Donnerstag, 9. Juni 2016
Mordopfer Sprache
Geschrieben 2014


Meine jüngsten Buchmanuskripte Lexikon der Frühver-storbenen und Erledigt? (über Mordopfer) habe ich im ganzen gut 40 recht unterschiedlichen Verlagen angebo-ten, darunter genauso kaum bekannte „linke“ oder andere Kleinverlage wie renommierte Adressen a lá Rotbuch, Hanser, Suhrkamp. Ich wählte diese Verlage nach ihrer mutmaßlichen Eignung und ihrem „offenen“ Eingang aus. Das soll heißen, ich ignorierte alle Verlage, die sich elektro-nisch übermittelte Angebote ausdrücklich verbitten. Den herkömmlichen „Postweg“ und die dicken Manuskript-Kopien zahlen ja nicht sie – sie werfen die letzteren vielmehr weg.

In der Regel trat ich mit kurzen Emails, die das Projekt umrissen, an die Lektorate heran, ohne dabei schon das Manuskript anzuhängen. In beiden Fällen fiel die Statistik ähnlich aus: die Hälfte der Angesprochenen übte sich in Schweigen, der Rest winkte zumeist gleich, d.h. nach einigen Tagen ab oder teilte mir sein „Bedauern“ später nach Einsicht in das Manuskript mit. So blieben beide Werke ungedruckt.

Meine Statistik besagt ferner, daß man bei Absagen in nahezu sämtlichen Fällen mit zwar durchaus verschiede-nen, gleichwohl entweder floskelhaften oder geflissentlich verbrämten „Gründen“ für die Zurückweisung abgespeist wird. Kritik oder Lob werden gleichermaßen vermieden. So glaube ich etwa, hinter dem mehrmals ins Feld geführten Gesichtspunkt, ein solches Werk passe nicht in das betreffende Verlagsprogramm, verberge sich in der Regel das spontane Mißfallen an meiner sehr radikalen und respektlosen Gesellschafts- und Personenkritik. Das gibt aber niemand zu, so mutig ist man in heutigen Verlags-kreisen nicht. Der typische postmoderne Verleger will es sich eigentlich mit keinem verderben. Am liebsten würde er es allen recht machen, damit er an allen verdient. Tatsächlich verdient er selbstverständlich nur an trendge-rechten Produkten, wobei sich der „Trend“ zur Not auch in den sogenannten Nischen räkeln darf. Es sei denn, es winkt ein Riesenskandal.

Das Erschütterndste am Resümee meiner bisherigen Verlagssuche ist allerdings mein starker Verdacht, heutzu-tage komme es bei Literatur nur noch in letzter Linie auf Sprache an. Dazu mehr in dem folgenden Brief, den ich am 24. Oktober der Lektorin und Programmleiterin eines schweizer Verlages schickte. Er blieb bis heute unbeant-wortet.

Sehr geehrte Frau U.,
ich hatte Ihnen per Email einen Mordopfer-Reigen umrissen. Am 18. September winkten Sie ab, gaben mir jedoch Fingerzeige zu anderen Verlagen. Nach meinen Erfahrungen hat ein solches Echo Seltenheitswert. Die meisten Lektoren reagieren bei Nichtinteresse ohnehin überhaupt nicht. Also meinen Dank.

Kein & Aber (aus Ihren Empfehlungen) ließ sich das Manuskript nach einem Telefonanruf sogar kommen. Lektorin Z. versäumte es allerdings, mich zu warnen. Erst bei einer Rückfrage nach einem Monat erklärte sie mir, bei der gegebenen Eingangsflut betrage die durchschnittliche Bearbeitungszeit vier Monate. „Gerne melden wir uns bei Interesse bei Ihnen.“ Ja, nun. Hätte sie einen Knüller in meinem Manuskript gewittert, hätte sie es selbstver-ständlich vorgezogen. So aber wird sie vermutlich nie wieder von sich hören lassen – oder sehen Sie das anders? Jedenfalls habe ich mein Manuskript inzwischen und bis auf weiteres auf meine Webseite gestellt, wo es garantiert nicht von begierigen LeserInnenaugen abgenutzt wird.

Ich möchte die Gelegenheit dieses Dankschreibens zu einigen weiteren, die Sitten im Verlagswesen betreffenden Fragen mißbrauchen. Aus den wenigen Bescheiden, die ich bislang auf Manuskripte bezw. Offerten bekommen habe, schließe ich, oberstes Kriterium im deutschsprachigen Verlagswesen sei das Thematische, Inhaltliche. Die beliebte Floskel „paßt leider nicht in unser Programm“ meint vermutlich nichts anderes: dieses Thema, guter Herr R., interessiert unsere Kunden für keinen Pfifferling. Unter diesem Blickwinkel verzichten die meisten Lektoren natürlich darauf, sich auch noch das vollständige Manus-kript unterbreiten zu lassen – die „Projektbeschreibung“ in der Offerte des Autors genügt ihnen.

Als gleichermaßen aufsässiger und altmodischer Mensch kommt mir dabei allerdings der verstaubte Begriff der „literarischen Qualität“ in den Sinn. Sie scheint heute nicht mehr zu interessieren. Mit anderen Worten: die Vorstel-lung, ein Lektor ließe sich mit gutem Ausdruck, fesselnder Sprache, dichten Porträts, verblüffenden Beleuchtungen, ja selbst mit sorgfältiger Recherche betören, kann sich der Autor, seit einigen Jahrzehnten, abschminken. Das Thema muß interessieren. Selbstverständlich ist es zu 90 Prozent vom Jetztzeitgeist diktiert. Und es wird nie durch die Form interessant. Aber jede Wette in gewissen Fällen durch den Namen des Autors, wenn er beispielsweise Grass oder Enzensberger heißt. Oder liege ich mit dieser Skizze schief?

