Seifenoper-Kurs ihres Senders. Einige Arbeiten von ihr waren zugunsten von Geschichten gekippt worden, die mehr „Sensation“ hatten. Selbst ihr Bruder Greg habe bestätigt, daß Chubbuck diese Tendenz im US-Journalismus verabscheute. Ich wage hier nicht zu richten, spreche mich aber unbedingt dafür aus, Chubbucks mutige Tat insbesondere kerngesunden heutigen Nachrichtensprechern von Fernsehsendern zur Nachahmung ans Herz zu legen. Das Ekelhafteste an diesen Sendungen sind ja keineswegs die Bilder und Nachrichten, von denen Chubbuck sprach, vielmehr ist es die gefolgstreue, karrieredienliche Ungerührtheit, mit der diese Bilder und Nachrichten, etwa aus dem zertrümmerten syrischen Aleppo oder von der Raumfährenabschußrampe auf Kap Canaveral, Florida, von der einen oder anderen aufpolierten Knechtsvisage dargeboten werden. Die adrette blonde Ulla Melchinger, siehe oben, bildete in dieser Hinsicht sicherlich keine Ausnahme, aber womöglich verstand sie sich lediglich auf den Anschein von Ungerührtheit. Ihre heutigen Kollegen sind abgestumpft.

Für die Industriellen unter meinen Lesern die nächste vorbildliche Tat. US-Spitzenmanager Elihu Menashe Black (1921–75) erwarb 1969 die angeschlagene berüchtigte United Fruit Company, bald darauf United Brands genannt. Die Umbenennung machte sie leider nicht gesünder. Als dann die Ölpreise stiegen (1973), Hurrikan „Fifi“ in Honduras etliche Bananenplantagen zerstörte (1974) und sich um Blacks Büro in der 44. Etage des Manhattaner Pan Am Buildings Wolken des Korruptionsverdachtes legten, sah Black seinen Irrtum ein. Er fuhr am Morgen des 3. Februar 1975 wie immer mit dem Fahrstuhl hinauf, schloß aber diesmal sein Büro von innen ab. Es war um Acht. Dummerweise waren die Fenster des Wolkenkratzers nicht zum Öffnen angelegt. So zertrümmerte Black ein Fenster mit seinem Aktenkoffer und sprang hinaus. Der 53jährige Familienvater landete auf der Zufahrt von der Park Avenue „vor erschrockenen Autofahrern“, wie die New York Times anderntags wußte. Somit hatte sich der abgestürzte Boß noch in seinen letzten Sekunden als verantwortungs- und rücksichtsvoller Mitmensch gezeigt, was vielleicht auch Adolf Merckle nicht entgangen war. Der Spiegel (20 & 28/1975) wies etwas später bekannt bildbegabt auf beträchtliche „krumme Geschäfte“ im Handel mit Bananen hin, die von der Börsenaufsichtsbehörde SEC ans Licht gezogen worden waren. Black zum Beispiel hatte hohe ausländische PolitikerInnen und Beamte bestochen, um seine Chiquita-Bananen auf diese Weise mit Steuer- und Exportvergünstigungen in Höhe vieler Millionen US-Dollar zu düngen. Dieselbe Korruption zeigte sich dann bei zahlreichen anderen US-Multis, denen die Behörde auf den Zahn fühlte. Dieses sogenannte „Bananagate“ ging durch alle Branchen, Rüstung eingeschlossen, und natürlich durch die Presse. Die sogenannte Öffentlichkeit durfte sich entrüsten, während die VerbrecherInnen, so das Hamburger Wochenblatt, weitgehend von Strafen verschont blieben.

Black war mit der Künstlerin Shirley Lubell verheiratet. Der New York Times zufolge schmückten Werke von ihr sogar ihres Gatten Büro im Wolkenkratzer. Sohn Leon wurde denn auch, unter anderem, Kunstsammler. 2012 ersteigerte der steinreiche Geschäftsmann bei Sotheby’s Edvard Munchs Gemälde Der Schrei mit dem bis dahin höchsten Gebot für ein Kunstwerk überhaupt, nämlich knapp 120 Millionen Dollar. Da schrie niemand, bloß in Honduras fragte ein Bananenpflückerkind seinen Papa: Wieviele von uns könnten aufgrund dieses Batzens lebenslänglich blau machen?

Darin wird man mir vielleicht beipflichten: wer einem anderen Menschen unberechtigterweise ein seelisches Trauma bereitet, das diesen womöglich auf Jahre verfolgen wird, ist ein Gewalttäter. Er gehört vor Gericht. Dort wird nur noch zu klären sein, ob er in böser Absicht oder „nur“ fahrlässig handelte. Was aber tun, wenn man seiner nicht habhaft wird? Als sich der 74jährige schwäbische Unternehmer (unter anderem Ratiopharm, Kässbohrer, HeidelbergCement) Adolf Merckle (1934–2009) im Januar 2009 in seinem Wohnort Blaubeuren wegen Geldsorgen vor einen Zug – und dessen Führer – warf, war er offenbar sofort tot.

Merckle zählte zu den fünf reichsten Deutschen. Er hatte sich mit VW-Aktien verspekuliert. Erpressungsversuche seinen Banken und „seinem“ Ministerpräsidenten Oettinger gegenüber schlugen allem Anschein nach fehl. Oettinger hatte ihm 2005 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse umgehängt. Bei Rostock besaß der zwölffache Dollarmilliardär seit 1994 das 800 Hektar große Gut Hohen Luckow. In dessen Schloß empfing Merckle 2007 die OberheuchlerInnen des Heiligendammer G-8-Gipfels. Das manager-magazin nennt Merckle einen Paten und Patriarchen. Der gelernte Rechtsanwalt sei rechthaberisch und streitsüchtig gewesen; er habe Prozesse geführt wie andere Tagebuch.

Seine Höchstprofite erzielte er vor allem durch Schmälerung der zu leistenden Steuern. Für den Merckle-Clan war selbstverständlich nicht die Raff- und Machtgier ihres Bosses an der „wirtschaftlichen Notlage seiner Firmen“ schuld, vielmehr „die Finanzkrise“. Die damit verbundenen Unsicherheiten sowie „die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können“, hätten ihn bis zur Selbstmordreife „gebrochen“. Da kullern die Tränen unseres Mitleides über die Schienen – aber vermutlich nicht eine müde Mark Schmerzensgeld für das Personal und die Fahrgäste des betroffenen Zuges.

