Donnerstag, 17. November 2016
Handbuch der SelbstmörderInnen Teil 3

44 - Attila József (1905–37). Der als sechstes Kind einer Waschfrau und eines Seifensieders in Budapest geborene Ungar wird heute zu den bedeutensten Lyrikern seines Landes gezählt. Linke haben ihn zum „ungarischen Majakowski“ erklärt. Er wurde inzwischen auch wiederholt übersetzt – vergleicht man diese Arbeiten, glaubt man, vor fünf oder sieben ungarischen Majakowskis zu stehen. Jener Seifensieder, der Vater, tauchte ab, als der Knirps drei war. Dieser wurde zu Bauern aufs Land geschickt, die ihn oft mißhandelten. Gleichwohl konnte er Abitur machen und studieren. Um 1930 war József streckenweise Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei. Der Lehrerberuf wurde ihm verwehrt. 1935 übernahm er die Leitung der kleinen Literaturzeitschrift Szép szó (Schöne Worte). Es heißt, er habe oft gehungert und gefroren. Außerdem litt er schon seit einiger Zeit an schweren Depressionen oder „Schizophrenie“. Liebeskummer und Gram über die geringe Beachtung, die seine meist liedhafte Lyrik fand, kamen hinzu. Bemühungen von Psychotherapeuten schlugen fehl. 1936 erschien sein Gedichtband Nagyon fáj (Es tut weh). Im Sommer 1937 brachte man ihn in eine Nervenheilanstalt. Im Dezember stürzte sich der 32jährige ausgezehrte, ursprünglich hübsche Lyriker im Dorf Balatonszárszó am Plattensee, wo er im Haus einer Schwester untergekommen war, vor einen Güterzug – falls es kein Unfall war. Ebendort bekam er 1998 ein weiteres, diesmal ausgesprochen ausgefallenes Denkmal. Budapest wimmelt von Attila-József-Straßen. Sein dortiges Denkmal (unweit des Parlamentsgebäudes) wird neuerdings verstärkt von rechts her angepinkelt.

Recht ähnlich mutet das Schicksal des Lehrers und Lyrikers Gyula Juhász (1883–1937) aus der südungarischen Großstadt Szeged (Segedin) an, wo er sich auch umbrachte. Er wurde früher für verrückt erklärt als József, lebte dafür länger. Was Wunder, wenn ihn József, als Unterprimaner, für das Geleitwort seines ersten, 1922 erschienenen Gedichtbandes (Bettler der Schönheit) gewinnen konnte. Juhász zog sich mehr und mehr in seine vier Wände und sich selbst zurück, bis er, nach mehreren gescheiterten Selbstmordversuchen und soeben 54 geworden, mit einer Überdosis Veronal erfolgreich war – im April 1937. Acht Monate darauf folgte ihm József. Ich nehme an, der Selbstmord seines Mentors war József durchaus zu Ohren gekommen und vielleicht ein Ansporn gewesen, doch davon ist nichts zu lesen.



45 - Egon Friedell (1878–1938), österreichischer Schauspieler, Schriftsteller und offiziell zeitlebens Junggeselle. Nach Auskunft* des Dramatikers Carl Zuckmayer, der mit ihm befreundet war, lebte er in seiner Wiener Wohnung „allein mit einer Haushälterin [Hermine Schimann] und einem kleinen Hund unbestimmbarer Rasse, von ihm mit 'Herr Schnack' und immer per Sie angeredet, der darauf dressiert war, Zeitungen mit törichten Artikeln oder gar ärgerlichen Kritiken in kleine Fetzen zu zerreißen.“ Das Herrchen schrieb selber Unmengen bissig-eleganter Theaterkritiken und anderer Betrachtungen, daneben Großessays, voran seine so eigenwillige wie unterhaltsame Kulturgeschichte der Neuzeit, erstmals 1927–31 in drei Bänden erschienen. Sie stand ihm selber im Umfang kaum nach. In meiner einbändigen Dünndruckausgabe (München 1974) hat sie noch immer rund 1.500 Seiten. Zuckmayer zufolge hatte der kurzhälsige und breitschultrige, mitunter bis zum Platzen saufende Dicke einen mächtigen Kopf, bei dem Stirn und Nase ineinander übergingen „wie auf Cäsaren- oder Feldherrnportraits antiker Münzen, seine Lippen über dem starken Kinn wirkten weich, wenn auch sarkastisch, und um Augen und Mund lag immer ein Zug von Verspieltheit.“

Friedell schätzte auch und gerade beim Arbeiten Pfeife, Diwan und Schlafrock. Überraschende Störungen machten ihn kränker als seine ungesunde Lebensweise. Als Sohn eines jüdischen Seidentuchfabrikanten war er nicht unbedingt auf Honorare angewiesen, also wohlversorgt, hatte dafür allerdings eine Rabenmutter in Kauf zu nehmen, die mit einem anderem Mann durchbrannte, als ihr Jüngster noch kaum laufen konnte. Vielleicht wirkte das nicht nur in allgemeiner Verletztlichkeit, sondern auch in seiner berüchtigten „Freßgier“ nach. Sie schloß sogar Bücher ein … Jedenfalls brachte sich dieser kluge und belesene Witzbold wenige Tage nach dem „Anschluß“ Österreichs an das faschistische Deutschland (11./12. März 1938) auf eine Weise um, die sich mit seiner Vorliebe für die Bühne und fürs Anekdotische deckte. Günstigerweise lag seine Wohnung (Gentzgasse 7) im 3. Stock. Als sich am späten Abend zwei SA-Leute bei seiner Haushälterin erkundigten, ob hier „der Jud Friedell“ wohne, warf sich der 60jährige durch ein Fenster aufs Straßenpflaster. Er war sofort tot. Augenzeugen versicherten angeblich, vor Absprung habe er umsichtig „Obacht!“ oder „Treten Sie zur Seite!“ gerufen. Ob wahr oder nicht, die Umsicht hatte er schon vorher bewiesen. Wenn etliche Quellen von einem Sprung „im Affekt“ erzählen, ist es genauso irreführend wie Zuckmayers Behauptung, die beiden SA-Leute hätten gar nicht zu Friedell gewollt, womit er ja sozusagen, durch eine klassisch-komödienhafte Verwechslung, zu früh gesprungen wäre. Zum Selbstmord war er in jedem Fall entschlossen, das bestätigten später etliche Freunde, darunter auch Zuckmayer. Friedell wollte nicht emigrieren, er hing an Wien und seinem Schreibtisch, hatte sich deshalb schon, vergeblich, um Gift und Pistole bemüht. Offen ist lediglich, ob ihn die Nazis an jenem Abend bereits zu verhaften oder nur einzuschüchtern gedachten.** Trifft das letztere zu, hatten sie durchschlagenden Erfolg.

Von Friedells Landsmännin Hilde Spiel gibt es einen 1960 veröffentlichten Essay über ihn, der zu unrecht viel zitiert wird.*** Da sie eine Erzbürgertante ist, kann ich ihr lediglich anrechnen, Friedells penetrante „Geniegläubigkeit“ zu erkennen und sogar zu rügen. Mir selber fällt an Friedell, genauer seiner erwähnten Kulturgeschichte, voran die verblüffende Paarung von Engstirnigkeit (Voreingenommenheit) und Toleranz auf. Er achtet den Mensch und seine Liebesmüh auch dann, wenn ihm deren Richtung oder Ergebnis mißfällt. Er findet an allem etwas Gutes und verachtet eigentlich nichts. Das hindert ihn freilich nicht, unablässig auf den „Antichrist“ oder auf den „Sozialismus“ einzuhacken. Friedell ist im Kern Idealist, Frömmler und Antidemokrat. Dagegen ist er weder Melancholiker noch Misanthrop. Hielte er den Menschen grundsätzlich für eine mißratene Erfindung, könnte er sich nicht an so vielen Menschen und Menschenwerken der unterschiedlichsten Art ergötzen. Wie sich versteht, geht das für meinen Geschmack oft zu weit. Lobt er wiederholt seinen abstrusen und peinlich in sich selbst verliebten**** Zeitgenossen Carl Ludwig Schleich, Arzt und Schriftsteller in Berlin, mag man es, eben wegen des fehlenden Abstands, noch hinnehmen. Bei Wagner und Nietzsche hört es aber für mich auf. Nebenbei bringt es Friedell fertig, nicht nur Rudolf Steiner nicht zu erwähnen, im Grunde zwar kein Verlust, sondern auch Anton Tschechow nicht. War der Russe vor 1930 in Deutschland nur Eingeweihten bekannt? Am meisten hebt Friedell auf der geistigen Seite Emerson und auf der politischen Bismarck in den Himmel. Der zweite Umstand ist natürlich eine Katastrophe – er unterstreicht aber meinen Hinweis auf den antidemokratischen und vernagelten Zug des Friedellschen Denkens.

Freilich gönnt einem Friedell selbst hierin keine Widerspruchslosigkeit. So zeigt er sich immer wieder sowohl als Hasser des Staates wie der Arbeit. Man glaubt dann jedesmal, in einer anarchistischen Gemeinde wie Konräteslust wäre eine Mann wie Friedell – bei seiner Bildung, Buchstabenungläubigkeit, Beobachtungsgabe, Anschaulichkeit, Zungenfertigkeit sowie Humor- und Leibesfülle – der ideale BG-Leiter oder Nessepost-Redakteur gewesen, aber Pustekuchen. Ein paar Seiten weiter erbaut er sich wieder an ellenlangen Schlachtenbeschreibungen oder am Vermögen „des Italieners“ (der Renaissance), gesellschaftlichen Reichtum auf möglichst sublime oder jedenfalls unterhaltsame Weise aus dem Fenster zu schmeißen. Gemeint ist natürlich der adelige oder der betuchte Italiener. Ein Seitenstück zu Friedells elitärem Zug ist seine Vorliebe für Fremdworte, bei denen wahrscheinlich sogar Hilde Spiel zum Griff nach dem Wörterbuch gezwungen war. Eine neue Sicht auf die Welt hat Friedell nicht zu bieten – aber eine ungewöhnlich reichhaltige Fundgrube für Zimmerer und Maler am eigenen Weltbild, falls dazu noch jemand die Muße und die Geduld haben sollte.

Eine andere Frage wäre, warum sich Friedell diese wahrhafte Bersekerarbeit auflud. Ich kann sie einstweilen nicht beantworten. Vielleicht hülfen hier die drei oder mehr Biografien weiter, die es inzwischen schon über ihn gibt.

* Als wär's ein Stück von mir, 1966, hier Sonderausgabe Ffm 2006, S. 79–82
** ORF-Gespräch mit Christian Goeschel, 12. Januar 2012
*** „Egon Friedell“ in Welt im Widerschein. Essays, München 1960, S. 255–63
**** Besonnte Vergangenheit. Lebenserinnerungen eines Arztes, Berlin 1920




46 - Martha Ruben-Wolf (1887–1940), verheiratet mit Lothar Wolf (1882–1938). Beide Gatten waren Berliner Ärzte und gehörten der KPD an. 1933 flüchteten sie in die Sowjetunion. Ruben-Wolf hatte sich vor allem gegen die Kriminalisierung der Abtreibung stark gemacht, wurde in Moskau auch in dieser Hinsicht bald enttäuscht, im übrigen mehr oder weniger aus ihrem Fach (Gynäkologin) gedrängt. Ihr Ehemann war in Moskau hauptsächlich als Lektor tätig, wurde aber nach einigen Jahren, wie viele tausend andere, der Spionage bezichtigt und schon 1938 (durch Erschießen) hingerichtet, wie sich später herausstellte. Er war 56. Ruben-Wolf ging zwei Jahre darauf „freiwillig“ mit Hilfe von Schlaftabletten in den Tod. Die 53jährige war von den erfolglosen Bemühungen, das Schicksal ihres Mannes aufzuklären, und dabei auch gerade von Schlaflosigkeit zermürbt. Eine bühnenreife makabere Szene hatte Ruben-Wolf in Begleitung ihrer Tochter Sonja erlebt, nachdem es ihnen endlich, wohl im Sommer 1939, gelungen war, beim Genossen Generalstaatsanwalt Andrej Wyschinski vorgelassen zu werden. Der schon damals bekannte Massenmörder war so gnädig, sich ein Empfehlungsschreiben von Lion Feuchtwanger vortragen zu lassen, in dem der berühmte linke Schriftsteller versichert, er sei von der Unschuld Lothar Wolfs überzeugt. Nach dem Vorlesen ließ sich Wyschinski das Schreiben geben und wendete es in seinen Händen ausgiebig hin und her.
„Interessant“, stellte Wyschinski hierbei fest, „hochinteressant. Das Schreiben stammt tatsächlich von Lion Feuchtwanger“, und mit sadistischer Bedächtigkeit zeriss er den Brief samt Umschlag vor unseren Augen. / Schneeflocken gleich glitten sie dahin, all unsere Hoffnungen, all unsere Zukunftsträume auf ein künstlich zusammengeflicktes, neu restauriertes Leben. Von Wyschinskis sorgfältig manikürten Händen in kleine und immer kleinere Fetzen zerstümmelt, flogen sie in den Papierkorb. / „Wir erlauben niemandem, auch einem Lion Feuchtwanger nicht, sich in die internen Angelegenheiten unseres Landes einzumischen!“, folgte dann. [S. 195]
Ein paar Zeilen später berichtet die Tochter von der geheuchelten Anteilnahme diverser KPD-Führer nach dem amtlicherseits selbstverständlich kaschierten Tod ihrer Mutter. So in einem Buch, das Sonja Friedmann-Wolf (1923–86) um 1960 in Israel verfaßte. Es wurde erst vor einigen Jahren veröffentlicht.* Mit einem sowohl kommunistisch wie zionistisch gestimmten Wasserbau-Ingenieur verheiratet, war es Friedmann-Wolf 1958 gelungen, über Ost- und Westberlin nach Israel auszuwandern. Nach dem Tod ihres Mannes ernährte sie sich, in Tel Aviv, als medizinische Fußpflegerin. Im Alter wandte sie sich noch der Malerei zu. 1986 an schwerer, schmerzhafter Osteoporose (Knochenschwund) erkrankt, brachte sie sich, knapp 63 Jahre alt, ebenfalls um. (S. 362, 396) Sie nahm wie ihre Mutter Schlaftabletten. Einen ersten Selbstmordversuch hatte Friedmann-Wolf bereits 1941 als 17jährige unternommen, nachdem sie dem Alkohol verfallen und zur Mitarbeit beim Geheimdienst erpreßt worden war. Darüber gibt sie freimütig und selbstkritisch Auskunft. Was ihre damalige schwere Vergiftung (diverse Schlafmittel) angeht, nimmt sie an, sie habe sie lediglich überlebt, weil sie von ihrem Bruder Walter zufällig vorzeitig auf dem Fußboden ihres Zimmers gefunden worden war. (S. 284) Ihr Buch ist, für eine Laiin, gut geschrieben, nur könnten sich manche LeserInnen öfter an dem nicht sehr überzeugenden Versuch der Autorin stoßen, witzig zu sein.

Der namhafte deutsche Schriftsteller Ernst Toller (1893–1939), Sohn jüdischer ostpreußischer Kaufmannsleute und nach Ernüchterung im Ersten Weltkrieg zunächst auf führenden Posten der linksradikalen „Münchener Räterepublik“ aktiv, erhängte sich im Mai 1939 wenige Tage nach Francos Madrider Siegesfeier in seinem Hotelzimmer in New York City. Er war 45. Er hatte von seinem Exil aus (seit 1933 in der Schweiz, 1937 in den Staaten) unermüdlich für antifaschistische Projekte gewirkt, voran zur Unterstützung des republikanischen Spanien. Toller habe sich „in völliger Verzweiflung über die Trägheit der demokratischen Welt und die Brutalität der faschistischen Führer“ umgebracht, schreibt Berufs- und Gesinnungsgenosse Gustav Regler später in seinen Erinnerungen.** Aber das dürfte wieder einmal nur ein Viertel der Wahrheit gewesen sein. So war es Toller trotz seines Namens mißlungen, in England als Dramatiker, in Hollywood als Drehbuchautor Fuß zu fassen. Ferner hatte ihn (1938) gerade seine erheblich jüngere Ehefrau verlassen, die Schauspielerin Christiane Grautoff, die ihm durch einige Jahre hinweg eine große Stütze gewesen war. Nun wurde ihr die Bürde „Toller“ angeblich*** zu schwer; man kann es ihr schlecht verdenken. Toller kam nämlich kaum mehr aus seinen zunehmend von Schlaflosigkeit begleiteten „Depressionen“ heraus. Laut Wolfgang Frühwald hatte er sich schon um 1935 in London in psychoanalytische Behandlung begeben, bis ihn diese „Krankheit“ wenige Jahre später „überwältigt“ habe. So dürfte der Madrider Fanfarenstoß Tollers ganzes Elend und seinen Griff zu Strick oder Bademantelgürtel, je nach Quelle, „lediglich“ beschleunigt haben.

