Donnerstag, 17. November 2016
Handbuch der SelbstmörderInnen
Umfang rund 200 Druckseiten. Etliche hier nur verlinkte Beiträge des Autors eingeschlossen, käme eine Buchausgabe allerdings auf rund 230 Druckseiten, zuzüglich Register.


Teil 1 (Artikel 1–21) 2 (22–43) 3 (44–64) 4 (65–89) 5 (90–112)



Vorwort

Der junge Komponist Thomas March war nur auf seinem Fachgebiet ein „Neuerer“. Dagegen machte er, indem er sich umbrachte, wie Millionen vor ihm seinen Eltern Schande. Wenigstens habe er ihnen nicht auch noch das angetan, sich durch den Kopf zu schießen, denkt sein Cousin Lambert, der die Wohnungstür aufgebrochen hat. So wahrte Thomas wenigstens sein Gesicht …

Bringt sich kurz darauf Thomas' Mutter Johanna um, hat sie wiederum ihrem zurückbleibendem Mann Heinrich March* Schande gemacht. Diesen befällt angesicht der im Bett liegenden Leiche Bitterkeit. „Also waren wir dir nichts wert, dachte er. Du fandest nichts in uns, was dich zurückhalten konnte. Nichts.“ Da könnte man sich fragen, wer hier der größere Egoist sei, die Selbstmörderin oder der Witwer. Beim Ehepaar Nadja und Josef Stalin dürfte der Egoismus Parität besessen haben. Leider erschoß sich nur Nadja – Ende 1932, rücksichtsvollerweise ins Herz. Falls sie es selber war.

Weitere Bemerkungen zu einzelnen problematischen Gesichtspunkten des Selbstmordes oder des Weges zu ihm finden sich verstreut im Hauptteil dieses Werkes sowie in einem kurzem Nachwort. Die Einträge oder Artikel zu den einzelnen SelbstmörderInnen sind im Groben chronologisch (historisch) angeordnet. Wo es sich von Parallelen her anbietet, gestatte ich mir bündelnde Vor- oder Rückgriffe. Sowohl die Personen wie die meisten jener Bemerkungen werden außerdem im alphabetischen Register angeführt. Der Titel des Werkes ist von Seeligers Handbuch des Schwindels inspiriert. Erwarten Sie deshalb um Gottes willen keine Betriebsanleitung für Ihr Vorhaben, sich umzubringen. Dazu fehlt es mir bislang entschieden an eigener Erfahrung. Aber das Werk wird Sie an- oder abregen und möglicherweise zu fruchtbaren Forschungen auf eigene Faust verleiten.

Nun ein paar allgemeine Hinweise zum Thema. In der Antike ist der Selbstmord vorwiegend anerkannt, teils sogar schon in Mode – wie später in gewissen romantischen Kreisen, siehe etwa den berühmten Doppel-Selbstmord Vogel/Von Kleist. Verpönt ist Erhängen. Der antike Sklave jedoch darf überhaupt keinen Selbstmord begehen, schließlich gehört er sich gar nicht selbst. Damit wird klar, was alle Götter, Leute, GesetzgeberInnen bewegt, die Selbstmord geächtet wissen wollen: sie wünschen den unterwürfigen Menschen. Er soll nicht gegen den Ratschluß der Götter, gegen sein Schicksal, gegen den sogenannten natürlichen Tod, schon gar nicht gegen das staatliche Besteuerungs- oder Beschäftigungsprogramm aufbegehren. So hielt es natürlich auch das fromme europäische Mittelalter, das einträgliche Kriege mit großem Bedarf an Kanonenfutter und Kanonenbauern, dazu den Kapitalismus und damit das Industrieproletariat heraufdämmern sah. Heute träumen die Personal- und Arbeitsamtschefs von Massenselbstmorden á la Jonestown, 300 Stück 1978. Nur unter Rittern galt der Selbstmord unter Umständen als Heldentat. Sie waren eben keine leibeigenen Bauern. Auch die meisten islamischen Gesellschaften verdammen den selbstmörderischen Eingriff ins Schicksal, es sei denn, der betreffende, mit Sprengstoff gegürtete Täter wird zum Märtyrer umgedeutet, ist also mitnichten verwerflicher Selbstmörder, vielmehr Wohltäter. Buddhismus und Hinduismus bieten ein ähnlich widersprüchliches Bild; im Grunde warnen sie aber eher vor dem Selbstmord. Besonders heikel und entsprechend umstritten scheint die Frage zu sein, ob der Selbstmörder die Bürde, vor der er floh, mit dem Tod verliere oder aber nach seiner absehbaren Wiedergeburt erneut auf dem Buckel habe. In Japan gilt der Selbstmord ziemlich eindeutig als hoffähig. Er ist keine Sünde, zuweilen sogar Ehrenpflicht – um genau jener Schande der Marchs zu entgehen, nur umgekehrt. Streckenweise wird er regelrecht kultiviert, Stichwort Seppuku, siehe Register. Den angenehmsten Umgang mit Selbstmord pflegen die meisten indianischen Kulturen. Oft ist er „tabufrei“, somit jedem selbst überlassen. Die Überzeugung, als SelbstmörderIn sei man im Jenseits genauso glücklich wie die anderen Gestorbenen, soll weit verbreitet sein. Nur der Sioux habe, so las ich irgendwo, nach einem Selbstmord dafür zu büßen, im Jenseits natürlich.

Diese Übersicht gemahnt an eine Erkenntnis der Aufklärung, die heutzutage nur zu gern wieder totgeschwiegen wird: Es gibt keine Werte und Urteile, die überall und zu allen Zeiten gültig wären, also keine Werte und Urteile „an sich“. Das läßt sich auf allen Ebenen des Seins verdeutlichen. Was soll ein Eskimo mit einem Pferd; ein Araber dagegen mit einem Schlittenhund? Diese Vierbeiner genießen unterschiedliche Wertschätzung. Was nützt mir mitten in der Wüste ein Goldbarren, wenn ich noch nicht einmal einen Brotkanten habe? Es kommt also sowohl auf die Lebenssituation wie auf die jeweils gültigen gesellschaftlichen Übereinkünfte an. Die meisten IndianerInnen machten sich aus Gold gar nichts. Uns verursacht ein Goldbarren im Safe ein gutes Gefühl, weil sich die Weißen vor Jahrzehnten darauf einigten, Gold als gute Deckung ihrer wackligen Währungen anzusehen. Es hätte auch Silber, Braunkohle oder Möhrensalat sein können. Weder das eine noch das andere wird uns freilich etwas nützen, wenn sich Betriebsunfälle wie in Tschernobyl und Fukushima häufen, das längst „globalisierte“ Ungeheuer Deutsche Bank zusammenbricht oder der emsig geschürte Dritte Weltkrieg ins nukleare Stadium übergeht. Komme ich dem durch Selbstmord zuvor, ist mir mein Schutz wichtiger als mein Leben.

Dank der Aufklärung sind Selbstmordversuch und Beihilfe zum Selbstmord in den meisten mitteleuropäischen Ländern, soweit ich sehe, immerhin nicht mehr von Strafe bedroht. Aber diesseits dieser grundsätzlichen Bestimmungen hagelt es Verordnungen und Versuche, jene zu durchlöchern. Deshalb gehen seit vielen Jahren auch die Wortschwälle ausgiebiger ethischer Debatten auf uns nieder, in denen jeder Hinterbänkler aus dem Bundestag, jeder Bild-Kolumnist und jeder Zoologe, der einen Doktortitel besitzt, ausmessen darf, welche Hilfestellungen beim Selbstmord noch mit unseren westlichen Wertvorstellungen zu vereinbaren seien und welche nicht. Darf „Sterbehilfe“ organisiert sein? Darf sie nur „passiv“ oder auch „aktiv“ geleistet werden? Dürfen sich Ärzte über den Hyppokratischen Eid hinwegsetzen, der wahrscheinlich schon so verbindlich auf den Gesetzestafeln stand, die Gott Moses überreichte, wie die Anordnung, Iran dürfe keine Atomwaffen haben, Israel dagegen sehr viele? Und so weiter. All diese Debatten, Ausfeilungen und Kommissionen, denen die Überwachung des Selbstmordgeschehens obliegt, sind überflüssig wie die Unzahl unserer Automarken (die fleißig für Tote und RollstuhlfahrerInnen sorgen) und auch genauso sündhaft kostspielig. Ich habe schon früher dargelegt, warum sich libertäre Gemeinschaften oder Gesellschaften nicht mit der Buchstabengläubigkeit und einem darauf fußenden Rechtssystem beschweren sollten. Es erdrückt jede Eigenverantwortung und verhindert phantasievolle Lösungen, die auf den jeweiligen Konfliktfall zugeschnitten sind. Es pumpt die Mücken durch die Instanzen, bis sie in Gestalt von Elefanten zu einer Frage der berüchtigten Staatsräson geworden sind.

Die Republik Konräteslust hat keinen Staat. Trägt der knapp 70jährige Phil Mönninger so schwer an den Folgen seines Herzinfarktes, daß er nicht mehr leben will – wen sollte das etwas angehen? Bestenfalls seine MitbewohnerInnen im Walnußhaus. Stimmen sie ihn nicht um, werden sie seinen Willen selbstverständlich achten. Und der Arzt, der ihm die „stents“ in die Herzkranzgefäße setzte, wird ihm nun das geignete Gift verordnen und ihm erläutern, wie es einzunehmen ist. Da dies alles offen besprochen wird, braucht niemand ein schlechtes Gewissen zu haben. Da Phil versichert wird, man habe sogar schon Z. als seinen Nachfolger im Bahnhofscafe im Auge, braucht auch er sich keine Sorgen mehr zu machen. Möchte er allein sterben? Nein, er fände es schöner, wenn ein paar Leute um ihn wären. Das sorgt für Scherz und Trost. Jemand hält seine Hand. Flötist Achim Dömmersbach, schon vor dem Herzinfarkt Phils Gast, wird ihm noch einmal den Bolero spielen.

Soweit eine Variante. Viele andere sind denkbar und in wirklich freien Republiken auch erlaubt. Das schließt Fälle ein, wo Zweifel aufkommen, ob der Betroffene wirklich frei seinen Willen bekunde, oder wo er es aus Krankheitsgründen gar nicht mehr kann. Dann handeln eben noch andere. Wie immer sie handeln, sie haben sich nur untereinander und ihrem Gewissen gegenüber zu verantworten. Dritte geht das nichts an. Die Fälle müssen unter den Betroffenen bleiben. Lasse ich mich morgen von einem Freund erschießen, ist der Polizeipräsident von Gotha doch nur betroffen, weil er sich einbildet, „den Staat“ oder „die öffentliche Ordnung“ oder „das Recht“ zu verkörpern. Er verkörpert blutrünstige Schimären.

Leider scheint es für einen Selbstmord ähnlich viele Methoden wie Gründe zu geben. Ich erwähnte einmal einen 58jährigen, der sich 2007 zur Winterszeit in die Kanzel eines Hochsitzes für Jäger im niedersächsischen Solling zurückzieht, um dort langsam, über Wochen hinweg, zu verhungern und zu erfrieren. Glaubt man Ehrenburgs Babeuf-Roman, machten sechs nicht mehr rechtgläubige Konventsdeputierte aus Toulon, auf die die revolutionäre Guillotine wartete, kurzen Prozeß: sie stoßen sich mit demselben, von Hand zu Hand gehenden Dolch ins eigene Herz. In einem Roman von René Ehni erschießt sich die Hauptfigur, wählt also Thomas Marchs Methode – unter welchen Umständen, teilt Simone Beauvoir in ihren Erinnerungen Alles in allem nicht mit. Dafür bemerkt sie in der für sie typischen Altklugheit, damit habe Ehni für seinen snobistischen Helden, der an der Frage nach dem Sinn seines Lebens litt, die leichteste Antwort gewählt. Wieviel schwerer ist es doch, einen Selbstmord hübsch zu malen, so wie Beauvoirs Landsmann Decamps es verstand! Beauvoirs altkluger Wesenszug leuchtet uns allerdings ein, wenn sie versichert, sie habe sich bereits mit 40 als alte Frau gefühlt. Aber umgebracht hat sie sich nie, das wäre ihr zu einfach gewesen. Ins gleiche Horn hatte schon der Dramatiker und Soldat Theodor Körner geblasen, nachdem sich Heinrich von Kleist (1811) erschossen hatte. Er zählte den Selbstmord unter die „Kindereien, wozu weder Mut noch Kraft gehört“. Sollte Seeliger, wie so viele Menschen, nicht schwindelfrei gewesen sein, hätte ihn bereits der Gedanke daran umgebracht, einen im 5. Stock seines Plattenbaus gelegenen Fenstersims zu erklimmen, um sich in die Tiefe zu stürzen. So geschehen im Oktober 2016 in Schmölln, Thüringen. Noch weniger schön liest sich natürlich das Ende von Darwins Kapitän FitzRoy, ich sage nur: Rasiermesser und Kehle. Ein Verhungern ohne Erfrieren halte ich immerhin für vorstellbar, obwohl es ziemlich schmerzhaft sein dürfte. Jener Niedersachse hatte in einem Heft getreulich festgehalten, wie nacheinander seine inneren Organe rebellierten und ausfielen und wie weh das tat. Aber das Leben, wie es sich meist so schön hinzuziehen pflegt, tut eben oft weher.

Meine Liste von Selbstmordfällen, die ich im Laufe einiger Jahre mit Hilfe von Nachschlagewerken, biografischen Verzeichnissen und Medienberichten angelegt habe, umfaßt rund 800 Personen. Davon habe ich für dieses Werk rund 280 Fälle ausgewählt. Schon die Liste stellt freilich nicht mehr als ein Klacks dar. Denn allein pro Jahr bringen sich (derzeit) weltweit mindestens 800.000 Menschen um, die gescheiterten Selbstmordversuche nicht eingerechnet. Wieviele werden es erst im ganzen gewesen sein, seit Adams und Evas Sündenfall! Nur heißt eben nicht jeder Adam oder Cato der Jüngere (erdolcht sich 46 v.Chr. bei Karthago in Afrika) und bringt es aufgrund seiner angeblichen Bedeutung in die Nachschlagewerke und Listen. Der dunkelhäutige Jugendliche vom Schmöllner Fenstersims war von Beruf „Flüchtling“. Er brachte es wenigstens in die Lokalpresse. Kurz und schlecht: die meisten SelbstmörderInnen, die ich vorstelle, gelten als mehr oder weniger prominent. Viele von ihnen sind beispielsweise KünstlerInnen oder PolitikerInnen, also gewissermaßen schon von Hause aus Verrückte. Viel interessanter und aufschlußreicher wäre es zu beobachten und zu untersuchen, warum und wie sich sogenannte normale Menschen umbringen. Aber die will man eben gar nicht beobachten – oder sie wollen selber gar nicht beobachtet sein. Vor einigen Jahrzehnten brachte sich ein 46jähriger, sogar angesehener deutscher Orgelbaumeister in seiner Provinzstadt um. Niemand, Stadtarchiv und Lokalpresse eingeschlossen, weiß Näheres oder behauptet diese Unzuständigkeit jedenfalls. Um Auskünfte gebeten, teilt mir eine jüngere nahe Verwandte des Orgelbaumeisters mit, „ehrlich gesagt“ sei sie über meine Anfrage „schockiert“. „Auf diese Familientragödie hat die Welt nicht gewartet. Sie ist etwas persönliches und sicher nicht für die breite Öffentlichkeit. Aber für jemanden der alles mit allen teilen möchte ist das wahrscheinlich nicht verständlich.“ Gruß X.