* laut People, 11. Februar 2016
** im Telegraph, 2. Oktober 2016




81 - Joseph Wulf (1912–74), polnisch-deutscher, dazu jüdischer Historiker, überlebender Auschwitz-Häftling, früher Enthüller und Mahner. Eben in dieser Eigenschaft fühlte sich Wulf jedoch überwiegend abgelehnt oder ignoriert, was auch der Hauptgrund für seinen Selbstmord mit 61 Jahren gewesen sein dürfte. Er warf sich im Oktober 1974 aus dem Fenster seiner in der 4. Etage gelegenen Berliner Wohnung. Zwei Monate früher hatte er in einem Brief an seinen Sohn geklagt: „Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst Dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.“

Angehörige der Historiker-Zunft hatten dem KZ-Insassen und Autodidakten verschiedentlich seine „Betroffenheit“, damit einen „Mangel an Nüchternheit“ vorgeworfen. Weiter setzte ihm das „anti-israelische Klima“ in der antiautoritären Linken zu, das 1967 vom sogenannten, oft verherrlichten „Sechstagekrieg“ beträchtlich gedüngt worden war. Wulf war strammer Israel-Freund. Den Rest gab ihm wohl der Tod seiner Frau Jenta im August 1973. Daneben sei er während seines letzten Jahrzehnts in immer größere Finanznot geraten, behauptet Roland Kaufhold 2012 in einer Besprechung von Klaus Kempters Biografie. Wulf habe viele Bettelbriefe ausgesandt und sich mit publizistischen Arbeiten nur „mühsam“ über Wasser gehalten. In der Tat war der Außenseiter nie in den Genuß einträglicher Stellen und Forschungsgelder gekommen. Andererseits stammte er aber nicht aus dem Lumpenproletariat. Soweit ich weiß, hatte er vom Vater in einer guten Charlottenburger Gegend ein Mietshaus geerbt, in dem er vermutlich auch selber wohnte. Selbst Kaufhold erwähnt Wulfs „großbürgerlichen“ Lebenswandel, den dieser entgegen seiner angeblichen Finanznot pflog. Solche Dinge – Finanznot zum Beispiel – sind immer relativ. In Kempters Buch soll der Hinweis stehen, der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns sei bereits in der Jugend „verwöhnter Schöngeist“ gewesen. Das rüttelt selbstverständlich nicht an seiner Eignung zum Zeugen grausiger Ereignisse und Streiter wider deren Verharmlosung.

Der italienische jüdische Chemiker Primo Levi (1919–87), der auch lange Jahre, bis 1977, in diesem Beruf arbeitete, zählte ebenfalls zu den Auschwitz-Überlebenden. Angefangen mit dem Bericht Ist das ein Mensch? von 1947 (der allerdings erst nach einem Jahrzehnt gedruckt und gefeiert wird), mauserte sich der Chemiker „nebenbei“ zum weltberühmten Schriftsteller. Seine 1975 veröffentlichte, autobiografisch geprägte Kurzprosa-Sammlung Das periodische System wurde 2006 in einer Publikums-Abstimmung gar zum „besten Wissenschaftsbuch aller Zeiten“ gekürt. Levi galt als bescheiden, nüchtern, unfromm, auch freundlich, hielt freilich sein Privat- und Liebesleben streng bedeckt. Warum er sich, im April 1987, trotz seines Weltruhmes und vorhandener Schaffenspläne mit 67 Jahren von der 3. oder 4. Etage eines Turiner Mietshauses, in dem er seit langem lebte, in den Treppenschacht stürzte (falls er nicht unglücklich fiel), ist ungeklärt und umstritten.

Fest steht immerhin: Weder lag eine lebensbedrohliche Krankheit vor, noch fand sich ein Selbstmörder-Abschiedsbrief. Zeit-Autorin Ruth Klueger hält (2000), mit einer Minderheit, einen Unfall für wahrscheinlich: Levi litt wegen Medikamenten an Schwindel; das Treppengeländer war niedrig; als Chemiker hätte er sich doch vermutlich eher und erfolgversprechender vergiftet. Bei der geringen Fallhöhe mußte er sicherlich auch damit rechnen, statt im Sarg im Rollstuhl zu landen. Dagegen führen die Biografinnen Myriam Anissimov (1999) und Carole Angier (2002), wenn auch auf unterschiedliche Weise, nicht etwa „Auschwitz“, vielmehr Levis recht akute Bedrängnis ins Feld. Freilich soll diese wiederum tiefe Wurzeln besessen haben. Danach war Levi bereits als Jugendlicher, noch „vor“ Auschwitz, ein gehemmter und zur Niedergeschlagenheit neigender Mensch. Davongekommen und heimgekehrt, ging er 1947 die Ehe mit Lucia Morpurgo ein, die ihm, vielleicht, über die Schüchternheit hinweghalf und ihm geduldig zuhörte. Sie starb erst 2009. Das Paar hatte zwei Kinder. Aber da waren auch noch die Großmütter. Wie es aussieht, wurde Levi insbesondere von seiner Mutter Esther, genannt „Rina“, beherrscht, mit der er sogar, trotz Ehe, über Jahre hinweg und offenbar bis zuletzt in einer Wohnung lebte, eben in der 3. oder 4. Etage. Sie war tyrannisch, inzwischen mit Lähmungen bettlägerig und schon über 90. Sohn Primo Levi, bald 70, pflegte sie. Zu allem Unglück soll auch noch die „blinde“ Schwiegermutter in derselben Wohnung gelebt haben. Da paßte Gattin Lucia vermutlich nicht mehr so gut mit hinein; es gab viel Streit.

Leider führt Lucia in den Arbeiten über ihren Gatten ein Schattendasein, was auch von mehreren Rezensenten gerügt wird. Jedenfalls glauben beide Biografinnen, der Schriftsteller Levi sei ein gequälter Gefangener der umrissenen Situation gewesen. Und da er es nicht übers Herz gebracht habe, zumindest die beiden alten Damen hinauszusetzen (ins Altersheim), sei er selber – übers Treppengeländer gesprungen. Beweisen können sie das natürlich nicht. Im übrigen möchte ich behaupten, Primos Rücksichtnahme auf Lucia kann nicht groß gewesen sein, denn von der zerschmetterten Leiche im Treppenhaus einmal abgesehen: wer, wenn nicht sie*, hatte jetzt die zwei Mütter am Hals?

* Levi-Buchtitel von 1982: Se non ora, quando? (Wann, wenn nicht jetzt?)



82 - Tove Ditlevsen (1917–76). Die Dänin hatte ungefähr ab 1940 vergleichsweise viele LeserInnen gefunden, erntete auch einige Literaturpreise. Ihren letzten Roman Wilhelms Zimmer benutzte sie dazu, ihren eigenen Selbstmord zu schildern. Laut Petri Liukkonen (2008) nahm sie, mit 58, Schlaftabletten. Die Kopenhagenerin stammte aus dem Proletariat, litt besonders unter einer etwas oberflächlichen, letztlich lieblosen Mutter, schrieb als Dienstmädchen oder Bürogehilfin erste Gedichte. Dann entpuppte sich die autobiografisch geprägte Prosa als ihre Rettung, zum Beispiel aus vier gescheiterten Ehen, zwei Schwangerschaftsabbrüchen, Ängsten und Wahnvorstellungen. Ihr treuster Begleiter waren Drogen, teils von einem Gatten verabreicht, der Arzt war. Sie unternahm einige Selbstmordversuche und befand sich ab ungefähr 1960 öfter unter psychiatrischer Aufsicht. Einen Selbstmordversuch von 1974 unternahm sie, Karen Syberg zufolge, nachdem der Große Preis der Dänischen Akademie an ihr vorübergegangen war. Trotz oder gerade wegen ihres brüchigen Gefühlshaushaltes gab sie über Jahre hinweg als beliebte „Kummerkastentante“ des Wochenmagazins Familie Journalen Rat und Trost. In politischer Hinsicht war sie keine Klassenkämpferin, in literarischer keine Avantgardistin (daher wohl auch die Kopfnuß der Akademie). Sie beobachtete scharf, schrieb offenherzig, schlicht und offenbar nicht ohne Witz. Vielleicht eine (blonde) Schwester von Marlen Haushofer?

