Donnerstag, 9. Juni 2016
Luftschlacht über Ustica
Geschrieben 2015


In meiner vor einigen Jahren verfaßten ausführlichen Betrachtung über das Lügen – in diesem Beitrag ungefähr ab der Mitte – streifte ich ein sizilianisches, welterschüt-terndes Drama, das sich inzwischen zum 35. Male jährt. Unweit der kleinen, nördlich von Sizilien gelegenen Insel Ustica war am 27. Juni 1980 eine mit 81 Personen besetzte Itavia-Linienmaschine ins Mittelmeer gestürzt. Schon die Bergungsarbeiten wurden, wie später nachgewiesen werden konnte, um 10 Stunden hinausgezögert, sonst hätte es wahrscheinlich Überlebende gegeben. Es folgten Jahre der emsigen, trickreichen und keine Schurkerei scheuenden Vertuschungsarbeit seitens des Militärs, der Politik und selbstverständlich der Geheimdienste, um die nackte Wahrheit über diesen – wahlweise – angeblichen Unfall („Materialermüdung“) oder Terroristenakt („Bombe an Bord“) auf dem Meeresboden ruhen zu lassen.

Die dabei angewandten Methoden sind bekannt, wenn sie auch in der Regel der blühenden Phantasie von Spionage-Thriller-Autoren zugeschrieben werden: die TäterInnen oder AuftraggeberInnen decken; Spuren verwischen oder falsche Spuren legen; Beweismaterial verschwinden lassen oder fälschen; FahnderInnen, RichterInnen oder Gutach-terInnen bestechen; unerwünschte Nachforschungen oder Zeugenaussagen durch Drohung, Erpressung oder Ermordung verhindern, und wie sich versteht, immer wieder lügen, lügen, lügen. Schon dadurch entsteht eine heillose, jede Aufklärung enorm erschwerende Verwirrung – die freilich noch durch den Umstand gekrönt wird, daß alle an der betreffenden Verschwörung irgendwie Beteiligten durchaus unterschiedliche Meinungen und Interessen verfolgen können. Ein gemeinschaftlicher Antikommunismus etwa gibt dabei nicht mehr als die Dunstabzugshaube über einem breiten Herd ab, auf dem ein jeder sein eigenes Süppchen zu kochen versucht. Vor der nächsten Staatsaffäre kann der Herd dann mit dem vorausgegangenen Untersuchungsbericht der Parlaments-kommission angeheizt werden, weil ja doch kein Sterblicher imstande wäre, ihn zu studieren. 1978 war der versöhnlich gestimmte christdemokratische Spitzen-politiker Aldo Moro entführt, nicht befreit und folglich wunschgemäß ermordet worden – angeblich von den „linken“ Roten Brigaden. Die Dokumentation über diesen Fall umfaßte 2001, nach gut 20jähriger Fleißarbeit der betreffenden Kommission, über 100.000 Seiten, wie beiläufig von der Buchautorin Regine Igel zu erfahren ist – bei ihr schon auf Seite 198.*

SkeptikerInnen runzelten bereits die Stirn, als drei Wochen nach jenem Flugzeugabsturz im Jahr 1980 ruch-bar wurde, die „Unfallstelle“ sei auch von einem libyschen Jäger gekreuzt worden, der kurz darauf, mitsamt seinem Piloten, in den Sila-Bergen Kalabriens zerschellte. Der Pilot habe bedauerlicherweise einen Herzanfall erlitten. Da waren es schon 82 Tote. Es folgten, im Laufe der Jahre und gerichtlichen Untersuchungen, mindestens ein Dutzend, von Igel namentlich angeführte Zeugen, die ebenfalls auf mehr oder weniger befremdliche Weise umkamen, ehe sie auspacken konnten. Dann sickerte durch, jener Jäger habe sich keineswegs über Einsamkeit beklagen können, hatte sich doch am Unfallabend im Himmel über Ustica „ein wahrhaftiges Kriegsszenarium mit zahlreichen Kampfflug-zeugen nachweislich amerikanischer und französischer Herkunft“ abgespielt, wie Igel auf Seite 332 schreibt.

