Donnerstag, 9. Juni 2016
Verpfuscht?
Seit diesem März (2015) bin ich 65. Um nicht lange um den Brei herumzureden: ich halte mein Leben für eher mißlungen als geglückt. Man könnte auch sagen, ver-pfuscht. Bleibe ich bei dieser Einschätzung, werde ich un-zufrieden sterben.

Diese Webseite etwa, inzwischen seit drei Jahren betrie-ben, hat mir bislang vier oder fünf Leserbriefe und genauso wenig Plattenbestellungen eingetragen. Ich nehme an, sie ist so gut wie unbekannt. Von denen jedoch, die sich zu ihr verirren, dürften die meisten ihren Kopf schütteln oder ein verächtliches Pfh ..! ausstoßen, bevor sie sie rasch wieder wegklicken.

Es war keineswegs schon der Traum meiner Kindheit, als Betreiber einer Webseite zu enden, geschweige denn, einer solchen. Am liebsten wäre ich selbstverständlich ein für viele Menschen vorbildlicher Zeitgenosse geworden, etwa als CVJM-Sekretär, Bandleader oder Aktivist der Kommuja-Bewegung. Dabei ist mir durchaus klar, daß gelungene Leben nicht notwendig mit Ruhm oder auch nur mit größerem Ansehen verbunden sein müssen. Im Gegenteil, oft genug macht Ruhm ein „gelungenes Leben“ zur Fassade, wenn er es nicht sogar vorzeitig zum Einsturz bringt, wie ich inzwischen an Hunderten von Selbstmord-fällen gesehen habe, mit denen ich mich als Essayist oder Lexikograf befasse. Nein, auch ein höchstens lokal bekannter leidenschaftlicher Polsterer oder eine allein-erziehende Mutter, die drei Kinder vor Verblödung und Verrohung zu bewahren versteht, können ein glückliches, erfülltes, von wenigen Getreuen hochgeschätztes Leben führen. In Nordhessen kenne ich einen Landwirt, von dem in seiner Gegend etliche Leute sagen: „Der P.? Ja, das ist ein feiner Kerl.“ P. läßt sich von den Funktionären der „Freien Marktwirtschaft“, also des Monopolkapitalismus, nicht unterkriegen, was ihn viel Kraft kostet; gleichwohl ist er stets hilfsbereit und sogar noch gut gelaunt. P. wird nicht unzufrieden sterben.

Oder nehmen wir meinen väterlichen Freund und Arbeit-geber Günter Scherbarth, einen Berliner Maler und Schriftlehrer, der inzwischen seit 15 Jahren unter der Erde liegt. Ich denke oft an ihn. Ich bilde mir auch ein, oft lachten wir dabei über die gleichen Sachen – eigene Schrullen eingeschlossen. Vielleicht sollte ich in seinem Vorbild noch stärker Trost finden, in unserer Ähnlichkeit. Auch er blieb ja seinem eigenwilligen, für viele „rückstän-digen“ künstlerischen Kurs selbst um den Preis des Schattendaseins treu. Er hatte den Mut zum Ketzertum – nicht dagegen den unabweisbaren Drang, seine Meinungen an die große Glocke zu hängen, wie ja heute fast jeder. Und nicht zuletzt bewahrte er sich seinen Humor, obwohl ihn das Schicksal nicht gerade auf Rosen gebettet hatte. Ich nenne nur den „Volkssturm“ kurz vor Kriegsende, den tödlichen Unfall eines Sohnes sowie die Torturen, die ihm zunächst die Dialyse, später die fremde Niere bereiteten, die er sich nach schwerem Ringen hatte einpflanzen lassen. Gleichwohl hörte ich Scherbarth nie klagen.

In persönlichen Beziehungen soll Scherbarth allerdings durchaus launisch und schwierig gewesen sein. Vielleicht vertrat er eine Zerrissenheit, die sich auch nach Betätigungsfeldern aufteilt. Oder täusche ich mich, wenn ich glaube, der zufriedene Mensch (der sich nicht als gescheitert empfindet) sei ein Mensch des Ausgleichs? Das heißt nicht, er müßte ein Langweiler oder Opportunist sein. Vielmehr versteht er es aufgrund von zufälligen günstigen Anlagen, sich zusammenzuhalten, ohne sich dabei aufzureiben. Menschen wie ich dagegen – um nicht weiter über Scherbarth zu spekulieren – sind extrem widersprüchlich, schwankend, verletz- und verwirrbar. Ich habe in meinem Leben Dutzende von Krisenlagen hinter mir, in denen ich mir bereits die Adresse der jeweils nächstgelegenen Irrenanstalt vergegenwärtigte, weil ich dachte: Jetzt ist es so weit; gleich wirst du verrückt.

Hier könnte mir jemand den Anker zuwerfen, wenn es so sei, sollte ich eben meinen Stolz und meine Selbstachtung gerade aus dieser Tatsache beziehen: mich bislang vor der Irrenanstalt bewahrt zu haben, tapfer gegen mein unaus-gewogenes Naturell anzukämpfen und meine Niederlagen nie zu vertuschen! Aber das schmeckt mir nicht. Es käme der Lobeshymmne auf einen Nichtschwimmer gleich, der wenigstens noch tüchtig gestrampelt habe, bevor er abgesoffen sei.