Toller war sicherlich ein anziehender Mann. Der Verleger Fritz H. Landshoff****, mit dem Toller auch befreundet war und streckenweise (in Berlin und Amsterdam) eine Wohnung teilte, bescheinigt ihm einerseits große Güte, Hilfsbereitschaft und neben einem „oft kindlichen Sinn für Humor“ eine „leidenschaftliche Hoffnung auf eine bessere Welt“. Andererseits habe er freilich auch Tollers Eitelkeit gesehen, „deren er sich so durchaus bewußt war, daß sie beinahe rührend wirkte – seine gelegentliche Freude an der nie versagenden Wirkung seines besonders, nicht nur auf Frauen wirkenden Charmes, der zeitweise die Zweifel, die er an sich selbst hatte, beschwichtigen konnte –, und seine heimliche Liebe zum Luxus, deren er sich ein wenig schämte, weil er sie nie vor seinem Gewissen rechtfertigen konnte.“

Man will es kaum glauben, daß dieser Mann dereinst, bis 1924, geschlagene fünf Jahre in bayerischen Gefängnissen gesessen hatte, und das zu einem guten Teil auch noch freiwillig – falls er in seinem Charme nicht ein wenig schöngefärbt hat. Die fünfjährige Haftstrafe hätte sich sogar sehr leicht durch ein Todesurteil erübrigen können. Sie war eine Folge von Tollers „Rädelsführerschaften“ in jener kurzlebigen Münchener Räterepublik, die er später klipp und klar als „Fehler“ bezeichnete. In dieser Haftzeit erschrieb er sich seinen Ruhm als einer der führenden, noch vor Kollegen wie Brecht, Kaiser, Sternheim rangierenden Dramatiker der Weimarer Republik. Jeder wird den einen oder anderen Titel schon einmal gehört haben, Masse – Mensch etwa, ein Stück, mit dem Toller seine Zelle hätte aufwischen können, so sehr trieft es von Pathos, oder Hoppla, wir leben! von 1927. Diese damals viel Aufsehen erregende Revue um eine gescheiterte Revolution und die Charakterruinen, die sofort von den Barrikaden auf die siegreiche Seite wechseln, ist ungleich genießbarer, weil sie sich aller Durchhalteparolen und eines „Happy Ends“ enthält. Karl Thomas, der aus einer Irrenanstalt entlassene Ex-Revolutionär, läßt als Hilfskellner des Grand Hotels in letzter Sekunde seinen Plan fallen, den Arbeiterverräter und Minister Wilhelm Kilman zu erschießen – stattdessen geht aber das Licht aus und der Schuß wird trotzdem abgegeben, nur von einem anderen, vaterländisch gestimmten Attentäter. Nun wird der Mord prompt Thomas angehängt, zumal er seine Absicht dazu beim Verhör nicht verhehlt. Selbst seine Ex-Genossen schenken seinen Beteuerungen, ein anderer habe geschossen, keinen Glauben. Im Gefängnis macht dann zwar noch die Nachricht die Runde, der wahre Täter sei gefaßt worden, Thomas somit unschuldig, aber da ist es zu spät, weil sich dieser in seiner Verstörtheit und Verzweiflung in seiner Zelle erhängt hat. Damit hätte mancher hellsichtige Mensch erahnen können, wie es 12 Jahre später dem Dramatiker selber ergehen würde.

1933, schon auf dem Sprung ins US-Exil, legte Toller mit Hilfe seines Freundes Landshoff seine empfehlenswerten Jugenderinnerungen vor.***** Darin behauptet er, in seiner eigenen Zeit als Häftling habe er eine vielversprechende Fluchtmöglichkeit im Verein mit einem Freund und vermittels eines Zahnarztbesuches nach langen quälenden Abwägungen ausgeschlagen, weil er die Arbeit an seinem Drama Hinkemann nicht unterbrechen wollte. Der Freund nimmt die Möglichkeit wahr und entkommt. Darauf habe das Justizministerium Reisen zum Zahnarzt sofort verboten. Im nächsten Absatz äußert sich Toller zu der Begnadigung, die man ihm 1919 bereits nach sechs Monaten Haft angeboten hatte. „In Berlin wurde mein Drama Die Wandlung gespielt, mehr als hundertmal, der bayerische Justizminister wollte eine Geste der Großmut zeigen und mich freilassen. Ich verzichtete auf den Gnadenakt, ihn annehmen, hieß die Heuchelei der Regierung unterstützen, es widerstrebte mir hinauszugehen, während die Arbeiter weiter gefangen bleiben sollten.“

So also erklärte Toller selber seinen sicherlich sehr beachtlichen Verzicht. Mehr sagt er dazu nicht. Die Witterung dafür, er habe im Schreiben gerade eine ausgesprochene Glückssträhne erwischt und stehe nach weiteren viereinhalb Jahren womöglich als strahlender Märtyrer an den Rampen der hauptstädtischen Theater, war demnach für keinen Deut im Spiel. Gegen Ende seines Buches kommt er noch einmal auf die Zwiespältigkeit der Haft zurück. Kurz vor der Entlassung stehend, habe ihn jäh die Angst vor der Freiheit angefallen. Er sei sogar nahe daran gewesen, sich umzubringen. Trotz vieler Schikanen, die er erdulden mußte, habe ihn das Gefängnis doch immerhin versorgt und geschützt. Jetzt drohten ihm neue Kämpfe; auch hätten Tausende Erwartungen an ihn, die er vielleicht nicht erfüllen könne. Diesen Anfall überwand er.

* Im roten Eis. Schicksalswege meiner Familie 1933–1958, Berlin 2013. Das Buch enthält widersprüchliche Angaben zu Ruben-Wolfs Todesdatum. Während die Autorin (Tochter) den 16. August 1939 nennt (S.195), geben die Schreiber von zwei separaten Nachworten, Ingo Way und Reinhard Müller, übereinstimmend den 16. Juli 1940 an (S. 369, 420). Auf Nachfrage teilt mir Müller freundlicherweise mit, das zweite Datum sei korrekt. Es gehe „aus einer Eintragung der Kaderabteilung“ (der KPD?) hervor. Demnach hat sich Friedmann-Wolf geirrt. Das falsche Datum beherrscht leider auch die Internet-Quellen.
** Das Ohr des Malchus, Köln 1958, S. 509
*** Nicole Düsberg im Kölner Stadt-Anzeiger vom 3. Januar 2003
**** Amsterdam, Keizersgracht 333, Querido Verlag, Berlin 1991, S. 116
***** Eine Jugend in Deutschland, Amsterdam 1933, hier Stuttgart (Reclam) 2011, S. 220/21 & 234 und Nachwort von Wolfgang Frühwald




47 - Roy Gardner (1884–1940) aus Colorado, ein dunkelhaariger und blauäugiger kräftiger Bursche von gut 1,80 Meter, war Soldat, Boxer, Schmuggler, Schweißer und vorübergehend sogar gesetzestreuer Ehemann, vor allem aber Räuberbaron und Ausbrecherkönig. Er überfiel vornehmlich Postzüge und Banken, dabei stets als Einzelgänger. Um 1920 war er der meistgesuchte US-Verbrecher. Seine Freizeiten währten nie lang; zuletzt (1934–38) saß er seine Strafen, neben Al Capone, auf der berüchtigten Felseninsel Alcatraz ab, die in der Bucht von San Francisco liegt und heute regelmäßig von Touristen überschwemmt wird. Von dort entkam er allerdings nicht. Es hatte sich auch erübrigt, weil er 1938 begnadigt und auf Bewährung entlassen wurde. Nun brachte er zunächst seine Memoiren (Hellcatraz: My Story) und verschiedene Filmprodukte an den Mann. Es zeigte sich aber rasch, daß er, auch nach eigenem Eingeständnis, nicht mehr imstande war, „draußen“ Fuß zu fassen. Das Zuchthaus hatte ihn gebrochen. In seinen erfrischend unpathetischen Abschiedsbriefen stellte er unter anderem klar, wie unwiderruflich verderblich längere Haftstrafen sind, zumal wenn einer in vergitterten Betonlöchern einer „Teufelsinsel“ zu sitzen hatte, auf der der reinste Sadismus blühte. Im Januar 1940, inzwischen 56, zog sich Gardner im Hotel Governor, San Francisco, wo er damals wohnte, ein Handtuch über den Kopf und atmete Zyaniddämpfe ein, die aus einem Wasserglas stiegen, in das er Pillen geworfen hatte.* Der Ausbruch gelang. Fotografien aus Gardners Hochzeit zeigen ihn mit einem hohen Schädel und markanten Gesichtszügen, die in der Tat filmreif waren, damals jedenfalls. Jetzt sei er im Begriff zu erblinden, fühle sich alt und müde und wünsche zu vermeiden, seiner Familie zur Last zu fallen, sagte er in den Briefen. „Das ist alles“, bestätigte auch Coroner T. B. Leland in seinem Untersuchungsbericht.

Noch im Dezember desselben Jahres stach Henry Young in Alcatraz seinem Mithäftling und Ex-Kumpanen Rufus Roy McCain vor etlichen Augenzeugen ein Messer in den Bauch. Fünf Stunden später war McCain mausetot.** Was Gardner angeht, hatte er immerhin niemals Menschen umgebracht oder auch nur verwundet, behauptet er jedenfalls in seinen Memoiren.*** Der Geldwert seiner Gesamtbeute wird auf rund eine Million Dollar geschätzt, in Reichsmark wohl mindestens vier Millionen.

* David Ward / Gene Kassebaum: Alcatraz. The Gangster Years, University of California Press 2009, S. 187–89
** Bericht des Gefängnischefs J. A. Johnston, 4. Dezember 1940
*** Duane Colt Denfeld am 29. Dezember 2011




48 - Wolfgang Döblin (1915–40). Die Phänomene Zufall und Wahrscheinlichkeit werden tagein tagaus als Beruhigungspillen oder Schreckgespenster verabreicht. Sie werden auch gern des langen und des breiten erörtert, obwohl sie meines Erachtens von keinem Sterblichen wirklich verstanden werden können. Das habe ich neulich andernorts zu erläutern versucht. Arthur Koestler blies vor rund 50 Jahren ins selbe Horn.* Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, die in den Naturwissenschaften die Kausalität abgelöst hätten, funktionierten zwar – wie jeder Physiker, jede Versicherungsgesellschaft oder jeder Croupier bezeugen könnte – doch sei niemand imstande zu erklären, wie und warum sie funktionieren. Der große Mathematiker Johann von Neumann habe sie einmal schwarze Magie genannt. „Dabei können wir es belassen.“

Als Sohn des bekannten Schriftstellers Alfred Döblin war Wolfgang Döblin, geboren 1915 in Berlin, zwangsläufig Jude. Er verstand sich außerdem als Sozialist – in erster Linie jedoch als Mathematiker, wobei er sich just der Wahrscheinlichkeitstheorie verschrieben hatte. In ihr soll er, trotz seiner Jugend, Erstaunliches geleistet haben. Dem Faschismus gemeinsam mit Eltern und Geschwistern über Zürich nach Paris entronnen, studierte er ab 1933 Mathematik und Physik an der Sorbonne. Zudem arbeitete er mit dem renommierten Wahrscheinlichkeitstheoretiker Paul Lévy von der École Polytechnique, der ohnehin mit seinem Vater befreundet war. Kaum hatte Wolfgang Döblin 1938 (mit 23 Jahren!) seinen Doktor gemacht, rief das Militär, weil seine Familie inzwischen (1936) eingebürgert worden war. Und beim Wehrdienst holte ihn der Faschismus ein. Im Kampf an der Saar-Front errang Döblin, der als eher insichgekehrter Mensch beschrieben wird, sogar eine Auszeichnung. Doch im Juni 1940 wurde seine Einheit in den Ardennen oder Vogesen aufgerieben. Da die Kapitulation Frankreichs, nach den vorhandenen Informationen, unmittelbar bevorstand, trennte sich der 25jährige Döblin von seinen Kameraden und versteckte sich auf einem Bauernhof im lothringschen Dorf Housseras. Aber eben hier traf kurz darauf eine deutsche Vorhut ein, wie er, vielleicht von einem Heuboden aus, beobachten konnte.

Sicher war natürlich nichts. Solange Menschen im Spiel sind, bleibt immer ein Türchen für Ausnahmen von der Regel oder einfach nur für glückliche Zufälle offen. Gleichwohl war eine Gefangennahme und Folter durch die deutsche Wehrmacht ziemlich wahrscheinlich. So machte der junge Mathematiker eine frühere Ankündigung wahr und erschoß sich in der Scheune des besagten Bauernhofs.

Pikanterweise zogen es seine Eltern im selben Sommer vor, Richtung Lissabon und von dort aus in die USA zu flüchten. Die Mittel dazu hatten sie offensichtlich. Und später hatten sie, Marc Petit zufolge (2005)**, ein schlechtes Gewissen. Sie sollen erst in den Staaten erfahren haben, daß ihr Sohn Wolfgang schon gar nicht mehr kämpfte. Weil er unter der lothringschen Erde lag. Petit behauptet, dieser Gewissenskonflikt sei auch in Alfred Döblins letzten Roman Hamlet oder die lange Nacht nimmt kein Ende eingeflossen. Die Hauptfigur Edward habe Ähnlichkeit mit Wolfgang. Etwas später, 1957, sah sich der tote Sohn auf dem Friedhof von Housseras just von seinen gleichfalls verstorbenen Eltern Alfred und Erna flankiert. Sie wurden neben ihm begraben.

Es ist ein seltsamer Akt der Wiedergutmachung. Stephan Döblin, jüngstes Kind des Ehepaars, bestätigte Petits Feststellung von den Schuldgefühlen der Eltern vor einigen Jahren im Gespräch*** mit Christina Althen. Insbesondere der Vater habe ein schlechtes, ein kühles Verhältnis zu Wolfgang gehabt. Stephan glaubt, dieser Umstand habe die Entscheidung seines Bruder in jener Scheune, sich umzubringen, sozusagen begünstigt. Im übrigen macht Stephan, geboren 1926, keinen Hehl daraus: die Ehe seiner Eltern war seit vielen Jahren zerrüttet. Der berühmte Schriftsteller hatte bis zuletzt Geliebte, das fand seine Gattin Erna gar nicht lustig. Nachdem Alfred, der unter anderem an Parkinson litt, in einer Schwarzwaldklinik gestorben war, habe sie sich sogar geweigert, Dritte von seinem Ableben zu unterrichten. Die so gut wie unbesuchte Beerdigung sei ein Albtraum gewesen. Gleichwohl vergingen keine drei Monate, und Erna Döblin (1888–1957) machte es wie ihr Sohn Wolfgang: sie nahm sich, in Paris, das Leben, wenn auch „erst“ mit knapp 7o Jahren. Zu ihren – mir unbekannten – Gründen sagt Stephan nichts.

Zwei Wochen nach dem jungen Wahrscheinlichkeits-
theoretiker bringt sich der 55jährige jüdische linke und avantgardistische Schriftsteller und Kunstgeschichtler aus Berlin Carl Einstein (1885–1940) gleichfalls in Frankreich um. Er lebte und wirkte seit 1928 in Paris. 1932 ging er eine zweite Ehe ein: mit der aus Vorderasien stammenden Französin Lyda Guévrékian. Trauzeuge soll der Maler und Bildhauer Georges Braque gewesen sein. Später kämpfen die Gatten in Spanien auf republikanischer Seite, bis sie vor Francos siegreichen Faschisten nach Paris zurückfliehen. Hier kommt der deutsche Staatsbürger Carl Einstein 1939/40 vom Regen in die Traufe, weil die deutsche Wehrmacht in Frankreich und weiteren Nachbarstaaten einrückt. Also bricht er erneut gen Mittelmeer auf, wird aber in Südfrankreich interniert. Um der nach seiner Einschätzung „todsicheren“ Rache der Nazis oder anderer Faschisten zu entgehen, nimmt er sich dort, trotz vorübergehender Entlassung, im Juli 1940 das Leben, indem er sich unweit der Grenze zu Spanien in den Fluß Gave de Pau stürzt. Diese Konsequenz hatte er bereits angekündigt. Seine Frau, geboren 1898, konnte seine Manuskripte retten. Sie lebte später im Iran und in den USA, wo sie erst mit gut 90 Jahren starb.****

Der meist unter e. o. plauen bekannte sächsische Zeichner Erich Ohser (1903–44), eigentlich antifaschistisch gestimmt, paßte sich im Laufe des „Dritten Reiches“ aus wirtschaftlichen Gründen demselben an, wobei ihm seine noch heute beliebten harmlosen Bildgeschichten um Vater und Sohn als Sprungbrett dienten. Sie machten ihn wohlhabend. Ab 1940 karikierte er auch für Goebbels' Wochenblatt Das Reich – etwa die Russen als blutrünstige Wölfe, Churchill als verschlagenen Betrüger. Dadurch (weil „unabkömmlich“) konnte es der Patriot wohl auch vermeiden, in Uniform an die Front geschickt zu werden. Nach einer Denunziation wegen nazifeindlicher Äußerungen in den eigenen vier Wänden durch einen Nachbarn wurde Ohser Ende März 1944 gleichwohl verhaftet. Sein Verfahren vor dem Freisler'schen „Volksgerichtshof“ in Berlin, wo der Künstler seit 1928 lebte und unter anderem eng mit Erich Kästner befreundet war, stand für den 6. April an. Ohser war inzwischen 41. Am frühen Morgen des Prozeßtages erhängte er sich in seiner Zelle. Ein FAZ-Kritiker***** bietet zukünftigen Opportunisten Formulierungskunst an, indem er versichert, Ohser habe mit den Nazis „nichts anfangen“ können, „auch wenn er für sie arbeitete.“ Dazu gibt er Ohsers „Mangel an Fremdsprachenkenntnissen“, der ihn, neben seiner Vaterlandsliebe, von Emigration absehen ließ, als „Tragik“ aus – wer kommt schon gegen Tragik an?