Auf den Gesichtspunkt der sogenannten Privatsphäre gehe ich ebenfalls in einer Bemerkung des Hauptteils ein. Was ich der Verwandten aber immerhin hoch anrechnen muß: sie blieb nicht völlig stumm, sie erklärte sich. Die Regel sieht anders aus. Und ob sich irgendein R. durch die Menge der Ignoranz, die er als Nachforscher erntet, entmutigt oder gekränkt fühlen könnte, ist der Welt offensichtlich egal. Das ist seine Privatsache.

* Roman von Friedrich Georg Jünger, Stuttgart 1979


§



1 - Bartolomeo Schedoni (1578–1615), der sein kurzes Leben in herzöglichem Dienst in Parma beschloß, wird von seiner Malweise her häufig, vom starken Einfluß A. und L. Carraccis einmal abgesehen, in die Nähe Caravaggios gerückt. Wie es aussieht, waren sie auch beide Hitzköpfe und Streithammel. Schedoni saß wiederholt wegen Tätlichkeiten hinter Gittern. Da verwundert es nicht, wenn sich der seit 1611 verheiratete Sohn eines Maskenmachers aus Modena 1615 mit 37 Jahren im Ergebnis einer Nacht umgebracht haben soll, nach der sich seine Spielschulden angeblich schon wie der Vesuv ausnahmen. Einzelheiten sind offenbar nicht bekannt. Was Schedonis meist (schein-)heilige, in effektvolles kaltes Helldunkel getauchte Figuren angeht, wirken sie oft wie aus Porzellan geschaffen, also trotz ihrer meisterhaft erzielten Sinnlichkeit stark gefährdet. Deshalb ringen sie alle mit großen, durchweg opernreifen Gebärden um Erbarmen. Außerdem legitimieren sie die neue Weltreligion vom „Klimawandel“. Sie zeigen nämlich, wie kühl es damals noch in Italien war, sind doch beispielsweise die Jünger des Jesus in Decken, ja beinahe in Theatervorhänge gehüllt – während ihre Füße nackt auf den Steinfliesen stehen ...



2 - Chongzhen (1611–44). Ja, sicher: Hannibal, Cato der Jüngere, Marcus Antonius, Seneca, Nero und so weiter brachten sich, um Null herum, auch schon um. Aber wie sah es unter den geschundenen Sklaven, Landarbeitern, Fischweibern aus? Brachte sich von denen keiner um? Vielleicht schon, nur ist es nirgends der Rede wert. Bemitleiden wir also notgedrungen einen Kaiser von China. Als junger Prinz, erst 16 Jahre alt, hatte Chongzhen das Pech, das sagenhafte Riesenreich der Ming-Dynastie (1627) zu übernehmen, als es gerade zerfiel. Von Norden her drangen die Mandschus über die berühmte Mauer, überrannten seine Generale, die sich lieber untereinander bekämpft hatten, und nahmen 1638 sogar den Vasallenstaat Korea ein. Wo der letzte Ming-Kaiser auch hinguckte: Niederlagen, leere Staatskassen, abtrünnige Provinzen, anmaßende Eunuchen sowie Minister, die von nichts eine Ahnung hatten, außer von Betrug. Er tauschte sie ungefähr jährlich aus und bedachte die Abgesetzten mit den grausamen Strafen, die er auch allen anderen Untertanen gegenüber liebte. Unterdessen blieb die Finanzlage so verheerend, wie sie war, weil die Europäer einen später so genannten Dreißigjährigen Krieg in Gang gesetzt hatten, der den Löwenanteil des in Amerika geraubten Silbers verschlang. Dieser Anteil war bis dahin vor allem der Ming-Dynastie zugute gekommen, hatten sich doch die Europäer damit in China mit luxeriösen Waren wie Seide oder Porzellan eingedeckt. Ansonsten litt China kaum anders wie Europa unter der „Kleinen Eiszeit“ und den entsprechenden Ernteausfällen, unter sich häufenden Bauernaufständen, die sich nicht zuletzt Chongzhens drückenden Steuern verdankten, ja es litt sogar unter der Pest, die auch in Fernost Millionen von Menschen dahinraffte.

Im April 1644 stießen aufständische Bauern und Soldaten gegen Peking vor. Als sie in die ersten Außenbezirke einströmten, läutete Chongzhen die Glocke, die üblicherweise das Zeichen für seine Minister war, sich zu einer Konferenz einzufinden. Doch kein Minister erschien. Selbst die Palastgarde hatte es vorgezogen sich dünne zu machen. Da dämmerte ihm, die Dynastie war verloren. Nach einigen Quellen befahl er seinen Söhnen zu fliehen, dem Rest der Familie dagegen, sich umzubringen. Alle gehorchten. Nachdem auch die Kaiserin an einem Torbogen baumelte, verließ der Kaiser die Verbotene Stadt und begab sich, nur von seinem Leibeunuchen und einer Schnapsflasche begleitet, in den Jingshan Park. Dort erhängte sich der 33jährige Herrscher. Darüber sind sich alle Quellen einig. Möglicherweise erhängte er sich an einem Pagodenbaum, der später unter Denkmalschutz kam und noch heute als Touristenmagnet dient. Allerdings soll es sich inzwischen um einen nach 1970 eingepflanzten Ersatzbaum handeln. Die Art heißt unter anderem auch Perlschnurbaum, nach den mehrfach eingeschnürten Fruchtschoten. Insofern hing sich Chongzhen standesgemäß auf.



3 - Thomas Chatterton (1752–70). Der bemerkenswerte englische „Dichter“ und Fälscher brachte sich, mittels Gift, schon mit 17 Jahren um – aus Gram über seine Verkennung. Sicherlich kam auch Geldnot hinzu, hatte sich doch sein Lehrvertrag mit dem Bristoler Rechtsanwalt John Lambert erübrigt, nachdem dessen Lehrbub von Philologen als literarischer Betrüger entlarvt worden war. Ferner löste sich Chattertons Vorstellung, dafür in London einen „Durchbruch“ als Literat oder wenigstens Journalist zu erzwingen, im bekannten dortigen Nebel auf. Rund zwei Jahre vor seinem „Freitod“ hatte er mit angeblichen Funden aufhorchen lassen. Er wollte in Bristol Gedichte und Trauerspiel-Fragmente entdeckt haben, die ein Mönch namens Rowley im 15. Jahrhundert verfaßt hatte. Auch in diesem Fall von Hochstapelei ließen sich zunächst etliche Fachleute täuschen, darunter der berühmte Erfinder der gothic novel (des Schauerromans) Horace Walpole. Mehr noch, der blutjunge Advokatengehilfe soll den Geist der betreffenden verflossenen Zeiten derart gekonnt nachempfunden und außerdem schöpferisch bereichert haben, daß mancher sogar an überragende Wiedergeburts-Fähigkeiten Chattertons zu glauben begann. Allerdings entsprach dessen gothic revival auch dem Zeitgeist des englischen Frühkapitalismus. Dieser Mode folgend, hatte Chatterton, der ohnehin ein Träumer gewesen sein soll, wahre Berge der entsprechenden Literatur verschlungen. Nebenbei bemerkt, hatte er seinen Vater, einen Küster mit starken musikalischen und okkulten Neigungen, schon vor der Geburt verloren, da klammert man sich vielleicht an überlieferte großartige Gestalten, sofern kein Ersatz in Sicht ist. Immerhin gingen die Geniestreiche des Jünglings nach und nach in zahlreiche Kunstwerke ein, darunter die 1956 in Hamburg uraufgeführte Tragödie Thomas Chatterton von Hans Henny Jahnn. Vermutlich hatten es Jahnn, neben der Genie-Frage, auch die engelshaften Züge des Knaben angetan, wie sie auf zeitgenössischen Bildnissen zu bewundern sind. Andere Quellen geben Chatterton als bedauernswerten, im Elend lebenden Sohn einer Näherin aus, während aus wieder anderen eher auf einen zynischen und hochnäsigen Jüngling geschlossen werden kann.

Jedenfalls empfand er sich zuletzt als überflüssig. Der 11. Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 1911 zufolge hatte er sich in seiner Dachkammer einen Trank mit Arsenik bereitet. Vorher habe er, was von seinen Manuskripten eben greifbar war, in kleinste Stücke gerissen. Möglicherweise hatte das der Autor des Lexikonartikels auf einem 1856 von Henry Wallis geschaffenen Gemälde gesehen. Wie man vielleicht bestätigen wird, hat sich Chatterton bei Wallis derart wohlgefällig auf der schäbigen Liege hingestreckt, daß sich alle lebensmüden Kunstfreunde eigentlich nur nach einem Tütchen Arsenik sehnen können. In Wahrheit dürfte er über Stunden hinweg an Übelkeit, Krämpfen, Durchfall, inneren Blutungen, schweren Koliken gelitten haben. Meist stirbt der Vergiftete, unter Umständen erst nach Tagen, an Nieren- und Kreislaufversagen. Auf diese Problematik – nämlich die vom vermeintlichem Befreiungsschlag bewirkten Keulenhiebe – komme ich im Nachwort zurück.



4 - Nicolas Chamfort (1741–94). Das dramatische Werk des aus der Auvergne stammenden, selbst bei Hofe früh erfolgreichen, zunehmend allerdings antifeudalistisch gestimmten französischen Schriftstellers kann ich nicht beurteilen. Dagegen möchte ich behaupten, seine Maximen, Charaktere, Anekdoten, die kurz nach seinem Ableben dank eines aufmerksamen Herausgebers in Buchform auf die Nachwelt kamen, seien ein ähnlich überschätzter dürftiger Komposthaufen, wie ihn uns etwas früher schon Vauvenargues eigenhändig vor die Füße warf. Seitdem zählen beide Autoren zu den allseits bekannten „großen Moralisten“ ihres Landes. „Der Mensch lebt oft mit sich und bedarf der Tugend“, liest man bei Chamfort, „er lebt mit anderen und bedarf der Ehre.“ Chamforts Lieblingsbegriffe sind Charakter und Spitzbube – den ersten gilt es vor dem zweiten zu schützen. Während der Wert des Charakters auf Verdienst beruht, quillt er bei den (oft adeligen) Spitzbuben aus Ruhm und Stellung. Aber selbst die Pariser Wasserträger hatten den heraufkommenden, durch die Revolution enorm beförderten Kapitalismus bereits gerochen und begriffen, wie Chamfort immerhin selber sieht. „Sechs Sous der Eimer“, rief einer von ihnen unverdrossen, obwohl in den Straßen seines Revieres gerade Barrikadenkämpfe stattfanden. Prompt kam eine Bombe geflogen und riß ihm einen Eimer aus der Hand. „Zwölf Sous der Eimer“, rief er gelassen.

Unter Robespierre wanderte der allgemein als hübsch, charmant, geistreich und witzig beschriebene Autor und Redner Chamfort, inzwischen Anhänger der (gutbürgerlichen) Girondisten, ins Gefängnis. Angeblich kam er, nach wenigen Tagen, nur deshalb wieder frei, weil er seine Partei verleugnet hatte. Doch im Herbst 1793 war er erneut von Verhaftung bedroht oder bildete sich diese Gefahr jedenfalls ein. Möglicherweise hatten ihn auch seine soziale Zwischenlage und seine allgemeine abgrundtiefe Verzweiflung über die Verderbtheit des Menschenschlages, Wasserträger eingeschlossen, an einen Punkt gebracht, wo er nicht mehr weiter wußte. Ich gebe eine detail- und aufschlußreiche Schilderung von Camus wieder, von dem sich im Anhang meiner Enzensbergischen Schmuckausgabe* der Maximen Auszüge eines 1944 über Chamfort verfaßten Textes finden.
An dem Tag, da Chamfort glaubt, die Revolution habe ihn verurteilt, angesichts des endgültigen Scheiterns, schießt er sich [in seinem häuslichen Arbeitszimmer] eine Kugel in den Kopf, die seine Nase zertrümmert und das rechte Auge durchbohrt. Er lebt noch, macht sich noch einmal ans Werk, will sich mit einem Rasiermesser [eher wohl: Brieföffner] die Kehle durchschneiden, zerfetzt sich aber nur das eigene Fleisch. Blutüberströmt wühlt er mit seiner Waffe in der eigenen Brust, und nachdem er sich noch die Adern geöffnet hat, bricht er in einem See von Blut zusammen, das unter den Türen durchsickert und schließlich die Leute alarmiert. Man kann sich diese selbstmörderische Wut, diesen Zerstörungswahn nur schwer ausmalen. Aber den Kommentar dazu findet man in den Maximen: „Man erschrickt über heftige Entschlüsse, aber sie passen für starke Seelen, und kräftige Charaktere ruhen sich in Extremen aus.“
Soweit ich weiß, lebte Chamfort allein, von seinem Diener einmal abgesehen, der den übel zugerichteten Schriftsteller fand und daraufhin nach einem Arzt rief. 10 Jahre früher hatte Chamfort bereits seine wichtigste Geliebte, Anne-Marie Buffon, durch Tod verloren. Schon seine Kindheit in Clermont dürfte kaum ein Hort der Geborgenheit gewesen sein, wuchs er doch sehr wahrscheinlich, unehelich vom örtlichen Dompfarrer mit einer Adeligen gezeugt, bei Zieheltern in einer Kaufmannsfamilie auf. Nun erlag er seinem, auf sich selbst gerichteten „Zerstörungswahn“, im Frühjahr 1794, mit 53 Jahren.

* Ein Wald voller Diebe, Nördlingen 1987, Seite 27, 162, 401



5 - Antoine Hugot (1761–1803). Die deutschsprachige Wikipedia weiß es halbwegs genau: Kaum hatte sich der französische Musiker als Professor für Flöte [quer, vier Klappen] am neugegründeten Pariser Konservatorium eingearbeitet, „setzte er seinem Leben durch Sprung aus einem Fenster im vierten Stock selbst ein Ende.“ Mehr nicht. Ob das Fenster im Konservatorium oder in der Mansardenwohnung einer Geliebten oder eines Geliebten lag, läßt das vielbemühte Nachschlagewerk in der Schwebe. Warum der wahrscheinlich 42jährige sprang, verrät es uns schon gar nicht. Und so überall.