Der einzige Bereich, in dem ich entgegen meiner Verwirrt-heit zu beachtlicher Kontinuität und so etwas wie einer Lebensleistung gefunden haben dürfte, stellt mein Gesamtwerk als Schriftsteller und Komponist dar. Aber gerade daran glaubt, wie es aussieht, außer mir selbst kein Mensch. Stattdessen sehe ich die Leute ringsum lauter taube Nüsse feiern. Wahrscheinlich wäre die verschwin-dend geringe Aufmerksamkeit, die ich als Schriftsteller und Musiker genieße, bereits erheblich leichter zu ver-kraften, wenn die Aufmerksamkeit der Fachleute und des Publikums nicht so haarsträubend ungerecht verteilt wäre. Es ist kaum zu glauben, welche Vollidioten, Schlitzohren und Charakterruinen heutzutage am laufenden Meter Beifall (und obzöne Gehälter oder Honorare) ernten, von den sattsam bekannten Sportskanonen über die Rund-funkschwätzer, RatgeberverfasserInnen und anderen, auch noch lächerlich langlebigen Bestsellerautoren bis zu unserem derzeitigen Bundespräsidenten. Und weil sich Millionen nach Gunst recken, werden unablässig neue Berufssparten erfunden, sodaß etwa eine junge Dürre als Antifolksängerin Karriere machen kann.

Möglicherweise läßt sich als entscheidende Waffe gegen den Gram übers eigene Schattendasein das Argument benutzen, wenn man damals, mit 23 oder 24 Jahren, auf der Autobahn zwischen Bochum und Neunkirchen/Saar tatsächlich tödlich verunglückt wäre, würde sich das Problem der Unzufriedenheit schon seit einigen Jahr-zehnten gar nicht mehr stellen. Man wäre in diesem Fall bereits verwest. Ich beziehe mich hier auf eine „spontane“ Erinnerung an eine lange „vergessene“ Fahrt an einem Vormittag um 1973 am Steuer eines mit Umzugsklamotten vollbepackten Miet-Lieferwagens, die mir erst kürzlich bei der Arbeit an meinem Unfall-Lexikon kam. Völlig übernächtigt, drohten mir bei dieser Fahrt ständig die Augen zuzufallen – ich sah es nun klar wie im Kino. Ich sah mich wiederholt hochschrecken, am Lenkrad nachfassen – und offensichtlich noch immer nicht im Sarg. Es war eine Höllenfahrt, nicht zuletzt wegen gewisser ideologisch-seelischer Begleiterscheinungen. Sehr wahrscheinlich überlebte ich sie rein zufällig. Es wäre selbstverständlich schön gewesen, wenn ich bei einem Unfall nicht auch noch andere AutofahrerInnen mit ins Verderben gerissen hätte. Einen Trost habe ich immerhin: C., meine damalige Geliebte und Gefährtin, war noch in Bochum geblieben. Sie kam etwas später mit dem Zug nach.

Oder man denke an all das andere Elend, das einem zufällig erspart worden ist, ein Jahrzehnte langes Leben im Rollstuhl etwa, ein Leben mit Contergan-Armen, mit mongoliden Augen und Watschelgang oder mit Blinden-hund oder „einfach“ nur mit einem mordshäßlichen Gesicht, nicht zu vergessen die von Ungeziefer übersäten, ausgehungerten, in Müll und Schrott wühlenden Kinder, denen der Imperialismus seine augenblicklich nicht mehr benötigten Kriegsschauplätze überläßt. Man könnte hier einwenden, leider sei alles relativ. In der „blühenden“ Distellandschaft der Ex-DDR dürste man eben nach Anerkennung, weil es am Trinkwasser noch nicht fehle. Überhaupt stelle ja Anerkennung, um nicht zu sagen Liebe, ein Grundbedürfnis aller Menschen dar. Eben! Die Schwachsinnige vom Bodelschwingh-Hof am Walters-häuser Schloßberg oder das zwischen Tretminen und Urangeschoßhülsen stöbernde dunkelhäutige Kind hat dieses Grundbedürfnis ebenfalls – und erhält selten mehr als ein paar Gramm pro Jahr davon. Im Gegenteil, zahlreiche von Kind auf „behinderte“ oder „häßliche“ Menschen werden von den meisten ihrer Mitmenschen gemieden, wenn nicht gehaßt, und dabei nicht selten von den eigenen Eltern.

Damit drängt sich ein weiterer Hinweis auf, mit dem ich schließen werde. Fast alle Menschen, die ich näher kenne, finden ihre Zufriedenheit vorwiegend „im Kreise ihrer Lieben“. Denn eben dort, ob Familie, Kommune oder Snookerclub, wird ihnen die Anerkennung zuteil, auf die jeder Mensch angewiesen ist. Für Leute wie mich entfällt dieser Bereich jedoch, weil sie für ihre Mitmenschen viel zu „schwierig“ für ein gedeihliches Miteinander sind. Das zeigte sich in meinem Falle bereits in frühster Jugend, und irgendwann, im Lauf der nächsten Jahrzehnte, falls man nicht vorher auf der Autobahn einschläft, geht man den für Liebe und Freundschaft in Frage kommenden Zeitgenos-sen schon „freiwillig“ aus dem Weg, weil es ja doch, für alle Beteiligten, nur in Unheil oder wenigstens in Mißmut enden kann. Man meidet sie wohlweislich und macht sich per Telepathie, Brief oder Webseite durch seine „kompro-mißlosen“ Urteile und Forderungen unbeliebt, damit sie auch schön fernbleiben.

Freilich hat das mit Freiheit nichts zu tun. Diese befremd-liche „Wahl“ wird einem vom eigenen Naturell und vom sozialen Milieu aufgezwungen. Beide hat man bekanntlich nicht gewählt. Und hier liegt auch die einzige Entschuldi-gung, die ich für mein (angeblich) verpfuschtes Leben vorbringen kann: ich tat es nicht aus böser Absicht.
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