Donnerstag, 9. Juni 2016
Rembrandt und der Fortschritt
Geschrieben 2013


Der Fortschritt verlangt Opfer. Bin ich auf Kupfer oder Uran scharf, muß ich es den „Niggern“ am Kongo wegneh-men, und zu diesem Zwecke wiederum bedarf es größerer Mengen Schußwaffen und Schießpulver, die natürlich auch einmal nach hinten losgehen können. In Rembrandts Kindheitsstadt Leiden explodierte am 12. Januar 1807 ein mit 17.400 Kilogramm Schießpulver beladenes Schiff. Neben rund 220 zerstörten Häusern wurden 151 Tote und über 2.000 Verletzte gezählt. Rembrandt selber lag da schon längst unter der Erde, aber fromm wie er war, hatte er gegen die Versicherung, das Leben sei kein Deckchen-sticken und dürfe es auch nicht sein, sicherlich nichts einzuwenden. 1636 malte und verherrlichte er die Opfe-rung Isaaks – Abraham ist bereit, dem Gott Fortschritt den eigenen Sohn zu opfern.

Seit diesem Einknicken Abrahams ist die Erde von der sadomasochistischen Räude Christentum befallen, der „Wehrbereitschaft“ über alles geht. Man glaube nicht, der 1907 geborene Franke Karl Diehl sei nach 1945 als ein faschistischer Waffenschmied angeprangert worden, der wesentlich zur Verheerung Europas, nebenbei auch der Ausbeutung etlicher ZwangsarbeiterInnen, beigetragen habe. Vielmehr machte ihn die Stadt der Reichsparteitage Nürnberg 1987, als er nach wie vor Seniorchef eines Rüstungskonzerns war (mindestens 10.000 Beschäftigte, u.a. bei Diehl Defence), zu ihrem Ehrenbürger. 2007 bekam er im nahen Röthenbach auch noch die Karl-Diehl-Halle. Daß Diehl, der 2008 mit glatt 100 von uns ging, seit Jahrzehnten in der Schweiz gemeldet war, focht die fränkischen Patrioten nicht an, da es ja nur „steuerliche“ Gründe hatte. Schließlich konnte man von Diehl nicht verlangen, seinen Alterssitz im fernen Japan zu nehmen. Allmählich sickert durch, was sich im Frühjahr 2011 in Fukushima ereignete und wie kaltschnäuzig wieder einmal das Ausmaß und die absehbaren Folgen eines Kernkraft-GAUs geleugnet werden. Angelika Claußen, Vorsitzende der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und soeben von einer Augenscheinnahme vor Ort zurückgekehrt, rechnet langfristig, laut Junger Welt vom 26. Oktober 2013, mit bis zu 20.000 Todesfällen infolge der Katastrophe, aber wer weiß schon, ob es bei den 300 Tonnen verstrahlten Wassers bleibt, die aus dem AKW-Wrack Tag für Tag in den Pazifik gelangen. Ein paar „Hysteriker“ behaupten, in einigen Jahrzehnten seien zumindest die japanischen Inseln vollständig unbewohnbar geworden – da stimmt der alte Diehl in seinem Sarge Luthers Lied von der festen Burg an und reibt sich die Hände, wird doch Sohn Werner die lästige japanische Konkurrenz vom Halse haben. Oder das folgende Lied: kriege (mp3, 1.092 KB) .

Vor 30 Jahren zeigten sich noch so manche kritische Geister von der unglaublich fahrlässigen Anhäufung von Atomwaffen und Atommüll entsetzt, darunter der New Yorker Essayist Erwin Chargaff. „Wie wird man das verfluchte Strahlengut los?“ lese ich in seinem Buch Kritik der Zukunft. Heute scheint diese Mitgift so gut wie niemanden mehr zu interessieren. Sind jene Stapel etwa geringer und harmloser geworden? Das Gegenteil ist der Fall, munter werden Kernkraftwerke und Atombomben gebaut, und eine Lösung des „Entsorgungsproblems“ wird von einem Stollen in den nächsten geschoben. Vermutlich gibt es eine solche ohnehin nicht. Der gelernte Bioche-miker Chargaff wußte (1983), was mit der Zuspitzung der Lage demnächst geschehen wird: „Anstelle dessen werden die gelehrten Esel versuchen, strahlenfeste Menschen zu klonieren. Die anderen Lebewesen sollen sehen, wo sie sich verstecken.“