Übrigens auch im Bereich der Unfälle, worüber ich mich schon früher aufgeregt habe. Zur Rechtfertigung wenden die Lexikografen gerne ein: Wir wissen es ja leider selber nicht. Mit anderen Worten: Leider waren wir zu bequem um nachzuforschen. Oder sie wenden ein: Kein Platz! Diese Ausrede würde im Falle des gedruckten Brockhaus vielleicht noch nicht lächerlich wirken, aber im „weltweiten“ web? Oder sie wenden ein: Als Lexikon haben wir Tatsachen zu unterbreiten, und sonst gar nichts. Als wären, was jährlich Hunderttausende* veranlaßt sich umzubringen, keine Tatsachen! Ihre Ängste, ihre erpresserischen Absichten, ihre gnadenlosen VerfolgerInnen – kurz, die Verhältnisse! Bekanntlich kam bald nach Hugots Ende die Fotografie auf, und so erwidern die Lexikografen inzwischen auch gern: Den Sprung konnten wir fotografieren; die Motive oder die Verhältnisse des Selbstmörders dagegen nicht ...

Laut dem Lexikon der Flöte aus dem Laaber-Verlag (2009) unterrichtete der 1795 zum Professor ernannte Hugot „die erste Klasse“. Dann gab es noch einen Johann Georg Wunderlich (1755–1819), der im selben Jahr „eine Professur für die zweite Klasse“ ergattert hatte. Ob sich diese Einstufung auf Chronologisches oder aber den „Rang“ der Eingestuften bezog, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür läßt sich dem genannten Lexikon immerhin entnehmen: Kaum war Hugot aus dem Fenster gefallen, rückte Wunderlich, nach einer Umstrukturierung der Lehranstalt, zum „alleinigen Professor für Flöte“ auf! Außerdem gab er schon im nächsten Jahr, 1804, Hugots noch nicht ganz vollendete Méthode de Flûte heraus, die sich für das ganze 19. Jahrhundert zu einem vielmals aufgelegten Standardwerk mausern sollte. Wer da welche Tantiemen einstrich und sich nebenbei im Ruhm sonnte, ist vermutlich, für Lexikografen, ebenfalls außerhalb des Reiches der Tatsachen angesiedelt.

* In Deutschland haben wir jährlich ungefähr 10.000 „gelungene“ Selbstmorde. Davon sollen bereits 45 Prozent Über-6ojährige sein (obwohl diese nur 27 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen), Tendenz stark steigend, wie es 2015 im Berliner Tagesspiegel heißt.



6 - Karoline von Günderrode (1780–1806), Schriftstellerin, griff mit 26 statt zur Feder zum Dolch, siehe mein Porträt in AZ 7.

Die Pariser gelernte Malerin aus wohlhabendem Hause Constance Mayer (1775–1821) wurde, nach einigen Austellungserfolgen, um 25 Förderin, Schülerin, Partnerin und Geliebte von Pierre Paul Prud'hon, einem 17 Jahre älterern Kollegen, der von seiner Gattin getrennt lebte. Mayer bahnte ihm Wege zu Napoleons Kaiserhof, wodurch er zum gefragten Porträtisten betuchter, meist blaublütiger Leute wird. Das „revolutionäre“ Jakobinertum hatte sich der unpolitisch gestimmte Prud'hon, soweit ich weiß, ohnehin nie auf die Fahnen geschrieben. Als seine Gattin um 1800 wegen (angeblichem) „skandalösem Verhalten“ in einer Irrenanstalt landet, kümmert sich Mayer auch um Prud'hons fünf Kinder und den Haushalt. Sie haben Atelierwohnungen im selben, staatseigenem Gebäude der Sorbonne und können so, als „Kollegen“, die Form wahren. Gleichwohl wird meist angenommen, Mayer wäre gern offiziell Frau Prud'hon geworden. Doch der prominente Maler sträubt sich; er heiratet sie selbst nach dem Tod seiner weggesperrten Gattin nicht. Wahrscheinlich hatte Mayer zudem ihr Schattendasein als Künstlerin erbittert, firmierte doch ihre beträchtliche künstlerische Mitarbeit zumeist unter „Prud'hon“, weil das einträglicher für die gemeinsame Kasse und den Ruhm ihres Geliebten oder Gebieters war. Ferner heißt es in einigen Quellen, auf Betreiben kirchlicher Kreise habe das Kultusministerium Prod'hon oder beiden Künstlern, um 1820, das Atelier gekündigt.

Wer sich auf Mayers grauenvolle Weise umbringt, muß jedenfalls verzweifelt sein. Nach FemBio hinterließ die 46jährige keine Erklärung, als sie sich an einem spätem Vormittag im Mai 1821 nach Verabschiedung einer Schülerin in ihrer Atelierwohnung mit Prud'hons Rasiermesser die Kehle (oder jedenfalls die Halsschlagader) durchschnitt, während er im selben Hause weilte. Knapp zwei Jahre darauf, mit 64, stirbt auch Prud'hon – ob an gebrochenem Herzen oder schlechtem Gewissen ist umstritten. Allerdings halte ich es auch nicht für ausgeschlossen, daß schon Mayer ihrerseits unter Gewissensbissen gelitten hatte: wegen der erwähnten Abservierung von Prud'hons Gattin, über die sich keine näheren Angaben finden.

Der gebürtige Ire Robert Stewart (Lord Castlereagh) (1769–1822) griff notgedrungen zum Brieföffner. Das Rasiermesser hatten ihm nämlich seine Ärzte oder BewacherInnen wohlweislich entzogen. Zwar hatte Castlereagh als langjähriger britischer Außenminister zu den erfolgreichsten Widersachern Napoleons gehört, doch zuletzt war er sowohl bei Konkurrenten wie im Volk, möglicherweise auch bei seiner Gattin Emily Hobart (Ehe kinderlos), unbeliebt gewesen. Deshalb war er verrückt geworden – oder jedenfalls als Verrückter, teils auch als Schwuler, hingestellt worden. Man bescheinigte ihm vor allem „Verfolgungswahn“, wen wundert es. So schnitt sich der 53jährige an einem Augusttag 1822 in seinem Landsitz Loring Hall im Londoner Südwesten die Kehle durch.

Charlotte Stieglitz (1806–34) aus Berlin nahm einen ihr geschenkten Dolch. Ich habe sie am Ende einer Betrachtung von 2014 gestreift.



7 - Heinrich von Kleist (1777–1811) und Henriette Vogel (1780–1811). Hier die erste Lieferung einiger Doppel-Selbstmorde unter Liebespaaren. Kleist-Knüller wie das Lustspiel Der zerbrochene Krug oder die Novelle Michael Kohlhaas kennt man zumindest dem Titel nach. Das war zu Lebzeiten ihres Schöpfers leider gar nicht der Fall. Der untersetzte und etwas stotternde Sohn eines in der Garnisonstadt Frankfurt an der Oder dienenden preußischen Stabskapitäns war ausgesprochen ehrgeizig und ruhelos. Ungefähr die Hälfte seines 34jährigen Lebens verbrachte er auf der Landstraße. Aus dieser Kombination werden „verkannte Genies“ gemacht, die „tragisch“ enden. Den jungen Leutnant und Verwaltungsbeamten hatte zunehmend Ekel vorm Militär und der staatlichen Bürokratie befallen. Allerdings tat das seiner Vaterlandsliebe und seinem speziellem Franzosenhaß nie Abbruch. Die Franzosen, „verschlagene“ Leute, hatten ihn sogar einmal als angeblichen Spion zu verhaften und einzusperren gewagt, das war 1807. Nach sechs Monaten ließen sie ihn wieder laufen. Nur, mit irgendetwas Respektablem mußte Von Kleist, zu Hause und im Freundeskreis, schon glänzen. Versuche als Verleger einer literarischen Zeitschrift (Phöbus in Dresden, ab 1808) und der ersten hauptstädtischen Zeitung Berliner Abendblätter (1810) scheitern, teils wegen der behördlichen Zensur. Das bringt Schulden und Zerknirschung ein.

Im Herbst 1801 hatte sich der verdrossene Schriftsteller sogar zu einem Versuch mit dem Einfachen Leben entschlossen (Wiechert). Er ging, von Paris aus, in die Schweiz, um sich dort als Bergbauer niederzulassen. Er trieb zunächst ein Einsiedlerhäuschen auf der Scherzliginsel in der Aare bei Thun auf, wo er selbstverständlich die nächsten Manuskripte in Angriff nahm. Die Nagelprobe auf seinen ursprünglichen Plan blieb ihm dann erspart, weil seine Braut Wilhelmine von Zengen per Brief aus Frankfurt/Oder ein Schicksal als Bäuerin dankend ablehnte. So konnte sich der Insulaner wieder auf seine Manuskripte werfen und nebenbei Briefe verfassen. Am 26. Oktober 1803 klagte er seiner Halbschwester Ulrike per Brief: „Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde!“ Dabei hatte ihn der „große“ Christoph Martin Wieland eben erst auf sein Gut Oßmannstedt bei Weimar eingeladen. Aus Dankbarkeit für dessen Lobesworte über sein entworfenes Stück Robert Guiscard fällt Kleist vor ihm nieder und küßt ihm die adrigen Hände. Goethe dagegen hielt nichts von Kleist – oder von dessen drohender Konkurrenz. Einige AnhängerInnen Kleists behaupten, der Dichterfürst habe Kleists Zerbrochenen Krug am 2. März 1808 in Weimar auf eine Art und Weise inszeniert, die zum Mißerfolg führen mußte. Adam Soboczynski weist (in der Zeit vom 5. Januar 2011) auf den Zug der Gewalttätigkeit hin, der alle Arbeiten des Schriftstellers Kleist durchziehe. Im bekannten Lustspiel um den Dorfrichter Adam ist es ein Sexualverbrechen. Für Kleist sei die Welt ein Krieg gewesen. Wer sie nicht umfaßt halte wie ein Ringer, habe er in einem kurzen Prosatext geschrieben; wer sie nicht „tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfs, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch, durchsetzen; viel weniger in einer Schlacht.“

Am 10. November 1811 ist der verschuldete und verkannte „Dichter“ bereits zum Selbstmord entschlossen. An diesem Tag versichert er seiner Verwandten und Vertrauten Marie von Kleist, ihm sei „so wund, daß mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmert“. In der Berlinerin Henriette Vogel, mit der er seit ungefähr anderthalb Jahren befreundet ist, hat er eine Gefährtin für diesen letzten Weg gefunden. Sie ist drei Jahre jünger als Kleist und angeblich unheilbar an Krebs erkrankt. Die beiden mieten sich am 20. November in einem Gasthof am Kleinen Wannsee ein und begeben sich anderntags an den Strand. Kleist erschießt zunächst Vogel, dann sich selbst.

Alle ForscherInnen sind sich darin einig, daß Kleist den gemeinsamen Selbstmord sorgsam inszenierte – besser, wie angeblich Goethe Kleists Krug. Dagegen sind sowohl die Tatsache wie die Bedrohlichkeit von Vogels Krankheit wie auch ihre Motive für diesen „Paartod“ umstritten. Sie war mit dem Landrentmeister Louis Vogel verheiratet und hatte mit ihm eine Tochter. Weitere Kinder oder Geburten sowie eine Liebesbeziehung zu Kleists Freund Adam Müller sind allerdings, so Tanja Langer, nicht ausgeschlossen. Liest man das Bündel von Kosenamen, das Vogel Kleist in einem Brief aus dem Todesmonat überreicht hat, wirkt der zusammenfassende Begriff Schwärmerei stark untertrieben. Prosaischer, aber genauso unklar äußerte sie sich in ihrem Abschiedsbrief: „Mein treuer geliebter Louis! Nicht länger kann ich mehr das Leben ertragen, denn es legt sich mir mit eisernen Banden an mein Herz – nenne es Krankheit, Schwäche, oder wie du magst, ich weiß es selbst nicht zu nennen – nur so viel weiß ich zu sagen, daß ich meinem Tod als dem größten Glücke entgegensehe ...“ Vermutlich litt sie schlicht an starken Ängsten.

Rund 20 Jahre später brachte der Paartod zweier junger Pariser Dramatiker, 19 und 21 Jahre alt, den europäischen Kulturbetrieb zum Raunen. Es verebbte allerdings rasch, obwohl Béranger und Musset aus diesem Anlaß Gedichte verfaßten. Victor Escousse hatte im Sommer 1831 einen Achtungserfolg gelandet. Doch sein zweites Stück fiel durch. Nun setzte er gemeinsam mit seinem Freund Auguste Lebras alles auf die Karte Raymond – aber auch dieses Drama, im Februar 1832 im Theater Gaieté herausgebracht, wurde ein Mißerfolg. Sechs Tage nach der Uraufführung brachten sich die beiden „mit Kohlendampf“ um, wie Meyers 1906 mitteilt. Dem Frankreichkenner George W. M. Reynolds zufolge (1837) waren Escousse und Lebras von Anfang an in „literary partnership“ verfahren, schrieben also gemeinschaftlich. Er bescheinigt ihren Werken Begabung und Unausgereiftheit. Er bemerkt außerdem, sie hätten am Schicksalsabend sogar zwei Eisen im Feuer gehabt, nämlich zusätzlich das Stück Paul, das im Theatre Feydeau uraufgeführt wurde. Mit beiden Stücken zogen sie Nieten – und hockten entsprechend niedergeschmettert in ihrem Stammcafe. Man habe die beiden Leichen Arm in Arm gefunden. Ob das Autoren- auch ein Liebespaar war, verrät Reynolds nicht. Er behauptet lediglich, während Escousse der Mut gefehlt habe, allein zu sterben, sei Lebras unfähig gewesen, allein zu leben. Das traf sich also.

Ihr Debüt auf einem Pferderücken hatte die dänische Seiltänzerin und Kunstreiterin Elvira Madigan (1867–89) mit fünf gegeben. In der Folge reiste sie von Beifall umrauscht mit dem elterlichen Zirkus durch ganz Skandinavien. Doch 1888, bei einem Gastspiel in Kristianstad, Schonen, geschah es: der 33jährige schwedische blaublütige Dragonerleutnant Sixten Sparre (1854–89) verliebte sich in die verwegene 20jährige Zirkusartistin. Sie erwiderte diese Zuneigung auch, obwohl sie damit vor einem Berg von Problemen stand. Sparre war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Weiter gab es den „Standesunterschied“, zu dem sich noch der Standpunkt der Eltern gesellte, die weder an Skandal noch an einem Verlust der attraktiven Kunstreiterin interessiert waren. So entspann sich über einen Briefwechsel der Liebenden der Plan zum „Ausstieg“, was im Falle des Leutnants allerdings einer „Fahnenflucht“ gleichkam. Im Sommer darauf setzten sich die beiden von Stockholm aus nach Dänemark ab. Trotz mehrmaligem Ortswechsel konnten sie ihr Inkognito nicht wahren, da Madigan zu bekannt war und die Flucht schon in allen Zeitungen ausgebreitet wurde. Möglicherweise hingen diese Ortswechsel überdies mit den unbezahlten Hotelrechnungen zusammen, die dem Paar im Nacken saßen. Laut schwedischer Wikipedia war Sparre bereits bei seiner anfänglichen Werbung um Madigan „tief verschuldet“ gewesen, ohne dies seiner Flamme oder deren Eltern auf die Nase zu binden. Damit drängte sich dem gejagten Liebespaar der letzte „romantische“ Ausweg à la Kleist–Vogel, vielleicht auch Rudolf–Vetsera auf. Vermutlich hatten die beiden von den Letztgenannten erst vor einem halben Jahr in der Zeitung gelesen. Mitte Juli 1889 auf der kleinen dänischen Insel Tåsinge südlich von Fünen bei einer Fischerfamilie in Troense untergekommen, begaben sich Madigan und Sparre eines vormittags mit einem Picknickkorb und in anscheinend gehobener Stimmung in einen nahen Wald, den Nørreskov. Dort erschoß der Dragonerleutnant erst die Zirkusreiterin, dann sich selbst. Es folgten unzählige Zeitungsartikel und viele künstlerische Bearbeitungen, darunter bis heute drei Verfilmungen. Das Grab von Elvira Madigan und Sixten Sparre auf dem Friedhof von Landet ist ein Wallfahrtsort.

