Donnerstag, 9. Juni 2016
Tall is beautiful
oder Anarchismus: eine Alternative

Geschrieben 2014, Umfang 14 Druckseiten


Leider ist auch das anarchistische Lager zwar kein großes, aber ein weites, zersplittertes, oft auch zerstrittenes Feld. Läßt es sich um einige Grundsätze konzentrieren? Ich hoffe doch. Ich versuche es einmal, zumal mir erst kürzlich ein früherer Mitkommunarde versicherte, er habe bis heute nicht begriffen, was ich eigentlich unter „Anarchis-mus“ verstünde. Das wirft kein gutes Licht auf etliche meiner bisherigen Texte. Oder auf ihn, weil er zu faul war, sie zu lesen.*

Der Anarchist will den mündigen, vielseitig gebildeten, gleichberechtigten, ungeknechteten Menschen. Deshalb verabscheut er Politik. Er will, daß sich die Menschen selbst regieren, wie sie es schließlich über weite Strecken der Menschheitsgeschichte bereits getan haben. Politik ist Stellvertretung und bringt früher oder später immer Herrschaft und Ungerechtigkeit mit sich. Das schließt selbstverständlich ein, daß der Anarchist auch keinen Staat und keine Bürokratie will. Kürzlich las ich von Fabri-kanten, die sich vor ungefähr 150 Jahren mit Begeisterung auf die Herstellung von Marmelade warfen, um so den Bürger- und Proletarierfrauen, die ja häufig ohnehin an Freizeitmangel litten, das Beerenpflücken und Einkochen zu ersparen. Man glaube aber nicht, es sei so einfach. Die Konkurrenz häkselt Äste in die Marmelade, womit sie bei Hunderten von Kunden und Kundinnen, darunter leider auch Arbeiterinnen der eigenen Branche, Bauchgrimmen und Todesfälle hervorruft. Wer soll dann die Marmelade noch verfüllen? Und kaufen? Deshalb muß der Staat eine KonfV erlassen, eine Verordnung über Konfitüren und einige ähnliche Erzeugnisse, die er natürlich alle paar Jahre, spätestens nach Neuwahlen, zu verbessern und im übrigen tagtäglich zu überwachen hat – ihre Einhaltung in den Fabriken und Supermärkten, meine ich. Aus dieser KonfV geht zum Beispiel hervor, wenn Sie 1.000 Gramm „Konfitüre extra“ aus Kaschuäpfeln herstellen, müssen Sie mindestens 250 Gramm Pülpe oder Fruchtmark verwenden, bei Passionsfrüchten dagegen nur 80 Gramm. Andererseits dürfen Sie Hasenködel oder Reißzwecken noch nicht einmal in Hagebutten-„Konfitüre extra“ streuen. Und so weiter.

Da die Möglichkeiten der Fahrlässigkeit und des Betruges in einer modern industrialisierten und globalisierten Nahrungsmittelproduktion riesig sind, nehmen die erforderlichen Verordnungen notwendig das Ausmaß der Regenwälder an, die ihr weichen mußten, und die Legionen der ÜberwacherInnen allein der „Konfitüre-extra“-Produktion könnte man wahrscheinlich kaum ins jeweilige örtliche Fußballstadion pferchen, weshalb es so viele Sportarten gibt. Die erholungsbedürftigen Bürokraten verteilen sich auch auf Rennbahnen und Golfplätze, die sich ja ebenfalls rentieren wollen. Im Ernst gesprochen, dürfte die sündhaft kostspielige Bürokratie des Kapitalis-mus ungeheuerlich sein. 1955 bescheinigte Erich Kuby Adenauers Privatbundeshauptstädtchen Bonn, es berge „unüberschaubar gewordene Heere“ von Staatsbedien-steten. Das ist knapp 60 Jahre her. Im heutigen Berlin fällt das Phänomen vielleicht keinem auf, weil sich die Staatsbediensteten mit ähnlich vielen, genauso gut und bequem gekleideten Touristen und Terroristen mischen.

Kommen noch viele Köter hinzu. So will ich mir zu diesem Gesichtspunkt der ausufernden Bürokratie noch den Hinweis auf einen jüngsten Leckerbissen erlauben. Nach Jerusalem führt jetzt auch Neapel aus ästhetischen und hygienischen Gründen (Kinder!) in ausgewählten Stadtteilen DNA-Pflichttests für Hunde ein. „Mit Hilfe der durch die Tests aufgebauten Hunde-Gendatenbank“, erläuterte die Presse Ende Januar, „soll ein neuer Kontrolldienst des städtischen Veterinäramtes die überall herumliegenden Kothaufen ihren Verursachern und damit den jeweiligen zweibeinigen Verantwortlichen zuordnen.“ Man gedenke von jedem gestellten Verantwortlichen pro Hundehaufen 154,90 Euro einzuziehen. Das ist happig, trotzdem glaube ich nicht, daß es alle durch die Reform neugeschaffenen Kosten auch nur zu einem Drittel deckt.