Kommen wir schnell auf Rembrandt, die Kunst – und die Natur zurück, ehe sie völlig im Eimer ist. Der Deutsch-Russe Valerian Tornius, der vorwiegend in Leipzig lebte, wo er 1970 auch mit 87 starb, legte 1934 unter dem Titel Zwischen Hell und Dunkel einen von schätzungsweise 200 Rembrandt-Romanen vor, die bis heute auf uns kamen. Der Mann schrieb nicht schlecht. Bei ihm sucht der alternde Rembrandt „die Einsamkeit der Natur“, weil sie ihm „Halt gegenüber der schwankenden Gesinnung der Menschen“ biete. Somit war Pascals berühmter Vergleich ungenau: das Schwanken des Schilfrohrs hat nichts zu bedeuten – nur der bewegliche Mensch hängt sein Fähnchen bedenkenlos je nach Eigennutz um. Heute schießt Diehl für das Dritte Reich, morgen für die Demo-kratie. Für Rembrandts Empfinden waren, in Tornius' Sicht, Geertghe Dircx, seine Wirtschafterin, und sein Jugendfreund und Kollege Jan Lievens die gleichen Charakterruinen. Heuchelei, Argwohn, Verrat beherrschen die Beziehungen unter den Menschen. Der Opportunismus ist es auch, der die AußenseiterInnen, die Gegen-den-Strom-Schwimmenden rar macht. „Es gehört mehr Mut dazu, sich gegen die Allgemeinheit aufzulehnen, als mit der Waffe in der Hand eine Festung zu erstürmen“, bestätigt Tornius' Rembrandt dem jungen Philosophen Baruch Spinoza.

Hier drängt sich ein Seufzer in eigener Sache auf. Sollte mich meine Schwierigkeit, eine nennenswerte Leserschaft zu finden, wirklich wundern? Schließlich gibt es so gut wie keine Kandidatengruppe, die ich mit meinen Positionen nicht vor den Kopf stieße. Ich führe ein paar an. Voran die HundehalterInnen, dann die AutoanhängerInnen, Sport-freunde, Reformfreunde, JüngerInnen moderner Kunst und Literatur (wie man ja hier wieder sieht), Markt-freunde, PolitikerInnen, Anwälte Israels, Lohnschreiber-Innen, Kommunisten, Technik- und Medienfetischisten, Optimisten, Familiäre, Redselige, LärmliebhaberInnen, WikipedianerInnen, GoetheverehrerInnen, Beschleuni-gungswütige, Verschwendungssüchtige – im Grund alle Gläubigen jeglicher Spielart, insbesondere Anthroposo-phen und VerkünderInnen des sogenannten Klimawan-dels. Bleibt da überhaupt noch ein nennenswertes Kontingent übrig?

Somit hätte ich erneut erfolgreich von der Kunst abgelenkt. Der US-Maler Alphaeus Philemon Cole, geboren 1876 in New Jersey als Sohn eines angesehenen Graveurs, studierte in Italien und Paris. Er fand bald darauf vor allem mit Stilleben und Porträts Anklang. Er bekleidete verschiedene Ämter in Verbänden und Jurys und soll noch mit 103 an der Staffelei gestanden oder gesessen haben. Cole lebte, nach dem Tod zweier Gattinnen, im legendären New Yorker Chelsea Hotel, wo er 1988 auch das Zeitliche segnete – mit 112. Wikipedia (deutsch und englisch) unterstreicht vor allem diesen letzten Gesichtspunkt – Cole gelte bis heute als ältester Künstler aller Zeiten. Über Coles Kunst verlieren diese Lexikonartikel so gut wie kein Wort. Jedenfalls scheint er eher herkömmlich gemalt zu haben, unzeitgemäß. „Abstrakte Expressionisten“ wie etwa Jackson Pollock und Lee Krasner, die ihre sündhaft teuren Werke buchstäblich auf die Leinwand warfen, soll Cole geradezu verachtet haben. Dem kargen Nachruf der New York Times zufolge hatte der Verblichene die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts bevorzugt.