Der Fall Rudolf/Vetsera aus demselben Jahr (1889) findet sich bereits in meiner Arbeit über Mordopfer behandelt, Kapitel 59. Ich füge hier noch einen deutlich jüngeren, dafür mindestens genauso undurchsichtigen Paartod hinzu, der sich ebenfalls in Österreichs Hauptstadt zutrug.

Der für mein Empfinden nicht sonderlich sympathische Wiener Schlawiner Robert Geher (1963–94) war studiert und tätowiert, Boxer und Billardspieler, Freund von Drogen, StrichgängerInnen, Zuhältern und Knastpoeten, auch selber Autor, zudem Abkupferer. Nach seinem Doktor in Soziologie an der Wiener Universität 1990 hatte er die Wiener Unterwelt studiert. In seiner Ausbeute dieser „Feldstudien“, dem 1993 veröffentlichten Werk Wiener Blut oder Die Ehre der Strizzis. Eine Geschichte der Wiener Unterwelt nach 1945 wurden ihm einige Plagiate nachgewiesen. Ansonsten war diese „Mischung aus Herrenmagazinstil und nicht zu tief greifender Gesellschaftsanalyse“ (Marcus J. Oswald, 2008) so „umstritten“, wie schillernde Galgenvögel es brauchen, um gebührend gesehen zu werden. Gehers zweites, auf den Nachlaß gestütztes Buch Galgenvögel – Die im Dunkeln kriegt man nicht. Ungeklärte Kriminalfälle nach 1945 konnte erst (1994) posthum erscheinen, da der 30jährige Feldforscher am 22. Mai des Jahres in die Überwelt eingegangen war. An diesem Tag kletterte die Mordkommission in Gehers Wohnung über zwei Erschossene, war doch Gehers etwa gleichaltrige Frau Iris ebenfalls tot. Über sie ist (bei Oswald) lediglich zu erfahren: „Er hatte eine 10 Jahre dauernde Abhängigkeitsbeziehung zu einer süchtigen Frau, die einmal Modell gewesen war, was als unglückliche Liaison unverstanden blieb und Anfang 1994 dennoch in eine geheime Heirat mündete.“ Es fand sich außerdem jede Menge Kokain, dafür fehlte Gehers Computer. Auch eine mutmaßliche Zeugin des Geschehens hatte sich, mit Blutspur, dünn gemacht. Als Tatwaffe wurde eine 38er Smith & Wesson sichergestellt. Während Gehers Vater an einen Mord durch Personen glaubte, die von Seiten seines Sohnes Enthüllungen zu befürchten hatten, schloß die Mordkommission schließlich Fremdeinwirkung aus und erkannte auf „Gattenmord mit Anschlußsuizid im Affekt“. Der Affekt hatte Gehers an der Wand hängende Doktorurkunde eingeschlossen, denn auch in dieser saß eine Kugel.



8 - Friedrich Theodor Fröhlich (1803–36), schweizer Komponist und vermutlich Nichtschwimmer.

Mit Ferdinand Raimund (1790–1836) teilte Fröhlich womöglich nicht mehr als das Todesjahr und die Alpen. Der Wiener Schauspieler und Dramatiker war nämlich durchaus erfolgreich, nur genügten ihm seine Erfolge nie. Als Schürzenjäger etwa betörte und band er eine Reihe von Damen, wurde jedesmal rasch eifersüchtig und streckenweise rabiat – und beklagte einmal mehr die Zertrümmerung seines Ideals von Liebe durch die schnöde Wirklichkeit. Auch als Hypochonder hatte er große Erfolge, wie seine häufigen Leiden an den eingebildeten Gefahren oder Krankheiten und nicht zuletzt sein bühnenreifes Ende bewiesen. Vor allem aber grämte sich der von Natur aus schwermütige Künstler darüber, immer nur in komischen Rollen oder mit Komödien zu gefallen, wäre er doch viel lieber Tragöde gewesen. Mehrere Stücke Raimunds, voran Der Bauer als Millionär, uraufgeführt 1826, und Der Alpenkönig und der Menschenfeind, 1828, rissen die Massen von ihren Sitzen. Für Egon Friedell* wurzelte der Landsmann und Berufskollege im Barock. „Sein Feenreich ist aus Zuckerguß und Terracotta, erinnert an die billigen Waren, die die italienischen Figurinihändler in seiner Vaterstadt feilboten, und an die süßen glitzernden Kunstwerke des Konditorgewerbes, dem er in seiner Jugend oblag, rührt aber gleichwohl durch eine bestrickende Vorstadtnaivität; und seine charakterkomischen Schöpfungen, gesteigerte und verklärte Typen seines Heimatbodens, Volkshelden aus einer Art Wiener Walhall, sind unübertrefflich.“

Ab 1834 zieht sich der mehr oder weniger lebensmüde Künstler weitgehend auf seinen Landsitz in Gutenstein bei Wien zurück. Seine Unzufriedenheit schlägt in Verbitterung um, weil er mitansehen muß, die Konkurrenz (Nestroy!) überrundet ihn. Dann kommt der angebliche „Hundebiß“, so die Formel in fast sämtlichen Quellen. Man muß dazu wissen, Hasenfuß Raimund hatte zeitlebens eine spezielle Furcht vor Tollwut genährt. Hut ab vor seinem Mut, wenn er trotzdem einen Hofhund hielt. Allerdings wurde Raimunds Hand Ende August 1836 laut Constantin von Wurzbach** vom Hund nicht mehr als „geritzt“. Nach einer kurzen Reise zurückgekehrt, erfuhr der Hausherr jedoch, der Hund habe ein Mädchen gebissen und sei, der Tollwut verdächtig, erschossen worden. Das Tier habe außerdem die „Verwüstungen“ im Garten angerichtet, die Raimund erblicken mußte – oder erblicken wollte. Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: er stand dem Tod auf der Schippe! Er jagte sofort nach Wien zum Arzt, mußte freilich, da keine Kutsche aufzutreiben war, in Pottenstein übernachten. Dort, im Gasthof, überwältigte ihn die Angst vor einem Leben in Tollwut. Als seine Gefährtin Toni, die ihn begleitete, einmal um ein Glas Wasser aus dem Zimmer ging, schoß sich der 46jährige mit seiner Pistole, die er stets mit sich führte, in den Mund. Allerdings hatte er diesen Schuß schlecht gesetzt. Deshalb hieß es noch für rund eine Woche dahinsiechen, ehe ihn der Tod von aller Hypochondrie erlöste.

Da hätte man sich gewünscht, die etwa gleichaltrige Diva Edith Piaf hätte sich 1958*** einem Reporter gegenüber die Bemerkung verkniffen: „Falls ich eines Tages nicht mehr in der Lage sein sollte zu singen, erschieße ich mich einfach, glaube ich.“ Zum Glück ließ sie es nicht darauf ankommen; sie erlag fünf Jahre darauf, mit 47, dem Krebs und noch ein paar anderen Krankheiten. Allen Leuten, die eher selten in den Unterweltkreisen Robert Gehers verkehren, dürfte es bereits schwerfallen, an Schießunterricht und an eine geeignete Waffe zu kommen.**** Hält man sich aber eine solche, ist die Gefahr, sie schon Monate oder Jahre vor dem eigenen Selbstmord, ob kaltblütig oder tollwütig, auf jemanden anders zu richten, nicht eben gering. Oder verfrüht auf sich selbst, sodaß man sich, wenn nicht der Chance auf ein Wunder, doch um Jahre des Haderns, des Zweifelns oder des Hoffens beraubt. „Gelegenheit macht Diebe.“

* Kulturgeschichte der Neuzeit, um 1930, einbändige Sonderausgabe München 1974, S. 990
** Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Band 24, Wien 1872, S. 258
*** Jens Rosteck: Édith Piaf, Berlin 2013, S. 307
**** Siehe gar weiter unten, im Artikel 19, den Fehlschuß des alten Militärs Ferdinand von Saar




9 - Alexander Puschkin (1799–1837). Was ich schon andernorts zu Morden und Unfällen sagte, gilt ersichtlich auch für Selbstmorde. Sie finden oft in einer ausgedehnten Grauzone statt, die es schwer macht zu entscheiden, was nun eigentlich vorliegt. So leisten sich bekanntlich viele Menschen Nahrungsmittel, Süchte, Berufe, Liebesbeziehungen, Autos und andere Wagnisse, die ziemlich garantiert zu ihrem verfrühtem Ende führen. In meinem Unfall-Lexikon, unter >Gehlen, kommt etwa der 1810 verendete Physiker Johann Wilhelm Ritter vor, der mit einer gewissen Besessenheit galvanischen Selbstversuchen (mit elektrischen Strömen) frönte. In diese Grauzone gehört sicherlich auch das bis 1900 besonders im neuzeitlichen Europa unter Männern gehobener Klasse beliebte Duell. Ich werde es in dieser Arbeit nur mit zwei prominenten Vertretern streifen.

Puschkin wird in den maßgeblichen Nachschlagewerken zumeist als der russische Nationaldichter geführt. Er stammte aus blaublütigen und betuchten Kreisen und blieb auch in ihnen, was sich nicht zuletzt, wenn auch tödlich, durch ein Duell bewies, bei dem sich der 37jährige Anfang 1837 in Sankt Petersburg einen Bauchschuß einfing, der ihm zwei Tage später das Lebenslicht ausblies. Wie sich versteht, war es um eine Frau gegangen: Natalja, geboren 1812. Es war die von Puschkin. Ein Geck namens Georges-Charles de Heeckeren d'Anthès, von Beruf Gardeoffizier, hatte Nataljas Schwester Katharina Gontscharowa geheiratet, machte aber gleichwohl weiterhin Frau Puschkin den Hof, die als schönste Frau der damaligen Hauptstadt des Zarenreiches galt. Da blieben, in solchen Kreisen, die Gerüchte über Tändeleien bis hin zum Ehebruch nicht lange aus. Als Herr Puschkin dem Adoptivvater seines angeblichen Nebenbuhlers einen beleidigenden Brief schickte, sah sich Heeckeren gezwungen, den Verfasser zum Duell zu fordern. Allerdings ist diese Version der Angelegenheit umstritten; manche ForscherInnen neigen sogar zu der Ansicht, der „Nationaldichter“ sei hier träumenden Auges in eine Falle gelaufen, also einer Intrige oder gar einer Verschwörung aufgesessen. Immerhin hatte Puschkin unter ständiger Beobachtung der zaristischen Geheimpolizei gestanden, weil er als unbequem galt. Außerdem war er stark verschuldet, was wiederum Selbstmordtheorien entgegenkam.

Die russische Autorin Natalja Baranskaja, die 1977 in einer Zeitschrift die Novelle Ein Kleid für Frau Puschkin veröffentlichte, hat sich gehütet, sich in diesen Streit einzumischen, zumal ihr der Nationaldichter nicht sonderlich am Herzen liegt. Ihr Text kreist um ihre nunmehr verwitwete Namensschwester und steht dieser an Liebreiz sicherlich kaum nach. Von Hause aus eher ängstlich, sieht sich die ätherische Person mit der Wespentaille eigenen und fremden Schuldvorwürfen ausgesetzt. Sie wird hier aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beobachtet, so von einer nicht von Bosheit freien Freundin, ferner von Geschwistern, Eltern, Dienern, schließlich auch mit ihren eigenen Augen. Durch Baranskajas behutsame, gleichwohl unbestechliche Sprache entsteht dabei ein anschauliches Porträt sowohl der gebeutelten Witwe wie der damaligen „besseren“ russischen Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts. Dabei ist das Porträt der Witwe, wie sich versteht, nicht weniger erfunden wie Ivan Makarovs betörendes Gemälde von 1849.

Der studierte Philosoph, Rechtsbeistand einer Gräfin und „Gründervater“ der deutschen Sozialdemokratie Ferdinand Lassalle (1825–64) wurde selber nicht alt, weil er, nach revolutionären Anfängen um 1848 im Verein mit Marxens Neuer Rheinischer Zeitung, bieder, eitel und hitzköpfig genug war, sich im August 1864 seiner Flamme Helene von Dönniges zuliebe in einer Genfer Vorstadt mit deren störrischem Erzeuger auf Pistole zu duellieren. Der 50jährige Diplomat Wilhelm von Dönniges war freilich so klug oder abgefeimt, sich beim eigentlichen Waffengang vom Ex-Bräutigam seiner Tochter vertreten zu lassen, dem rumänischen Bojaren Janko von Racowicza. Prompt schoß der feurige Baron vom Balkan den Präsidenten des erst im Vorjahr gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) empfindlich in den Bauch. Drei Tage später erlag Lasalle seiner Verwundung vom Felde der Liebe. Seine AnhängerInnen begruben den redegewandten 39jährigen Arbeiterführer auf dem Alten Jüdischen Friedhof zu Breslau und riefen ihm auf dem Grabstein nach: „Hier ruhet, was sterblich ist, von Ferdinand Lassalle, dem Denker und Kämpfer.“



10 - Nourrit, Adolphe (18o2–39), französischer Tenor, den ich kürzlich als Unfallopfer eingeordnet habe, obwohl ein Selbstmord wahrscheinlicher ist.



11 - Frederik Dreier (1827–53). Das Schicksal, einen Vater zu haben, ist ohnehin schon schlimm, aber Dreiers Vater, ein Kopenhagener Hofgerichtsrat, war eine besonders harte Nuß. Dessen „Melancholie“ steigerte sich im Laufe von Dreiers Kindheit zu religiösem und Verfolgungswahn, sodaß man ihn 1840 pensionieren, 1847 in die geschlossene Schleswiger Heilanstalt einliefern mußte. Zu diesem Zeitpunkt war Dreier junior um 20. Vielleicht hatte er sich ja in erster Linie aufgrund der „Psychose“ seines Erzeugers zu einem Medizinstudium entschlossen. Daneben legte er sich allerdings eine breitgestreute Bildung zu, durch die er imstande war, ein vergleichsweise umfangreiches philosophisch-politisches Werk zu schaffen. Auch dieses fungierte wahrscheinlich vordringlich als Bollwerk gegen die Gefahr, verrückt oder sonstwie krank zu werden. Es half nur begrenzt.