Man nimmt heute überwiegend an, der gezielte Anschlag habe einer Maschine gegolten, in welcher der yankeefeind-lich gestimmte libysche Staatspräsident Gaddhafi Richtung Warschau unterwegs gewesen war. In letzter Sekunde gewarnt, habe sie abgedreht, worauf die tödliche Rakete eines westlichen Jägers „aus Versehen“ die Itavia-Linienmaschine traf. Das konnte der liebe Freie Westen selbstverständlich nicht zugeben. Lieber ließ er noch lattenweise Zeugen umbringen. Solche Zeugenentsor-gungen – die wir genauso wie rätselhafte Flugzeugabstürze oder kinoreife Überfälle auf Redaktionsbüros auch aus unseren Tagen kennen – sind naturgemäß schwer nach-weisbar, weil die Ausführenden und die Strippenzieher-Innen in der Regel keine Stümper, vielmehr mit allen Schmutzwassern gewaschene Fachleute sind. Bei Igel kann man sich auf rund 400 Seiten mit ihnen vertraut machen. In den 1970er und 1980er Jahren waren sie bereits gut genug, um gleichsam den gesamten mitteleuropäischen angeblichen Kampf der Demokratie gegen Rechts- und Linksterrorismus zu türken. Es war ihr Kampf, ihre „Strategie der Spannung“, ihr „unorthodoxer Krieg“ und ihre Verwirrung, die sie stifteten. Bei dieser Beschlagenheit verwundert es auch wenig, wenn es (trotz weisungsunge-bundener italienischer Staatsanwälte) selten zu Verurtei-lungen der Attentäter und so gut wie nie zu Verurteilungen ihrer Hintermänner kommt, etwa Kissinger oder Andre-otti. 2007 sprach eine Strafkammer des obersten italie-nischen Gerichtshofes mehrere Luftwaffengeneräle frei, weil sie, die Kammer, entgegen überwältigender Indizien noch immer an der Linie „Materialermüdung“ oder „Bombenexplosion“ festhielt. Erst seit 2013 haben wir es amtlich, daß diese Linie erstunken und erlogen worden war. Der römische Kassationshof sprach den Angehörigen jener 81 Flugzeuginsassen 110 Millionen Euro Entschädi-gung zu, weil die Maschine „eindeutig von einem Nato-Kampfflieger mit einer Rakete abgeschossen“ worden sei.**

Der Steuerzahler hat's ja, während der stinkreiche Giulio Andreotti, wiederholt italienischer Ministerpräsident und zudem „Senator auf Lebenszeit“ (bis 2013), ungemolken bleibt. Ob nun wenigstens die Luftwaffengeneräle wieder vorgeladen werden, falls sie noch nicht in der Kiste liegen, darf bezweifelt werden. Man bedenke nebenbei, welche Unsummen an Steuergeldern die parlamentarischen und gerichtlichen Untersuchungen – und die Wiederaufnah-meverfahren verschlingen. Allein davon könnte man das von der Mafia gebeutelte Sizilien, das von allen Seiten getretene Libyen und das Territorium der ehemaligen DDR zu dauerhaft blühenden Oasen machen.

Hier noch ein anderes kurzes Seemannsgarn. Unter dem Titel „Täuschung – Die Methode Reagan“ brachte der Fersehsender arte am 5. Mai 2015 (spätabends) eine Dokumentation aus just jener Zeit, da die Itavia ins Mittelmeer stürzte. Diese andere Geschichte spielte sich allerdings gleich unter Wasser ab. In der Ostsee nahe Schwedens waren nämlich im Laufe der 1980er Jahre hartnäckig angeblich sowjetische U-Boote aufgekreuzt, die weltweit hohe Kalte-Kriegs-Wogen schlugen. Nun hätten nordamerikanische Militärs „eingeräumt“, die damaligen „ernsten Zwischenfälle“ seien von den USA inszeniert worden, berichtete Albrecht Müller am 6. Mai auf den Nachdenkseiten. „Das dadurch erzeugte Bedrohungsgefühl drehte die öffentliche Meinung gegen Olof Palmes Entspannungspolitik. Unterstützt wurden sie [die USA] dabei von traditionellen schwedischen Machteliten einschließlich Teile des schwedischen Militärs. Am Ende des Films wird die Vermutung geäußert, Palme sei [1986, in Stockholm, eben] wegen seiner Entspannungspolitik ermordet worden. Sicher weiß man das nach wie vor nicht.“ Dafür belegt für Müller auch dieser Fall***, „wie albern und wirklichkeitsfremd“ die geläufige Methode sei, solche spektakulären Vorgänge wie in der Ostsee der Phantasie von „Verschwörungstheoretikern“ anzulasten. Im Gegenteil, die Wirklichkeit sei oft noch schlimmer.