Vor wenigen Monaten nahm das FBI ein US-Kunsthänd-lerduo wegen des Verdachts zahlreicher Fälschungen fest, die zunächst von „Experten“ überwiegend nicht erkannt, vielmehr als Jackson Pollock, Mark Rothko, Robert Motherwell u.ä. ausgegeben worden waren, wie die FAZ am 21. August 2013 berichtete. Offenbar lagen die „HinterwäldlerInnen“, die um 1970, zu unserem Leidwe-sen, angesichts solcher modernen Werke naserümpfend knurrten Das kann mein Fünfjähriger auch, gar nicht so schief. Seit ich versuchte, Tschechow nachzumachen, kann ich diese Warte nachvollziehen. Vor ungefähr 15 Jahren gab ich diesen Versuch wieder auf.

Bekanntlich kommt es bei Moderner Kunst zu 95 Prozent ohnehin nicht auf diese selber an, vielmehr auf ihre Inszenierung. Für die wichtigsten Agenten des Kunst-handels, die sogenannten KunstkritikerInnen, bedeutet das, ein fragliches Kunstwerk nicht etwa zu beschreiben und vielleicht von seiner Eigenart her zu verstehen, vielmehr uns mitzuteilen, welche Meinung man von ihm haben muß, zu welchem Behufe es natürlich auch viel allgemeines Wissen und viel Phrasensondermüll in die Setzkästen zu gießen gilt. Anders ausgedrückt, es bedeutet „mit Engelszungen Inserate reden“, wie der Maler und Essayist Hans Platschek schon 1966 schrieb, also vor knapp 50 Jahren. Das läßt sich in seinem Buch Über die Dummheit in der Malerei von 1984 nachlesen.

Im selben Jahr erschienen Walter Kolbenhoffs Erinne-rungen Schellingstraße 48, die eine hübsche Anekdote von der Dummheit in der Modernen Lyrik zu bieten haben. Damals Redakteur des Rufs, fanden nach dem Kriege in Kolbenhoffs Münchener Wohnung öfter „informelle“ Dichterlesungen statt. In diesem Rahmen erlaubte sich Stammgast Günter Eich eines Tages einen hübschen Scherz, ohne sich wahrscheinlich über dessen Rück-schlagskraft im klaren zu sein. Um Vortrag gebeten, griff sich Eich im Nachbarzimmer ein schmales Bändchen heraus, kam zurück, schlug es auf und begann mit dem Vorlesen. Sofort andächtige Stille. Als Eich den ersten Text beendet hatte, war es noch einmal eine Minute still, ehe eine Frau seufzte: „Es war wunderbar, es war ergrei-
fend ..!“ Doch Eich winkte ab und erwiderte zwinkernd: „Ach, das könnt ihr auch. Ihr könnt ja lesen. Ich habe mir erlaubt, euch das Inhaltsverzeichnis dieses Gedichtbänd-chens vorzulesen. Von mir ist es übrigens nicht.“

Der russische Clown Karandasch, gestorben 1983, brachte das Phänomen der Inszenierung oder Zelebration von letztlich austauschbaren Windbeuteln in seiner Nummer mit dem Teller auf den Punkt. Er benötigt zunächst Minuten, bis er einen Stuhl zufriedenstellend im Sand der Manege aufgebaut hat. Beispielsweise muß ein Bein mit einer sorgfältig gefalteten Zeitungsseite unterfüttert werden. Dann noch einmal Minuten, um einen Teller und einen Hammer auf dem Stuhl zu drapieren, wobei beide als echt und einwandfrei in der Gegend herumzuzeigen sind. Weiter hat sich der Clown die Ärmel aufzukrempeln, den Hut zurechtzurücken und dergleichen mehr. Schließ-lich nimmt Karandasch die beiden Kultgegenstände entschlossen vom Stuhl, legte eine Kunstpause ein – und zerschlägt den Teller. Dann präsentiert er die Scherben, lüftet seinen Hut, verbeugt sich würdig und geht ab.



Zur Bildenden Kunst siehe auch
den ganzen Band 5
„Erweiterter Kunstbegriff“: Kapitel Bewußtseinsstrom, im Beitrag vorn
Architektur: ABC-Kapitel Olgashof
Stadtsanierung um 1970
Erzählung Schotter für Conradi (Malschüler eines berühmten Auf-den-Kopf-Stellers)
Zur „abstrakten“ Kunst: Orthopäde Kapitel 6
Zwerglied vernissage (mp3, 1.090 KB)
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