Dreiers Gedankenwelt war atheistisch, materialistisch, rational gegründet. Er zehrte vor allem von Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer, Max Stirner, Pierre Joseph Proudhon. Der bäuerlich-provinziellen dänischen Wirklichkeit war er mit seinen Vorstellungen weit voraus – und entsprechend stieß er bei Kollegen und Lesern auf Ablehnung, wenn nicht gar Nichtbeachtung. Nur der angesehene Kritiker Georg Brandes erkannte, Dreier sei ihnen allen „um Kopfeslänge“ überlegen. Später wurde Dreier als „Dänemarks erster Sozialist“ bezeichnet, wovon er selber freilich nichts mehr hatte. Nach einem Einsatz als Sanitäter im Bürgerkrieg 1848/49 bestand er im Frühjahr 1853 die ersten Zwischenprüfungen an der medizinischen Fakultät. Wenige Wochen später, im Mai, war der 25jährige designierte Arzt tot. Warum, scheint ungeklärt zu sein. Einige dänische Quellen bieten übereinstimmend „Schlaganfall oder Selbstmord“ an. Dem Dansk Biografisk Leksikon, Ausgabe 1979–84, zufolge litt Dreier seit etlichen Jahren an einer „nie diagnostizierten“ Krankheit, zuletzt außerdem am Bruch mit seiner Geliebten Ida Ekeroth, Tochter eines Goldschmiedes. Mit ihr hatte er sogar einen Sohn. Meine zahlreichen des Dänischen mächtigen LeserInnen verweise ich auf Svend Erik Stybes Buch Frederik Dreier von 1959, in dem vermutlich Näheres steht.

Ein wahrscheinlich im Todesjahr Dreiers entstandenes Gemälde von Carl Fiebig zeigt den jungen Denker zwar mit rötlichem Vollbart, jedoch zarten Gesichtszügen, allerdings auch mit einer leichten Hakennase. Brandes dürfte noch andere Gründe besessen haben, wenn er einmal von „dem einen wilden Vogel mit dem scharfen Schnabel“ sprach. Laut Niels Finn Christiansen* hatte sich Dreier auch unmißverständlich und unter den gegebenen Umständen einzigartig gegen den überall wuchernden Nationalismus gewandt. Bekanntlich hatte dieser nicht zuletzt den erwähnten Bürgerkrieg befeuert, dänische gegen deutsche Fraktion. In Dreiers 1848 veröffentlichter Schrift Folkenes Fremtid (Die Zukunft der Völker) sei zu lesen: „Dem Vaterland zuliebe opfert der gute Bürger mit Freuden alles, selbst das Leben; z. B. wenn die Gefahr herrscht, daß ein Teil der Menschen nicht länger dem Vaterland angehören will, sein Land nicht mehr nach dem Namen des Vaterlandes nennen will, dann sollten sich lieber alle Bürger totschlagen lassen, als daß dem Vaterland solche Schmach widerfahre. Das sind sonderbare Grillen.“ Dreier hielt den „Patrioten“ die allgemeinen, viel wichtigeren Werte entgegen, die alle Menschen, zumindest alle freiheitsliebenden und antiautoritär gestimmten, ungeachtet ihrer „Nationalität“ teilen. Die Ideologie des „heiligen Wettbewerbs“ als einzig möglicher Triebfeder menschlicher Tätigkeit zählte er ausdrücklich nicht dazu. „Wir kennen eine andere“, soll er im selben Jahr in einer Schrift über Volkserziehung versichert haben, „nämlich das Interesse an der Tätigkeit an sich, die Freude an der Arbeit.“

* „Das kommunistische Gespenst – die dänische Linke und 1848“, in: Nordeuropa-Forum Nr. 2/1998, S. 49–63



12 - Robert FitzRoy (1805–65). Hier sind wieder zwei Rasiermesser-Fälle. FitzRoy, Marineoffizier und Naturwissenschaftler, zeitweise auch Gouverneur von Neuseeland, war ein gottesfürchtiger und staatsfrommer Brite von Adel, dabei sogar ein Neffe des bereits weiter oben gewürdigten Lord Castlereaghs. Womöglich lag die Neigung zum Vergießen nicht nur fremden Blutes in der Familie. FitzRoy war ein unausgeglichener Mann, sowohl zum Verzagen wie zum Aufbrausen gut. Er ist vor allem als Kapitän Darwins bei der berühmten Forschungsreise auf der HMS Beagle (1831–36) bekannt – und eben durch das unromantische Ende, das sich der in zweiter Ehe verheiratete zweifache Vater rund 30 Jahre später in seinem Haus im Londoner Süden als 59jähriger bereitete. Adrian Desmond und James Moore schildern es in ihrer Darwin-Biografie von 1991 (deutsche Ausgabe Reinbek 1994, S. 599) mit wenigen Sätzen recht farbig und wahrscheinlich auch erschöpfend.
FitzRoy, im Meteorologischen Amt unter Druck geraten, wegen seiner Wettervorhersagen verspottet, war wieder einmal dem Trübsinn verfallen. Darwin hatte das auf der Beagle erlebt, die Anfälle von Jähzorn, den psychischen Zusammenbruch. Alles, so mußte es FitzRoy vorkommen, hatte sich gegen ihn verschworen: Er war übergangen worden, Sulivan, sein Untergebener, hatte den ersehnten Posten als Chief Naval Officer im Marineministerium eingenommen. Er brütete über [Darwins nicht bibeltreuem Werk] Origin of Species, wurde von Depressionen heimgesucht und überarbeitete sich; als ihn seine Gesundheit im Stich ließ und sein Gehör versagte, fiel er seiner eigenen Raserei zum Opfer. Am Sonntag, dem 30. April [1865], schnitt er sich in einem Anfall von Verzweiflung im Badezimmer die Kehle durch.
Der österreichische Maler und Schriftsteller Adalbert Stifter (1805–68) war auf beiden Gebieten vornehmlich Landschafter. Dabei zog er dem Ungewöhnlichen oder auch nur Lautstarken erklärtermaßen das Unscheinbare vor. Wäre er damals nicht erst 12 gewesen, hätte er den Tod seines Vaters Johann trotzdem nicht gemalt. Der böhmische Leinweber und Flachshändler geriet am 30. November 1817 bei Windstille unfallweise auf einer Schotterstraße bei Wels in Oberösterreich unter sein mit Flachs beladenes Pferdefuhrwerk, sodaß er erschlagen wurde oder erstickte. Der Wagen war umgekippt. Warum, ob zum Beispiel die Pferde scheuten, etwa wegen Eisglätte oder Schneeballbeschuß, ist bei den spärlichen zeitgenössischen Angaben nicht mehr zu klären. Das war also schon einmal ein schlecht Start für den Knaben Adalbert. Immerhin durfte er sich bilden und eine Hochschule besuchen. Später, als Gatte der Amalia Mohaupt, einer recht verwöhnten Offizierstochter und Modistin, hätte Stifter selber gerne Kinder gehabt. Als dies aus mir unbekannten Gründen nicht klappt, nimmt das Ehepaar eine angeblich halb verwilderte Nichte Amalias auf, die 1841 in Ungarn geborene Juliane, sechs Jahre alt. Sie reißt aber dauernd aus und macht ihren Gönnern nur Sorgen. 1859, inzwischen 18, ist sie schon vier Wochen überfällig. Dann wird die „Zigeunerin“ tot am Donauufer gefunden, wohl ertrunken. Nach etlichen Quellen ist auch dieser traurige Vorfall ungeklärt, wobei sich hier noch der Verdacht auf Selbstmord zum Geschehen gesellt. Stifter hatte diesen Verdacht sogar selber, wie der Psychoanalytiker Thomas Ettl aus Frankfurt/Main in einer ausführlichen Betrachtung* belegt, die der eine anregend klug, der andere gewohnt spitzfindig und abenteuerlich nennen wird. Möglicherweise traf Stifter, der auch Pädagoge war, keine Schuld am Tod der Ziehtochter. Dafür dürfte ihn gleichwohl Schuldgefühl gewürgt haben, hatte er seine „blühende Rose“ Juliane doch ohne Zweifel zumindest mit den Augen verschlungen, die ihn in Julianes Todesjahr mit hartnäckiger Entzündung zu quälen begannen, und ganz gewiß stieg die Angst um seinen guten, biedermeierlichen Ruf in seinem zusehends umfangreicheren Leib auf. Jedenfalls möchte man fast darauf wetten, der Vorfall, der ja auch in Stifters erzählende Prosa einging, habe bis zu seinem eigenen Selbstmord nachgewirkt.

Nach einigen Semestern Jura in Wien hatte sich Stifter, nun dem Kunstschaffen frönend, hauptsächlich zunächst als Hauslehrer, ab 1850 als Beamter, nämlich Schulrat in Linz, Oberösterreich, ernährt. Seine Werke fanden durchaus Anerkennung, warfen aber nicht die Einkünfte ab, die ein liberal gestimmter kultivierter Bürger und dessen mitunter sogar als verschwendungssüchtig bezeichnete Gattin wie selbstverständlich für unabdingbar hielten. Ganz stark war Stifter insbesondere auf dem Gebiet der Eß- und Trinkkultur. Liest man, was er allein an einem gewöhnlich aus sechs Mahlzeiten bestehenden Tage vertilgte, etwa an Schnitzeln mit Kartoffelsalat, Forellen und gebratenen Enten, möchte man dem dickwangigen Beamten, der 1865 vor allem aus gesundheitlichen Gründen als „Hofrat“ in Pension geschickt wurde, am liebsten ein Rudel abgemagerter und zerlumpter Landarbeiterkinder aus Böhmen oder Ungarn auf den nicht gerade zierlichen Hals schicken. Wen wundert es, wenn der dicke Dichter des Unscheinbaren aus allen hier angedeuteten Gründen zusammengenommen immer kränker geworden war und sowohl körperlich wie seelisch entsprechend viel zu leiden hatte. Als sich zu seiner zermürbten Leber noch ein Grippevirus gesellte, hielt es der 62jährige nicht mehr aus und brachte sich am 26. Januar 1868 auf dem Krankenlager mit einem Rasiermesser eine Wunde an der Halsschlagader bei. Er starb zwei Tage darauf, ohne noch einmal zu Bewußtsein zu kommen. Der witzig benamte Hausarzt des Säufers, Carl Essenwein, schrieb „Zehrfieber infolge chronischer Leberatrophie“ in den Totenschein, wofür er wahrscheinlich** zwei Gründe hatte: Erstens wäre Stifters Tod vermutlich auch ohne den nicht gerade mörderischen Schnitt in Kürze eingetreten; zweitens bestand in Linz die ungeschriebene Übereinkunft, Selbstmorde prominenter und katholischer Mitbürger sowieso nach Kräften zu vertuschen.

* „Die Juliana und der Stifter-Bertl“, 2014
** Elisabeth Buxbaum (Hrsg): Adalbert Stifter: Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben [1844], Wien 2005, Kommentar S. 346–49




13 - Adam Lindsay Gordon (1833–70), australischer Reitsportler und Schriftsteller, verfaßte vor allem Lyrik. Für den Brockhaus (Band 8 von 1989) zeigt sie neben volkstümlich-balladenhaften Zügen eine Neigung zur „viktorianischen Melancholie“. Gordons Selbstmord ging am Brockhaus vorbei. Obwohl er oft als Draufgänger erschien, dürfte der hochgewachsene und gutaussehende Schotte im Kern ungefestigt gewesen sein. Als Zögling der Royal Grammar School in Worcester, Mittelengland, hatte er nur Pferde und Unfug im Kopf, die seinem Erzeuger, einem schottischen Offizier, empfindlich auf die Nerven und aufs Bankkonto gingen. 1852 verbannte dieser den Sprößling nach Australien zur Berittenen Polizei. Das war wenig geeignet, Gordon die Unrast zu nehmen. Drei Jahre später zieht er als Viehtreiber, Zureiter und Pferdetrainer durch den Kontinent. Dabei trifft er allerdings den katholischen Missionar und Naturforscher Julian Tenison-Woods, der ihn zum Schreiben ermutigt. 1862, mit 29, heiratet Gordon die 17jährige Schottin Maggie Park. Sie reitet vorzüglich, während sie seinen Versen, die er nun erstmals veröffentlicht, wenig abgewinnen kann. Tatsächlich erzielen sie kaum ein Echo. Kurz zuvor hat Gordon seine Mutter beerbt und die beträchtliche Summe in einen Rennstall gesteckt. Nun erobert er sich den Ruf, Australiens bester Hindernisreiter zu sein. Im Juli 1865 unterstreicht er seine Tollkühnheit durch einen Sprung mit dem Pferd über einen alten Zaun, der einen schmalen Felssims oberhalb des Blue Lakes quert, einem Kratersee nahe der südaustralischen Stadt Mount Gambier. Daran erinnerten Bewunderer nach seinem Tode durch Errichtung eines alle Karpfen vertreibenden Obelisk.

Bei seinen geschäftlichen Vorstößen, darunter in großangelegter Schafzucht, macht Gordon viel Bruch. Vorübergehend auch Mitglied des südaustralischen Parlaments in Victoria, zieht er sich 1867 nach Mount Gambier zurück, um sich nur noch dem Schreiben und allenfalls dem Pferdetraining zu widmen. Doch er trinkt, spielt, prallt auf dem eigenen Hof dank eines unwilligen Pferdes mit seinem Kopf gegen einen Pfosten, hat den Tod seiner noch nicht einjährigen Tochter Annie zu beklagen, kommt von seinen Schulden nicht los. Dafür lebt er von seiner Gemahlin streckenweise getrennt. Im März 1870 stürzt er bei einem Hindernisrennen in Flemington und zieht sich erneut Kopfverletzungen zu. Er konnte es nicht lassen. Inzwischen wohnt der 36jährige mit Maggi nahe Melbourne im Küstenort Brighton. Im Juni ereilt ihn die Nachricht, seine Erbansprüche auf ein familiäres Anwesen in Schottland seien abgeschmettert worden. Zwar wird im selben Monat sein dritter Gedichtband Bush Ballads and Galloping Rhymes gedruckt, doch einen Tag nach dessen Erscheinen begibt er sich, Leonie Kramer zufolge*, mit seiner Flinte zum Strand und erschießt sich.

Wahrscheinlich hätte Gordon kaum die Druckkosten des genannten Werkes begleichen können, das heute zum Kanon australischer Lyrik zählt. So brachten ihn sicherlich auch seine Mißerfolge als Reiter des Pegasus zu Fall. Auf dem Sockel einer 1932 in Melbourne aufgestellten Bronze, die Gordon als Reiter eines Biedermeierstuhles zeigt, sollen seine Verse zu lesen sein: „Life is mainly froth and bubble / Two things stand like stone / Kindness in another’s trouble / Courage in your own.“ (Das Leben ist vor allem Schaum und Blase / Zwei Dinge stehen wie Stein / Güte gegenüber fremden Sorgen / Tapferkeit angesichts der eigenen.)