Apropos. Ich möchte abschließend bekennen, Igels Buch – das mir dummerweise erst vor wenigen Wochen in die Hände gefallen ist – ließ mir trotz jener selbstverfaßten Betrachtung „Alle Kreter lügen“ alle paar Seiten lang die Augen übergehen, weil ich offensichtlich gleichfalls noch zu sehr der Einfalt verhaftet war, die Müller hier bespöttelt. Ich sah bei dieser Lektüre, daß unsere Eliten, ja letztlich nahezu sämtliche irgendwie eines Amtes waltenden Menschen noch eigennütziger, gewissenloser und ekelhafter sind, als ich bislang dachte. Offenbar kommt man diesem schmutzigen Grundzug, gegen den erheblichen Widerstand des eigenen Glaubens an das Gute, nur sehr allmählich, nur über die unzähligen Verästelungen und eben, wie im Falle Ustica erwähnt, unzähligen Vertuschungen auf die Spur. Man ist nicht jäh von ihm erleuchtet.

Vielleicht muß man erst so belesen und beschlagen sein wie Egon Friedell, der seine dickleibige Kulturgeschichte der Neuzeit immerhin, um 1928, schon als 50jähriger veröffentlichte. Zu den „Schandtaten“ der um 1500 wirkenden Fürsten der italienischen Renaissance bemerkt er, bei allem moralischen Schauder müsse man „dennoch die Grazie, die Wohlerzogenheit, die Formvollendung, man möchte fast sagen: den Takt bewundern, mit dem die Leute sich damals hintergingen, ausplünderten und umbrachten. Der Mord gehörte damals ganz einfach zur Ökonomie des Daseins, wie heutzutage ja auch noch die Lüge zur Ökonomie des Daseins gehört. Unser Zeitungs-wesen, unser Parteiwesen, unsere politische Diplomatik, unser Geschäftsverkehr: dies alles ist auf einem umfas-senden System der gegenseitigen Belügung, Übervortei-lung und Bestechung aufgebaut. Niemand findet etwas daran. Wenn ein Politiker aus Gründen der Staatsräson oder im Interesse seiner Partei einem anderen Zyankali in die Schokolade schütten wollte, so würde die ganze zivilisierte Welt in Entsetzen geraten; daß aber ein Staatsmann aus ähnlichen Motiven betrügt, Tatsachen fälscht, heuchelt, intrigiert: das finden wir ganz selbstverständlich.“ Damit deuten sich freilich auch gewisse betrübliche Grenzen der Friedellschen Beschla-genheit an, wenn er hier den politischen Mord kurzerhand aus der Gegenwart verbannt. Wie wir wissen, bediente sich seiner die „Demokratie“ der Renner, Ebert und Noske nicht weniger als später die „Demokratie“ Gerhard Schröders oder Angela Merkels, nur daß in einer „Demo-kratie“ strenge „Gewaltenteilung“ herrscht – da hat man PolitikerInnen fürs Schönreden; für alles strafrechtlich Bedenkliche dagegen gut geschulte Freikorps, Polizisten, Streitkräfte, Geheimdienste.****

Es bedarf also beträchtlicher Wühlarbeit, Lektüre, Zeit, um von jenem schmutzigem Grundzug aller VerwalterInnen der Welt überzeugt zu sein und wiederum glaubwürdig sprechen zu können. Und wer hat die schon? Ein junger Mensch schon gar nicht. Und einer, der hauptsächlich vom Kampf ums tägliche Brot in Atem gehalten wird, ebenfalls nicht. Diese Gespaltenheit der Menschheit in Lebensalter, Bildungsebenen und unterschiedliche Grade der Einsichts-fähigkeit nenne ich, wie schon früher, im Gegensatz zu zigmillionen Auto- und Flugzeugunfällen, in der Tat tragisch. Ich sehe nicht, wie sie jemals überwunden werden könnte. Aber gerade sie frißt Unmengen an Energie – die bei der Umwandlung der Gesellschaft fehlt.

* Regine Igel: Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, München 2006
** taz-Korrespondent Michael Braun am 29. Januar 2013
*** Da ihn der Schwede Henning Mankell bereits 2009 in seinem Kriminalroman Der Feind im Schatten umkreist, nehme ich an, es gab schon damals zur Anregung gute Quellen, die eben diesen Verdacht aussprachen, hinter den angeblichen sowjetischen U-Booten steckten die Nato und die CIA.
**** Friedell lebte in Wien. Sein Hauptwerk erschien zuerst zwischen 1927 und 1931 in drei Bänden. Hier zitiere ich aus der einbändigen Dünndruckausgabe München 1974, Seite 227.




Zur Spionage siehe auch
Kapitel Spitzel, in der 1. Hälfte des Beitrags
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