Das Schlimmste, das uns der bürgerliche Staat mit all seinen Gesetzen und Verordnungen zumutet, sind freilich nicht die materiellen, vielmehr die moralischen Kosten. Auf diesen Umstand habe ich bereits in einigen Rechts-fällen hingewiesen, Stichwort Buchstabengläubigkeit. „Das Gesetz“ ist ein Plattmacher obersten Ranges, weil es stets auf alle oder jedenfalls viele Köpfe passen soll und die Menschheit für die Qualität des Einzelfalles taub und gefühllos macht. Darin weiß es sich mit dem führenden politökonomischen Plattmacher der Moderne einig, dem Tauschwert, und entsprechend brachten es beide zum selben Heiligenschein. Wie sich versteht, ist diese sakral angestrichene Holzhammermethode für den Anarchisten unannehmbar. Von seinem natürlichen Riecher für Gut und Böse geleitet, betrachtet und beurteilt er immer nur leibhaftige Menschen und konkrete Situationen, und siehe da, wenn A. und B. dem Anschein nach dasselbe tun, ist es in Wahrheit häufig keineswegs dasselbe. „Das Gesetz“ akzeptiert dies nur in dem großen Ausnahmefall, wo ein Bundeswehrsoldat zwar nicht seine Schwiegermutter, aber den Feind seines Vaterlandes erschießen darf. Ansonsten hat ein jeder auch die zivilen Befehle=Vorschriften blind zu befolgen. 1962 zu Besuch im ehemaligen KZ Dachau, zeigt sich Erich Kuby erschrocken davon, daß in den dortigen Baracken Leute wohnen. Nur nicht direkt im Krematorium. Tja, es gab eben noch Wohnungsnot – dafür keinen Paragraphen, der das Wohnen in ehemaligen KZ-Baracken (oder in ausgedienten Krematorien) untersagte. Kuby erinnerte sich an einen zugeflüchteten Maurer, der sich in einer bayerischen Kleinstadt ein Häuschen errichtet hatte, ehe er die amtliche Genehmigung dafür besaß. Das Haus wurde abgerissen. „Er hätte ins Dachauer Lager ziehen sollen – hier darf er wohnen. Das stört niemand.“

Sprechen wir von Pauschallösungen, sind Großstädte nicht fern. München hat bald anderthalb, die Metropolregion Neapel drei bis vier Millionen EinwohnerInnen. Ich lenke darauf, weil meine Aufzäumung des Themas „Anarchis-mus“ den Gedanken unterstreicht, unabdingbare Vorausetzung herrschaftsfreier und gerechter Verhältnisse seien überschaubare Verhältnisse. Das wiederum bedeudet zweierlei: die Verhältnisse müssen zugleich einfach und klein sein. Ein Riesenschiff wie die Titanic, für über 2.000 Fahrgäste gebaut, läßt sich, bei diesen Ausmaßen und dieser Technik, unmöglich „basisdemokratisch“ betreiben. Deshalb wies es allein eine knapp 900köpfige Besatzung auf, vom Hilfsheizer bis zum Kapitän. Erst recht wird das nicht mit Europa gelingen. Kommunisten werden vermutlich widersprechen. Zumindest vor 1990 scheinen die Dinge weltweit einfach und wohlgeordnet genug gelegen zu haben, um sogar einem schlichten Gemüt wie Boris Jefimow das Mitkommen zu ermöglichen. Der Karikaturist habe der Politik zu dienen, zitiert ihn Laura Weißmüller in ihrem Nachruf für die SZ. Folglich hatte der SU-Staats-Karikaturist, der erst kürzlich, am 1. Oktober 2010, im Alter von 108 Jahren in Moskau das Zeitliche segnete, den Kampf gegen den internationalen Trotzkis-mus und später den „Kalten Krieg“ über Jahrzehnte hinweg mit Zeichnungen befeuert, die in den Druckereien von Iswestija, Prawda und so weiter gar nicht mehr klischiert werden mußten. Als er bereits die 100 über-schritten hatte, soll er geseufzt haben: „Obwohl ich so viele Epochen, Kriege, Revolutionen und Gegenrevolutionen gesehen habe, reicht meine Lebenserfahrung nicht aus, um das heutige Durcheinander zu verstehen.“

Wer wirklich anarchistische Verhältnisse herbeiführen möchte, wo auch immer, sollte sich also beizeiten über-legen, was er beispielsweise mit der sogenannten Deutschen Bank anstellt. Der Tageszeitung Die Welt vom 25. Juli 2013 zufolge gilt sie gegenwärtig, nach der Bilanzsumme, als drittgrößtes Finanzinstitut dieses Planeten. Selbstverständlich ist sie seit langem „global“ tätig. Ihr Hauptgeschäft, den Betrug, betrieb sie bereits mit ihrer Gründung, 1870, indem sie just unter jenem Namen erschien, der Staats- oder gar Volkseigentum vorspiegelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg empfahlen die US-Militär-behörden aufgrund einer Untersuchung der Schwerver-brechen dieses Privatunternehmens dem Nürnberger Tribunal, es zu liquidieren, die Verantwortlichen als KriegsverbrecherInnen vor Gericht zu stellen und sämt-liche übrigen leitenden MitarbeiterInnen von Führungs-positionen in der demokratischen Marktwirtschaft auszusperren. Das führte lediglich zu einer vorübergehen-den, auch schon wieder vorgetäuschten „Entflechtung“ der Bank. Näheres läßt sich, bei Bedarf, unter anderem Büchern von Eberhard Czichon (Die Bank und die Macht, 1995) und Hermannus Pfeiffer entnehmen. Eine Freundin schreibt mir soeben, neulich sei im Kino ein ziemlich guter Dokumentarfilm über einen ausgestiegenen Investment-banker gelaufen, Master of the Universe. Der Mann habe gesagt, die Bilanzen der Deutschen Bank verstehe niemand mehr. Das heißt, eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft verstehe schon, was da warum stünde, aber eben kein einzelner Mensch mehr. „Wir befinden uns also grund-sätzlich im Modus des Blindflugs“, schließt die Freundin, die selber ein kleines Unternehmen leitet.