Ein Landsmann, Kollege und zeitweiliger Geliebter der österreichischen Schriftstellerin war der Wiener „Vierteljude“ Reinhard Federmann (1923–76). Er huldigte sozialistischen Idealen und hatte der Rechtspflege die Literatur vorgezogen. Wahrscheinlich hängten ihm Krieg und Gefangenschaft das Leberleiden an, das er dann durch zunehmenden Alkoholkonsum unaufhaltsam zu bekräftigen wußte, während er sich aus Erwerbsgründen mit kleineren journalistischen und übersetzerischen Arbeiten zu „verzetteln“ hatte. Eine groß angelegte Federmann-Familiensaga blieb weitgehend ungeschrieben. Mit anderen Worten, der ohnehin schon schmächtige Mann soff sich tot. Streng genommen, fiele er also aus diesem Werk heraus, doch selbst sein enger Freund und zeitweilige Co-Autor (von Kriminalromanen) Milo Dor räumt in seinen Erinnerungen* ein, „irgendwie“ habe Federmann sein vorzeitiges Ende mit knapp 53 Jahren „selbst herbeigeführt“. Zudem können wir uns mit Familienmitgliedern behelfen. Dor zufolge kehrten die drei Söhne des alten Federmann, der als „Halbjude“ als Landesgerichtsrat nicht mehr tragbar gewesen war, im Winter 1945/46 in eine ungeheizte, vor allem aber verwaiste Bürgerwohnung zurück. Die Mutter war bereits im Vorjahr gestorben. Federmanns jüngere Bruder saß damals im Gefängnis, weil er versucht hatte, sich der Einberufung zur Waffen-SS durch Flucht in die Schweiz zu entziehen. Der verzweifelte Vater hatte sich soeben, in besagtem Nachkriegswinter, zwischen die treibenden Eisschollen der Donau gestürzt. Ferner ging der ältere Bruder Federmanns wegen eines amputierten Beines an Krücken. Aber nicht dieser brachte sich etwas später um, vielmehr der jüngere, wohl inzwischen wieder aus der Haft entlassene Bruder, der zum einen an der ungebrochenen Herzlosigkeit oder Niedertracht der Menschheit, zum anderen an dem Wahn litt, er habe den Tod des Vaters verschuldet. Wer aus solchen zerrütteten Verhältnissen nicht als Säufer oder Amokläufer hervorgeht, muß schon ein Wonnepropfen sein.

* Auf dem falschen Dampfer, Wien 1988, S. 220–32



83 - Armin Meier (1943–78). Sein Start soll noch schlechter gewesen sein: er sei in einem von der SS betriebenen Lebensborn-Kinderheim aufgewachsen. Im Mai 1978 nahm sich der ungefähr 35jährige Metzgergeselle in München mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben, angeblich aus Liebeskummer. Möglicherweise hätte dieser Umstand niemals einen Hund hinter dem Ofen hervorgelockt, hätte sich Meier nicht vier Jahre zuvor, in der bekannten Münchener Homosexuellen- und Künstlergaststätte Deutsche Eiche, an einen Stammgast namens Rainer Werner Fassbinder (1945–82) geschmiegt.* Meier war zu diesem Zeitpunkt Kellner oder Zapfer, Fassbinder ein umstrittener und deshalb berühmter Filmemacher gewesen. In der Folgezeit ging Meier in etliche Werke des Meisters ein, doch 1978 entzweiten sich die beiden. Fassbinder selber, inzwischen 37, aber im Charakter so schwierig wie immer, trat vier Jahre darauf in München während der Schlußarbeiten an seinem Film Querelle ab. Die meisten Quellen halten seinen durch Überarbeitung, Kokain, Schlaftabletten und Alkohol bewirkten „Herzstillstand“ für einen Selbstmord, jedenfalls einen „auf Raten“, womit er mit Meier gleichgezogen hätte. Querelle hatte er übrigens Meiers Vorgänger El Hedi Ben Salem gewidmet, der sich 1977, laut Guardian vom 8. Januar 1999, in einem französischen Gefängnis erhängte, in das er durch eine Messerstecherei oder einen Raubüberfall geraten war. Andere Quellen sprechen von Herzinfarkt beim Gefängnisfußball; für die Stuttgarter Zeitung vom 9. Juni 2012 hat er sich totgetrunken. Wie auch immer, der schwarzbärtige Hauptdarsteller von Fassbinders Angst essen Seele auf, ein Nordafrikaner, starb mit ungefähr 42 und war von Fassbinder sehr wahrscheinlich „nach Verwendung“ so vernachlässigt worden, wie man es von Fassbinder kannte. Andererseits scheint Salem das Wohlergehen seiner Frau und seiner Kinder der Filmkarriere geopfert zu haben. Man ist hier verlockt, an einen bekannten Italo-Western aus 1968 zu denken: Leichen pflastern seinen Weg. Oder, Fassbinder, Salem und die anhaltenden Schlammschlachten ums Erbe von Fassbinder zusammengezogen, ihren Weg.

Christiane Schröder (1942–80), Tochter der BühnenschauspielerInnen Inge Thiesfeld und Ernst Schröder, blieb zunächst im Fach. Zu Beginn ihrer Laufbahn gehörte sie dem Bremer Ensemble Peter Zadeks an. Später kamen auch Fernsehauftritte, darunter in beliebten Krimi-Serien, und Hörspiele hinzu. Sie galt als erfolgreich. Sie führte eine längerer Ehe und ging dann einige, wie es aussieht, eher unglückliche Liebschaften ein. Um 1975, wohl mit der Trennung vom Ehemann, hängt sie ihren Beruf aus Gründen an den Nagel, die wir, wegen der schlechten Quellenlage, bestenfalls erraten können. Sie verkauft ihre zwei in Berlin und München gelegenen Wohnungen und geht auf Reisen. Das schließt eine Vertiefung in indische Heilslehren (der Schule Jiddu Krishnamurtis) auf einem Bauernhof in den Alpen ein. Dann nimmt sie in San Francisco, wo sie mit ihrem „Guru“, dem aus Lettland stammenden Künstler Peter Vismanis, zusammenlebt, Malversuche auf. Sie bleibt aber offensichtlich unzufrieden, bringt sich angeblich wiederholt Schnittverletzungen bei und verschwindet immer öfter aus dem Holzhaus des Paars. Schließlich erklimmt sie (Mitte September 1980) die berühmte Golden-Gate-Hängebrücke, um wie Hunderte vor ihr (geschätzt mindestens 1.600 seit 1937) aus knapp 70 Meter Höhe in die Bucht von San Francisco zu springen. Sie ist 38. Ihr Guru, mit dem sie offiziell verheiratet ist, soll sie, laut Wikipedia, erst nach Wochen als vermißt gemeldet und dann, nach dem Sprung, bei dem sie keine Papiere bei sich führte, auch erst Wochen später identifiziert haben. Nach großer Fürsorge riecht diese Sache nicht. Wikipedia behauptet sogar: „Ihre Asche befand sich noch Jahre nach ihrem Tod bei einem Beerdigungsinstitut in Aufbewahrung, da niemand sie abholte.“

Nach der folgenden Fotoseite war die Frau, die sozusagen eine Weltreise in die Einsamkeit unternahm, zeitlebens blond, wechselte aber unterwegs, vielleicht in den Alpen, die Frisur: von lang zu kurz. Auf einer anderen Webseite wird Witwer Peter Vismanis in offensichtlich herabsetzender Absicht Kahlköpfigkeit bescheinigt. Er starb 2000 mit 77 Jahren. Mehr scheint man über ihn nicht zu wissen. Was seine Gattin angeht, ist zu lesen, schon die Eltern von ihr hätten sich umgebracht, der prominente Vater allerdings erst in hohem Alter, wegen Krebs. Sein Sprung erfolgte (1994) „nur“ aus einem Berliner Krankenhausfenster. Die Mutter soll stark „nervenleidend“ gewesen sein.