Von den tapferen Taten des Moralpoeten haben wir ja gehört; von seinen gütigen ist leider nirgends etwas zu lesen. Ihn zu bedauern, dürfte unangebracht sein. Zu vieles riecht danach, er sei nur die australische Ausgabe des Wildwest-Helden gewesen.

Zu den Nachfolgern, vielleicht auch Epigonen Gordons – was er vielleicht bei längerer Lebenszeit nicht geblieben wäre – zählen die Lexika den aus New South Wales stammenden Landvermesser und Farmarbeiter Barcroft Henry Thomas Boake (1866–92). Laut Cecil Hadgraft (1969) neigte er schon als Kind zur Schwermut. Seine Verse wurden im wesentlichen erst posthum veröffentlicht. Boake, der auch gern als „stockman“ (cowboy) gearbeitet hatte, erhängte sich 1892 in Sydney mit 26 Jahren an einem Ast – standesgemäß mit Hilfe der Schnur seiner Peitsche. Möglicherweise waren Liebeskummer oder die kontinentweite „Depression“, sprich: Arbeitslosigkeit jener Jahre im Spiel.

* Australian Dictionary of Biography, Band 4, 1972



14 - Baptist S. (um 1870). Ich nehme stark an, seine Geschichte ist nur dank Bernt Engelmann* auf uns gekommen, der sie wiederum einer zeitgenössischen „katholischen Kirchenzeitung des Bistum Triers“ entnommen hat. Es gehe dabei um die Folgen, die die bloße Lektüre von nur einem Marx-Artikel für einen jungen Mann „aus gutem Hause, einzigen Sohn und Ernährer der Stellmacherswitwe S.“, nach sich gezogen habe. Wahrscheinlich trug sich die Geschichte um 1870 zu, demnach vor dem Erlaß des berüchtigten Sozialistengesetzes, das die Lage solcher Irregeleiteter noch verschärfte.

Von einer Familienfeier in Luxemburg per Eisenbahn nach seinem Heimatort Neunkirchen/Saar unterwegs, wird Baptist von einem ihm unbekannten „besseren Herren“ gebeten, ein Paket mitzunehmen, das dort von seiner Nichte am Bahnhof erwartet werde. Baptist willigt ein und muß, ob aus Fahrlässigkeit oder Neugier, während der Weiterfahrt entdecken: das Paket enthält ketzerisches Schrifttum, nämlich einen Stoß des Blattes Social-Demokrat (das 1872 seinen Titel änderte). So läßt er das Paket lieber im Abteil liegen, wenn es sich der Handlungsgehilfe aus dem Kontor der Stumm'schen Eisenwerke auch nicht verkneifen kann, ein Exemplar zu entwenden und kurz darauf „in einer dunklen Ecke“ eines Neunkircher Gasthauses zu studieren, wobei er sich in einem Beitrag des schon damals „bekannten Revolutionärs Dr. Karl Marx“ verfängt. Doch dabei ertappt ihn ein aufmerksamer Postbeamte, der sich gerade seinen sonntäglichen Frühschoppen hinter den Stehkragen gießt. Als ihm der von Angst geschüttelte Baptist 20 Mark Schweigegeld anbietet, geht der brave Beamte zum Schein darauf ein, am nächsten Morgen jedoch zur Polizei. So gerät Baptist in die Mühlen von Staat und Kapital. In der Eisenhütte wird er noch am selben Tage fristlos entlassen, vor dem Werkstor aber von kaiserlich-bismarckschen Pickelhäubigen verhaftet – wegen Verbreitung staatsgefährdender Schriften, versuchter Beamtenbestechung, Verdachts auf Unterschlagung und Geheimbündelei. Was die Personalabteilung der Hütte sofort unterschlägt, ist Baptists Lohn für den ganzen, fast vollendeten Monat. Zudem muß er beim Verhör auf der Wache erfahren, seine Mutter sei noch am selben Tage aus ihrer gemeinsam benutzten Werkswohnung geworfen worden. Darauf erhängt sich der Sohn des nachts in seiner Zelle. Damit verging er sich, nach seinem Frevel an der Ordnung des kaiserlichen Klassenstaates, auch noch an Gott, wie das Kirchenblatt aus Marxens Geburtsstadt meinte – und auch das lastete es dem von Baptist inhalierten sozialistischen Gedankengut an.

Nicht ganz ohne Beistand der Hüttenwerksindustrie, wie man zugeben muß, legte sich Neunkirchen, damals offiziell noch keine Stadt, ab 1907 ein Straßenbahnnetz zu. Prunkstück wurde eine Teilstrecke am Hüttenberg: mit 11 Prozent Steigung die steilste Straßenbahnstrecke in Deutschland. Rund 70 Jahre später forderte jedoch die Gummi-, Öl- und Verbrennungsmotorenindustrie ihr Recht: Umstellung auf Omnibusbetrieb. Das Neunkircher Eisenwerk war in der Senke am Fuß des Hüttenbergs angelegt und im März 1806 vom steinreichen Eisenmagnaten-Clan Stumm übernommen worden. Die Gebrüder Stumm steigerten die Belegschaft bis 1890 von rund 200 auf rund 6.000 Beschäftigte und verwandelten das Unternehmen in der Senke in eine Säule deutscher Stahl- und Rüstungsproduktion. Um 1960, nach zwei einträglichen Weltkriegen, zählte die Belegschaft um 9.000 Köpfe. In den folgenden zwei Jahrzehnten auf 1.900 geschrumpft, wurde die Hütte 1982 geschlossen. Der einzige, der aufatmete, war der Himmel über den Hochöfen und der gesamten Senke. Das Gelände gehört heute der Saarstahl AG. Ähnlich machten auch die an Marx, Stalin oder Mao orientierten Läden dicht, deren Abgesandte sich noch um 1970, hundert Jahre nach Baptist S., vor den Werkstoren die Beine in den Bauch gestanden hatten, um die Nachfolgeblätter des Social-Demokrat an den Proletarier zu bringen.

* Wir Untertanen, TB-Ausgabe Ffm 1977, S. 285



15 - Philipp Mainländer (1841–76), angeblicher Philosoph aus Offenbach am Main. Der Autor Stefan Großmann erwähnt ihn in seinen lesenswerten Erinnerungen als starken Eindruck seiner um 1890 in Wien verbrachten Jugend. Mainländer habe sich „einen Schüler Schopenhauers genannt, weil er sich vom Pessimismus des großen Frankfurters ergriffen fühlte. Aber es lag ein Werther-Element in Mainländers wehleidiger Philosophie der Erlösung.“ Wahrscheinlich läßt sich der junge, nicht gerade bescheidene Nihelist auch gut als Vorläufer von Otto Weininger auffassen, den wir noch kennenlernen werden. Weltall und „Nichts“ muß er wie seine Westentasche gekannt haben, sei doch der Aufenthalt in ihnen unbedingt dem „Sein“ vorzuziehen, das nichts als Leiden bedeute. Der Weg zu ihnen ist allerdings entsagungsvoll; „im Taumel der Wollust wird die Erlösung verscherzt“.

Mainländer stammte aus einer Fabrikantenfamilie, in der ein düsteres Klima geherrscht haben soll, Selbstmordfälle eingeschlossen. Für die Literatur erwärmte er sich als Handelsschüler in Dresden, wo ihm der erheblich ältere Dramatiker Karl Gutzkow begegnete. Mit 17 hatte er eine unglückliche Liebe. Nach seiner Kaufmännischen Lehre pochte er auf Militärdienst, obwohl sein Vater bereit war, ihn freizukaufen. Der Sprößling war Patriot und schätzte Kasernendrill.* Im Herbst 1875 kam er allerdings wegen starken Ermüdungserscheinungen um seinen vorzeitigen Abschied ein und kehrte von den Halberstädter Kürassieren nach Offenbach zurück. Zu diesem Zeitpunkt kündigte sich bereits sein Zusammenbruch an. Er begegnet dieser Drohung zunächst mit einem wahren Schaffensrausch, in dem er sein dickleibiges „Hauptwerk“, eben Die Philosophie der Erlösung vollendet, außerdem Memoiren und die Novelle Rupertine del Fino verfaßt. In den Memoiren des „Untergangsmessias“ ist laut Hoell zu lesen: „Wir sind keine Alltagsmenschen und müssen teuer bezahlen, daß wir an der Tafel der Götter speisen.“ Nach Walther Rauschenberger** verfiel Mainländer damals endgültig dem Größenwahn und fühlte sich, seiner Herkunft zum Trotz, als Messias der Sozialdemokratie. Als sich der 34jährige am 1. April 1876 erhängte, war es insofern nicht ganz humorlos, als ihm ein Stapel seiner erst am Vortage eingetroffenen druckfrischen Belegexemplare seines Hauptwerkes, wie man feststellte, als Podest gedient hatte. Der Stapel war dann umgefallen. Der Erhängte findet sich unter anderem in Ludger Lütkehaus' 1999 veröffentlichten Studie Nichts aufgehoben, die seinerzeit einigen Staub aufwirbelte. Mainländer hat, wie alle großsprecherischen Märtyrer, eine kleine verschworene Fan-Gemeinde. Über seine sprachlichen Fertigkeiten konnte ich allerdings wenig in Erfahrung bringen. Diese das Wie betreffende Mangelkrankheit beherrscht bis zur Stunde 95 von 100 Betrachtungen über Literaten: sie widmen sich nur dem Was.

Der österreichische Komponist Hans Rott (1858–84) starb offiziell an Tuberkulose – mit 25 in der Wiener Landesirrenanstalt, nachdem er, so Uwe Harten in der NDB 2005, mehrere Selbstmordversuche hinter sich hatte. Der Fall riecht also faul.

* Joachim Hoell in die horen, Nr. 191, 1998
** „Aus der letzten Lebenszeit Philipp Mainländers“, in Süddeutsche Monatshefte 9, 1911/12, S. 117–31




16 - Friedrich Seltsam (1844–87). Der fränkische Gas- und Leimfabrikant schoß sich in seiner furchtbaren, 1881 errichteten Forchheimer Villa (bei Nürnberg) wegen drohendem Ruin und vielleicht auch des anhaltenden Widerstands gegen seine industrielle „Stinke“ mit 43 Jahren eine Ladung Schrot in den Kopf. Ob er auch Jäger war, ist nicht zu ermitteln. Als Fabrikant stellte er mit streckenweise über 100 Leuten Knochenleim her: daher der Gestank. Seltsam hielt verschiedene Patente und führte Neuerungen in der Produktion auch dann ein, wenn sie die Gefahr von Arbeitsunfällen erhöhten.* Im Lauf der 80er Jahre übernimmt er sich, macht Verluste, sieht sich vom Konkurs bedroht und greift zur Flinte. Dem oben verlinkten Portal zufolge** galt Seltsam als mildtätig und verschwenderisch zugleich. Fürs gesunde Volksempfinden befremdete der Verwerter von Tierkadavern, vom Gestank einmal abgesehen, vor allem durch zwei Züge: er hielt die Fahne einer vegetarischen Lebensweise hoch und nannte sich „konfessionslos“, obwohl er der Evangelischen Kirche angehörte. Nach seinem blutigen Abtritt habe die restliche Familie umgehend die Stadt verlassen.

Der süddeutsche Tischler Louis Lingg (1864–87), zuletzt Redakteur der Chicagoer Zeitschrift Der Anarchist, zählte zur anderen Seite. Er war erst zwei Jahre vor seinem Tod (der ihn mit 23 Jahren ereilte) als Wehrdienstflüchtiger in die Staaten ausgewandert. Nach den berüchtigten Chicagoer Mai-Unruhen von 1886, bei denen eine sehr wahrscheinlich provokativ gezündete Bombe auf dem Haymarket-Square etliche Todesopfer forderte, wurde er mit sieben anderen angeblichen „Rädelsführern“ verhaftet und beweislos zum Erhängen verurteilt. Diesen Riesen-US-Justizskandal habe ich in meiner Arbeit über Mordopfer gestreift, Kapitel 57. Vom blutjungen Lingg wird dort lediglich berichtet, er habe sich, am 10. November 1887, „angeblich“ in seiner Zelle umgebracht, bevor man anderntags seine Genossen aufknüpfte. Die unkritische Sicht, „Selbstmord“, wird in 9 von 10 Quellen eingenommen, darunter die 1931 veröffentlichten Erinnerungen*** der Anarchistin Emma Goldman. In Wahrheit ist auch diese Angelegenheit ungeklärt. Für den langjährigen süddeutschen DGB-Sekretär Harry M. Siegert****, inzwischen Publizist, kam Lingg „unter mysteriösen Umständen“ ums Leben. Er sei durch eine als Zigarre getarnte Dynamitkapsel gestorben. „Wie, und durch wen diese 'Zigarre' in seine Zelle kam, konnte nie festgestellt werden. Die Explosion zerriss sein Gesicht und Louis Lingg starb nach langen Stunden qualvollen Leidens.“

Normalerweise läge hier ein Mordanschlag in der Luft – aber einen Tag vor der amtlichen Hinrichtung ..? Das wäre reichlich widersinnig. Dasselbe gilt freilich auch für einen Selbstmord. Nimmt man selbst an, Lingg hätte den Wunsch danach gehabt, wäre ihm als Bombenfachmann doch klar gewesen, wie untauglich dazu die Maßnahme sei, eine Zündkapsel zu zerbeißen. Sie ist viel zu unsicher. Der tatsächliche Ausgang der Explosion in Linggs Zelle verdeutlicht das wohl auch. Nun waren (angeblich) schon vorher Bomben oder Bombenteile ins Zuchthaus geschmuggelt und zumindest teilweise in Linggs Zelle entdeckt worden. Das kann eine erneute Provokation, aber auch der Versuch von Genossen gewesen sein, Lingg zum Ausbruch zu verhelfen, schreiben einige Quellen. An diesem Punkt fügt Roger Davies***** noch die interessante Möglichkeit hinzu: da Zünder auf Sprengkapseln „gecrimpt“ (gepreßt) werden müßten, habe Lingg vielleicht versucht, mangels Zange in der Zelle seine Zähne zur Hilfe zu nehmen, ein bekanntes Verfahren.

* Haus der bayerischen Geschichte
** inFranken.de, 7. März 2012
*** Living My Life, in der dts. Ausgabe von 2010 bes. S. 50, 90, 624
**** 2007
***** 5. Oktober 2012




17 - Victoria Benedictsson (1850–88). Sollte Rott von Brahms umgebracht worden sein, siehe oben, dann hießen die Mörder der schwedischen Schriftstellerin Georg und Edvard Brandes – jedenfalls in den Augen einiger Feminstinnen. Der zuerst genannte Bruder war der angesehene dänische Gelehrte und Schriftsteller, den wir bereits bei Frederik Dreier streiften. Die Bonner Dramaturgin Barbara Damm behauptet* allerdings, Benedictssons 1886 veröffentlichter Roman Frau Marianne sei keineswegs nur von dem Starkritiker gerügt worden, der zugleich, für eine kurze brüchige Zeit, ihr Geliebter war. Im übrigen war das Echo auf den Roman durchaus geteilt. Nur den „Progressiven“ im Lande Schweden dünkte er harmlos und sentimental – ein klarer Rückfall, wie sie fanden. Zwei Jahre später war die Autorin tot.