Ich fürchte, sie hat recht. Im Dschungel der bestehenden Welt haben lediglich Schlauberger und Verschlagene gute Chancen. Und natürlich Gewalttätige aller Art. Zu sämtlichen Sorten zählen, neben den Bankern, auch die Kommunisten, und zwar keineswegs nur solche, die die russischstämmige US-Bürgerin Emma Goldman um 1920 in der Sowjetunion von einer Bestürzung in die andere fallen ließen. Ich füge hier ein vergleichsweise bedeu-tungsloses, gleichwohl unvergeßliches Erlebnis aus meiner letzten Kommune hinzu. Dort war einmal ein Mann um 30 zu Gast, der sehr stolz auf seine KPD-Großmutter war und bereits nach Kräften in ihre Fußstapfen trat, also jeden Kommunarden, der ihm außerhalb des Plenums in die Arme lief, eifrig agitierte. Da er aber immerhin den Plenumsfrieden und die ungeschriebene Hausordnung achtete und eigentlich ein netter Mensch war, der über Charme, einen Schatz von Anekdoten und sogar literarisches Talent verfügte, war mir seine Gesellschaft gar nicht so unlieb. Doch zuletzt warf er mir immer hartnäk-kiger meinen „Individualismus“ vor. Das sei eine echte Krankheit. „Na gut“, räumte ich lächelnd ein, „aber meine Mitkommunarden erdulden sie.“ Nein, das müsse kuriert werden. Dabei lächelte er ebenfalls – wie gesagt, er war ein charmanter Kerl und hatte sich irgendwie auch für mich erwärmt. Doch dann schien mir, sein selbstironisches Lächeln gehe kaum merklich in ein diabolisches über, bei dem mir recht mulmig zumute wurde. Ich hatte nämlich nachgehakt: „Wenn ich aber nicht kuriert werden will ..?“ – „In unserer Kommune, lieber Henner, als mein proletarischer Kampfgenosse, müßtest du wollen“, sagte er mir mit diesem Lächeln geradewegs in die Augen.

Selbstverständlich stellen auch Drohungen bereits Gewalt dar. Die Anarchisten streben aber bekanntlich friedliche Verhältnisse an. Daraus folgt eine Forderung, die ich andernorts schon öfter angeführt habe: Übereinstimmung von Denken und Handeln und damit auch von Ziel und Weg. Das heißt, die Mittel müssen von der Art der Zwecke sein oder dürfen ihnen jedenfalls nicht Hohn sprechen. Bin ich auf den freimütigen und aufrichtigen Menschen aus, kann ich ihn nicht mit den Mitteln jener Fallenstellerei und jenes Verrats zu erreichen suchen, die wir aus vielen hundert Jahren politischer Kämpfe bis zum Überdruß kennen. Von den sogenannten Grünen, die noch vor kurzem von der erwähnten Freundin gewählt worden sind, kennen wir sie auch. Diese taktischen Mittel würden uns nicht zum freimütigen und aufrichtigen Menschen führen, vielmehr zu jenen Bananenlutschern und Wendehälsen, die sich von Kohl und Vogel um 1990 aus den ostdeutschen Blaufichtenhainen locken ließen.

In diesem Lichte habe ich, um noch einmal auf die Deutsche Bank zurückzukommen, an der nachfolgend geschilderten Kampftaktik aus dem Saal eines bekannten Rathauses nichts auszusetzen. Im Dezember 2013 wurde im Frankfurter Römer eine Gedenktafel zum Auschwitz-prozeß eingeweiht. Nach diesem Akt schritt Jutta Ditfurth, einzige Stadtverordnete der ÖkoLinX-Antirassistischen Liste im Römer, zu einer im selben Saal angebrachten Tafel mit den Namen Frankfurter EhrenbürgerInnen und überklebte den Namen des früheren Chefs der Deutschen Bank Hermann Josef Abs, gestorben 1994 mit 92 Jahren, mit einem Papierstreifen, auf dem zu lesen war: „Abs war Chefbankier der Nazis und mitverantwortlich für Krieg, KZ, Massenmord, Raub und Versklavung. Max Horkhei-mer und Fritz Bauer sollen durch die Nähe zu seinem Namen nicht beleidigt werden.“ Wie sich versteht, erntete sie seitens aller anwesenden staatstreuen PolitikerInnen wütende Proteste. Ein Hausmeister entfernte den Klebestreifen. Ditfurth kündigte die Wiederholung ihres offiziellen Antrages im Stadtparlament an, Abs die Ehrenbürgerwürde wieder abzuerkennen. Vermutlich wird er scheitern wie der erste.