Oberguru Jiddu Krishnamurti starb 1986 mit 90 – in Kalifornien. Der vielreisende Inder, in jungen Jahren von den Theosophen als Messias gehandelt, was jedoch Rudolf Steiner als „unseriös“ abkanzelte, hatte überwiegend nicht in Indien gelebt. Nach meinem Brockhaus (Band 12 von 1990) stand Christiane Schröder vor einer durchaus unkomplizierten Aufgabe. Krishnamurti habe einen „Seelenfrieden“ gepredigt, „der durch intuitive Erfassung der Harmonie von All und Ich erreicht werden könne.“ Schröders Vater steht ebenfalls in meinem Brockhaus, sie selber jedoch nicht. Ich frage mich sowieso schon die ganze Zeit, woher Wikipedia (Stand Oktober 2016) vergleichsweise viel über sie weiß – keine Quellenangaben.

Vielleicht haben Sie noch ein Polohemd Marke Sabri Dino im Schrank? Dessen Hersteller (oder Etiketteneinkleber) Sabri Dino (1942–90) war bis 1975 Fußballtorwart in verschiedenen Spitzenclubs der türkischen Metropole Istanbul gewesen. Ebendort spannt sich ein Gegenstück von Schröders Todesort über das Meerwasser, die ähnlich hohe Bosporus-Brücke. Nach „wirtschaftlichen Mißerfolgen“, wie es heißt, bediente sich Hemdenfabrikant Dino, inzwischen 48, der vielfotografierten Brücke unglücklicherweise mitten im Januar, als selbst der Bosporus ziemlich kühl gewesen sein dürfte, um 13 Grad.

Die kommunistisch gestimmte bayerische Schriftstellerin Gisela Elsner (1937–92), zeitweise mit dem Maler und Kunstkritiker Hans Platschek verheiratet, sprang zwei Jahre vor Schröder senior ebenfalls aus einem Klinikfenster, diesmal in München. Sie war 55. Die starke Raucherin und Tablettenschluckerin sei entmutigt und isoliert gewesen und am Vortag ihrer Einlieferung auf offener Straße zusammengebrochen. Da wollte sich wahrscheinlich keiner mehr an die (angeblich) betörende Schwarzhaarige und Dunkeläugige erinnern, die in jüngeren Jahren durch ihren Kleopatra-Look so manchen Punkt bei Kritikern und Preisrichtern gemacht hatte. Sie hatte, als Literatin, in der Gruppe 47 angefangen, später der DKP angehört. Sie galt als begabte Satirikerin. Der Durchfall der DDR-Possen „Volksdemokratie“ und „Arbeiter- und Bauernstaat“ soll sie stark mitgenommen haben.

* Münchener Abendzeitung, 2. April 2012



84 - Jean Améry (1912–78), österreichischer Schriftsteller. Falls Sie nie von ihm gehört haben: er ist Standardwerkler in Sachen Selbstmord und Meister des so langatmigen wie spitzfindigen Essays. Immerhin, 10 Jahre vor seinem Tod macht er sich auf diese Weise zurecht über den angeblich beschaulichen „Lebensherbst“ unseres Alterns lustig. Acht Jahre darauf, 1976, verhöhnt er in Hand an sich legen die beliebte Vorstellung, im Tod fänden wir Ruhe oder Frieden – „als ob der Tod ein Zustand wäre, beschreibbar in Seinskategorien, und nicht vielmehr das nichtige Nicht.“ Kennt er also für Nichtseinskategorien eine andere Bezugsadresse als das Sein? Hat er das Nichts schon einmal bereist? Ja, sogar zweimal („nichtiges Nicht“), denn doppelt hält besser.

Demnach bildet sich Améry wie so viele DenkerInnen ein zu wissen, was jenes „Nichts“ sei, das uns nach dem Tod erwarte, eben „nichts“. Faktisch jedoch befürchtet er durchaus, es könne „drüben“ noch recht ungemütlich werden, wie so manche verräterische Stelle in seinem ermüdenden Erguß beweist. Ich führe nur seine gestelzte Feststellung an, zumeist habe der Selbstmörder „Angst vor dem äußersten Trennungsschmerz, Angst davor, niemals mehr Angst zu haben“. Ja Gottchen – wäre das nicht wunderbar? Wenn das garantiert wäre, hätten wir in Deutschland umgehend 100.000 Selbstmorde jährlich statt nur den zehnten Teil davon.* Doch Améry glaubt offensichtlich selber nicht inbrünstig genug ans nichtige Nichts. Nur liebt er es, auf hochtrabende Weise um den Brei herumzureden, wobei es kaum verblüfft, wenn er aquarellierende Kaffeesatzdrechsler wie Rilke, Wittgenstein, Cesare Pavese schätzt. Fragt man sich verzweifelt nach Amérys Befunden, kratzt man am Ende notdürftig zusammen: Selbstmord ist nichts Anrüchiges; er kostet viel Überwindung; Wildpferde oder Walnußbäume begehen nie Selbstmord – es ist eine Domäne menschlicher Freiheit.

Das wars. Entsprechend zieht Améry den Namen Freitod vor. Da sich ein Mensch jedoch in der Regel vorsätzlich und gleichsam aus guten schlechten Gründen umbringt, finde ich „Mord“ gar nicht so unangebracht. Dagegen kommt mir ein „freier“ oder auch nur ein „gewählter“ Tod ähnlich lächerlich vor wie eine maßgeschneiderte Hausgeburt, für die ich vor meinem Eintritt ins Dasein nach Gutdünken die Kasseler Villa Henschel, das Regensburger Schloß oder die knapp 30 Hektar kleine Karibikinsel Necker Island bestimmen darf. Auf dieser hatte Ober-Google Larry Page 2007, als Mieter der ganzen Insel, die zukünftige Mutter seiner Erben geehelicht. Auf diese warten derzeit rund 35 Milliarden US-Dollar. Sind sie klug, geben sie dem Alten auf seine nächste Urlaubsinsel ausschließlich Améry-Essays mit, dann fällt er nach zwei Wochen tot um.

In Wahrheit ist jeder Tod erpreßt, also auch jeder „Freitod“, es sei denn, man glaubt an „Willensfreiheit“. Améry selber machte 1978, knapp 66 Jahre alt, in einem Salzburger Hotel mit Schlaftabletten ernst.

* Zu den 10.000 kommen (nach Schätzungen) mindestens 100.000 Deutsche, denen ein Selbstmord mißlang oder die ihn vielleicht auch mit Absicht halbherzig angingen.