Die Tochter eines verbürgerlichten schonischen Landwirts hatte sich erst mit 30, um 1880, im Gefolge einer langwierigen Beinerkrankung (Reitunfall) aus den Fesseln sowohl ihres freudlos-frommen Elternhauses wie ihres mehr als doppelt so alten Gatten Christian freigestrampelt, der im südschwedischen Hörby Postmeister war und bereits fünf Kinder in die Ehe „eingebracht“ hatte. Sie wäre lieber Malerin geworden. Jetzt aber wurde die zweifache Mutter von ihrer ausgedehnten Bettlektüre zum Schreiben verführt. Darin war sie von einem freigeistigen US-Amerikaner namens Charles de Quillfeldt und ihrem neuen jungen Vertrauten Axel Lundegård, Sohn des örtlichen Pastors, ermutigt worden. Schon ihre erste größere Veröffentlichung, noch unter männlichem Pseudonym vorgenommen, die Sammlung wirklichkeitsnaher Erzählungen aus dem südschwedischen Volksleben Från Skåne (Aus Skåne) von 1884, erntete viel Beifall. Ein Jahr darauf erzielte sie mit dem Roman Pengar (Geld) ihren größten Erfolg. Diese jüngste Prosa spiegelte eben ihren Befreiungskampf wieder – einen weiblichen also. Gleichwohl läßt sich in ihrem Tagebuch der Verdacht lesen, sie sei „womöglich eine Frauenhasserin“. Ein antipatriarchaler Vampir war sie jedenfalls nicht, wie ja dann auch Frau Marianne bekräftigte. Fotos verleiten dazu, auf eine kantige und spröde schonische Bäuerin zu schließen. Nach Übersetzer Johannes Wanner** hängten ihr manche Publizisten den Makel der „frigiden Hysterikerin“ an.

Leider lernt sie in den literarischen Kreisen von Stockholm und Kopenhagen, in die sie nun eintaucht, auch Georg Brandes kennen. Damm stellt ihn als einen „brillianten Herold der neuen Literatur und verheirateten Lebemann“ vor, der sich mit einem Bündel „positivistischer Essays“ in ganz Europa berühmt geschrieben habe. „Obgleich Brandes schriftstellerisch durchaus ebenbürtig, hängt Victoria Benedictsson bald als aufmerksame Schülerin und Geliebte an seinen Lippen.“ Das ist 1886 der Fall. Doch verschiedenen Quellen zufolge nimmt Brandes sie weder als Geliebte noch als Autorin wirklich ernst. Sie ist eine Anregung für ihn, mehr nicht. Die Enttäuschung mit dem „Rückfall“ Frau Marianne kommt hinzu. Brandes' Bruder Edvard, ebenfalls Schriftsteller, hatte in seiner eigenen Kopenhagener Tageszeitung Politiken eine vernichtende Kritik veröffentlicht. „Das Todesurteil über meine Schriftstellerei, vielleicht über mich selbst“, trug Benedictsson dazu in ihr Tagebuch ein. Vermutlich war sie rundum verunsichert, beschämt, gekränkt. Im Januar 1888 unternahm sie einen ersten Selbstmordversuch.

Der Umstand, daß sie sich allerdings auch nicht von Brandes lösen konnte, machte sicherlich einen beträchtlichen Teil ihrer Verstörung aus. Eine Paris-Fahrt aufgrund eines Stipendiums der Schwedischen Akademie half ihr nicht auf die Beine. Selbst ihr Mentor Lundegård wußte keine Mittel mehr gegen ihre Lebensmüdigkeit. Im zweiten Anlauf brachte sich die inzwischen 38jährige Schwedin im Juni 1888 in einem Kopenhagener Hotel um. Angeblich durchtrennte sie ihre Halsschlagader mit einem Rasiermesser. Guardian-Autorin Germaine Greer erinnert (am 26. Juli 2007) an Prud'hons Geliebte Constanze Mayer, siehe oben, und behauptet zudem, man habe Benedictsson in demselben Hotelzimmer aufgefunden, wo Brandes sie dereinst „verführt“ hatte. Der oder die nächste wird uns versichern, auch das Rasiermesser stammte von Brandes.

Im selben Jahr 1888 stürzte sich in Sankt Petersburg der 33jährige Sekretär der Eisenbahnverwaltung und Schriftsteller Wsewolod Michailowitsch Garschin (1855–88) in den Treppenschacht des Hauses, in dem er zusammen mit seiner Frau wohnte, einer Ärztin. Aber in diesem Fall lag wohl kaum ein Ehedrama vor. Wie unter anderem Garschins Übersetzer Friedrich Fiedler in seinem berühmten Tagebuch bezeugt, hatte der Erzähler bereits als Jugendlicher unter Anfällen von Wahnsinn gelitten. Davon zehrte insbesondere Garschins bekannte Novelle Die rote Blume von 1883. Hinzu kamen freilich die Brutalitäten des Krieges und der zaristischen Behörden, die Garschin, auch wenn sie „nur“ Gesinnungsgenossen trafen, so sehr zusetzten, daß er oft in Weinkrämpfe verfiel und kaum noch Schlaf fand. Dabei hatte er als Erzähler bereits einen hohen Ruf genossen. Auch Tschechow verehrte ihn.

* 2005
** 2003




18 - Vincent van Gogh (1853–90). Wahrscheinlich ist es unmöglich, die „Fußgängerzone“ einer beliebigen deutschen Kleinstadt zu durchqueren, ohne von einem Dutzend Reproduktionen seiner Gemälde auf Plakaten, Kalendern und Postkarten behelligt zu werden. Was Wunder, er soll der bekannteste und beliebteste Maler aller Zeiten sein. Wahrscheinlich liebt man vor allem seinen unkonventionellen und mythenträchtigen Werdegang, Armut und weitgehende Verkennung eingeschlossen, und die Preise seiner Bilder, die bis heute, nachdem er einmal tot war (Juli 1890), ziemlich stetig in astronomische Höhen stiegen. Man nimmt zumeist an, der „verrückte“ Maler aus Holland, der zeitweise in einem südfranzösischen Irrenhaus lebte, habe sich mit 37 Jahren eigenhändig erschossen. Die Umstände seines Todes sind ähnlich umstritten wie die Frage, ob sich Van Gogh im Streit mit seinem Kollegen und kurzzeitigen Wohngenossen Paul Gauguin das ganze oder nur das halbe Ohr abgeschnitten habe, wobei gelegentlich sogar Gauguin als der Täter gehandelt wird. Auch darüber sind bereits etliche Aufsätze und einige Bücher geschrieben worden. War es eigentlich das linke oder das rechte Ohr? Man wird vielleicht erwidern, das sei relativ, je nach Standpunkt des Betrachters. Mit der „Bedeutung“ eines Menschen oder Werkes verhält es sich ähnlich, nur haben die PrägerInnen des Kanons meist die Kanonen auf ihrer Seite – in Gestalt von Rotationsmaschinen, Lehrstühlen und Fernsehkanälen beispielsweise. Vor diese Kanonen gebunden, wird sich fast jeder junge Mensch zweimal überlegen, ob es so gesund sei, Heiligtümer wie Van Goghs Sonnenblumen oder den Schmerbauch von De Costers „Volksfigur“ Lamme Goedzak anzupinkeln.



19 - Juliane Déry (1864–99). Die Tochter eines deutsch-jüdischen Kaufmanns kam mit neun aus Ungarn nach Wien, wo ihre Eltern zum Katholizismus übertraten. Kurz darauf brachte sich ihr Vater allerdings um. Juliane konnte trotz häuslicher Armut Lehrerin werden. 1888 gab sie ihr literarisches Debüt mit einer Novelle. Nach einem mehrjährigen Paris-Aufenthalt, der sie mit vielen Literaten zusammenbrachte, darunter Zola, machte die umtriebige Ungarin auch als Dramatikerin auf sich aufmerksam. Ihr Einakter Verlobung bei Pignerols kam 1893 im Coburger Hoftheater heraus. Bis 1898 in München lebend, war sie an der Gründung des Intimen Theaters beteiligt. Vom „Malerfürsten“ Franz von Stuck wurde sie mehrmals porträtiert. Dann ging sie nach Berlin, wo sich offenbar Heiratspläne zerschlugen. Es kam hinzu, daß Déry bereits in Paris, vielleicht über Zola, in die berühmte „Dreyfus-Affäre“ verwickelt und der Spionage beschuldigt worden war. Man hatte den „jüdischen“ Hauptmann Alfred Dreyfus wegen angeblichen Landesverrats (an „die Deutschen“) vor ein Militärgericht gestellt. 1899 hatte er gerade seinen zweiten Prozeß, in dem er noch immer nicht freigesprochen wurde. Das spielte womöglich bei Dérys Auflösung mit. Die 34jährige Schriftstellerin stürzte sich Ende März aus dem Fenster ihrer im vierten Stock gelegenen Berliner Wohnung. Als Dreyfus schließlich rehabilitiert und sogar zum Major befördert wurde, lag sie schon sieben Jahre unter der Erde. Nach verschiedenen Andeutungen war ihr Hauptmotiv allerdings Liebeskummer gewesen, womit „die nicht gerade schön zu nennende, aber überaus rassige und temperamentvolle Frau“ (Max Halbe) nur ihr leidenschaftliches Wesen unterstrichen habe. Als Schriftstellerin dagegen, so Hans Schwerte (NDB 3, 1957), habe sie nie zu einem eigenem Stil gefunden.

Irgendwo las ich, als junge Frau habe Déry einmal vergeblich um den beträchtlich älteren Wiener Schriftsteller Ferdinand von Saar (1833–1906) geworben; dafür finde ich allerdings keinen Beleg mehr. Wahrscheinlich wäre sie ohnehin zu wild für das späte Mitglied des österreichischen Herrenhauses gewesen (ab 1902). Zwar hatte es Von Saar einst beim Militär bis zum Leutnant gebracht, doch dann überwog seine Neigung zum Schreibabenteuer. Er wandte sich vornehmlich und sogar einigermaßen erfolgreich der realistischen und mild-sozialkritischen erzählenden Prosa zu. Um 1900 schwer erkrankt, wohl an Magenkrebs, erschoß er sich mit 72. Karl-Markus Gauß zufolge hatte der nostalgisch und melancholisch gestimmte Habsburger Hagestolz sein Leben als „lange Reihe von Widerwärtigkeiten“ empfunden. Von 1881–84 war er vorübergehend verheiratet gewesen: mit Melanie Lederer, die sich gleichfalls umbrachte. Wie, ist nicht zu erfahren. Angeblich hatte die ungefähr 44 Jahre alte (ehemalige) Gesellschafterin einer Gräfin an einer „unheilbaren Krankheit“ gelitten. Von Saar habe ihren Tod nie verwinden können. Als er ihr selber als Greis folgte, schoß er sich laut Hans-Albrecht Koch unglücklich genug in die Schläfe, um noch einen ganzen Tag mit dem Tod ringen zu müssen – und dies, obwohl er beim Schuß vor einem Spiegel gesessen habe und ja überdies, wie erwähnt, kaiserlicher Offizier gewesen war. Das nur ergänzend zu dem, was ich oben anläßlich des Fehlschusses von Ferdinand Raimund bemerkte, auch ein Wiener Schriftsteller.



20 - Malcolm Webster Ford (1862–1902), im Gegensatz zu seinem Bruder Paul, den er ins Jenseits beförderte, zumindest in jungen Jahren eine Sportskanone. Vor 1890 errang er wiederholt den US-Meistertitel als All Around Athlete, heute Zehnkämpfer genannt. Sein Bestreben, den Sport zu „professionalisieren“, griff damals noch nicht so richtig beziehungsweise brachte ihm Ärger ein. So versuchte er sich alternativ, in New York City, als Dandy und Journalist, war freilich trotz einer kurzzeitigen Ehe mit der Millionenerbin Jeanette Graves ständig in Geldnot. Am 8. Mai 1902 vormittags, inzwischen 40 Jahre alt, marschierte er wieder einmal in bittstellerischer Absicht zur Manhattener Stadtvilla seines 37jährigen Bruders Paul Leicester Ford, der sich einen Namen als Schriftsteller gemacht hatte. Paul jedoch, in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch sitzend, weigerte sich, auch nur einen Dollar herauszurücken. Da zog Malcolm eine Pistole und schoß zunächst Paul, dann sich selber nieder.

Der Vorfall ließ sich schlecht geheimhalten, da Pauls Sekretärin Elizabeth R. Hall zugesehen hatte. Außerdem hielten sich die Gattin des Schriftstellers und mehrere Bedienstete im Hause auf. So stellte der Ford-Clan Malcolm als geistesgestörten Taugenichts und Landplage (des Clans) hin. Das ist nicht nur als Metapher zu nehmen, nannte doch etwa Paul, neben seiner Stadtvilla, auf dem Lande, in New Hampshire, diese bescheidene Hütte sein eigen. Schon Malcolms sportliche Laufbahn war dem Clan ein Dorn im Auge gewesen. Als er den Clan ums väterliche Erbe zu verklagen wagte, sprang lediglich, so Betty L. Adelson*, eine vergleichsweise schmale Rente für den ältesten Ford heraus. Der erfolgreiche Paul war der Sprecher oder Chef des Clans gewesen. Die New York Times (vom 9. Mai) versichert, das zunächst aufs Sofa gebettete, dann in sein Schlafzimmer getragene Anschlagopfer habe seinen Geist, nach ungefähr 20 Minuten, so lächelnd und so mannhaft aufgegeben, wie es Autor Paul in seinen Romanen und Biografien mit den Porträts anderer Männer vorgegeben hatte. Den zuletzt genannten Umstand bestätigt auch Adelson. Übrigens war der Ermordete mit Kleinwüchsigkeit geschlagen – vermutlich ein zusätzlicher, keineswegs geringer Zündstoff zwischen den in mehrfacher Hinsicht ungleichen Brüdern. Zumindest liegt in folgendem eine gewisse Ironie: nicht der „Zwerg“, sondern der „Superathlet“ war das Schwarze Schaf der Familie gewesen.

In derselben Metropole knapp 10 Jahre später der nächste Aufsehen erregende Doppelmord: Der 31jährige Orchestergeiger Fitzhugh Coyle Goldsborough (1879–1911) erschießt auf offener Straße zunächst den Autor und „Muckraker“ David Graham Phillips, dann sich selbst. Näheres siehe hier, Kapitel 68.