Eigentlich habe ich an Jutta Ditfurth überhaupt wenig auszusetzen – sofern ihr Handeln einigermaßen dem Interview mit ihr entspricht, das am 24. Januar dieses Jahres in Telepolis zu lesen war. Danach teilen wir in vielen wesentlichen Punkten die Positionen. Mit Jahrgang 1951 ist Ditfurth auch nur geringfügig jünger als ich. „Das Wesen des Kapitalismus ist es, die beiden einzigen Spring-quellen des Reichtums um den Preis ihrer Zerstörung maximal zu verwerten: die menschliche Arbeitskraft und die Natur.“ Selbstverständlich werde das eifrig verbrämt, so lange es nur gehe. Ein Löwenanteil der Grausamkeit findet zum Beispiel „weit weg“ statt, „ausgelagert“ nach Übersee. Offenbar sieht Ditfurth im Kapitalismus, den sie für erstaunlich wandlungsfähig und nicht zuletzt deshalb für unreformierbar hält, das Hauptübel der Menschheit. Mit dem „Fall der Mauer“ (sprich: Knacken der Ostblock-Konkurrenz) konnte er sein soziales Mäntelchen fallen lassen; mit dem Jugoslawienkrieg 1999 auch das pazifistische. Spätkapitalismus bedeudet Konsumenten- statt Schafzucht, extreme Entsolidarisierung, Angst. Das „revolutionäre Subjekt“ der Kommunisten, die berüchtigte Arbeiterklasse, hat ausgedient. Der staatlich geförderte Neofaschismus findet seinen Nährboden überall. Wir befinden uns auf dem Weg in den Elends- und Polizeistaat. Für die rebellischen Minderheiten hält Ditfurth an der antiautoritären Organisation fest, „Rätestruktur“. Nein, sie resigniere nicht. Aber sie klammert das Phänomen tall ist beautiful aus, das ich hier behandelt habe, also der allseitigen Übermächtigkeit der Verhältnisse – sonst müßte sie vermutlich resignieren.

Für den Februar kündigt Ditfurth eine Vortragsreise durch Ost-Thüringen an, im Raum Jena, Saalfeld, Altenburg: eine Herzgegend des Neofaschismus. Lebt sie nicht ziem-lich gefährlich? Hat auch sie schon LeibwächterInnen? Oder wird sie stets von ihrem Weg- und Lebensgefährten Z. begleitet, einem Journalisten, den etliche Internet-Quellen unverhohlen mit Namen anführen? Nichtpromi-nente wie ich mögen im Schatten stehen – aber da sieht und verhaut man sie auch nicht so leicht.

Laut der Welt vom 29. November 2012 wird Ditfurth in einer populären Fernsehsendung gefragt, ob bei ihren Geißelungen von „rotgrünen“ Ex-MitstreiterInnen nicht eventuell Neid mitschwinge. Antwort: „Ich hätte doch alle Möglichkeiten gehabt. Aber ich finde diese Welt langweilig, sozial verächtlich, in Teilen rassistisch, unglaublich hart gegenüber den Opfern der eigenen Politik.“ Ditfurth war 1991 aus ihrer Partei Die Grünen ausgetreten, falls es LeserInnen nicht wissen. Sie hatte sie 10 Jahre früher mitgegründet und ihr streckenweise als Bundessprecherin gedient. Dem vergleichsweise jungen Wirtschaftsredakteur der FAZ Jan Grossarth zufolge (Jahrgang 1981, Artikel vom 30. April 2012) ist sie inzwischen „Grand Dame“ einer „gewaltbereiten Linken“, die bekanntlich gerade in Metropolen wie Ffm am liebsten Fensterscheiben bei Banken einwirft. Die Banken und der Kapitalismus überhaupt sind demnach nicht gewaltbereit. Geschweige denn, sie seien gewalttätig, etwa ganzen asisatischen oder lateinamerikanischen Volkswirtschaften gegenüber. Und dann wundern sich solche Journalisten noch, wenn sie gelegentlich angespuckt oder sogar geohrfeigt werden.

Im Gespräch am Tisch eines Cafes in der Brückenstraße habe er mit Ditfurth freilich eine offene, warmherzige und gebildete Frau vor sich, lenkt Kollege Grossarth ein. Er bestätigt ihre Aussage, im Bedarfsfall hätte sie ja durchaus Karriere machen können. Er bescheinigt Ditfurth Stolz auf ihre Prinzipientreue. Ja mehr noch, ihre Bücher hätten etwas Selbstgefälliges, meint Grossarth. Ich kann es nicht beurteilen, weil ich Ditfurths Bücher nicht gelesen habe. Ich wäre allerdings kaum verblüfft, wenn mir Grossarth in dieser Hinsicht wenig voraus hätte. Er stellt weiter fest, es gebe auch eine Arroganz der Ohnmacht. Man könne die (angeblich ehrenamtliche) Stadtverordnete schlecht als Politikerin bezeichnen, sie sei eher ein politisches Kunstwerk. Sie selber nenne sich seit längerem Publizistin. „Ihr Geld verdient sie mit Büchern; manchmal wird sie in Talkshows eingeladen oder als Referentin gebucht, neulich diskutierte sie auf einer Bankentagung. Auch das Dagegen-sein ist ein Geschäftsmodell. Mehr als 15 Bücher hat sie geschrieben.“