Gewiß darf man auch die sogenannten wirtschaftlichen Gesichtspunkte nicht außer acht lassen (während ich Ihnen Minute um Minute bares Geld raube). Die Kosten steigen unaufhörlich, ergo muß das Werk verkäuflich sein. Doch welchen Charakter haben diese Kosten? Die Argumentation mit ihnen setzt immer schon die fette Gestalt voraus, die sie im Laufe eines überschäumenden und immer maßloseren Kapitalismus angenommen haben. Ihre Assistentin will einen neuen Golf GTI fahren; Ihr Chef will das Verlagsportal mit Marmor verkleiden und ansonsten mehrmals jährlich zu Golfturnieren fliegen; und ja sicher, Ihr Autor möchte sich endlich ein Häuschen mit Blick auf den Vierwaldstättersee kaufen, wo die göttliche Astrid von Schweden (1935) von ihrem königlichen belgischen Gemahl in einem Packard 120 Coupé totgefahren worden ist.

Ich will nicht zu sehr vereinfachen. Einerseits war ich immer wütend auf die VerlegerInnen, weil ihnen die Manuskripte seit Jahrzehnten Woche um Woche säcke-weise aufgedrängt werden, ohne daß sie den kleinen Finger rühren müßten. Will dagegen ein Bäcker Brot backen, muß er Mehl bestellen. Andererseits bedauere ich die Verleger-Innen, weil sie möglicherweise öfter Manuskripte umsonst lesen müssen. Da kommen sie endlich zur Lektüre; sie investieren Stunden; sie finden den Text gut und schicken dem Autor eine Zusage. Der aber erklärt ihnen, in den zwei oder fünf verstrichenen Monaten habe er sein Manuskript längst woanders untergebracht, oder auch, er habe es inzwischen verworfen. Da machen Sie ein langes Gesicht.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, daß Sie soviel nun auch wieder nicht darin gelesen haben. Vielleicht haben Sie es eher überflogen. Ich nehme an, der heutige Verlagsbetrieb läßt seinen MitarbeiterInnen gar keine andere Wahl mehr als rasch, flüchtig, oberflächlich zu arbeiten. Die Orientierung am Thema unterstützt diesen Arbeitsstil wunderbar.

Ich breche hier schleunigst ab. Über Ihre Rügen oder Anmerkungen würde sich, früher oder später, freuen: H. R.

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Vielleicht darf ich bei dieser Gelegenheit noch etwas von dem Leid klagen, das SelbstverlegerInnen oder Blogger auf dem Hals haben. In fachlicher Hinsicht stehen sie nämlich in der Regel völlig allein. Sie können sich weder auf Lektoren noch auf Korrektoren stützen. Was das bedeutet, dürften die wenigsten „Konsumenten“ erahnen. Ich nehme stark an, im Laufe der letzten 15 Jahre habe ich allein für das Korrekturlesen eigener Texte und Buchmanuskripte ungefähr ein Jahr aufgewendet; ein ganzes Jahr voller Acht-Stunden-Tage nur fürs Korrekturlesen und Berichti-gen, also vom Verfassen der Texte und Buchmanuskripte höflich zu schweigen. Und immer drohend und grinsend dabei, auf der Schreibtischlampe hockend, das Recht-schreibgespenst – siehe weiter unten.

Was mir, als Autor, bereits an Nebel, Schlamm, Holprig-keiten, Gemeinplätzen, Wiederholungen, Fremdworten, Indiskretionen unterlaufen ist, bevor ich diese Mißstände früher oder später vielleicht, als Korrektor, wieder behob, wird mir noch im Grabesdunkel die Schamröte ins Gesicht treiben. Aber selbst als Korrektor hat man es ungeachtet jenes Aufwandes verdammt schwer – aus dem einfachen Grund, auch in dieser Rolle „natürlich“ noch immer der eigenen Befangenheit zu unterliegen. Ihr ist kaum zu entkommen. Der Selbstkorrektor hat sich unablässig zu zügeln, also zum langsamen, genauen und kritischen Lesen der ihm längst bekannten Texte anzuhalten, die ihm übrigens nicht selten schon buchstäblich zum Halse heraushängen. Und am Ende hat er doch wieder soundso-viele Mängel übersehen.

In diesem Zusammenhang ist mir noch ein anderer Nachteil aufgegangen. Die Freunde eines Autors haben oft das Pech, dessen erste LeserInnen zu sein – und leider bleibt es dann häufig auch dabei. Das heißt, wichtige Verbesserungen, die er später noch vornehmen kann, pflegen ihnen zu entgehen. Hierin verbirgt sich nebenbei der einzige Vorteil, der einem Internet-Selbstverleger geboten wird: er kann seine Texte jederzeit ändern, berichtigen, streichen, ganz wie er es für richtig hält. In einer Buchausgabe wären all die Mängel, die ich eben angedeutet haben, unerbittlich verewigt. In der Puppen-fabrik-Bibliothek habe ich kürzlich mein eigenes Buch Der Fund im Sofa entdeckt – es kostete mich einige Überwin-dung, es nicht zu stehlen und in den nächsten Altpapier-Container zu werfen. Zum Glück suchen die Kommu-narden ihre Bibliothek noch seltener als die Gothaer Bundeswehrkaserne auf. Sie schießen freihändig.



Zum Verlagswesen siehe auch
Die Kapitel „Lektoren“ und Die Zeit hat keine Farbe, in der 2. Hälfte des Beitrags
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