Donnerstag, 9. Juni 2016
Die VerbrecherInnen sind mitten über uns
Die Losung „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ ist in der sogenannten Linken bekannt und beliebt. Man findet sie auf unzähligen Webseiten und sogar bei der Sozialdemokratie. Sie wurde vor rund 25 Jahren vom damaligen Bundesgeschäftsführer der VVN-BdA Klaus Harbart für einen Aufkleber des Verbandes vorgeschlagen und trat dergestalt sogleich ihren Siegeszug an. Ob Harbart sie irgendwo entlehnte, läßt sich wohl nicht mehr ermitteln, weil er bereits tot ist. Nach manchen Gerüchten stammt die Losung eigentlich von Bertolt Brecht, doch dafür fanden KennerInnen bislang keine Belege. Und selbst wenn es so wäre, verlöre sie dadurch ihre Verfehltheit nicht.

Nach dieser Losung gehört nur das „Kriminelle“ verboten und bestraft. Das Kriminelle ist das besonders Böse. Alles übrige Böse – dessen Existenz wahrscheinlich sogar Harbart nicht abgestritten hätte – ist normal, ist tragbar. Die Losung greift die äußerst fragwürdige bürgerliche Unterscheidung zwischen der Normalität und dem Verbrechen auf. Diese Unterscheidung hat den Vorteil, zahlreiche wichtige Dinge zu adeln, die nicht minder kriminell als ein Bankeinbruch, aber eben „normal“ sind. Zum Beispiel der Besitz einer Bank, um an Brecht zu erinnern. Oder die Verbreitung von Medikamenten und Behandlungsverfahren, die zwar nachweislich wirkungslos / gesundheitsschädigend / tödlich, aufgrund ihres Heilsversprechens aber sehr gut verkäuflich sind. Oder die Terrorisierung des eigenen Sprößlings über Jahre hinweg, einerlei mit welchen Mitteln. Ich bevormunde ihn, erpresse ihn, mache ihm Schuldgefühle, bis er sich nach einigen Jahren aufhängt. Wo wäre der Unterschied zu dem Fall, ich hätte ihn gleich im zarten Knabenalter erschos-sen? Er liegt in der Qual, die mein Opfer vor seinem „Selbstmord“ noch genießen durfte.

Lassen sich Verbrechen und das Leid seiner jeweiligen Opfer überhaupt messen? Und dadurch – über den Vergleich – vom Nichtverbrechen und Nichtleiden an einer bestimmten Stelle (des Zollstocks oder des Thermometers) abgrenzen? Ich sage: nein. Aber das Gegenteil geschieht. Die geschundenen Häftlinge und die Millionen Ermor-deten des deutschen Faschismus sind wunderbar zählbar. Die Leichen liegen alle auf einem Haufen, ein wahrer Berg, das macht etwas her. Welches Schattendasein müssen dagegen die Sklaven führen, die sich der „normale“ Imperialismus zwischen 1500 und 1850 allein in Afrika besorgte und die er, wenn nicht schon auf den Schiffen, auf den Plantagen unbedenklich verrecken ließ! Es waren übrigens mindestens 100 Millionen verschleppte Menschen, dabei oft die gesündesten und arbeitsfähigsten, schätzt Gert von Paczensky in seinem Buch Die Weißen kommen, erstmals erschienen 1970. Doch es handelt sich eben nur um eine Schätzung. Niemand führte Buch, und der Raub und das Verrecken zahlreicher Sklaven verteilten sich so günstig über etliche Jahrhunderte und Empfänger-staaten, daß sie kaum auffielen und nur wenig Anstoß erregten. „Raten merkt man nicht so“, weiß diesbezüglich jeder Kleine Mann, der sich verschuldet hat. Durch die Tilgung in Raten wird seine Gesamtschuld zwar nicht geringer (im Gegenteil), jedoch erträglicher.

Ich denke auch an das Riesenschweiß- und Blutbad, das der britische Imperialismus allein zwischen den beiden Weltkriegen allein in Asien anrichtete. Diese Fremdherr-schaft schloß die Aufstachelung der Völker oder Religionen gegeneinander genauso ein wie die gnadenlose Ausbeu-tung, das Totprügeln oder Auspeitschen Ungehorsamer und die Demütigung von Eingeborenen, die man noch nicht erschlagenen oder ausgepeitscht hatte. Hat die zivile Öffentlichkeit damals gezetert, die höflichen, stets mit Schirm, Charme und Melone angetanen Nordseeinsel-bewohnerInnen seien „herzlose Mörder, Plünderer und Verschwörer, wie sie die Welt ihresgleichen noch nicht gesehen“ habe? Nein, diese Worte richtete Hartley Shawcross, britischer Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, an die Adresse der bösen Nazis. Und alles, was zwecks besserer Abstützung von Hut, Stahlhelm und Doppelmoral zwei Ohren mitbekommen hatte, nickte beflissen. Der schweizer Politiker und UN-Diplomat Jean Ziegler erlaubte sich unlängst die Unhöflichkeit, die Wahrheit auszusprechen. Er bemerkte in einem Gespräch mit der Jungen Welt (16. November 2012): „Laut ECOSOC-Statistik sind vergangenes Jahr 52 Millionen Menschen Epidemien, verseuchtem Wasser, Hunger und Mangelkrankheiten zum Opfer gefallen. Der deutsche Faschismus brauchte sechs Kriegsjahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen – die neoliberale Wirtschaftsord-nung schafft das locker in wenig mehr als einem Jahr.“

Gegenwärtig überschlagen sich unsere ZentralbankerInnen mit den immerselben, jedoch immer wahnsinnigeren Stützversuchen zur Rettung eben dieses kriminellen Weltwirtschaftssystems. Sein zu erwartender Zusammen-bruch wird nach Einschätzung vieler kritischer Beobach-terInnen den bekannten historischen „Schwarzen Freitag“ in den Schatten stellen. Dann werden die verantwortlichen Herrschaften zusätzlich zu den von Ziegler angeführten Opfern für weitere Hunderttausende von Toten und Millionen von Verzweifelten und Verelendeten gesorgt haben. Das wissen sie auch ganz genau, doch da sie verrückt sind, ist es ihnen egal.

