Mittwoch, 8. Juni 2016
Zwergenpark
Geschrieben September 2013


Keine 20 Kilometer südlich meines Wohnorts Walters-hausen, also mitten im Thüringer Wald, liegt Trusetal, das mit Deutschlands einzigem „Zwergenpark“ glänzen kann. Neben gut 2.000 Gartenzwergen und einer Bimmelbahn bietet der Park in der Zwergenschänke Bier und im Thüringer Gartenzwergmuseum Geschichte an. Alles dreht sich um die niedlichen Wichte mit den roten Zipfelmützen. Wahrscheinlich läuft da in den kommenden Wochen selbst das Buchenlaub rot an. Man könnte per Fahrrad nachse-hen, doch es fiel mir bislang nicht sonderlich schwer, auf einen Besuch dieser Freizeit- und Bildungseinrichtung zu verzichten.

Nicht nur Positivisten unterschätzen oft, wie sehr einem Menschen allein eine ungünstige leibliche Mitgift das vom Positivisten verherrlichte Leben zur Hölle machen kann. Dazu zählt selbstverständlich auch die Kleinwüchsigkeit. Um die Paradebeispiele Lichtenberg, Leopardi und Napoleon zu meiden, führe ich dessen Zeitgenossen Johann Gottfried Seume an, einen später vor allem wegen seiner Reiseschilderungen weithin geschätzten Schrift-steller aus Kursachsen, der Napoleon im Juli 1802 sogar leibhaftig in Paris sah. Jene Reiseschilderungen kann ich nicht beurteilen. Dafür beging ich kürzlich den Fehler, Seumes „autobiografischen Bericht“ Mein Leben zu lesen. Obwohl der Sohn eines verarmten, früh verstorbenen Land- und Gastwirtes lediglich 1,55 oder noch weniger maß, wurde er in mehrere Armeen gepreßt, was ihn sogar nach Nordamerika führte. Die Zwangsaushebung hinderte ihn freilich nicht daran, sich nach dem Offiziersrang und einem Adelstitel zu verzehren und zeitlebens sein Vergnügen am Schmieden militärischer Pläne zu finden. Seume ist leicht kränkbar, sucht stets Ersatzväter, darunter den russischen General Otto Heinrich von Igelström, dem er 1794, als Leutnant, in Polen bei der Aufstandsniederschlagung unter die Arme greifen darf. Auch das literarische Lob aus dem Munde des „großen Wielands“ aus Weimar erhebt Seume, wie übrigens schon Kleist. Dafür brachte er in Liebesdingen kein Bein auf den Boden; als vergeblich Verehrte werden Wilhelmine Röder und Johanna Loth genannt. Seume stirbt 1810, anderthalb Jahre vor dem berühmten Selbstmordpaar Kleist/Vogel, mit 47 an einem schweren Blasen- und Nierenleiden. Zudem hatte ihn die Gicht ereilt. Es heißt, als junger Mann sei er nie krank gewesen, aber ich habe den Verdacht, mit der „stoischen“ Prosa seines Lebensberichtes suchte er seine große Verletztlichkeit zu verbrämen. Für mein Empfinden zeigt der Text einen seltsamen, krampfhaften, aufgesetzt wirkenden „trockenen“ Humor. Besser gefällt mir Seumes langer Brief an Wieland vom Januar 1810, der fast nach Thoreau klingt. Darin gestattet sich Seume auch eine für jene Zeit erstaunliche Sprunghaftigkeit. Thoreaus Tiefgang erreicht er allerdings nicht.

Zu den vielzitierten Schilderungen aus Thoreaus Walden, veröffentlicht 1854, zählt eine Ameisenschlacht. Damit deutet sich an, von Zwergen kann auch Gewalt ausgehen. Für Franz Josef Strauß waren nicht die durch fleißige Schmierung beschafften Starfigther-Kampfflugzeuge gefährlich, vielmehr die (linken) „Ratten und Schmeiß-fliegen“, die dergleichen Skandale, vor 1980, zu enthüllen wagten. Kanzler Schröders Wirtschaftsminister Wolfgang Clement reihte Hartz-IV-Opfer ungestraft bei den „Parasiten“ ein. Für den SPD-Fraktionschef Peter Struck mußte das Ungeziefer dann wieder handlicher sein; er warnte vor den „Rattenfängern“ der Ex-PDS. Ohne Zweifel könnte sich Stimmvieh geschmeichelter fühlen, wenn es mit Bazillen statt Ratten verglichen würde. Der US-Paläontologe Stephen Jay Gould räumt mit unserer hartnäckigen Illusion Fortschritt (1996) unter anderem durch den wiederholten Hinweis auf, die mit Riesen-abstand ältesten, dauerhaftesten und erfolgreichsten TeilnehmerInnen an der Evolution seien unsere Mikro-zwerge: die einzelligen Bakterien und die mehrzelligen Gliederfüßer; diese umfassen vor allem Insekten. Die Beständigkeit dieser Mikrozwerge sei das einzige Grad-linige, das sich in der Erdgeschichte ausmachen lasse. Wir selber verdankten uns lediglich einem Zufall, den Mathe-matikerInnen „äußerst unwahrscheinlich“ nennen würden. Selbst unter Pferden gelte unser Glaubensbekenntnis „immer größer, höher, weiter“ als Ammenmärchen. McFadden habe im uns bekannten Evolutionsbusch dieser stolzen Vierbeiner in 20 Prozent der Fälle Größenabnah-men gefunden. „Zwergformen sind ein häufiges, immer wieder auftretendes Phänomen, das sich in der gesamten Geschichte der Pferde vielmals wiederholt.“