* Die Armut der Psychologie, deutsche Ausgabe Bern/München 1980, S. 270
** Laut Ursula Homann, literaturkritik.de, 19. Dezember 2006
*** November 2008
**** Ilse Korotin (Hrsg): biografieA. Lexikon österreichischer Frauen, Band 1, Wien 2016, S. 680
***** Andreas Platthaus am 5. Januar 2015




49 - Charles Myr Lesaar (1883–1941), belgischer Maler, seit 1913 in den USA. Der ehemalige Düsseldorfer und Antwerpener Kunststudent soll vorwiegend Landschaften und Porträts in Öl geschaffen haben. Eine recht interessante Junge Feldarbeiterin (vor Gewitterfront?) habe ich sogar mit dem Internet gefischt. Weitere Reproduktionen bringt meine Hauptquelle. Leider liegt nirgends ein brauchbares Porträt in Prosa vor, das den offenbar stämmigen und dunkelhaarigen, später eher kahlköpfigen Künstler selber zeigte. So steht man hauptsächlich vor Lücken. Sie schließen bereits die große Überseereise Lesaars ein, scheint doch niemand zu wissen, warum er als knapp 30jähriger, über Kanada, in das Gelobte Land auswanderte. Hatte er „wirtschaftliche“ Gründe, traf er's wahrscheinlich recht gut, weil er in den Staaten zu einer Ehefrau, zwei Kindern und 1919 sogar einem Sommerhaus kam. Dort soll er sich 22 Jahre später umgebracht haben. Es lag an der Green Bay, einer ausgedehnten Bucht des riesigen Michigan Sees im Staat Wisconsin, genauer in der winzigen Ferienkolonie Fish Creek, die zur Landgemeinde („village“) Ephraim im Door County gehört. Der eingewanderte Künstler hatte anfänglich in San Francisco, Kalifornien, dann lange in Chicago, Illinois, später wieder in Kalifornien (in Oakland) gelebt, dort aber erst ab 1937. Das könnte mit seiner Scheidung oder jedenfalls Trennung von Gattin Meta Helen geb. Schwefer zusammenhängen, die im selben Jahr stattfand. Möglicherweise verlor Lesaar dadurch auch das Sommerhaus, wie ich aus einer entsprechenden Zeitangabe meiner wichtigsten Quelle* schließe. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Von der Gattin ist weiter nichts zu erfahren.

Dummerweise liegt gerade auch der angebliche Selbstmord Lesaars im Dunkeln, obwohl wir über einen zeitgenössischen Bericht des Door County Advocates verfügen (12. September 1941). Das Blatt erschien wahrscheinlich, wie heute noch, in der nahen Kleinstadt Sturgeon Bay. Ihm zufolge wurde der unbekleidete Leichnam des 57 Jahre alten Kunstmalers rund 500 Meter von Fish Creek entfernt nahe Weborg Point von einem gewissen Robert Bach am Strand der Bucht entdeckt. Die Kleider fanden sich ein paar Steinwürfe weiter in einem Gebüsch. Der arme Mann sei „ertrunken“. Er habe einen Strick um den Hals gehabt, der am anderen Ende eine Schlinge zeigte, als habe Lesaar ursprünglich einen Stein daran befestigt. Wie aber war er dort hingekommen – als Wasserleiche an den Strand? Dazu sagt der Advocate kein Wörtchen. Möglicherweise war der lebensmüde Künstler an einer anderen Stelle vom Steilufer gesprungen oder auch eben hier ins Wasser gewatet und daraufhin, als mit einem Stein beschwerter Nichtschwimmer (falls er ein solcher war), wunschgemäß ertrunken. Später löste sich die Schlinge vom Stein und die Gezeiten oder eine Strömung schwemmten die Leiche an den Strand.

Man fragt sich natürlich auch, warum sich einer die Mühe des Entkleidens macht, wenn er sowieso untergehen möchte. So heiß wird es ja, Anfang September, nicht mehr gewesen sein; der Ort liegt Höhe Bordeaux. Als Grund für den Selbstmord vermutete Sohn Jean (wohl eher John) aus Chicago die „schlechte Gesundheit“ seines Erzeugers. Das ist freilich ein weiter Begriff. Zudem könnte man den Sohn für befangen halten. Laut Artikel weilte er zur Tatzeit in der Gegend. Warum, wird nicht gesagt. Wußte sein Vater davon? Machte John Ferien im Sommerhaus, falls es der Familie oder wenigstens seiner Mutter noch zur Verfügung stand? Oder war er womöglich vielmehr scharf auf das Sommerhaus und verstand es deshalb, seinen Vater unauffällig um die Ecke zu bringen und die Sache dann als Selbstmord auszugeben? Coroner Calmer Nelson und Sheriff Harry Brann verständigten sich laut Zeitungsartikel auf „Suizid“. Eine weitere Untersuchung sei überflüssig. Einen Arzt oder einen ärztlichen Befund erwähnt der Artikel nicht. Dieser Artikel ist derart schlecht verfaßt, daß man sogar Mühe hat ihm zu unterstellen, er habe etwas vertuschen wollen.

Vielleicht war die Sache einfach so, wie es einem Short-Story-Schreiber gefallen hätte, etwa Hemingway, der alte Mann und die grüne Bucht. Als der alte Mann zu erblinden droht und auch noch sein geliebtes Sommerhaus an den Besen Meta und die ungezogenen Sprößlinge verliert, reist er heimlich nach Fish Creek, um a) Selbstmord zu begehen, b) dem Ort seines hauptsächlichen Schaffens zu huldigen, c) der Familie zu schaden, die nun die verdächtig wirkende unbekleidete Leiche mit dem Seil am Hals hat.

* Marcel Lesaar 2008



50 - Hugo Distler (1908–42). Der aus Bayern stammende Organist und Komponist wird zumeist als wichtiger Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik seiner Zeit (um 1930), zudem rastlos tätiger und mitreißender Mann gerühmt. Nun ja. 1940 schuf er für das Chorliederbuch der Wehrmacht unter anderem das Werk für Männerchor Morgen marschieren wir in Feindesland. Im selben Jahr wurde Distler, schon seit 1933 Mitglied der NSDAP, Professor an der Berliner Staatlichen Musikhochschule. Im April 1942 übernahm er außerdem die Leitung des Berliner Staats- und Domchors und bezog, da er mit seiner Familie (drei kleine Kinder) ein Haus in Strausberg bewohnte, eine Dienstwohnung in der Nähe des Doms. Allerdings muß er im Apparat nicht nur Gönner gehabt haben. Fünfmal hatte er den Gestellungsbefehl der Wehrmacht abwenden können, doch am 14. Oktober 1942 kam die sechste Aufforderung. Am 1. November 1942 begab sich der 34jährige Professor nach dem Gottesdienst im Dom zu seiner Dienstwohnung in der Bauhofstraße und brachte sich um.

Wie, läßt sich der sogenannten Offiziellen Hompage Hugo Distler (Stand September 2016) nicht entnehmen. Einige andere Quellen sprechen davon, Distler habe, vermutlich in seiner Küche, „den Gashahn aufgedreht“. Gottseidank ist nirgends zu lesen, das ganze Wohnhaus oder der ganze Dom seien in die Luft geflogen. Es mißlang mir übrigens festzustellen, ob die Offizielle Homepage von Distler persönlich oder dem Berliner Senator für Kultur und Erbauung genehmigt worden ist. Was die Motive für Distlers Selbstmord angeht, vermutet Nick Strimple (2002) laut englischer Wikipedia, mehr als staatliche Repression habe dem Komponisten der eigene Gewissensdruck zugesetzt – und die Befürchtung, auf Dauer sei es nicht möglich, zugleich den Nazis und Gott zu dienen. Vielleicht ist dem kalifornischen Dirigenten und Autor nicht bekannt, daß es anderen durchaus möglich war, beispielsweise den Bischöfen Theophil Wurm und Otto Dibelius. Andere, offiziellere Quellen verweisen dagegen stets auf Distlers starke Lebens- und Versagensängste, die dem „unehelich“ Geborenen von Kind auf zugesetzt hätten. Nach Jürgen Buch* leistete sogar das Übliche, nämlich eine Liebschaft, einen nicht unmaßgeblichen Beitrag zu Distlers Verzweiflung. Er war diese Liebschaft in Stuttgart parallel zu seiner Ehe eingegangen, hatte dann aber mit der Berufung nach Berlin dem (Strausberger) Haussegen zuliebe auf sie verzichtet. Distlers Tochter und Biografin Barbara Distler-Harth sei der Ansicht, mit diesem Verzicht habe ihr Vater „den Todeskern in sich gelegt“. Oder sollte es Gott gewesen sein? Wenn schon nicht der Faschismus? Aus dieser Klemme hilft nur ein Glaube, der mir persönlich abgeht: an „Willensfreiheit“.

* Festschrift des Berliner Hugo-Distler-Chors 2003



51 - Theodore „Theo” Annemann (1907–42). Eigentlich hieß er Squires, geboren in East-Weverly, New York. Obwohl sein Künstlername recht deutsch klingt, galten Annemanns Sorgen nicht dem Faschismus. Wegen dem Faschismus hätte sich der Ex-Bahnbeamte, der seine künstlerische Laufbahn als Sänger sowie als Assistent in Zaubershows begonnen hatte, wahrscheinlich auch nicht umgebracht. Er wurde Magier. Als ihn die Kunststücke mit Spielkarten nicht mehr genug forderten, verlegte er sich um 1930 auf die sogenannte Mentalmagie, zu deren „Vätern“ er unter Fachleuten gezählt wird. Hier ging es um Gedankenlesen, Hellsehen, Telekinese und dergleichen. Über diese Tricks legte er auch eine Reihe von Schriften vor, angefangen mit The Book Without A Name von 1931. Eigenwillig war er schon. So trimmte er auch die spektakuläre, schon seit Jahrzehnten dargebotene Übung des Kugelfangs für sein mentalmagisches Programm zurecht. Er konnte ja immer behaupten, die von Zuschauern markierte Gewehr- oder Pistolenkugel (nach dem Abfeuern in Richtung seines geöffneten Mundes) durch reine Gedankenkraft mit den Schneidezähnen gepackt zu haben. Wenn es gut ging, rieselte sogar etwas Blut aus seinen Mundwinkeln.

Bei Annemann ging es erstaunlicherweise immer gut – dafür machten ihm jedoch die ganzen nervenaufreibenden Umstände zu schaffen. Er bekam sein Lampenfieber nie in den Griff. Er soll nicht selten derart aufgeregt gewesen sein, daß ihn auf der Bühne geradezu Schüttelfrost befiel. Während das Publikum darin einen schlagenden Beweis für die übermenschlichen Anstrengungen erblickte, die ihm die Konzentration abverlangte, drohte ihn sein Lampenfieber in Wahrheit zu zermürben, zumal er es immer heftiger in Alkohol zu ertränken suchte. Probleme in zwei Ehen kamen hinzu. Für Ende Januar 1942 hatte der 34jährige Zauberkünstler mit Pomp sein neues Programm angekündigt, das in Manhatten über die Bühne gehen sollte, wo er damals lebte. Als Höhepunkt war eine brandneue Variante des Kugelfangs vorgesehen. Zwei Wochen vorher drehte freilich auch Annemann, wie bald darauf der gleichaltrige Distler, in seiner Wohnung den Gashahn auf. Erklärungen hinterließ er angeblich nicht. Hätte er seine Pistole genommen, hätte es ihm vielleicht nicht jeder geglaubt.

Der folgende Fall gilt in allen wesentlichen Quellen als nicht restlos erhellt. Dabei nehmen sie durchweg an, der Zauberkünstler sei das Opfer eines Irrtums geworden – nun ja, warum auch nicht, schließlich war das Täuschen sein Geschäft. In diesem Fall kostete ihm der mutmaßliche Irrtum allerdings das Leben. Am 14. Mai 1943, als die beiden deutschen Wehrmachtssoldaten vor seinem Amsterdamer Laden auftauchten, war C. H. Larette (1889–1943), von Hause aus Cornelius Hauer mit Namen, 54 Jahre alt. Der schmalgesichtige, dunkelhaarige Sohn eines jüdischen Wiener Süßwarenfabrikanten, im Frack sehr elegant, hatte es zu etwas gebracht. Er hatte zum Beispiel eine 25 Jahre jüngere Frau, Johanna Maria Kortmulder, die aus einer einheimischen katholischen Fabrikantenfamilie stammte. Er selber war gleichfalls schon seit längerem Katholik, weshalb er auch keinen Judenstern trug. Er hatte ferner den Laden für Zauberzubehör, in dem er überdies Unterricht gab, durfte sich offiziell „Hofzauberer“ nennen, weil er das niederländische Königspaar Wilhelmina und Heinrich wiederholt für sich eingenommen hatte, genoß auch in Fachkreisen (vor allem für seine „Manipulationen“ mit Karten, Bällen, Fingerhüten, Münzen und dergleichen) Weltruf, verfaßte ein „Standardwerk“ über sein Fach und konnte sich daher, alles in allem, selbst in den Kriegs- und Besatzungszeiten gut ernähren. Ein gewisses Problem stellte allerdings Larettes zunehmende Schwerhörigkeit dar. Sie wurzelte in einer schweren Mittelohrentzündung, die er sich einen Krieg früher auf dem Rußlandfeldzug in Sibirien zugezogen hatte. Sie paarte sich mit dem anderen Problem, daß Larette mit Vorliebe den britischen „Feindsender“ hörte und dabei den Lautstärkeknopf immer weiter aufdrehte. Einige Quellen vermuten daher, Larette habe befürchtet, jene zwei Soldaten seien eben aus diesem Grund und mit wenig freundlichen Absichten vor seinem Laden erschienen. Andererseits führte Larette unter anderem eine deutsche Zauberzeitschrift und hatte öfter deutsche Kunden, die diese Zeitschrift kauften oder einen Trick für ihre Offizierskasinoparty erwarben.

Von daher weiß niemand genau, warum der Magier beim Anblick der beiden Soldaten so prompt und krass reagierte. Er ging in ein Nebenzimmer seines Ladens, ergriff sein offensichtlich stets bereitgehaltenes und vermutlich auch schon geladenes Gewehr und versetzte sich einen Kopfschuß. Als die alarmierten Soldaten und Larettes Frau herbeigestürzt kamen, war der Ladeninhaber bereits tot. Seitens der Besatzungsbehörden und der Presse wurde der Vorfall vertuscht oder verharmlost. Was dagegen Kollegen, Freunde und vor allem Larettes Frau angeht, frage ich mich freilich, ob sie nicht wenigstens später, nach dem Krieg, zur Erhellung hätten beitragen können. Davon ist in den Quellen nichts zu lesen. Frau Johanna wurde immerhin 88, doch 2003 starb auch sie.

Ein Landsmann und Zunftgenosse Larettes, Magic Christian aus Wien (siehe etwa Die Presse vom 20. September 2013), diente mir mit Auskünften und Hinweisen auf wichtige Quellen, darunter Jüdisches Amsterdam und Henk van Gelder 2010.



52 - Lotte Altmann und Stefan Zweig (1908–42) und (1881–42). Wenn sich der erfolgreiche Schriftsteller Stefan Zweig in seinen 1942 veröffentlichten Erinnerungen Die Welt von gestern einige Fertigkeiten in der Kunst des Weglassens bescheinigt, wird ihm im allgemeinen vielleicht nicht jeder zustimmen, aber in seinem Lebensrückblick selber ist es ihm ohne Zweifel gelungen, die beiden wichtigsten Frauen seines Lebens weder namentlich noch anderweitig nennenswert zu erwähnen. Die erste hieß, nach ihrem Ex-Gatten, Friderike von Winternitz. Zweig heiratete sie 1920 und zog mit ihr und den beiden Kindern, die sie mitgebracht hatte, in eine stattliche Villa am Salzburger Kapuzinerberg, das Paschinger Schlössel. Während der ganzen Beziehung (seit 1912) hat die Tochter aus großbürgerlichem jüdischem Hause, die auch selber schriftstellerisch tätig war, ihren Stefan wiederholt mit Nebenbuhlerinnen oder Gespielinnen zu teilen, darunter die Pariser Modistin Marcelle. Wie es aussieht (es gibt einen editierten Briefwechsel der Eheleute, Ffm 2006) war die Gattin vor allem Zweigs Hausfrau, Sekretärin und Trösterin. Allerdings folgte sie ihm nicht ins Exil. Sie starb 1971 hochbetagt in den USA.

1938 wieder von Friderike geschieden, vermählte sich Zweig ein Jahr darauf, in London, mit Lotte Altmann, die bereits vorher als seine neue Sekretärin fungierte. Sie blieb es selbstverständlich auch weiterhin. Altmann stammte aus einer oberschlesischen jüdischen Fabrikantenfamilie. Es steht zu befürchten, daß sich beide Ehefrauen in der Unterwürfigkeit nicht sonderlich viel nahmen. „Aber so wollte die Gesellschaft von damals das junge Mädchen, töricht und unbelehrt, wohlerzogen und ahnungslos, neugierig und schamhaft, unsicher und unpraktisch, und durch diese lebensfremde Erziehung von vornherein bestimmt, in der Ehe dann willenlos vom Manne geformt und geführt zu werden ...“ So Stefan Zweig in seinen Erinnerungen – nur nicht auf seine eigenen Ehen gemünzt. Altmanns Treue fand ihren Höhepunkt 1942 im brasilianischen Exil. Die 33jährige, die freilich trotz ihrer Jugend an oft heftigem Asthma litt, „folgte“ ihrem 60jährigem Gatten „in den Tod“. Sie nahmen gemeinsam eine Überdosis Veronal.