Das scheint jedoch nicht auszureichen, sonst hätte sich Ditfurth, neben den Talkshows, auch das Stelldichein mit dem FAZ-Agenten verkniffen, das ihr vermutlich mehr als nur einen Freikaffee einbrachte. Selbst das Amt einer mainischen Stadtverordneten ist nicht so naturrein ehren-voll, wie der Laie gewöhnlich meint. Als solche bezieht Ditfurth eine monatliche, soweit ich weiß steuerbegün-stigte „Aufwandsentschädigung“ von mindestens 940 Euro.** Allein davon könnte einer wie ich wie ein Fürst leben, falls er kein Anarchist wäre. AnhängerInnen Ditfurths werden freilich wütend einwenden, sie stecke doch alles in die Politik.

* Zum Beispiel hätte er sich, wie mir erst jetzt einfällt, meinen am 21. Januar 2005 im Wochenblatt Freitag erschienenen Artikel Schwarzrot ist die Haselnuß zu Gemüte führen können. Die Puppenfabrik-kommune hatte das Blatt abonniert. Der Artikel ist, in dieser archi-vierten Form, nicht Bestandteil meiner Ausgewählten Zwerge.
** FR 22. Dezember 2008

Aus dem selben Jahr 2014 der folgende Beitrag.



Geld ohne Wert

Sind anarchistische Gesellschaftskonzepte in Sicht, die über verschwommene Heilsversprechungen à la „ein besseres Leben“ hinausgingen? Ich hatte mir in dieser Hinsicht erst kürzlich einiges vom letzten, 2012 posthum veröffentlichten Buch unseres antikapitalistischen Theoretikers Robert Kurz versprochen, doch ich rate von der Lektüre ab. Sein Werk Geld ohne Wert ist furchtbar geschrieben, und entsprechend dürftig ist dessen Ertrag. Zwar betont Kurz im vorletzten Kapitel zunächst, niemand könne sich Nation, Staat und staatssozialistische Planwirt-schaft zurückwünschen, womit er vermutlich immerhin die Genossen von der Jungen Welt vor die Birnen stößt. Doch dann kommen nur noch ein paar Seifenblasen. „Eine bewusste gesellschaftliche Planung der Reproduktion nach sozialen Bedürfnissen und stofflichen Gütern kann weder abstrakt 'zentral' noch ebenso abstrakt 'dezentral' kleinräumig organisiert sein, sondern sie wird sich ganz einfach auf verschiedene Räume mit verschiedener Reichweite verteilen, und zwar gemäß den sachlichen Erfordernissen einer vielfältig gestaffelten Produktion von 'konkretem Reichtum'.“ Ganz einfach ..! Als Beispiel führt er einerseits Gemüse an, das sinnvollerweise jeweils an Ort und Stelle zu verarbeiten und zu verzehren ist, statt es durch die halbe Welt zu schleusen; andererseits Stahl-werke, die man sicherlich nicht überall errichten, sondern hier und dort konzentrieren wird. „Und Infrastrukturen wie Kommunikationsnetze oder Verkehrsverbindungen können sowieso nur großräumig organisiert werden.“ Also das schon. Es gibt somit „mehrere Planungsebenen“, klein- bis großräumige, doch sie alle werden sich „nicht mehr auf einen Staat beziehen“. Sondern? Auf Haufen sympathi-scher BewohnerInnen Sachsens oder des einen oder anderen Balkanwinkels, denen nur das Gemeinwohl am Herzen liegt? Auf Robert Kurz, der die Planungsebenen und Haufen von seinem Computer aus koordiniert?

Wie sich hier Chaos, Vergeudung, Mißbrauch, Herrschaft, Unrecht und Ärger ohne Ende vermeiden ließen, deutet Kurz mit keinem Komma an. Ein freundlicher Mensch könnte einwenden, ich selbst hätte ja in Konräteslust gezeigt, „daß es ginge“. Aber erstens umfaßt meine Freie Republik Konräteslust lediglich 3.000 Leute, die weitgehendst an einem (anarchistischen) Strick ziehen; zweitens ist sie von wohlwollenden, sie schützenden, oder jedenfalls von nicht aggressiv gestimmten deutschen Gemeinden und Bundesländern umgeben. Beides ist selbstverständlich Utopie. Faktisch hat schon ein Ländchen wie Bosnien und Herzegowina eine in zahlreiche Schichten, Interessen und Bildungsgrade gespaltene Bevölkerung von knapp vier Millionen, und es liegt bereits vor jedem Beschuß durch Drohnen oder Mittelstrecken-raketen unter einem dichten, nie abreißenden propagan-distischen und kriminaltaktischen Trommelfeuer, für das noch einmal so viele, gern auch heftig miteinander konkurrierende Agenten des internationalen Kapitals sorgen, ob sie sich nun Journalisten, Diplomaten oder Menschrechtsaktivisten nennen.