85 - Johnny Owen (1956–80). Von einem Reporter gefragt, wie er es geschafft habe, 90 zu werden, soll der beleibte langjährige britische Regierungschef Winston Churchill erwidert haben: „No sports“. Das war seitens des ersten Überlieferers wahrscheinlich eine glatte Lüge, aber eine gute! Churchill starb 1965. Seitdem hat die Welt, neben einem friedhofsreifen Heer von mehr oder weniger abgemagerten Joggern, zum Beispiel auch „The Matchstick Man“ gesehen. So der Spitzname eines dürren 24jährigen walisischen Profiboxers, der durch seinen einzigen, im September 1980 in Los Angeles ausgetragenen Kampf um die Weltmeisterschaft berühmt wurde. Vor allem der ärztliche Beistand, der ihm anschließend vergönnt war, schlug alle Rekorde. Der mexikanische Champion Lupe Pintor hatte Owen in der zwölften und letzten Runde auf die Bretter geschickt. Man brachte das bewußtlose „Streichholz“ in die Klinik und rückte einem Blutgerinnsel in seinem Köpfchen im Laufe einer 12stündigen Notoperation zu Leibe. Zwar starb Owen, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, nach einigen Wochen trotzdem, doch die Honorare der beteiligten Fachkräfte und Fachfirmen waren gerettet. Die von der Versicherung des Veranstalters erstatteten Behandlungskosten werden mit 94.000 Dollar angegeben. In zeitgenössischen Sportberichten fand sich das Wort „tragisch“ 100.000 mal.

Kollege Leszek Błażyński (1949–92) aus Katowice beging regelrechten Selbstmord, sogar außer Dienst. Der Pole war auch international erfolgreich gewesen, wobei er, seinem gleichnamigem Sohn zufolge*, nie eine Flucht vom „Ostblock“ in die Dollarzone erwog. 1983 zurückgetreten, bleibt er dem Boxen als Jugendtrainer treu. Dann mißlingt seiner „geliebten“ Frau Anna ein Selbstmord – vielleicht war sie ja schwer erkrankt. Doch darauf scheitert, nach vielen Monaten und enormen Kosten, auch die Rettung Annas durch die Ärzte. Dadurch verarmt und dem Alkohol verfallend, hält sich Błażyński als Portier eines städtischen Sozialhilfezentrums über Wasser – bis er seiner Frau im Sommer 1992, als 43jähriger, folgt. Näheres über beide Selbstmorde habe ich nicht herausbekommen. Wahrscheinlich fühlte sich Błażyński, als ehemaliger sozialistischer „Leistungsträger“, auch vom sozialistischen Vater Staat im Stich gelassen.

Knut Blin (1968–2004) war der Sohn des Schwergewichts-Europameisters Jürgen Blin, der es sogar zu einem Kampf gegen Muhammad Ali brachte. Das war 1971 gewesen, in Zürich. Blin senior, gelernter Metzger, lebt nach wie vor in Hamburg, jetzt im Ruhestand. Nach seiner Box-Karriere (rund eine Million) war er teils Vermieter, teils Gastwirt, vor allem aber unglücklicher Bürge gewesen, heißt es – die Million ging wieder flöten. Immerhin blieb ihm ein Haus und, in zweiter Ehe, eine Gefährtin. Sohn Knut, seit 1987 ebenfalls Schwergewichts-Profi, bestritt 1990 einen großen Titelkampf, bei dem er dem braunhäutigem Mario Guedes gleich in der ersten Runde einen netten Rippenbruch beigebracht haben soll. In Runde Sechs gab der Deutsch-Portugiese auf. Doch der begabte, blonde, 1,88 große Knut sozusagen ebenfalls. Nach diesem Sieg dankte er etwas überraschend ab. Wikipedia behauptet, er sei „einer freien Christengemeinde beigetreten“. Diese Maßnahme konnte ihm freilich auch nicht das Leben retten. Ende Mai 2004 stürzte sich der 35jährige aus dem 12. Stock einer psychiatrischen Klinik am Bodensee zu Tode. Laut Spiegel (26. Dezember 2011) war er „ab dem 20. Lebensjahr manisch-depressiv“ gewesen. Zu der Frage, warum, scheint sich niemand äußern zu wollen. „Wir haben alles versucht, Medikamente, Ärzte, Privatkliniken“, sagt Blin senior im selben Jahr der Hamburger Morgenpost. Und im NDR räumt er freimütig ein, Knut habe das Talent besessen, an dem es ihm selber gemangelt hätte. „Der Knut wäre ein richtig Guter geworden.“ Jürgen Blins eigener Vater war ein Melker und Säufer gewesen, der seinen Sprößling mit Prügeln zur Mitarbeit trieb. In den häufig wechselnden Schulen wurde der „stinkende“ Melkersohn gehänselt. „Ich war vollkommen verstört“, wird er im erwähnten Spiegel-Artikel zitiert. „Oft ging ich in den Wald und heulte.“

Mit 36 Jahren war der deutsch-britische ehemalige Fußballprofi Erich Schaedler (1949–85) noch bei den „Alten Herren“ des FC Dumbarton aktiv. Vermutlich wohnte er auch in dieser kleinen schottischen Westküstenstadt. Außerdem frönte er der Jagd. Aber wenige Wochen vor Weihnachten mußte er die Scheidung seiner Ehe hinnehmen. Und an Heiligabend war er tot. Man fand ihn weiter südöstlich in einem Wald der Scottish Borders mit einem Kopfschuß, den er sich den Behörden zufolge selbst beigebracht hatte, in seinem VW Passat. An dieser Sichtweise hat Schaedlers Bruder John noch Jahrzehnte später seine Zweifel.** Das schwächste Argument zuerst: Schaedler hatte diese Gegend bis dahin nie aufgesucht. Sodann: Sein Wagen war mit Zweigen und Laub bedeckt, also gleichsam getarnt – warum sollte ein Selbstmörder solchen Aufwand treiben? Ferner fand sich im Wagen selbst (allerdings erst nach Rückgabe) kein Hinweis auf das Abfeuern einer Schußwaffe. Nur die Blutspuren waren zu sehen. Als John auch den Schlüssel zu Erichs Wohnung zurückerhielt, habe er diese in einem ungewöhnlich aufgeräumten und sauberen Zustand vorgefunden. Dafür tauchten alsbald Gerüchte über Verschuldung und schlechten Umgang seines Bruders auf, die John entschieden zurückweist. Ein Polizist, den er kennt, habe weiter ermitteln wollen, sei aber von Vorgesetzten zurückgepfiffen worden. Die Polizei bestätigte der Presse, der Fall sei erledigt. Damit scheint auch der Mensch Schaedler ein Rätsel zu bleiben. Sein früherer Vereinskollege beim Spitzenclub Hibernian Edinburgh Tony Higgins bemerkte einmal, Abwehrspieler Schaedler sei im Dienst voller Hingabe, in persönlichen Dingen jedoch verschlossen gewesen. Da hatte er ja den richtigen Spitznamen: Shades=Schatten. Merkwürdigerweise ist nirgends von der geschiedenen Ehefrau und deren Sicht die Rede; selbst von Schaedlers Erwerbstätigkeit, falls vorhanden, erfährt man kein Wort. Vielleicht in Colin Leslies Buch Shades: The Short Life and Tragic Dead of Erich Schaedler, Edinburgh 2013.