Während Zweig die Veröffentlichung seiner berühmten Schachnovelle noch miterlebt hatte, erschienen seine eingangs erwähnten Erinnerungen ein Jahr darauf posthum. Erstaunlicherweise hatte er bereits zu Lebzeiten zu den deutschsprachigen „Auflagenkönigen“ gezählt. In Deutschland standen seine Werke allerdings auf der Verbrennungsliste. Was ihn ferner niedergedrückt hatte, war der Verlust seiner Heimat und solcher Freunde wie Joseph Roth und Sigmund Freud, zudem die Zerstörung des Ideals vom Vereinten Europa. Ein nicht unwesentlicher Gesichtspunkt, „in dem wohl schon die Tragik seines Freitodes ihren Schatten vorauswarf“, findet in der Literatur wenig Beachtung. Es war „seine unerklärliche Angst vor dem Altern“, so sein deutlich jüngerer Berufskollege und Freund Carl Zuckmayer*, mit dem sich Zweig um 1930 häufig traf, weil sie beide im Raum Salzburg wohnten. „Ich habe das bei keinem anderen Menschen, auch bei keiner Frau, in einer solchen Gradstärke kennengelernt.“ Obgleich durchaus gesund und rüstig, hätte sich diese Angst bereits bei dem 50jährigen in wiederholten Klagen und „tiefen Depressionen“ ausgedrückt. Beim Schnaps nach einem Festessen habe er einmal unvermittelt gesagt: „Eigentlich hätte man jetzt genug vom Leben. Was noch kommen kann, ist doch nichts als Abstieg.“ Das war mehr als ein Jahr vor dem Machtantritt Hitlers.

Von Lotte Altmann ist wenig bekannt. Ihre Briefe an Zweig „gingen verloren“, wie es meist diplomatisch heißt. Sie soll lebenslustiger als ihr spröder Gatte gewesen sein. Allerdings habe sie, wird gesagt, ihre starke Eifersucht auf ihre Vorgängerin (von der sie gehaßt wurde) nie zu überwinden vermocht. Wenn das für einen Greis nicht schmeichelhaft ist? Vielleicht glaubte sie beim letzten gemeinsamen Drink, jetzt hätte sie ihn für sich allein.

Einige weitere Paar-Selbstmorde streifte ich bereits in meiner Betrachtung des Lampenfiebers. Hier gehe ich nur noch auf drei andere Fälle ein, die ungefähr 100 Jahre umspannen. Das Jahr 1891 erlebte einen Aufsehen erregenden Beinahe-Doppelselbstmord im skandalträchtigen Milieu von Kunst und Geld. Karl Stauffer-Bern (1857–91), Sohn eines Berner Pfarrers, hatte es in München und Berlin schon in jungen Jahren zum angesehenen Porträtmaler gebracht. So lassen sich unter anderem die bekannten Schriftsteller Gustav Freytag, Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer von ihm verewigen. Trotz des Erfolges zweifelt Stauffer jedoch an seinen meisterhaft gemalten Werken und plant, seine Vollendung in der Bildhauerei zu suchen. 1888 geht er zu diesem Zwecke nach Rom, wohin ihm pikanterweise bald die steinreiche Schweizerin Lydia Welti-Escher (1858–91) folgt, zugleich Tochter eines in Zürich residierenden „Eisenbahnkönigs“, Gattin von Stauffers Schulkameraden Friedrich Emil Welti, dessen Vater im Bundesrat sitzt, sowie Stauffers Geliebte und Mäzenin.

Wen wundert es, wenn der Gatte, dessen überaus einflußreicher Erzeuger und der römische Gesandte der Schweiz, Simeon Bavier, übereinstimmend meinen, gegen diese Zustände einschreiten zu müssen. Dabei war es in Wahrheit, behauptet Welti-Eschers jüngster Biograf Joseph Jung** wie vor ihm (2005) schon Willi Wottreng, gerade der Gatte, der dem Künstler die eigene Gattin geradezu in die Arme getrieben hatte. Der Zweck der Intrige liegt auf der Hand: man wünschte sich Lydias Millionenvermögen unter den Nagel zu reißen. So landet Lydia auf Betreiben der drei Herren in einer Römischen Irrenanstalt, Karl im Gefängnis und dann in einer Florenzer Irrenanstalt. Im März 1890 wieder entlassen, weil sich die Beschuldigungen gegen ihn (Entführung, Diebstahl, Notzucht) als gar zu fadenscheinig erweisen, erfährt Stauffer, Lydia habe Rom verlassen und mit ihm gebrochen. Er schmiedet Klosterpläne, scheitert in einem ersten Selbstmordversuch, grämt und verzehrt sich. Im Januar 1891, inzwischen 33 Jahre alt, wird er in Florenz mit einer Überdosis Schlafmittel im Bauch tot aufgefunden. Lydia, inzwischen dank einer Riesenabfindung für Welti von diesem geschieden und ebenfalls 33, folgt Stauffer noch im Dezember desselben Jahres. Sie bedient sich bei Genf, wo sie eine Villa hat, des Gashahns. Jung stellt die Mäzenin als erwiesenermaßen hellwache, dazu mutige Frau dar, die sich den Konventionen widersetzte und dabei „emanzipatorische“ Ziele verfolgte; Wottreng spricht gar von ihren feministischen Zielen. Ihr restliches Millionenvermögen vermachte sie übrigens, mit Auflagen zur Nutzung, der Schweizerischen Eidgenossenschaft, also dem Vater Staat – der es nach Meinung vieler Fachleute kräftig veruntreut und teilweise den nächsten bestechlichen Alpengeiern in den Rachen geschmissen hat.

Der Berliner evangelische Theologe Jochen Klepper (1903–42) wurde nicht Pfarrer, wie sein Erzeuger, verlegte sich vielmehr auf Freie Schriftstellerei. Das faschistische Schreibverbot ereilte ihn erst 1937, wurde zudem erst 1942 in Kraft gesetzt. Da nützte es den Machthabern freilich nicht mehr viel. Sie hatten Klepper als „wehrunwürdig“ eingestuft und zuletzt die ganze Familie mit Deportation bedroht, weil Kleppers (13 Jahre ältere) Ehefrau Johanna und deren jüngere Tochter Renate Stein, wohl 18 Jahre alt, „jüdisch“ waren. Im Dezember des Jahres entschlossen sie sich deshalb (angeblich) gemeinsam, in den Tod zu gehen: Schlaftabletten und Gas. An die Wohnungstür hatten sie vorsorglich ein Warnschild geklebt. Die ältere Tochter Brigitte entging diesem Familientod, weil man ihr noch die Ausreise gestattet hatte. Klepper war 39.

Entgegen manchen schöngefärbten Quellen war der glühende Christ Klepper keinesfalls „Widerstandskämpfer“, ja noch nicht einmal Demokrat. Ohne seine „falsche“ Ehe hätte er im „Dritten Reich“ kaum Ärger gehabt. Klepper war monarchistisch, also autoritär gestimmt. Neben einem angeblich bedeutenden Tagebuch wird oft sein zweibändiges Werk Der Vater. Roman des Soldatenkönigs (Friedrich Wilhelm I. von Preußen, um 1700) gelobt. Klepper hatte selber einen übermächtigen Vater, entschuldigte ihn aber, wie er alles entschuldigte, mit „Gottes Wille“. Die Arnsberger Freie Publizistin Ursula Homann, geboren 1930, drei Kinder, verhehlt dies alles nicht, scheint es aber auch nicht für sonderlich betrüblich zu halten.*** Selbst bei ihr finde ich kein Aufmerken angesichts der Tatsache, daß wir in Kleppers Fall sogar vor einem Dreifach-Selbstmord stehen. Seine ungefähr 18jährige Stieftochter Renate, über die man leider im gesamten Internet buchstäblich nichts erfährt, starb ja ebenfalls – freiwillig? Von den lebensbedrohlichen Aussichten erzwungen? Oder vielleicht doch in erster Linie von ihren Eltern? Hier hagelt es sofort Fragen und Gesichtspunkte, mit denen man ein ganzes Ethik-Lehrbuch füllen könnte. Aber niemand stößt sich an dem Hagel. Allerdings gibt es eine vergleichsweise umfangreiche Literatur über Klepper, vielleicht sieht es darin anders aus.

Möglicherweise hatte Klepper grundsätzlich ein gestörtes Verhältnis zu Kindern. 1933 erzielte er als Journalist und Schriftsteller die erste größere Aufmerksamkeit mit seinem gern als „frech“ ausgegebenen Roman Der Kahn der fröhlichen Leute, 1950 sogar verfilmt (Regie Hans Heinrich). Der Roman ist im zeittypischen „coolen“ Ton der „Neuen Sachlichkeit“ geschrieben, der wahrscheinlich, in seiner Kurzangebundenheit, mitverantwortlich für den Mangel an Anschaulichkeit und Buchklima ist. Nun, das fand man damals geil. Man nahm es dem Autor vermutlich auch nicht übel, daß er sich für diesen Roman aus dem Dunstkreis der zeitgenössischen Oderschiffahrt als Theologe oder sendungsbewußter Laienchrist vollständig in Nebel gehüllt hatte. Die Religion hat nicht den geringsten Anteil an der angeblichen Fröhlichkeit des gesamten Romanpersonals. Die ungefähr 12jährige, blonde Wilhelmine Butenhof, Vollwaise und „Schiffseignerin“ eines altersschwachen Frachtkahns, darf sogar ungerügt den Konfirmandenunterricht, ja sogar die Konfirmation selber schwänzen. Dafür macht sich Klepper einmal unverholen über die „frommen Leute in Köben“ lustig, „die in den Nachmittagsgottesdienst gingen statt in den Schifferzirkus“ (S. 111).****

Nun mag man die Religion vielleicht in der Tat verschmerzen können, aber leider spielt auch die Soziale Frage nicht die geringste Rolle in dem Werk. Ob Fischer, Bauer oder Bäcker; Gutsherr, Tuchfabrikant oder Reichsminister, man hat die jeweils zugemessene Bürde halbwegs redlich – und eben fröhlich zu tragen. Prahlerei ist erlaubt, sogar förderlich. Dem Schiffsjungen ist der Traum von der Kapitänsmütze unbenommen. Es ist ein völlig unkritisches, dazu wenig einfühlsames Buch. Mit Wilhelmine mutet uns Klepper ein Waisenkind zu, das in einem geschlagenen Jahr für keine Minute seine Eltern oder sonst eine Geborgenheit vermißt. Aber verloben muß sich Wilhelmine, am Schluß. Zwei Hochzeiten krönen das Werk. Bis dahin hat das Waisenkind auch das Spielen selten vermißt, denn Klepper hat ihm die Rolle der „Schiffseignerin“ verordnet, der eingebildeten Chefin, die bald ein Dutzend Leute zu ernähren glaubt. Dieser an der Oder zwischen Breslau und Stettin aufgefädelte, eigentlich bemerkenswerte Grundeinfall erweist sich dummerweise als Krampfader. Vielleicht hätte Klepper aus seiner Wilhelmine doch lieber die Flußpiratin und Rachefurie machen sollen, von der sie anfangs, nach dem Tod ihrer Eltern und der Übernahme des mürben Kahns unter Aufsicht eines Vormunds, wenigstens einmal träumen darf (S. 38). Aber das wäre, mit Günter Eich aus Lebus an der Oder gesprochen, Sand im Getriebe gewesen. Klepper stammte aus dem nahen Oderstädtchen Beuthen, dieselbe Gegend. Kurz, er hat uns mit seinem erstem Buch einen schlechten, mindestens überflüssigen Dienst erwiesen; er hätte es besser übersprungen. Es wird aber ganz im Gegenteil bis zur Stunde immer wieder neu aufgelegt.

Der doppelte Tod von Gert Bastian (1923–92) und Petra Kelly (1947–92) schlug nicht nur in der damaligen deutschen Bundeshauptstadt wie eine Bombe ein, zumal ja ein General a. D. beteiligt war. Die beiden PolitikerInnen hatten trotz eines beträchtlichen Altersunterschiedes von gut 24 Jahren gemeinsam ein zweigeschossiges Reihenhaus in Bonn-Tannenbusch bewohnt. Sie starb mit 44, er mit 69. Bastian war schon im Zweiten Weltkrieg Offizier gewesen, brachte es dann bei der Bundeswehr bis zum Generalmajor, ehe er 1980 seinen Hut nahm. Er hatte sich nämlich inzwischen zum (mancherorts umstrittenen) Atom- und Kriegsgegner gewandelt und tat sich deshalb mit den Grünen und eben auch mit deren „charismatischer“ Galionsfigur Kelly zusammen. Offiziell blieb er mit seiner Gattin Charlotte verheiratet und besuchte sie sogar öfter in München. Sie hatten zwei Kinder. Bastian saß nun, wie Kelly, im Bundestag (er bis 1987, sie bis 1990) und folgte der Galionsfigur ansonsten auf Schritt und Tritt, wobei ihn die einen BeobachterInnen als Pekinesen, die anderen als Bernhardiner verunglimpfen. Hat er seine Petra also eher gestützt oder hing er eher wie fünf Ziegelsteine an ihrem Bein? Für die Bernhardiner-Fraktion war Bastian Kellys unentbehrlicher Fürsorger und Trottel, an dem sie ihre Launen auslassen konnte. Sie habe ihn auch durchaus mit anderen Männern betrogen. Jedenfalls waren zunehmende, teils lautstarke Streitigkeiten zwischen den beiden zu beobachten, was auch die Pekinesen-Fraktion einräumt.

Kelly, studierte Politologin, muß eine schillernde kleine Person gewesen sein, obwohl ihrem feinen, schmalen Gesicht zumeist eine besorgniserregende Blässe bescheinigt wird. Das würde sich mit ihrem märtyrerhaften Zug decken: es gab kein Leid in der Welt, das vor ihren dunklen Argusaugen sicher war. Das Gründungsmitglied der Grünen (1980) galt als mitreißend, fordernd, arbeitswütig und stets abgehetzt. Kelly wetterte gegen Krieg, aber auch gegen Abtreibung. Sie war für Tibet, für die Kurden, für alle möglichen IndianerInnen. Ungefähr ab 1990 traten die Grünen allerdings die umgekehrte Wandlung des Gert Bastian an: zurück zum Krieg. Er und Kelly zogen sich von der politischen Bühne in das Reihenhäuschen zurück. Kelly, wohl von Kind auf nierenkrank, galt ohnehin seit längerem als angeschlagen oder ausgelaugt, durchängstigt und, bei der Polizei, als gefährdet. Als Schulkind hatte sie einen Stiefvater (aus den USA) bekommen, weil ihr leiblicher Vater abgetaucht war. Nun, vermutlich am 1. Oktober 1992, schießt sie ihr betagter Gefährte, der amtlichen Version zufolge, bei einem Nachmittagsschläfchen in die Schläfe. Anschließend richtet Bastian seine Pistole (von schräg oben) gegen die eigene Stirn. Es dauert merkwürdigerweise fast drei Wochen, bis die beiden vermißt und entdeckt werden. Umso rascher hat sich der Staatsanwalt sein Bild gemacht: Bastian habe alle Schüsse abgegeben, und zwar im Einvernehmen mit Kelly. Damit liege kein Mordfall, vielmehr ein gemeinsamer Suizid vor.

Die sogenannte Öffentlichkeit sieht es überwiegend anders. Meist hält sie Bastian für den Mörder seiner Gefährtin; manchmal glaubt sie, Dritte hätten das Paar umgebracht. Beide Annahmen sind keineswegs an den Haaren herbeigezogen, weil es wieder einmal Ungereimtheiten gibt. Warum wurden die Leichen so spät gefunden? Um eine Obduktion zu unterlaufen? Dagegen fanden sich weder Abschiedsbriefe noch Testamente noch sonstige Erklärungen der Verstorbenen. Zwar surrte im Erdgeschoß eine elektrische Schreibmaschine, doch sie enthielt auf der Walze nur einen belanglosen Geschäftsbrief, der mitten in einem Satz und sogar einem Wort abgebrochen worden war. Von ihm her schloß die Kripo auf das mutmaßliche Todestagsdatum, 1. Oktober. Bastian, der Autor des Geschäftsbriefes, ging damals wegen eines Verkehrsunfalls noch an Krücken. Man fand ihn im Flur des Obergeschosses hingestreckt, Kelly dagegen auf ihrem Bett. Die Alarmanlage des Hauses war abgeschaltet. Weiter geben eine lediglich angelehnte Terrassentür und ein umgestürztes Bücherregal (im oberen Flur) zu denken. Bastian könnte es nach dem Schuß in die eigene Stirn im Fallen mitgerissen haben. Wo er sich genau erschoß, und warum gerade da, wird nicht klar. Schmauchspuren von der Tatwaffe will die Kripo nur an Bastians Händen bemerkt haben. Solche Spuren lassen sich vermutlich auch vortäuschen, falls sie einer benötigt.

Wer ein Mordmotiv Dritter suchte, könnte es wohl im Antimilitarismus und in den entsprechenden Enthüllungen (Waffengeschäfte) des Paares finden – obwohl mir die Mundtotmachung oder Vergeltung zu jener Zeit des Privatisierens ein wenig spät erschiene. Manche Quellen***** führen den Verdacht an, Kelly sei seit Jahren, von CIA und von neofaschistischer Seite her, einem Psychoterror ausgesetzt gewesen. Davon sprach Kelly auch wiederholt selber. Möglicherweise suchten diese Kräfte den bereits angedeuteten Deformierungsprozeß der Grünen zu befördern, der diese „underdogs“ binnen weniger Jahre von der Anpinkelei des Imperialismus' in die Geschäftsführung des Imperialismus' katapultierte. Andererseits war das Paar zumindest teilweise durchaus im Sinne westlicher Strategen tätig, man denke etwa an Tibet. Hier schillert es also ebenfalls.