In Wien wird die Fahne der „Wertkritik“ (Gruppe Krisis) von Robert Kurz' früherem Mitstreiter Franz Schandl und einigen anderen Genossen hochgehalten, die seit vielen Jahren gemeinsam die Zeitschrift Streifzüge machen. Ihre Auskünfte über den Bau der alternativen Gesellschaft und die Treppen, die zu ihm führen, scheinen leider auch nicht konkreter zu sein als die von Kurz, dem Todfeind aller Abstraktionen. Im Oktober 2013 brachten sie ein Manifest mit dem Titel Repariert nicht, was euch kaputt macht! „Gegen das bürgerliche Dasein – für das gute Leben.“ Ich empfehle die Lektüre, weil es im Gegensatz zu Kurz' letzten Abhandlungen les- und sogar genießbar ist. Selbst an den darin vertretenen Positionen, die Kampfansage an jede Politik und jeden Reformismus eingeschlossen, habe ich nichts auszusetzen. Doch wie führen wir den Kampf, falls er denn unvermeidlich ist? Wie kommen wir zu gegen-gesellschaftlichen Strukturen, die weder in „grünen“ Sümpfen noch in Blutbädern enden? Wie verhindern wir die selbstmordreife Entmutigung der KämpferInnen gegen die Zumutungen der Warenproduktion? Da haben sie dieses schöne Manifest gelesen – und nach einigen Monaten oder Jahren müssen sie feststellen, daß es hinten und vorne an geeigneten Instrumenten zu seiner Umset-zung mangelt. Vermutlich wird ihnen dann auch der Glaube an den „Sieg“ recht bald abhanden kommen.

Im Grunde, so fürchte ich, handelt es sich auch bei diesem gut gemeinten und gut geschriebenen Manifest der Streif-züge lediglich um eine elegant gestreckte Durchhaltepa-role. Von dieser Sorte Text hat es in 100 Jahren schon Tausende gegeben. Zwar fehlen uns sämtliche Rettungs-ringe, von Harpunen ganz zu schweigen, aber wir sollen uns nicht unterkriegen lassen. Vielleicht ist es sogar unverantwortlich, so etwas in die Welt zu setzen. Es verleitet zu Illusionen, falschen Einschätzungen, Fehlern – Katzenjammer. Man wird vielleicht höhnisch einwenden: Ja, sicher, wer gar nichts tut, kann auch nichts falsch machen. Worauf ich erwidere: Wir stehen nicht am Anfang. Wir haben viele Jahrzehnte des Klassenkampfes, der Räte- und Kommunebewegung, der indigenen Kämpfe und der Verweigerung hinter uns. Diese Erfahrungen gälte es zu sichten, zu beurteilen, fruchtbar zu machen oder zu verwerfen, bevor man neue Aufbrüche vorschlägt. Ich will nicht ausschließen, daß man, etwa bei Krisis, mit dieser Sichtung bereits begonnen hat – aber wenn sie so mager ausfällt wie Franz Schandels Abkanzelung der sozialen Bewegungen, die ein halbes Jahr vor jenem Manifest in den Streifzügen zu lesen war, sollten sich unsere linksradikalen TheoretikerInnen vielleicht doch lieber der Gymnastik oder dem Snookerspielen widmen, das wäre zumindest für sie selber gesünder.

Schandl geht zurecht, wie ich meine, davon aus, „Bewe-gungen“ wie Attac, Occupy und „Bürgeriniativen“ aller Art seien nicht nur ungeeignete Instrumente für die Beiseiti-gung der kapitalistisch verfaßten Demokratie, sondern hülfen im Gegenteil kräftig dabei, diese zu reformieren, also zu erneuern. Schandls Alternative ist der Aufstand. „Der Aufstand soll natürlich nicht als Akt der Machtübernahme verstanden werden, sondern als Werk der Selbsterhebung. Improvisationen und Experimente erzeugen Situationen, die spüren lassen und zeigen, dass es anders ginge, dass das gute Leben keine Utopie ist, sondern geschaffen werden kann. Hier und jetzt und morgen noch viel mehr.“ Schandl empfiehlt also eher Stillstand oder Innehalten statt Bewegung, wie es alle Verweigerer vor ihm auch schon taten. „Die Transfor-mation der bürgerlichen Gesellschaft wird sich außerhalb antiquierter Muster vollziehen.“ Diese Feststellung entbindet ihn günstigerweise von der Notwendigkeit, auf ein paar Mittel und Wege zu sinnen, wie die Transfor-mation einigermaßen verlustarm und erfolgversprechend bewerkstelligt werden könnte, d.h. er ist nicht klüger als Kurz, er schreibt nur besser. Vielleicht wäre es redlicher, sich die durchaus alte Riesenklemme einzugestehen, an der ich unsereins allmählich notwendig scheitern sehe: wollen wir verhindern, durch Eingreifen, ob per USPD, APO oder „soziale Bewegung“, von den übermächtigen Strukturen des Systems aufgesogen und in kapitales Fleisch verwandelt zu werden, wird uns das boykottierte System erfreut und grausam an seine Ränder und in die Sickergruben der Weltgeschichte drängen. Man wird vielleicht schreien, wir hätten beides zu tun, es sei dialektisch. Aber um diese Dialektik, sprich: Zerreißprobe durchzuhalten, ohne umzufallen, muß man sehr stark, sehr geschmeidig sein.