Die badensische Judoka Barbara Claßen (1957–90), im Jahr 1982 immerhin erste deutsche Weltmeisterin, trat 1988 zurück. Zwei Jahre darauf, mit 32, brachte sie sich um, vermutlich in ihrer Heimatstadt Grenzach-Wyhlen (bei Freiburg). Einzelheiten sind nicht zu erfahren. Die vergleichsweise große Frau (1,78) galt sowohl als „labil“ wie „eisern“ diszipliniert. In ihrem Buch Judo: Der sanfte Weg?, das rund ein Jahr vor ihrem Tod erschien, soll sie neben Mißständen im Judoverband die verbohrte Einseitigkeit der Athletinnen anprangern. Sie nimmt sich dabei nicht aus. Mit dem Karriereende – dem Fortfall dieser „Droge“ – habe sie sich einer furchtbaren inneren Leere gegenüber gesehen. Den „Leistungssport“ selber (oder gar die Konkurrenzgesellschaft) scheint sie aber nicht in Frage zu stellen.

Drei weibliche Judokas, mit denen ich diesen Sportteil abschließe, sprangen allesamt aus einem Fenster, natürlich weder gemeinsam noch durch dasselbe Fenster: die 29jährige Claudia Heill (2011) in Wien, die 28jährige Jelena W. Iwaschtschenko (2013) in Tjumen, Westsibirien, und die erst 20jährige Eleni Ioannou (2004) in Athen. Dort standen damals die sogenannten Olympischen Spiele bevor, bei denen die dreimalige griechische Meisterin in der Sparte Schwergewicht eigentlich antreten sollte. Doch am 6. August stürzte sie sich nach einem Streit mit ihrem Geliebten Giorgios Z. (24) vom Balkon. Gut zwei Wochen später erlag sie ihren Verletzungen. Wenn ich in mehreren Quellen übereinstimmend lese, die betreffende Wohnung hätte im 3. Stock gelegen, also nicht gerade hoch, befürchte ich allerdings, für eine Olympiateilnahme hätte es der jungen Schwerathletin wohl doch an taktischer Umsicht gemangelt.

Hier ist der Fall aber noch nicht zuende. Wie BBC Sport berichtete***, legte sich die Polizei auf Selbstmord fest. Der Streit, bei dem es auch zu Handgreiflichkeiten beider Seiten kam, hatte sich am Samstag an Ioannous Absicht entzündet, während der „Spiele“ im Olympischen Dorf zu wohnen. Als ehemaliger Drogensüchtiger, der seinen Entzug seiner Geliebten verdankte, sei Z., übrigens ein Boxer, sehr abhängig von ihr gewesen. Er habe sie geradezu „krankhaft“ geliebt. Nachdem die stämmige Ioannou im Verlaufe jenes Streites zurückgeschlagen hatte, war sie auf den Balkon gerannt … Verständlicherweise entwickelte Z. Schuldgefühle, während seine Geliebte im Krankenhaus mit dem Tode rang. Am Montag saß er mit seiner Großmutter Evangelia M. in der Tatwohnung beim Essen. Plötzlich sei er aufgestanden und habe gesagt: „Ich will zu Eleni gehen.“ Er ging auf den Balkon und warf sich hinab. Wegen der schon erwähnten Fragwürdigkeit des Tatortes kam er freilich, trotz schwerer Verletzungen, mit dem Leben davon, wie ich derselben Quelle entnehme. Das nenne ich Pech.

* Slask.sport.pl, 12. Dezember 2011
** The Scotsman, 27. Oktober 2013
*** 24. August 2004




86 - Uwe Behrendt (1952–81). Der Student verschiedener Geisteswissenschaften, einst (für 50.000 DM) aus der DDR „freigekauft“, wie man liest, später Aktivist der rechten, in Bayern ansässigen Wehrsportgruppe Hoffmann, wurde als Mörder des jüdischen Verlegers Shlomo Levin und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke bekannt. Er hatte sie Ende 1980 vor ihrem Erlanger Haus mit einer Maschinenpistole erschossen. In den Libanon geflüchtet, brachte sich der 29jährige ebendort, in einem Militärlager, ein knappes Jahr nach der Tat um – vielleicht. Der ganze „Komplex“ um den Immobilienhändler und Schloßbewohner Karl-Heinz Hoffmann ist bekanntlich etwas undurchsichtig. Was man der Kripo bis zur Stunde gern als „Ermittlungspannen“ zugutehält, konnte den Spiegel vor gut 30 Jahren noch nicht täuschen.* Drei Monate vor dem Erlanger Doppelmord fand das Attentat beim Münchner Oktoberfest statt, 13 Tote. Ein enger Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen wird amtlicherseits bis heute geleugnet.

Wenige Wochen nach Behrendts angeblichem Selbstmord wird ein anderer DDR-Flüchtling, inzwischen westdeutscher U-Häftling und 44 Jahre alt, in seiner Lüneburger Zelle erhängt aufgefunden: Heinz Lembke (1937–81). Zufällig war er einen Tag vor seiner Vernehmung durch einen Staatsanwalt, dem er „Aussagebereitschaft“ signalisiert hatte, von Lebensmüdigkeit übermannt worden. Die Kripo präsentierte einen Zettel, wonach Lembke zum Kabel gegriffen hatte, um nicht zum Verräter zu werden. Es ist natürlich auch denkbar, daß er in jener „Wolfszeit“ die Rache von Mitwölfen fürchtete. Zeitweise NPD-Funktionär, hatte Lembke Verbindungen zur WSG Hoffmann und wahrscheinlich auch zur geheimen Terrororganisation der Nato Gladio gepflogen. Zuletzt als Revierförster nahe des Truppenübungsplatzes Munster berufstätig, legte er in der Lüneburger Heide systematisch Waffenlager an – laut Spiegel (46/1981) handelte es sich um 88 Kisten in 31 Erdverstecken, die neben einigen Gewehren und 50 Panzerfäusten vor allem Munition und vielfältigen Sprengstoff enthielten. Auf diese Vorräte hatten bereits Verdächtige des Oktoberfestattentats bei ihrer Vernehmung hingewiesen. Es bedurfte aber erst eines Waldarbeiters, der ein knappes Jahr darauf in der Nähe von Uelzen über ein solches Waffendepot stolperte, damit Lembke aufflog. Kaum war er tot, gab ihn die Kripo als „Einzeltäter“ mit traumatischer Russenfurcht aus und stellte ihre Ermittlungen ein. Schon vorher soll ein kritischer Rechtsanwalt im Hinblick auf die beiden genannten Anschläge geistreich gewitzelt haben, allmählich würden es ihm zuviel EinzeltäterInnen.

Das große I stammt von mir. Die bekanntesten deutschen angeblichen SelbstmörderInnen dürften seit fünf Jahren die Aktivisten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Uwe Böhnhardt (34) und Uwe Mundlos (38) sein. Im November 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach von der Polizei in ihrem dort geparktem Wohnmobil entdeckt, sollen sie sich selbst erschossen haben, was wahrscheinlich nur die ErstkläßlerInnen der Eisenacher Waldorfschule glauben. Ihre Mitstreiterin Beate Zschäpe, die sich damals nach wenigen Tagen stellte, ist seitdem für einen sündhaft teuren, nur leider der Wahrheitsfindung eher abträglichen Mammutprozeß gut. Bei dessen Schneckentempo reiben sich zahlreiche Aktivisten des Marktwirtschaftlichen Obergrunds die Hände. Auch Zschäpe hat bislang Glück: die 2009 angeschobene Todeswelle unter möglichen Zeugen des NSU-Komplexes, derzeit fünf Leichen, hat sie noch nicht erfaßt.