Entgegen dem Bild des Staatsanwaltes bezweifeln viele Freunde oder Kollegen von Kelly, ihr Tod könne ihr Wunsch gewesen sein. Lukas Beckmann: in Petras Unterlagen fanden sich Hinweise darauf um keinen Deut, und ihr Terminkalender vor voll. Angeblich hatte sie sogar eine Professur in den USA in Aussicht. Laut Spiegel (2007) bezweifelt auch Saskia Richter, die 2010 noch eine Kelly-Biografie vorlegen sollte, einen Todeswunsch der abgedankten Politikerin: „Sie hatte Pläne, und als der Schuss fiel, schlief sie.“ Laut Dieter Wunderlich (2012) scheint der Sohn des Generalmajors, Till Bastian, die heikle Sache (in einem Buch von 1994) ähnlich zu sehen. Sein gebeutelter, lebensmüder Erzeuger habe womöglich in „soldatisch-gewalttätiger Fürsorge“ gehandelt, was ja durchaus zu ihm gepaßt hätte. Er sei ernsthaft herzkrank gewesen, habe vielleicht an seinem Schreibtisch einen Anfall erlitten und wollte nun, in Todesnähe, die Gefährtin nicht allein, nicht im Stich lassen. Also habe er sie mitgenommen, wie man dazu gern im Volksmund sagt. Das setzt freilich recht viel Geistesgegenwart bei einem vom Tode oder jedenfalls von Krämpfen geschüttelten Greis voraus. Da mutet das umgerissene Bücherregal direkt gelinde an.

Die Münchener, vielleicht auch Berliner Schriftstellerin Monika Sperr (1941–84), um 1970 kurzzeitig mit dem bayerischen Dramatiker und Schauspieler Martin Sperr verheiratet, veröffentlichte bereits 1983 eine (meist gelobte) Biografie über Petra Kelly, also lange vor deren Tod. Im Jahr darauf verkündete der Spiegel (Nr. 48): „Anders als die von ihr bewunderte Petra Kelly wandte sie die Aggressivität der Gesellschaft gegen sich selbst. Sie nahm sich vorvergangenen Sonntag das Leben.“ Von der Fragwürdigkeit dieses angeblichen Unterschiedes einmal abgesehen, verrät weder das Wochenblatt noch sonstwer, wie und warum sich die Schriftstellerin, die auch über Theres Giehse schrieb, mehrere Kindbücher verfaßte, aber offenbar selbst keine Kinder hatte, mit 43 Jahren umbrachte. Eine nahe Verwandte ihres Ex-Ehemanns Martin Sperr ließ mir die befremdliche Botschaft zukommen: „Sehr geehrter Herr R., leider weiß ich darüber nichts. Vielleicht finden Sie ja über den Verlag etwas heraus.“ Gesagt getan, erklärten sich auch Bertelsmann und Rowohlt für unwissend. Ein Kurator einer jüngeren Martin-Sperr-Ausstellung in Bayern antwortete mir zwar freundlich, wünschte meinem „höchst interessanten Projekt“ sogar viel Erfolg, hatte aber außer einem Hochzeitsfoto von Martin und Monika Sperr auch nichts zu bieten. Wo soll man dann noch nachfragen, wenn das äußerst dürftige Internet-Material über Monika Sperr so gut wie keine Anhaltspunkte liefert?

* Als wär's ein Stück von mir, 1966, hier Sonderausgabe Ffm 2006, bes. S. 58–64
** Laut Julian Schütt in der Züricher Weltwoche, Nr. 28/2008
*** Webseite 1, Webseite 2
**** Seitenangaben nach der Ullstein-Ausgabe Ffm 1984
***** etwa die Webseite Arbeiterfotografie




53 - Simone Weil (1909–43), Philosophin oder Priesterin? Einer ihrer Lehrer am renommierten Lycée Henri IV soll sie „die rote Jungfrau“ getauft haben. Das war keineswegs so abwegig, wie sich später zeigte. Die Tochter eines Pariser jüdischen Arztes ist ein empfindliches Kind, kränkelt oft, tut sich schwer mit Essen und Einschlafen. Zu allem Unglück fürchtet ihre Mutter Selma Mikroben, verordnet also eifriges Händewaschen, untersagt dagegen das Küssen außerhalb des Familienkreises. Von hier dürfte Simone ihre lebenslängliche Hut vor Körperkontakt bezogen haben. Ab 20 kommen häufige starke Kopfschmerzen hinzu. Auf dem Lycée zählt der Philosoph Alain zu ihren Lehrern, Simone de Beauvoir zu ihren Mitschülern. Manche von diesen bestätigen später, Weil habe sich sozusagen für jedes gesellschaftliche Unrecht persönlich verantwortlich gefühlt. Zumindest paaren sich Weils Hauptinteressen Philosophie und Religion mit sozialem Mitleid. Zyniker Leo Trotzki belustigt sich darüber, nachdem ihm Weil 1933 eine vorübergehende Unterkunft in ihrem Elternhaus verschafft hat, obwohl sie seine autoritären Züge (Kronstadt-Aufstand!) verabscheut. Er sagt: „Ja, sind Sie denn von der Heilsarmee?“

Umso verblüffender findet Ursula Homann* den Umstand, daß Weil ihre Augen stets vor der Verfolgung der Juden, auch durch die Nazis, verschloß. Streckenweise habe sie sogar „gehässige antijüdische Texte“ verfaßt. Nach ihrem Schulabschluß 1931 arbeitet Weil als Lehrerin an verschiedenen Provinzschulen. Wegen ihres Eintretens für die Belange von erwerbslosen Proletariern oder Landarbeitern – denen sie sogar die Hälfte ihres Gehalts abtritt – wird sie öfter versetzt. Die zierliche, dunkelhaarige „rote Jungfrau“ lebt spartanisch; auch im strengsten Winter heizt sie ihr Zimmer nicht. Ab 1934 rackert sie trotz ihrer schwachen Gesundheit in Fabriken, lernt Arbeitslosigkeit und Hunger am eigenen Leibe kennen. 1935 erwärmt sie sich durch eine Reise mit den Eltern für das republikanische Spanien. Ihre Teilnahme am Bürgerkrieg, auf anarchistischer Seite, bleibt kurz wegen ihrer Schwäche und ihrem Erschrecken über die Grausamkeit aller Beteiligten. In Portugal und Italien 1937/38 hat sie religiöse Erweckungserlebnisse, die sie zur Gläubigen und Mystikerin machen. Aus dem besetzten Frankreich gelangt sie über Umwege 1942 nach England. Zunehmende Erschöpfung und Verelendung gehen mit Arbeiten für France Libre (De Gaulle) und intensiven Studien einher. Liebschaften werden in den Quellen nie erwähnt. Eine Neigung zum Märtyrium – die Feministin Ursula Schweers spricht von „selbstzerstörerischer Hartnäckigkeit“ – ist unverkennbar. Weil selber verhehlt diesen Zug noch nicht einmal. In ihren Aufzeichnungen oder Briefen vermutet sie, wiederholte „Prüfungen der Hölle“ vorm „Zutritt in die Ewigkeit“ seien unerläßlich; sie verkündet dort auch: „Wenn ich an die Kreuzigung denke, begehe ich jedesmal die Sünde des Neides.“ Sie verbittert und wird zur Dogmatikerin, mit der kaum zu reden ist. Ihrer Magersucht wird sie nicht Herr. Bei ihrem Tod 1943 – die 34jährige hat gerade das Sanatorium in Ashford/Kent aufgesucht – spielen Hungern, Herzschwäche und Lungentuberkulose zusammen. Sie wird im Beisein weniger Menschen auf dem dortigen Friedhof beerdigt.

Weils Werk, von etlichen Zeitungsartikeln abgesehen erst posthum veröffentlicht, blieb bruchstückhaft und unausgereift. Allerdings nahm sie einige warnende Gedanken, etwa zum Totalitarismus von Staat und Technik, vorweg, die sich später auch bei Hannah Arendt, Adorno, F. G. Jünger fanden. Die Legende Simone Weil dagegen, der selbst ein kritischer Kopf wie Heinrich Böll aufsaß, hätte ohne Zweifel das Zeug zur Heiligsprechung durch die Katholische Kirche, falls es den in dieser Richtung interessierten Forschern endlich gelänge, hieb- und stichfest nachzuweisen, daß die potentielle Namenstagspatronin kurz vor ihrem Tod noch getauft worden ist. Ich wünsche ihnen viel Erfolg.

Die Baseler Lehrerstochter Lore Berger (1921–43) war eine unbekannte Schriftstellerin – bis sie sich im stadtnahen, auf einer Anhöhe gelegenen Bruderholz sozusagen drehbuchgemäß von einem Wasserturm stürzte. Prompt erbarmte sich daraufhin ein Züricher Verleger eines Romanmanuskriptes der 21jährigen Selbstmörderin und brachte es im folgenden Jahr unter dem Titel Der barmherzige Hügel als Buch heraus. Dessen weibliche Hauptfigur verzweifelt an einem treulosen jungen Rechtsanwalt, ihrem braven, biederen, von Flammen umloderten Vaterland, ihrem mit Todessehnsucht geschwängerten, maßlosen Glücksstreben und ihrer Magersucht, der sie schließlich erliegt. Vorher beobachtet sie eine andere Frau, die jenen Todessprung der Autorin, mit Hilfe desselben hohen Baseler Turms, vorwegnimmt und somit gleichsam probt. Das Werk wurde verschiedentlich gelobt, 1981 auch verfilmt, wodurch es vermutlich nicht noch besser wurde.

Hat der Nachforscher noch nie von ihm gehört, ist er zunächst geneigt, Frank Lanzendörfer (1962–88) für einen (Performance)-Künstler der avantgardistischen DDR-Untergrundszene zu halten. Aber er scheint auch Lebenskünstler, Hungerkünstler, Egomane und Todeskünstler gewesen zu sein. Im August 1988 inszenierte er seinen Tod bei Eberswalde (unweit von Berlin) im Rahmen seiner jüngsten Fastenkur als Sprung von einem Feuerwehrturm. Freunde des eher nomadisch lebenden, inzwischen 25jährigen Einzelgängers aus Dresden und Ostberlin warteten derweil „in der Nähe“, wie sich Peter Böthig** im Nachwort zu einem Gedenkband recht diplomatisch ausdrückt. Mit dem Todessprung soll Lanzendörfer nebenbei, neben den Verfolgungen durch die Stasi, an kindliche Flugversuche in einem stillgelegtem Pillnitzer Steinbruch (bei Dresden) angeknüpft haben. Vorher hatte er alle ihm erreichbaren eigenen Arbeiten, darunter Texte und Collagen, verbrannt. Demnach wollte er, wenn überhaupt, nicht mit überprüfbaren Werken, sondern als Luftikus oder Gerücht in die Kunstgeschichte eingehen. Lanzendörfer hatte 1985 einen Ausreiseantrag gestellt, der ihm die hartnäckige Überwachung und Einschüchterung durch die DDR-Behörden einbrachte. Böthig glaubt, wenn ihn die Stasi nicht in den Tod getrieben habe, dann habe sie doch zumindest einen Anteil an seinem Selbstmord. Er versichert außerdem, Lanzendörfer sei so gut wie unfähig gewesen, zu sich selber und seinen Werken Distanz einzunehmen. Das wird auch von Lanzendörfers Förderer Asteris Kutulas** unterstrichen: „– abstands- und kompromißlos“. Anders ausgedrückt, litt Lanzendörfer am bekannten Unmittelbarkeitssyndrom, auch „Wunsch nach Authentizität“ genannt. Dann setzt man natürlich auch gerne den eigenen Körper beim Hungern und Springen aufs Spiel. Berger zeigte das in Basel. Mit seinem Sprung vom Feuerwehrturm verpaßte der ausgezehrte Lanzendörfer die „Öffnung“ der DDR um ein Jahr; ich fürchte jedoch, sie hätte ihn nicht gerettet. Einer von seinem Naturell bringt sich überall um. Ich fürchte sogar, daß sich Lanzendörfers fordernde, erpresserische Ader nicht nur gegen sich selbst oder den Staat richtete. Kutulas berichtet vom „Besuch“ zweier Stasi-Leute in seiner Pankower Wohnung, Mai 1988. Sie traten mit netter höhnischer Begrüßung auf, weil Lanzendörfer gerade seinen Ausreiseantrag zurückgezogen hatte.
Ich schwieg, da ich nichts von ihnen wollte, Lanzendörfer saß stumm kippelnd auf einem Stuhl, diese Stummheit dem Raum regelrecht aufzwingend. Nach etwa fünf Minuten einer immer unerträglicheren Stille standen die beiden Stasileute auf und gingen fort. / Diesen Terror der Stille – wie ich es nennen würde – kultivierte Lanzendörfer geradezu wie ein Beamter, der von seinen Papieren nicht aufsah und die Menschen warten ließ, ja diese Art des Terrors gehörte zu den beliebten „Instrumenten“, derer er sich bediente, um sich Spannung in den sonst für ihn langweiligen und trostlosen Augenblick zu holen; ähnliche Szenen, in ganz anderen Zusammenhängen, erlebte ich mit ihm immer wieder.
Der gebürtige Bulgare Bantcho Bantchevsky (1906—88) konnte sich nicht über einen Mangel an Aufmerksamkeit bei seinem Abgang beklagen. Dieser Abgang, der erheblich mehr zu seinem bleibendem Ruhm beitrug als sein künstlerisches Schaffen, fand am Samstag den 23. Januar 1988 in der New Yorker Met bei einer Aufführung von Verdis Oper Macbeth statt, die sogar im Rundfunk übertragen wurde. Bantchevsky, selber Opernsänger, zuletzt nur noch Gesangslehrer, Übersetzer und Ruheständler, fühlte sich in dem berühmten Musentempel verständlicherweise wie zu Hause. In der Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt nahm der ungefähr 82jährige, der sonst meist in den ersten Reihen saß, mit dem Rücken zur Halle auf der Balkonbrüstung einer 80 Fuß=24 Meter hochgelegenen Loge Platz. Als ihn ein Platzanweiser deshalb rügte, ließ er sich rücklings fallen. Er landete auf gerade unbesetzten Plätzen vorm Orchestergraben, wobei er einigen Bruch verursachte, und rollte dann in den Gang, wo er tot liegen blieb. Wie sich versteht, kamen Polizisten, Ärzte und schaulustige OpernbesucherInnen angerannt. Die Pause wurde zunächst verlängert. Met-Ansager Peter Allen erntete später viel Lob für die Improvisationskunst, die er während dieser ausgedehnten Pause bewies. Schließlich, als Bantchevsky bereits zum Leichenhaus unterwegs war, wurde die Vorstellung abgebrochen. Der Bulgare wird von Freunden und Nachbarn als hilfsbereiter, freundlicher Greis geschildert, der freilich noch immer gern „im Rampenlicht gestanden“ habe, etwa wenn er, mangels Geld, Geburtstagsständchen gab. Doch zuletzt war er bei schlechter Gesundheit gewesen und hatte vor drei Wochen einen Herzanfall erlitten, der ihn ins Hospital führte – vorübergehend. Denn Bantchevsky wollte in die Met. Nach Andeutungen seiner Flurnachbarin Braulia Serano hatte er seinen dortigen, letzten Auftritt durchaus geplant.***

* auf ihrer Webseite
** planet lyrik, 2. März 2010
*** Stacey Okun in der New York Times vom 29. Januar 1988




54 - Myrtek Stanowitsch († 1943), polnischer Elektriker, Kriegsgefangener des deutschen Faschismus und als solcher „Fremdarbeiter“ im Saarland. Im April 1943 wirft sich der ungefähr 23jährige wegen Drohungen des Nazi-Ortsgruppenleiters, er werde gemeldet und folglich erschossen, bei Metz vor einen Zug. Sein Vergehen: „Rassenschande“. Stanowitsch hat nämlich die Aline Söther geschwängert, eine Landwirtschaftshelferin und Tochter eines einheimischen, wenn auch kommunistischen Bergmanns, die ihn liebt. Bald nach dem Unglück und der Geburt ihrer Tochter Rita (die zu den Großeltern kommt) wird Söther nach Ravensbrück verschleppt, wo sie 1945 mit erst 21 Jahren umkommt, angeblich durch Typhus. In Wahrheit wurde sie offenbar, kurz vor der Befreiung des KZs, von SS-Schergen erschossen.* Über ihren Geliebten Stanowitsch scheint die Nachwelt so gut wie nichts zu wissen. Daneben ergeben sich meines Erachtens wieder interessante Fragen für den Ethikunterricht: Ließ Stanowitsch Söther, durch seinen Selbstmord, im Stich? Hatten die beiden einen Paar-Selbstmord erwogen, da ja auf Söthers „Vergehen“ bekanntermaßen KZ stand? Hätten Sie ihn verübt?