Damit komme ich noch einmal auf Schwächen und Stärken der Arbeit Geld ohne Wert des Robert Kurz zurück. Ja, sie hat ein paar Stärken. Hier wäre an erster Stelle Kurz' Hinweis auf den Zusammenhang der Herausbildung des Frühkapitalismus mit der Erfindung der Feuerwaffen und dem entsprechend massiven Festungsbau, also mit einer bis dahin unbekannten Rüstungsproduktion zu nennen. Für Kurz verdankt sich die marktwirtschaftliche Funktion des Geldes (das es bereits vorher gegeben hat, als „Geld ohne Wert“ nämlich) in erheblichem Maße diesem gewaltigen Rüstungsschub, der ohne Staat, Steuern und eben Geld in Unmengen gar nicht zu finanzieren war, wie Kurz im sechsten Kapitel seines Buches darlegt. Damit bekräftigt er die bekannte linksradikale Diagnose von der innigen Ehe zwischen Kapitalismus und Krieg. Zu ihr zählt auch eine wichtige Entsprechung, die Kurz zumindest andeutet, nämlich zwischen einer nun „abstrakten“ Kriegsführung mit Hilfe der Distanzwaffen und einer auf „Arbeit an sich“ und „reiner Zahlungskraft“, also auf dem berüchtigten Wert beruhenden Warenproduktion. Erst hier entstehen die geheiligten Selbstzwecke und krank machenden Entfremdungen des modernen „Wirtschaf-tens“. Wie sich versteht, war und ist die menschliche Rüstungsproduktion ein ungeheuerlicher „Ressourcen-fresser“, wie Kurz dazu sagt, aber daran haben sich bislang noch alle USPDs, APOs und Sozialen Bewegungen gut gewöhnen können.

Der sakrale Zug des Kapitalismus stellt freilich nichts wirklich Neues dar, wie ebenfalls von Kurz zu erfahren ist. Irgendwelche Götter braucht die Menschheit offenbar immer. Machen uns Darwin & Nachfahren Christus oder Allah tot, heben wir Wert auf den Thron, flankiert von den Engeln Wachstum und Effizienz. Kurz erinnert im fünften Kapitel (auf das er im 20. noch einmal zurückkommt) an den Ursprung des Geldes im (Menschen-)Opfer. Wer diese Erklärung annimmt, wird sich nie mehr über Wounded Knee, Auschwitz, Hiroshima und die erst auf uns zukommende Barbarei wundern. Kurz scheint die letztere für ähnlich unausweichlich wie den unter Linken seit vielen Jahrzehnten heiß diskutierten „Zusammenbruch“ des Kapitalismus zu halten, der für Kurz notwendig an seinen Selbstwidersprüchen zugrunde gehen muß. Aber in diese Diskussion werde ich mich nicht einmischen.

Damit komme ich zu weiteren Kurz'schen Schwächen. Mir ist es nämlich scheißegal, ob Kurz in diesem Punkt oder auch in anderen Punkten recht hat. Für mich ist jeder Tag Kapitalismus ein Tag zu viel, also verdamme und bekämpfe ich ihn unabhängig von der Frage, ob er viel-leicht in 17 Jahren sowieso „von allein“ zusammenbricht. Mir ist es genauso scheißegal, ob Marx und Engels in 100 wichtigen Fragen oder nur in 38 oder 11 wichtigen Fragen recht hatten. Dagegen scheint es Robert Kurz keineswegs gleichgültig zu sein. Mir hat sich jedenfalls zunehmend der Verdacht aufgedrängt, er drischt deshalb unablässig, jedoch über weite Strecken spitzfindig und fruchtlos auf die „Abweichler“ oder „Versöhnler“ der sogenannten Neuen Orthodoxie und der sogenannten Neuen Marx-lektüre ein, weil er gerne der Marxismus-Kenner und Marx-Engels-Exeget wäre, also der sprichwörtliche Cheftheoretiker. Er muß von der Blindheit oder der Heimtücke seiner ideologischen Gegner besessen gewesen sein und Tag und Nacht auf Widerlegungen gebrütet haben. Wahrscheinlich träumte er von einer neuen wahren Marx-Schule, die freundliche Menschen am Ende des 21. Jahrhunderts der Kürze halber auf den Begriff des Kurzismus bringen würden. Auch Schandl deutete (im Juli 2012) in seinem Nachruf auf Kurz eine kräftige Neigung unseres linken Nürnberger Trichters zum Rechthabertum an, obwohl der Genosse aus Wien diesen Text, wie ich finde, ausgesprochen fair gehalten hat.