* 47/1984



87 - Semra Ertan (1956–82). Die knapp 26 Jahre alte Türkin, die in Hamburg als Dolmetscherin oder Bauzeichnerin arbeitete und nebenbei Gedichte schrieb, übergoß sich Ende Mai 1982, also vor rund 35 Jahren, an einer Straßenkreuzung in St. Pauli mit Benzin und verbrannte sich selbst, um ein Zeichen gegen die zunehmende Ausländerfeindlichkeit in ihrem Gastland zu setzen. Das Aufsehen (in ganz Europa) war groß – für ein paar Tage. Heute ist der Rassismus groß.

Politisch oder ökologisch motivierte Selbstverbrennungen in „zivilisierten“ Breiten sind um 2000 erstaunlich häufig. Ich verzichte auf eine Aufzählung. Ungleich berühmter als die Türkin war 1969 der 20jährige tschechische Student Jan Palach (1948–69) geworden, der auf diese befremdliche Weise, als „Lebende Fackel“, gegen die gewaltsame Erstickung des „Prager Frühlings“ protestieren wollte. Einen Fall, der sich 2006 in meiner Landeshauptstadt Erfurt zutrug, streifte ich andernorts schon einmal. Sollte ihn Semra Ertan mitbekommen haben, verkohlte sie vermutlich noch einmal. Der pensionierte 73jährige Pfarrer Roland Weißelberg, angeblich keineswegs verwirrt, steckte sich im Hof des Augustinerklosters wegen der drohenden Islamisierung der Welt an. Trotz entsprechender Abschiedsworte gelten seine Motive allerdings als undurchsichtig.* Eine weitere, ungleich folgenreichere Groteske auf der Selbstverbrennungsbühne ereignete sich Ende 2010 in der tunesischen Kreisstadt Sidi Bouzid. Die Gründe, aus denen sich der 26jährige fahrende Gemüsehändler Mohamed Bouazizi (1984–2011) um Mittag nach neuerlichen Schikanen der Behörden vor dem Haus des Gouverneurs in eine „Lebende Fackel“ verwandelte, sind völlig ungeklärt – aber er löste gleichsam über Nacht (Handy-Video schneiden und aussenden) in ungefähr drei nordafrikanischen Staaten Massendemonstrationen und damit den sogenannten „Arabischen Frühling“ aus. Die damalige vielschichtige Lage wird (nach einem Jahr) recht gut von Thomas Schmid deutlich gemacht.** Der Verdacht, bei allen Arabischen Frühlingen handele es sich im Grunde um einen Haufen Amerikanische Hundescheiße, dürfte Schmid freilich bis heute nicht über die Lippen kommen.

Für eine unterlegene oder „große“ Sache unter Todesgarantie erklärtermaßen das eigene Leben zu opfern, ist in der verrückten Menschenwelt natürlich nicht neu. Ich gehe aber nur bis auf die oft noch blutjungen deutschen, japanischen, selbst sowjetischen „Kamikaze-Piloten“ des Zweiten Weltkrieges zurück, deren „Waffe“ ihr ganzes Flugzeug war – bis es in tausend Splitter zerbarst. Für solche oder ähnliche „Himmelfahrtskommandos“ meldeten sich in der SU auch durchaus Patriotinnen. Semra Ertans Landsfrau Zeynep Kınacı († 1996) nahm weder Benzin noch Flugzeug, sondern „nur“ Sprengstoff. Die junge kurdische Psychologin und Medizinisch-technische Assistentin, zuletzt unter dem Kampfnamen Zilan bei einer regionalen Guerillatruppe aktiv, sprengte sich in der osttürkischen Provinzhauptstadt Tunceli/Dersim bei einer Parade der türkischen Armee in die Luft. Seit diesem Anschlag, der wahrscheinlich sieben Soldaten mit in den Tod riß, weitere verwundete, gilt Zilan zumindest unter Anhängern der kurdischen PKK als Märtyrerin. In ihren (angeblichen) Abschiedsbriefen soll sie den Wunsch bekundet haben, dem Freiheitskampf des kurdischen Volkes zu dienen und „ein erfülltes Leben durch große Aktion“ zu erlangen. Bei ihrer Erfüllung war sie ungefähr 24 Jahre alt.

Die palästinensische angehende Rechtsanwältin und Widerstandskämpferin Hanadi Dscharadat (1975–2003) war 28, als sie sich in der israelischen Küstenstadt Haifa im Restaurant Maxim in die Luft sprengte. Unter den Todesopfern, wohl über 20, und rund 50 teils schwer Verletzten befanden sich, neben Kindern, auch einige Araber. Dscharadat war wie Zilan verheiratet. Es heißt, israelische Soldaten hätten einst ihren Bräutigam, jüngst Familienangehörige erschossen, sogar vor ihren Augen.

Dimitris Christoulas (1935–2012) war 77. Am Morgen des 4. April 2012 fuhr der Apotheker im Ruhestand mit der Athener Metro zum Syntagmaplatz, an dem das Parlament liegt, ließ sich im Schatten eines Baumes nieder und nahm sich mit einem Kopfschuß das Leben. Auf diesem Platz hatte er schon öfter mit anderen Griechen demonstriert. Tochter Emmy sprach denn auch von einer „politischen Tat“. Christoulas war seit Jahren geschieden. Nachbarn bestätigten, er sei über die Machenschaften der Regierenden „erbittert“ gewesen, „wie wir alle“. Christoulas hatte sich seit einiger Zeit in der Bewegung gegen die zunehmende Steuerlast und die schwindenden Renten betätigt. Ein langjähriger Freund schildert ihn als sanft, hilfsbereit, unter Kunden und Nachbarn beliebt, kein Kneipenhänger. Der Apotheker selber sei mit seiner Rente eigentlich noch ganz gut über die Runden gekommen. Gesund war er offenbar auch. In seinem Abschiedsbrief soll es*** unter anderem heißen: „Ich finde keine andere Lösung, als die eines würdevollen Endes, bevor ich anfange im Müll zu suchen, um mich zu ernähren.“ Das klingt in meinen Ohren etwas merkwürdig. Sah er wirklich schon seine Würde bedroht? Helena Smith, die Korrespondentin des Guardian, führt zum Auftakt ihres Berichtes einen Nachbarn an, der Christoulas des Abends oft auf seinem Balkon sitzen sah: „His aloneness stood out.“ Ja, wenn der gerechtigkeitsliebende Lexikograf im Glas eines jeden einzelnen Selbstmordfalls den Bodensatz der Vermischten Motive aufschütteln könnte, um sie eins nach dem anderen unter sein Mikroskop zu nehmen! Dann könnte er seine Apotheke bald dichtmachen und ebenfalls auf die Mülltonnentour gehen.