Ein Jahr zuvor, am 30. Juni 1910, konnte Neuengland der New York Times entnehmen: CONDUCTOR AND SINGER SHOT. Mit dem Dirigenten war der deutsche Musikwissenschaftler und Kapellmeister Aloys Obrist (1867–1910) gemeint. Eigentlich war er, seit 1893, mit der ehemaligen Schauspielerin des Weimarer Hoftheaters Hildegard Jenicke verheiratet. Am verhängnisvollen Tage erschoß er aber die 38jährige Opernsängerin Anna Sutter vom Stuttgarter Hoftheater. Die Dame soll etliche Affären gehabt haben, davon die mit Obrist für rund zwei Jahre bis 1909. Als sie sich dann in ihrer Wohnung in der Stuttgarter Schubartstraße 8 von Besucher Obrist nicht erweichen ließ, zückte der 43jährige Liebes- und Wutentbrannte seine Pistole. Laut zeitgenössischer Lokalpresse** war er ursprünglich bereits an der Haustür vom Dienstmädchen abgewiesen worden, weil die Diva, um 10 Uhr vormittags, noch zu erschöpft von der gestrigen Abendvorstellung sei und im Bette liege. Prompt verschaffte Obrist sich gewaltsam Zutritt. Das Dienstmädchen vernahm einen heftigen Wortwechsel sowie mehrere Schüsse, und dann fand es zwei Leichen im Schlafzimmer: sie mit gebrochenem Herzen im Bett, er mit gebrochenem Herzen auf dem Bettvorleger. Hofrat Dr. Aloys Obrist hatte bei seinem Besuch gleich zwei Pistolen mit sich geführt. Seine Weimarer Villa hatte er verkauft; mit seiner Gattin stand er in Scheidung. In jüngster Zeit wohnte er erneut in Stuttgart, wo er einst für kurze Zeit Hofkapellmeister gewesen war, und betätigte sich als Musikschriftsteller – soweit er sich nicht vergeblich nach Sutter verzehrte. Die Sopranistin wurde in Stuttgarter Theaterkreisen trotz ihres freizügigen, daneben arg verschwenderischen Lebenswandels seit Jahren höchstverehrt, daher auch „das Sutterle“ genannt. Den Trauerzug mit ihrem Sarg säumten 10.000 Leute.

Hundert Jahre später, am 30. Juni 2010, räumt die Lokalpresse Details ein***, nach denen an jener Erschöpfung Sutters am Tatvormittag wohl auch der Opernsänger Albin Swoboda junior (1883–1970) nicht ganz unschuldig gewesen war. Mit ihm lag die deutlich ältere Diva damals im Bett. Als das Dienstmädchen von Obrist überrannt wurde, sprang Swoboda, klamottenreif, in den Schlafzimmerschrank. Was er dort im Verborgenen miterleben mußte, habe er nie überwunden, wird der Stuttgarter Musikwissenschaftler Georg Günther zitiert. Aus Briefen und Gesprächen mit Kollegen gehe hervor, daß sich Swoboda sein Leben lang heftigste Vorwürfe machte, die Tat nicht verhindert zu haben. Der Baßbariton starb ebenfalls in Stuttgart – mit 86.

Was Hildegard Obrist-Jenicke (1856–1937) angeht, war sie der Weimarer Schriftstellerin Erika von Watzdorf-Bachoff (1878–1963) zufolge**** 12 Jahre älter als ihr Gatte gewesen. Die beiden Damen kannten sich. Jenicke habe Obrist auch immer versichert, sollte er sich einmal für eine Jüngere erwärmen, wolle sie ihm nicht im Wege stehen. Doch was die Sutter angehe, habe sich Jenicke zunächst gegen eine Scheidung gesträubt, um ihn vor diesem Weibsbild zu bewahren. Für Jenicke war Sutter zwar eine große Künstlerin, als Mensch jedoch „wertlos“, so jedenfalls Watzdorf. Selbst Obrist habe schließlich Sutters „Untreue und Wertlosigkeit“ erkannt und nicht mehr auf die Scheidung gedrungen. Am schwersten habe es ihn wohl getroffen, daß sie über sein bedingtes Künstlertum spottete und ihm einredete, nur diese „Oma“ in Weimar hemme seinen künstlerischen Aufschwung. Im Grunde sei Obrist ein Pedant gewesen, so Watzdorf, was auch aus dem Abschiedsbrief hervorgegangen sei, den er seiner Gattin (vor der Mordtat) geschickt habe und den sie (Watzdorf) kenne. Darin habe er seiner Frau „mit wunderschönen Worten“ gedankt, ferner festgestellt: die Sängerin Sutter habe ihre Glanzrolle, die Carmen, gelebt und wie diese ihr Leben verwirkt. Diesen Brief brachte er dann, laut Watzdorf, zur Post, kaufte einen Strauß weißer Rosen und ging zur Schubartstraße 8 ...

1914 wurde die Lyrikerin Delmira Agustini in Uruguay mit 27 Jahren vermutlich ein Opfer der üblichen männlichen Anmaßung, wobei wohl hinzugefügt werden darf: und zugleich ihrer bevorzugten Themen „Eros“ und „Tod“. Sie soll in ihrem Heimatland mindestens den Ruhm genießen, den beispiels- und merkwürdigerweise bei uns Else Lasker-Schüler hat. Ihr bekanntester Förderer war der umtriebige lateinamerikanische „Dichter“ und Diplomat Rubén Darío. Wäre sie blond gewesen, hätte man Agustini, nach den vorhandenen Schilderungen, auch leicht mit Marlene Dietrich verwechseln können. Kaum hatte sich der blauäugige Engel aus gutbetuchtem Hause im August 1913 mit dem Geschäftsmann Enrique Job Reyes (1885–1914) verheiratet, über den ich sonst wenig mitteilen kann, verließ sie ihn auch schon wieder. Das war für damalige Zeiten in Gaucho-Breiten radikal. Ich vermute, der Gatte hatte sie in den knapp zwei Monaten nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt. Die offizielle Scheidung fand am 5. Juni 1914 statt, während der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in seiner Borniertheit noch nicht ahnte, daß er drei Wochen später in Sarajevo die Quittung für seine jägerische Großmannssucht bekommen würde. Aber geschossen wurde eben auch in Montevideo. Genau einen Monat nach der Scheidung tötete Reyes Agustini mit zwei Gewehrschüssen in den Kopf und brachte sich anschließend auch selber um. Vorher soll der 29jährige seiner Mutter einen Abschiedsbrief geschrieben haben, ähnlich wie Obrist, doch auch darüber***** weiß ich nichts Näheres.

* The Lives of Dwarfs: Their Journey from Public Curiosity Toward Social Liberation, New Jersey 2005, S. 70
** Stuttgarter Neues Tagblatt
*** Stuttgarter-Zeitung.de
**** Im Wandel und in der Verwandlung der Zeit, Stuttgart 1997, S. 156/57
***** El Pais, Montevideo, 23. Juli 2014




21 - Gebrüder Wittgenstein († 1902 / 1904 / 1918). Der gebildete Leser dürfte den Namen Wittgenstein vor allem von dem sogenannten Philosophen Ludwig Wittgenstein her kennen, geboren 1889 in Wien. Aber nicht dieser hievte sich durch Selbstmord in dieses Werk, obwohl eine solche Maßnahme, zur rechten Zeit vorgenommen, so manchem Studenten und Rezensenten die entnervende Beschäftigung mit abwegigen Texten der Sorte Logischer Positivismus und Analytische Sprachphilosophie erspart hätte. Nein, Ludwig erlag 1951 in Cambridge, GB, wo er es zum Professor gebracht hatte, mit 62 Jahren einer Krebserkrankung (Prostata).* Selbstmord hatten seine Brüder Hans, Rudi und Kurt begangen.

Im ganzen hatten seine Eltern Karl und Leopoldine sogar acht Kinder in die Welt gesetzt – sie konnten es sich locker leisten, waren sie doch steinreicher als die gesamten Alpen. Karl, ein autoritärer Knochen und „Raubtierkapitalist erster Güte“**, hatte sein Riesenvermögen vornehmlich in der Stahlindustrie gemacht. Dieser wenig zärtliche Hintergrund dürfte bei allen drei erwähnten Selbstmorden mehr oder weniger mitgeschwungen haben. Er schloß den gewaltigen Druck des Alten auf seine Sprößlinge ein, sie mögen gefälligst einen anständigen Berufsweg einschlagen, was sich bei ihm auf die Alternative belief, Kaufmann oder Ingenieur.*** Das aber war, zum ersten, so gar nicht nach dem Geschmack von Johannes Wittgenstein, geboren 1877, genannt Hans. Die Hauptleidenschaft des hochgewachsenen, dabei etwas plump wirkenden jungen Mannes galt der Musik. Mahlers Lehrer Julius Epstein nannte ihn „genial“. Doch irgendwann nach der Jahrhundertwende hatte sich Hans, wie es aussieht, nach Amerika oder jedenfalls Übersee verzogen, um der väterlichen Fuchtel zu entkommen – und um sich ungefährdet umbringen zu können. Wahrscheinlich stürzte sich der 24jährige im Mai 1902 irgendwo zwischen Kuba, Florida und Maryland, USA, von einem Boot und ertrank. Die Angaben darüber sind verschwommen und verschieden, doch die Tatsache seines Selbstmordes ist gesichert, weil sich seine Eltern 1903 durch einen spektakulären heimatlichen Selbstmord ermutigt sahen, sich zu Hansens „schmachvollem“ Ende zu bekennen. Gemeint ist der Fall Otto Weininger, auf den ich in Kürze zurückkomme. Der junge Wiener Modephilosoph hatte sich erschossen, und zumindest darin, der Methode, hatte es ihm der 40 Jahre alte österreichische Offizier Konrad Wittgenstein, genannt Kurt, im Herbst 1918 nachgetan. Kurt allein war dem väterlichen Wunsch gefolgt und sogar zugleich Ingenieur und Geschäftsmann geworden. Ab 19o6 führte er ein eigenes Industrieunternehmen. Er blieb unverheiratet, spielte in seiner Freizeit Klavier, ging auf Jagd und fuhr schnelle Automobile – der ideale Kriegsteilnehmer. Laut Kruntorad/Corino erschoß er sich an der zusammengebrochenen italienischen Front, um dem Los der Gefangenschaft zu entgehen. Blogger Bookthrift**** führt noch einige andere Versionen an, darunter die erhebende Erzählung, Kurt habe sich nach einer Befehlsverweigerung, die seine Untergebenen vor einem Lauf ins offene Messer zu bewahren suchte, ehrbewußt „selbst gerichtet“. Bookthrift selber glaubt jedoch eher an einen Akt aus Schwäche als aus Heldentum.

Die vergleichsweise genausten Informationen liegen über das Ende des 1881 geborenen Berliner Chemiestudenten Rudi (Rudolf) Wittgenstein vor. Nach eigener Befürchtung war er „pervers“, nämlich homosexuell orientiert. Sein Ende verstand er als ein Melodrama zu inszenieren, das (wie im Fall Weiningers) Aufsehen erregen mußte – und das nebenbei starke Zweifel an der Erziehung des Magnatensohnes zur Höflichkeit weckt. Der gutaussehende und vor allem künstlerisch interessierte Rudi litt also unter seiner gesellschaftlich geächteten schwulen Neigung und hatte zudem ganz konkret Angst davor, man könne ihn aufgrund einer Falldarstellung identifizieren, die ein Komitee zur Bekämpfung des unseligen Paragrafen 175 in einem Report gegeben hatte. Am Abend des 2. Mai 1904 suchte der 22jährige Lebensmüde deshalb, mit den Worten des Briten Waugh, eine „restaurant-bar“ in der „Brandenburgstraße“ auf und bestellte einen Imbiß nebst zwei Gläsern Milch. Nachdem er gegessen und den Pianisten gebeten hatte, Thomas Koschats kärntner Schlager Verlossn, verlossn, verlossn bin i (1871) anzustimmen, schüttete er ein Pulver in den Rest seiner Milch und goß diesen hinunter. Binnen zweier Minuten wand er sich in Krämpfen und rutschte bewußtlos von seinem Stuhl. Mehrere alarmierte Ärzte konnten nur noch seinen Tod feststellen – es war Zyankali gewesen. In den Morgenblättern hieß es, Rudi habe mehrere Abschiedsbriefe hinterlassen, davon einen an seine Eltern, die er mit der Erklärung „beruhigte“, er habe sich aus Trauer über den Tod eines Freundes umgebracht.

Sogar der berühmteste Bruder, Ludwig Wittgenstein, ein fadenscheiniger Selbstenterber in angeblich mönchischem Geiste, hatte nach eigener Behauptung wiederholt daran gedacht, sich das Leben zu nehmen, „aber nicht etwa aus Verzweiflung über meine Schlechtigkeit, sondern aus ganz äußerlichen Gründen“, wie er Ende 1919 Paul Engelmann in einem Brief verriet. Was er unter solchen Gründen versteht, erläutert der gepriesene Sprachphilosoph nicht. Die Angst vorm Hungertod wird es wohl kaum gewesen sein, obwohl sich Ludwig in jenem Jahr 1919, nach seiner Kriegsteilnahme als „mustergültiger, tapferer, schneidiger Soldat und Offizier“, aus freien Stücken zugunsten seiner noch lebenden Geschwister von seinem beträchtlichem Erbe getrennt hatte. Bis dahin hatte er, laut Kruntorad, über jährliche Einkünfte aus Kapitalvermögen von rund 300.000 Kronen verfügt, was ungefähr demselben Betrag in Reichsmark entsprach. Nun fristete er sein Dasein zunächst als Volksschul-, dann Hochschullehrer.

Nach Ansicht seines Notars hatte er mit seiner ungewöhnlichen Schenkung immerhin „finanziellen Selbstmord“ begangen. Als Anarchist faßt man sich angesichts ihrer allerdings aus anderen, ebenfalls durchaus äußerlichen Gründen an den Kopf. Statt es seinen stinkreichen Geschwistern in den Arsch zu blasen, hätte er von dem Geld ein gutes revolutionäres oder wenigstens literarisches Leben führen oder wenigstens einige Dutzend kärntner Bauernknechte unterstützen können – sofern er nicht Ludwig Wittgenstein gehießen hätte. Übrigens hatte er später noch, um 1938, federführend einen Loskauf der Sippe von den Nazis betrieben, bei dem sie tatsächlich beträchtliche Schätze verlor. Dieser „deal“, der die „volljüdischen“ Wittgenstein-Kinder zu „Ariern“ machte, war Weinzierl zufolge lediglich vom bekannten einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein verurteilt worden, der seitdem nicht mehr mit seinen Geschwistern sprach. Freilich soll auch er ansonsten ein eher unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Möglicherweise hatte die ganze Sippe nicht ein wirklich schwarzes Schaf zu bieten.

* Paul Kruntorad über L. W. in: Karl Corino (Hrsg): Genie und Geld, Nördlingen 1987, S.335–45
** Ulrich Weinzierl, Artikel „Der schlimme Fluch des Hauses Wittgenstein“ in Die Welt, 26. November 2008
*** Alexander Waugh, Artikel „The Wittgensteins: viennese whirl“ in The Telegraph, 30. August 2008
**** Eintrag 20. April 2011




Fortsetzung Teil 2
°
°