* Webseite Beckingen



55 - Bent Faurschou-Hviid (1921–44), genannt Flammen, was auf dänisch „die Flamme“ heißt. Sieht man die Sache nicht zu eng, muß es eigentlich um ein bemerkenswertes dänisches antifaschistisches Duo gehen. Es bestand einerseits aus dem zunächst blonden, dann rothaarigen Sohn von Hotelbetreibern auf Seeland Bent Faurschou-Hviid. Ende der 1930er Jahre zu Ausbildungszwecken in Deutschland, wurde er zum Gegner dessen, was in vielen Stiftungen und Nachschlagewerken unter „Nationalsozialismus“ firmiert. 1943 betätigte er sich in der seeländischen Hafenstadt Holbæk als Flugblattverteiler und Stachel im Fleisch der deutschen BesatzerInnen. Im Jahr darauf wurde er in Kopenhagen eben als Flammen, so sein Deck- oder Spitzname, in der Partisanengruppe Holger Danske aktiv. Als deren Leiter Svend Otto „John“ Nielsen (35), mit dem er auch eng befreundet war, im Dezember 1943 gefaßt und von der Gestapo gefoltert und umgebracht wurde, sann er gemeinsam mit seinem Genossen Jorgen Haagen Schmith auf Vergeltung. Das war der andere Teil des Duos, genannt Citronen. Vor dem Krieg unter anderem Bühnenmanager einer Kopenhagener Musikhalle, hatte dieser Kämpfer einst im Alleingang in einer Kopenhagener Citroën-Garage etliche Fahrzeuge von Deutschen unbrauchbar gemacht, daher sein Spitzname. Nun beschlossen die beiden, planmäßig Landsleute oder BesatzerInnen auszulöschen, die als Denunzianten galten. Innerhalb eines knappen Jahres sollen sie mindestens 11 Personen getötet haben. Bei dieser Arbeit verkleideten sie sich mehrmals als dänische Polizisten. Die deutschen Ordnungskräfte schlugen im Oktober 1944 zurück. Initiator Flammen erwischte es dabei am Abend des 18. Oktober, als er sich gerade im Kopenhagener Vorort Gentofte im Hause der Familie Bomhoff aufhielt. Er flüchtete zunächst auf den Speicher, sah jedoch, das Haus war hoffnungslos umzingelt. Daraufhin schluckte er eine Kapsel mit Zyankali. Das war sein „Freitod“.

Leider war der 23jährige unbewaffnet gewesen. Alle seine Gewehre und Pistolen hatten sich nämlich in Citronens Obhut befunden – und der war vor wenigen Tagen auch schon hops gegangen. Bei einem Schußwechsel verwundet, hatte Citronen, der eigentlich Frau und zwei Kinder hatte, in einer fremden, vermeintlich sicheren Wohnung desselben Vororts das Bett und eben die gemeinsamen Waffen gehütet. Da rückten deutsche Soldaten an. Bevor sie das ganze Haus anzündeten, soll der 33jährige Citronen in einem anhaltenden erbitterten Gefecht fast ein Dutzend Deutsche erledigt haben. Dann versuchte er dem Feuer zu entrinnen – und wurde seinerseits erschossen. Die Waffen verglühten. So folgte ihm Flammen, als dieser ebenfalls von den Deutschen aufgespürt wurde, vermittels Gift in den Tod.

Beide jungen Männer werden selbst in bürgerlichen Kreisen Dänemarks noch heute verehrt. 2008 machte Ole Christian Madsen aus ihrer Geschichte den Film Tage des Zorns – wofür ihn zumindest Jürgen Frey* im selben Jahr ausschimpfte: langatmige Dialoge, oberflächlich, schablonenhaft. Als Alternative zum öden Kinobesuch empfiehlt sich vielleicht ein Abenteuerurlaub am grönländischen Citronen Fjord, zumal es ja angeblich immer heißer wird. Dieser nach Früchtchen Schmith benannte** Landschaftsteil liegt im Norden der zu Dänemark zählenden vereisten Insel.

* in der Badischen Zeitung am 28. August 2008
** Den Store Danske




56 - Börries von Münchhausen (1874–1945), Freiherr, Gutsherr, kaiserlicher Offizier, Schriftsteller. Da er von Hause aus (Schloß Windischleuba bei Altenburg im östlichen Thüringen) nicht am Hungertuch nagte, konnte sich Münchhausen unbekümmert der Literatur, insbesondere der Ballade widmen. Er verdiente aber gar nicht so schlecht an seinen Veröffentlichungen und Lesungen, weil er es nicht versäumte, die Feldzüge des Ersten Weltkrieges teils zu Pferd, vor allem aber mit anfeuernden Versen zu begleiten, und nach dem schmählichen Zusammenbruch 1918 rechtzeitig den Faschisten in den Arsch zu kriechen. 1944 reihte ihn Hitler sogar auf seiner berühmten Liste unter die Gottbegnadeten (KünstlerInnen) des „Dritten Reiches“ ein. Ein Foto in einem unlängst erschienenen Buch seiner weitläufigen Verwandten Jutta Ditfurth* zeigt den durchaus hübschen, noch jungen Dichterprinzen um 1900 mit dem damals unerläßlichen hochgezwirbelten Schnauzbart. Den trug er mit Anfang 60 nicht mehr, wie spätere Abbildungen belegen, dafür Stirnglatze. Ditfurth berichtet:
Münchhausen war auch auf den Lippoldsberger Dichtertagen von 1936 ein Star. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Volksfest und elitärem Dichtertreffen auf Hans Grimms (Autor von Volk ohne Raum) großem Gut [bei Bad Karlshafen an der Weser]. Münchhausen und Grimm kannten sich seit ihrer Arbeit bei der Militärstelle des Auswärtigen Amtes im Ersten Weltkrieg. Unter den Zuhörern waren Wehrmachtsangehörige, SA-Leute und Hitlerjugend – bis zu 4.000 Menschen nahmen teil. Münchhausen las aus seiner Ballade „Totspieler“. Hermann Claudius beschreibt Münchhausen als „den König“, der „mit seinem achtsitzigen Maybach unter intensivem Hupen in den Klosterhof“ brauste, „die Hornschutzbrille“ zurückschob, „im weißen Staubmantel elastisch dem Wagen“ entstieg und „mit unnachahmlich charmanter Geste seiner Rechten den Kreis der Freunde“ begrüßte.
Knapp 10 Jahre später hatte der Baron die Nase voll. Er hatte 24 Ausgebombte im Schloß, die ihm auf dem Kopf herumtanzten und einen elendigen Anblick boten, und vor seiner Tür standen die Niederlage und die Alliierten. Am 16. März 1945 nahm der 7ojährige einen kräftigen Schluck Schlaftabletten. Sein Sekretär habe dies als Gehirnschlag getarnt, die Familie habe von Herzversagen gesprochen, schreibt Ditfurth. Sie selber nennt es so: „Die Ratte verließ das sinkende Schiff, auf dem sie so wohl genährt worden war.“ Das Tierchen kann sich jedoch trösten: in Altenburg und Göttingen besitzt es das „Ehrenbürgerrecht“. Bis heute.

* Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis, Hamburg 2013, bes. S. 121, 276/77, 294–98



57 - Eva Braun und Genossinnen (1912–45). Stellvertretend für zahlreiche weitere faschistische Helden, die spätestens bei Kriegsende ihren Schwanz einzogen, ein paar Damen. Eva Braun hatte ihren 22 Jahre älteren langjährigen Geliebten Adolf Hitler 1929 in München als 17jährige Fotolaborantin des späteren Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann kennengelernt. Als sie am 30. April 1945 im Berliner „Führerbunker“ das Gift schluckte, war sie 33 und sehr wahrscheinlich nur geringfügig weiser als damals. Gewiß tyrannisierte Hitler sie – aber dazu gehören immer zwei. Auf haushündischer Ebene standen hier Hitlers Schäferhund Blondi sogar zwei dunkelhaarige Scotchterrier Brauns gegenüber. Wahrscheinlich buhlte der eine Scotch um Küßchen, während der andere nur Hitlers Kehle im Auge hatte.

Clara Petaccis (1912–45) Geliebter Benito Mussolini war sogar 28 Jahre älter als sie. Der „Duce“ des italienischen Faschismus hatte sie 1932 ihrem Ehemann Riccardo Federici ausgespannt, einem Offizier. Möglicherweise hatte etwas vom „Ehrenkodex“ ihres Gatten auf sie abgefärbt. Im Frühjahr 1945 lehnte sie es nämlich angeblich* ab, sich mit ihrer Familie von Norditalien aus nach Spanien abzusetzen. Insofern wage ich es, von ihrem Selbstmord zu sprechen. Ersatzweise Ende April mit dem „Duce“ und anderen Getreuen in einer Wagenkolonne auf der Flucht in die Schweiz, fuhren sie am Comer See kommunistischen Partisanen in die gutbewaffneten Arme. Ob die 33jährige dann noch vergewaltigt wurde, ist umstritten. Jedenfalls wurde das Liebespaar (mit anderen Begleitern) ohne Gerichtsverhandlung erschossen. Anderntags schaffte man die Leichen unter zahlreichen Schmähungen und Kolbenhieben nach Mailand, wo sie wie Schlachtvieh, Schweine etwa, an den zusammengezurrten Füßen auf dem Piazzale Loreto kopfüber aufgehängt und zum Bespucken und Fotografieren freigegeben wurden. Man könnte behaupten, die Schweine seien die Menschen – oder aber das Alte Testament ins Feld führen, das schließlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ befiehlt. Auf demselben Platz hatten nämlich am 10. August 1944 die Faschisten 15 Zivilisten erschossen und ihre Leichen ausgestellt. So sorgt die Bereitschaft zur Vergeltung dafür, daß der Prozeß der Zivilisation nie ins Stocken gerät. Petaccis Tagebuchaufzeichnungen 1932–40, die bei Nachkommen überdauerten, wurden vor wenigen Jahren nach langem Rechtsstreit veröffentlicht. Mit neuen Biografien über die „glühende Faschistin“ ist zu rechnen.

Ich komme auf Hitler zurück. Auf dem Felde der Liebe war Eva Braun nicht das einzige Opfer seines Zerstörungstriebes. Hitlers Nichte Geli Raubal (1908–31), mit der er in München in einer herrschaftlichen Wohnung zusammenlebte, erschoß sich 1931 mit 23 Jahren mit der Pistole ihres Onkels, der auch ihr Vormund war. Er befand sich zum Tatzeitpunkt gerade auf einer Wahlkampfveranstaltung. Wie etliche Anhaltspunkte vermuten lassen, hatte ihm die angehende Sängerin auch in sexuellen Belangen hörig sein müssen. Obwohl dem Selbstmord ein Streit mit Hitler vorausging, gibt es über die Gründe oder zumindest Anlässe der Tat bestenfalls Vermutungen. Erklärungen von Raubal wurden nicht gefunden.

Bei der nächsten Sängerin lagen die Dinge recht anders. Die aus München stammende Bühnendarstellerin Renate Müller (1906–37) hatte um 1930 das deutsche Kinopublikum erobert. Als man die 31jährige im September 1937 im Vorgarten ihrer Villa in Berlin-Dahlem auflas, waren die Sanitäter nicht so taktlos, ihren Schlager Ich bin ja heut so glücklich aus dem Film Die Privatsekretärin von 1931 zu trällern. Möglicherweise war Müller ohne selbstmörderische Absicht, gewiß jedoch betrunken aus einem Fenster im 1. Stock gefallen. Erst zwei Wochen darauf, nach vermeintlicher Erholung, starb sie in einem Sanatorium. Nun sprachen die Behörden von einem epileptischem Anfall oder einem Gehirnschlag. Kerngesund war sie natürlich nicht gewesen. Zudem hatte sie nach einer Trennung Liebeskummer. Wahrscheinlich war Müller Drogen wie Morphium und Alkohol zunächst gegen den Auftritts- und Karrierestreß, später auch deshalb verfallen, weil ihr die Nazis zunehmend das Leben schwer gemacht hatten. Diese Schikanen waren die Quittung für ihre Weigerung, sich dem „Führer“ zuführen zu lassen, wie die meisten Quellen behaupten. Den entsprechenden Wunsch soll die sowohl blonde wie blauäugige Diva ausgerechnet dem Propagandaminister Goebbels abgeschlagen haben, der ihr daraufhin die Karriere durchkreuzte und die Späher der Gestapo an die Fersen heftete. Zu allem Unglück war Müllers zeitweiliger Liebhaber Georg Deutsch, den sie Hitler vorgezogen hatte, Sohn eines jüdischen Bankiers. Sollte sie Selbstmord begangen haben, dann jede Wette einen erzwungenen.

Die Berliner Schauspielerin Maria Bard (1900–44) glänzte hauptsächlich auf Bühnen, daneben im Film. Das tat sie auch nach der „Wende“ von 1933, nun unter Gustaf Gründgens als „Staatsschauspielerin“ der Nazis. Vorher – und vor ihrem eigenen – hatte sie bereits einen Selbstmord angeregt, wie jedenfalls zwei von den dürren Quellen behaupten. Danach legten Bard und der berühmte Mime Werner Krauß 1930 in Shaws noch druckfrischer Komödie The Apple Cart (Der Kaiser von Amerika) eine ausgesprochen gewagte und offensichtlich nicht nur getürkte Liebeszene hin, die die im Saal anwesende Frau Paula Krauß, geb. Saenger, verheiratet seit 1908, aus demselben trieb. Sie sei schnurstracks nach Hause geeilt oder gewankt und habe sich dort umgebracht. Eine Angabe ihres Alters ist nirgends aufzutreiben. Im folgenden Jahr nahm Bard ihren Platz als Krauß' (dritte) Ehefrau ein. Auch Bard brachte es in ihrem vergleichsweise kurzen Leben auf drei Ehen. Ihr letzter Gatte war, ab 1940, der Schauspieler Hannes Stelzer, ein blendend aussehender wahrer Nazi-Held, dabei nicht nur auf Leinwand. Sie hatte nicht mehr viel von ihm, weil sie sich im April 1944 „aus privaten und politischen Gründen“ umbrachte, die keiner mit auch nur einem Komma erklärt. Bard war 43. Der Tod ihres dritten Gatten kann jedenfalls nicht der Grund gewesen sein, kam doch Stelzer erst zum Jahresende als Pilot der Luftwaffe auf dem Balkan um. Aber vielleicht steckte Stelzers Einberufung dahinter? Eine etwas undurchsichtig wirkende australische Webseite** behauptet, über zwei Jahre hinweg sei es Staatsschauspielerin Bard gelungen, ihren 10 Jahre jüngeren Traummann durch Bestechung der zuständigen Militärs zu Hause zu behalten. Als die Bestechung dann aufflog, kam es zu den zwei Todesfällen: erst von Bard (Selbstmordmethode unbekannt), dann von Stelzer, der angeblich mit einem „Strafbataillion“ an die Ostfront geschickt wurde. Man nimmt meist an, er wurde von sowjetischen Flaks oder Jägern vom Himmel geholt; sollte er aber Bard wirklich fest geliebt haben, dürfte auch nichts gegen die Annahme sprechen, er habe es darauf angelegt.

Die junge Lady Unity Mitford (1914–48), Tochter eines britischen Barons, gleichwohl blond und blauäugig wie Müller, war eine seltsame Verehrerin Hitlers, die er sich offenbar nur mit Mühe vom Leibe halten konnte. Andererseits heißt es, sie habe über mehrere Jahre hinweg zum „innersten Kreis“ des „Führers“ gezählt. Für den „Nationalsozialismus“ entbrannt, hatte sich Mitford 1934 in München niedergelassen, wo sie nun keine Propagandaveranstaltung der Faschisten mehr versäumte. Dem „Führer“ selbst wollte sie stets so nahe wie möglich sein – zu Eva Brauns Leidwesen. Als sich Mitford am Tage der britischen Kriegserklärung an Deutschland, am 3. September 1939, mitten auf der Münchener Königinstraße, vielleicht auch im benachbarten Englischen Garten, mit einer kleinen automatischen Pistole in den Kopf schoß, war sie erst 25. Hitler besuchte sie im Krankenhaus, wo sich die Ärzte außerstande erklärt hatten, die Kugel aus ihrem Kopf zu entfernen. Sie lebte anschließend wieder, mehr schlecht als recht, in Großbritannien, wo sie im Mai 1948, inzwischen 33, den Spätfolgen dieses Schusses erlag.

* Spiegel 27. April 2015
** germanfilms.net




58 - Fritz Ermarth (1909–48), Jurist und Politiker, und dessen Mutter Melanie, eine unverheiratete Karlsruher Schauspielerin, begingen beinahe Doppel-Selbstmord, wie ich 2015 hier beschrieb.



59 - Osamu Dazai (1909–48). Sollte der Sohn eines wohlhabenden japanischen Landbesitzers und Parlamentsabgeordneten als Schriftsteller so ungeschickt wie als Selbstmörder gewesen sein, ist er vielleicht verständlicherweise in Europa nicht sonderlich bekannt. Dazai hatte in Tokio einige Semester Romanistik studiert und 1933 erste Kurzgeschichten veröffentlicht. Der Selbstmord gelang ihm erst 1948; es war in seinem 38jährigen Leben mindestens der fünfte Versuch. Andererseits erwies Dazai beträchtliche Schöpfungskraft beim Kinderzeugen. Vielleicht sollte man ihm zugute halten, daß die Methoden der Empfängnisverhütung zu seiner Zeit noch unentwickelt oder totgeschwiegen waren. Er selbst war in der Landvilla in Kanagi mit 10 Geschwistern aufgewachsen. Dabei soll ihm, obwohl zweitjüngstes Kind, das Gegenteil der Rolle eines verhätschelten Nesthäkchens zugefallen sein; er habe lediglich eine innige Beziehung zu seinem Kindermädchen Take unterhalten. Als Erwachsener zeugte Dazai mit seiner zweiten Ehefrau Ishihara Michiko (Heirat 1939) die beiden Töchter Sonoko und Satoko (später Yūko) und den Sohn Masaki, und mit seiner blaublütigen Geliebten Ōta Shizuko 1947 das Mädchen Haruko. 1927 war der junge Dazai empfindlich vom Selbstmord Ryūnosuke Akutagawas (1892–27) getroffen worden, den er verehrte. Auch das war ein Schriftsteller, der nicht alt wurde: 35. Nach Akutagawa ist ein Literaturpreis benannt, der als Japans bedeutenster gilt. Laut Brockhaus mauserte sich nun auch der „Bohemien“ Dazai zum „existentialistischen Idol besonders der studentischen Jugend“. Seine ersten drei Selbstmordversuche unternahm er 1928 (Überdosis Schlafmittel), 1930 (Gang ins Wasser) und 1935 (erhängen). Sie mißlangen. Für den Gang ins Wasser hatte er sich mit der 19jährigen Kellnerin Shimeko Tanabe verbündet. Sie starb. Ihr überlebender Verbündeter blieb wahrscheinlich dank des Eingreifens seines Vaters von Strafverfolgung verschont. Wenige Wochen nach dem gescheiterten Erhängen mußte sich Dazai wegen einer Blinddarmentzündung operieren lassen. Dadurch sei er von Schmerzmitteln abhängig geworden, ist zu lesen. Er unterzog sich deshalb 1936 in einer Anstalt einer Entziehungskur, während derer ihn allerdings seine erste Ehefrau Oyama Hatsuyo mit einem engen Freund Dazais „betrogen“ habe, so die deutsche, stets „neutrale“ Wikipedia. Nachdem dies offenbar geworden war, entschloß sich das Ehepaar zu einem gemeinsamen Selbstmord (Schlaftabletten). Er mißlang. Dafür gelang anschließend wenigstens die Scheidung.