* Spiegel 3. November 2006
** Welt 17. Dezember 2011
*** stern 6. April 2012




88 - Cemal Kemal Altun (1960–83). Dem regimekritischen türkischen Studenten war es bald nach dem Militärputsch vom September 1980 gelungen, sich zu seiner Schwester nach Westberlin zu flüchten. Man hätte ihn dort sogar behalten. Man erkannte Altun zunächst als „politisch Verfolgten“ an, doch dann klagte Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann gegen diesen Anerkennungsbescheid, weil er dem Auslieferungsbegehren des türkischen Staates nachkommen wollte. Die Freundschaft mit dessen Militärs, dessen Polizei, dessen Geheimdiensten und dessen Folterknechten ging ihm über alles. Im Rahmen dieses langwierigen, zermürbenden Abschiebeverfahrens, bei dem er zuletzt offenbar kein Licht mehr sah, stürzte sich der 23jährige Altun am 30. August mitten aus der Verhandlung durch ein offenes Fenster der sechsten Etage des Westberliner Verwaltungsgerichts am Bahnhof Zoo. Er starb auf der Stelle. Möglicherweise war auch bei Altuns unerwartetem Schritt der Wunsch beteiligt, ein Fanal zu setzen, denn laut seinem Rechtsanwalt Wolfgang Wieland standen die Dinge im Prozeß gar nicht so schlecht für ihn. Allerdings muß man bedenken, der junge Mann saß inzwischen seit über einem Jahr im berüchtigten Moabiter Knast und hatte dabei auch schon eine Beinahe-Abschiebung („Auf, es geht nach Frankfurt!“) zu ertragen. Andererseits hatte er immerhin von „draußen“ einige Solidarität erfahren. Auch nach seinem Todessprung kam es schon am Abend in Westberlin und anderswo zu größeren Demonstrationen. Ein gutes Jahr vorher hatte man das bei Semra Ertan erlebt.

Nach Angaben der taz vom 30. August 2013 brachten sich in Deutschland allein in den 20 Jahren nach Altuns Sprung mehr als 150 Abschiebehäftlinge um. Nach anderen Quellen gibt es keine zentrale amtliche Statistik über solche Selbstmordfälle. Gäbe es sie aber, wäre sie vermutlich gefälscht. Wie sich versteht, hagelt es auch unter Asylbewerbern, die sich in sogenannten Heimen oder sonstwo „in Freiheit“ befinden, Selbstmorde, Selbstmordversuche und Verletzungen. 2010 hatte Deutschland rund 50.000 AsylbewerberInnen, fünf Jahre später 10 mal soviel. Aus 2012 erwähne ich lediglich die Iraner Mohammad Rahsepar (29) und Samir Hashemi (27), die sich in Würzburg und Kirchheim/Teck umbrachten. Zwei jüngste Fälle ereigneten sich in Hamburg und Thüringen.

In Hamburg erhängte sich der 21jährige Afrikaner Jaja Diabi Mitte Februar 2016 in der Untersuchungshaft. Das sagt jedenfalls der amtliche Obduktionsbericht, der von Freunden und Angehörigen angezweifelt wird. Diese behaupten auch, Diabi habe bis zum letzten Tag keine Anzeichen für Selbstmordabsichten gezeigt.* Man hatte den Asylbewerber und mutmaßlichen Kleindealer mit einer geringen Menge Marihuana aufgegriffen. Diabi war 2014 aus Guinea-Bissau geflohen. Eben deshalb, weil der Flüchtling eine ausländische Heimat mit ausländischer Verwandtschaft besaß, kam er wegen „Fluchtgefahr“ ins Gefängnis – eine übliche rassistische Konstruktion. In einem Zeitungsartikel** Katharina Schipkowskis heißt es, von engen Bekannten sei der Verstorbene als zuversichtlicher Mensch geschildert worden, der es immer verstanden habe, andere zum Lachen zu bringen. Den amtlichen Tatbestand einmal vorausgesetzt, hätten sie sich gefragt, was wohl geschehen müsse, damit ein so fröhlicher Mensch zur Verzweiflung bis hin zum Selbstmord gebracht werde.

In der ostthüringischen Kleinstadt Schmölln (zwischen Gera und Altenburg) wirft sich Mohamed F. († 2016) aus Somalia, mal als 15jähriger, mal als 17jähriger bezeichnet, am 21. Oktober 2016 aus dem 5. Stock eines Plattenbaus, in dem er in einer Jugendwohngemeinschaft lebt. Er stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Angeblich seit Monaten in Behandlung, da er „psychische Auffälligkeiten“ und „aggressive Verhaltensweisen“ gezeigt habe, sei er erst am Vormittag aus der geschlossenen Abteilung einer Klinik in Stadtroda entlassen worden. Auch danach habe er wieder „randaliert“, weshalb die Polizei gerufen wird. Um 15 Uhr kauert F. auf dem Fenstersims. Nun trifft auch die Feuerwehr ein, die Matten auslegt und ein Sprungtuch ausspannt, doch der Somalier, heißt es in einer regionalen Zeitung***, springt mit Absicht an den Hilfen und Helfern vorbei. Laut MDR waren zumindest zeitweise ungefähr 40 Schaulustige zugegen. Bislang ungeklärt ist, ob aus ihren Reihen tatsächlich Aufforderungen gerufen wurden, der Junge möge doch endlich springen. Immerhin, ein Handyfilmer muß auf Geheiß der Polizei seine Aufnahmen löschen. Hinter dem toten Somalier, der im März in Frankfurt/Main eingetroffen war, lag eine „Reise“ über die Sahara, Libyen, das Mittelmeer und die schweizer Alpen. Heftete einer Filmaufnahmen sämtlicher vergleichbarer „Reisen“ der letzten paar Jahre aneinander, käme eine astronomische Filmlänge heraus, an der sich unsere Elite aus wendigen Geschäftsleuten und Politikern bis zum Mars hangeln könnte. Da ist noch Platz.

* gewstudis 15. Juni 2016
** taz 17. März 2016
*** Thüringer Allgemeine 24. Oktober 2016




89 - Kakuei Kin (1938–85), koreanisch-japanischer Schriftsteller. Kin hatte sich nach einem Chemiestudium (in Tokio) der Literatur zugewandt. Er veröffentlichte seit 1966 Erzählungen, oder wohl eher zweck- und humorlose Texte, die ums eigene Ich kreisten. Er galt als modern oder gar postmodern. Bemerkenswerterweise stotterte Kin und schrieb darüber auch. Wo und warum er sich als 46jähriger mit Hilfe von Gas das Leben nahm, ist den wenigen erreichbaren Quellen nicht zu entnehmen. Nach ein paar Sätzen, die eine Bloggerin* über Kins Erzählung Die Trauer der Erde schreibt, wundert man sich jedenfalls grundsätzlich nicht über Kins Ende. Seine Hauptfigur heißt hier Jinichi.
Sowohl Jinichis Großvater als auch sein Vater waren bzw. sind brutale Choleriker. Die Opfer der Gewalt sind die Ehefrauen. Jinichis Großmutter, die zusammen mit dem Großvater aus Korea nach Japan kam, beging Selbstmord, indem sie sich vor einen Zug warf. Zu Jinichis Bestürzung existiert weder ein Foto der Großmutter, noch ein Grab, da ihre Leiche irgendwo an der Bahnlinie verscharrt wurde. Dies alles schreibt der Protagonist in einem Brief an seine erste Liebe nieder.
* Charlotte am 21. Februar 2012



Fortsetzung Teil 5
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