Heuschrecken erwähnt er nicht. Nur Demagogen können gewisse nichtvegetarische Finanzkonzerne mit winzigen Tieren vergleichen, die weder vereinzelt noch heimlich auftreten. Gedenken wir auch der vielen armen Schweine. Am besten, wir halten die Fauna völlig aus der bestiali-schen Menschenwelt heraus. Unter den Füchsen und Eidechsen unseres schönen Hügellandes verweile ich so gerne, weil sie keinen Haß und keinen Größenwahn kennen. Es genügt dem Feuersalamander, in einer Pfütze oder auf einem Stein des Rübenackers zu liegen; er braucht weder Ozeane noch Mausoleen oder Denkmäler aus Granit. Er ist so wenig stolz wie ein Pferd stolz sein kann. Wir nennen es nur „stolz“, um es beherrschen zu können. Allerdings ist das Pferd ein unglückliches Beispiel, weil es sich dummerweise zu allerlei höherem Unfug abrichten läßt, wie man in Reithallen und Zirkusarenen sehen kann. Der Fuchs käme nie auf die Idee, sich eine Piaffepirouette abnötigen zu lassen. Im Sommer drehen sich die schwarz-rot-weißen Admirale auf den Süßkirschen, die vor meiner Haustür im Gras funkeln, aber das machen sie nicht, weil ich dafür Eintritt zahlte. Sie halten sich an Franz Antels Kinofilm von 1957 Das Glück liegt auf der Straße. Vom Duo Rosenstolz soll es sogar ein gleichnamiges Lied geben. Es liegt dem erwähnten Fuchs auch fern, sich über Jahre hinweg die Finger zu verrenken und den Magen zu verderben, weil er ebenfalls so flink Gitarre spielen möchte wie Bireli Lagrene, Pat Metheny, Emily Remler und 7.000 andere, die größtenteils noch nicht einmal unter der Erde liegen. Remler trat 1990 auf Tournee durch Australien mit 32 ab. Jeder oder jede hat wieder bei Null anzufangen und dafür bestensfalls 70 Jahre Zeit. Das Rüstzeug des Fuchses, der alle paar Wochen durch meinen verwilderten Garten und die umliegenden Geflügelhöfe schnürt, ist kaum einen Deut verschieden von dem Rüstzeug, das seine Urahnen durchs Neandertal trotten ließ. Es ist schlicht geschmiedet. Diese Viecher ernten nie Ruhm, aber sie können auch nie etwas falsch machen.

Der junge Komponist Thomas March aus F. G. Jüngers bestem Roman droht zu verzweifeln. Statt sie endlich mit außerordentlichen Leistungen zu beeindrucken, stößt er die Leute, mit seinem krausen Zeug, nur vor den Kopf. Vielleicht bringt er gerade deshalb nichts Rechtes zustande, weil er sich keinesfalls mit den Leuten „gemein machen“ will. Sein Stolz ist ihm im Wege. Sein Vater Heinrich befürchtet, Thomas' Stolz wurzele in einer Schwäche. Sie könnte lauten: Verleugnung unseres Zwergenanteils. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges entfährt dem Pariser Russen IIja Ehrenburg der Seufzer: „Wie furchtbar, daß Hindenburg und Poincare auch einmal Kinder waren!“ Das Kind läßt sich helfen und belehren – es verhehlt seine Schwäche nicht. Gewiß mimt es auf der anderen Seite auch den Dinosaurier oder den vermeintlich unanfechtbaren Twin Tower. Wir sind gespalten; schwankende Schilfrohre; Chamäleons. Stolz und Angst sind so wenig voneinander zu trennen wie Hybris und Zerknirschung. Es kann einen Menschen nachhaltig erschrecken, beides in sich zu wissen und prompt über das eine zu straucheln, sobald er das andere weggeräumt glaubt.

Thomas Marchs Vetter Lambert nennt dessen Unabhäng-igkeitsstreben einen Versuch, von sich selber los zu kommen. Der Versuch endet, indem sich Thomas zu Hause einschließt und erschießt. Damit fällt er endgültig den Bakterien anheim. Ob Feuer-, Erd- oder Seebestattung, sie lauern und frohlocken überall. Sie verschmähen weder eiskalte Gletscherseen noch Meeresbodenquellen, die 250 Grad Celsius heiß sind. Freilich werden sie leicht über-sehen – gut für die List, schlecht für ein anerkennendes Schulterklopfen.



Siehe auch
Thema >Größe
Drittletztes Kapitel: ein Dörfchen
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