Dazais zweite Heirat von 1939 habe ich schon erwähnt. Nach dem Krieg ins zerbombte Tokio zurückgekehrt, soll der Schriftsteller zunehmend dem Alkohol verfallen, gleichwohl „reihenweise“ Liebschaften eingegangen sein. Zudem sei ihm eine Tuberkulose-Erkrankung bescheinigt worden. Im Verein mit seiner bislang noch nicht erwähnten Geliebten Yamazaki Tomie (um 28), einer Kosmetikerin und Kriegswitwe, ertränkte er sich am 13. Juni 1948 im Fluß Tama. Zu seinem Gedenken vergeben die Stadt Mitaka und der Verlag Chikuma Shobō alljährlich den Dazai-Osamu-Preis an NachwuchsschriftstellerInnen. Schließlich soll man die Jugend anspornen ... zu schreiben. Für die Japanologin und Übersetzerin Irmela Hijiya-Kirschnereit ist der „Jahrhundertautor“ Dazai ein „Meister der Klarheit und stilistischen Geschmeidigkeit“. Aus dem Internet purzelt die Versicherung eines unbekannten deutschen Buchhändlers: „Ich habe ein schändliches Leben geführt. Was menschlich leben heißt, weiß ich nicht. Mit diesen Worten beginnen die Aufzeichnungen eines Unglücklichen über sein chaotisches Leben zwischen mehreren Frauen, Alkoholexzessen und Nervenheilanstalten. Dazai Osamus autobiographisch inspirierter Roman Gezeichnet gehört zu den meistgelesenen japanischen Büchern des 20. Jahrhunderts.“

Eine erste vorbildliche Wirkung Dazais soll sich schon im nächsten Jahr unmittelbar an seinem Grabe (in Mitaka bei Tokio) gezeigt haben. Dort brachte sich sein 36jähriger Berufskollege und Jünger Tanaka Hidemitsu (1913–49) durch Öffnen der Pulsadern um.



60 - Hijikata Toshizō (1835–69). Habe ich mich im Dschungel der japanischen Mentalität und Geschichte nicht gar zu laienhaft verirrt, kann man all unsere Ritter, Preisboxer und Heldentenöre ins Klobecken schütten. Zu den bekanntesten und härtesten Burschen des Samurai genannten dortigen Kriegeradels zählte der 1835 geborene Landwirtsohn Hijikata Toshizō aus der Gegend von Edo, des späteren Tokio. Der Junge hatte seinen Vater schon vor der Geburt, seine Mutter wenig später verloren. Tokio war zu seiner Zeit die Hochburg des zuletzt vom Shogun (Fürsten) Yoshinobu geführten Tokagawa-Clans, der sich dem in Kyōto sitzendem Kaiserhaus nicht beugen wollte. Hijikata mauserte sich vom Arznei-Verkäufer zum treuen Gefolgsmann des Shoguns, nachdem er mit den Ritualen des Schwertkampfes in Berührung gekommen war, die ihn stark beeindruckten. Vielleicht hatte ihm die Arznei, die er feilbot, gegen die Wunden seiner Kindheit nichts genützt. Fotos zeigen einen für asiatische Verhältnisse stattlichen, zudem schönen Mann.

Die Hausmacht des Shogun im kaiserlichen Kyōto war die Polizeitruppe Shinsengumi. Es war dem fürstlichen Gewährsmann Kondō Isami im Verein mit Hijikata um 1865 gelungen, die Kontrolle über diese rund 150 Mann starke Elitetruppe zu erringen, wobei sie auch schon einige Eimer Blut vergossen hatten. Hijikata war nun Vize-Kommandeur. Er vor allem soll es gewesen sein, der ein eisenhartes Regiment in der Truppe einführte, wodurch er sich den Beinamen „Teufel der Shinsengumi“ erwarb. Er ahndete auch das kleinste Vergehen mit der Klinge. Fahnenflüchtige und Verräter wurden gezwungen, Seppuku zu begehen. Das (weibliche) Wort wird auf der ersten Silbe betont.

Auch was diese verschiedentlich unter „Harakiri“ firmierende Gepflogenheit angeht, nämlich eine Form des rituellen Selbstmords der Samurai, darf man wohl seufzen, gegen sie sei das abendländische Duell das reinste Deckchensticken gewesen. Beim Seppuku erübrigte sich ein Gegner, weil der Selbstmörder einen ausgefuchsten Sekundanten bekam. Hatte sich der Selbstmörder (im Schneidersitz) mit einem scharfen Messer, das selbstverständlich schon 20 Vorschriften entsprechen mußte, den Bauch aufgeschlitzt, oblag es dem Sekundanten, zwecks Verkürzung des Verblutens dem Selbstmörder blitzschnell den Hals zu durchtrennen, wobei der Kopf um Gottes willen nicht fallen durfte, weil der Sekundant sonst den Selbstmörder gekränkt hätte. Es hätte zu sehr nach der Hinrichtung eines Kriminellen ausgesehen. Das A & O des Samurai war ja gerade die Ehre. Durch Seppuku konnte er beispielsweise nach einer Pflichtverletzung die Ehre seiner Familie wiederherstellen. Oder die Schande der Niederlage und Gefangenschaft vermeiden, falls er im Krieg dem Gegner in die Hände gefallen war. Er konnte durch Seppuku auch seinem verstorbenen Herren Treue erweisen oder durch Seppuku gegen einen sich irrenden Vorgesetzten protestieren. Schließlich diente Seppuku in den adligen Kreisen auch zum Vollzug der Todesstrafe – auf diese Weise wurde der Verurteilte nicht durch Henkershände beschmutzt.

1868 hatte sich Shogun Yoshinobu endlich genötigt gesehen, dem Kaiser gegenüber klein beizugeben. Das war für diesen das Zeichen, den Shinsengumi mit Hilfe seiner Armee den Garaus zu machen. Kommandeur Kondō Isami wurde festgenommen und im April des Jahres enthauptet. Angeblich hatte er um das Privileg des Seppuku gebeten, es sei ihm aber mit der Begründung verweigert worden, er stamme nur aus einer Bauernfamilie. Hijikata Toshizō war entwischt und führte die Shinsengumi nun zu Pferde in ihre und seine letzte Schlacht gegen die Mörder seines Vorgesetzten und Freundes Kondō. Dabei wurde der 34jährige im Juni 1869 durch eine Gewehrkugel getötet, die den unteren Teil seines Rückgrats zerschmetterte. Es wird versichert, er habe sich um die Aussichten des Gefechtes keine Illusionen gemacht – aber es ging halt mal wieder um die Ehre. Böse Zungen könnten freilich auch behaupten, durch die Entfesselung dieser Schlacht, die vermutlich noch einen Haufen anderer Leichen zurückließ, habe er sich elegant um sein Seppuku gedrückt. Bald darauf, 1873, wurde das Seppuku zumindest als erzwungene Selbsttötung offiziell abgeschafft, verstand sich doch Kaiser Meiji als „aufgeklärter Herrscher“, der Japan von feudalistischen zu modernen, ungefähr preußischen Gepflogenheiten zu führen hatte.

An dem homosexuell und vaterländisch gestimmten Schriftsteller, Schauspieler und Kampfsportler Mishima Yukio (1925–70) hätte Kaiser Meiji wahrscheinlich seine Freude gehabt. Mishima hatte, vornehmlich aus Studenten, die Schildgesellschaft gebildet, eine Art kleines, angeblich 80 Mann starkes Freikorps, das er persönlich trainierte. Am 25. November 1970 begab er sich mit lediglich vier Getreuen ins Tokioer Hauptquartier der Armee, drang unter dem Deckmantel eines Besuchstermins bis ins Büro des diensthabenden Kommandanten vor und erklärte diesen, General Mashita, zur Geisel. Dann trat der 45jährige berühmte Dichter und Schwertträger auf den Balkon hinaus, wetterte gegen den Parlamentarismus und forderte die Wiedereinführung der Monarchie. Wie sich rasch zeigte, wollten das weder die im Hof anwesenden Soldaten noch die aufsteigenden Hubschrauber, die vorsorglich Lärm machten. Mit diesem Fehlschlag hatte Mishima allerdings gerechnet; sein Selbstmord war keineswegs „spontan“. Er beging nun in der besetzten Kommandatur und vor den Augen des gefesselten Generals gemeinsam mit seinem erst 25 Jahre alten Vertrauten Masakatsu Morita (1945–70), der auch sein Geliebter war, Seppuku. Ein dritter Freikorpsler enthauptete dann die beiden Kameraden, die sich den Bauch aufgeschlitzt hatten. Man muß sich das Blut, die Gedärme, den Kot und den Urin auf dem doch ziemlich erlauchten Linoleum des Hauptquartiers ausmalen, dann begreift man, daß Mishima ein rechter Happening-Künstler war, der die Ästhetik mit der Politik und der Gosse zu verbinden verstand. Für die juristische Verteidigung der übriggebliebenen und natürlich verhafteten drei Getreuen hatte er übrigens fürsorglich Geld deponiert. Von seinem großartigem Seppuku-Abgang hatte er den meisten Quellen zufolge seit Jahren geträumt. Was General Mashita angeht, nehme ich an, er wurde zunächst einmal in die Obhut eines Militärpsychologen gegeben, bevor man ihn zur Sau machte.

Der damals knapp 40jährige Schriftsteller Hara Tamiki (1905–51) aus Hiroshima er- und überlebte eines der größten Verbrechen der Weltgeschichte, den Atombombenabwurf vom 6. August 1945. Er blieb „nahezu unversehrt“. Gleichwohl kreisten seine Werke seitdem um dieses Ereignis. Zwar nahm er 1946 in Tokio eine Stelle als Hochschullehrer für Englisch an und fand auch Resonanz auf seine Gedichte, Erzählungen und Essays, doch am 13. März 1951 warf er sich, inzwischen 45, ebendort vor einen Zug der Chūō-Bahnlinie. Aus einer nachgelassenen Erzählung, Shingan no kuni, sprächen Haras „Resignation und Todessehnsucht“, schreibt Übersetzer Armin Stein.* Der insichgekehrte, ja geradezu menschenscheue Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten habe freilich schon als junger Mann eingeigelt gelebt und dabei nur dem Schreiben gefrönt, heißt es in anderen Quellen**, und 1944 war seine an Tuberkulose erkrankte Frau Sadae gestorben, was ihn auch schon hart mitgenommen haben muß. Andererseits hatten ihn der Verlust seiner Frau, die sein einziges Fenster zur Welt gewesen war, und das durch die Bomben angerichtete Massenelend aufgerüttelt und aktiviert. Das Los der Menschheit war ihm wieder wichtig. 1950 kam auch noch der „Ausbruch“ des Koreakrieges hinzu. Ein Jahr darauf mag Hara den Eindruck gehabt haben, er hätte alles gesagt – wie eine Grille vorm Winter nach ihrem letzten Lied, so der mit ihm befreundete Literaturwissenschaftler Yamamoto Kenkichi.** Eine ausdrückliche Begründung für Haras Schritt zum Bahndamm fand sich offenbar nicht. Alles in allem dürfte es sich verbieten, den 45jährigen Schriftsteller, konträr zu Mishima, ausschließlich oder auch nur vorwiegend als pazifistischen Märtyrer auszugeben. Davon abgesehen, kann ich ein Sich-vor-den-Zug-werfen nicht eben friedlich und gemeinnützig finden.

* DJF Quarterly (Berlin) 1/2007
** etwa: Richard H. Minear: Hiroshima. Three Witnesses, Princeton (New Jersey) 1990, bes. S. 25/26 & 36




61 - Emil Büge (1890–1950). Nachbarn zufolge erhängte sich der Reklamefachmann, Karikaturist und Autor 1950 in Donauwörth mit 60 Jahren im Garten an einem Apfelbaum. Das Bayerische Versorgungsamt hatte ihm den Status als Politisch Verfolgter aberkannt, damit auch die Rente entzogen. Außerdem soll er an den Krankheitsfolgen seiner Zeit im nahe Berlin gelegenen KZ Sachsenhausen gelitten haben. Wie die Journalistin Monika Köhler berichtet*, hatte er als Antifaschist (oder Kommunist) im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und war anschließend geschnappt worden, als er ins Exil nach Mexiko gehen wollte. Er wanderte ins KZ. Köhler, damals ein kleines Mädchen, traf ihn nach Kriegsende in Berlin, wo „Onkel Bügelchen“ vorübergehend von ihren Eltern als Untermieter beherbergt wurde, während er in den Trümmern einer benachbarten Ford-Niederlassung Aufräumarbeit zu leisten hatte. Als Köhlers Vater den „Onkel“ zu Beginn der 50er Jahre mit dem Motorrad besuchen wollte, hörte er, in Donauwörth vor Büges Haus oder Wohnung eingetroffen, nur noch jene Geschichte vom Apfelbaum. Im KZ hatte Büge als Schreibhilfskraft in der Kommandatur über mehrere Jahre hinweg heimlich Abschriften aus Akten oder Notizen gemacht, die genauen, wertvollen Einblick in das furchtbare Lagergeschehen gaben. Es gelang ihm, sie herauszuschmuggeln, nicht jedoch, sie nach dem Krieg zu veröffentlichen. Sie erschienen erst 2010 in einem Buch.**

Der Journalist und Funktionär der KPD/SED Rudolf Feistmann (1908–50), Sohn eines jüdischen Holzhändlers und zuletzt Außenpolitik-Chef des Neuen Deutschland trotz seiner früheren Nähe zu Münzenberg und anderen „unsicheren Kandidaten“, war 1949 mit Vorwürfen parteischädlicher Umtriebe überzogen und zur „Selbstkritik“ gedrängt worden. Diese nahm, wie nicht selten im „Ostblock“, auch bei ihm die Form des Selbstmordes an, sehr wahrscheinlich aufgrund seiner Verzweiflung über das Klima des Argwohns und der Verfolgung, wie er auch in einem Abschiedsbrief an Paul Merker festgestellt haben soll.*** Man fand den erst 42 Jahre alten Beschuldigten im Juni 1950 tot in seiner Berliner Wohnung auf. Offiziell war er den Folgen einer schweren Fleischvergiftung erlegen. So kann man es natürlich ausdrücken, wenn man kritisch berücksichtigt, daß alte Kader wie Feistmann jenes Klima im Grunde schon mit der Muttermilch eingesogen hatten. Anders ausgedrückt, hatten sie sich auf das schmutzige Politik-Geschäft eingelassen.

Gerhart (Gert) Ziller (1912–57) dürfte Emil Böge gekannt haben, denn beide saßen in Sachsenhausen. Der Arbeitersohn stieg in der DDR bis zum Minister für Maschinenbau, dann Wirtschaftssekretär beim Zentralkommitee der Partei auf. Als 1957 (angebliche) Putschpläne Zillers und einiger Mitstreiter gegen Ulbricht aufgedeckt wurden, brachte sich der hagere, verheiratete 45jährige um. Er erschoß sich in seiner Wohnung im Pankower Majakowskiring mit einer Walther M9, die seine Dienstpistole gewesen sein soll.**** Das Gleiche tat acht Jahre später sein Nachfolger Erich Apel (1917–65), ein gelernter Werkzeugmacher, mit 48 Jahren in seinem Büro. Auch er fiel im Kampf zwischen den Linien.*****

* Artikel „Am Apfelbaum“ in Ossietzky 9/2015
** 1470 KZ-Geheimnisse. Heimliche Aufzeichnungen aus der Politischen Abteilung des KZ Sachsenhausen Dezember 1939 bis April 1943, Berlin 2010
*** Bundesstiftung Aufarbeitung
**** Spiegel 14. Dezember 2007
***** Berliner Zeitung 2. Dezember 1995




62 - Susanne Kerckhoff (1918–50), Tochter aus gutem Berliner Hause und Halbschwester des Philosophen Wolfgang Harich, hatte sich kurz nach Kriegsende von ihrem Mann, einem Buchhändler, und ihren drei Kindern getrennt, um in Ostberlin antifaschistisch-literarisch wirken zu können. Sie schrieb zunächst für den Ulenspiegel. 1948 schon Redakteurin, bald darauf Feuilletonchefin der einflußreichen Berliner Zeitung, kam sie außerdem in kurzer Zeit mit zwei Gedichtbänden und zwei Romanen zum Zug. Die zierliche Schwarzhaarige mit dem strahlendem Lächeln gehörte zum Wir-bauen-den-Sozialismus-auf-Apparat. Während sie nach Leseart ihrer AnhängerInnen (die bei Kerckhoffs nicht seltenen sprachlichen Plattheiten beide Augen zudrücken) zunehmend über die Spalte zwischen ihren literarischen oder frauenrechtlichen Ansprüchen und den Zwängen des SED-Regimes stolperte, könnte sie sich in ihrem Ehrgeiz auch just als Wächterin dieses Regimes übernommen haben, so vor allem in der „Affäre Nico Rost“. Kerckhoff hatte Rosts Roman Goethe in Dachau angegriffen, der 1948 in einer Übersetzung bei Volk und Welt erschienen war. Daraufhin flog der Schmutz kreuz und quer durch die befreite „Zone“. Im Ergebnis hatte sich Kerckhoff sowohl bei SED-Oberen wie bei westlichen GralshüterInnen der „Demokratie“ in die Nesseln gesetzt. Als dann noch ein westdeutsches Gerichtsurteil, das Kerckhoffs Kinder deren Vater zusprach, und eine vertrackte Liebesgeschichte hinzu kamen, brachte sie sich (1950) im Alter von 32 Jahren in Berlin-Karolinenhof mit Hilfe des Küchengasherdes um. In einem kurzem Abschiedsbrief erwähnte sie nur ihre Kinder, nicht die Trennung von ihrem Geliebten. Der hieß Georg Stibi (1901–82), nach dem Exil in Mexiko kurzzeitig Chefredakteur der Berliner Zeitung. Nach einem Verlagstext (Monika Melchert?)* wollte oder durfte sich der verheiratete Mann nicht für Kerckhoff „freimachen“. Er kam dann noch hoch hinaus: 1955 Chefredakteur des Neuen Deutschland, 1961–74 stellvertretender Außenminister der DDR.