Wie drei oder vier Eingeweihte wahrscheinlich sofort bezeugen würden, habe ich auf Kurz' Schwarzbuch Kapitalismus immer große Stücke gehalten. Im Vergleich zu Geld ohne Wert stellt diese bahnbrechende umfang-reiche Arbeit von 1999 sogar ein Gedicht dar, denn sie ist gut geschrieben. Hier dagegen übertrumpft sich unser Kämpfer gegen alle Abstraktionen mit unanschaulichen und buchstäblich beispiellosen Sätzen, daß es eine wahre Wonne wäre, sein Werk nach einigen Seiten gleich wieder in die Ecke zu werfen. Hinzu kommen viele unsorgfältige, ungenaue, schematische Formulierungen. Kurz-JüngerInnen oder Kurz' Lebensgefährtin Roswitha Scholz werden das vielleicht mit dem skizzenhaften oder fragmentarischen Charakter der Arbeit, also mit Kurz' unerwartetem und skandalösem Tod rechtfertigen (siehe am Schluß), aber dafür kann ich mir auch nichts kaufen, ganz im Gegensatz zum Horlemann-Verlag, der zur Stunde womöglich schon die vierte Auflage vorbereitet.

Ich schließe mit Kurz' Vorliebe für geballte Anwendung von Fremdworten, womit er sich vermutlich im angemes-senen Rüstungswettlauf mit 7.000 anderen linken Theo-retikern befindet, die emsig beschossenen „Orthodoxen“ und „Lektürierten“ eingeschlossen. Die lesen sowas immer gern. Wie ich schon früher andernorts bemerkte, lehne ich Fremdworte nicht ab, weil sie aus einer anderen Sprache stammen, sondern weil sie unanschaulich sind. Im Falle gesellschaftskritischer Abhandlungen kommt hinzu: spicke ich diese mit Fremdworten, verkommt die Gesellschafts-kritik zur Geheimwissenschaft. Das entspringt Standesdünkel, wie beim Jägerlatein, und verrät die Lust an herrischem Gebaren, das auf Eindruckschinden, Einschüchterung, Gefolgschaftstreue setzt. Nehmen wir, um den Gegensatz zu veranschaulichen, die folgenden wenigen Prosasätze, die wahrscheinlich sogar ein Trottel wie Heinrich Lübke auf Anhieb verstehen und belächeln würde. Sie stammen von mir.
Ich fürchte, die Kluft zwischen Edith und mir ist nicht mehr zu überbrücken. Linus ist ihr offensichtlich wichtiger. Sie bevorzugt ihn schon bei Tische, da winkt bereits das Bett. Dabei sieht jeder unbefangene Beobachter sofort, daß dieser Linus ein unbeständiger, in der Regel freilich dünkelhafter, kurz ein überflüssiger Stoffel ist. Sie jedoch, Edith, zaubert die Hemmungen, die er schon beim Verzehren einer wuchtigen Thüringer Rostbratwurst zeigt, durch ein aufmunterndes Lächeln weg; legt seine abirren-den Blicke als Inbegriff des Weltmännischen aus; verniedlicht die Schweißperlen, die sich auf seinem Mondgesicht ansammeln, zu besonders reizvollen Sommersprossen und wiegt ihn dergestalt stillschweigend und von einer Mensamahlzeit zur anderen in jener bereits von mir befürchteten Gewißheit auf eine echte Liebschaft. Ich glaube schon fast selber daran. Sie wird sich auf dieses Weichei versteifen. Sie wird mich im Stich lassen, ja mehr noch, mich ein für allemal aus ihrem Leben tilgen. Ich ahnte es schon immer, die Sitten sind verwildert. Das wird eine schönes Paar werden, der Bratwurst-stoffel und sie, die dumme Kuh!
Was aber macht ein Robert Kurz daraus?
Ich fürchte, die Diskrepanz zwischen Edith und mir ist nicht mehr zu überbrücken. Linus ist ihr offensichtlich relevanter. Sie favorisiert ihn schon bei Tische, da winkt bereits das Bett. Dabei sieht jeder nicht affizierte Beobachter sofort, daß dieser Linus ein inkonsistenter, in der Regel freilich distinktionierter, kurz ein reduntanter Stoffel ist. Sie jedoch, Edith, eskamotiert die Friktionen, die er schon beim Verzehren einer veritablen Thüringer Rostbrat-wurst zeigt, durch ein affirmatives Lächeln; interpretiert seine erratischen Blicke als Inhärenz des Weltmännischen; minimiert die Schweißperlen, die sich auf seinem Mondgesicht aggregieren, zu aparten Sommersprossen und wiegt ihn dergestalt implizit und sukzessive in jener bereits von mir befürchteten Gewißheit auf eine veritable Liebschaft. Ich glaube schon fast selber daran. Sie wird sich auf dieses Weichei kaprizieren. Sie wird mich desavouieren, ja mehr noch, mich ein für allemal aus ihrem Leben eliminieren. Ich ahnte es schon immer, die Sitten sind anomisch geworden. Das wird eine schöne Dichotomie werden, der Bratwurststoffel und sie, die dumme Kuh!



Zum Anarchismus siehe auch
>Gewalt >Größe >Hunde >Inseln >Kommune >Mün-chener Räterepublik >Spanienkrieg
Schreckbild des Bombenlegers bei Fanny Kaplan
Zwergrepubliken
„Privatsphäre“
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