Von Paczensky verwahrt sich in seinem Buch wiederholt* gegen die seit Jahrzehnten, bis heute beliebte „Vereinzig-artigung“ der faschistischen Verbrechen. Dadurch wolle man nur von den eigenen Schandtaten ablenken. Diese würden sich lediglich durch eine andere Technik von denen der Deutschen unterscheiden. „Und durch die Opfer natürlich: Farbige. / Ausrottung en gros, Mord en detail ist das Geschäft der weißen Kolonialmächte durch die Jahrhunderte hindurch – und noch lange, nachdem die Nazis verschwunden sind.“ Ob Schwarze, Gelbe, Rothäute, Muslime, Terroristen aller Art – ihr gemeinsamer Zug, der sie zu Freiwild macht, ist der Mangel an der weißen Weste der sogenannten Marktwirtschaft. Man denke nur an jenen „Mord en detail“, den sich Obama und seine Geheim-dienstchefs Tag für Tag mit Hilfe ihrer Drohnenpiloten gestatten. Da erfolgt der Todesstoß gleichsam aus heiterem Himmel. Will mir wirklich einer weismachen, einen Juden mit dem Gewehrkolben auf die Wache, dann ins KZ zu stoßen, sei ungleich heimtückischer gewesen? Man denke überdies an die Atombomben, die die Yankees unter scheinheiligen Rechtfertigungsversuchen auf Japan warfen – und an die Atomkraftwerke, die sich die Japaner dann später idiotischerweise selber auf ihre Inseln stellten. An diesen tödlichen Versorgungseinrichtungen hielten sie auch nach „Tschernobyl“ fest, weil sie selber einmal ein paar Kernschmelzen hervorbringen wollten. Vor fünf Jahren, im März 2011, war es soweit: Fukushima. Wieder wurde ein ganzer Landstrich verseucht. Wieder wurde mit allen Mitteln abgewiegelt und beschönigt. Neben den bekannten hauseigenen hatte man auch die bekannten Gefahren durch Erd- und Seebeben in Kauf genommen. Das einzige, wovon die dortigen Verantwortlichen bis heute nichts wissen, ist der Zustand im Inneren der betroffenen Reaktoren. Außen jedoch leiten sie unbeküm-mert radioaktives Wasser in den Pazifik, auf daß die Rate der Krebskranken weltweit tüchtig ansteige. Und so etwas soll kein Schwerverbrechen sein?

Nun drohe ich allerdings, wie mir gerade aufgeht, selber in die Falle des Messens und Verrechnens zu tappen. Der landläufige Einwand gegen mein Beispiel mit dem ins KZ verschleppten Juden lautet schließlich, es habe sich keineswegs nur um einen, vielmehr um sieben Millionen Juden gehandelt. Es ist die Falle des Quantitativen Denkens. Danach soll das von sieben Millionen Verfolgten und Ermordeten angehäufte Leid ungleich entsetzlicher als das Leid des einen Menschen sein, der gerade in einem türkischen Folterkeller oder unter einem VW Touareg stöhnt. Aber diese Sichtweise ist falsch. Sie ist zutiefst unmenschlich, wie jeder spürt, der ein Herz hat. Ein Seitenstück dieser Sichtweise ist die besonders unter halbherzigen „Systemgegnern“ beliebte Theorie des Kleineren Übels. Bin nur ich gefoltert oder plattgefahren worden, handelt es sich lediglich um ein Übelchen. Richtig schlimm wird es erst ab 1.000 oder ab einer Million.

Was ich nach alledem von den immer wieder aufgewärm-ten Bemühungen halte, die NPD, wohl bald auch die AfD zu verbieten, liegt auf der Hand. Verbote haben nicht den geringsten erzieherischen Wert, ja schlimmer noch, sie bewirken bekanntlich oft genug das Gegenteil dessen, was sie, angeblich wohlmeinend, beabsichtigen. Was allein Abhilfe schüfe, wäre die Trockenlegung des ökonomischen und ideologischen Nährbodens, auf dem rohes Gedanken-gut gedeiht. Aber das ist leicht gesagt; schon bei uns ist er immerhin knapp 360.000 Quadratkilometer groß. Zerrt also bitte nicht den einen oder anderen braunen Sündenbock, vielmehr das gesamte verlogene, sich in einem fort tarnende Staats- und Parteiengebilde namens „Deutschland“ vor Gericht. Das gäbe den ersten schönen Mammutprozeß der Weltgeschichte.

Im Ernst: man sollte Deutschland endlich verbieten. Nur stünden wir dann vor dem Riesenproblem der Verkleine-rung aller menschlichen Einrichtungen und Zusammen-schlüsse. Es dürfte, so fürchte ich, unlösbar sein.

* Etwa S. 125, 159, 240 (Fischer-TB 1982)



Zur Gewalt siehe auch
Kapitel Gewaltmonopol des Staates
Mittel-Zweck-Klemme im Koestler-Portrait, ungefähr Mitte (Sonnenfinsternis)
Achims „links“-tyrannischer Vater: Kapitel 9
Im Mordopfer-Reigen Vorbemerkung und die Kapitel 163/166 (Amokläufe / „Gewaltbereitschaft“)
>Quantitatives Denken
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