Ein Jahr darauf nahm sich der 28jährige polnische Schriftsteller Tadeusz Borowski (1922–51) das Leben. Er hatte mehrere deutsche KZs durchlaufen. Am 1. Mai 1945 befreiten ihn US-Soldaten in Dachau. Borowski kehrte nach Warschau zurück, wo er auch seine Jugendliebe Maria Rundo lebend vorfand. Er beeindruckte und schockierte seine LeserInnen zunächst mit sachlich-schmucklosen, dafür streckenweise frivolen Schilderungen der Entmenschlichung, die ihm selbst auf Seiten der Häftlinge begegnet war. Bitte, die Herrschaften zum Gas. Doch dann machte er sich zunehmend die nicht viel menschlicheren Direktiven der Kommunistischen Partei zueigen, die ihn dafür mit einigen Ämtern und Auszeichnungen bedachte. Offenbar bezahlte er diesen Halt mit Selbstverachtung. Vielleicht kamen private Enttäuschungen hinzu. Der polnisch-deutsche Historiker Arno Lustiger glaubt**, Borowski sei an dem Widerspruch zwischen seiner Wahrheitsliebe und seiner Anpassung an das kommunistische Regime zerbrochen. „Am 26. Juni 1951 wurde ihm die Tochter Malgorzata geboren, am 1. Juli unternahm er in seiner Küche einen Selbstmordversuch durch Gas.“ Zwei Tage später war „die große Hoffnung der durch Krieg und Verfolgung dezimierten polnischen Literatur“ gestorben.

Der iranische, ausgesprochen modern gestimmte Schriftsteller Sadegh Hedayat (1903–51) stammte aus der Elite und lebte, von einer Indienreise abgesehen, wiederholt in Paris. Er schrieb vor allem kürzere Prosatexte. Doch was heißt lebte – offenbar war er von Natur oder Literatur aus eher lebensmüde. 1929 mißglückte sein erster, mit Hilfe der Marne in Angriff genommener Selbstmordversuch, weil er sich „zufällig“ in der Nähe eines Bootes befand, das ihn noch rechtzeitig wieder herausfischte. 1951 ging der inzwischen 48jährige sorgfältiger zu Werke. Er verstopfte in seinem Pariser Junggesellen-Appartement alle Tür- und Fensterritzen mit Tüchern, füllte seine leicht auffindbare Brieftasche mit dem Geld für seine Bestattung, dreht das Gas auf und streckte sich auf seinem Sofa aus. In literarischer Hinsicht soll er sich zuletzt (unsachlich) beschimpft und (sachlich) überfordert gefühlt haben.*** Ob er bei seinen letzten häuslichen Verrichtungen eine ganze Flasche Schnaps leerte, wie angeblich Kerckhoff, wird nirgends mitgeteilt. Dafür weiß man in Kerckhoffs Fall nicht, ob sie sich um Abdichtung und gar Warnschilder bemühte. Ungefähr sieben von 10 SelbstmörderInnen scheinen sich ja bei der größten Leistung ihres Lebens an das Motto „Nach uns die Sintflut“ zu halten. Hier liegt freilich der Einwand auf der Hand: täten sie es nicht, hätten wir jede Wette noch mehr gescheiterte oder gar nicht erst zustande gekommene Selbstmordversuche.

* trafo
** in der Welt vom 20. Januar 2007
*** Iran Chamber Society




63 - Stig Dagerman (1923–54), schwedischer Schriftsteller. Sein Weg zum Erfolg ist gleichsam mit Sprengstoff gepflastert– so etwas macht zerrissen und endet rasch tödlich. Seine Mutter, eine Telefonistin, verläßt ihn gleich nach der Geburt. Der Vater, ein Sprengmeister, gibt ihn zu den Großeltern, die einen ärmlichen Bauernhof betreiben. Mit 16 verliert Stig auch seinen Großvater, weil dieser von einem Geistesgestörten, wie es heißt, erstochen wird. Bald darauf erleidet seine Großmutter einen Schlaganfall. Mit 17 unternimmt Dagerman seinen ersten Selbstmordversuch, oder täuscht ihn jedenfalls vor. Auf dem Stockholmer Gymnasium gilt er als Tölpel vom Dorf. An den Wochenenden trägt er Zeitungen aus. Zwar gewinnt er in einem literarischem Schulwettbewerb eine Fahrt in die Berge, aber dort wird ein Freund und Zimmergenosse unter einer Lawine begraben. Nach der Schulzeit schlägt Dagerman die Laufbahn eines Journalisten und Erzählers ein. Er wird Gewerkschafter und regelmäßiger Mitarbeiter der anarchosyndikalistischen Tageszeitung Arbetaren. Hier begegnet er seiner ersten Ehefrau Annemarie Götze (Scheidung 1953). Mit 22 debütiert er mit seinem Roman Die Schlange, der die niederschmetternden Erfahrungen seines Militärdienstes verarbeitet. 1947 beeindruckt er durch die Frucht einer für Expressen unternommenen Reise durch das Nachkriegsdeutschland, dem Sammelband mit Reportagen Deutscher Herbst. Vom ermutigenden Echo getragen, folgen rasch mehrere Erzählwerke, gipfelnd in den Romanen Gebranntes Kind (1948) und Schwedische Hochzeitsnacht (1949).

Doch dann häufen sich die Schwierigkeiten. Dagerman kann nicht mit Geld umgehen; Schuldgefühle, Ängste und Zweifel, auch an sich selber, plagen ihn; seine Texte mißlingen; das unter Erfolgsdruck gesetzte „Wunderkind der schwedischen Nachkriegsliteratur“ wird dick; auch Dagermans zweite Ehe mit der prominenten Theater- und Filmschauspielerin Anita Björk scheitert. An einem Novembertag 1954 erstickt sich der 31jährige in der Garage seiner Villa im Stockholmer Vorort Enebyberg mit Autoabgasen. Einige Quellen schließen aus der Tatortbeschreibung, Dagerman sei, wie schon bei etlichen früheren Anläufen zum Selbstmord, in letzter Sekunde zurückgeschreckt („Fuß vom Gaspedal genommen“), nur diesmal vergeblich. Trifft das zu, wäre er wenigstens seiner Unschlüssigkeit treu geblieben. Eine Stiftung verleiht seit 1996 einen Literaturpreis, der Stig Dagermans Namen trägt. 2012 stirbt auch Björk – knapp 90 Jahre alt.



64 - Adi Lödel (1937–55). Der Hamburger Arbeitersohn hatte seinen Vater 1939 als Zweijähriger durch einen Unfall verloren. Zwecks Gelderwerb, auch für den Stiefvater und die Geschwister, machte er nach dem Krieg beim NDR-Kinderfunk mit und ergatterte auf diesem Wege schon als 12jähriger Knabe Rollen in nordamerikanischen Western oder Kriegsfilmen. Offenbar war er begabt. Er nahm Unterricht (den er sich durch Botengänge für den NDR finanzierte) bei Joseph Offenbach vom Hamburger Schauspielhaus und debütierte ebendort 1951 in dem Stück Hans im Totoglück. Er wirkte auch weiter an Hörspielen und Kinofilmen mit. Einen gespaltenen Hitlerjungen spielte er 1951 so gut, daß dem Regisseur Anatole Litvak Tränen der Rührung in die Augen traten. Die Flensburger Städtischen Bühnen stellten Lödel ein festes Engagement in Aussicht. Warum er sich an einem Juniabend des Jahres 1955 zum Entsetzen seiner Familie als 17jähriger gut beschäftigter Nachwuchskünstler am Dachvorsprung der elterlichen Wohnbaracke mit Hilfe einer Wäscheleine aufhängte, ist dem Spiegel zufolge (Nr. 28 des Todesjahres) ziemlich rätselhaft. Er hinterließ keine Erklärungen. Depressive Anwandlungen hatte er nie gezeigt. Freunde meinten allerdings, er habe sich dummerweise stets in Mädchen verliebt, die bereits vergeben waren. An besagtem Abend hatte es wohl eine milde Abfuhr durch die 19jährige Serviererin H. gegeben.

Als sich die erfolgreiche DEFA-Schauspielerin Lore Frisch (1925–62) in Potsdam umbrachte, war sie „schon“ 37. Sie hatte vor allem selbstbewußte, kämpferische Frauen verkörpert. So spielte sie etwa im DDR-Kassenschlager Der Ochse von Kulm aus dem Jahr 1955 die Frau eines bayerischen Bauern, der sich gegen die US-Besatzer auflehnt. Über ihre privaten Verhältnisse habe ich nichts gefunden.

Ihr Westberliner Kollege Klaus Kammer (1929–64) starb zwei Jahre später mit 35. Er hatte vor allem auf der Bühne bedeutende Rollen gespielt. Sein „Affe“ in Willi Schmidts Ein-Personen-Kafka-Stück Ein Bericht für eine Akademie nahm Starkritiker Friedrich Luft 1962 schier den Atem. Seine Persönlichkeit? Zeit-Autor „Jac“ murmelt (am 15. Mai 1964) etwas von einem zerrissenem, ja dämonischem Menschen. Den Umständen des Todes widmet er kein Komma. Wurde Kammer überfallen? Starb er im Krankhaus oder in Kafkas Schloß? Rolf Badenhausen (NDB 11, 1977) verschweigt sogar Kammers Garage. Dieser Lexikograf zieht die peinlich ungenaue Formulierung vor: „doch starb er während der Proben“ ... In Wahrheit starb der Schauspieler, während in der Garage seines Hauses in Berlin-Lichterfelde, so jedenfalls der Spiegel (21/1964), der Motor seines Wagens lief – durch Abgase also.

Ulrich Wesselmann (1960–93) wurde 33. Er hatte erstmals als 20jähriger Bochumer Schauspielschüler in einem Film von Thomas Brasch aufhorchen lassen, worin er den jungen Berliner Raubmörder Werner Gladow gab, der kurz nach dem Krieg unter ein Ostberliner Fallbeil gekommen war. Bevor sich Wesselmann auf nirgends offenbarte Weise das Leben nahm, von seinen Motiven ganz zu schweigen, trat er (im Herbst 1993) an der Berliner Schaubühne zufällig als Felix in Arthur Schnitzlers Stück Der einsame Weg auf. Im Stück bringt nicht er sich um, sondern, neben Herrn von Sala, seine „Schwester“ Johanna.

Die aus Mosambik stammende Schauspielerin Franca Kastein Ferreira Alves (1969–2000) beging ebenfalls in Berlin Selbstmord. An einem Sonntagmorgen im August sprang die feurige 31jährige, die als gleichermaßen begabt wie anstrengend galt, in den Hackeschen Höfen aus einem im 4. Stock gelegenen Fenster. Sie war zuletzt am Maxim-Gorki-Theater, dann beim Film beschäftigt. Nun sei sie „selbst zu Lulu geworden, dem Kind, das nicht Kind sein durfte“, meinte die Berliner Zeitung in ihrem Nachruf.

Man darf vielleicht sagen, die schwedische Schauspielerin Johanna Sällström (1974–2007) habe rundum die Erwartungen erfüllt. Nachdem sie Ende 2004 gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter und ihrem jüngeren Bruder auf Ko Lanta in Thailand jene Tsunami-Katastrophe überlebt hatte, an die sich manche LeserInnen noch erinnern werden, bekannte sie in einem Interview, sie habe schon immer befürchtet, mit ungefähr 30 Jahren zu sterben. Jetzt sei sie freilich froh, noch zu leben. Sie hatte sich inzwischen in die Obhut eines Psychotherapeuten begeben. Im selben Nach-Tsunami-Jahr 2005 trat sie in der schwedisch-deutschen Fernsehserie Mankells Wallander ihren großen Wurf an, nämlich als Tochter Linda des populären dicken Kommissars Kurt Wallander aus Istad, der sich stets von schaurigen Fällen angezogen fühlt, die ihm den Magen umdrehen. Im Februar 2007 war alles Spiel aus: die alleinstehende 32jährige „Linda“ wurde tot in ihrer Malmöer Wohnung aufgefunden. Während die Polizei (die echte) rasch ein Verbrechen ausschloß, sprachen Freunde von Depressionen seit Jahren, jüngeren Aufenthalten in Nervenkliniken, Überarbeitung, Streß, Problemen mit dem Schönheitsideal – kurz, die hübsche Dunkelblondine hatte sich, warum auch immer, mit Hilfe von Schlaftabletten, soweit ich weiß, umgebracht. Es blieb dem Schriftsteller Mankell vorbehalten, dem Blatt Expressen zu versichern, es sei „unfaßbar und tragisch“. Andernorts ist nebenbei zu lesen, Sällström sei, wie ihr Landsmann Dagerman, unfähig gewesen, mit Geld umzugehen. Aber jahrelang hatte sie sich danach verzehrt. Erst mit Mankell rollte der Rubel. Das ist schon seltsam. Wäre es bei diesem Naturell, dem „das Geld durch die Finger rinnt“*, nicht sinnvoller, gleich auf ein verschwenderisches Leben inclusive Fernreisen in bedauerlich arme Länder zu verzichten? Was sich die Film-Tochter von Mankells Kommissar für ihre eigene, leibhaftige Tochter ausgedacht hatte, ist meinen Quellen übrigens nicht zu entnehmen. Die Oma wird’s schon richten.

Die Fernsehserie Mankells Wallander war allerdings nicht tot. Im Juni 2010 wurde in Schweden die Folge Inkasso ausgestrahlt, in der auch der gutbeschäftigte Stockholmer Schauspieler Emil Forselius (1974–2010) mitwirkte. Es war seine letzte Rolle: er hatte sich bereits im März, mit 35, ebenfalls das Leben genommen. Der „depressive“ Künstler hinterließ Frau und Sohn. Diesem hatte er immerhin einen Abschiedsbrief geschrieben. Anneli Forselius, die Mutter des Toten, meinte zu Expressen: „Er hatte alles. Aber es war nicht genug.“

Der in der DDR aufgewachsene Schauspieler Frank Giering (1971–2010) spielte überwiegend Verbrecher, so einen psychopathischen Killer in Michael Hanekes Streifen Funny Games von 1997, wodurch er fast über Nacht berühmt wurde. Als Privatperson war er eher „insichgekehrt“ oder schüchtern und litt an allerlei Ängsten. Weniger einhellig war das Urteil über Gierings RAF-Chef Baader in dem gleichnamigen Kinofilm von Christopher Roth, 2002. In seinen letzten Jahren sprach er, nach Presseberichten**, zunehmend dem Wodka zu. Im Juni 2010 wurde der 38jährige gebeutelte Schauspieler tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden – wohl Alkoholvergiftung.

Timo Rüggeberg (1989–2011) aus Bonn ist, um die Webseite rolltreppe-derfilm zu zitieren, als knapp 22jähriger „von uns gegangen“. Wo und wie, wird nirgends gesagt. In dem von Schülern gedrehten Film Rolltreppe abwärts (2005) hatte Rüggeberg die Hauptrolle des Jochen gespielt. Er trat anschließend auch schon im Fernsehen und auf Bonner Bühnen auf. Im englischen Stück Beautiful Thing ging es (ab 2008) um ein schwules junges Paar.*** 2010 nahm Rüggeberg ein Studium der Theaterwissenschaft in Berlin auf. Wie es aussieht, hatte er dort einen festen Geliebten. Streng genommen, beruht die Angabe, er habe sich umgebracht, lediglich auf „Gerüchten“, die beispielsweise durch verschiedene Internet-Foren geistern. Eine Bonner Bühne erklärte sich bereit, meine Bitte um Auskünfte an einen nahen Angehörigen weiterzuleiten; der scheint jedoch mit den Gerüchten leben zu wollen.

* Tagesspiegel 22. Februar 2007
** Süddeutsche Zeitung 30. Juni 2010
*** WAZ 25. Januar 2009




Fortsetzung Teil 4
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